Archive for the 'Umfrageforschung' Category

Beeinflussung vielfach vermutet, aber nie belegt.

F√ľr PolitikerInnen ist bisweilen schnell alles klar: Umfragen, vor politischen Entscheidungen ver√∂ffentlicht, beeinflussen das Ergebnis. Die Wissenschaft nimmt das als Hypothesen auf und √ľberpr√ľft ihre Trifftigkeit. Dabei kommt sie zu anderen Schl√ľssen als der politische common sense.

Eine Zusammenstellung der diesbez√ľglichen Forschungsresultate hat j√ľngst Alexander Gallus, Politikwissenschafter und Professor an der Universit√§t Rostok, der sich auf Demoskopiewirkungen spezialisiert hat, geliefert und sie zuhanden des Deutschen Bundestages resp. der Bundeszentrale f√ľr politische Bildung ver√∂ffentlicht.

Zunächst unterscheidet Gallus mögliche Beeinflussungsfelder; namentlich sind das die Beteiligung und die Entscheidung selber. Dann sichtet er Hypothesen, die hierzu entwickelt wurden. Speziell erwähnt er bei den Auswirkungen auf die Wahlbeteiligung:

. Mobilisierungs-Effekte: Demnach förderten Umfragen, speziell bei unsicherem Ausgang, die Beteiligung an der Entscheidung.
. Defätismus-Effekt: Demnach verringerten Umfragen die Mobilisierung der veraussichtlichen Verlierer.
. Lethargie-Effekt: Demnach verringerten Umfragen die Beteiligung der angenommenen Gewinner.
. Bequemlichkeits-Effekt: Demnach verringerten Umfragen die Beteiligung von Unschl√ľssigen.

Bezogen auf die Auswirkungen auf die Entscheidfindung selber unterscheidet der Autor zwei Effekte:

. Bandwagon-Effekt: Demnach kommt es zu einem Meinungwandel zugunsten des voraussichtlichen Gewinners.
. Underdog-Effekt: Demnach kommt es zu einem Meinungwandel zugunsten des voraussichtlichen Verlierers.

Die Arbeitshypothesen lassen sich mit den Theorien des rationalen W√§hlens resp. mit Identifikationstheorien auch begr√ľnden. Doch, und das ist nach Ansicht von Gallus massgeblich, hat die bisherige Demoskopie-Forschung keine stichhaltigen Beweise f√ľr f√ľr die Trifftigkeit der Hypothesen liefern k√∂nnen. ‚ÄúHandfeste Belege f√ľr die Richtigkeit dieser Vermutungen konnten bislang freilich nicht erbracht werden‚ÄĚ, fast er den Stand der Dinge zusammen. Das gelte, so der Autor, sowohl f√ľr die Beteiligung wie auch f√ľr die Entscheidungen selber.

In der Schweiz ist das nicht anders. Das bisher grösste Forschungsprojekt, das sich speziell mit Umfragen vor Abstimmungen beschäftigte, das auch mit Mitteln des Schweizerischen Nationalfonds gefördert wurde, kam zu einem Null-Ergebnis. Belegbar sind einseitige Auswirkungen auf die Meinungsbildung nicht.

Oder anders gesagt. Zu jedem Beispiel, das erw√§hnt nach der j√ľngsten Abstimmung erw√§hnt wird, gibt es ein Gegenbeispiel.

Stimmungsbarometer am Vorabend der Volksentscheidungen.

Morgen, 29. November 2009, entscheidet die Schweiz in drei Volksabstimmungen √ľber die Spezialfinanzierung des Luftverkehrs, das Verbot von Kriegsmaterialausfuhr und resp. des Baus von Minaretten. Die √∂sterreichische Internetplattform Wahlfieber sagt, was geschieht. Mehr weiss man morgen zwischen 13 und 14 Uhr, wenn die Hochrechnungen vorliegen.

chart-cgichart-cgichart-cgi
Trends in den Erwartungshaltungen der Börsianer zur Finanzierung Luftverkehr, Verbot Kriegsmaterialausfuhr und Bauverbot von Minaretten.

„Ja, Nein, Nein“, prognostizieren die Wahlb√∂rsen von Wahlfieber. Gerechnet wir mit einer Zustimmung von 64 Prozent zur Luftverkehrsvorlage der Beh√∂rden. Derweil nehmen die Trader an, beide Volksinitiativen scheitern. Bei der Minarett-Initiative gehen sie von 56, bei der Kriegsmaterialausfuhr von 58 Prozent Ablehnung aus.

Aktuelle Umfragen sind nicht verf√ľgbar. Anders als Wahlb√∂rsen unterliegen sie dem Reglement der Schweizer Institute f√ľr Markt- und Sozialforschung, das auf Wunsch der Politik vorsieht, die letzten 10 Tage vor einer Volksabstimmung nichts Neues mehr zu ver√∂ffentlichen. Damit sind die letzten Umfragen von Abstimmungen in der Schweiz zwischen mindestens zwei Wochen alt, wenn die letzte Abstimmungsurne geschlossen wird.

Die H√§ndler via Internet k√ľmmern solche Selbsteinschr√§nkungen der Umfrageinstitute wenig. Sie setzen ihr Geld auf den erwarteten Ausgang. Sie bekommen ihre Geld vermehrt zur√ľck, wenn sie den richtigen Wert vorhersehen. Anders als bei √ľblichen wetten, k√∂nnen sie ihre Meinung √§ndern, falls sie unterwegs einen anderen Ausgang prognostizieren. Wenn sie also die Zustimmung an der B√∂rse unterbewertet finden, k√∂nnen sie Aktien kaufen resp. solche der Ablehnung verkaufen. Damit spiegelt der gemeinsame Aktienwert die aggregierten Erwartungen, die aus den jeweils individuellen Beobachtungen stammen.

chart-cgi
Wer gewinnt bei den Ersatzwahlen in den Z√ľrcher Regierungsrat? – Ernst Stocker, entschieden die B√∂rsianer schon sehr fr√ľh und sehr eindeutig.

Sicher ist, dass solche Informationssysteme keine Stimmabsichten messen, aber Erwartungshaltungen wiedergeben. Fehlerfrei ist das nicht. Denn die Ergebnisse h√§ngen von der Intensit√§t des Handels ab, was wiederum durch die Aufmerksamkeit und Ereignisse in der Sache bestimmt wird. Das belegt die Wahlfieber-Kurve zur Ersatzwahl in den Z√ľrcher Regierungsrat. Hierzu gab es bei Wahlfieber nur kurz Spannung, dann entschieden sich die H√§ndler schnell und konstant f√ľr Ernst Stocker.

Claude Longchamp

.

Sekund√§rzitierungen von Umfragen sind so eine Sache …

Wer kennt das nicht: 10, 50 oder 100 Menschen stehen in einer Reihe. Der Erste sagt dem Zweiten etwas, sodass es die anderen nicht h√∂ren. Dann ist der Zweite gegen√ľber dem Dritten dran und so fort. Der Letzte berichtet dann dem Ersten, was er √ľber ihn geh√∂rt habe. Zum Staunen aller ver√§ndert sich die Botschaft durch ihre Weitergabe bis ins Unkenntliche.

kommunikation3
Kommunikationsprobleme sind auch in der Vermittlung von Studienergebnissen häufig, wenn man mehr aus den Resultaten machen will, als möglich ist.

„24 Heures“ publizierte letzte Woche eine Umfrage von MIS zum Verh√§ltnis von SchweizerInnen zu Muslimen. Auf einen Nenner gebracht, lautete das Ergebnis: Ein Muslim kann ein guter Schweizer sein. Dem Islam als Ganzes stehen die BewohnerInnen des Landes aber distanziert gegen√ľber.

„32 – 38 – 24“, so lauten die Zahlen f√ľr ein positives, neutrales oder negatives Verh√§ltnis zu Angeh√∂rigen des Islams gem√§ss MIS Befragung. Entsprechend sind die BewohnerInnen der Schweiz in vielen Frage, die den Islam betreffen, gespalten. In der Minarett-Frage sind 46 Prozent dagegen.

Fachm√§nnisch gesprochen sind das alles Einstellungselemente: Bewertungen von Sachfragen, welche den aktuellen Informationsstand und die momentane Gef√ľhlslage reflektieren. Da Entscheidungen auch Informationen und Stimmungen einer Kampagne reflektieren, k√∂nnen Pr√§dispositionen und Entscheidungen identisch sein, m√ľssen aber nicht.

Journalistisch ist das der Knackpunkt. Nicht selten wird alles mit allem gleichgesetzt! Denn besteht ein Zwang in den Medien, aus allen Umfragen vor Abstimmungen eine Prognose zu machen. Egal, ob auf gesicherter oder ungesicherter Basis.

Das konnte man Ende letzter Woche wieder einmal sch√∂n feststellen. Die Meinung zu Minaretten, wie sie „24 Heures“ richtig wiedergab, wurde in „20 Minuten“ zur unvermittelten Stimmabsicht √ľber die anstehende Initiative. Eine Minderheit sei f√ľr Minarette, eine relative Mehrheit f√ľr die Initiative. „Rund zwei Wochen vor der Abstimmung seien noch 15 Prozent unentschieden“, lautete die Zusammenfassung der Studie.

In der √∂sterreichischen „Kleinen Zeitung“ kams dann noch dreister: „Die Anti-Minarett-Initiative in der Schweiz hat gute Erfolgsaussichten“, wird der Artikel eingeleitet; √ľbertitelt ist er mit: „Mehrheit f√ľr Anti-Minarett-Initiative“!

Quod erat demonstrandum: Mit jeder Weitergabe √§ndert sich die urspr√ľngliche Botschaft!

Claude Longchamp

Mehrheit lehnt Minarett-Initiative ab

35 Prozent daf√ľr, 51 Prozent dagegen. Das ist das Hauptergebnis einer Repr√§sentativ-Befragung von Isopublic f√ľr den Tages-Anzeiger, die heute abend in der online-Ausgabe erschienen ist.

topelement8
Quelle: newsnetz.ch

Mehrheiten f√ľr die Initiative gibt es nur an der Basis der SVP. 52 Prozent sind hier daf√ľr, 37 Prozent dagegen. Ueber dem Mittel ist die Zustimmungsbereitschaft bei den Menschen mit einer anderen Konfession resp. bei konfessionslosen B√ľrgerInnen. Hinzu kommt eine leicht √ľberdurchschnittliche Ja-Tendenz bei den Frauen. Doch √ľberwiegt auch hier das Nein. Am klarsten gegen die Initiative eingestellt sind die SP-W√§hlerInnen, gefolgt von jenen der FDP und den M√§nnern. Bei Katholiken wie Reformierten resultieren Nein-Mehrheiten.

Der „Tages-Anzeiger“ wertet das Ganze in der online-Ausgabe als „knapp“. Man kann das auch anders sehen, denn bei Initiativen ist es zwar nicht ausgeschlossen, aber wenig wahrscheinlich, dass eine Nein-Mehrheit ins Gegenteil kippt. In der Regel sind Unschl√ľssige zu Beginn eines Abstimmungskampfes eher sp√§tere GegnerInnen. Ob eine Ausnahme vorliegt, wissen wir nicht mit Sicherheit. Dagegen spricht, dass das bereits die zweite Befragung von Isopublic ist, welche eine Nein-Mehrheit ausweist. Eine erste, f√ľr die reformierte Kirche, zeigte noch 37 Prozent auf der Ja-Seite und erst 49 Prozent im Nein-Lager. Trotz der leicht h√∂heren Zustimmung titelten die Medien damals: Mehrheit dagegen.

Claude Longchamp

Volkswahl des Bundesrates: vermehrte Blockbildungen zu erwarten

„Volkswahl des Bundesrates“ t√∂nt gut. Denn so dr√ľckt sich der Volkswille bei der Bestellung der Schweizer Regierung unvermittelt aus. Denkt man jedenfalls. Doch die Erfahrung lehrt: Es kommt auf das Kleingedruckte an.

13
Die angek√ľndigte Volksinitiative zur „Volkswahl des Bundesrates“ ist f√ľr die Politologen eine reizvolle Denkaufgabe. Institutionalisten sind herausgefordert, √ľber die Wirkungen der Neuerung nachzudenken.

Das Berner Modell
Das Modell, das die SVP am Samstag f√ľr ihre Initiative zugunsten einer Volkswahl des Bundesrates gew√§hlt hat, lehnt sich eng an das bestehende im Kanton Bern an. Gew√§hlt wird nach dem (gem√§ssigten) Majorzverfahren, mit einer Sitzgarantie f√ľr die Sprachminderheiten. Die Berner Erfahrungen legen nahe, dass die Wahlchancen von Parteien und KandidatInnen je nach Ausgestaltung unterschiedlich ausfallen. Im Wesentlichen kommt es auf zwei Faktoren an:

Erstens, sind vorgedruckte Wahlzettel erlaubt oder nicht? Und:
Zweitens, gehen die Parteien Allianzen ein oder nicht?

Kombiniert kann man drei Szenarien unterscheiden, deren Auswirkungen hier kurz besprochen seien:

Szenario 1: Vorgedruckte Wahlzettel, gemeinsamer Vorschlag der Regierungsparteien
Voraussetzung hierf√ľr ist, dass sich die Regierungsparteien einig sind, wer dazu geh√∂rt und wer auf wieviele Sitze Anspruch hat. Als Masstab hierzu k√∂nnte der W√§hlerInnen-Anteil bei der j√ľngsten Nationalratswahlen dienen oder die Sitzzahl unter der Bundeskuppel. K√∂nnen sich die Regeirungsparteien dar√ľber hinaus auch auf die geeignetsten KandidatInnen einigen, unterbreiten sie den W√§hlerInnen einen gemeinsamen Siebnervorschlag. Nicht auszuschliessen ist, dass sich auch Aussenseiter bewerben, ohne aber grosse Wahlchancen zu haben. Formell kommt es damit zwar zur Volkswahl des Bundesrates, doch ist es im Wesentlichen eine Best√§tigung des stillschweigend eingegangene Proporzes. Gegen√ľber dem Status quo √§ndert sich nicht viel. Wahrscheinlich ist ein solches Szenario bei parteipolitischer Polarisierung nicht.

Szenario 2: Vorgedruckte Wahlzettel, mit mindestens zwei Blöcken

Vor allem dann, wenn es keine allgemein anerkannten Regeln gibt, auf welche Parteien und in welchem Masse die sieben Sitze zu verteilen sind, ist bei einer Volkswahl mit einer beschr√§nkten Konkurrenzsituation zu rechnen. Zu erwarten ist ein linker Block, voraussichtlich aus SP und Gr√ľnen bestehend, ein rechter, der SVP und FDP umfassen d√ľrfte, sowie ein Zentrumsblock mit CVP und kleinen Parteien. Jeder Block stellt Anspr√ľche, die √ľber den eigenen W√§hleranteile hinausgehen. Gegenw√§rtig k√∂nnten das vier oder f√ľnf rechte Kandidaturen sein, zwei oder drei aus der Mitte und zwei oder drei von links. Damit kommt es zum Parteien- und KandidatInnen-Wettbewerb.Dieses Szenario ist in der gegenw√§rtigen Situation am wahrscheinlichsten, garantiert aber keine parteipolitische Stabilit√§t, wie die Wahlen in kantonale Regierungen zeigen. Tendenziell bevorteilt es den st√§rksten Block, voraussichtlich die SVP mit der FDP.

Szenario 3: Keine vorgedruckten Wahlzettel; jede(r) gegen jede(n)

Die dritte Variante leuchtet unter dem Stichwort „Volkswahl“ auf den ersten Blick am meisten ein. Demnach w√§ren, wie das im Kanton Bern 2010 erstmals auch der Fall sein wird, vorgedruckte Wahlzettel nicht erlaubt. Allianzbildung zwischen den Parteien sind dann weniger wichtig, weil sie die Aussichten der eigenen KandidatInnen schm√§lern. Selbst wenn man sich formell gegenseitig empfiehlt, gibt es ohne vorgedruckte Wahlzettel n√§mlich keine Garantie, dass man √ľbers Kreuz auf die KandidatInnen anderer Parteien w√§hlt. Doch hat auch dieses Szenario zwei Nachteile: Einerseits sind die Amtsinhaber beg√ľnstigt; anderseits k√∂nnen sich neue BewerberInnen nur mit landesweiten Wahlkampagnen durchsetzen. Die Werbeausgaben einerseits, die Medienberichterstattung anderseits bestimmen die Wahlchancen in erheblichem Masse mit. Die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios halte ich f√ľr mittel, geringer ist es, dass die sinnvollste Einschr√§nkung, die Amtszeitlimitierung, beispielsweise auf 8 Jahre, gleichzeitig eingef√ľhrt wird.

Erste Bilanz
Kurz gesagt: Bei einer Annahme der „Volkswahl f√ľr den Bundesrat“ ist damit zu rechnen, dass vorgedruckte Wahlzettel m√∂glich sind, es zur versch√§rften Blockbildung innerhalb der Regierungslager kommt, der Wettbewerb unter ihnen verst√§rkt wird und die parteipolitische Zusammensetzung des Bundesrates floaten wird. Bevorteilt ist dabei der st√§rkste Block, und innerhalb dieses die st√§rkste Partei. Politische Stabilit√§t auf der Basis der Konkordanz wird leiden. Als Varianten kommen reine Best√§tigungswahlen in Frage, allenfalls auch der Durchstart zu Bundesratswahlen mit eigentlichen Wahlk√§mpfen √† la am√©ricain. Oder noch klarer: In keinem zu erwartenden Fall wird die Parteienmacht gebrochen, allenfalls durch die Medienmacht erg√§nzt.

Claude Longchamp

Die Implosion der SPD

Die erste Analyse der Wählerwanderungen kommt bei der SPD zu einem eindeutigen Befund: Die Partei ist regelrecht implodiert.
ww

Die SPD schmerzen nicht nur die 11,3 Prozent, die sie am WählerInnen-Kuchen seit den Bundestagswahlen 2005 verloren hat. Schlimmer noch ist der Befund der Analyse zur WählerInnen-Wanderung, die eine negative Bilanz in alle Richtungen kennt. Bei der Bilanz von Zu- und Abwanderung hat die SPD ein Minus von rund 5 Millionen Wählenden aus dem Jahre 2005.

Den gr√∂ssten Verlust kennt die SPD gegen√ľber den Nicht-W√§hlerInnen.
An zweiter Stelle steht die Abwanderung zu anderen Linksparteien.
Als Drittes folgt der Uebergang zur neuen b√ľrgerlichen Koalition.
Und selbst gegen√ľber Parteien, die kein Mandat erringen konnten, verliert die SPD Stimmen.

Keine Partei kennt ein so umfassend negatives Profil. Die CDU/CSU hat zwar √§hnlich wie die SPD M√ľhe, bestehende W√§hlerInnen zum W√§hlen zu motivieren, verliert aber nur im b√ľrgerlichen Lager. Und die Linke ist f√ľr die Gr√ľnen beschr√§nkt zur Konkurrenz geworden.

Das Mobilisierungsprobleme der ehemaligen Volksparteien ist eklatant. Es ist der sichtbarste Ausdruck der grossen Koalition, des Mangels an thematischer Trennschärfe und der fehlenden Wahlkampfstimmung. Bei der SPD kommen wohl auch das Fehlen einer Machtperspektive hinzu, denn ihr blieb letztlich nur die Hoffnung auf die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit CDU/CSU.

Die Situation der SPD erschwert eine eindeutige Korrektur. Geht die Partei nach links, muss sie mir weiteren Abg√§ngen an die Regierungskoalition rechnen. Weicht sie dagegen nach rechts, ist mit einem verst√§rkten W√§hlerInnen-Anteil insbesondere der Linken, vielleicht auch der Gr√ľnen zu rechnen.

In einer solche Situation gibt es in der Regel nur eins: Die Grundposition nicht radikal ver√§ndern, das Spitzenpersonal aber gr√ľndlich erneuern, die VerterterInnen der verschienen Str√∂mungen besser einbinden und die parteiinterne Arbeit neu machen, bis der Magnet wieder funktioniert.

Wichtiger ist die generelle Erneuerung der Partei, denn sie ist in der bisherigen Form implodiert.

Claude Longchamp

Prognosetools im Praxistest

Die zweite Vorlesung an der Uni Z√ľrich zur Wahlforschung bot am Freitag vor der Entscheidung Gelegenheit eine Uebersicht zu den Prognosen zu den deutschen Bundestagswahlen zu geben. Jetzt kann man sie die eher theoretischen Ueberlegungen aufgrund des Praxistests √ľberpr√ľfen.

Zur Sprache kamen (unter anderem) Stärken und Schwächen der drei Tools, die bei den Bundestagswahlen 2009 angewandt wurden: politökonomische Schätzgleichungen, Wählerbefragungen und Wahlbörsen.

fy8pya_420x334
Weitere Ergebnisse finden sich hier aufgearbeitet.

Zwischenzeitlich kann man nicht nur eine konzeptionelle Beurteilung vornehmen, vielmehr ist es auch möglich, die Instrumente zu bewerten.

. Die Befragungen lagen gr√∂sstenteils richtig. Generell wurden die gr√∂sseren Parteien leicht √ľbersch√ľtzt, w√§hrend die kleineren minimal zu schwach ausgewiesen wurden. Damit lag die Ueberzahl der Institute bei den Koalitionsaussagen richtig.
. Die Wahlb√∂rsen √ľbersch√§tzten die SPD recht klar, und sie lagen auf der b√ľrgerlichen Seite leicht zur√ľck. Die Koalitionsaussage war bis eine Woche vor der Wahl falsch, suggerierte sie doch eine Fortsetzung der grossen Koalition.
. Die Sch√§tzgleichung zu deutschen Wahlen, die Thomas Gschwend entwickelt hat, lag f√ľr die siegreiche Koalition von CDU/CSU und FDP richtig, wenn sie auch den W√§hleranteil √ľbersch√§tzte.

Aus diesen Beobachtungen heraus kann man zwei Folgerungen ziehen: Umfragen, die kurz vor Schluss gemacht werden, sind das präziseste Prognosetool. Der Ausreisser von 2005 hat sich nicht wiederholt; bedingt war er durch die Unsicherheit, die durch die neu auftretende Linke entstanden war. Politökonomische Schätgleichungen haben sich etabliert, auch wenn man noch zu wenig Erfahrungen mit ihrer Robustheit hat. Schliesslich können auch Wahlbörsen eingeschränkt verwendet werden.

Es ist nicht auszuschliessen, dass sich die drei Tools gegenseitig beeinflussen: Schätzgleichungen liefern als Erstes Prognosen. Die können Umfrageergebnisse beeinflussen, namentlich die Gewichtung von Rohdaten. Schliesslich bestimmt beides Erwartungshaltungen, auch die der Börsianer.

Claude Longchamp

last minute Befragungen zu den deutschen Bundestagswahlen 2009

In Deutschland gibt es zwei Vorgehensweisen mit Umfragen in der letzte Woche vor der Wahl: Die Institute, die f√ľr ARD (dimap) und ZDF (FGW) arbeiten, verzichten auf neue Erhebungen. Derweil publizieren andere Institute wie Allensbach, Forsa und info diese Woche nochmals aufdatierte Umfrageergebnisse.

umfragen
Uebersicht √ľber die jeweils letzten Befragungen der sieben Institute, die zu den kommenden Bundestagswahlen forschten

Die beiden Umfrageserien f√ľr die √∂frentlich-rechtlichen Fernsehanstalten werden in den letzten sieben Tagen ausgesetzt, um jedem Vorwurf, in letzter Minute beeinflussend zu wirken, begegnen zu k√∂nnen. Publikation in dieser Zeit werden in der Regel mit der grossen Zahl unentschiedener W√§hlerInnen begr√ľndet, die mit jedem Tag vor der Wahl abnimmt.

Die Umfragen der letzten Tage zeigen eine Angleichung der St√§rken des rechten und des linken Blockes, wobei CDU/CSU und FDP in der Regel knapp vorne sind. Am klarsten ist das bei der Forschergruppe Wahlen mit 3 Punkten Unterschied der Fall. Institutsleiter Matthias Jung sprach den auch bereits von einem knappen, aber sicheren Sieg f√ľr die neue Koalition. 2 Prozentpunkte Differenz weisen die Befragungen von dimap, GMS und Allensbach auf. Forsa sieht genau einen Prozentpunkt Unterschied, w√§hrend bei Emnid beide Bl√∂cke gleich stark sind. Einzig Aussenseiter info sieht einen Vorsprung f√ľr die drei linken Parteien SPD, Gr√ľne und Linke von 3 Prozentpunkten.

Claude Longchamp

Umfragen in Deutschland: CDU/CSU mit FDP vorne

Dank Gewinnen f√ľr die FDP werden die b√ľrgerlichen Parteien bei den deutschen Bundestagswahlen 2009 obsiegen. Das ist der Schluss aller Umfrageinstitute in Deutschland. Unterschiede ergeben sich vor allem bei der Gr√∂sse des Vorsprungs auf eine rot-rot-gr√ľne Koalition.

btwumfragen

Neun Tage vor der deutschen Bundestagswahl liegen die CDU/CSU bei 36, die SPD bei 24 und die FDP bei 13 Prozent. Es folgen die Gr√ľnen und die Linke, die es auf je 11 Prozent der W√§hlenden bringen. Das jedenfalls ist die Zusammenfassung von www.wahlumfrage.de, einer unabh√§ngigen Plattform f√ľr Wahlumfragen. Ausgewertet wurden hierzu die j√ľngsten Publikationen der sieben Institute, welche mit der Sonntagsfrage den Stand der Wahlabsichten zur anstehenden Bundestagswahl erforschen.

Gegen√ľber der Bundestagswahl 2005 bedeutet dies Verluste f√ľr die SPD, Gewinne f√ľr die FDP, die Gr√ľnen und beschr√§nkt auch f√ľr die Linke. CDU/CSU k√∂nnte sich demnach halten.

Bei CDU/CSU und FDP sind die Schwankungsbreiten der Angaben aus den verschiedenen Instituten mit zwei Prozentpunkten gering. Bei den Gr√ľnen und der Linken sind es mit drei, bei der SPD dreieinhalb Prozentpunkte etwas. Das hat vor allem mit den Gewichtungsfaktoren der Institute zu tun, die angewendet werden, um den Entscheid der Unentschiedenen vorwegzunehmen. Die Institute arbeiten dabei mit individuellen Erfahrungsregeln, die im Detail nicht bekannt sind.

Auf die Koalitionsaussagen hat das kaum einen Einfluss. Alle sieben Institute sehen n√§mlich die CDU/CSU im Verbund mit der FDP vorne. Einzig bei Emnid ergibt sich ein Patt mit einer rot-rot-gr√ľnen Regierung. Derweil weisen die Forschungsgruppe Wahlen und die GMS Dr. Jung GmbH ein Verh√§ltnis von rund 53:47 aus. Bei Forsa und info ist es bei 52:48 und bei Allensbach und dimap bei 51:49. Demnach kommt nur gem√§ss Emnid auch eine grosse Koalition in Frage.

Das Ganze bleibt allerdings ein wenig hypothetisch. Denn in der Endabrechnung z√§hlen nur die Stimmen der Parteien im Bundestag. Direkte Schl√ľsse von Umfragen auf Fraktionsst√§rken sind noch nicht m√∂glich. Daf√ľr braucht es n√§mlich Angaben zu Direktmandaten, W√§hlerInnen-Anteilen und allf√§lligen Ueberhangmandaten. Bundeskanzlerin Merkel k√ľndigte an, auch mit nur eine Stimme Mehrheit im Bundestage eine Koalition ihrer CDU/CSU mit der FDP eingehen zu wollen.

Claude Longchamp

Umfragen zu politischen Parteien im Vergleich

Mit nur kurzem Abstand erschienen in der Schweiz zwei Repräsentativ-Befragungen zu den aktuellen Parteistärken: Zeit einen Vergleich anzustellen und die Charakteristiken der Umfragen zu benennen!

partei

Vor gut einer Woche erschien das „Wahlbarometer“ der SRG SSR id√©e suisse Medien. Heute publizierten die Sonntagszeitung und Le Matin ihren „Parteienbarometer“. Dieser basiert auf einer repr√§sentativen Auswahl von 1002 Wahlberechtigten, die zwischen den 27. August und 10. September 2009 von Isopublic befragt wurden. Demgegen√ľber interviewte das Forschungsinstitut gfs.bern zwischen dem 10. und 22. August 2035 Wahlberechtigte, um das Wahlbarometer zu erstellen.

Die Reihenfolge der Parteien ist in beiden Untersuchungen gleich. Am generellen Gef√ľge der politischen Parteien in der Schweiz hat sich seit 2007 nichts ver√§ndert. Die Prozentwerte der Parteien in beiden Befragungen variieren aber.

Am gr√∂ssten ist die Differenz bei der SP. Bei Isopublic schneidet sie um 1.8 Prozentpunkte besser ab als bei gfs.bern. Daf√ľr liegt die SVP bei gfs.bern um 1.5 Prozentpunkte h√∂her als bei Isopublic. Die dritte, noch erw√§hnenswerte Abweichung ergibt sich bei der neuen BDP. Sie wird bei Isopublic 0.9 Prozent st√§rker eingestuft als bei gfs.bern.

Alle Divergenzen sind im theoretischen Stichprobenfehler. Dieser suggeriert aber eine zu grosse Unsicherheit, da die maximalen Abweichungen nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 5 Prozent erreicht oder √ľberschritten werden d√ľrfen.

In der Tat waren beide Institute bei den Nationalratswahlen 2007 genauer als der Stichprobenfehler. gfs.bern hatte eine mittlere Abweichung vom effektiven Parteiergebnis von 1 Prozent. Die Vergleichszahl lag bei Isopublic bei 1,5 Prozent pro Partei.

Eines scheint sich gleich zu bleiben: Die Parteienlandschaft von Isopublic war auch 2007 leicht „linker“ als jene von gfs.bern, √ľbersch√ľtzte das Z√ľrcher Institut f√ľr Markt- und Meinungsforschung die SP doch st√§rker unter blieb es bei der SVP tiefer stehen als das Berner Forschungsinstitut.

Das kann auch mit der Stichprobengr√∂sse zu tun haben: Bei kleineren Stichprobengr√∂ssen sind Ausschl√§ge gegen√ľber der Realit√§t eher zu erwarten. Sollte es sich aber wiederholen, ist davon auszugehen, dass in der Stichprobenbildung der beiden Institute kleinere, in politischen Fragen aber relevante Unterschiede bestehen.

Claude Longchamp