Paradigmenwechsel in der Rentenfrage!?

Die Reform AHV21 wurde angenommen. Das Ergebnis beim AHV-Gesetz war sehr knapp, bei der Zusatzfinanzierung via Mehrwertsteuer etwas deutlicher. Hinterlassen hat die Abstimmung aber eine vielfach und tief gespaltene Schweiz. Eine Ursachenanalyse.

Zur Abstimmung gelangten die Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0.4 Prozentpunkte. Weil es dafür eine Verfassungsänderung brauchte, mussten Volk und Stände am 25. September zustimmen. Am Ende waren es 55.1 Prozent Ja und 5 von 23 Standesstimmen. Beim AHV-Gesetz entschied das Volksmehr allein. Es lag bei 50.6 Prozent Ja.

Die politische Allianz
Das Entscheidende bei der Reform AHV21 geschah im Parlament. Denn es bildete sich ein bürgerlicher Block heraus, der sich im Zentrum absicherte. Dafür stimmten schliesslich SVP, FDP und Mitte, aber GLP und EVP. Sie waren gewillt, das Rentenalter für Frauen kombiniert mit anderen Massnahmen zu erhöhen, um die Finanzen des Sozialwerks bis 2030 zu sichern. Lagerinternen Kritiker:innen bot man Hand für eine Uebergangslösung zugunsten der ältesten Frauen-Jahrgänge im Erwerbsalter.
Die befürwortende Allianz brach damit ein Tabu. Bis anhin ging man davon aus, dass es gegen den Willen der Linken keine neue Rentenpolitik geben könne. 2004 wurde der Grundsatz noch bestätigt, als die damalige Rentenreform am Nein der Gewerkschaften und Linken scheiterte. 2017 änderte sich das Bild, als auch die rechtsbürgerlichen Seite bewies, ihrerseits referendumsfähig zu sein, indem sie erste Vorlage von Bundesrat Berset zu Fall brachte. Jetzt schlug das Pendel ganz Richtung bürgerliche Mehrheitspolitik aus.
Ein Schwächung erlitt sie aber, als der Ständerat die parallel laufenden BVG-Revision nicht rechtzeitig abschloss und mangels Konsens die Verabschiedung verschob.

Das Potenzial
Hochrechnungen der parlamentarischen Allianz zeigten schon früh, dass bei gegebenen Breite des Ja-Lagers ein Stimmen-Anteil von 59 Prozent möglich sein würde.
Selbstredend gab und gibt es fundamentale Unterschiede in den Einschätzungen der Reform bei Frauen und Männern. Schon der Frauenstreik 2019 hatte einen kritischen Blick auf die anstehende Reform geworfen. Am 14. Juni 2022 wurde mit einem Streikabend daran erinnert. Doch die Frauenallianz aus dem Frauenwahljahr 2019 hatte sich aufgelöst. Denn die Frauenorganisationen der Parteien folgten durchwegs den Positionen der Gesamtpartei.
Die frühen Umfragen zeigten einen unüblich tiefen Gender-Gap in den Stimmabsichten. Mehr noch: Möglicherweise würde die Mehrheit der Männer die Mehrheit der Frauen überstimmen. Das kommt nicht häufig vor, und es bisher häufiger umgekehrt der Fall.

Der Abstimmungskampf
Das Ja-Lager startete frühzeitig in den Abstimmungskampf. Die vier Dachverbände der Wirtschaft koordinierten sich. Die Stimme der nächsten Generation sollte eingebracht werden. Nach einem Vierteljahrhundert Stagnation brauche es eine Deblockierung. Gefunden worden sei ein vertretbarer Kompromiss. Er sichere vor Rentenkürzungen, und er beteilige alle Generationen an der Reform.
Die Gewerkschaften begannen deutlich später. Sie überraschten mit ihrer Argumentation, die AHV sei solide finanziert. Der Untergang werde bloss an die Wand gemalt. Man habe Zeit und könne noch eine weitere Verhandlungsrunde einlegen. Bevor man das Rentenalter ändere, brauche es endlich Lohngleichheit.
In der Hauptphase schenkten sich die Kontrahentinnen nichts. Die Ja-Seite bezichtigte die Widersacher wiederholt der Lüge. Rentenalter 67 sei nicht Inhalt der aktuelle Vorlage. Diese konterte, die BefürworterInnen klammerten aus, dass es ausserhalb der Uebergangsjahrgänge zu einem Abbau der Lebensrente komme.
Bundesrat Alain Berset wiederum stand etwas dazwischen. Er bezeichnete die Reform als nötig und ausgewogen. Sie sei gut begründet und sichere die AHV für 10 Jahre.
Kaum ein Thema war im Abstimmungskampf die Zusatzfinanzierung via Mehrwertsteuer.
Die verschärfte Polarisierung im Abstimmungskampf liess das Nein-Lager anwachsen. Ihr Online-Auftritt begann zu dominieren. Zum Schluss zündete sie eine neuartige Mobilisierungskampagne mit 300’000 emails.
Die Umfragen, 2-3 Wochen vor Schluss erstellt, blieben etwas über 50 Prozent. Gfs.bern hatte eine fallen Tendenz bei der Zustimmung, Leewas eine steigende.
Die Modellprognostiker gaben dem Gesetz ein Zustimmungspotenzial von 54-56 Prozent, bei der Zusatzfinanzierung waren es mit mindestens 58 Prozent noch etwas mehr. Die Ständemehrfrage stellte sich für sie nicht mehr.

Nachanalyse des Endergebnisses
Das Endergebnis war etwas tiefer. Möglicherweise ist das eine Folge der Schlussmobilisierung von links. An den Mehrheitsverhältnissen änderte es aber nichts.
Die erste Nachbefragung von LeeWas zeigt bei beiden Vorlagen vergleichbare Konfliktmuster, das beim AHV-Gesetz deutlicher zu Tage trat.
Da fiel zuerst die klar gegensätzlichen Mehrheiten bei Männern und Frauen. Jene stimmten zu 65% dafür, diese zu 63% dagegen. Die Geschlechterdifferenz betrug demnach 28 Prozentpunkte – der Höchstwert in der Abstimmungsgeschichte. Es unterschieden sich aber auch die Schichten mit Zustimmungsmehrheit bei 9000 CHF Haushaltseinkommen und mehr resp. Ablehnungsmehrheit bei unter 7000 CHF. Dazwischen gab es ein Patt. Beim Alter gab es kein linearer Zusammenhang. Die RentnerInnen war dafür, die U35 gespalten und die Gruppen dazwischen dagegen.
Das Ergebnis in den Sprachregionen verschärfte den Eindruck der tiefen Spaltung. Die deutschsprachige Schweiz war mit Ausnahme von BS, SO und SH dafür, die lateinische Schweiz dagegen.
Ein Ausblick in der Umfragen zeigte, heute würde eine Mehrheit für eine 13. Rente stimmen, aber gegen Rentenalter 66/67.
Ueber allem spiegelt sich ein in sozialpolitischen Fragen nicht unbekannter, starker Links/Rechts-Gegensatz. Wählende der FDP und GLP bilden die Sperrspitze im Ja, der SP und der Grünen im Nein. Knapper war die Zustimmungsmehrheit bei der SVP und der Mitte Partei.

Die Aussichten
In der Rentenpolitik zeichnet sich ein Paradigmenwechsel von der Konsenssuche hin zur bürgerlichen Mehrheitspolitik ab. Ganz vollzogen ist er aber nicht. Der Damm der referendumsfähigen Linken ist löchriger aber nicht gebrochen worden.
Die tiefen Gräben rufen nach einem Ausgleich. ExponentInnen der GLP und der Mitte bieten sich dafür an. Streitfeld wird die BVG Revision werden.
Die ExponentInnen von gestern wollen aber weiter gehen. Für feministische Netzwerke geht der Kampf weiter. Lohngleichheit als Voraussetzung für Rentengleichheit bleibt auf dem Tapett. Auch im bürgerlichen Lager mahnte man an, beim Rentenalter nicht auszuruhen und den Schwung zu nutzen.
Das jetzige Parlament hat das kommende schon der Abstimmung beauftragt, 2026 eine neue Rentenreform einzuleiten. Die dürfte den Weg weisen.

Claude Longchamp

Im Zweifelsfalle Nein. Wie es zum Nein bei der Verrechnungssteuer kam

Das revidierte Verrechnungssteuergesetz wurde heute abgelehnt. Mit 52 Prozent Nein fiel die Entscheidung recht knapp aus. Eine Ursacheanalyse.


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Die Vorlage aus dem EFD wollte den Obligationenhandel im Inland fördern, war aber wegen Steuerschlupflöchern umstritten. So lautete die Kürzestformel der vergangenen Abstimmung.
Es handelte es sich um einen typischen politischen Konflikt in der globalisierten Welt. Die Ja-Seite betonte den nötigen Standortwettbewerb, ihre Widersacher sahen Nachteile auf die Bürgerschaft der Schweiz kommen.

Offen in den Umfragen
Die letzten Umfragen widersprachen sich vordergründig: Sie hatten keine Mehrheit für niemanden. Tamedia gab ein 40:48 bei steigendem Ja, die SRG hatte 47:44 bei zunehmendem Nein. Hintergründig sprachen jedoch sowohl gfs.bern wie LeeWas, welche für die Erhebungen zuständig waren, von einem voraussichtlichen Nein.
Die Erwartung der Wettbörse 50plus1 sahen es wie die SRG. Angangs gingen 70% der Börsianer von einer Annahme der Vorlage aus, gestern waren es noch 47%. Dem schlossen sich auch die Modellprognostiker an, denn auch sie tippten am Ende auf 45-48 Prozent Nein.

Der Abstimmungskampf
Die Schlussabstimmung im Nationalrat fiel selbstredend zugunsten der Vorlage aus. Sie suggerierte ein Zustimmungspotential von 59 Prozent für den Abstimmungstag. Die Parolenfassungen bestätigte das. Dafür waren alle Parteien von der SVP bis zur GLP. Umgerechnet sprach das für einen Ja-Anteil von 55 Prozent. Und selbst die AI-getriebene Inhaltsanalyse des Bundesbüchleins rechnet mit einer Ja zu 55 Prozent.
Im Abstimmungskampf prallten dann zwei Welten aufeinander:
Die Ja-Seite, unter anderem von der Agentur Rod beraten, wollte eine ruhige Kampagne, die aus der verlorenen Abstimmung zur Stempelsteuer lernen sollte. Die Kommunikation ging von höchstens vorübergehenden Steuerausfällen aus, dann von Mehreinnahmen beispielsweise für Investitionsmöglichkeiten im Umweltbereich.
Dem widersprach die Nein-Seite heftig. Der unterstellte Zusammenhang zwischen Steuersenkungen und Mehreinnahmen sei nicht gesichert. Schützenhilfe gab es vom Lausanner Oekonomen Marius Brülhart, der diesbezüglich eine BAK-Studie für das EFD heftig kritisierte. Die Opponenten griffen das gerne auf.Zum Schluss des Abstimmungskampfes griff der Tagesanzeiger die Frage nochmals auf und legte dar, wie das Argument in die Unterlagen eingeführt wurde und kampagnenmässig zum Mainstream avancierte.

Zweifel entschieden
Die aufgekommenen Zweifel konnte auch Bundesrat Maurer nicht aus dem Weg räumen. Er sprach launisch von einem “Reförmchen”. Er verstehe nicht, wieso man überhaupt dagegen sein könne. Das wirkte nicht gegen Unsicherheit in der Bürgerschaft.
Das bestätigte der Argumententest in der Umfrage von gfs.bern. Er gab keine Seite eine Mehrheit, aber Vorteile für das Nein. Wirksamstes Einzelargument war allerdings, es sei ungerecht, gewisse Gruppen steuerlich zu entlasten, wenn andere davon nichts hätten und die Zeche zahlen müssten.
Da halfen weder Medientenor und Werbeüberhang viel. Sie sprachen für die Ja-Seite. Doch blieb dieser Abstimmungskampf im Schatten der anderen Kampagnen. Viel Wirkung entwickelt das nicht.
Die Grosswetterlage half. Denn die Zukunftsperspektiven verdüsterten sich diesen Herbst. Spürbare Preissteigerungen machten überall die Runde. Die Inflationsrate pendelte sich bei 3 bis 4 Prozent ein. Massnahmen zur Stärkung der Kaufkraft wurden diskutiert. Das alles verstärkte die Grundhaltung, keine Experimente zu machen. Das war kein gutes Omen für das neue Gesetz.

Meine Bilanz
Ich hielt den Ausgang lange für offen. Für ein Ja konnte mensch die Mittelfristprognosen in die Waagschale werfen, aber auch die Werbedominanz und der generelle Medientenor. Für das Nein sprachen die Umfragen, die Wettbörse und die finalen Prognosen.
In solchen Situation gilt die Faustregel, dass zögerliche Menschen auf die Nein-Seite gehen.

PS:
Die Nachbefragung von LeeWas mittels einer nachträglich gewichtete on-line Umfrage bestätigte unsere Annahmen. Das Stimmverhalten unterschied sich zunächst entlang der Parteibindung. Dafür waren die Wählenden der FDP (77% Ja), der Mitte (60%) und der SVP (57%). Mit 53% Ja fiel die Zustimmung an der Basis der GLP recht knapp aus. Klar dagegen votierten die Basen von SP (782%) Nein und der GPS (77%). Zudem gab es einen klaren Zusammenhang mit dem Regierungsvertrauen. Je tiefer es war, umso eher stimmte mensch dagegen.

Claude Longchamp

Viel Sympathie, aber nicht mehr: Erstanalyse der Abstimmung über die Massentierhaltung

Die Massentierhaltungsinitiative scheiterte heute. 62 Prozent der Stimmenden waren gemäß Hochrechnung dagegen. Das ist deutlich genug, um von einem Nein zu sprechen. Eine Ursachenanalyse.

Bei rotgrünen Volksinitiativen kennt man den sog. Rutschbahneffekt bestens: Es beginnt gut, endet aber schlecht für die Initiative. Am Anfang diskutiert man über das Problem, dann über dessen Lösungen.
Auch im Abstimmungskampf zur Massentierhaltungsinitiative kippten die anfänglich positiven Vorberfragungen ins Negative. 52-60 Prozent Nein gab es schon vor 2 bis 3 Wochen – Trend negativ. Dem folgte die Wettbörse «50Plus1». Die Erwartungen der Börsianer pendelten sich schliesslich bei einem prognostizierten Nein-Anteil von 50-59 Prozent ein.
Für Fachleute zeichnete sich die Abstimmungsniederlage schon nach der Parlamentsberatung ab. Beide Kammern stellten sich klar dagegen. Hochrechnungen aus dem Nationalrat sprachen für einen erwartbaren Nein-Anteil von rund 59 Prozent. Die KI-Analyse des Bundesbüchlein suggerierte ein Nein von 60 Prozent. Und der umgerechnete Parolenspiegel kam auf 59 Prozent Nein.
Auf gut Deutsch hiess dies: Die Nein-Allianz war mächtig genug, hielt sich und konnte kommuniziert werden.

Grenzen postmaterialistischer Forderungen
Postmaterialistischen Forderungen haben es schwer, mehrheitsfähig zu werden. Das gilt selbst für die reiche Schweiz mit einem fortgeschrittenen sozio-kulturellen Wandel. Denn der zeigt drei, nicht zwei Wertmuster: Postmaterialismus, Materialismus und gemischte Werte. Keine Gruppe hat eine Mehrheit hinter sich, deshalb entscheidet die Mischgruppe. Und sie schwankt zwischen gängiger Kritik an der Leistungsökonomie und eigenen materiellen Erwartungen.
Einen Vorgeschmack gab es letzten Sommer, als die beiden Agrarinitiativen nach einer heftigen Kampagne der bäuerlichen Kreise am Stadt/Land-Graben scheiterten. Sie machten deutlich, wie gut der Schweizerische Bauernverband zwischenzeitlich gelernt hat, Kampagnen auf dem Land zu fahren und gegen Initiative zu kommunizieren. Diesmal waren ihre Aktivitäten etwas weniger heftig, dafür besser in die Kampagne der Wirtschaftsdachverbände eingebettet.
Dem Verbund half die Zukunftsskepsis angesichts steigender Preise und beschränkter Aussichten auf Lohnverbesserungen. Experimente mit unsicherem Ausgang sind nicht angezeigt. Schadensminimierung lautet die Devise.

Eingespielte Gegensätze
Die beiden Lager merkten früh, was sie trennte: Die Gegnerschaft sprach selbstbewusst von der Tierhaltungsinitiative, denn sie negierte im Vergleich mit dem Ausland das Problem Massentierhaltung. Ein Ja würde nur den Tier-Import steigern und die Selbstversorgung schmälern, argumentierte sie. Anders kommunizierten die Befürworter:innen: Sie zeigten exemplarisch, wie Schweine und Hühner auch in der Schweiz zu reinen Produktionsfaktoren degradiert werden. Und sie verlangten einen neuen Lifestyle, etwa beim Fleischkonsum.
Der Argumententest von gfs.bern legte nah, dass die gegnerische Optik mehr Wirkungen auf die Stimmabsichten haben würde. Stellt man auf alle getesteten Argumente ab, stehen die teilnahmewilligen Stimmberechtigten inhaltlich zu 53 Prozent der Nein-Seite, zu 44 Prozent der Ja-Seite näher. Die wirksamste Hauptbotschaft war dabei, dass die Schweizer Tierschutzgesetzgebung strenger sei als die ausländischen. Das sprach für ein Nein.

Kampagnen verstärkten Nein-Trend
Die Kampagnen dürften das alles verstärkt haben. Die APS Inserate-Analyse verwies auf ein Werbeverhältnis von 85 zu 15 zugunsten der Gegnerschaft. Etwas weniger einseitig, mit 2 zu 1 aber immer noch klar im Nein, bilanzierte Mediafocus die eingesetzten Werbemittel.
Die Modellprognostiker, welche verschiedene dieser Indikatoren kombiniert hochrechnen, kamen auf hochgerechneter Nein-Anteil von 59 bis 63 Prozent. Volltreffer!
Die einzige kleine Unsicherheit ergab sich aus der Medienanalyse von foegUZH. Der Endstand ergab 55 Prozent Artikel näher beim Ja, 45 mehr beim Nein. Viel medial Sympathie, aber zu wenig, um das Blatt noch zu wenden.

Nachanalyse LeeWas
Die erste Nachbefragung zeigt vor allem den Unterschied nach Parteiwählerschaft. Klar dafür war nur die Basis der Grünen. Mehrheiten gab es bei der SP und der GLP. Geschlossen war die Ablehnung allerdings nicht. Die bürgerlichen Wählerschaften war deutlich im Nein. Zustimmungsmehrheiten gab es ferner nur in den Grossstädten.


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Bilanz
Es ist die fünfte, ökologische Volksinitiative zur Landwirtschaft die seit 2018 scheiterte. Alle kamen nicht über 40 Prozent Zustimmung hinaus. Das Muster wiederholt sich. Diesmal war die Initiative etwas bei den Uebergangsfristen moderat. Doch sie scheiterte vergleichbar klar. Der Angriff auf die Landwirtschaft polarisiert zu stark. Gefragt sind pragmatische Schritt, die den Konsum verändern. Darauf reagiert der Markt fast sicher.

Claude Longchamp

Entscheidet Ueberforderung den Abstimmungsausgang? Neue Antworten auf eine alte Frage

Haben Multipack-Abstimmungen einen Einfluss auf das Ergebnis an der Urne? Diese Frage warf gestern der Wissenschaftsblog “DefactoExpert” auf. Und er kommt zu einem neuen Schluss.


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Die recht pauschale Antwort bisher
Die bisher übliche Antwort lautet: Je mehr Vorlagen an einem Abstimmungswochenende zur Entscheidung anstehen, umso höher ist die Beteiligung. Allerdings nimmt an sog. “Super-Sundays” auch die Ueberforderung der Stimmenden zu. Hauptgrund ist, dass Multipack-Abstimmungen verschiedene Teilpublika ansprechen, die nicht automatisch stimmen gehen. Sie werden, durch ihre Lieblingsvorlage mobilisiert, aber sie stimmen meist bei allen Gegenständen ab.

Ein neues Konzept
Im neuen Sammelband “Direkte Demokratie in der Schweiz. Neue Erkenntnisse aus der Abstimmungsforschung” klärt Forscher Thomas Milic vom Liechtenstein-Institut die Frage aufgrund der Entscheidungsqualität neu. Dazu zählt er
. das Ausmass des Vorlagenwissens
. die Fähigkeit, den Entscheid auch inhaltsbezogen begründen zu können
. die Fähigkeit, seine sachpolitischen Präferenzen auch in einen entsprechenden Entscheid umzusetzen («Correct Voting») und
. das Ausmass der Entscheidungsambivalenz

Die empirischen Befunde
Die Analyse des Indexes der Entscheidungsqualität ergibt:
Erstens, tatsächlich findet die inhaltliche Auseinandersetzung vor allem mit der jeweiligen “Lokomotiv-Vorlagen” statt. Entsprechend höher ist hier die Entscheidungsqualität. Bei den «Wagen»-Vorlagen ist sie tiefer, aber sie “nimmt nicht automatisch ab, je höher die Zahl der Vorlagen an einem Abstimmungswochenende ist.”
Zweitens, die Entscheidungsqualität leidet vielmehr unter der Teilnahme von Gelegenheitsstimmenden. “Ahnungslosigkeit betreffend Inhalt der Vorlage, direkte Umsetzung von Empfehlungen und Entscheide, die mit den eigentlichen Präferenen in der Sachfrage nicht übereinstimmen, nehmen bei diesen Teilnehmenden zu.”
Drittens, die Qualitätseinbussen bei der Stimmentscheidung hat “möglicherweise Auswirkungen auf das Ergebnis einer Volksabstimmung. So steigt bei grösseren Multipacks die Gefahr, dass es bei insgesamt knappen Mehrheitsverhältnissen die Schlechtinformierten sind, die den Ausschlag für die eine oder die andere Seite geben.”

Meine Anwendung auf das kommendene Abstimmungs-Päckli
Die Anwendung dieser differenzierten Einsichten auf die anstehenden Volksabstimmung führt mich zu folgenden Schlüssen:
Erstens, die aktuelle Vorlagenzahl ist durchschnittlich hoch und nicht das eigentliche Problem für die Entscheidungsqualität. Am ehesten dürfte das aber beim Verrechnungssteuergesetz der Fall sein. In allen Umfragen ist hier die Zahl der ganz oder teilweise unschlüssigen Bürger:innen am höchsten, was für eine vorlagentypische Ueberforderung spricht.
Zweitens, Probleme mit der Entscheidungsqualität sind dann zu erwarten, wenn die national Beteiligung über dem langjährigen Mittel von rund 46 Prozent liegt. Das zeichnet sich momentan nicht ab. Sollte die finale Teilnahmequote aber über 50 Prozent sein, kann man die Frage aufwerfen. Sie müsste mit den Nachanalysen für genau die Zielgruppe und die Vorlage geprüft werden.
Drittens, wenn das Vorlagen-Ergebnis bei der Verrechnungssteuer sehr knapp sein sollte (also zwischen 53 und 47 Prozent beispielsweise) müsste so auch geprüft werden, ob Schlechtinformierte den Ausschlag für die Mehrheit gegeben habe. Zwingend ist das nicht, aber mit erhöhter Wahrscheinlichkeit kann es vorkommen.

Kurzes Fazit für morgen und übermorgen
Am Sonntag Nachmittag werden wir wissen, wie hoch Beteiligung und wie knapp der Ergebnis bei der Verrechnungssteuervorlage war. Eine empirisch gesicherte Antwort auf die aufgeworfene Frage wird dann noch nicht vorliegen. Denn es sind theoretisch gruppenspezifische “last swings” in beide Richtungen möglich. Aber eine spannende Hypothese, die mit der VOX-Nachbefragung getestet werden kann, hätte wir schon mal.

Claude Longchamp

Wo die Medien von links bis rechts bei den neuerlichen Abstimmungen standen

Das Rating des Instituts foeg an der Uni Zürich gibt eine Antwort, wie die Massenmedien über die anstehenden Volksabstimmungen berichteten Denn Foeg klassiert alle Beiträge in ausgewählten Medien je nachdem, ob sie für eine Vorlage waren, dagegen oder gemischt/neutral ausfielen. Das lässt Rückschlüsse auf die Positionierung der einzelnen Medien zu.

Das Ideal und seine Weiterentwicklung
Das journalistische Ideal in Abstimmungskämpfen wird unverändert dadurch bestimmt, dass beide Seiten einer Vorlage etwa gleich zum Zug kommen. Medien verstehn sich als Forum und berichtet gemischt. Sie überlassen die Schlüsse, wie man stimmen will, den NutzerInnen. Im Foeg-Rating gibt das einen Werte nahe Null.
Mit der Polarisierung der politischen Landschaft ist jedoch mehr und mehr entstanden, dass Medien mindestens themenbezogen eine klare Haltung einnehmen. Sie berichten bewusst mit einer klar ausgerichteten Optik für oder gegen eine Vorlage.
Bei der Massentierhaltung hatte etwa die NZZaS den Lead dagegen, der Sonntagsblick dafür. Bei der AHV-Reform bildeten die Schweiz am Sonntag (dafür) und LeMatinDimanche (dagegen) die Pole. Schliesslich das neue Verrechungssteuergesetz: Da polarisierten die NZZaS (dafür) und die Sonntagszeitung (dagegen).


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Die Synthese über alle Vorlagen hinweg
Nun kann man einzelnen Ratings zu den Vorlagen (die beiden AHV-Vorlagen als eine genommen) addieren und erhält so die Positionierung der ausgewählten Medien im Links/Rechts-Spektrum. Denn die SVP, FDP und Mitte bildeten den rechten Pol mit Nein zur Massentierhaltungsinitiative und Ja zu den anderen Vorlagen, während SP und Grüne für das Gegenteil eintraten. Medien, die in die gleiche Richtung wie der eine oder andere Pol berichteten, können entsprechend klassiert werden.
Die so ermittelten Befunde lassen die folgenden Schlüsse zu:
1. Die untersuchten Wochenmedien sind klarer positioniert. Die Sonntagszeitung, der Sonntagsblick und LeMatinDimanche nahmen Stellung, wie es richtungsmässig dem linken Pol entspricht. Die NZZas, die Weltwoche und die Schweiz am Wochenende berichteten umgekehrt nahe dem rechten Pol. Keine der untersuchten Wochenzeitungen ist diesmal im Zentrum.
2. Das ist bei den Tageszeitungen und den SRG-Medien anders. Rechts positioniert sind die LuzernerZeitung, die NZZ und die Aargauer Zeitung. Links ausgerichtet ist eigentlich nur der Blick. Im breiten Zentrum positioniert haben sich alle anderen Medien, wobei der Tagi (moderat links) und LeTemps (moderat rechts) etwas abweichen. Dem Zentrum am nächsten kommt 20 Min. Die SRG berichtete ebenfalls gemischt, wenn auch leicht rechts der Mitte.


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Die Einordung
Diese Ergebnisse sind in den meisten Fällen nicht überraschend, aber interessant. Denn sie zeigen, dass gewisse Medien nicht nur eine Themenhaltung kennen, sondern ausgerichtet auf die parteipolitischen Pole berichten.
Auch frühere Auswertungen dieser Art zeigten, dass die politische Polarisierung bei Abstimmungen über die Wochenpresse läuft. Sie berichten weniger häufig, doch was kommt, ist klarer gerichtet. Nur die Sonntagszeitung, meist in einer der gemischten Gruppe, ist diesmal “links”, weil sie gleich für die Massentierhaltung und gegen die Verrechnungssteuer Position bezog.
Wenig überraschend ist auch, dass bei der Tagespresse der Blick (links) und die NZZ (rechts) die Pole bilden. Das ist meistens so. Der Blick war diesmal gegen die Verrechnungssteuer und eher für die Massentierhaltungsinitiative. Moderat kritisch war er bei der Rentenreform. Auf der Gegenseite war die NZZ für die Rentenreform und die Aenderung bei der Verrechnungssteuer. Einzig bei der Masstierhaltungsinitiativ nahm sie eine Zwischenposition ein. Deshalb ist die LuzernerZeitung diesmal dem rechten Pol noch etwas näher.
Auch die Positionierung der SRG-Medien nahe dem Zentrum entspricht der bisherigen Erfahrungen. Das hat damit zu tun, dass über alle Gefässe hinweg zu allen Vorlagen etwa gleichmässig von beiden Seiten berichtet wird. Allen Unkenrufen zum Trotz …

Bilanz
Der Grundtenor der von foeg ausgewählten und untersuchten Massenmedien war insgesamt vorlagen-positiv. Man war moderat für die AHV-Reform, die Massentierhaltungsinitiative und für die Verrechnungssteuer. Medial interessierte dabei die AHV-Reform am meisten.
Das muss nicht für jedes einzelne Medien gelten, wie das hier synthetisierte Rating zeigt. Jenseits des Forum hat sich gerade bei den Wochenzeitungen ein eigentlicher Haltungsjournalismus entwickelt, der zudem klare Nähen zu den parteipolitischen Polen erkennen lässt.

Finale Prognosen

Das sind die finalen Modell-Prognosen zum Ausgang der 4 eidg. Volksabstimmungen:
59-63% Nein zur Massentierhaltungsinitiative,
56-68% Ja zur Zusatzversicherung AHV resp. 54-57% Ja zum AHV-Gesetz,
52-55% Nein zum Verrechnungssteuergesetz.


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Die Prognostiker
Erstellt wurden die Vorhersagen von drei verschiedenen Fachleuten, die unabhängig voneinander arbeiten: Politikwissenschafter Nick Glättli, Politikwissenschafter Thomas Willi und Physiker Sébastien Persegures. Sie machen das alle mehr oder minder lange und regelmässig.
Glättlis oberstes Ziel ist nicht die Präzision, aber eine frühe valide Einschätzung zu haben. Die beiden anderen Prognostiker liefern ihre Vorhersage spät, erheben aber Anspruch auf hohe Genauigkeit. Das zeigt sich diesmal am besten bei der Zusatzfinanzierung. Da beträgt der Range 12 Prozentpunkte. Beiden anderen Vorlagen sind es 3 (AHVG, VRStG) bis 4 Massentierhaltung). Die Ausreisserin ist in der Tat die Vorhersage Glättlis.

Die Vorgehen differieren
Glättli stellt sparsam auf auf die Schlussabstimmung im Nationalrat, das Departement, das zuständig ist resp. die erste Umfrage von gfs.bern ab, und er unterscheidet, ob es sich um eine Initiative oder ein Referendum handelt. Gerechnet wird die Prognose mit einer linearen Regression.
Sebastien Persegures arbeitet mit Maschine Learning Tools. Verwendung finden die Abstimmungsdaten von BfS, Swissvotes, der Kantone Genf und Neuenburg, der Abstimmungsmonitor von foeg und die Umfragen, welche Tamedia und die SGB publizieren.
Thomas Willi macht nur pauschale Angaben: «Dieses Prognosemodell berücksichtigt Daten, die ungefähr 14 Tage vor dem Abstimmungstermin vorliegen». Das Modell selber basiere auf künstlicher Intelligenz.

Grenzen der Aussagekraft
Alle gehen beachtliche Unsicherheitsbereiche an. Zudem werden vom Normalfall der Meinungsbildung abweichende Ereignisse nicht vorweggenommen.
Genau das wirkt sich bei Glättli am meisten aus, da er 3-4 Wochen vor dem Abstimmungssonntag abschliesst. Persegures hat das diesmal auch versucht, und anderer Werte als 8 Tage vor Ende erhalten. Viel Erfahrungen hat er damit aber nicht.

Bis jetzt haben sich die Prognosen des Lausanner Physikers die geringsten Abweichungen. Am 15. Mai trafen sie bis auf mittlere 2 Prozentpunkte zu. Das erreicht Willi bisweilen auch, doch lag er auch schon beachtliche 15 Prozentpunkte neben dem Ergebnis. Seine Vorhersagen sind zudem speziell, weil sie die Kantonsergebnisse berechnen und damit Aussagen zu Ständemehr zulassen. Diesmal ist das allerdings unerheblich.

Bilanz
Fasst man das zusammen, spricht Vieles dafür, dass in einer Woche die Reform AHV 21 angenommen und die Massentierhaltungsinitiative resp. das Verrechnungssteuergesetz abgelehnt sein wird.
Letztere bleibt am unsichersten. Doch alle drei Prognostiker sehen eine Nein-Mehrheit voraus. Ihr Schicksal ist damit gemeinsam. Sie bekommen entweder alle recht oder unrecht.

Claude Longchamp

#Frischgebloggt: NJJO (N) für den 25. September 2022

Heute Morgen sind die beiden letzten Umfragen erschienen. Qualitativ sagen sie das genau Gleiche aus:
– Nein zur VI Massentierhaltung,
– Ja zur Reform AHV21 und
– offen zur Verrechnungssteuer, wobei die Gegnerschaft eher grössere Chancen hat, zu gewinnen.


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Die neuen Umfragen

Die Einzelzahlen mögen differieren. Die zweite Welle der SRG Umfrage und die dritte der Tamedia Gruppen ähneln sich dennoch stark.
Die Umfrage-Reihe von gfs.bern zeigt: Bei der Massentierhaltung gibt es einen Nein-Trend, und die Mehrheit hat hier bereits vom Ja ins Nein gewechselt. So ist es auch bei Leewas.
Beim AHV-Gesetz geht der gfs-Trend auch Richtung Nein, die Ja-Mehrheit dürfte hier aber nicht mehr kippen. Das sieht auch die Leewas-Umfrage so.
Bei der Zusatzfinanzierung der AHV mit der MWSt ist der Nein-Trend zu schwach, um für eine Ueberraschung beim Ausgang sorgen. Bestätigung durch LeeWas-Befragung.
Uneinig waren sich die beiden Umfrage-Serien zu Beginn vor allem bei der Verrechnungssteuer. Jetzt sind sie auffällig ähnlich geworden: Bei gfs.bern holt das Nein stark auf, ist aber minderheitlich, bei Leewas führte es, ohne eine Mehrheit zu haben. Der Trend geht da aber Richtung Ja.
So bleibt dieser Abstimmungsausgang offen.

Die aktuellen Kurzfristprognosen
Ein Vergleich mit anderen Tools zur Meinungsbildung oder zum Ausgang lässt eine gewisse Evaluierung der Aussagen zu. Er zeigt, dass alle Kurzfrist-Prognosen ein Nein zur Tierhaltungsinitiative erwarten. Das ist bei der Verrechnungssteuer auch der Fall, wo die Umfragen etwas unsicher sind. Es stärkt die Erwartung einer finalen Ablehnung.
Bei der AHV21 gehen die Vorhersagen der verschiedenen Prognostiker jedoch auseinander: Die Zürcher Politikwissenschafter Nick Glättli und Thomas Willi modellierten aus ihren Indikatoren je zwei Ja zur Reform, der Physiker Sebastien Perseguers jedoch ein Ja und ein Nein. Er wird sich allerdings nochmals äussern.
Die Mittelfristprognosen waren für die Vorlagen etwas vorteilhafter. Sie weichen vor allem bei der Verrechnungssteuer ab. Sie waren geprägt von der behördlichen Willensbildung und sahen die Vorlage durchwegs auf der Annahmebahn. Doch schließen sie haben sie die Meinungsbildung im Abstimmungskampf ganz oder weitgehend auszuschliessen.

Die Grosswetterlage spielt mit
Die Trends entsprechen unseren Erwartungen aus dem Dispositionsansatz: Bei einer linksgrünen Volksinitiative erodiert die Zustimmungsbereitschaft mit dem Abstimmungskampf fast immer, so auch bei der Massentierhaltung. Bei einem Referendum ist das nicht zwingend so, angesichts der politikskeptischen Grundstimmung seit der Pandemie kommt es aber gehäuft vor. Das Vertrauen ins politische System ist zwar noch breit da, doch werden die verschiedenen BundesrätInnen stark unterschiedlich beurteilt. Häufig kritisiert wird indes die Kommunikation des Bundesrats. Das erschwert es dem Behörden, ihre Botschaften im Abstimmungskampf gewinnbringend vorzutragen. Unschlüssige, die sich da meist auf beide Seiten verteilen, bleiben entweder zuhause, oder für sie sind die Nein-Botschaften naheliegender.
Wir haben das zu Beginn des Abstimmungskampfes so formuliert: Angesichts der sich häufenden Krisen sind die Zukunftsaussichten negativer geworden, was gerade Unschlüssige vermehrt zögern lässt, sich auf Neuerungen einzulassen.

Ausblick
In den kommenden Tagen werden noch die wissenschaftlichen Medien- und die Werbeanalyse publiziert werden. Vor allem Erstere ziehe ich in meine Schlussfolgerungen zum Abstimmungsausgang gerne mit ein.
Bis jetzt lauten sie: Nein, Ja, eher Ja, offen, jedoch Vorteil für das Nein!

Claude Longchamp

Wie weit nach Osten dringt das Nein aus der Westschweiz bei der AHV21 noch vor?

Die Meinungsbildung zur AHV-Reform kommt nicht vom Fleck. Das zumindest suggeriert die 2. Tamedia Umfrage zu den eidg. Abstimmungen vom 25. Sept. Meine Einordnung.

Die heute Morgen erschienene Tamedia-Umfrage zeigt:

. unentschieden zur Massentierhaltungsinitiative (48:49(3))
. Ja zur Zusatzfinanzierung AHV (54:43(3))
. knapp Ja zum AHV-Gesetz (52:47(1))
. Nein zum Verrechnungssteuergesetz (34:49(17).

Keine Angaben werden zum Ständemehr gemacht. Bei den ersten beiden Vorlagen zählt es aber ebenso wie das Volksmehr.

Erste Trends

Nur bei der Massentierhaltungsinitiative ist der Ja-Anteil eindeutig rückläufig (-7%p.). Bei den beiden AHV-Vorlagen ist die Zustimmungstendenz um 3%p. resp. um 1%p. kleiner geworden. Bei der Verrechnungssteuer steigt es um immerhin um 4%p.
Auch wenn die Trends bei den AHV -Vorlagen gering sind. Eine Zunahme ie meist bei einer Behördenvorlage gibt es nicht. Bis jetzt scheinen die Ja-Kampagnen weder Unschlüssige, noch die latente Gegnerschaft zu überzeugen.

Unterschiede zur SRG Umfrage bleiben

Größer sind die Unterschiede zur 1. Welle der SRG-Befragung von gfs.bern. Die AHV-Vorlagen schneiden da insgesamt einiges besser ab. Doch gibt es hier vorerst keine zweite Welle, die Trends empirisch bestimmen würde. Mit der Theorie von gfs.bern stimmt nur der Rückgang bei der Massentierhaltungsinitiative überein. Bei den Behördenvorlage sind die Tamedia-Entiwcklungen möglich, aber nur ein Szenario.

Drei sinnvolle Hinweise

Es drängen sich folgende Kommentare auf:

Erstens, bei der Zusatzfinanzierung der AHV ist gemäß Tamedia-Umfrage der Unterschied zwischen den Sprachregionen groß. In der deutschsprachigen Schweiz wollen 57% zustimmen, in der Suisse romande 59% und in der Svizzera italiana 53% ablehnen. Damit könnte die Frage des Ständemehrs auf das Tapet kommen. Denn bei Zustimmungswerten von unter 55% und einem klaren Ost/West-Gefälle ist stets damit zu rechnen. Matchentscheidend könnten Kantone wie Luzern, Zug, Solothurn und Basel-Landschaft werden. Und: Ein Stände-Nein würde die ganze Reform über den Haufen werfen.
Zweitens, beim AHV-Gesetz ist gemäß Tamedia-Umfrage weiterhin der Geschlechter-Unterschied von Belang. Die Differenz beträgt immer noch rekordverdächtige 35%p. Der bisher höchste Unterschied bei Abstimmungen lag bei 19%p. Parteipolitisch gibt es zwar nur bei den Wählenden der SP und Grünen Nein-Mehrheiten. Doch doch sind die bürgerlichen Parteiwählerschaften wegen des gender-gap‘s bei Weitem nicht geschlossen im Ja. Namentlich auf die bürgerlichen Frauen wartet also viel Überzeugungsarbeit.
Drittens, in der Verrechnungsteuer gibt es in der Tamedia-Umfrage nur bei der FDP-Wählerschaft eine gesicherte Zustimmungsmehrheit. Zwar haben SVP, Mitte und GLP die gleiche Vorgabe gemacht. Doch bleiben ihre Wählerschaften in einem erheblichen Maße unschlüssig. Entscheidend wird hier sein, wohin Spätentschiedene kippen werden.
Nicht mehr ganz auszuschließen ist selbst das Szenario, dass das Nein zur Verrechnungssteuer für den nötigen Schwung sorgt, der alle drei Behördenvorlagen kippt.

Zwei nötige Relativierungen

Es sind auch zwei Relativierungen nötig:
Zunächst: Die zweite Tamedia-Umfrage ist wie immer nicht das Ende der Fahnenstange. Die wird erst am Abstimmungstag erreicht. Dann wird diese Umfrage fast wir Wochen alt sein. Zudem sagt sie leider gar nichts über die Mobilisierung der Parteiwählerschaften aus. Das lässt einiges offen.
Sodann: Schon mehr als einmal hat gerade die zweiten Tamedia-Umfrage eine Richtung der Meinungsbildung suggeriert,die sich in der dritten Welle oder dem Abstimmungsresultat nicht bestätigte. Das zeigte jüngst eine Zusammenstellung zu den Tamedia-Trends bei Behördenvorlagen, die Matthias Bürcher vorgelegt hat.

Vorsicht also bei Schlussfolgerungen und bei Kampagnenplanungen!

Stabilisierung der Parteienlandschaft: erste Befragung zu den Wahlen 2023

Heute publiziert die Tamedia-Gruppe die Umfrage von LeeWas zu den eidg. Wahlen 2023. Sie hält Gewinne für die GLP und FDP sowie Verluste für die GPS fest.


Grafik anklicken um sie zu vergrößern

Die aktuellen Parteistärken
Gemäß Institut LeeWas bleibt die SVP mit 26% die stärkste Partei. FDP und SP folgen, mit je 16%. Die Mitte (vormals CVP,und BDP separat) kommt auf 13%, die Grünen liegen bei 12% und die Grünliberalen bei 9%. Die ausgewiesenen Stärken in Promillen sind in der obigen Tabelle ersichtlich. Sie zeigen, dass die GLP und die FDP außerhalb des Unsicherheitsbereichen etwas zulegen, die Grünen etwas verlieren. Alles andere ist umfragetechnisch stabil.

Signifikante Gewinne und Verluste
Die gegenwärtigen Gewinne der Grünliberalen überraschen nicht. Die junge Partei hat bei den kantonalen Wahlen regelmäßig zugelegt. Sie betreibt beim Klimawandel, der Technologieförderung und der EU-Frage moderate Sachpolitik. Sie sammelt Enttäuschte rechts und links. Sie hat in der laufenden Legislatur am meisten Volksabstimmungen gewonnen. Das alles hat ihr eine gute Presse beschert.
Eher überraschend ist, dass auch die FDP zulegt. In der Mehrheit der kantonalen Wahlen verlor sie noch, wenn auch zunehmend durchsetzt mit Lichtblicken. Bei den eidg. Abstimmungen ist sie vom 1. auf den 3. Platz zurückgefallen, stellt man ihr Parolen und die Mehrheit der Stimmenden ab. Mit der Renteninitiative (Jungfreisinn) und der zur Individualbesteuerung (Frauen) hat sie aber zwei Volksinitiativen zustande gebracht – ein Novum für sie. Ausgewechselt hat sie gerade noch rechtzeitig das Parteipräsidium. Damit ging auch eine deutlichere Akzentsetzung zu rechtsliberal einher.
Schließlich die Grünen: Sie verlieren zwar, halten aber von den gut 6 Prozentpunkten, die sie 2019 gewonnen haben, deren fünf. Das war nicht zwingend zu erwarten, selbst wenn die kantonalen Wahlen mehr versprachen. Doch sind da noch Echoeffekte von 2019 dabei. Die Partei pflegt weiterhin den Spagat zwischen Bewegungs- und Parlamentspartei. Sie profiliert sich mit klimabezogenen Volksinitiativen und hat ihre diesbezüglichen Basisaktivitäten beibehalten. Doch blieb der große Erfolg bei eidg. Abstimmungen bisher aus, ja, bei der Frontex-Entscheidung im Frühjahr gab es einen herben Dämpfer.

Von der Labilität zur Stabilität
Wenn alle anderen Parteien verglichen mit 2019 gleich stark bleiben, ist das für die Mitte, die SVP und die SP bereits ein kleiner Trost. Denn vor drei Jahren gehörten sie noch zu den VerliererInnen. Auch in den kantonalen Parlamentswahlen seither weisen sie ein Minus aus.
Überhaupt, verglichen mit den Wahlen 2019 hat sich das Parteiensystem wieder gefestigt. Große Sprünge zeichnen sich jedenfalls heute nicht ab. Das ist nach erheblichen politischen Auseinandersetzungen wie der Kontroverse zur Pandemie- oder Sicherheitspolitik-Politik nicht selbstverständlich. Es bestätigt, dass auf eine labile Wahlen in aller Regel keine zweite derartige folgt.
Wenn es einen neuen Trend gibt, geht er am ehesten zu einem wieder gestärktes Zentrum mit einer besser erkennbaren, liberalen Akzentuierung.

Sinkende Temperatur für Neuwahl des Bundesrats
Bleibt das so, könnte es nicht zuletzt die Bundesratswahlen beeinflussen. Zwar ist der Leistungsausweis seiner Mitglieder unterschiedlich, und Spekulationen über Rücktritte da und dort dürften bis zum Wahltag bleiben. Aber handfeste Hinweise, dass es auch eine parteipolitische Neuwahl braucht, liefert die jüngste Tamedia-Umfrage nicht.

Doch das Wahljahr mit Baustellen folgt erst noch
Klar:Das ist die erste von mindestens zwei Umfragen gut ein Jahr vor den Wahlen. Es braucht noch eine Bestätigung. Und das Wahljahr selber hat noch gar nicht begonnen. Baustellen gibt es von Versorgungs-, über Klima- und Europa- bis zu Renten- und Gesundheitsfragen genug, die Stoff für politische Debatten und allfällige Veränderungen in den Parteistärken liefern können. Monothematisch wie 2019 dürfte es nicht werden.

Claude Longchamp

Eidg. Abstimmungen vom 25.9.2022: generelle Zustimmungsbereitschaft zu Beginn der Meinungsbildung

Nun liegen die Ergebnisse der SRG Umfrage aus der 1. Welle vor: Sie zeigen Ja Mehrheiten für die Massentierhaltungsinitiative, die Zusatzfinanzierung der AHV und das Rentenalter 65 für alle. Unklar sind die Mehrheitsverhältnisse bei Verrechnungssteuergesetz. Aber auch hier liegt die Ja- vor der Nein-Seite.Aktuell wollen sich 45 Prozent bis am 25. September äußern.


Lesebeispiel Tabelle
Die Grünen sagen Ja zur Massentierhaltungsinitiative. Ihre Wählenden stehen zu 87% hinter der Parole.

Unterschiedlicher Stand der Meinungsbildung

Das jedenfalls waren die Stimm- resp. Teilnahmeabsichten anfangs August. Mit den Endergebnissen sind sie nicht zu verwechseln. Denn die Meinungsbildung hat erst begonnen.
Das sieht man am besten beim Verrechnungssteuergesetz, wo bloß 44 Prozent der Teilnahmewilligen eine feste und 16 Prozent gar keine Stimmabsicht haben. Fortgeschrittener ist die Meinungsbildung bei der Massentierhaltungsinitiative. Doch auch da äußern 35 Prozent kleinere oder größere Unsicherheiten, was sie stimmen werden. Beim AHV-Gesetz machen sie 40 Prozent der Teilnahmewilligen aus, bei der Zusatzfinanzierung durch die Mehrwertsteuer 49 Prozent.
Es gilt: Je weniger fest entschieden sind, umso eher sind Verschiebungen im Abstimmungskampf noch möglich.

Erwartungen zur weiteren Meinungsbildung

Dabei muss sich die weitere Meinungsbildung nicht überall gleich entwickeln!
Namentlich bei rotgrünen Initiativen kennt man ein Nachlassen der anfänglichen Zustimmungsbereitschaft mit zunehmender Verarbeitung von Informationen. Läuft es so, lässt das einen Wechsel der Mehrheiten zu.
Bei Referenden kommt das zwar auch vor, ist aber weniger sicher. Es hängt stärker von den Kampagnen der jeweiligen Lager ab. Würde die Zustimmungsbereitschaft auch hier sinken, ist zuerst von einem Nein beim Verrechnungssteuergesetz auszugehen. Mehr müsste sich ändern, dass auch das AHV-Gesetz durchfallen und damit das Reformpaket AHV 21 scheitern würde.
Möglich ist aber auch, dass es zu einem Meinungsaufbau kommt, wobei sich Unentschiedene auf beide Seiten verteilen. Geschieht dies, werden alle drei Referendums-Vorlagen angenommen.
Es ist also noch einiges offen!

Parteibasen folgen nicht immer den Parteiparolen

Interessant sind auch die Resultate der Befragung nach Wahlabsichten. Im Prinzip folgen sie mehrheitlich den Parteiparolen. Doch gibt es auch Abweichungen.
Beim AHV-Gesetz ist eine knappe Mehrheit der SP-Wählenden dagegen, der Grün-Wählenden aber dafür. Beide Teilwählerschaften befürworten die Zusatzfinanzierung der AHV mehrheitlich.
Überhaupt ist die Parolenkongruenz der Wählenden rotgrünen Parteien mit der Parole ihrer Partei höchstens mäßig. Am höchsten ist die bei FDP, Mitte und GLP.

Unterschiede zur Tamedia-Befragung

Die Umfrageergebnisse der SRG-Reihe unterscheiden sich teilweise von jenen der Tamedia-Erhebung, die vor Wochenfrist publiziert wurden. Namentlich bei der Verrechnungssteuer sind die Befunde fast gegensätzlich.
Das hat In erster Linie mit der Erhebnungsmethode zu tun: Die Tamedia-Umfrage ist eine reine online-Erhebung, die von LeeWas noch modelliert wird. Sie neigt dazu, oppositioneller Einschätzungen zuliefern. Demgegenüber basiert die SRG Umfrage auf einem Mix von drei verschiedene Erhebungenverfahren bei gfs.bern (Telefon Fixnet, Handy und online). Das mindert Einseitigkeiten aufgrund einer Erhebungsart., vor allem zu einem frühen Zeitpunkt wie jetzt. Recht systematisch findet sich der Unterschied bei Umfragen zu Referenden, die online allermeistens regierungskritischer ausfallen.