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Konkordanz in Theorie und Praxis

Die zweite Vorlesung zur „Wahlforschung in Theorie und Praxis“ an der Uni ZĂŒrich bot Anlass, ĂŒber die Eigenheiten der Konkordanz-Diskurse in Politik und Politikwissenschaft und den ReformvorschlĂ€gen, die daraus resultieren, nachzudenken.

„Ich kandidiere zur Wiederherstellung der Konkordanz“, sagte Bruno Zuppiger kurz nach seiner Nomination als Bundesratskandidat 2011. Faktisch meinte er, mit seiner Bewerbung gegen BundesrĂ€tin Eveline Widmer-Schlumpf antreten zu wollen. Den Rest der Geschichte kennen wir. Zuppiger musste wegen Anschuldigungen seine Kandidatur zurĂŒckziehen; der nachnominierte Hansjörg Walther wurde nicht gewĂ€hlt; die SVP ist unverĂ€ndert mit nur einem Sitz im Bundesrat vertreten; sie hat, vorĂŒbergehend lautstark, den „Bruch der Konkordanz durch die andern“ beklagt, um dann doch mit nur einem Vertreter im Bundesrat zu bleiben.

PolitikwissenschafterInnen, die sich wie amerikanisch-niederlĂ€ndische Politikwissenschafter Arend Lijphart ein Leben lang mit dem Thema „Consociationalism“ auseinander gesetzt haben, kommen zu einem ganz anderen VerstĂ€ndnis. Konkordanz sei eine Form der Regierungsweise in tief gespaltenen Gesellschaften, um Gewalt in der Politik zu vermeiden, Demokratie zu gewĂ€hrleisten und StabilitĂ€t der Regierung zu garantieren. Ausdruck der Konkordanz seien Proporzwahlrecht fĂŒr das Parlament, grosse Koalitionen fĂŒr die Regierung, Minderheitenschutz und Föderalismus.
Konkordanz, könnte man es zuspitzen, bestimmt sich nicht einfach nach der personellen oder parteipolitischen Zusammensetzung der Regierung; sie ist ein Demokratiemuster, der UmstÀnde wegen.

Eben dieses Demokratiemuster der Schweiz bestimmte Adrian Vatter, Direktor des Instituts fĂŒr Politikwissenschaft an der UniversitĂ€t Bern, wie folgt:
. Erstens, grundlegend sei, dass nicht die Parteien die Interessenvermittlung dominierten, sondern den VerbÀnden eine zentrale Rolle in der Willensbildung zukommt; das versachliche den möglichen Parteienstreit.
. Zweitens, Machtteilung werde durch die hohe Bedeutung der Kantone im schweizerischen Politsystems nachhaltig garantiert; das relativere die Möglichkeit, zentral eine Politikrichtung vorzugeben.
. Drittens, die durchdeklinierte direkte Demokratie in der Schweiz begĂŒnstige die BĂŒrgerInnen-Partizipation auf allen Stufen; sie wirke mĂ€ssigend auf politische Einseitigkeiten aus, die sie durch Volksentscheidungen korrigiere.
Mit letzterem geht typischerweise einher, dass Konkordanz auf einer Mehrparteienregierung basiere, die mehr als die knappest mögliche Mehrheit integriere. Nicht entgangen ist Vatter, dass Konkordanz heute auf kantonaler und Bundesebene unterschiedlich gut funktioniere; der Wandel weg vom Spezialfall hin zum Normalfall finde hier schnell statt als in den Kantonen, ohne jedoch schon dort angekommen zu sein.

Wenn Determinanten des politischen Systems auf Konkordanz ausgerichtet bleiben, ein zentrales Element, das Parteiensystem auf Bundesebene mit seiner Aufteilung in neue Akteure und polarisierte Parteien, jedoch in eine andere Richtung weist, stellt sich die Frage, was verÀndert werden muss. Ich denke, es gibt unter den hiesigen Politologen heute drei typische Antworten darauf:

. Einmal, Regierungskonkordanz bleibt zentral, sie muss aber institutionell erneuert werden, um den verÀnderten Bedingungen in Medien, Parlament und Regierung Rechnung zu tragen.
. Sodann, das Politsystem ist ĂŒberholt und muss den neuen Entwicklungen in den Parteien entsprechend in Richtung Alternanz umgebaut werden.
. Schliesslich, die Regierung soll inskĂŒnftig alle jene Parteien umfassen, die sich langfristig an konkordanten Regeln ausrichten wollen.

Letzteres vertritt beispielsweise der Genfer Politikwissenschafter Pascal Sciarini; er spricht dabei von der kleinen Konkordanz, die funktionsfĂ€hig bleibe, auch wenn auf eine Polpartei im Bundesrat verzichtet werde. Zweiteres ist das Steckenpferd von Hanspeter Kriesi, Politologieprofessor in ZĂŒrich, demnĂ€chst in Florenz, der die SP auffordert, in die Opposition zu gehen, sich umfassend zu erneuern und so den politischen Kampf mit der erstarkten Rechten in einem verĂ€nderten System aufzunehmen. Ersteres wiederum propagierte jĂŒngst Michael Hermann mit seinem PlĂ€doyer fĂŒr eine Revitalisierung der Konkordanz durch Elemente der Volkswahl des Bundesrates, des Schiedsgerichtes durch das Volk bei uneinigen Parlamentskammern und durch Aufwertung der Bundeskanzlei zu einem PrĂ€sidialdepartement mit besonderen Befugnissen.

Ich selber bin ja immer wieder erstaunt zu sehen, wie gut der Sog funktioniert, dass man als grosse Parteien nur in der Regierung Erfolge fĂŒr die eigene WĂ€hlerschaft erzielt, selbst wenn man Probleme auf sich lĂ€dt. Denn insbesondere das Kollegialsystem wirkt nachhaltig einschrĂ€nkend auf die Profilierungsmöglichkeiten einer Regierungspartei.
Konkordanz ist deshalb eine Herausforderung fĂŒr politische Parteien, die dauerhaft Erfolg haben wollen, die sie nicht unterschĂ€tzen sollten. Ohne Anpassungsleistungen der Parteien an die mehr oder weniger garantierte Teilhabe an der Regierung kann das Demokratiemuster nicht ĂŒberleben, das bei aller VerĂ€nderbarkeit der Schweiz durchaus angemessen bleibt.

Claude Longchamp

Was ich mit der Vorlesung zur Wahlforschung erreichen will

Die Vorlesungszeit hat begonnen: In ZĂŒrich unterrichte ich im Bachelor-Programm der Politikwissenschaft erneut Wahlforschung – in Theorie und Praxis. Hier meine AbsichtserklĂ€rung.

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Ort des Geschehens: Das neue GebĂ€ude des Instituts fĂŒr Politikwissenschaft an der UniversitĂ€t ZĂŒrich

FĂŒnf Ziele hat die Wissenschaft, will ich meinen Studierenden der Politikwissenschaft an der UniversitĂ€t ZĂŒrich wĂ€hrend der Vorlesung zur Wahlforschung beibringen:

. die Beschreibung der Wirklichkeiten bei Wahlen
. die ErlÀrung von Ursache-/WirkungsZusammenhÀngen
. die theoretische BegrĂŒndung von
. die Prognose von Ereignissen und
. das Handeln als Wissenschafter.

Jede dieser Zielsetzungen ist anspruchsvoll, wie mit nicht zuletzt bei der Vorbereitung wieder einmal klar geworden ist.

Denn Medien beschreiben einem, was ist, doch machen sie das nach ihrer eigenen Logik, der die Wissenschaft nicht folgen muss. Ursache- und WirkungszusammenhĂ€nge scheinen Berater besser zu kennen als Forscher, was auf die Akteure ausstrahlt und die Aufgabe der Wissenschaft nicht erleichtert. Theorien wiederum hat die Wissenschaftsgemeinschaft entwickelt, doch stammen die meisten aus den USA – und sind durch das politische System geprĂ€gt, genauso wie in vielem amerikanischen Kultur mitschwingt. Bei den Schwierigkeiten, welche der Prognose von Ereignisse innen wohnen, muss man gar nicht so weit ausholen; die eigenen Erfahrungen reichen da. Und last but not least, wird das Handeln als Wissenschafter schnell missverstanden.

Letzteres war auch schon in den ersten Diskussionen wĂ€hrend der Lehrveranstaltung der Fall. Das hat wohl damit zu tun, dass Politikwissenschaft – gerade wĂ€hrend dem Studium – kontemplativ ist. Der zentrale Studienmodus ist der des Schauen, bisweilen der Beschaulichkeit. ErklĂ€rungen, die man dazu anbringt, haben ĂŒberwiegend den Charakter der ex-post-ErklĂ€rung. HĂ€ufig sind die induktiver Natur, eher selten deduktiver. Vorhersagen muss man wĂ€hrend der ganzen Ausbildung zur PolitikwissenschafterIn allermeistens nichts – und ist vielleicht genau deshalb erfolgreich.

Mir geht es, mit der Vorlesung zur Wahlforschung in Theorie und Praxis, um mehr: Zum Beispiel um die rasche Vermehrung von Politologen in der Wahlpraxis.

Nicht nur, weil zahlreiche Kandidierende ein politikwissenschaftliches Studium hinter sich haben. Auch, weil PolitologInnen heute GeneralsekretĂ€rInnen von Regierungsparteien sind, in WahlausschĂŒssen arbeiten, die WahlkĂ€mpfe durchziehen, in grosser Zahl in Medien darĂŒber berichten oder als ExpertInnen fĂŒr Medien arbeiten. DafĂŒr werden sie kaum vorbereitet. Mehr noch, auch PolitikwissenschafterInnen, die sich nicht so nahe an die AktualitĂ€t wagen, handeln heute zunehmend in Anwendungsfeldern: beileibe nicht nur als PraktikantInnen in WahlstĂ€ben amerikanischer PrĂ€sidentschaftskandidatInnen, immer mehr auch als WahlhelferInnen in neuen Demokratien, wo sie daran beteiligt sind, eine vernĂŒnftige Wahlpraxis auszubauen. Nicht zuletzt werden PolitikwissenschafterInnen, gerade auch aus der Schweiz, an vielen Orten um Rat gefragt, wie Wahlen konzipiert sein sollten, damit sie ihrer vornehmsten Aufgabe, dem friedlichen Machtwechsel gerecht werden, und nicht selber zum Anlass fĂŒr Gewalt werden. Daran zu arbeiten, ist eine der anspruchsvollsten Herausforderungen, auf die man sich frĂŒhzeitig einstellen sollte.

Oder um noch deutlicher zu sagen: WahlforscherInnen, aber auch WahlexpertInnenen sollen zurecht ein politikwissenschaftlichen Studium machen können, dass nicht ideologisch geformt ist, indem nicht nur die AktualitĂ€t den Takt angibt. Meines Erachtens braucht es indessen keine Hyper-Spezialisten, die theoretisch alles kennen, von der Praxis aber keine Ahnung haben, die fast alles wissen, aber ĂŒber fast nichts. Nebst dem Können in der Forschung geht es mir auch um Fragen der Relevanz von wissenschaftlichem Wissen, das sich nicht scheut, bisweilen mitten im Geschehen zu stehen, ohne zu glauben, man sei bloss Techniker und ohne zu meinen, man sei der Guru, indes, wie es JĂŒrgen Habermas formulierte, ihren eigenen Diskurs im Dialog mit der Politik fĂŒhren, wobei Ziel und Mittel des politischen Handelns zum Vorteil beider Seiten aktiv verhandelt werden.

Claude Longchamp

Auf nach St. Gallen!

Nach der Lehrveranstaltung in ZĂŒrich habe ich auch meinen Kurs in St. Gallen neu konzipiert: Erstmals werde ich ein Seminar zu “Lobbying in Theorie und Praxis” anbieten.

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UniversitÀt St. Gallen

Lobbying ist in der allgemeinsten Form Interessenvertretung gegenĂŒber der Politik. Zum Beispiel, um Steuererleichterungen zu erhalten, oder Subventionen zu vermehren. Lobbying kommt typischer Weise aber auch dort vor, wo die Politik allgemeinverbindliche Regeln beschliesst, die organisierbare Interessen betreffen.

Das alles ist nicht neu; neu ist indessen dass die Interessenvertretung zu einem eigenen politischen Handeln wird, denn die Symbiose aus Volksvertretung und Interessenvertretung je im Nebenamt ist in Auflösung begriffen. Aus MilizpolitikerInnen werden Berufsleute, aus ehrenamtlichen VerbandsvorstĂ€nden werden GeschĂ€ftsleitungen mit spezifischen Funktionen. Gar nicht der zunehmenden Verbreitung von Lobbying entsprechen die Regelungen der neuen TĂ€tigkeit. Seien es gesetzliche Auflagen oder auch Standesregeln: die Schweiz hinkt internationalen Entwicklungen zur Standardisierung und Reglementierung der professionellen Interessenvertretung gegenĂŒber der Politik nach.

Hier öffnet sich ein breites Forschungs- und Beratungsfeld, das ich mit meinem Lehrauftrag an der UniversitÀt St. Gallen ab 2012 beackern möchte. Einmal geht es darum, die Entwicklungen auf der internationalen Ebene zu verfolgen und mit denen in der Schweiz zu vergleichen, nicht zuletzt um die Frage zu beantworten, was in den kommenden 5 bis 10 Jahren in der Schweiz zu erwarten ist. Dann wird es auch darum gehen, VorschlÀge zu erarbeiten, was eine gute Praxis sein könnte, die den Voraussetzungen und Trends im politischen System der Schweiz angemessen ist. Letzteres soll durchaus Auswirkungen zeigen auf die weitere Systematisierung des Lobbyings in der Schweiz.

Die Lehrveranstaltung wird im Herbstsemester 2012 an der UniversitĂ€t St. Gallen stattfinden. Sie wird im Rahmen des Masterprogramms “International Affairs” angeboten werden. Ansprechen will ich damit fortgeschrittene Studierende, die sich vorstellen können, fĂŒr internationale Organisationen, aber auch fĂŒr nationale VerbĂ€nde in Stabstellen oder in spezialisierten Agenturen, Interessenvertretung als Beruf auszuĂŒben und sich darauf vorbereiten möchten.

Der Einstieg in die Weiterbildung findet als 3tĂ€tiger Blockkurs statt. In der ersten Semesterwoche wird es ein Kickoff-Meeting fĂŒr Interessierte geben. Die Blockveranstaltung wird wĂ€hrend der kleinen Semesterferien stattfinden. Die PrĂŒfung besteht aus der PrĂ€sentation einer Seminararbeit in schriftlicher und mĂŒndlicher Form. Letzteres wird von der GeschĂ€ftsleitung des gfs.bern stattfinden, welche den praktischen Nutzen beurteilen wird; ersteres werde ich mit Blick auf die Entwicklung einer Theorie des Lobbyings im Politsystem der Schweiz bewerten.

Die Blockveranstaltung wird an zwei Tagen in St. Gallen durchgefĂŒhrt werden, wĂ€hrend des dritten Tages werden wir Lobby-Organisation in Bern beuschen. Dabei werden die Teilnehmenden eingefĂŒhrt werden in die Theorien des Lobbyings, aber auch die Studien ĂŒber die Verbreitung auf nationaler und europĂ€ischer Ebene kennen lernen. Sie formulieren alleine oder in Gruppen ein kleines Forschungsprojekt, das neue Aspekte des Handelns von Lobbyisten oder der Regelung des Lobbyings aufzeigen soll. Mit den Besuchen in Bundesbern sollen Kontakte zu ausgewĂ€hlten relevanten Akteuren hergestellt werden. Der Blockkurs soll die Teilnehmenden auf die Ausarbeitung des Forschungsprojektes abschliessend vorbereiten. Diese ist bis Semesterende fertigzustellen.

Ich freue mich, im neuen Jahre mit der neuartige Veranstaltungs(reihe) an der HSG beginnen zu können!

Claude Longchamp

Auf nach ZĂŒrich!

Wahlforschung in Theorie und Praxis – heisst meine Lehrveranstaltung im kommenden FrĂŒhlingssemester an der UniversitĂ€t ZĂŒrich. Eine erster Einblick.

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Politikwissenschaft fĂŒr den Wahltag: 12 Stunden-Live-Einsatz im Wahlstudio des Schweizer Fernsehens – und was davon fĂŒr die Wissenschaft bleibt.

Wahlforschung ist interdisziplinĂ€r: Zuerst interessierten sich die Juristen fĂŒr das Wahlrecht, dann die Statistiker fĂŒr die Wahlergebnisse. Geografen vermassen die Resultate in den Regionen und Historiker berichteten ĂŒber ihren Wandel in der Zeit. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat die sozialwissenschaftlichen BeschĂ€ftigung mit Wahlen zugenommen: Institutionellen Fragen, das Wahlverhalten, die EinflĂŒsse aus Wirtschaft, Gesellschaft und Medien haben an Bedeutung gewonnen, und sie bedingen, Wahlen unter verschiedenen Perspektiven zu betrachten.

Im FrĂŒhlingssemester unterrichte ich Wahlforschung an der UniversitĂ€t ZĂŒrich. Die Vorlesung wird vom Institut fĂŒr Politikwissenschaft im Rahmen des sozialwissenschaftlichen Bachelor-Studiums angeboten. Die Besonderheit meines Kurses: Er soll in Theorie und Praxis einfĂŒhren, also nicht nur ökonomische und sozialpsychologische Verhaltensmodelle lehren, das Wirken der Parteien und Medien vorstellen und die Auswirkungen des sozialen und politischen Wandels auf die Ergebnisse diskutieren, nein, er wird auch ĂŒber Projekte der Wahlberichterstattung, LĂŒcken der Forschung und die Rolle der PolitologInnen in der Mediendemokratie berichten.

Der zentrale Gegenstand könnte aktueller nicht sein; ich werde vorwiegend Beispiele aus dem Wahljahr 2011 nehmen: Die Nationalrats- resp. StÀnderatswahlen, die Bundesratswahlen, aber auch die kantonalen Wahlen sollen zur Sprache kommen.

Detailliert habe ich die Veranstaltung noch nicht geplant. Sie entsteht gegenwĂ€rtig in “meinem Bauch” – auch als Verarbeitung von Ergebnissen, Analysen, EindrĂŒcken aus dem auslaufenden Jahr. Viel Material hat sich in meinem BĂŒro gesammelt, das ich dieser Tage sortiert, bewertet, weggeworfen oder abgelegt habe. Jetzt muss ich GefĂŒhle, Wissen und Können nur noch in grossen Ganzes bringen. Hier schon mal die Disposition:

1. Vorlesung: EinfĂŒhrung zur Wahlforschung in Theorie und Praxis
2. Mikro-Theorie (I): Das einfache ökonomische Verhaltensmodell
3. Mikro-Theorie (II): Parteibindung, Themen- und Kandidatenorientierung
4. Makro-Theorie (I): Historische Konfliklinien und das Parteiensystem der Schweiz
4. Makro-Theorie (II): postmaterialistischer und nationalkonservativer Wertewandel als neue Konfliktlinien im Parteiensystem der Schweiz
5. Politische Mobilisierung und Wahlbeteiligung
6. Wahlen und WahlkÀmpfe in der Mediengesellschaft von heute: zwischen AufklÀrung und Propaganda
7. Wahlen und Wahlrecht in der Schweiz
8. Wahlprognosen im Vergleich
9. Modellhafte Analyse der Nationalratswahlen
10. Modellhafte Analyse der StÀnderatswahlen
11. Wahlen im Konkordanzsystem: Analyse der Bundesratswahlen 2011
12. PolitologInnen im Wahlgeschehen 2011

In Gedanken mache ich mich auf nach ZĂŒrich!

Claude Longchamp

Analyse von StĂ€nderatswahlen – Forschungsseminar an der Uni Bern

Programm Forschungsseminar “Analyse von StĂ€nderatswahlen”
Herbstsemester 2011, Master “Schweizerische und vergleichende Politik”, IPW, UniversitĂ€t Bern

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Zielsetzung
Die Wahlforschung in der Schweiz hat sich weitgehend auf die Analyse von Nationalratswahlen konzentriert. Die Erforschung der StÀnderatswahlen blieb weitgehend aus.
Das Forschungsseminar fĂŒr Fortgeschrittene, das ich im Herbstsemester 2011 im Rahmen des Master-Programms am IPW der UniversitĂ€t Bern anbiete, will dem entgegenwirken.
Ziel des Seminars ist es, ein Modell zur Prognose und ErklÀrung von StÀnderatswahlen zu erarbeiten.
Das soll aufgrund der laufenden und zurĂŒckliegenden Wahlen in die kleine Kammer geschehen, durch Fallstudien und vergleichende Analysen ĂŒber die Kantone, allenfalls auch ĂŒber die Zeit hinweg.
Das Seminar berĂŒcksichtigt den spĂ€rlichen Forschungsstand, den die Politikwissenschafter Hanspeter Kriesi und Romain Lachat reprĂ€sentieren. Es nimmt aber auch AnsĂ€tze der Analyse auf, die Statistiker Peter Moser, Marc-AndrĂ© Röthlisberger und Stephan Tschöpe entwickelt haben, und es will auch einen Zugang zu den Ueberlegungen bieten, die sich PolitikerInnen fĂŒr ihre WahlkĂ€mpfe machen.
Untersuchen wollen wir den Einfluss von Kontextfaktoren, von Personenmerkmalen und von Kommunikationsstrategien bei StĂ€nderatswahlen. Geleistet werden die Arbeiten in Form studentischer Gruppenarbeiten, die wir gemeinsam diskutieren, welche die Studierenden ausarbeiten, und die am Schluss des Seminars prĂ€sentiert werden muss. Die letzte sitzung dient der Sichtung von Ergebnissen, die wir in unser anfĂ€nglich postuliertes Modell einbauen wollen, um so einen plausibilisierten Anstoss fĂŒr kĂŒnftige Forschungen zu geben.

Zielgruppe
Das Forschungsseminar, das sich an Studierende des Masters “Schweizerische und vergleichende Politik” richtet, setzt grundlegende Kenntnisse der Methoden und Verfahren der empirischen Politikforschung voraus; von Nutzen ist es, Kompetenzen in der vergleichenden Forschung zu haben. Erwartet wird die regelmĂ€ssige Mitarbeit im Seminar einerseits, die aktive Beteiligung an einem studentischen Forschungsprojekt andererseits. Diese muss mĂŒndlichen und schriftlich prĂ€sentiert werden. Alles zusammen fliesst in die Note ein. Ein eigentliche PrĂŒfung gibt es nicht.

Termine
23.9. EinfĂŒhrung: Wahlforschung und Modellbildung zur ErklĂ€rung und Prognose von Wahlen
30.9. Gemeinsame Entwicklung von Ideen fĂŒr Forschungsprojekte zu Kontextfaktoren, Persönlichkeitsmerkmalen und Kommunikationsstrategien
7.10. Diskussion Forschungsstand anhand ausgewÀhlter Dokumente
14.10 Beschlussfassung zu studentischen Forschungsprojekte im Rahmen des Forschungsseminars
21.10 Exkurs I: Hochrechnung StÀnderatswahlen 2011 im Kanton Bern, PrÀsentation durch Stephan Tschöpe, Hochrechner gfs.bern

23.10. Wahltag

28.10. Diskussion ausgewÀhlter Erstanalysen der StÀnderatswahlen
4.11. dito
11.11. Kampagnenstrategien im StĂ€nderatswahlkampf, Referat von und Diskussion mit Ursula Wyss, StĂ€nderatskandidatin SP im FrĂŒhling 2011
18.11. Exkurs II: Prognose von StÀnderatswahlen
10 Uhr Prognose der Ergebnisse erster WahlgĂ€nge, PrĂ€sentation Peter Moser, Kantonsstatistiker ZĂŒrich
11 Uhr Prognose der Ergebnisse zweiter WahlgÀnge aufgrund der Resultate im ersten Wahlgang, PrÀsentation Martin Röthlisberger, Mathematiker Bern

27. 11. Nachwahltag fĂŒr StĂ€nderatswahlen

2.12. PrÀsentation der Gruppenarbeiten I: Analyse von Kontextfaktoren
9.12. PrÀsentation der Gruppenarbeiten II: Analyse von Personenfaktoren
16.12. PrÀsentation der Gruppenarbeiten III: Analyse von Kommunikationsfaktoren
23.12. Schluss: Modellbildung zur StĂ€nderatswahl fĂŒr Theorie und Praxisbesprechung: Was wir neu ĂŒber StĂ€nderatswahlen in der Schweiz wissen

Das freut mich wirklich!

Ende MĂ€rz 1992 verliess ich die Uni Bern als Lehrbeauftragter (etwas unfreiwillig); gestern vergab mir die WISO-FakultĂ€t der Uni Bern nach 19 Jahren den Lehrauftrag fĂŒr Wahlforschung erneut!

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Was Wahlen entscheidet, soll ich inskĂŒnftig den Studierenden der Uni Bern lehren!

Im Herbstsemester 2011 nehme ich meine LehrtĂ€tigkeit auf der Masterstufe der hiesigen UniversitĂ€t auf. Als Erstes ist ein Seminar vorgesehen – zu den von der Wahlforschung lange vernachlĂ€ssigten StĂ€nderatswahlen. Verlangen werde ich qualifizierte studentische Projekte, die uns helfen zu verstehen, was bei StĂ€nderatswahlen anders seit langem anders verlĂ€uft als bei Nationalratswahlen, was sich heute Ă€ndert, und wohin sich die wichtigste Wahl von KantonsvertreterInnen auf Bundesebene entwickelt.

Traditionellerweise versteht man unter StÀnderatswahlen Personenwahlen. In der Tat, auf unsere Wahlzettel schreiben wir KandidatInnen. Chancenreich sind StÀnderÀtInnen, die wieder antreten. Erfolgsversprechend waren lange Kandidaturen von RegierungsrÀtInnen. Heute steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man als bekannte NationalrÀtin, als profilierter Nationalrat in die kleine Kammer gewÀhlt wird. Offenbar gerÀt einiges in Bewegung.
Zwar ist die Polarisierung zwischen den Polen links und rechts geringer als bei Nationalratswahlen, doch nimmt die Zahl erfolgreicher Bewerbungen von SP, SVP und GPS zu. Ueberhaupt, langweilige StÀnderatswahlen werden seltner, umstrittene WahlgÀnge mit offenem Resultat hÀufiger.
Die Medienaufmerksamkeit fĂŒr die Wahlen in die Kantonsvertretung nimmt offensichtlich zu – nicht nur auf lokaler Ebene, auch auf nationaler. Die Entscheidungen fallen zwar in den Kantonen, doch die nationalen Themen erfassen sie immer deutlicher. Nicht die angepasste Bewerbung in der Mitte interessiert dabei, sondern die angriffige der CharismatikerInnen, die ihre AnhĂ€nger, ja die WĂ€hlerschaft mit polarisierender Abgrenzung zu mobilisieren wissen.
Personalisierung von Persönlichkeitswahlen heisst heute Vieles: Man traut dem Menschen, nicht seinen HintergrĂŒnden. Man will mehr Privates wissen, weil das Oeffentiche gestellt und. Oder man will den Kampf in Sachfragen, weil die Ideologien aufgeweicht sind. Das alles machte StĂ€nderatswahlen interessant: fĂŒr Aufbau-Kandidaturen, als Plattformen fĂŒr den Wettbewerb von Ideen, als Kampf der Titanen, bei dem man sein ganzes Prestige aufs Spiel setzt. Nicht nur fĂŒr das Schaulaufen verdienter PolitikerInnen.

Ob das gut oder schlecht ist, werden dereinst die HistorikerInnen beantworten. Die normative Sozialwissenschaft bereitet die Antworten heute schon vor. Die empirisch Wahlforschung ist dafĂŒr nicht wirklich geeignet: Sie will beobachten, was ist, diagnostizieren, was das heisst und analysieren, was die Ursachen sind. Genau so verstehe ich auch mein erstes Seminar in Bern, das ich inskĂŒnftig, mit variierenden Themen regelmĂ€sig anbieten werde.

Die RĂŒckkehr an den Ort, wo ich vor mehr als zwei Jahrzehnten zu unterrichten begann, zu Europa-Abstimmungen und kantonalbernischen Wahlen freut mich umso sehr, als ich meinen Abgang 1992 bereute. Denn nicht nur als Forscher, auch als Dozent machte es mir immer wieder Spass, junge Menschen in die Einsichten der politikwissenschaftlichen Forschung einzufĂŒhren und aus ihren Ueberlegungen die Spuren herauszufiltern, welche die Entwicklung des Faches auf neuen Gebieten befördern werden. DafĂŒr will ich mich, rechtzeitig vor den Wahlen 2011, aber auch darĂŒber hinaus, erneut einsetzen.

Ein grosses Dankeschön ans Institut fĂŒr Politikwissenschaft und an die WISO-FakultĂ€t, die mir, dem Vernehmen nach einstimmig, eine zweite Gelegenheit hierzu eröffnen!

Claude Longchamp

Lobbying in der Schweiz: Was ist und was wird?

RegelmĂ€ssig halte ich meinen Kurs zum Lobbying am Verbandsmanagement Institut der UniversitĂ€t Freiburg. So auch diese Woche. Das ist jedesmal auch Gelegenheit, ĂŒber die Trends im Lobbying nachzudenken, und den Puls zu fĂŒhlen, wo wir in der Schweiz hierzu stehen. Hier meine aktuellste Bilanz!

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Typisch fĂŒr das neue Lobbying auch in der Schweiz: beeinflusst von allgemeinen Trends, insbesondere angelsĂ€chsischen, die ĂŒber internationale Firmen und die EU in die Schweiz kommen.

Die aktuelle Ausgabe der Schweizerischen Zeitschrift fĂŒr Politikwissenschaft bilanziert: „WĂ€hrend Lobbying im angelsĂ€chsischen Raum weitgehend akzeptiert ist, haftet ihm im kontinentaleuropĂ€ischen Kontext ein anrĂŒchiger Geschmack an. Empirisch zeigt sich jedoch, dass immer mehr Ressourcen in Public Affairs und politische Kommunikation investiert werden.“

Aus meiner Sicht lassen sich seit LĂ€ngerem fĂŒnf Trends, die auch das Lobbying in der Schweizer erfassen können, ableiten:

Erstens, Lobbying differenziert sich immer mehr als eigenstÀndige politische AktivitÀt.
Zweitens, Lobbying entwickelt hierzu Standards, was geht und was nicht geht,
Drittens, Lobbying professionalisiert sich aus sich selber heraus.
Viertens, Lobbying wird zum Bestandteil der politischen Oeffentlichkeitsarbeit.
FĂŒnftens, Lobbying initiiert vor allem im globalen Kontext neue Politiken.

Ein Trend trifft in der Schweiz unbestritten zu: Das Lobbying, vor allem der nationalen VerbĂ€nde, wird zusehends zum Bestandteil ihrer Oeffentlichkeitsarbeit. Teilweise trifft das auch fĂŒr Firmen und andere Organisationen zu. Die direkte Ansprache von Parlamenten, Regierungen und Verwaltung wird dabei durch die indirekte erweitert. Die Medienarbeit wird zum zentralen Bestandteil des Lobbyings, denn man weiss zwischenzeitlich nur zu gut, dass sich nicht nur die BĂŒrgerInnen, sondern auch PolitikerInnen und BeamtInnen in einem erheblichen Masse ĂŒber Massen- und Fachmedien zu politischen Fragen informieren.
Lobbying Ă€ndert damit den eigenen Charakter. Es verlĂ€sst das Schummerlicht der verdeckten Einflussnahme auf politische Entscheidungen mindestens teilweise. Es wird transparenter. Es erhofft sich dadurch nicht nur mehr Wirkung, es rechnet auch mit einem GlaubwĂŒrdigkeitsgewinn.

In der Schweiz bleibt dagegen die Initiativfunktion fĂŒr neue Politiken weitgehend Aufgabe von Regierungen und Parlamenten – oder der Wissenschaft. Die Behörden steuern ĂŒber politische Weltanschauungen, Regierungsprogramme und Expertisen, die von der Politik in Auftag gegeben oder genommen werden, die Agenda. Das Lobbying in diesem Bereich bleibt zurĂŒck, nicht zuletzt, weil Denkfabriken hierzulande eine untergeordnete Rolle spielen. Einzig im Abstimmungsbereich haben entsprechende Institutionen eine gewisse Vordenkerfunktion.

BeschrĂ€nkte VerĂ€nderungen kann man bei den drei anderen Trends festhalten. Lobbying differenziert sich teilweise von politischen Aemtern. Lobbying entwickelt beschrĂ€nkt Standards fĂŒr eigene Verhaltensnormen. Und Lobbying professionalisiert sich nur schrittweise. Ueberall hinkt die Schweiz im internationalen Vergleich indessen hinten nach.

Hinderlich erweisen sich das Milizsystem auf Parlamentsebene, das die Verquickung öffentlicher und privater politischer Funktionen fördert. Wenig förderlich ist auch, dass sich Lobbying unverĂ€ndert hinter anderen TĂ€tigkeiten wie Public Affairs, Oeffentlichkeitsarbeit oder politischer Beratung versteckt. Das fĂŒhrt nicht dazu, dass man ein eigenes SelbstverstĂ€ndnis des Guten und Schlechten entwickelt.

Schliesslich, anders als in zahlreichen anderen LĂ€ndern gibt es eine genuine Ausbildung zum Lobbyisten oder zur Lobbyistin in der Schweiz kaum. Das ist schade, den nebst dem Handwerklichen, das man irgendwo erwerben kann, braucht das Lobbying auch herausragende Fachkenntnisse des politischen Systems, der politischen Prozesse und der politischen Kulturen.

Eigentlich wĂ€re das alles eine geniale Herausforderung fĂŒr die Politikwissenschaft mit einem Flair fĂŒr Praxis.

Claude Longchamp

StÀnderatswahlen in der Schweiz: VorschlÀge zur Analyse zwischen Theorie und Praxis

Das Blockseminar zur Analyse von StĂ€nderatswahlen in der Schweiz an der UniversitĂ€t St. Gallen ist vorbei. Ein ordnender RĂŒckblick.

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Wird am 23. Oktober 2011 neu bestellt: der StÀnderat der Schweiz, die zweite, gleichberechtigte Kammer der Bundesversammlung

18 Lektionen in 3 Tagen sind eine Herausforderung. Mit dem Blockseminar in der ostschweizer Metropole erspare ich mir viel Reisezeit zwischen Bern und St.Gallen. Die Energie braucht man aber, um wĂ€hrend den Verhandlungen permanent prĂ€sent zu sein. Meiner Meinung nach wirkte sich diese Veranstaltungsform vorteilhaft auf das Lernklima aus. Denn so vertieft kann man eine Thema wĂ€hrend den ĂŒblichen Wochensitzung nicht verarbeiten. DafĂŒr ist die Distanz zu den Inputs grösser, wenn man regelmĂ€ssige AbstĂ€nde zwischen den Sitzungen hat.

Aufschlussreich waren die drei Referate “von aussen”: RegierungsrĂ€tin Karin Keller-Sutter reflektierte ĂŒber den Mainstream in der st. gallischen Politik, den sie gerne in Bern vertreten wĂŒrde. Aus ihrer Warte sind erfolgreiche Kampagnen bĂŒrgerInnen-nah, dezentral, authentisch – und ohne ĂŒbergeordnete parteipolitische Absichten. Auch TV-Journalist Hanspeter TrĂŒtsch betonte die Vielfalt der Schweiz, wo jeder Kanton anders als der andere ist, weshalb auch Wahlkampfkulturen divers blieben. Die wachsenden Rolle der Medien in der Politikvermittlung fĂŒhre zu einer Transformation von WahlkĂ€mpfen. Erfolgreichen Politikerprofile bleiben sich Ă€hnlich, es wechselten aber die Köpfe, Auftrittsstile und KommunikationskanĂ€le. Hermann Strittmatter wurde seinem Image als Exzentriker unter den Schweizer Werbern vollumfĂ€nglich gerecht. Erfolg im urbanen Raum, dozierte er, hĂ€nge davon ab, im Kommunikationswirrwarr nicht unterzugehen. Werbung mĂŒsse auffallen, was KreativitĂ€t verlange. Von Parteien erwartet einen KompatibilitĂ€tstest, bevor sie KandidatInnen nominierten. Gewinne werde schliesslich der oder die, welche(r) keine Fehler mache, indem er oder sie in der Hektik des Wahlkampfes Ruhe bewahre.

Der systematische Teil des Blockseminars beschĂ€ftigte sich mit Wahlkampftheorien. Allen bekannt sind die Annahmen der rationalen Wahl. Sie haben sich fĂŒr die Analyse der kurzfristigen Programmwahl durch die einzelne BĂŒrgerIn bewĂ€hrt. Doch sind sie kaum geeignet, die Konstanten in Wahlergebnissen zu untersuchen, und sie eigenen sich auch nicht gesellschaftlichen Strukturen und ihren Wandel in Wahlresultaten zu bestimmen. Skepsis herrscht auch, dass man damit Personenwahlen treffend untersuchen kann. Das Spannendste in der Forschung findet aktuell dort statt, wo das Handeln der Akteure im Schnittfeld von KandidatIn, Partei und Medien analyisert wird.

Konflikttheorien, welche die Transformation des postindustriellen Staates erhellen, wie das Herbert Kitschelt geleistet hat, geben hier den Rahmen ab. Stefan Dahlems grundlegende Uebersetzung der sozialwissenschaftlichen Wahltheorie in die Mediengesellschaft verdeutlicht, wie sich die Beziehungen zwischen WÀhlenden und GewÀhlten verÀndern. Schliesslich geht es in Wahlanalysen seit langem um das Marketing von Parteien und KandidatInnen, welche eingesetzt werden, um den Wahlerfolg erhöhen.

Drei Thesen haben der gegenwĂ€rtigen politik- und medienwissenschaftlichen Forschung haben uns inspiriert: uum einen die Medialisierungsthesen, wie sie von Barbara Pfetsch fĂŒr die Erforschung von WahlkĂ€mpfen vorgeschlagen wurden; sodann die Personalisierungsthesen, die namentlich Skeptiker der Demokratieentwicklung wie Colin Crouch favorisiert werden; schliesslich die Thesen der Modernisierung von WahlkĂ€mpfen, die namentlich Pippa Norris eingebracht hat.

Formuliert wurden diverse studentsiche Forschungsarbeiten, die im Schnittfeld von Thesen, Daten und Ergebnissen mit Praxisrelevanz diskutiert wurden. So fragt man beispielsweise nach neuen Stadt/Land-Konflikten in StĂ€nderatswahlen, die insbesondere die Wahlchancen von linken und rechten Kandidaturen in den Sprachregionen beeinflussen und genutzt werden können, um die Chancen einer Wahl zu erhöhen. Mehr wissen will man exemplarisch ĂŒber Medienstrategien im urbanen Raum, namentlich in ZĂŒrich und Genf, wenn es um PolitikerInnen-Vermittlung geht. Dazu werden typologisch ausgewĂ€hlte Medien untersucht. Und man interessiert sich ausdrĂŒcklich fĂŒr Möglichkeiten und Grenzen der Personalisierung von StĂ€nderatsbewerbungen, die zwischen staatstragendem und parteiischem Auftritt der BewerberInnen beurteilt werden sollen. Denn bei Nationalratswahlen weiss man, was gegenwĂ€rtig zieht, und es ist gut, dass wir mehr erfahren, ob sich die Erkenntisse dieser Wahlanalyse auch fĂŒr die Untersuchung von StĂ€nderatswahlen eigenen.

Ich bin gespannt, zu welchen SchlĂŒssen die studentischen Forschungsvorhaben fĂŒhren, und ob wir danach mehr wissen ĂŒber das Stiefkind der Schweizer Wahlforschung.

Claude Longchamp

Auf zur Analyse von StÀnderatswahlen

Diese Woche findet mein Praxiskurs an der HSG zur “Analyse von StĂ€nderatswahlen” statt. Besser hĂ€tte man weder den Zeitpunkt noch den Ort wĂ€hlen können, denn in St. Gallen kommt es im Herbst zum wohl spektakulĂ€rsten Showdown bei diesen Wahlen.

In nÀchsten Semester beschÀftige ich mich mit StÀnderatswahlen. Das schwor ich mir, als ich die Forschungsberichte zu den Selects-Projekten sah, die sich ausschliesslich auf die Nationalratswahlen konzentrierten. Nun ist es soweit: vom Mittwoch bis Freitag findet mein Blockseminar hierzu statt.

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KandidatInnen bei der diesjÀhrigen StÀnderatswahl in St. Gallen sind Toni Brunner (SVP), Karin Keller-Sutter (FDP), Paul Rechsteiner (SP) und Eugen David (bisher, CVP)

Der Praxisbezug wird in verschiedenster Hinsicht gewĂ€hrleistet: Erstens durch die AktualitĂ€t der StĂ€nderatswahlen 2011. Zweitens durch die Kontroverse ĂŒber die Funktion des StĂ€nderats als Vertretung der Kantone oder als Hort der Parteiinteressen. Und drittens gilt es, angesichts des Fehlens einer Theorie von StĂ€nderatswahlentscheidungen nötig, induktiv vorzugehen, das heisst, den Stand der Dinge und ihre VerĂ€nderung zu beobachten.

GewĂ€hrleistet wurde der Praxisbezug auch durch den Beizug Externer. Das Eröffnungsreferat hĂ€lt die St. Galler RegierungsrĂ€tin Karin Keller-Sutter, nebst Eugen David, Paul Rechsteiner und Toni Brunner eine der vier prominenten KandidatInnen fĂŒr den StĂ€nderat aus St. Gallen. Am zweiten Tag beleuchtet SF-Bundeshausredaktor Hanspeter TrĂŒtsch, weshalb sich selbst nationale Medien neuerdings fĂŒr exemplarische StĂ€nderatswahlen interessieren. Am dritten Tag lĂ€sst sich der ZĂŒrcher Werber Hermann Strittmatter, erfolgreicher Campaigner fĂŒr verschiedene linke KandidatInnen bei Majorzwahlen, in die Karten schauen.

Ziel des Blockkurses ist es, eine Gesamtsicht zu bekommen, wie ein Modell zur ErklÀrung von StÀnderatswahlen aussehen könnte. Angesichts des Forschungsstandes hierzu sind rasche Verbesserungen zu erwarten. Denn bis heute gilt, dass der common sense nicht nur die Wahlvorbereitungen in die kleine Kammer regiert, sondern auch die Analysen des Geschehens rund um den StÀnderat.

Die Studierenden prĂ€sentieren diese ihre Forschungsvorhaben dazu, die sich in der ersten SemsterhĂ€lfte erarbeitet haben. Ich wiederum werde versuchen, das Wissen der Politik- und Medienforschung zu Personenwahlen in der Mediengesellschaft einzubringen. Ich bin gespannt, zu welchen SchlĂŒssen wir kommen. Ich freue mich, wenn der Praxiskurs Resultate erbringt, die man die die Analyse der kommenden StĂ€nderatswahlen einfliessen lassen kann.

Claude Longchamp

Analyse von StÀnderatswahlen

Heute war Auftakt zu meiner Lehrveranstaltung an der UniversitÀt St. Gallen. Der Kurs ist einer der neun Praxisprojekte im Rahmen des MIA-Masterlehrgangs an der HSG. Hier meine Zielsetzung.

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Obwohl der StÀnderat im bi-kameralistischen Parlament der Schweiz gleich wichtig ist wie der Nationalrat, ist seine Wah bisher praktisch nicht untersucht worden.

Ich habe mich entschieden, mit meine Studierenden StĂ€nderatswahlen zu analysieren. Ausgelöst wurde dieses Interesse durch das jĂŒngste Spezialheft der Schweizerischen Zeitschrift fĂŒr Politikwissenschaft. Es beansprucht, den Stand der Dinge zur Schweiz darzustellen, behandelt die Wahlen in die kleine Kammer aber mit keinem Artikel.

Ich habe zwei ĂŒbergeordnete Fragestellungen an den Anfang der Veranstaltung gestellt:

Erstens: Kann man aus den Potenzialen von KandidatInnen sinnvolle Prognosen machen fĂŒr das Wahlergebnis? – Ich hoffen auf ein Ja.
Zweitens: Wie weit können Aktualisierungen solcher Potenziale in WahlkĂ€mpfen des Wahlergebnisses beeinflussen? – In denke, dass es auch hier positive Hinweise gibt.

In beiden FĂ€llen interessieren die Wahlergebnisse als abhĂ€ngige Variable. Dabei stehen Stimmenzahlen, Stimmenanteile, Beteiligungsanteile zur VerfĂŒgung. Ueber die Wahlmotive weiss so nichts, und es gibt praktisch keine Befragungen als Nachanalysen von StĂ€nderatswahlen, die einem helfen wĂŒrden, strategisches und taktisches WĂ€hlen zu analysieren. Untersuchbar sind aber Wahlergebnisse beispielsweise auf kommunaler Ebene, so im Stadt/Land- oder Sprachenvergleich.

Was die unabhÀngigen Variablen betrifft, schlage ich ein Raster vor, das bei den Potenzialen die institutionellen Rahmenbedingen, die KandidatInnen-Profile (im Vergleich) und die Allianzbildungen unterscheidet. Bei den Aktualisierungen differenziere ich nach dem Wahlkampf als solchem, nach den Kampagnen der KandidatInnen und nach den Medienstrategien.

Typische Indikatoren der Rahmenbedingungen sind das Wahlrecht, die Sitzzahl, die Zahl der freien Sitze sowie die GesetzmĂ€ssigkeiten erster und zweiter WahlgĂ€nge. Bei den KandidatInnen-Profilen interessieren die Rollen der Bewerbung vom Amtsinhaber, ĂŒber die Herausforderung bis zur Aufbau-Kandidatur. Es geht auch um die bisherige politische Karriere, den Leistungsausweise, die Erfahrugnen in Kampagnen, das Parteiimage und die Mitgliedschaften in politisch relevanten Gruppen. Schliesslich sollte man etwas ĂŒber die Hausmacht der Bewerbungen wissen, die Allianzbildungen ĂŒber Parteien hinweg und ĂŒber Absprachen unter Parteien, welche den Wettbewerb bei einer Wahl einschrĂ€nken.

Bei den Aktualisierungen geht es zunĂ€chst um das Unfeld einer Wahl, sei es, dass gleichzeitig weitere Wahlen oder Abstimmungen stattfinden. Es interessiert hier aber auch die Dauer des Wahlkampfes, und die Gepflogenheiten in einem Kanton bei solchen Wahlen. Wenn von Kampagnen die Rede ist, sollten die StĂ€be der KandidatInnen verglichen werden, ihre Budgets, die beanspruchte professionelle Hilfe, die Werbe- und Kommunikationsstrategien sowie die direkte WĂ€hleransprache und die Mobilisierungsaktionen. Schliesslich sollte man mehr wissen, ĂŒber die Medienstrategien bei StĂ€nderatswahlen, wie wichtig ihnen diese sind, welche NĂ€he und Distanz relevante Medien zu den Bewerbungen haben, wie ihre Redaktionskonzepte sind, wie sie mit Wahlwerbung umgehen, und wie das alles zusammenspielt.

Anlehnungen mache ich hiermit vor allem an das amerikanische Prognoseprojekt von pollyvote und an eine Untersuchung von Mark Balsiger zur Schweiz, der sich grundsÀtzlich mit Personeneffekten bei Nationalratswahlen beschÀftigt hat.

Ich bin gespannt, was dabei herauskommt. Die ersten Diskussionen waren schon mal aufschlussreich. Sie zeigten mir, dass man sich zur weltanschaulichen Polarisierung von Personenwahlen Gedanken macht, dass man mehr ĂŒber Emotionalisierung in Medienstrategien wissen möchte, und dass beispielsweise das Stadt/Land-Profil der Wahlkreise als Determinanten von linken und rechten Kandidaturen besonders interessiert.

Mehr spÀter!

Claude Longchamp