Archive for Mai, 2011

Wer im Parlament wieviel Kapital vertritt.

FDP und CVP konzentrieren 92 Prozent des Kapitals, das via Firmen und Stiftungen im Parlament vertreten ist, auf sich. Sie machen auch die Mehrheit der Mandate aus, obwohl sie nur eine Minderheit der ParlamentarierInnen stellen.

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Die 246 eidgenössischen ParlamentarierInnen vertreten zusammen 2045 Verwaltungs- und Stiftungsratsmandat. Trend: um rund 7 Prozent pro Jahr wachsend. Das berichtet die Firma Credita aufgrund einer aktuellen Zusammenstellung der relevanten Daten aus dem Parlament.

Die FDP-ParlamentarierInnen vereinigen 583 der Mandate auf sich. Es folgt die Zentrumsfraktion aus CVP, EVP und GLP mit 565 Mandaten. Mit deutlichem Abstand reihen sich die SVP (389 Mandate) und SP (310 Mandate) ein. gefolgt von der GPS (139 Mandate) und der BDP (59 Mandate).

Bezogen auf das Kapitel liegt die Zentrumsfraktion einsam an der Spitze. 62 Prozent der kapitalisierten Mandat sind in ihren H√§nden. Die FDP bringt es auf 29 Prozent, gefolgt von SVP und BDP mit je 4 Prozent. Die rotgr√ľnen ParlamentarierInnen kommen vereint auf 1 Prozent

Spitzenreiterin bei den Mandaten sind im Nationalrat Steuerexperte Paul-Andr√© Roux (CVP/VS) und im St√§nderat Felix Gutzwiller, Universit√§tsprofessor f√ľr Medizin und Institutsleiter (FDP/ZH). Beim vertretenen Kapital rangiert in der Volksvertretung die Anw√§ltin Gabi Huber (FDP/UR) an der Spitze, w√§hrend Jean-Ren√© Fournier (CVP/VS) in der Kantonsvertretung zuvorderst ist. Letzteres ist auf seine Funktion als Senior Advisor bei der Credit Suisse zur√ľckzuf√ľhren.

Im Schnitt vertritt ein Ständerat/eine Ständerätin 11 Firmen oder Stiftungen oder 190 Millionen CHF Kapital. Bei Nationalrat liegen die Werte etwas tiefer. Konkret sind es 8 Frmen und knapp 21 Millionen Kapital.

Markant sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Ein Mann kommt auf 9 Mandate und 65 Millionen Franken Kapitalvertretung, eine Frau auf 7, mit knapp 14 Millionen CHF Gegenwert. Das bleibt im Wesentlichen so, auch wenn man die Spitzenreiter weg lässt.

Die Credita, welche die Studie durchgef√ľhrt hat, schreibt im Kommentar, dass die N√§he zu Unternehmen und Stiftungen ein Ph√§nomen ist, dass nicht ausschliesslich, aber weitgehend bei FDP und CVP vorkommt. Die 41 Prozent ParlamentarierInnen dieser Fraktionen haben 56 Prozent der Mandate in, und sie konzentrieren 92 Prozent der Kaptials in ihren Reihen. Selbst SVP und BDP haben da wenig zu bestellen. Im Vergleich dieser beiden Parteien f√§llt auf, dass durch die Spaltung 2008 rund die H√§lfte der untersuchten Wirtschaftsverbindung weggefallen sind.

Die Verteilungen, √ľber die hier berichtet wird, ist typisch. Zun√§chst gibt es eine Anziehungskraft auf die gem√§ssigten b√ľrgerlichen Parteien. Dabei liegen je nach Aspekt die CVP resp. die FDP vorne. Die hat mit ihrer Programmatik zu tun. Dann kann man aber festhalten, dass die MedianpolitikerInnen besonders stark vertreten sind, nicht zuletzt, weil sie die MehrheitsbeschafferInnen in umstrittenen Entscheidungen sind.

Mit der vorliegenden Untersuchung ist die Transparenz erh√∂ht und systematisiert worden. Nichts gesagt wird damit √ľber das Stmmverhalten im Parlament. Dieses wurde in Abh√§ngigkeit dieser Unterlagen noch nie untersucht. Und es w√§re das einzig interessante. Denn ein Parlament, indem keine Interessen vertreten werden, ist wohl eine Fiktion. Ob es auch eine Fiktion ist, dass die Interessenvertretung keinen Eigennutzen bringt, ist noch zu untersuchen. Ein spannendes Forschungsthema, f√ľge ich da f√ľr Studierende der Politiwissenschaft bei.

Claude Longchamp

Internationaler VOX-Beirat tagt in Bern.

Den SchweizerInnen sind die VOX-Analysen eidg. Volksabstimmungen zum festen Begriff geworden. Im Ausland ist das noch wenig der Fall. Das soll sich jetzt schrittweise ändern.

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Medienkonferenz zur Präsentation der VOX-Forschungsergebnisse zu Ausschaffungsinitiaitive und Gegenvorschlag durch IPW der Uni Bern und gfs.bern

2007 wurden die VOX-Analysen 30 Jahre alt. Am Rande der damaligen VOX-Fachtagung in Bern wurde die Idee geboren, einen Beirat mit ausl√§ndischer Besetzung zu schaffen. Ziele des Beirates sind es, einmal die Arbeiten der VOX-Partnerschaft, bestehend aus den politikwissenschaftlichen Instituten der Universit√§ten Bern, Z√ľrich und Genf kontinuierlich durch eine Aussensicht zu begleiten, sodann Potenziale zu orten, wie die VOX-Analysen als Instrument der Abstimmungsnachanalyse auch im Ausland bekannter gemacht werden k√∂nnten.

2010 wurde ein VOX-Beirat mit den folgenden FachspezialistInnen gegr√ľndet:

Prof. Bruno Cautrès, CEVIPOF, Paris
Prof. Bettina Westle, Univ. Marburg
Prof. Markus Freitag, Univ. Konstanz
Prof. Gilg Seeber, Univ. Innsbruck
Dr. Winfried Marxer, Liechtenstein-Institut

Am kommenden Freitag und Samstag trifft sich der VOX-Beirat zu einem ausgiebigen Workshop in Bern. VertreterInnen des Instituts f√ľr Politikwissenschaft an der Univ. Bern und des Forschungsinstitut gfs.bern stellen in verschiedenen Beitr√§gen Geschichte und Aktualit√§t der VOX-Analysen vor, demonstrieren die Anwendung der Projektdaten und -ergebnisse in Wissenschaft und Praxis, und diskutieren, was die VOX-Analysen f√ľr das wachsende Interesse an Volksentscheidungen in Europa bieten k√∂nnen. Konkret:

Prof. Adrian Vatter h√§lt ein Grundsatzreferat zu M√∂glichkeiten und Grenzen der Nutzung von VOX-Daten f√ľr die Analyse der Aktualit√§t, aber auch f√ľr die wissenschaftliche Grundlagenforschung.
Thomas Milic zeigt, welche Elitesignale wie Bundesratsempfehlungen oder Parteiparolen als heuristische Entscheidungsgrundlage unter welchen Bedingungen Anwendung finden.
Martina Imfeld erläutert, wie sich Männer und Frauen bei Abstimmungen themenspezifisch entscheiden, und wer sich wann mit seiner Position durchsetzt.
Claude Longchamp bilanziert die Erfahrungen mit Nachbefragungen im Inland und lotet Potenziale f√ľr das Ausland aus.

Die BeirätInnen werden aktive Diskussionsbeiträge leisten und im abschliessen Podium aufzeigen, wie sie zu unseren Leistungen stehen, und was davon bei Abstimmungen in ihrem Land angewendet werden könnte.

Unterst√ľtzt wird die Veranstaltung von der Uni Bern, welche den Teilnehmende das Haus der Universit√§t zur Verf√ľgung stellt.

Ich werde aufmerksam Notizen machen und hier auch eine Bilanz ziehen.

Claude Longchamp

Ist direkte Demokratie ein Exportprodukt der Schweiz?

Regelm√§ssig werden PolitolgInnen eingeladen, √ľber die direkte Demokratie der Schweiz im Ausland oder vor ausl√§ndischen PolitikerInnen zu referieren. Das Interesse ist steigend, namentlich in Deutschland, wo “Stuttgart 21″ das Nachdenken √ľber Volksentscheidungen bef√∂rdert hat. Meine sieben Statements in dieser Sache im Ueberblick.

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Eines ist klar: Nirgends auf der Welt wird so viel abgestimmt wie in der Schweiz. Immer deutlicher wird aber auch, dass das Ausland aufholt. Heute gibt es in einem Durchschnittsjahr bereits mehr Volksentscheidungen im Ausland als in der Schweiz. Und so stellt sich die Frage: Ist direkte Demokratie d a s politischen Exportprodukt aus der Schweiz?

In meinen Ausf√ľhrungen hierzu merke ich zunehmend, dass politische System nicht einfach √ľbertragen werden k√∂nnen. Auch wenn wir PolitologInnen sie abstrakt-theoretisch nachzeichnen, sie sind gewachsen, aus den gesellschaftlichen Kr√§ften, den zur√ľckliegenden Konflikten und den L√∂sungen, die sich exemplarisch daraus ergeben haben. Strukturen des Staates, ja selber der Entscheidungsprozesse und der Politikprogramme haben ihre Entsprechungen in den Kulturen.

GegnerInnen der direkten Demokratie gebrauchen diesen Hinweis gerne, um die Nicht-Uebertragbarkeit politischer Institutionen zu betonen. Entweder folgt man dem klassisch parlamentarischen oder bekannten pr√§sidentiellen System, oder aber man entscheidet sich f√ľr das direktdemokratische.

Das Argument greift meines Erachtens zu kurz. Denn auch die Schweiz war nicht von Beginn weg ein direktdemokratisches System, sondern hat sich vom parlamentarischen hierzu gewandelt. Aus diesem Prozess des Wandels kann man einiges aus den Schweizer Erfahrungen lernen, ohne fixfertige Antworten zu kriegen.

Erstens, Experimente mit Volksentscheidungen in parlamentarischen Systemen sind in kleinen politischen Einheiten einfacher als in grossen. Daraus folgt, dass direkte Demokratie lokal und in Gliedstaaten eingef√ľhrt und erprobt werden sollte, bevor es auf nationalstaatlicher oder gar supranationaler Ebene zur Anwendung kommt.

Zweitens, Volksentscheidungen sind nicht da, um Probleme zu l√∂sen, bei denen der parlamentarische Prozess versagt hat. Sie sind da, um B√ľrgerInnen-Partizipation in der Sache zu f√∂rdern. Das ist der Kern einer vorausschauenden Institutionenpolitik, die nicht zur Reparaturwerkst√§tte verkommen darf. Sonst misst man direkte Demokratie an √ľbertriebenen Einzelerwartungen.

Drittens, namentliche Parteien m√ľssen lernen, mit direkter Demokratie umzugehen. Denn die ausschliessende Macht der Fraktionen wird mit Volksentscheidungen klar relativiert, w√§hrend der Umgang der Parteien mit B√ľrgerInnen-Anliegen auch ausserhalb von Wahlen gest√§rkt wird. Das muss parteiintern in eine Balance gebracht werden, was den Oppositionsparteien einfacher f√§llt als Regierungsparteien.

Viertens, auch Medien m√ľssen f√ľr die direkte Demokratie gewonnen werden. Denn ohne ihre ansp√∂ruchsvolle Informationsarbeit sind B√ľrgerInnen-Entscheidungen nicht m√∂glich. Medien k√∂nnen davon auch profitieren, enn sie bei Volksabstimmungen in einen direkten Dialog mit ihrer Kundschaft treten. Diese empf√§ngt nicht nur, sondern auch sendet auch, sp√§testens mit dem Entscheid selber.

F√ľnftens, in einem gr√∂sseren Zusammenhang gekl√§rt werden muss, welche Instrumente der direkten Demokratie unter gegebenen Bedingungen Sinn machen. Der Referendumstyp ist ein Bremse, die je nach Ausgestaltung mehr oder minder stark sein kann, aber immer als Korrektiv zum Parlamentsentscheid wirkt. Der Initiativtyp ist ein Gaspedal, mit dem die B√ľrgerschaft Ideen im Entscheidungsprozess initiieren oder auch einbringen kann. Eine Kombination von beidem erh√∂ht die Akzeptanz in verschiedenen politischen Lagern.

Sechstens, festgelegt werden m√ľssen die Spielregeln: Ob B√ľrgerbewegungen, die Volksentscheidungen verlangen, ideell, finanziell und infrastrukturell unterst√ľtzt werden sollen oder nicht, muss klar geregelt sein. Denn damit definiert man auch, ob Parteien weitgehend alleine, oder auch Interessenverb√§nde und Bewegungen als Tr√§gerInnen von Volksrechten werden sollen.

Und siebtens, direkte Demokratie kann, einmal eingef√ľhrt, kaum mehr zur√ľckgenommen werden. Sie wird zu einem dauerhaften Element in der Entscheidfindung, und sie ver√§ndert diese auch – denn keine Regierung, kein Parlament verliert gerne in Volksabstimmungen, weshalb sie mit Volksrechten “responsiver”, aufmerksamer werden, f√ľr das was ausserhalb von Parlamenten geschieht.

Oder anders gesagt: Volksrechte kann man nicht einfach verpflanzen. Ihre Instrumente sind keine Exportprodukte. Sie sind aber eine Expertidee. Man kann die Bestrebungen dazu aber befördern, auch mit den guten und weniger guten Erfahrungen, welche die Schweiz hierzu gemacht hat Рum Fehler zu vermeiden und schneller zu brauchbaren Lösungen zu kommen.

Claude Longchamp

Liebe Fachfrau f√ľr Kommunikation.

Nach deinem Insistieren in Sachen Sinus-Milieus versuche ich es nochmals. Beispielhaft, um das Abstrakte einzubetten, und direkt, um auf deine brennenden Fragen einzugehen. Lass uns schweben, von deinen Reisepl√§nen, √ľber das Transfigurative in der Gesellschaft bis hin zur Pragmatik von Milieustudien.

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Wem streng empirische Studie zu abstrakt sind, wenn es um die (nahe) Zukunft geht, der (oder die!) wird bei Matthias Horx wohl f√ľndiger, denn er beschreibt konkret, wie Wandel, auch soziokultureller menschengemacht vorkommt.

Das Einfache der eigenen Biografie
Beginnen wir mit einem Gedankenspiel. Wohin gehst du in die Ferien? War das immer so? Was hat sich ge√§ndert, seit du Studentin der Biochemie wurdest? – Ich nehme an: viel. Denn die Ferienwahl ist ein Teil der biografischen Entwicklung, auf der Suche nach Identit√§t, in Verbindung mit der Berufskarriere, und stark abh√§ngig von der famili√§re Situation. PsychologInnen w√ľrden sagen, Ferienwahl hat etwas mit dem Lebenszyklus zu tun, indem man steckt.

Du siehst, individuell kann sich viel ändern. Aendert sich deshalb auch gesellschaftlich etwas? Nicht zwingend, ist die Antwort der Demografen. Denn wenn eine Gesellschaft gleich komponiert bleibt, ersetzen neue Individuen alte, doch die Gesellschaft als Kollektiv bleibt sich gleich. Denk an einen Ameisenhaufen, der immer gleich aussieht, auch wenn einzelne Viecher sterben oder geboren werden.

In westlichen Gesellschaften ist das aber nicht so. Die Alterspyramide ist in erheblicher Ver√§nderung begriffen. Es stehen immer mehr √§ltere Menschen immer weniger j√ľngeren Gegen√ľber. faktisch bekommen wir eine Alterskerze. Unser Gedankenspiel in der heutigen Gesellschaft bedeutet deshalb: die Themen im Lebenszyklus, die einem h√∂heren Alter verbunden sind, werden zahlreicher, jene der j√ľngeren werden verringert. Gesamtgesellschaft √§ndert sich etwas.

Das Komplizierte der Generationen
Faktisch ist alles aber noch komplizierter. Denn die neuen Jungen finden auch andere Lebensbedingungen vor als ihre Vorg√§nger-Jungen: Es ist kein Krieg mehr, der Konsum aus Prestigegr√ľnden ist ges√§ttigt und die Rebellion der 68er ist vorbei. Daf√ľr spricht man von Individualisierung, von Multioption, von Genuss, von Flexibilit√§t, von Unsicherheit, kurz von einer Hybridkultur, mit der man zu Rande kommen m√ľsse. Das alles pr√§gt(e) ganze Generationen. Diese definieren sich daraus, dass sie neue Antworten auf neue Fragen geben. Sie grenzen sich damit von den vorhergehenden Generationen ab. Generationen entstehen nicht jedes Jahr neu, auch wenn das Marketing das so sieht. Vielmehr gibt es zyklisch neue Generationen, die man teilweise erst im R√ľckblick wirklich unterscheiden kann.

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Treiber des soziokulturellen Wandels in der transfiguralen Gesellschaftskonstellation (Quelle: Horx: Wandel)

Was wir nun haben, m√ľssen wir noch interkulturell differenzieren. Margaret Mead, die grosse amerikanische Anthropologin des 20. Jahrhunderts untersuchte in ihrer Schrift “Der Konflikt der Generationen” verschiedenste Kulturen dieser Welt. Sie kam zum Schluss, dass es drei typische Konstellationen gibt im Verh√§ltnis von Kindern und Eltern:

. die postfigurative Konstellation, die sich an der Vergangenheit orientiert, in der die Eltern ihre Werte auf ihre Kinder √ľbertragen konnen, die wenig flexibel ist und in der Generationeneffekte kaum identifiziert werden k√∂nnen,
. die konfigurative Konstellation, die sich an der Gegenwart ausrichtet, wo die Kinder nicht einfach die Eltern nachahmen, sondern sich an den Antworten der Gleichaltrigen ausrichten, die deshalb flexibler sind, und in denen eigentliche Generationen von Kindern, Jugendlichen und Eltern ersichtlich werden.
. und die präfigurative Konstellation, die auf die Zukunft gerichtet ist, weil die Kindern den Wandel schneller aufnehmen als ihre Eltern, diese fordern und lehren. Solche Gesellschaften sind nicht nur flexibel, der soziale Wandel wird durch die Jugend vorangetrieben.

Machen wir auch hier ein Beispiel: W√§hlst du gleich wie Deine Eltern? In einer durchunddurch postfigurativen Kultur w√ľrden hier alle mit “Ja” Antworten. Das ist heute bei den konfessionell gebundenen Parteien, der CVP und EVP auch noch √ľberwiegend der Fall. Bei allen anderen kommt es nur noch minderheitlich vor. Weil es Generationenbr√ľche gibt, mit denen man, aus einem FDP-Haushalt stammend, nun SP w√§hlt, oder weil man genug hat von der CVP, welche die Schweizer nicht genug hochh√§lt und nun bei der Jungen SVP ist. Das ist typisch f√ľr die konfigurative Konstellation. Die Diskussionen unter Gleichaltrigen √ľbertreffen die Wirkungen des famili√§ren Mittagstisches.

Das Komplexe an der Zukunftsgesellschaft

Anhand der neuen Medien kann man sogar noch weiter gehen. Die Kids der etablierten Manager sagen ihrem Vater, wenn seine Firma nicht bald twittert, auf facebook ist, dann werde sich von der eigenen Geschichte eingeholt werden. Denn dann w√ľrden sie, die Kids, in den social media √ľber die Firma berichten. Das ist typisch pr√§figurativ.

Vielleicht wird daraus sogar mehr: Der Zukunftsforscher Matthias Horx (“Das Buch des Wandels”) hat die bisher h√∂chste Komplexit√§t der Analyse anget√∂nt: Bis 1968 waren Gesellschaften wie die schweizerische postfigurativ, wurden dann konfigurativ, und entwickeln sich heute zum pr√§figurativen. F√ľr die Zukunft sieht er eine transfigurative Konstellation aufkommen, in der sowohl die Medien wie auch der W√§chterrat von Bedeutung sein werden:

. die Medien mit ihren Vorbildern (Roger Federer, Paris Hilton oder Christoph Blocher), die Grundorientierung von leistungsorientierten, erfolgsverw√∂hnten Sportlern, von Tussis, die keinem sexuellen Experiment abgeneigt sind, aber auch von nationalkonservativen Patriarchen, f√ľr die Wirtschaft wie Politik Status ist, in die ganze Gesellschaft transportieren und Milieus tendenziell auf (denn wir alle werden ein wenig hybride Gesellschafts- und PolitikkonsumentInnen) aufl√∂sen,

. sodass es soziokulturelle W√§chterr√§te braucht, die √ľber die Familien hinweg f√ľr ordnende Leitbilder in der Mediengesellschaft sorgen: die Eliteschulen wie die HSG f√ľr angehenden Leader, das Opus Dei, um die katholische Kirche vor dem Zerfall zu retten, und die SVP, die abschliessend definiert, wer eine guter Schweizer ist und wer nicht. Damit sind sie in der Definition des soziokulturellen Wandels erheblich, beeinflussen bisherige Milieus oder lassen auch neue entstehen!

Das Pragmatische von Milieustudien

Die Milieu-Studien der Socio Vision, √ľber die wir uns ja unterhalten haben, sind ein Kombi von dem. Sie beobachten Menschen in ihrem Lebenszyklus. Sie beschreiben aber auch den kulturellen Wandel ganzer Gesellschaften. Dabei interessieren sie sich f√ľr drei Sachen: die Schichten, die sich √§ndern (aufgrund von Ausbildung, Alterung und Migration), und die Grundhaltungen, die sich beschreiben lassen. Jede(r) von uns hat da seine Position, idealtypisch mitten in einem Milieu, oder als Mischgruppen am Rande von Milieus. Die Zuordnung kann sich im Verlaufe eines Lebens √§ndern, muss sich aber nicht. Aenderungen sind bei hoher Mobilit√§t, r√§umlich oder sozial zu erwarten: So beginnt man beispielsweise als Eskapist, wird zum Postmateriellen und endet bei den Arrivierten. Es √§ndern sich aber auch Milieus. In Deutschland, weil die DDR mit ihrer Milieu-bildenden Kraft der Geschichte angeh√∂rt, in der Schweiz, weil die Arbeiterschicht nicht einfach mehr arm und links ist, sondern sich konsumorientiert an der Mittelschicht ausrichtet und politisch national denkt.

Der Vorteil von Milieustudien, wie sie hier diskutiert wurden, liegt darin, dass sie komplex genug sind, um der sozialen Realit√§t einigermassen gerecht zu werden, aber auch nicht √ľberkomplex sind, sodass sie zu keinerlei Anwendung f√ľhren. Es sind Forschungsprojekte, f√ľr die Praxis gedacht, also f√ľr dich, nicht f√ľr die Grundlagenforschung. Die ist zwar auch am Thema dran, neigt aber dazu, zu stark zu verallgemeinern. Wenn du dich selber √ľberzeugen willst, lies das Buch von Gerhard Schultze, “Die Erlebnisgesellschaft”, der sich mit den gleichen Ph√§nomenen besch√§ftigte, wohl aber weniger konkrete Angaben machen konnte.

So, ich hoffe, du verstehst mich jetzt besser.

Claude Longchamp

Das freut mich wirklich!

Ende M√§rz 1992 verliess ich die Uni Bern als Lehrbeauftragter (etwas unfreiwillig); gestern vergab mir die WISO-Fakult√§t der Uni Bern nach 19 Jahren den Lehrauftrag f√ľr Wahlforschung erneut!

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Was Wahlen entscheidet, soll ich insk√ľnftig den Studierenden der Uni Bern lehren!

Im Herbstsemester 2011 nehme ich meine Lehrtätigkeit auf der Masterstufe der hiesigen Universität auf. Als Erstes ist ein Seminar vorgesehen Рzu den von der Wahlforschung lange vernachlässigten Ständeratswahlen. Verlangen werde ich qualifizierte studentische Projekte, die uns helfen zu verstehen, was bei Ständeratswahlen anders seit langem anders verläuft als bei Nationalratswahlen, was sich heute ändert, und wohin sich die wichtigste Wahl von KantonsvertreterInnen auf Bundesebene entwickelt.

Traditionellerweise versteht man unter Ständeratswahlen Personenwahlen. In der Tat, auf unsere Wahlzettel schreiben wir KandidatInnen. Chancenreich sind StänderätInnen, die wieder antreten. Erfolgsversprechend waren lange Kandidaturen von RegierungsrätInnen. Heute steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man als bekannte Nationalrätin, als profilierter Nationalrat in die kleine Kammer gewählt wird. Offenbar gerät einiges in Bewegung.
Zwar ist die Polarisierung zwischen den Polen links und rechts geringer als bei Nationalratswahlen, doch nimmt die Zahl erfolgreicher Bewerbungen von SP, SVP und GPS zu. Ueberhaupt, langweilige Ständeratswahlen werden seltner, umstrittene Wahlgänge mit offenem Resultat häufiger.
Die Medienaufmerksamkeit f√ľr die Wahlen in die Kantonsvertretung nimmt offensichtlich zu – nicht nur auf lokaler Ebene, auch auf nationaler. Die Entscheidungen fallen zwar in den Kantonen, doch die nationalen Themen erfassen sie immer deutlicher. Nicht die angepasste Bewerbung in der Mitte interessiert dabei, sondern die angriffige der CharismatikerInnen, die ihre Anh√§nger, ja die W√§hlerschaft mit polarisierender Abgrenzung zu mobilisieren wissen.
Personalisierung von Pers√∂nlichkeitswahlen heisst heute Vieles: Man traut dem Menschen, nicht seinen Hintergr√ľnden. Man will mehr Privates wissen, weil das Oeffentiche gestellt und. Oder man will den Kampf in Sachfragen, weil die Ideologien aufgeweicht sind. Das alles machte St√§nderatswahlen interessant: f√ľr Aufbau-Kandidaturen, als Plattformen f√ľr den Wettbewerb von Ideen, als Kampf der Titanen, bei dem man sein ganzes Prestige aufs Spiel setzt. Nicht nur f√ľr das Schaulaufen verdienter PolitikerInnen.

Ob das gut oder schlecht ist, werden dereinst die HistorikerInnen beantworten. Die normative Sozialwissenschaft bereitet die Antworten heute schon vor. Die empirisch Wahlforschung ist daf√ľr nicht wirklich geeignet: Sie will beobachten, was ist, diagnostizieren, was das heisst und analysieren, was die Ursachen sind. Genau so verstehe ich auch mein erstes Seminar in Bern, das ich insk√ľnftig, mit variierenden Themen regelm√§sig anbieten werde.

Die R√ľckkehr an den Ort, wo ich vor mehr als zwei Jahrzehnten zu unterrichten begann, zu Europa-Abstimmungen und kantonalbernischen Wahlen freut mich umso sehr, als ich meinen Abgang 1992 bereute. Denn nicht nur als Forscher, auch als Dozent machte es mir immer wieder Spass, junge Menschen in die Einsichten der politikwissenschaftlichen Forschung einzuf√ľhren und aus ihren Ueberlegungen die Spuren herauszufiltern, welche die Entwicklung des Faches auf neuen Gebieten bef√∂rdern werden. Daf√ľr will ich mich, rechtzeitig vor den Wahlen 2011, aber auch dar√ľber hinaus, erneut einsetzen.

Ein grosses Dankesch√∂n ans Institut f√ľr Politikwissenschaft und an die WISO-Fakult√§t, die mir, dem Vernehmen nach einstimmig, eine zweite Gelegenheit hierzu er√∂ffnen!

Claude Longchamp

Kultureller Wandel und soziale Lage als Analysebasis unseres Alltags.

Es war ein interessantes Gespr√§ch am Wochenende, das nachhalt. Gef√ľhrt habe ich es mit einer Fachfrau f√ľr Kommunikation, einer Naturwissenschafterin, die in die Politikberatung eingestiegen ist, und heute f√ľr ihre Kundschaft, basierend auf sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen, Empfehlungen entwickelt.

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Sinus-Milieus im zweidimensionalen Feld: soziale Lage und kultureller Wandel zu einem Analyseschema verarbeitet

Ausgangspunkt unserer Erörterungen waren die Sinus-Milieustudie, eine deutsche Forschungstradition, die heute in vielen westlichen und östlichen Ländern verbreitet ist, und seit knapp 10 Jahren auch in der Schweiz angewandt wird.

Wie alle Milieu-Untersuchungen geht sie davon aus, dass das Soziale nicht alle strukturell wirkt, sondern kulturell vermittelt wird. Oder in den Worten der ForscherInnen: Die soziale Lage wirkt im Alltag durch Grundorientierungen vermittelt. Diese umfassen die Ziele des Strebens, die Lebensstile und das Alltagsbewusstsein.

Konkret: Auf die Pflicht- und Akzeptanzwerte der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg folgte in den 60er Jahren eine Generation durch Besitz und Status geprägt, in den 70er eine solche durch Freiheit und Selbstverwirklichung geleitet war, während in den 80er Jahren Genuss und Individualisierung, in den 90er Jahren die Multioptionalität prägten. Die neuesten Entwicklungen drehen sich um Antworten auf globale Komplexität und Arbeitsmarkt-Flexibilität.

Die Sinus-Milieus sind zweidimensional aufgebaut: Zuerst ber√ľcksichtigten sie die Schichtung mit oben und unten, dann die Grundorientierungen, wie sich √ľber die Zeit entwickelt und verfestigt haben. Daraus lassen sich (f√ľr die Schweiz) mindestens 10 Milieus ableiten: dasjenige

der traditionellen Kleinb√ľrger (9% der Schweizer Bev√∂lkerung),
der selbstgen√ľgsamen Traditionalisten (10%),
der Arrivierten (10%),
der Statusorientierten (9%),
der b√ľrgerlichen Mitte (16%),
der konsumorientierten Arbeiterschaft (8%),
der PostmaterialistInnen (11%)
der EskapistInnen (10%),
der neuen Performer (11%) und
der ExperimentalistInnen (6%).

Die beiden ersten sind Traditionsmilieus, die beiden letzten junge, die erst in Entstehung begriffen sind, während die anderen als die modernisierten, mehr oder minder gefestigten angesehen werden.

Nun kommt der springende Punkt unserer Diskussion vom Wochenende: Erwartet wird, dass Milieus, die sich unter bestimmten zeitgeschichtlichen Bedingungen entwickelt und sich danach länderspezifisch verfestigt haben, als gesellschaftliches Patchwork mit einer gewissen Festigkeit auf Entscheidungen im Alltag, aber auch in der Politik einwirken. Das Ganze ist jedoch nicht statisch, weil mit dem demografischen Wandel alte Milieus wegsterben, während neuen entstehen, und weil sich die Gewichte der verfestigten Milieus auch leicht verschieben können.

Aus meiner Sicht liegt genau da der grosse Vorteil dieser Analyseart. Anders als zahlreiche sozialwissenschaftlichen Standardwerke postulieren die Sinus Milieus nicht einen epochalen Uebergang von einem Zustand A zu einem Zustand B. Vielmehr verstehen sie sich als eine Ethnologie unseres Alltags, die mehr als nur Einzelfälle beobachtet, diese aber nicht einfach schematisiert. Sie typisieren sie hinsichtlich der Grundorientierungen und der Schichtung, und kombinieren das Ganze mit dem Kulturwandel.

Anwendungsfelder hierf√ľr ergeben sich im Marketing- und in der Medienforschung, zur Analyse des Konsumverhaltens, genauso wie f√ľr die Bestimmung neuer religi√∂ser Potenziale und auch parteipolitischer Entscheidungsabsichten. Schade nur, dass das Spannende, das hier erst beginnt, bisher kaum √∂ffentlich ist und auf den wissenschaftlichen Diskurs ausstrahlt.

Claude Longchamp

Zum Vergleich: Sigma Milieus

Made to stick!

Ich war an einem Seminar √ľber Erscheinungsbilder von Unternehmen in der Oeffentlickeit. Der CEO einer europ√§ischen PR-Gruppe referierte √ľber wirksame und unwirksame Kommunikation von Firmen. Mit Vorliebe verwies er auf einen Bestseller, der ihn beeindruckt hatte: “Make to stick“, heisst er, verfasst von den Gebr√ľdern Chip und Dan Heath und in der amerikanischen Presse √ľber allen Klee gelobt.

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Das Buch hat nicht nur Erfolg. Es baut förmlich auf SUCCES aus. Das ist nämlich die Kurzform das Grundverständnis wirksamer Kommunikation:

simple
unespected
concrete
credible
emotional

sollen Botschaften in der Oeffentlichkeit sein, und sie sollen

stories

erz√§hlen. Abgek√ľrzt ergeben die sechs Beinflussungsm√∂glichkeiten S-U-C-C-E-S, und sie garantieren Erfolg.

“Sticky” ist f√ľr die Autoren nicht einfach ein Wort f√ľr stechend, klebend oder haltend. Es ist ein Synonym f√ľr “understandable, memorable, and effektive in changing thought or behavior”.

Damit ist auch gesagt, um was es ihnen geht: Im t√§glichen Wirrwarr an Informationen, die uns gerade in der Oeffentlichkeit kommuniziert werden, sterben viele Ideen schon im zartesten Kindsalter. Nur wenige werden erwachsen, reifen und bleiben wirklich haften. Und das ist die Voraussetzung f√ľr nachweisliche Verhaltens√§nderungen oder wirksame Denkanst√∂sse.

Dem allgemeinen Trend folgend k√∂nnte man meinen, dass sei dann der Fall, wenn man visuell kommunziert. Davon halten die beiden Heath nicht viel – und heben sich so von der breiten Erwartung schon mal. Sie beweisen es mit ihrem Buch selber: kein einziges Bild und keine Grafik hat es. Sp√§rlich umgegangen wird einzig mit K√§stchen zum Merken. Der √ľberwiegende Rest ist Text.

Der allerdings ist gut aufgebaut: Schon das Inhaltsverzeichnis ist inhaltlich, verzichtet daf√ľr auf das numerische. Zudem ist es konkret nicht abstrakt. Das baut dann Bilder auf, um was es geht, die einen beim Lesen begleiten. Die Texte selber sind vorbildlich einfach, voller Neuigkeiten, anschaulich, belegt, stimmig und pers√∂nlich – SUCCESfull eben. Abgerundet wird das Buch mit einer Art Stichwortverzeichnis, welches den Zielsetzung, die Thesen, die Belege und die Interpretation in K√ľrzestform wiederholt.

Autor Chip Heath ist Professor f√ľr Verhalten in Organisationen im kalifornischen Stanford, und Dan arbeitet als Berater am Aspen Institut. Zusammen ist den heathbrothers ein Wurf gelungen, der wissenschaftlich unterlegt, von Praxis erf√ľllt, mehr als nur eines der √ľblichen Rezeptb√ľcher ist. Vielmehr handelt es sich bei ihrem Bestseller um eine eigentliche Kommunikationsphilosophie, die ausgebreitet und angewendet wird. MIr jedenfall ist das gut eingefahren. Denn auch unsere Untersuchungen zeigen seit langem, dass das an der politischen Kommunikation entscheidend ist, was an der Lebenswelt der B√ľrgerInnen ankn√ľpft, sodass es nachvollziehbar ist und in Erinnerung bleibt.

Das Buch selber ist jedoch nicht politisch. Es geht vom Alltagsgespr√§ch bis zur Lernsituation in Gruppen. Witzig ist ihr Schluss zu “Unsticking an Idea”. Ist das √ľberhaupt m√∂glich?, fragen sich die beiden Heath’s – und geben die f√ľr sie typische Antwort: “Nein”. Was einmal haften geblieben ist, bleibt haften. Punkt. Es kann aber √ľberklebt werden: “Fight sticky with stickier” ist ihre auch hier glasklare Mitteilung an die Leserschaft.

Lesen sollten dieses Buch alle, die verstehen wollen, was kommt und bleibt, und was vergeht, bevor es sticht. Was sticky ist, ist wichtig und gar nicht so wenig, wie Traumanalysen, Stimmungsberichte, Lebensgeschichte zeigen, selbst wenn das Referierte l√§ngst zur√ľck liegt.

Also: Finde stets das Wichtige, und behandle es. Schaffe Aufmerksamkeit, und halte sie. Hilf deinen Gegen√ľber zu verstehen und zu erinnern. St√ľtze es mit deiner Person in seiner Ueberzeugung. Nutze die Kraft der Assoziationen, indem du dich auf Identit√§ten beziehst. Zeige deinen Ansprechpartner, wie sie handeln k√∂nnen – und gib ihnen die Kraft dazu!

Oder ganz einfach: “Use what sticks.”

Claude Longchamp

Issue Management als Instrument der Steuerung öffentlicher Meinung.

Issue Management ist ein n√ľtzliches tool, wenn um Dynamiken der √∂ffentlichen Meinung geht. Die Politikwissenschaft sollte sich, zu ihrem Vorteil, mehr damit besch√§ftigen.

Lebenszyklus
Quelle: Ingenhoff, D./R√∂ttger, U. (2006): Issues Management. Ein zentrales Verfahren der Unternehmens¬≠kommuni¬≠kation. In: Schmid, B./Lyczek, B. (eds.): Unternehmens¬≠kommunikation. Kommunika¬≠tions¬≠mana¬≠gement aus Sicht der Unternehmensf√ľhrung. Wiesbaden: Gabler

Tag f√ľr Tag sehen wir uns einer wachsenden Vielzahl von medialen Themen gegen√ľber. Da kann man schon mal verzweifeln. Denn es f√§llt schwer, den Ueberblick zu behalten. Das gilt selbst f√ľr Spezialgebiete und f√ľr Organisationen, die sich damit besch√§ftigen.

Das Medienmonitoring, das sich namentlich der quantitativen Inhaltsanalyse bedient, in den letzten Jahren zahlreiche Fortschritte gemacht. Dazu geh√∂rt auch die “Entdeckung”, dass Themen in Medien, die √ľber l√§ngere Zeit verhandelt werden, eine eigene Konjunktur haben, die mit issue cycle oder Themenzyklus umschrieben werden kann.

Ein verbreitetes Schema unterscheidet die folgenden Phasen:

Latenz
Emergenz
Reife
Regulation

In der Phase der Latenz ist die öffentlichen Aufmerksamkeit gering. Wenn etwas problematisiert wird, dann sind es Einzelfälle, ohne das ein sachlicher oder kommunikativer Zusammenhang hergestellt wird. Das geschieht erst während der Phase der Emergenz. Während der nimmt die mediale Aufmerksamkeit zu. Ein Thema entsteht, das öffentlich erörtert wird. Kommen Forderungen hinzu, gibt es Stellungnahmen pro und kontra. Der Konflikt wird sichtbar. Die Aufmerksamkeit erreicht ihren Höhepunkt. Es entsteht zudem die Erwartung, dass es zu einer Regelung des Konfliktes kommt, sei es unter den Betroffen oder durch die Politik. Denn damit besteht die Möglichkeit, dass das problematisierte Thema aus der öffentichen Aufmerksamkeit verschwindet.

Vereinfacht kann man sagen: Aus Ereignissen werden Anliegen, aus Anliegen Anspr√ľche, aus Anspr√ľchen ihre Befriedigung. Mit diesem Zyklus √§ndern sich auch die relevanten Akteure. Ueber Ereignisse berichten Betroffen, heute in zunehmenden Masse √ľber Medien ohne gate-keeping-Funktionen. Anliegen definieren Akteure mit klareren Rollen: WissenschafterInnen setzen etwas auf die √∂ffentiche Agenda, oder Interessenvertretern systematisieren die Ereignisse √ľber spezifische Interessen. Beide Akteure suchen die n√§he der Massenmedien, welche die Debatte f√ľhren sollen. Denn das treibt die PolitikerInnen und Beh√∂rden mit der gr√∂ssten Sicherheit an, was, mindestens bei politischen Fragen, eine Voraussetzung der L√∂sung von Konflikten ist.

Nat√ľrlich verl√§uft der Zyklus nicht immer idealtypisch. Dieses Vorgehen hat aber den Vorteil, eine Schematisierung f√ľr die Analyse des medialen Wirrwarrs zu entwickeln. Andere Verl√§ufe sind an vielen Stellen denkbar: WissenschafterInnen erkennen in den Ereignissen kein Anliegen, das es verdient, √∂ffentlich verhandelt zu werden. Die Anliegen bestehen zwar, es gibt aber kein organisiertes oder organisierbares Interesse. Medien steigen auf ein Thema auf, kippen es aber wieder, wenn spannendere Themen entstehen, und die Politik kann gefordert sein, entscheidet sich aber, L√∂sungen auf die lange Bank zu schieben, mit der Hoffnung, dass es am Schluss gar keine Regulierungen braucht.

Die Analyse von Themenzyklen hat sich zum n√ľtzichen Instrument der Steuerung √∂ffentlicher Meinung entwickelt. Die Kommunikationswissenschaft hat sich diesem Thema in den letzten 10 Jahren recht systematisch angenommen, und eine theoretische Einsichten wie auch praktische Handlungsanweisungen entwickelt. Diese werden von Public-Affairs Stellen der Unternehmungen in ihrem Issue Management angewendet. PR-Strategien helfen dabei, den aufgezeigten Prozess zu beschleunigen oder zu bremsen. Und die Politik hat ihre Sensibilit√§t entwickelt, gezielt auf Medienthemen einzusteigen. ExpertInnen, die helfen Medien zu lesen, sind da nicht unwichtig geworden: Sei es bei der Legitimierung von Einzelf√§llen, bei der L√∂sung oder Bewirtschaften von Problemen und bei der Einflussnahme auf Medienagenden.

Eine systematische Diskussion dieser Entwicklungen jenseits der Taktikberatung in der Un√ľbersichtlichkeit w√§re sicher kl√§rend. Gerade f√ľr die Politikwissenschaft, die sich mit der Interaktion politischer Akteure, Beh√∂rden und Oeffentlichkeit besch√§ftigt.

Claude Longchamp

Politische Profile der Vervorstädterung

Mit der Industrialisierung hat ein seither ungebrochener Urbanisierung begonnen, schreibt Daniel K√ľbler, Professor f√ľr Politikwissenschaft am Zentrum f√ľr Demokratie in Aarau. Statt von Verst√§dterung m√ľsse man aber von Vervorst√§dterung sprechen. Eine kritische W√ľrdigung des Vorschlags.

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Nur 4 von 10 AgglomerationsbewohnerInnen leben heute in Kernstädten; die anderen 6 in Aussengemeinden. Diese kann man in drei Typen untergliedern:

Suburban ist die Schweiz in der N√§he von Kernst√§dten. Die Menschen leben hier dicht aufeinander, die Zahl der Arbeitspl√§tze ist hoch, der Ausl√§nderanteil aus. Schlieren bei Z√ľrich, Rheinfelden bei Basel, Ostermundigen bei Bern und Kriens bei Luzern stehen hierf√ľr.
Periurban sind Gebiete, die weiter aussen liegen. Die ehemaligen Landgemeinden sind durch Verkehrverbindungen in den Einzugsbereich von Kernst√§dten geraten; nicht selten handelt es sich um Schlafgemeinden in traditioneller Umgebung, wie etwa Feusisberg in Schwyz, das eigentlich zu Z√ľrich geh√∂rt oder Schmitten in Fribourg, im periurbanen Bereich Berns.
Reiche Gemeinden schliesslich haben bevorzugte Wohnlagen und kennen entsprechende Immobilienpreise. Gutverdienende in Villenvierteln verbringen hier ihr Leben. K√ľnsnacht bei Z√ľrich, Muri bei Bern oder Meggen vor Luzern z√§hlen hierzu.

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Politologe K√ľbler hat anhand der Wahlen 2007 untersucht, wie sich das auf die politischen Profile dieser Gemeindetypen auswirkt; sein Ergebnis:

Die wahlberechtigte Bevölkerung der Kernstädte steht mehrheitlich links und ist eher öffnungswillig.
Auch im suburbanen G√ľrtel neigt man nach links; die Oeffnungsbereitschaft ist indessen geringer.
Periurbane Gemeiden sind bei beiden Indikatoren konservativer: Ihre WählerInnen sind eher rechts und besonders stark auf Abgrenzung aus.
In reichen Gemeinden schliesslich steht man noch weiter rechts, ohne aber auf Abschottung zu machen.

In den Kernst√§dten und im suburbanen Gebiet funktioniert linke Politik. In den √ľbrigen Teilen der Agglomerationen steht man rechts. Damit stimmt der Trend zu Nationalkonservatismus nicht mehr √ľberein. Der ist in den wachsenden sub- und periurbanen Agglogebieten verbreitet.

Zweifelsohne, diese Typologie ist bei gewissen Sachfragen n√ľtzlich. F√ľr die Analyse von Parteienlandschaften ist mir schlicht zu simpel. Due FDP verliert nicht nur, weil die reichen Gemeinden geringer werden, genauso wenig wie die SVP gewinnt, weil die periurbanen Gebiete zunehmen.

Mein Haupteinwand ander Typologie ist, dass sie die Gr√∂sse vernachl√§ssigt. Metropolitanregionen kennen nicht nur ein Zentrum und einen ausdifferenten Rand. Diese haben auch deutlich mehr EinwohnerInnen als mittelgrosse oder kleine Agglomerationen. Der Raum Z√ľrich ist anders als der Raum Basel, und der wiederum unterscheidet sich vom Raum Schaffhausen.

Das alles hat politische Konsequenzen. So zeigen sich neue politkulturelle Entwicklung vor allem in den grossen metropolitanen Regionen zuerst. In den kleineren Agglomerationsregionen lösen sie nicht selten Gegenreaktionen aus. Und das Ganze wird durch politikulturelle Eigenheiten der Sprachregionen gebrochen.
Ohne diese Zus√§tze kann √ľbersieht man meines Erachtens die Komplexit√§t der politischen Profile in den Aggloregionen!

Claude Longchamp

Mehr dazu in Jefferey Sellers, Daniel K√ľbler, Alan Walks, Melanie Walter-Rogg (eds.): The political ecology of the metopolis, Essex: ECPR Press (erscheint 2011).

Ein 8 Milliarden Dollar Geschäft war wichtiger als der Tod bin Ladens

22 Jahre arbeitete Michael Scheuer f√ľr die CIA. 2004 verliess er seinen Posten bei der Einheit, die Osama bin Laden jagte, um anonym kritische B√ľcher zur Anti-Terror-Politik der USA zu schreiben. Heute ist er Professor an der Gerogetown-Universit√§t in Washington, bloggt und publiziert er unter seinem Namen B√ľcher in renommierten Verlagen – zuletzt: “Osama bin Laden. Oxford University Press, 2011″.

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“Bin Laden ist ein grosser Mann”, erz√§hlt Scheuer dem heutigen Tages-Anzeiger. “Time Magazin” habe Hitler 1938 zum Mann des Jahres gew√§hlt. Bin Laden h√§tte die Bezeichnung auch verdient, denn keiner habe den Alltag der AmerikanerInnen in den letzten 50 Jahren so ver√§ndert wie er.
Scheuer hat die meiste Zeit seines Lebens damit verbracht, bin Laden zu töten, zollt ihm aber Respekt. Er sei ein bescheidener Mensch, ein gescheiter Stratege Рund eine ernsthaft religiöse Persönlichkeit, die dadurch Fehler begangen habe.
Sein Kampf galt den Ungl√§ubigen, was f√ľr bin Laden ein Synonym f√ľr die amerikanischen Streitkr√§fte war. Insbesondere ihre Pr√§senz im Nahen Osten, die pro-israelische Politik und die Unterst√ľtzung f√ľr arabische Polizeiregimes durch die USA habe er aus der Welt schaffen wollen. Die USA wiederum negierten diese Dimensionen der Auseinandersetzung.

Die Aktion der Amerikaner in Pakistan umschreibt Scheuer so: “Wir haben den CEO eines Multis get√∂tet. Er legte die Ziele fest, aber er war gescheit und modern genug, die Arbeit an die lokalen Manager zu delegieren.”
Scheuer ist √ľberzeugt, bin Laden habe in seinem Sinne vern√ľnftig gehandelt. Er geht davon aus, man werde ihn bald vermissen. Denn seine Nachfolger seinen blutdr√ľnstiger. Er rechnet nun mit mehr Kleinanschl√§gen, insgesamt auch mit mehr Blutvergiessen.
Bin Laden habe seinerseits damit gerechnet, nicht zu √ľberleben, analyisert der ehemalige Geheimdienstler. Deshalb habe er eine generationen√ľbergreifende Organisation geschaffen. Bis 9/11 sei al-Qaida zu Operationen in Afghanistan f√§hig gewesen. Heute k√§men mindestens Pakistan, Jemen, Irak, Somalia, Gaza hinzu.

Den Angriff auf bin Laden verteidigt Scheuer ausdr√ľcklich. Ein Bombenangriff h√§tte viel mehr Schaden angerichtet, und bei einem Drohnenangriff w√§re man der Leiche nicht Herr geworden. Die Kommandoaktion der Navy Seals sei deshalb richtig gewesen. Versagt h√§tten aber die Verantwortlichen bei der Pr√§sentation von Beweisen. Die Unterhaltungsindustrie produziere t√§glich schlimmere Bilder als das Foto eine Kopfschusses.

Einen gr√∂ssere Zusammenhang mit den Ereignissen in Nordafrika sieht Scheuer bei der T√∂tung bin Ladens nicht. Den entscheidenden Hinweis habe man erst k√ľrzlich aus Befragungen Verd√§chtiger erhalten. Das sei eine √ľbliche Quelle, die nicht mit bestimmten Methoder des Verh√∂rs, aber mit der Zahl der Untersuchungen sprudle. Der Rest sei ein Puzzlespiel.

Es sei jedoch nicht die erste M√∂glichkeit gewesen, bin Laden auszuschalten. Zwischen Mai 1998 und Mai 1999 habe man mehrere M√∂glichkeiten gehabt, ihn gefangen zu nehmen oder ihn zu t√∂ten. Den Feuerbefehl dazu habe Pr√§sident Clinton jedoch verweigert. Unter anderem seien √∂konomische Gr√ľnde massgeblich gewesen, habe man doch Gespr√§chspartner bin Ladens Kriegsmaterial verkauft. Ein 8-Milliarden-US-Dollar-Gesch√§ft sei der amerikanischen Regierung damals wichtiger gewesen.

Wenn man das so liesst, staunt man nur. Zuerst √ľber den Kontrast zwischen dem emotionsgeladenen Jubel auf den Strassen und der k√ľhlen Analyse des Professors. Dann auch √ľber die Konzentration auf Machtfragen, fernab vom viel beschworenen Kulturkonflikt. Schliesslich √ľber die Metaphern aus der Wirtschaftssprache, in der es nur um den Tausch selbst zwischen dem Guten und B√∂sen zu gehen scheint. Das alles macht Scheuer zum Machiavelli unserer Zeit.

Claude Longchamp