Archive for Dezember, 2013

2 Nein, 1 Ja – die erste Prognose fĂŒr den 9. Februar 2014

Nein zu den Volksinitiativen „gegen Masseneinwanderung“ resp. „Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache“, Ja zur Fabi-Vorlage zur Finanzierung des öffentlichen Verkehrs – das ist die erste Prognose zu den Volksabstimmungen vom 9. Februar 2014 des Blogs „50plus1“.

Wir kennen sie, die Parolenspiegel vor Volksabstimmungen. Zeitungen und politische Websites veröffentlichen sie regelmĂ€ssig, um die BĂŒrgerInnen zu informieren, wer fĂŒr resp. gegen eine Vorlage ist.
Einer der genauer als der Durchschnitt hinsieht, ist Oliver Strijbis, promovierter Politologe an der UniversitĂ€t Hamburg. Den Spezialisten fĂŒr vergleichende Politikwissenschaft interessiert nicht eine Volksabstimmung, sondern möglichst viele. Mit Akribie hat er studiert, was passiert, wenn die SVP dafĂŒr, die SP dagegen sind und das Zentrum sich zwischen den Polen positioniert – und daraus ein einfaches Prognose-Tool erstellt.
Mit Blick auf den 9. Februar 2014 hat er die Parteien, die sich schon festgelegt haben, ausgewertet. Zudem hat er die ausstehenden Stimmempfehlungen aufgrund erwartbarer Parolen ergĂ€nzt. So kommt zu folgendem Schluss: Mit den kommenden Volksentscheidungen stĂŒtzen die BĂŒrgerInnen die Positionen der Behörden gleich dreimal, ist seine Prognose, denn sie sagen Ja zur Fabi-Vorlage bzw. Nein zu den Volksinitiativen gegen freie Einwanderung und gegen die Abtreibungsfinanzierung.
Der Politologe geht noch weiter: Bei der Fabi-Abstimmung rechnet er mit einer Zustimmung von 63 Prozent; bei der Zuwanderungsinitiative mit einem Nein-Anteil von 60 Prozent, bei der Abtreibungsfrage gar von 66 Prozent.

Drei Mal klare Sache also? – So interessant die Vorhersagen aus Hamburg sind; so haben sie auch SchwĂ€chen: Die erste betrifft die Vergangenheitsorientierung der Prognosen, denn sie basieren auf dem Prinzip, dass das Gleiche geschieht, was bisher geschah. Das ist zwar kein schlechter Grundsatz, denn im Normalfall trifft er zu; doch bleibt der Mangel, dass er gerade in ausserordentlichen Lagen TĂŒcken aufweist – und sie unterschĂ€tzt. Die zweite SchwĂ€che zielt auf die PrĂ€sentation. Strijbis publiziert seine Prognosen auf seinem Blog „50plus1“, was alleine noch kein Handicap ist. Doch bleibt er ganz anders als in Fachartikeln Ă€usserst sparsam, was Informationen zur verwendeten Methode betrifft.
Im konkreten Fall erwÀhnt der Prognostiker nur, dass er auf drei Sachverhalte abstellt: auf die Parolen als Ganzes, auf die Geschlossenheit der Mitte und auf den Themenbereich.
Das erste Kriterium ist eindeutig; es bedarf keiner weiteren Erörterung. Das zweite ist schon anfÀlliger, denn wie bestimmt man die Geschlossenheit der Mitte? Diffus bleibt auch das dritte Charakteristikum, den Politikbereich betreffend.
Wenn man das alles nicht weiss, bleibt die Prognose zwar heiss, aber schwer vage. Hilfreich wĂ€re wenigstens zu wissen, welche Vorhersagen bei frĂŒheren Volksabstimmungen resultierten, und wie gut sie mit dem Abstimmungsergebnis ĂŒbereinstimmten. Doch auch hier mangelt es an Informationen. Da hilft auch der Nachsatz nicht weiter, die Chance sei 1:19, dass die Einwanderungsinitiative angenommen werde.

So bleiben die folgenden Feststellungen: Am wenigsten ĂŒberrascht die Prognose zur Abstreibungsinitiative; etwas unsicherer erscheint der Volksentscheid zur Fabi-Abstimmung, vor allem wenn man sich an die die Dynamik der Meinungsbildung bei der Vignetten-Entscheidung erinnert. Im Widerspruch zum vorherrschenden Medienklima vor allem in der deutschsprachigen Schweiz steht die recht klare Aussage in Sachen SVP-Initiative gegen die PersonenfreizĂŒgigkeit.
Vielleicht hat die hier vorgestellte Methode aber genau hier ihren Vorteil: Denn der Hamburger Politikwissenschafter machte seine Analyse weitestgehend unbeeinflusst von der konkreten öffentlichen Meinung in der Schweiz. Denn sie ist nicht nur ein RĂ€tselraten ĂŒber den Bevölkerungsmeinungen; sie ist immer auch gefĂ€rbt die das erhoffte Abstimmungsergebnis. Dem hĂ€lt der Politologe entgegen, dass er nur die Fakten ordnet.

Selber beobachte ich neben den Schlagzeilen der so oft dramatisierenden Sonntagspresse wie das allgemeine Klima ist, ebenso wie Strijbis, wie sich die Parteieliten im Parlament und an den Delegiertenversammlungen verhalten haben, wie sich der Abstimmungskampf entwickelt, und wie die Erfahrungen der Menschen mit den Abstimmungsthemen in ihrem heutigen Alltag sind.
Jedes dieser Kriterien gibt einen einzelnen Hinweis, wie sich die Ausgangslage entwickelt; die Gesamtheit der Indikationen erlaubt es, eine konsolidierte EinschĂ€tzung der Ausgangslage und der Meinungsbildung zu Volksentscheidungen vorzunehmen – nicht zuletzt ergĂ€nzt durch Voranalysen auf Befragungsbasis

Mehr nĂ€chstes Jahr, aber schon bald …

Claude Longchamp

Das politische System der Schweiz – neu dokumentiert und analysiert

589 Seiten sind ein langes StĂŒck. Noch stĂ€rker ist allerdings das inhaltliche StĂŒck Einsicht, das darin steckt. Denn Adrian Vatter legt mit dem UTB-Buch „Das politische System der Schweiz“ ein neuartiges Werk vor, das sich rasch als Standard durchsetzen dĂŒrfte.

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Adrian Vatter, Professor fĂŒr Schweizer Politik an der UniversitĂ€t Bern, Autor des neuen Buches „Das politische System der Schweiz“

Drei GrĂŒnde nennt der Berner Politikwissenschafter, weshalb man sich mit dem hiesigen Politsystem beschĂ€ftigen solle: den Mikrokosmos in Europa, der frĂŒh den Integrationsprozess zum Bundesstaat schaffte, die politische Willensnation auf multikultureller Grundlage, die durch Machtteilung befriedet wurde, und das moderne direktdemokratische Labor, das Vorreiterin fĂŒr zeitgemĂ€sse Formen der unmittelbaren BĂŒrgermitsprache ist.

Was der Professor fĂŒr Schweizer Politik dann auftischt, ist nicht eine Institutionenkunde, wie man sie vom Staatsrechtshandbuch hinlĂ€nglich kennt. Nein, es ist eine genuin politikwissenschaftliche Analyse des hiesigen Demokratiemusters. HierfĂŒr folgt der Autor, mit Modifikationen, dem weltweit fĂŒhrenden Theoretiker Arend Lijphard, der vor gut 10 Jahren zwischen Mehrheits- und Konsensdemokratien zu unterscheiden begann und damit die bisherige PolaritĂ€t von parlamentarischer und prĂ€sidentieller Demokratie ablöste.

Aus dieser Überlegung heraus entstehen im Buch Vatters 10 Kapitel – vom Wahlsystem, ĂŒber Parteien und VerbĂ€nde, Regierung und Parlament, der Gleichheit von Volk und StĂ€nden, der direkten Demokratie, der Verfassung, dem Föderalismus bis hin zum Justizsystem. Jedes dieser Buchteile ist, wie es sich fĂŒr Übersichtsbuch gehört, systematisch aufgebaut, beginnend mit einer historisch fundierten Herleitung, darauf aufbauend die PrĂ€sentation der politikwissenschaftlichen Forschungsergebnisse bis hin zum internationalen Vergleich der Schweiz. Eine Zusammenfassung des gegenwĂ€rtigen Diskussionsstandes mit Entwicklungslinien schliesst ein jedes Kapitel ab.

Das Ganze endet in einer fulminanten Synthese, mit der Vatter seine These von der „durchschnittlich gewordenen Konsensdemokratie“ begrĂŒndet. Anders als im 19. Jahrhundert ist die Schweiz heute keine liberale Mehrheitsdemokratie mehr, denn diese liess sich nicht auf Dauer stabilisieren. Doch ist die Schweiz, anders als in der Mitte des 20. Jahrhunderts, heute auch kein exemplarischer Fall mehr fĂŒr eine Konsensdemokratie, denn die aktuellen Entwicklungen namentlich im Eliteverhalten lassen Zweifel entstehen. Dennoch, in der PolaritĂ€t Lijpharts gehört die Schweiz immer noch auf die Seite einer Konsensdemokratie, im internationalen Vergleich ist sie aber kein Vorbild mehr, sondern zum Normalfall geworden. Damit einher geht, dass die DemokratiequalitĂ€t nicht mehr ganz top ist, die Schweiz aber immer noch in der Spitzengruppe der OECD-Staaten rangiert.

Zu den absoluten StĂ€rken des neuen Buches zur Schweiz gehört, dass es die bisweilen verstreut vorliegenden Forschungsergebnisse zum Schweizer Politsystem aufgearbeitet hat. Davon zeugen die Literaturlisten nach jedem Kapitel, die Publikationen bis 2013 berĂŒcksichtigen. Deutlicher noch kommt es in der Vielzahl von Tabellen mit Daten zum Ausdruck, die ebenfalls so aktuell sind, wie wenn sie in der heutigen Zeitung erschienen wĂ€ren. Schliesslich werden auch die zentralen Trends beschlossen, denen die Schweiz unterliegt, namentlich der Konfliktkultur, die in den letzten 10 Jahren an zahlreichen Orten ihre Spuren hinterlassen hat.

Vielleicht, könnte man sagen, gibt es da eine SchwĂ€che im kommenden Standardwerk. Denn zu den grossen Einflussfaktoren auf das politische System der Schweiz gehören heute Globalisierung und EuropĂ€isierung. Die kommen im Schlussteil, bisweilen auch in den Kapiteln, kurz zur Sprache, werden aber nirgends zu einer integrativen Perspektive zusammengefasst, die erhellend aufzeigen wĂŒrde in welchem Masse sich das System durch innere resp. durch Ă€ussere KrĂ€fte verĂ€ndert.

Das alles ist fĂŒr jene halb so wild, die das Buch ganz bewusst als Nachschlagewerk verwenden werden. Denn sie finden zahlreiche Übersichten, die es bisher nicht gab oder erst mit den Vorarbeiten zu diesem Buch veröffentlicht wurde: So der Überblick ĂŒber die institutionellen Grundlagen der Parlamentswahlen in jedem Kanton, so der erweiterte Stammbau der Schweizer Parteien, so die Ausbildung des Verbandssystems in den Kantonen, so die Koalitionstypen kantonaler Regierungen fĂŒr die letzten 30 Jahre, so eine Typologie der direkten Demokratie in den 23 OECD-Staaten, so die parteipolitische Zusammensetzung des Bundesgerichts und so eine Demokratiekarte der Kantone.

Man kann es nur so zusammenfassen: Wer sich fĂŒr das politische System der Schweiz interessiert, der oder die wird hier sicherlich bedient, sei er oder sie StudentIn der Politikwissenschaft in der Vorlesungen Vatters, DoktorandIn im Ausland vor der Herausforderung stehend, sich kompetent im Forschungsstand zurechtfinden zu mĂŒssen, DozentIn an einer Hochschule, gestresst, die Vorlesungsunterlagen ganz rasch aufdatieren zu mĂŒssen, JournalistIn, mit dem Auftrag versehen ĂŒber Eigenheiten der Schweiz berichten zu dĂŒrfen, bis hin zur PolitikerIn mit einem wachen Auge fĂŒr Grundfragen des politischen Systems der Schweiz.

Bedient ist vielleicht nur das Vorwort, denn das neue Kompendium informiert von Geschichte zur Gegenwart, empirisch wie theoretisch, aus der Binnen- wie auch auch aus der vergleichenden Aussenperspektive. Genau deshalb sollte man sich das Buch gleich anschaffen. Als Weihnachtsgeschenk fĂŒr sich, denn der Autor hat soeben der Schweiz ein solches ĂŒberreicht.

Claude Longchamp

Neue Parteien, neue Werte, neues Regierungssystem?

1983 veröffentlichten Erich Gruner und Hanspeter Hertig das Buch „Der StimmbĂŒrger und die neue Politik“. Eine epochale Wende sahen sie auf die Schweizer Politik zukommen. Im RĂŒckblick auf die 30 Jahre seither werden drei VerĂ€nderungen sichtbar.

Erstens, die VerÀnderung der Parteienlandschaft.
1983 wurden erstmals GrĂŒne in den Nationalrat gewĂ€hlt. Nach vier weiteren Jahren machte ihr die Autopartei Konkurrenz. Genau Gegenteiliges vor Augen, politisierten beide Parlamentsneulinge unkonventionell.

Nach ihrer Wahlniederlage 1987 reagierte die SP auf die grĂŒne Herausforderung; seither bilden beide Parteien den linken Pol der Schweizer Politlandschaft. Auf der rechten Seite ging die Freiheitspartei, seit 1994 Nachfolgerin der Autopartei, weitgehend in der neuen SVP auf.

Dabei sollte es nicht bleiben: Bis 2003 wuchsen der rechte wie der linke Pol bei Wahlen und spalteten die Schweizer Politik wie nie unter Konkordanz-Bedingungen. Dabei gingen FDP und CVP ihrer einstigen Vormachtstellung aus der bĂŒrgerlichen Mitte heraus verlustig, was sie im Nationalrat von weiteren Partnern abhĂ€ngig macht.

Erst 2007 wurde der Aufstieg der SP gestoppt; 2011 traf es auch die GPS und die SVP. ParteiabtrĂŒnnige, neu in der GLP und BDP vereint, mobilisieren Unzufriedene mit den etablierten Parteien und mischen seither die zerbrochene Mitte auf: Zu neuen Allianzen bereit, brechen sie zementierte Mehrheiten wie in der die Energie- oder Bankenpolitik auf. Die Schweizer Politik ist volatiler geworden.

Zweitens, die VerÀnderung der politischen Werte.
Zu typisch schweizerischen Werten wie NeutralitÀt, UnabhÀngigkeit, aber auch MÀssigung und Pragmatismus sind der Post-Materialismus und der Neo-Nationalismus hinzugekommen. Ersterer brachte vor dem Hintergrund des ökonomischen Erfolgs ökologische Politik in die Behörden, Selbstentfaltung vor allem von Frauen in Gesellschaft und Politik, und wirkt sich heute mit
Nachhaltigkeitsgeboten bis tief in die Wirtschaft aus.

Der neue Nationalismus konstituierte sich als Reaktion auf die Oeffnung gegenĂŒber der EU. Vor allem die von Volk und StĂ€nden abgelehnten EWR-VertrĂ€ge 1992 liess den Widerstand der Urschweiz erwachen, angefeuert durch populistische Politiker, die isolationistisch ausgerichtet, selbst gutschweizerische Institutionen verhöhnen, um ihren Unmut auszudrĂŒcken. Eine bisweilen herftig ausbrechende, neue Leidenschaft hat die Schweizer Oeffentlichkeit erfasst.

Zwar setzten sich die öffnungswilligen Behörden bei der UNO-Abstimmung 2002 und bei den Volksentscheidungen zu den Bilateralen zwischen 2000 und 2009 immer durch; doch mĂŒssen sie dies angesichts mehrheitlicher Vorlieben fĂŒr restriktive Asylpolitik Mal fĂŒr Mal hart erkĂ€mpfen. Denn die Schweiz ist nach einer progressiven Phase in den 90er Jahren zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder konservativer geworden.

Drittens, die VerÀnderungen des Regierungssystems.
Vom Musterbeispiel fĂŒr Konkordanz hat sich die Schweiz einiges entfernt. UnverrĂŒckbar ist nur der Föderalismus, revitalisiert wurde die Politik via Volksrechte, problematisch geworden ist dagegen Kollegialsystem. Nach den turbulenten Bundesratswahlen 2003 und 2007 gilt, dass wir mit und ohne Volkswahlen Regierungen haben, die mehr Parteien und WĂ€hlerInnen als nötig zĂ€hlen; allerdings blieb die proportionale Vertretung der Parteien auf der Strecke.

Parallel dazu ist der Konsens klein, die Kompromisssuche gar zur Ausnahme geworden; vorherrschend geworden ist der Konfliktstil, selbst die Dominanz parlamentarischer Mehrheiten gehört zum heutigen Normalfall. Das alles hat einen Hauptgrund: die VerbĂ€nde, die einst in der vorparlamentarischen Phase kĂŒnftige Regierungspolitik vermittelten, haben an Macht eingebĂŒsst, seit auch sie vermehrt der schweizerischen, europĂ€ischen und globalen Oeffentlichkeit Red und Antwort stehen mĂŒssen.

Das hat Platz fĂŒr zwei aufstrebende Akteure Platz geschaffen: zunĂ€chst fĂŒr die Verwaltung, die eine Art Politik ohne PolitikerInnen betreibt, welche die Schweiz pragmatisch europĂ€isiert und die Exekutivpolitik beeinflusst, demokratisch aber schwach legitimiert ist; sodann fĂŒr die Massenmedien, die den Marktgesetzen ausgesetzt staatskritisch geworden sind, politisch aber den Takt aus oppositioneller Warte vorgeben. Wo sie parlamentarische Politik mediengerecht inszenieren können, gehören sie selbst bei Volksabstimmung bisweilen zu den Gewinnern der direkten Demokratie.

StÀrken und SchwÀchen sind sichtbar geworden.
Bei all dem ist die Schweiz in den letzten drei Dekaden nicht untergegangen. Ihre Leistungen in Wirtschaft sind unverÀndert Weltspitze! Dennoch, ausserordentlichen Herausforderungen auf globalem und europÀischem Parkett ist das schweizerische Regierungssystem trotz neuen Staatssekretariaten nicht gewachsen. Und die mit neuen Medien ausgestattete Zivilgesellschaft mischt sich mittels Volksinitiativen immer munterer in die Regierungspolitik ein, ohne von dieser bisher angemessene Antworten zu erhalten.

Wahrlich, der vor 30 Jahren angekĂŒndigte Wertewandel hat mehr verĂ€ndert, als es Politologen von damals prophezeiten.

Claude Longchamp

Auf Vertrauen kann kein funktionierendes Politsystem der Welt verzichten

Vertrauen ist eine zentrale Ressource, ohne die kein politisches System auf die Dauer Bestand hat. Das war meine zentrale Aussage in der gestrigen Gastvorlesung zur Politischen Soziologie an der UniversitÀt Bern. Hier die Zusammenfassung des Hauptgedankens.

Vetrauen kennen wir aus dem zwischenmenschlichen Bereich. Vertrauen in der Politikwissenschaft ist etwas anderes: Es geht um eine grundlegende Beziehung zu Institutionen, ohne die Arbeitsteilung nicht möglich wĂ€re. Wennn Regierungen regieren mĂŒssen, setzt das Vertrauen voraus, vom Parlament, von den BĂŒrgerInnen, von der Oeffentlichkeit. Vertrauen bedeutet dabei nur in der einfachsten Form Uebereinstimmung. Sozialwissenschaftlich gĂ€ngiger ist die Definition, es handle sich um Vertrauen in die FĂ€higkeit von Institutionen, Kontrolle ĂŒber Ressourcen, Handlungen und Ereignisse im Sinne der Bevölkerung auszuĂŒben.

Eine dieser Tage veröffentliche Uebersicht ĂŒber das Institutionenvertrauen in den OECD-LĂ€ndern belegt, dass das Institutionenvertrauen in der Schweiz speziell ist: zunĂ€chst, was die Höhe des Regierungsvertrauens betrifft, dann was die aktuelle Entwicklung betrifft. Denn in keine OECD-Land kommt es so ausgeprĂ€gt vor wie in der Schweiz, und ganz anders, als in fast allen Vergleichsstaaten hat es sich seit Beginn der globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise nach oben entwickelt.

Die Analyse legt drei GrĂŒnde nahe: zuerst die Wirtschaftslage und -entwicklung, der wichtigsten Determinante des Institutionenvertrauens, die vergleichsweise sehr gut ist, und in der allgemeinen Krisensituation hierzulande kaum Spuren hinterlassen hat; dann die politische Kultur, die gerade im internationalen Vergleich wenig auf Elitenbildung ausgerichtet ist, mit dezentralem Föderalismus, zahlreichen Volksabstimmungen. Schliesslich kommt das Regierungssystem hinzu, das mit dem Kollegialsystem die Suche nach Gemeinsamkeiten wie auch das gemeinsame Tragen der Verantwortung befördert und damit gerade prĂ€sidentiellen Systemen diametral entgegen gesetzt ist. Gerade in der heutigen Mediengesellschaft hat die schweizerische Form des Regierens Vorteile, den sie mindert die Personalisierung der Politik – und damit auch den schnelle Verbrauch von GlaubwĂŒrdigkeit exponierter PolitikerInnen.

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Das politische System der Schweiz lĂ€sst sich, in der politikwissenschaftlichen Analysen sowohl output- wie auch inputseitig sehen: In fast allen Rankings, welche Systemleistungen fĂŒr Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch Umwelt messen, liegt die Schweiz weit oder ganz vorne. Umgekehrt hat die Mischung aus KleinrĂ€umigkeit und starken Angeboten der BĂŒrgerInnen-Partizipation jene Voraussetzung geschaffen, dass reale und gefĂŒhlte Einflussnahme breit vorhanden sind.

Dennoch, tauscht man die Aussen- mit der Binnenperspektive, gibt es erhebliche Anzeichen der Entfremdung. Nicht zuletzt war die Volksinitiative fĂŒr die Volkswahl des Bundesrates ein Zeichen hierfĂŒr. Denn ihre Annahme hĂ€tte einen Bruch mit dem Kollegialsystem bedeutet, denn die nationale Volkswahl wĂ€re ohne vermehrten Medien- und Werbeeinsatz undenkbar gewesen, hĂ€tte die UnabhĂ€ngigkeit von Regierung und Parlament erhöht und schliesslich die direkte Demokratie, die auf Sachentscheidung aus ist, konkurrenzieren können. Nun kennen wir alle das Ergebnis: Mehr als drei Viertel der Stimmenden waren dagegen, befĂŒrwortet wurde das Begehren von knapp 24 Prozent der Stimmenden. Mehr waren es bei den WĂ€hlerInnen der SVP, beschrĂ€nkt auch in den unteren Schichten und bei MĂ€nnern. Die VOX-Analyse zeigte auf, dass die Entscheidungen in hohem Masse von Heuristiken abhĂ€ngig war: Vom Regierungsmisstrauen zuerst, aber auch von Werten, die eine traditionelle Schweiz begrĂŒnden. Die SRG-Trendbefragungen im Vorfeld legten zudem nahe, dass es keine kurzfristige Meinungsbildung gab, vielmehr dass das Resultat schon weit im Voraus feststand.

Mit den Worten der politischen Kulturforschung kann man das wie folgt zusammenfassen: Erstens, direkte Demokratie gibt, ĂŒber die Wahldemokratie hinaus, AnlĂ€sse wie den specific support; besagte Beispiel belegt, wie Volksabstimmungen auch SystemunterstĂŒtzung bedeuten können. Zweitens, politische Kultur im Sinne der mentalen Verfassung eines Landes definiert ĂŒber Kampagnen, Akteursentscheidungen und das politische Klima hinaus den diffuse Support, auf den funktionierende politische System angewiesen sind. Dazu zĂ€hlen meist PrĂ€ferenzen fĂŒr Politikangebote, gelegentlich auch das Institutionenvertrauen und die DemokratieunterstĂŒtzung.

Das politische System der Schweiz hat die ErschĂŒtterungen gerade dieser basalen Voraussetzung der Politik im Nachgang zur EWR-Entscheidung, aber auch mit dem Versuch, das Regierungssystem via die Wahl Christoph Blochers in der Bundesrat zu Ă€ndern, ĂŒberwunden. Das Erleben der Vorteile der Schweiz angesichts grundlegender ErschĂŒtterungen im Umfeld hat zu einer neuen IdentitĂ€t zwischen Behörden einerseits, Bevölkerung anderseits gefĂŒhrt, die noch nicht alle verstanden haben, von der aber alle profitieren.

Claude Longchamp

30 Jahre als Politikwissenschafter unterwegs

Politik- und Sozialforscher, Dozent an UniversitĂ€ten und Fachhochschulen, Medienmensch vom Fernsehen ĂŒber Radio zu Blogs bis Twitter und Lokalhistoriker – das sind die festen Bestandteile meines Berufslebens. Auf den Tag genau 30 Jahre ĂŒbe ich diese Rollen in einer festen Anstellung resp. in selbstĂ€ndiger TĂ€tigkeit aus. Eine kleine (Zwischen-)Bilanz.

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Es war der 1. Dezember 1983. Die UniversitĂ€t Bern stellte den 27jĂ€hrigen Jung-Wissenschafter fest an. Fortan sollte ich als Assistent von Erich Gruner als Forscher am Forschungszentrum fĂŒr schweizerische Politik amten. Uebertragen wurde mit die Leitung der VOX-Analysen eidg. Volksabstimmungen. Zudem wurde ich (vorĂŒbergehend) Mitarbeiter an der Jahreschronik „AnnĂ©e politique suisse“; etwas spĂ€ter kamen ein vom Schweizerischen Nationalfonds gefördertes Forschungsprojekt zur „Politischen Kultur im Wandel“, von Wolf Linder geleitet, sowie verschiedenen Lehrveranstaltungen zur Wahl- und Abstimmungsforschung hinzu. 1991/2 hielt ich wĂ€hrend dem Sabbatical meines Chefs die EinfĂŒhrungsveranstaltung in Politikwissenschaft an der UniversitĂ€t Bern. Nach einem mehrjĂ€hrigen Unterbruch bin ich seit 2008 wieder als Dozent an den LehrstĂŒhlen von Adrian Vatter und Silja HĂ€usermann fĂŒr Wahl- und Abstimmungsforschung, aber auch fĂŒr Christoph Frei im Bereich der Lobbying-Analyse an den UniversitĂ€ten St. Gallen, Bern und ZĂŒrich tĂ€tig. Zudem geben ich regelmĂ€ssig Seminare am MAZ in Luzern, an der ZHaW in Winterthur, am VMI in Fribourg und am IDHEAP in Lausanne.

Bereits 1986 hatte ich begonnen, ein zweites Standbein zu entwickeln. Das GfS-Forschungsinstitut, damals noch unter der Leitung von Werner Ebersold, berief mich als Projektleiter, um die Monitoring-Projekte zur Oeffentlichen Meinung voran zu treiben. 1992 machte ich daraus die Berner Filiale des Instituts, und ab 1993 leitete ich gemeinsam mit Peter Spichiger das GfS-Forschungsinstitut. 2004 verselbstĂ€ndigten sich die beiden Standorte in ZĂŒrich un Bern; fortan war ich Institutsleiter von gfs.bern, seit vielen Jahren bilde ich gemeinsam mit Lukas Golder und Urs Bieri auch die GeschĂ€ftsleitung. 2004 wurde ich Verwaltungsrat des Betriebs; seit 2008 bin ich dessen PrĂ€sident und seit 2011 AlleinaktionĂ€r. Parallel dazu bin ich Mitglied des Verwaltungsrats des gfs-Befragungsdienstes, dem Dienstleistungsunternehmen, dass fĂŒr die gfs-Gruppe die Umfragen realisiert.

Zahlreiche Projekte sind daraus entstanden, die heute in der schweizerischen Oeffentlichkeit ein Begriff sind: die VOX-Analysen (gemeinsam mit der Bundeskanzlei und drei UniversitĂ€ten), das Sorgen- resp. IdentitĂ€tsbarometer (mit der Credit Suisse), der Gesundheitsmonitor (mit der Interpharma), aber auch der Finanzmonitor (mit Economiesuisse). Nicht zuletzt sei an die SRG-Hochrechnungen (seit 1992), das Wahlbarometer (seit 1999) fĂŒr die SRG-Generaldirektion) und die Trendanalysen zu den Volksabstimmungen (seit 1998 fĂŒr die Chefredkatorenkonferenz der SRG-Medien) erinnert. Der bisher letzte Monitor in dieser Serie ist dem „Zusammenleben in der Schweiz“ gewidmet, an dem ich seit 4 Jahren arbeite und der im Februar 2014 vorgestellt werden wird.

Mein drittes Standbein besteht aus der Medienarbeit fĂŒr Medien. Bereits 1987 hatte ich einen kurzen Auftritt nach den Wahlen beim Schweizer Fernsehen; seit 1991 war ich lĂŒckenlos Analytiker aller eidg. Parlamentswahlen; seit der EWR-Abstimmung kam mir diese Aufgabe als GesprĂ€chspartner von Filippo Leutenegger bis Urs Leuthard auch in allen Live-Sendungen von SRF zu den gesamtschweizerischen Volksabstimmung zu. DarĂŒber hinaus war ich wohl fĂŒr alle politischen SendegefĂ€sse der vor allem in der deutschsprachigen, aber auch in der französisch- und italienischen Schweiz aktiv. Gleichsam ein Höhepunkt war die Lancierung der Sternstunde Geschichte, an der ich mit Roger de Weck und Thomas Maissen beteiligt war.

Ja, das ist denn auch das Stichwort fĂŒr meinen vierten TĂ€tigkeitsbereich, das Stadtwandern. UrsprĂŒnglich ein Form des tĂ€glichen Bewegungsprogramms, hat sich aus meinen SpaziergĂ€ngen, dort, wo ich gerade bin, eine neue Leidenschaft entwickelt. Seit 2004 nehmen ich 10 bis 12 Mal pro Jahr eine Gruppe mit auch meine Wanderungen, um anhand von PlĂ€tzen, Strassen, BrĂŒcken und HĂ€usern, die Lokalgeschichte Berns, aber auch anderer StĂ€dte wie Fribourg in der Nachbarschaft oder DĂŽle im Burgundischen wieder auferstehen zu lassen. Meine neuste FĂŒhrung, „Konkordanz woher? woher?“ getauft, wird den nĂ€chsten Politologenkongress in der Schweiz eröffnen.

stadtwanderer“ und „zoon politicon“ heissen meine beiden Blogs, die ich seit 2006 resp. 2008 betreibe. Ueber sie mische ich mich regelmĂ€ssig ins TagesgeschĂ€ft der Politik ein, versuche ich etwas anzustossen, vielleich auch mal etwas zu korrigieren, geht es mir darum, zu zeigen, was demoskopische und politikwissenschaftliche Forschung kann, aber auch wie einem die Historie zu nutzen kommt, wenn man sich im GetĂŒmmel der Gegenwart zurecht finden soll.

„30 Jahre als Politikwisssenschafter unterwegs“ ist eine anspruchsvolle Arbeit, immer im Sinne der Demokratie, hĂ€ufig als Teil der politischen Analyse und Kommunikation, meist in der Schweiz, immer hĂ€ufiger aber auch im Ausland! Zahllose VortrĂ€ge sind so entstanden, fast ebenso viele Artikel und BeitrĂ€ge in BĂŒchern, die sich ausgehend von bis jetzt mehr als 500 Forschungsprojekten zum Verhalten und Denken der Menschen mit meinen Kernthemen der zeitgeschichtlichen, aber auch systemischen Politik- und Gesellschaftsanalyse beschĂ€ftigen. Spannende Presönlichkeiten haben mich dabei als MitarbeiterInnen begleitet, so Ingrid Deltendre, die schliesslich Fernsehdirektorin wurde, Andreas Rickenbacher, heute Regierungsrat im Kanton Bern oder Petra Huth, nun selbstĂ€ndige Unternehmensberaterin.

Das alles war und ist eingepackt in eine Rolle, die man in der Schweiz in Vielem zuerst entwickeln musste, die viele wohlwollende und kritische BegleiterInnen im und ausserhalb des GfS kennt, die in der Regel respektiert, selten auch despektiert wird, und die ich als Teil meines (Berufs)Lebens nicht missen möchte!

Claude Longchamp