Archive for Februar, 2010

Bundespräsidentin Doris Leuthard kommt gut an

Doris Leuthard, die aktuelle Bundespr√§sidentin, f√ľhrt das neueste Bundesratsranking von Isopublic an. 77 Prozent der f√ľr die Sonntagszeitung resp. Le Matin Dimanche befragten 1003 Wahlberechtigten sind der Meinung, sie sollte in der Bundespolitik eine wichtige Rolle spielen. Damit verbesserte sie sich in den letzten 5 Monaten um 3 Punkte.

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Didier Burkhalter, gerade mal solange im Amt, nimmt mit 68 Prozent Zuspurch neu den zweiten Platz ein, vor Eveline Widmer-Schlumpf (65%, -7 Prozentpunkte) und Micheline Calmy-Rey (61%, +5 Prozentpunkte) und Ueli Maurer (59%, +4%).

Leuthard und Burkhalter polarisieren in der Wahlbev√∂lkerung kaum, Widmer-Schlumpf, Calmy-Rey und Maurer beschr√§nkt, bei positivem Saldo. Genau das ist bei den beiden Schlusslichern nicht der Fall. Denn Hans-Rudolf Merz (44%, -3 Prozentpunkte) und Moritz Leuenberger (43%, -7 Prozentpunkte) ecken bei mehr Wahlberechtigten an, als sie Unterst√ľtzung finden. Damit polarisieren sie erheblich.

Eigentliche Gewinnerin der letzten Monate ist die Genfer Sozialdemokratin Calmy-Rey; sie legte am meisten zu. Ihr Parteikollege Z√ľrcher Leuenberger verlor daf√ľr mit der B√ľndnerin Widmer-Schlumpf von der BDP am meisten. Insgesamt verlieren die Bundesr√§tInnen leicht an Zustimmung.

Bei den Wahlabsichten der Parteien halten sich die aktuellen Ver√§nderungen der Messung vom 4. bis 17. Februar 2010 in engen Grenzen. Eine klarere Sprache ert√∂nt, wenn man die j√ľngsten Messwerte mit den Wahlergebnissen 2007 vergleicht. Demnach gewinnt Calmy-Reys SP (+1,9%) und Leuthards CVP am ehesten hinzu (+1,4%). Die FDP, neu durch Burkhalter repr√§sentiert, verliert weiter (-1,2%). Noch gr√∂sser w√§ren die Einbussen der SVP (-4,8%). Davon profitieren w√ľrde vor allem dei BDP (+4,3%, 2007 aber noch gar nicht existent).

Die Trends bei den Bundesr√§tInnen sind klarer und plausibler. Jene bei den Parteien widersprechen teilweise den kantonalen Wahlergebnisse diametral, und auch den Messwerten von Isopublic f√ľr die Gemeindewahlen in der Stadt Z√ľrich. Diese sehen bei der SVP keine wirkliche Trendwende zum Schlechteren, und bei der SP keine gesicherter zum Besseren.

Kurse, Vorträge und Fernsehserie 2010

Diese Woche startet meine Lehrveranstaltung an der Uni St. Gallen. Doch bleibt dies nicht der einzige Kurs, den ich in nächster Zeit halten werde. Hier eine Uebersicht.

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Kurse
18. März 2010 IDHEAP Lausanne (Fachhochschulniveau):
„Politische Meinungsbildung“ (auf franz√∂sisch) im Rahmen der H√∂heren Kaderausbildung des Bundes
Dieser Kurs wird allenfalls am 27. Mai 2010 wiederholt.

25. März 2010 MAZ Luzern (Fachschulniveau):
„Politische Lobbying“ im Rahmen des CAS Medienarbeit

21. Juni 2010 IPMZ Transfer Uni Z√ľrich (Uniniveau, Weiterbildung)
Politische Kampagnen und ihre Erfolgsaussichten im Rahmen der Weiterbildung „Politische Kommunikation f√ľr Regierung und Verwaltung“

10./11. September 2010 ZhaW Winterthur (Fachhochschulniveau)
„Politische Meinungsbildung und Demoskopie“ im Rahmen des Nachdiplomstudiums „Politische Kommunikation“

27. Oktober 2010 MAZ Luzern (Fachschulniveau):
„Politische Lobbying“ im Rahmen des CAS Medienarbeit

18. November 2010 Wirtschaftsfachschule Bern (Fachschulniveau)
„Gemeindepolitik: technokratisch oder demokratisch?“ im Rahmen der Ausbildung von GemeindepolitikerInnen

Vorträge
Zu meinen Kursen kommen vorerst die nachstehenden Vorträge:

24. April 2010: Generalversammlung von Foraus (Forum Aussenpolitik)
„Wie kann man die Agenda der Schweizerischen Aussenpolitik beeinflussen?“

30. April 2010 Weiterbildungsreihe des Klosters Disentis

„Direkte Demokratie: eine Eigenheit der Schweiz, die es Wert ist, richtig verstanden zu werden“

27. Mai 2010 Verein Z√ľrcher Politologen
„Politikwissenschaft in der Praxis: M√∂glichkeiten und Grenzen der angewandten Politikforschung“

4. Juni 2010 Gemeinde Reinach (BL)
„Wieviel Bev√∂lkerung ertr√§gt die Planung – wieviel Planung ertr√§gt die Bev√∂lkerung?“

19. November 2010 Naturforschende Gesellschaft Winterthur

„Sind ‚Wahl- und Abstimmungsprognosen‘ eine Wissenschaft?“

7. Dezember 2010: Rotary Club Bern

„Urbanes Lebensgef√ľhl in Bern: Was √§ndert sich f√ľr die Politik?“

Bei den Vortr√§gen haben ich f√ľr im August bis Oktober 2010 noch einige Termine offen.

Fernsehserie
Schliesslich sei erw√§hnt, dass im Juli im Rahmen der „Sternstunde Geschichte“ eine Fortsetzung der vierteililgen Fernsehserie zur Schweizer Geschichte vorbereitet wird, an der ich aktiv teilnehmen werde, die im Herbst 2010 ausgestrahlt werden wird.

Stadtz√ľrcher Wahlen: Wahlbeteiligung ist alters- und geschlechtsabh√§ngig

Bei den Stadtz√ľrich Wahlen liegt die mittlere Beteiligung bei rund 35 Prozent. Das Alter und das Geschlecht entscheiden √ľber die mitlere Beteiligungh√∂he mit. Am verbreitetsten ist der Wahlgang bei Frauen mit 68 Jahren resp. bei M√§nnern mit 76 Jahren.

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Quelle: Stadtkanzlei Z√ľrich

Fr√ľher hiess es: Bei lokalen Wahlen k√∂nnen die B√ľrgerInnen direkter mitentscheiden und beteiligen sich mehr als bei kantonalen und nationalen Wahlen. Doch das gilt fast fl√§chendeckend nicht mehr. Die Mobilisierung h√§ngt heute von der Bedeutung der Wahl und ihrer Thematisierung im Wahlkampf ab. Und letzteres ergibt sich aus dem nationalen Kontext eher.

So beteiligten sich auch bei der letzten Stadtz√ľrcher Wahlen nur 34.8 Prozent. Bei solche tiefen Beteiligungen ist es √ľblich, dass die Gegens√§tze zwischen Merkmalsgruppen, die sich erfahrungsgem√§ss unterscheidlich beteiligen, verdeutlicht ausfallen.

Bezogen auf Wahlen in die Stadtzr√ľcher Regierung und ins Stadtz√ľrcher Parlament kann man von klaren Einfl√§ssen des Alters und des Geschlechts sprechen. Zu erw√§hnen gilt es, dass die 65-80j√§hrigen die h√∂chsten Beteiligungsquoten kennen. Bei den Frauen liegt der Peak bei rund 68 Jahren, bei den M√§nnern bei rund 76 Jahren. Wer j√ľnger oder √§lter als das ist, geht weniger h√§ufig w√§hlen.

Die Differenz zwischen den Geschlchtern ist fast durchg√§ngig so, dass M√§nner h√§ufiger als Frauen w√§hlen gehen. Sie nimmt aber bei den √ľber 65j√§hrigen recht systematisch zu, und sie verringert sich erst bei den √ľber 85j√§hrigen wieder. Warum? Die fr√ľhe politische Sozialisation war bei den Jahrg√§ngen von 1945 und √§lter klar geschlechtsspezifisch, was sich bis heute auswirkt. Denn es sind jene Jahrg√§nge bei denen die Frauen bei Vollj√§hrigkeit noch gar kein Stimmrecht hatten. Bei den j√ľngeren Jahrg√§ngen √§nderten sich die politischen Beteiligungsm√∂glichkeiten im kommunalen und kantonalen, bei jenen, die nach 1951 geboren wurden, gibt es keine Frauen mehr, die national nicht mitentscheiden konnten, als sie 20 wurden.

Wenn die geschlechtsspezifischen Effekte bei den ganz alten B√ľrgerInnen wieder geringer werden, hat das vor allem mit der Mobilit√§t der Personen heute zu tun. Sie nimmt mit jedem Altersjahr ab, egal ob es sich um M√§nner oder Frauen handelt, was sich bei beiden Geschlechtern negativ auf die Beteiligung an Wahlen auswirkt.

Stadtz√ľrcher Wahlen: Umfrage legt Ausgangslage offen.

Am 7. M√§rz 2010 w√§hlt die Z√ľrich, die gr√∂sste Schweizer Stadt, ihr Parlament und ihre Regierung neu. Eine Umfrage von Isopublic f√ľr den Tages-Anzeiger legt Verluste f√ľr die SP und Gewinne f√ľr die Gr√ľnen resp. Gr√ľnliberalen nahe.

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Die Wahlabsichten – 2 Wochen vor der Wahl bei 1002 Personen, die sich an den Beh√∂rdenwahlen beteiligen wollen, publiziert – weisen die Gr√ľnliberalen bei der Gemeinderatswahl als Sieger der Parlamentswahlen aus. Sie k√∂nnen mit rund 6 Prozent der Stimmen rechnen und damit ihren W√§hleranteil verdoppeln. Sie w√§re damit neu die Nummer 6. und den Stadtz√ľrcher Parteien. Zulegen k√∂nnte vielleicht auch die SVP, die sich gem√§ss Umfrage auf 19 Prozent steigern und so den zweiten Platz sichern w√ľrde. Die eigentliche Verliererin der Wahl w√§re die SP, die bei 29 Prozent einpendeln k√∂nnte. Trotz eines Verlustes von knapp 5 Prozentpunkten bliebe sie klar die st√§rkste Partei im der Legislativ. Ebenfalls verlieren w√ľrde die FDP, die es auf knapp 14 Prozent bringen w√ľrde, den dritten Platz aber behielte.

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Bei den Stadtratswahlen ergibt sich ein √§hnlicher Trend. Die SP, seit l√§ngerem mit 4 Sitzen in dern 9k√∂pfigen Exekutive vertreten, risikiert einen Sitz einzub√ľssen, der an die Gr√ľnen gehen k√∂nnte. Das Verh√§ltnis der beiden Lager bleibe so aber gewahrt: 5 Rotgr√ľne st√ľnden 4 B√ľrgerlichen gegen√ľber, und die SVP w√ľrde erneut aussen vor bleiben. Die gr√∂sste Unbekannte ist hier das absolute Mehr. Denn es ist nicht auszuschliessen, dass nur die ersten sechs die Wahl auf Anhieb schaffen werden, und je ein Vertreter der SP, der FDP und der Gr√ľnen in den zweiten Wahlgang m√ľssen. Das k√∂nnte f√ľr die SVP, aber auch f√ľr die SP zur Chancen werden, sie zu verbessern.

Bei der Best√§tigungswahl f√ľr das Stadtpr√§sidium liegt die Amtsinhaberin Corine Mauch eindeutig vorne.

Die Umfrage, diese Woche veröffentlicht, ist nicht mehr tauschfrisch. Sie wurde zwischen dem 29. Janaur und dem 17. Februar 2010 erhoben. Im Schnitt ist das einen Monat vor der Wahl oder 14 Tage vor der Veröffentlichung. Damit handelt es sich eher um eine Analyse der Ausgangslage, denn des Ergebnisse am Wahltag.

Volles Haus, voller Erfolg

Gestern staunte ich nicht schlecht, als ich als Referent an dere Seniorenuniversit√§t Schaffhausen (SUS) in der Vortragssaal trat. Gestuhlt war f√ľr 250 Personen, und bis eine Handvoll Pl√§tze in der hintersten Reihe waren bei Veranstaltungsbeginn alle besetzt.

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Foto: Monique Menk

Gerechnet habe ich mit 30, vielleicht 50 Interessierten. Gekommen sind dann fast 250, und dies trotz 15 CHF Einzeleintritt und Alterslimite von 60+. Ich begriff schnell, von einer Veranstaltung mit direktem Sichtkontakt zu allen musste ich zum Referat vom Rednerpult aus umstellen. Die Thesen behielt ich bei, die Form änderte ich spontan.

In den 45 Minuten zum Thema „Aus dem Alltag eines Politikwissenschafters in der Praxis“ ging es mir um Beispiele aus meiner T√§tigkeit, die das Spektrum aufzeigen sollten. Vor allem sollten sie sich nicht bloss auf Abstimmungen beziehen, denn unserer Institut leistet in de Gebieten Politik und Kommunikation Einiges mehr. Und so ging es darum, Politikwissenschaft in der Praxis verst√§ndlich zu machen:

… als Disziplin, die sich mit politischen Entscheidungen, ihren Formen, Ursachen und Folgen besch√§ftigt.
… als Theorien zu Entscheidungen, wie sie in der Wahlforschung am entwickeltsten sind,
… als Empirie von Entscheidungen, wie sie in der Umfrageforschung ermittelt wird,
… als Umfeldanalyse von Entscheidungen, die mit Monitoring-Projekten geleistet werden,
… als Teil der political science, wie sie sich im Gefolge der amerikanischen Politikwissenschaft seit den 70er Jahren auch in der Schweiz ausbreitete und
… als Teil der praxisorientierten Sozial-, Politik- und Kommunikationsforschung, wie sie am gfs.bern betrieben wird.

Das Interesse war gross. An der anschliessenden Diskussion beteiligten sich gegen 100 Personen, die dann spezifischen Fragen stellten, beispielsweise wie eine Hochrechnung funktioniert, was der Stand der Dinge bei den SRG-Umfragen ist, wie ich den gegenw√§rtigen Bundesrat beurteile, und welches meine Prognosen f√ľr die Abstimmungen vom 7. M√§rz 2010 seien. Auf alles gab ich bereitwillig Auskunft, – bis auf Letzteres. Da resultiert ein kurzes: „No comment!“

Trotzdem war man sich beim Veranstalter und Medienberichterstatter rasch einig: Volles Haus und ein voller Erfolg f√ľr die SUS!

PS: Das Referat selber wird am Donnerstag aufgeschaltet werden. Hier ist er.

Regierungsvertrauen 2009 wieder r√ľckl√§ufig

2009 war nicht das Jahr des Bundesrates. Das zeigt auch der Langzeitvergleich der VOX-Analysen. Erstmals seit 2004 sinkt das Regierungsvertrauen in der Schweiz wieder.

Anfangs 2009 vertrauten noch 53 Prozent der Regierungsarbeit auf Bundesebene. Ende Jahr waren es noch 42 Prozent. Es √ľberwog das Misstrauen mit 44 Prozent (+9%).

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Das wirtschaftliche und politische Umfeld können als Ursachen gelten. Hinzu kommen umstrittene Entscheidungen des Bundesrates, etwa im Fall der UBS, beim Bankgeheimnis und im Steuerstreit. Höhepunkt der medialen Kritik gegen den Bundespräsidenten war die Libyen-Affäre.

Eingebrochen ist vor allem das Regierungsvertrauen der SVP-W√§hlerschaft. Es ist tiefer als in der Phase, als die Partei in der Opposition war. Zwischenzeitlich ist es dem der parteipolitisch ungebundenen B√ľrgerInnen vergleichbar. Anders verh√§lt es sich bei den W√§hlerschaften von SP, FDP und CVP. Die H√§lfte vertraut dem Bundesrat. Bei der SP ist kein eigentlicher Trend sichtbar. Bei FDP und CVP l√§sst die Unterst√ľtzung nach.

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Bei Volksabstimmungen zeigten sich vorerst keine Auswirkungen. Die Verl√§ngerung der Personenfreiz√ľgigkeit anfangs 2009 passiert noch glatt. Knapper war es bei den Biometrischen P√§ssen und der IV-Zusatzfinanzierung. Beim Minarett-Verbot Ende Jahr kippte dann die Stimmung. Es siegte die Opposition.

Das Ausmass des Misstrauen 2009 muss jedoch relativiert werden. Insbesondere nach der UNO-Beitrittsabstimmung begann es zu sinken. 2004 erreichte es den bisherigen Tiefststand. Bis zu 52 Prozent Misstrauen zeigten die Umfragen damals, w√§hrend das Vertrauen auf einen Viertel der B√ľrgerInnen zusammenschmolz. Die Stimmungslage verbesserte sich ab 2006 sukzessive. Selbst angesichts der beginnenden Finanzkrise nahm es 2008 unver√§ndert zu.

Das ist wieder pass√©. Und es gilt nicht nur gegen√ľber dem Bundespr√§sidenten. Die Langzeitbetrachtung anhand der VOX-Analyse mit bis zu 4000 B√ľrgerInnen-Interviews j√§hrlich lehrt, dass Wendepunkte im guten wie im schlechten nicht aus der Tagesaktualit√§t entstehen. Vielmehr braucht es eine eigentliche Umkehr in der Politik, um das Grundverh√§ltnis zwischen B√ľrgerschaft und Beh√∂rden zu ver√§ndern. Das ist gegenw√§rtig nicht in Aussicht.

Politische Internetnutzung erreichte 2009 neue Höchstwerte

2009 war das Jahr der Internet-Nutzung in Abstimmungsk√§mpfen der Schweiz. Knapp ein Viertel der Teilnehmenden informierte sich auf diesem Weg √ľber die Sachfragen, die es zu entscheiden galt – der bisherige H√∂chstwert.


F√ľr gr√∂ssere Grafik Bild anklicken

Die langfristige Auswertung der VOX-Analysen zeigt ein betr√§chtliches Ansteigen der Nutzung von Internet durch die Stimmenden. Bis 2003 blieb der Wert regelm√§ssig klar unter 10 Prozent. Die damaligen Nationalratswahlen brachten aber einiges in Bewegung. Das gilt, beschr√§nkt auch f√ľr die Parlamentswahlen von 2007.

2009 nun erreichte die Internet-Nutzung in Abstimmungsk√§mpfen ihren bisherigen H√∂hepunkte – mindestens was die Nutzung durch die Stimmenden betrifft. 22 Prozent von ihnen griffen auf Internetangebote zur√ľck, als sie sich f√ľr die Volksabstimmung vom 29. November informierten. Vor der Entscheidung √ľber die Personenfreiz√ľgigkeit am 8. Februar waren es 21 Prozent gewesen.

In Zahlen ausgedr√ľckt sind das rund 500’000 aktive B√ľrgerInnen, die sich in der Schweiz auf diese Weise informieren. Die wenigstens von ihnen tun das exklusiv so; die meisten greifen auch auf die anderen Angebote im Print- und elektronischen Bereich zur√ľck.

Die Aenderung im Informationsverhalten ist zun√§chst ein Generationenph√§nomen: Je j√ľnger die B√ľrgerInnen sind, desto h√§ufiger nutzen sie Internet. Das gilt auch f√ľr den Schulabschluss: Je h√∂her dieser ist, desto h√§ufiger zeigen sich die Neuerungen. Und es trifft auf M√§nner im Vergleich zu Frauen zu.

Ueber die Auswirkungen auf die Meinungsbildung weiss man noch recht wenig. In der Regel zeigt sich vorerst kein signifikanter Zusammenhang mit der Stimmabgabe, wenn man das soziologische Profil der Verwendung kontrollierend mitber√ľcksichtigt. Mit anderen Worten: Junge Menschen stimmen gleich, ob sie Internet nutzen oder nicht. Im Einzelfall mag es Abweichungen davon geben.

Das spricht vorerst vor allem f√ľr die These, wonach neue Medien alte ersetzen, ohne das ein eigentlicher Verlierer sichtbar wird. Das galt zun√§chst auch f√ľr das allgemeine Informtionsverhalten, bei dem sich aber in einer zweiten Phase vor allem die Printmedien als Verlierer an Nutzung und Glaubw√ľrdigkeit entpuppen. Es ist nicht auszuschliessen, dass das auch in der politischen Kommunikation eintreten wird.

claude.longchamp@unisg.ch

Nun habe ich also eine email an der Uni St. Gallen. Denn im Fr√ľhlingssemester unterrichte ich wieder an der HSG, wie die h√∂chste Bildungsst√§tte der Ostschweizer Metropole immer noch heisst.

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Die HSG im Umbau: baulich und inhaltlich …

Empirische Politikforschung in der Praxis, heisst mein Kurs. Er geh√∂rt zur Masterausbildung im Fachbereich „International Affairs and Governance„. Die Studierenden haben in der Regel einen Bachelor-Abschluss in Politikwissenschaft oder Oekonomie erworben.

Der Kurs will die TeilnehmerInnen mit der Philosophie, den Themen und der Vorgehensweisen in der angewandte politikwissenschaftlichen Forschung vertraut machen. Er besteht aus sechs vierst√ľndigen Veranstaltungen, und wird im Fr√ľhlingssemster jeden zweiten Mittwoch gef√ľhrt.

Die Themen sind:

. Empirische Politikforschung in Theorie und Praxis
. Theorien, Ergebnisse und Verwendungen der Wahlforschung
. Theorien, Ergebnisse und Verwendungen der Abstimmungsforschung
. Der Forschungsprozess in Theorie und Praxis
. Präsentation der Gruppenarbeiten
. Chancen und Risiken der Umsetzung politikwissenschaftlicher Forschung

Ich pr√§sentiere und diskutiere dabei die g√§ngigen wissenschaftstheoretischen Grundlagen der sozialwissenschaftlichen Forschung. Gezeigt werden auch Beispiele, die in der Praxis der Parteien und der Medien Verwendung fanden und Gr√ľnde der Partei- oder Personenentscheidungen erhellen resp. resp. die Meinungsbildung bei Sachentscheidungen illustrieren.

Die Teilnehmenden sollen bef√§higt werden, aus einer Fragestellung ein emprisch ausgerichtetes Projekt zu formulieren, in einer Gruppenarbeit durchzuf√ľhren, und es vor den Mitstudierenden zu pr√§sentieren. Schliesslich werde ich aus der Erfahrung eines Anwendungsforschers sch√∂pfen, um zu zeigen, unter welchen Bedingungen Forschung hilfreich wird oder nutzlos bleibt.

Wer am Kurs teilnimmt, sollte bereit sein, regelm√§ssig zus√§tzlich Literatur zu verarbeiten und muss, statt einer Pr√ľfung, an einem Gruppenprojekt mitarbeiten resp. in der Veranstaltung aktiv mitmachen.

Wer direkt mit mir Kontakt aufnehmen will, dem sei hier meine St. Galler email empfohlen: claude.longchamp@unisg.ch.

Wo die Berner Parteien politisch stehen

Rund die H√§lfte der GrossratskandidatInnen im Kanton Bern hat beim eWahlspiel „smartvote“ Position bezogen. Damit entstehen die Umrisse der Parteien aufgrund ihrer aktuellen Eliten, was die Frage beantwortet, wer wo politisch steht.

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Smartvote klassiert politische Positionen aufgrund der Antworten in 65 Sachfragen. Diese werden entweder in einem spider nach Sachgebieten verarbeitet. Oder man stellt sie auf zwei Dimensionen dar, welche den Polaritäten zwischen links und rechts und zwischen liberal und konservativ entsprechen.

Klar links und beschr√§nkt liberal sind die SP und die Gr√ľnen. Sie decken praktisch das gleiche Spektrum ab. Mit anderen Worten, sind beide Partei klar sozialpolitisch ausgericht und autorit√§ts- resp. herrschaftskritisch.

Rechts und liberal ist die FDP. Das heisst, sie setzt auf Eigenverantwortung und Wirtschaftsfreiheiten. Internationale Kooperationen und Reformen traditioneller Strukturen werden bef√ľrwortet. In beidem gleicht ihr die BDP, wenn sie auch in beiderlei Hinsicht weniger ausgepr√§gt positioniert ist.

Am klarsten rechts steht die SVP, und sie ist auch deutlich konservativ. Darin gleicht ihr die EDU, die etwas näher bei der Mitte ist. Gemeinsam ist ihnen die Orientierung an der Tradition, der Bezug auf das Nationale und die restriktive Migrationspolitik.

Politisch in der Mitte und und leicht konservativ ist die EVP. w√§hrend die GLP ebenso in der Mitte, aber leicht liberal ist. Das gilt auch f√ľr die CVP (leicht rechts der GLP) und die Piraten (leicht links davon); beide sind noch etwas deutlicher als die GLP liberal.

Auch wenn es einzelne Ausreisser unter den KandidatInnen hat, werden die Schwergewichte in den Parteien recht klar sichbar. Dabei best√§tigt sich, dass die BDP der FDP verwandter ist als der SVP, und es zeigt sich, dass es zwischen Gr√ľnen und Gr√ľnliberalen Unterschiede gibt. Erstmals in der Schweiz kann man auch die Piratenpartei aufgrund der Stellungnahmen von Kandidierenden positionieren. Das d√ľrfte sich auch nicht mehr √§ndern, wenn einmal alle KandidatInnen die Fragen beantwortet haben.

PS:
Die jeweils aktuellste Fassung der Grafik f√ľr alle und f√ľr jede einzelne Partei kann hier erstellt werden (GR Wahlen 2010 ausw√§hlen, auf Analyse und auf aktualisieren dr√ľcken)

Nun wählen Sie aus!

Am 28. M√§rz 2010 w√§hlt der Kanton Bern seine Regierung und sein Parlament. „smartvote“ hilft bei der Auswahl!

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Bei den Nationalratswahlen 2007 macht das Projekt smartvote, von findigen PolitikwissenschafterInnen und InformatikerInnen entwickelt, Furore. Knapp 1 Million Wahlempfehlungen ermittelte das Computerspiel f√ľr die interessierte B√ľrgerschaft. Jetzt kommt es auch bei den Wahlen im Kanton Bern fl√§chendeckend zum Einsatz.

Das Vorgehen ist einfach. Man w√§hlt sich auf smartvote ein, und f√ľllt je nach Zeit, die einem zur Verf√ľgung steht, einen Fragebogen mit 15 oder 65 Fragen zur politischen Aktualit√§t aus. Die meisten Fragen sind ohne Weiteres Nachschlagen beantwortbar, und wenn man will, kann man die Themen, die einem besonders wichtig sind, speziell gewichten.

Dann dr√ľckt man auf Wahlempfehlung und erh√§lt die Liste der KandidatInnen f√ľr die Regierungsratswahlen in der Reihenfolge, in der diese mit den eigenen Positionen √ľbereinstimmen. Das Ganze kann man sich auch f√ľr Grossratswahlen durchrechnen lassen, und man erh√§lt so die Uebereinstimmung mit Parteien und KandidatInnen im eigenen (oder einem beliebigen) Wahlkreis.

Fast alle Theorien des W√§hlens ber√ľcksichtigen die Positionen in Sachfragen, um die Wahlentscheidungen zu erkl√§ren. Die Medien tendieren dagegen immer mehr zur symbolischen Kommunikation mit Stimmungsmache. Dem setzen die praxisorientierten ForscherInnen von smartvote nun etwas gegen√ľber: Von den Kandidierenden erwarten sie, dass sie ihre Positionen vor der Wahl bekannt machen, versprechen ihnen daf√ľr, Wahlempfehlungen bei Ratsuchenden aus der B√ľrgerschaft. F√ľr diese wiederum erh√∂ht sich die Transparenz, weniger der Parteien, denn deren Positionen kennt man, mehr aber der Bewerber und Bewerberinnen f√ľr Regierungs- und Grossrat, die in ihrer Differenziertheit ohne smartvote nicht m√∂glich w√§ren.

Noch haben nicht alle, die gew√§hlt werden wollen, den Fragebogen ausgef√ľllt. Bei den Regierungsratswahlen fehlt die H√§lfte, bei den KandidatInnen sind es noch etwas mehr. Der Trend ist aber steigend.

Vielleicht h√§ngt es auch mit einer Scheu zusammen sich festlegen zu m√ľssen. Was f√ľr die W√§hlenden ein Vorteil ist, kann sich f√ľr die Gew√§hlten als Problem erweisen. Dann etwa, wenn Medien auf die Antworten bei smartvote verweisen, w√§hrend die politische Diskussion in zwei, drei Jahren weiter sein kann. Oder wenn die Daten der Gew√§hlten von Interessenverb√§nden genutzt werden, um zu ermitteln, in welcher Partei die ParlamentarierInnen sitzen, die f√ľr die Mehrheitsbildung massgeblich sind.

Die enorme Ressonanz, die das spannende Projekt bei den Wahlen 2007 erreicht, ergab sich seither nicht mehr. Immerhin, bei den kantonalen Wahlen in St. Gallen wurde mehr als 13000 Wahlempfehlungen ausgestellt, in Basel in Genf waren es knapp 10000. Im Kanton Bern sind es wenige Tage nach dem Start bereits 2800. Gewählt wird erst in sieben Wochen.

Ich sage da nur: Greifen Sie zu, und wählen sie aus!