Archive for the 'Praxis' Category

Wenn die Vernunft verschwindet … und man trotzdem Politik betreibt!

„Boost“ tönt nach Marketing. Ist es auch. Besonders wenn Hans-Georg HĂ€usel das Wort verwendet – zum Beispiel als „emotional boosting“. Zu Deutsch hiesse das emotionale VerstĂ€rkung, und das kĂ€me weniger gut an. Denn es geht dem Autor um nicht weniger als um die Nutzung der neuesten Erkenntnisse aus der modernen Hirnforschung fĂŒr das Marketing.

Als Erstes liquidierte der Mediziner Hans-Georg HĂ€usel das Menschenbild aus der griechischen Philosophie. „Vergessen sie die Aufteilung in Instinkt, GefĂŒhle und Vernunft“, meinte er vor den 150 TeilnehmerInnen des Kongresses „Emotions in Politics and Campaigning“ im Wiener Radisson Hotel, die bis zur letzten Session ausgehalten hatten. Denn die moderne Hirnforschung zeigt, dass alle Entscheidungen auf Emotionen basieren, nur zu drei Viertel bewusst gefĂ€llt werden und das dabei dem Limbischen System die massgebliche Rolle zukommt.

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Limbic (c) map von Hans-Georg HĂ€usel

Drei generelle emotionale PolaritÀten können man unterscheiden:

die Balance vs. dem Thrill,
die Dominanz vs. der Fantasie und
die Stimulanz vs. der Ordnung.

Die empirische Beobachtung dieser PolaritÀten finde am besten an Werten statt. Mehr als 60 davon hat er untersucht, und in die Limbic Map eingetragen. Durch Verdichtung hat er 7 limbische Typen ermittelt, zu dem jeder aufgrund seines Kernmusters als Werten und Emotionen gehöre. Und aus den summierten limbischen Typen entsteht das limbische Profil einer Gesellschaft.

Dabei kommen Tradition, Ordnung, Performanz, Abenteuer, Hedonismus, Offenheit oder Harmonie mehr oder weniger klar zum Ausdruck. Beim einzelnen Individuum, und im Kollektiv. Deutschland hatte 2009 30 Prozent Harmonisierer, 20 Prozent Traditionalisten, je 13 Prozent Offene resp. Hedonisten, 11 Prozent Disziplinierte, 8 Prozent Performer und 5 Prozent Abenteurer. Performer HÀusel sieht Geschlecht und Alter als die wichtigsten Unterscheidungsgrössen, weil bei MÀnnern und Frauen, Jungen und Alten die Verteilung der Nervenbodenstoffe unterschiedlich ist.

Was der Mediziner so erforscht hat, wendet er als nun als GeschĂ€ftsmann fĂŒr Marketing an. Unternehmen, Produkte, Dienstleistungen, Marken, Farben, GerĂŒche und Töne werden systematisch in die Limbic Map eingearbeitet, um ihre ZielgruppenaffinitĂ€t zu beschreiben. Das verkauft HĂ€usel an Kundschaft, trĂ€gt er an Seminarien vor, und verbreitet er als neue Lehre ĂŒber mindestens ein Buch, das pro Jahr erscheint und zum Bestseller wird. Das alles fast man gelegentlich schon unter dem Motto „No emotions – no money“ zusammen.

Nun wagt sich der Erfolgreiche auch auf das Feld der Politik vor. Methodisch ist es nicht schwerer Parteien limbisch zu vermessen als das bei den Banken der Fall ist. Die GrĂŒnen neigen am meisten zur Stimulanz, die SPD zur Balance, die CDU zur Disziplin und die FDP zur Leistung. Doch dazwischen ist nichts, fĂŒhrt der Referent aus. Genau da wo neue Trends entstehen, ist keine Partei mehr.

Das sichert Aufmerksamkeit, die jedoch schon bald in Kritik ummĂŒnzen könnte. Denn Untertitel zu BĂŒchern wie „Die hohe Kunst der BĂŒrgerverfĂŒhrung“ könnte zu betrĂ€chtlichen Kontroversen fĂŒhren. Denn der Verweis, die griechische Philosophie sei im Lichte der Neurologie ĂŒberholt, mag Hirnforscher nach dem emotional turn ĂŒberzeugen, kaum aber politische Philosophen, welche die Geschichte der politischen Theorien durchdeklinieren können. Denn sie haben sie haben seit Platon und Aristoteles Politik an ihrer VernunftfĂ€higkeit gemessen, und in politischen Entscheidungen immer emotionale und rationale Komponenten gesehen.

So virtuos das Referat von Hasn-Georg HĂ€usel in der Schlussveranstaltung des Kongresses war – so gerne hĂ€tte ich gehabt, man hĂ€tte ihm einen ebenso viruosen Koreferenten zur Seite gestellt, der gerade auch diese Kritik „geboostet“ hĂ€tte.

Hans-Georg HĂ€usel: Emotional Boosting. Von der hohen Kunst der KaufverfĂŒhrung, 2009.

Kurse, VortrÀge und Fernsehserie 2010

Diese Woche startet meine Lehrveranstaltung an der Uni St. Gallen. Doch bleibt dies nicht der einzige Kurs, den ich in nÀchster Zeit halten werde. Hier eine Uebersicht.

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Kurse
18. MĂ€rz 2010 IDHEAP Lausanne (Fachhochschulniveau):
„Politische Meinungsbildung“ (auf französisch) im Rahmen der Höheren Kaderausbildung des Bundes
Dieser Kurs wird allenfalls am 27. Mai 2010 wiederholt.

25. MĂ€rz 2010 MAZ Luzern (Fachschulniveau):
„Politische Lobbying“ im Rahmen des CAS Medienarbeit

21. Juni 2010 IPMZ Transfer Uni ZĂŒrich (Uniniveau, Weiterbildung)
Politische Kampagnen und ihre Erfolgsaussichten im Rahmen der Weiterbildung „Politische Kommunikation fĂŒr Regierung und Verwaltung“

10./11. September 2010 ZhaW Winterthur (Fachhochschulniveau)
„Politische Meinungsbildung und Demoskopie“ im Rahmen des Nachdiplomstudiums „Politische Kommunikation“

27. Oktober 2010 MAZ Luzern (Fachschulniveau):
„Politische Lobbying“ im Rahmen des CAS Medienarbeit

18. November 2010 Wirtschaftsfachschule Bern (Fachschulniveau)
„Gemeindepolitik: technokratisch oder demokratisch?“ im Rahmen der Ausbildung von GemeindepolitikerInnen

VortrÀge
Zu meinen Kursen kommen vorerst die nachstehenden VortrÀge:

24. April 2010: Generalversammlung von Foraus (Forum Aussenpolitik)
„Wie kann man die Agenda der Schweizerischen Aussenpolitik beeinflussen?“

30. April 2010 Weiterbildungsreihe des Klosters Disentis

„Direkte Demokratie: eine Eigenheit der Schweiz, die es Wert ist, richtig verstanden zu werden“

27. Mai 2010 Verein ZĂŒrcher Politologen
„Politikwissenschaft in der Praxis: Möglichkeiten und Grenzen der angewandten Politikforschung“

4. Juni 2010 Gemeinde Reinach (BL)
„Wieviel Bevölkerung ertrĂ€gt die Planung – wieviel Planung ertrĂ€gt die Bevölkerung?“

19. November 2010 Naturforschende Gesellschaft Winterthur

„Sind ‚Wahl- und Abstimmungsprognosen‘ eine Wissenschaft?“

7. Dezember 2010: Rotary Club Bern

„Urbanes LebensgefĂŒhl in Bern: Was Ă€ndert sich fĂŒr die Politik?“

Bei den VortrĂ€gen haben ich fĂŒr im August bis Oktober 2010 noch einige Termine offen.

Fernsehserie
Schliesslich sei erwĂ€hnt, dass im Juli im Rahmen der „Sternstunde Geschichte“ eine Fortsetzung der vierteililgen Fernsehserie zur Schweizer Geschichte vorbereitet wird, an der ich aktiv teilnehmen werde, die im Herbst 2010 ausgestrahlt werden wird.

Volles Haus, voller Erfolg

Gestern staunte ich nicht schlecht, als ich als Referent an dere SeniorenuniversitĂ€t Schaffhausen (SUS) in der Vortragssaal trat. Gestuhlt war fĂŒr 250 Personen, und bis eine Handvoll PlĂ€tze in der hintersten Reihe waren bei Veranstaltungsbeginn alle besetzt.

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Foto: Monique Menk

Gerechnet habe ich mit 30, vielleicht 50 Interessierten. Gekommen sind dann fast 250, und dies trotz 15 CHF Einzeleintritt und Alterslimite von 60+. Ich begriff schnell, von einer Veranstaltung mit direktem Sichtkontakt zu allen musste ich zum Referat vom Rednerpult aus umstellen. Die Thesen behielt ich bei, die Form Ànderte ich spontan.

In den 45 Minuten zum Thema „Aus dem Alltag eines Politikwissenschafters in der Praxis“ ging es mir um Beispiele aus meiner TĂ€tigkeit, die das Spektrum aufzeigen sollten. Vor allem sollten sie sich nicht bloss auf Abstimmungen beziehen, denn unserer Institut leistet in de Gebieten Politik und Kommunikation Einiges mehr. Und so ging es darum, Politikwissenschaft in der Praxis verstĂ€ndlich zu machen:

… als Disziplin, die sich mit politischen Entscheidungen, ihren Formen, Ursachen und Folgen beschĂ€ftigt.
… als Theorien zu Entscheidungen, wie sie in der Wahlforschung am entwickeltsten sind,
… als Empirie von Entscheidungen, wie sie in der Umfrageforschung ermittelt wird,
… als Umfeldanalyse von Entscheidungen, die mit Monitoring-Projekten geleistet werden,
… als Teil der political science, wie sie sich im Gefolge der amerikanischen Politikwissenschaft seit den 70er Jahren auch in der Schweiz ausbreitete und
… als Teil der praxisorientierten Sozial-, Politik- und Kommunikationsforschung, wie sie am gfs.bern betrieben wird.

Das Interesse war gross. An der anschliessenden Diskussion beteiligten sich gegen 100 Personen, die dann spezifischen Fragen stellten, beispielsweise wie eine Hochrechnung funktioniert, was der Stand der Dinge bei den SRG-Umfragen ist, wie ich den gegenwĂ€rtigen Bundesrat beurteile, und welches meine Prognosen fĂŒr die Abstimmungen vom 7. MĂ€rz 2010 seien. Auf alles gab ich bereitwillig Auskunft, – bis auf Letzteres. Da resultiert ein kurzes: „No comment!“

Trotzdem war man sich beim Veranstalter und Medienberichterstatter rasch einig: Volles Haus und ein voller Erfolg fĂŒr die SUS!

PS: Das Referat selber wird am Donnerstag aufgeschaltet werden. Hier ist er.

Mein Dank an die Analysten-Konkurrenz

Noch schwankt „20 Minuten„, wenn es um Umfragen aus dem gfs.bern geht. Sohat die Redaktion nachgehakt. Bei der KollegeInnen-Konkurrenz. Was dabei herauskam, ĂŒberrascht auch mich!

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Quelle: St. Galler Tagblatt

„Wer die Schweizer Politologieprofessoren nach der GlaubwĂŒrdigkeit von Claude Longchamp und seinen Studien fragt, kommt schnell zum Schluss: Claude Longchamp ist zwar keineswegs unumstritten. Die Fehler bei der Minarettabstimmung aber, so der Tenor der Experten, liege weniger an Longchamps FĂ€higkeiten, als dass es die Grenzen solcher Demoskopie-Prognosen aufzeige.

Michael Hermann, Sozialgeograf an der Uni ZĂŒrich, sagt: «Es ist einfach sehr schwierig, das Verhalten von Menschen vorauszusagen.» Georg Lutz, Professor fĂŒr Poltikwissenschaft an der Uni Bern, meint: «Ich sage nicht, dass jemand besser Prognosen machen kann. Ich sage aber, dass man sich der Grenzen solcher Umfragen besser bewusst sein muss.»

Deshalb nehmen die Politikwissenschaftler auch die Medien in die Verantwortung. Besonders das Schweizer Fernsehen, welche die Untersuchungen bei Longchamp jeweils bestellt, muss Kritik einstecken. «Die SRG verkauft Longchamps Umfragen, die nur Bestandesaufnahmen sind, als Prognose», sagt die Politologin Regula StÀmpfli.

Dies sei eine zeitlang gut gegangen, weil die Umfragen den Abstimmungsergebnissen mehr oder weniger entsprachen. «Jetzt rÀcht es sich, dass beim Fernsehen der Unterschied zwischen Umfrage und Prognose nie zum Thema gemacht wurde», meint StÀmpfli.

Der Genfer Politologieprofessor Simon Hug vermutet, dass auch Longchamp damit nicht immer glĂŒcklich ist: «Ich habe das GefĂŒhl, dass er oft gedrĂ€ngt wird, mehr zu sagen, als er eigentlich kann.» Auch Hermann nimmt Longchamp in Schutz: «Er hat vor der Minarettabstimmung gewarnt, dass gerade diese Kampagne einen ungewöhnliche Dynamik habe.»

Die Medien hĂ€tten diesen Einwand aber kaum beachtet und lediglich die nackten Zahlen weitergegeben. Und weil Longchamp der einzige sei, der Prognosen abgebe, sei er auch der einzige, der PrĂŒgel beziehe, wenn sie daneben gingen.

Wirklichen Anlass zur Kritik gibt bei Claude Longchamp nur eine Sache: Die mangelnde Transparenz darĂŒber, wie seine Umfrageergebnisse zustande kommen. Besonders dezidiert kommt die Kritik von den UniversitĂ€tsprofessoren Simon Hug. Er meint: «Es ist fragwĂŒrdig, dass Longchamp seine Datenbasis und seine Methodik nicht veröffentlichen muss, obwohl die Umfragen von der SRG und damit mit öffentlichen Geldern finanziert werden.» In den USA und Frankreich wĂŒrden Umfragedaten deshalb öffentlich gemacht.

Wenn die Daten offen lĂ€gen, wĂŒrde man Longchamps Methodik nachvollziehen können, so Hug. «Es wĂŒrde eine Debatte unter Politologen entstehen, dank der Fehler beseitigt und das System verbessert werden könnte.» Kann man der heute veröffentlichten Nachanalyse also trauen? «Ja», meint Regula StĂ€mpfli: «Claude Longchamp bleibt ein solider Berufskollege, da man von ihm weiss, dass er aus Fehlern nicht nur viel lernt, sondern dann auch wirklich qualitativ Besseres herausbringt.»

Hierzu habe ich zwei WĂŒnsche:

1. Eine Umfrage per se ist keine Prognose. Denn nur unter der Annahme, dass alle eine Meinung haben und diese nicht mehr Ă€ndern, wĂ€re die Umfrage dem Ergebnis gleich. Doch stimmt die Annahme fĂŒr keine einzigen der 53 untersuchten Abstimmungen fĂŒr die SRG.
2. Abstimmungsumfragen sind nicht der letzte Stand der Dinge, weil die letzte vor eine Abstimmung 16-18 Tage vor dem letzten Abstimmungssonntag gemacht werden muss, um spÀtestens am 11. Tag vor der Abstimmung veröffentlich zu sein.

Zurecht wird im 20 min Artikel erwĂ€hnt, man stelle nur auf Zahlen ab, nicht auf Analysen und Interpretationen. Deshalb lege ich meine publizierten Untersuchungen immer offen. Sie steht just in time auf Internet abrufbar. In meinem letzten Blog bin ich bewusst auf solche Probleme eingegangen. AnsĂ€tze, Methoden und Vorgehenswesen sind in jedem Bericht beschrieben. Ich freue mich, wenn man sie inskĂŒnftig genauer liesst, kommentiert und mit Verbesserungen versieht.

Und noch etwas: Am meisten wĂŒrde mich freuen, wen Journalisten aufhöhren wĂŒrden, aus allem und jedem eine „todsichere Prognose“ zu machen. Auch hierzu lohnt es sich, in meinem Bericht zur Minarett-Initiative nachzuschlagen.

Mathematische Coolness und Verhandlungsgeschick: ein PortrĂ€t von StaatssekretĂ€r Michael AmbĂŒhl.

Die relative Bedeutungslosigkeit der Schweiz war lange Zeit ein Vorteil. Sie gilt als zu klein, um weh zu tun. Geht es aber ums Verteidigen von Schweizer Eigeninteressen, ist das Federgewicht ein Nachteil, schreibt die Hamburger „Zeit“ in ihrer Schweizer Ausgabe dieser Woche. AufhĂ€nger fĂŒr den Befund ist ein PortrĂ€t von Matthias AmbĂŒhl der als Schwergewicht der Schweizer Diplomatie einen Ausgleich schaffen soll.

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Seit 27 Jahren ist Michael AmbĂŒhl im diplomatischen Dienst. Er wirkte in Kinshasa und Dehli, bevor er nach BrĂŒssel entsandt wurde. Dort betreute er in verschiedenen Funktionen die Verhandlungen zu den Bilateralen. Zuerst war er fĂŒr die LeistungsabhĂ€ngige Schwerverkehrsabgabe zustĂ€ndig, dann ChefunterhĂ€ndler fĂŒr die Bilateralen II. Dieser Erfolg brachte den damals 54jĂ€hrigen 2005 an die Spitze der Schweizer Diplomatie.

Im Vordergrund steht er nicht; das sei die Aufgabe von Aussenministerin Micheline Calmy-Rey, meint AmbĂŒhl. Trotzdem avancierte er 2009 zum fĂŒhrenden Krisenmanager der Schweizer Aussenbeziehungen. „Usain Bolt der Aussenpolitik“ titelte ein Boulevard-Blatt, als es die viel gefragte Personen AmbĂŒhls vorstellte. In der Tat: Selbst an der 50-Jahr-Feier der GrĂŒndung der Schweizerischen Vereinigung fĂŒr politische Wissenschaft in der Schweiz hielt der vielseitige StaatssekretĂ€r das Hauptreferat.

Die wichtigste Voraussetzung fĂŒr sein Verhandlungsgeschick sieht AmbĂŒhl nebst der diplomatischen Ausbildung in seinen analytischen FĂ€higkeiten. Ausgebildet wurden sie beim an der ETH ZĂŒrich. Seine Doktorarbeit widmete er der Spieltheorie, die in Wirtschafts- und Politikwissenschaft fĂŒr anhaltende Furore sorgt. Das Denken, Wollen und Handeln des GegenĂŒber vorwegnehmen zu können, bezeichnet er als seine StĂ€rke. Doch darf diese Kompetenz nicht nur theoretisch ausgebildet sein. Sie muss sich auch in der Praxis bewĂ€hren. Dossierkenntnisse sind eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung, sagt der promovierte Mathematiker. Denn die KomplexitĂ€t der Materie muss reduziert werden – auf das Verhandelbare. Am liebsten hat er es, wenn es dabei um eine Zahl geht. Der Rest sei dann Verhandlungspsychologie auf oberster Ebene.

Das bewies StaatssekretĂ€r AmbĂŒhl diesen Sommer, als es um das UBS-Abkommen zwischen der Schweiz und den USA ging. Die skeptischen Amerikaner gewann er fĂŒr eine aussergerichtliche Lösung, indem er in der Sache den Schweizer Standpunkt vertrat, aber Nachverhandlungen zuliess, sofern die USA nicht bekomme, was sie erwarten durfte. Das wirkte und die Forderung nach Offenlegung von 52000 DatensĂ€tze verringerte sich auf die bekannten 4450 FĂ€lle. Das war einer seiner Erfolge, aufgemuntert von Aussenministerin Calmy-Rey, die im per SMS unterstĂŒtzte: „Ne lachez pas!“, schrieb sie dem Beharrlichen nach Washington.

2010 wird AmbĂŒhl die Arbeit nicht ausgehen. Denn nach dem Schweizer der Libyen-Mission von Hans-Rudolf Merz wurde er zum ChefunterhĂ€ndler in Sachen Schweizer Geiseln in Tripolis ernannt. GrundsĂ€tzlich scheint er gleich rational wie immer vorgehen zu wollen. Und wie immer sind dazu die Medien ungeeignet. „Schreiben Sie, ich sei hier nicht sehr gesprĂ€chig“, sagt er dem staunenden Journalisten der „Zeit“. Und lacht.

Zur Zukunft des Regierungssystems der Schweiz.

Der Aargauische Jugendparlament, Juvenat genannt, lud mich ein, eine Auslegeordnung ĂŒber die Zukunft des Regierungssystems der Schweiz zu machen.

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Das Referat hatte drei Teile: Eine Herleitung der Konstanten im Regierungssystem der Schweiz, ein summarischer Ueberblick ĂŒber die aktuelle Kritik, und eine Auslegordnung von ReformvorschlĂ€gen fĂŒr den Bundesrat.

Bei den Vorbereitungen hierzu wurde mir wieder einmal klar, wie deutlich die Schweiz den Weg einer bĂŒrgerlichen geprĂ€gten Republik gegangen ist, dass diese frĂŒh und weitergehend als andere demokratisiert worden ist und dass das in hohem Masse zum heutigen Konkordanzsystem gefĂŒhrt hat.

Von Konsensdemokratie mag ich nicht mehr sprechen. Denn die Polarisierung der Schweizer Politik, namentlich unter dem Eindruck der europa- und aussenpolitischen Oeffnung vertrĂ€gt sich nicht mehr mit dieser Kennzeichnung. Dennoch sprechen die plurikulturelle Zusammensetzung des Landes und der Referendumsdruck unverĂ€ndert dafĂŒr, das Regierungssystem auch inskĂŒnftig nach den Spielregeln der Konkordanz auszugestalten.

Das sehe ich allerdings nur als Àusseren Rahmen. Der innere Rahmen sollte durch die aktuellen Herausforderungen bestimmt sein. Und diese leitenden sich aus dem Handlungsbedarf der dauerhaften Interessenvertretung in einer interdependenten Welt ab.

Die aktuellen ReformvorschlÀge habe ich neutral vorgestellt, sie aber in diese Rahmungen gestellt; konkret habe ich behandelt:

. VerĂ€nderungen in der FĂŒhrung des Bundesrates (gestĂ€rktes PrĂ€sidium, EinfĂŒhrung einer zweiten Ministerebene fĂŒr SachgeschĂ€fte, Erhöhung des Zahl des Bundesrates)
. VerÀnderungen in der Wahl des Bundesrates (Listenwahl, Volkswahl)
. VerÀnderungen in der parteipolitischen Zusammensetzung des Bundesrates (Proportionalisierung, kleine Konkordanz).

Klar wurde mir dabei, dass die Focussierung der ReformvorschlĂ€ge auf arithemtische Konkordanzregeln nicht genĂŒgen. Es braucht eine umfassendere Betrachtungsweise und den Einbezug von inhaltlichen Ueberlegungen, wie der Bundesrat strukturiert, konstituiert und bestĂŒckt wird.

Die Diskussion mit den VertreterInnen des Jugendrates war ganz anregend. Sie zeigte mit, dass die öffentliche Diskussion gerade bei den Interessierten der kommenden Generationen den Eindruck geweckt hat, dass etwas gehen muss. Bis eine konsolidierte Stossrichtung vorliegt, braucht es aber auch in diesem Bevölkerungsteil noch viele Diskussionen.

Claude Longchamp

FDP: zurĂŒck zu den Wurzeln!

KĂŒrzlich hielt die FDP des Kantons Bern ihr Kick-off Meeting fĂŒr alle Kandidierenden bei den Regierungs- und Grossratswahlen 2010 ab. Die Wahlkampfvorbereitung trafen sie ohne mich, doch hatte die Parteileitung mich geladen, den Kadern der Partei zum Abschluss dieses Prozess den Spiegel von Aussen vorzuhalten. Die AusfĂŒhrungen stiessen auf reges Interesse und ĂŒberwiegenden Zuspruch.

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Die power ambition um die policy ambition erweitern – meine Empfehlung an die FDP des Kantons Bern – ĂŒber die kommenden Wahlen hinaus!

Hier die zentralen Thesen, und hier die schriftliche Referatsfassung.

1. Der Freisinn von 1848 umfasste 70 Prozent der Volksvertreter. Als breite Volksbewegung der StaatsgrĂŒndergeneration integrierte er zahlreiche Strömungen bĂŒrgerlicher und bĂ€uerlicher Schichten, hatte Platz fĂŒr Unternehmer, StaatsmĂ€nner, Techniker und Philosophen. Nur beim eigentlichen politischen Gegner, den Katholisch-Konvervativen, konnte der Freisinn von damals nicht punkten.

2. Ausgerechnet die FDP, die Partei, die den Freisinn von 1848 am direktesten reprĂ€sentiert, wandte sich in den 1980er Jahre dem angelsĂ€chsische Vorbild folgend vom Staat, den man selber geschaffen hatte, und in dem man ununterbrochen in der Mehrheitsallianz war, ab. FĂŒr diesen Wechsel hat die FDP bei den Wahlen seit 1983 gebĂŒsst. Sie hat sie mehrheitlich verloren.

3. Die FDP schaut in der Regel tatenlos zu, wie neue politische KrĂ€fte auf dem Hu­mus des Freisinns spriesen. Sie lĂ€sst die Zweige der neuen Pflanzen links und rechts an ihr vorbei wachsen – und beklagt danach die Polarisierung. Das ist die fal­sche Analyse, die in der Abgrenzung vorgenommen wird, statt integrative AnsĂ€tze zu entwickeln.

4. Bei der FDP realisiert man die power ambition bestens. Das ist gut fĂŒr eine Partei, denn ihre Aufgabe ist es, auf demokratischem Weg an die politische Macht zu gelangen. Doch vermisst man die policy ambition – das Engagement fĂŒr das eigene Programm. Die FDP ist heute eine Regierungspartei, die zu ausschliesslich von der Fraktion gefĂŒhrt wird. Sie ist zu wenig eine Volkspartei, in sich die Teile des Volks, welche FDP wĂ€hlen, wohl fĂŒhlen und ausdrĂŒcken können.

5. Von der FDP heute unzweifelhaft sichtbar ist ihr Programm als Steuerpartei. BeschrÀnkt nimmt man sie auch als engagierte Wirtschaftspartei wahr. Nur punktuell profiliert ist die Partei dagegen in Fragen der Gesellschaftspolitik. Das muss ausgeglichen werden. Gerade in Bildungs- und Gesundheitsfragen haben die Kantonalparteien viel Spielraum.

6. Den Kanton Bern voranbringen zu wollen, heisst auch, die Lage der stĂ€dtischen Zentren im Kanton, die Position des Kantons im Bund, und die Verankerung des Bundes im politischen Umfeld kritisch zu hinter fragen. Die Ambitionen der Freisinnigen sollte auch heute noch so stark sein, dass sie wie 1848 vorne bei der Entwicklung von starker Wirtschaft und guter Politik, von breiten Mittelschichten und bĂŒrgernaher Demokratie sind.

7. Einmal an die Macht gekommen, zerfiel die breite Volksbewegung recht rasch, wurde zur wirtschaftlichen und politischen Elite, die man nur eine Generation nach der StaatsgrĂŒndung als Bundesbarone bekĂ€mpfte. Die demokratische Bewegung entstand und sie ist fĂŒr Sie ebenso wichtig. Vergessen Sie nicht, dass Sie in Ihrem Parteinamen genauso wie ein „F“ auch ein „D“ haben. Die Erneuerung der FDP muss beiden Pfeilern ihres ParteiselbstverstĂ€ndnisses Rechnung tragen.

Claude Longchamp

Beschreiben, diagnostizieren, erklÀren und vorhersagen

Was muss ein Wahlforscher, eine Wahlforscherin in der Praxis können? Vier FĂ€higkeiten sollte man entwickeln: die der Beschreibung von Wahlen, der Diagnose von Ergebnisse, der ErklĂ€rung von Ursachen hierfĂŒr und der Vorhersage von Wahlen. Das ist eine der Quintessenzen aus meiner ersten EinfĂŒhrung in die Vorlesung der Wahlforschung.

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JĂŒrgen Falter, Professor fĂŒr Politikwissenschaft in Mainz, einer der fĂŒhrenden Wahlforscher in Deutschland, der eine eigene Praxis entwickelt hat

Das letzte ist gleichzeitig das SpektakulĂ€rste und Schwierigste. Wer weiss, wie etwas ausgeht, und das im Voraus mitteilt, ist eine gemachte Person in der Wahlforschung. Und trotzdem sollte man nicht damit anfangen. Denn es gibt vielfach nur AnsĂ€tze fĂŒr Prognose, keine fertigen Theorien, keine eindeutigen Methoden.

Die Forschung ist heute vor allem im Bereich der ErklÀrung tÀtig. Wenn das Ergebnis bekannt ist, will man es erklÀren können. Die UrsachenklÀrung ist etwas weniger schwierig als die Vorhersage. Denn sie hat eine andere Logik. In diesem Bereich gibt es sehr wohl Theorie, Methoden und Verfahren, die sich in den Fachdisziplinen bewÀhrt haben.

WahlforscherInnen können nicht immer warten, bis sie aufwendige Untersuchungen abgeschlossen sind. Sie mĂŒssen aus ihrem Wissen heraus, aber auch mit ihrer Erfahrung eine geeignete Diagnose stellen können, was Sache sein könnte. Dabei stĂŒtzen sie sich in der Regel auf frĂŒhere Untersuchungen, und machen sie AnalogieschlĂŒsse zu Geschehenem anderswo oder frĂŒhr, um eine FĂ€hrte zu legen, die ans Ziel fĂŒhren kann.

Die einfachste, aber grundlegendste FĂ€higkeit von Wahlforschung ist die Beschreibung: Beim Ergebnis ist das in der Regel sehr einfach. Schwieriger ist es, wenn es um Prozesse geht, beispielsweise um den Wahlkampf, und um das Umfeld, in dem dieser stattfindet. Schwierigkeiten ergeben sich auch, weil man fĂŒr die wissenschaftliche Beschreibung eine Fachsprache braucht, um nicht ideologischen Fallen der Politiksprache zu erliegen.

Die Grundlagenforschung konzentriert sich in der Regel auf die Entwicklung der beiden ersten FÀhigkeiten. Sie sind auch die beiden, die am stÀrksten theorie-orientiert sind. Die Anwendungsforschung ist nicht so eingeschrÀnkt. Gerade die Kompetenz zur Diagnose, zur Deutung eines Geschehens, um es verstÀndlich zu machen, ist hier wichtig. Und auch die Beschreibung will gelernt sein, denn sie kommt der RealitÀt am nÀchsten, und sie bildet gleichzeitig die Basis, auf der alle anderen Kompetenzen erst entwickelt werden können.

Ausgestattet mit diesen wissenschaftstheoretischen Kompetenzen kann man sich als WissenschafterIn in eine Praxis begeben.

Claude Longchamp

FPOe gewinnt Landtagswahlen in Vorarlberg dank Mobilisierung gegen Establishment

Nicht zuletzt wegen der an die SVP angelehnten Wahlwerbung der FPOe schaute man hierzulande heute gespannt auf das Ergebnis der Vorarlberger Landtagswahlen. Die OeVP behĂ€lt zwar die absolute Mehrheit und regiert, wie angekĂŒndigt, ohne die FPOe. Doch diese ist nun zweite Partei und verdoppelte ihre WĂ€hlerInnen-StĂ€rke, vor allem dank eine sensationellen Neumobilisierung.

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Quelle: Der Standard

Man erinnert sich: Die nationalkonservative FPOe setzte im Wahlkampf auf heimatliche Themen. Mit Plakaten rief sie zum „Schluss mit der falschen Toleranz“ auf. Im Visier hatte sie tĂŒrkische MigrantInnen und Minarette bei islamischen GotteshĂ€usern. Damit gewann sie die Medienaufmerksamkeit fĂŒr sich. Diese hielt sie Kritik am Direktor des JĂŒdischen Museums Hohenems hoch, was der bisherigen Regierungspartei ihre Akeptanz bei der stĂ€rkeren OeVP kostete.

GemĂ€ss vorlĂ€ufigem Wahlergebnis hat das der FPOe im Vorarlberg genĂŒtzt. Im neuen Landtag hat sie nun 9 der 36 Sitze. Ihre WĂ€hlerInnen-StĂ€rke erhöhte sie von 12,9 auf 25,9 Prozent.

Die WĂ€hlerstromanalyse des Instituts SORA benennt den Hauptgrund fĂŒr den Erdrutsch im Vorarlberg: Der FPOe gelang es wie keiner anderen Partei NeuwĂ€hlende fĂŒr sich zu gewinnen. Fast die HĂ€lfte der aktuellen Stimmen machte sie bei Nicht-WĂ€hlenden der Vorwahl. BeschrĂ€nkt legte die FPOe auch zu Lasten der OeVP zu. Und sie sammelten Stimmen bei bisherigen Aussenseiterlisten.

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Die OeVP konnte den Schaden in recht engen Grenzen halten, weil sie zwar nach rechts verlor, gegenĂŒber links aber gewann. Ihre Wechlerbilanzen sind sowohl gegenĂŒber der SPOe wie auch den GrĂŒnen positiv. Marginal nutzte die gestiegene Wahlbeteiligung auch der OeVP. Die GrĂŒnen, die ihren WĂ€hlerInnen-Anteil hielt, kompensierten die Verluste an die OeVP durch Neumobilisierung. Genau das gelang der SPOe nicht, weshalb sie einbrach.

Bilanziert man den Wahlkampf der FPOe kann man vorerst festhalten: Sie setzte inhaltlich focussiert auf verdrĂ€ngten Themen und kombinierte das stilmĂ€ssig mit den Mitteln der Provokation. Das kostete ihr zwar die ReigerungswĂŒrdigkeit. Doch gelang es ihr, die angedrohte Verlagerung auf die OppositionsbĂ€nke zu nutzen, um sich bei den bisherigen NichtwĂ€hlerInnen massiv zu empfehlen, und der OeVP verĂ€rgerte WĂ€hlerInnen abzunehmen. Die Partei hat damit nicht die Mehrheit bekommen, aber mehr WĂ€hlerInnen angesprochen als bisher, wie das die SVP in der Schweiz auch macht. Zuerst braucht es die Oberhoheit ĂŒber die Oeffentlichkeit, um die eigenen Themen ins Zentrum zu rĂŒcken. Und dann dann setzt man voll auf Mobilisierung gegen das irritierte Establishment, womit sich das wĂ€hlende BĂŒrgerInnenspektrum nach rechts bewegt.

Claude Longchamp

Nun beginnt das Rechnen!

Die Fraktionen in der Schweizerischen Bundesversammlungen haben sich festgelegt, wie sie bei der Bundesrtatswahl von morgen stimmen wollen. Wenigstens anfÀnglich, denn danach bleiben gewisse der Szenarien aktuell. Massgeblich ist der dritte Umgang.

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Die Ausgangslage in den Fraktionen
59 Mitglieder der SVP-Fraktion wollen fĂŒr den FDP-Kandidaten Christian LĂŒscher stimmen. 2 sind fĂŒr Didier Burkhalter. Von 4 VertreterInnen weiss man nichts.

Bei der CVP ist die Sache klar. Fraktionschef Urs Schwaller wurde einstimmig nominiert. Gibt es keine AbtrĂŒnnigen unter GLP und EVP, hat er 52 Stimmen auf sicher.

Bei der SP-Fraktion sind 25 Mitglieder fĂŒr den CVP-Kandidaten Urs Schwaller, und 15 fĂŒr den FDPler Didier Burkhalter. Von 10 Personen weiss man nichts, und 1 Sitz ist vakant. Generell hat man sich ausgesprochen, offizielle Kandidaten zu unterstĂŒtzen.

Nicht eindeutig ist das Verhalten der FDP-Fraktion. Didier Burkhalter ist der Favorit der Fraktion. Christian LĂŒscher ist der Aussenseiter. Doch beide sind sie KandidatInnen. Damit können die FDP-Mitglieder von Beginn weg ihre individuellen PrĂ€ferenzen ausdrĂŒcken oder auch taktisch stimmen. Und genau darauf kommt es an!

Die GrĂŒnen haben die StimmenverhĂ€ltnisse in der Fraktion nicht bekannt gegeben. Eine Mehrheit will aber den CVP-Vertreter Urs Schwaller unterstĂŒtzen. Minderheiten sind fĂŒr Didier Burkhalter resp. fĂŒr Dicky Marty. Damit hat Schwaller wohl ein gutes Dutzend grĂŒne Stimmen auf sicher, Burkhalter und Marty wohl ungefĂ€hr 5.

Die BDP gab ebenfalls nicht bekannt, wie sich die Stimmen verteilen. Doch ist eine Mehrheit fĂŒr Burkhalter, eine Minderheit fĂŒ Schwaller. Das tönt nach 4:2.

Die Rechnungen
Damit kann man mit rechnen beginnen. Im ersten Wahlgang dĂŒrfte Urs Schwaller vorne liegen. Er kann auf 90 bis 100 Stimmen zĂ€hlen. Wer an zweiter Stelle ist, hĂ€ngt allein vom Entscheid der FDP-ParlamentarierInnen ab. Setzen alle auf Burkhalter kommt er auf rund 75 Stimmen, und LĂŒscher macht rund 60. Teilen sich die Stimmen auf, kann LĂŒscher mit rund 80 Stimmen rechnen, Burkhalter mit 55. Marty dĂŒrfte deutlich dahinter liegen. 5, maximal 15 Stimmen sind denkbar. In den ersten beiden Runden ist gut möglich, dass LĂŒscher vor Burkhalter liegt, um die Karten nicht ganz aufzudecken.

Unter dieser Voraussetzung ist ein Vorschlag von Jean-François Rime aus den Reihen der SVP wenig wahrscheinlich. Denn damit ist nur zu rechnen, sollte es aus dem rotgrĂŒnen Lager viele Stimmen fĂŒr Marty geben, sodass die FDP gezwungen werden könnte, umzuschwenken.

Der dritte Wahlgang ist entscheidend. Es können keine neuen Namen ins Spiel gebracht werden, und es beginnt ein Ausscheidugnsrennen nach hinten. Das ist der grosse Moment fĂŒr die FDP: Wenn sie geschlossen auf Burkhalter setzt, ist er der Favorit fĂŒr den Schlussgang, wenn nicht, steht LĂŒscher im Finale. Die FDP hat es also in der Hand, mit einer Stallorder den Blinker zu stellen.

Die einzige Möglichkeit, das zu unterlaufen: Einige Schwaller-WĂ€hlende leihen in diesem Moment LĂŒscher vorĂŒbergehend die Stimme, damit er vor Burkhalter liegt. Dann wenden sie sich aber von LĂŒscher weider ab.


Die verbleibenden Szenarien

LĂŒscher dĂŒrfte keine Stimme aus den Reihen von CVP, SP und GrĂŒnen erhalten. Steht er Schwaller gegenĂŒber, dĂŒrfte der gewĂ€hlt sein, denn brĂ€uchte erhebliche Stimmenhaltungen bei GrĂŒnen und SP, dass LĂŒscher mit seinen Stimmen vorne liegen wĂŒrde.

Ist dagegen Burkhalter im Schlussgang, kostet das Schwaller möglicherweise 20 Stimmen. Genau die, die es ausmachen, wer Bundesrat wird. Ausser etwa soviele in Reihen wissen nicht, wie man Burkhalter schreibt und legen leer ein …

Claude Longchamp