Immer wieder dieser Röschtigraben!

RegelmĂ€ssig erhalte ich Anfragen fĂŒr AuskĂŒnfte als Experte. Die meisten dieser Anfrage lehne ich ab; aus ZeitgrĂŒnden, weil mich die Fragestellung nicht intessiert oder weil man mit einer einfachen Internetrecherche das Ganze auch beantworten kann. Jetzt habe ich wieder einmal eine Ausnahme gemacht, und eine Anfrage einer Studentin zum unendlichen Thema „Röstigraben“ beantwortet; hier das ganze Interview, fĂŒr alle anderen, die mich danach fragen möchten …

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Alice Grosjean: Was sind fĂŒr Sie persönlich die grössten Unterschiede zwischen Romands und Deutschschweizern (Sprache, Charakter, MentalitĂ€t)?

Longchamp: SelbstverstĂ€ndlich in der unterschiedlichen Sprache, die auch andere KulturrĂ€ume eröffnet, verbunden mit einer ganz anderen Geschichte, welche das VerhĂ€ltnis zu Imperien, Aufgaben des Staates, Einstellung zu Steuern und Formen der Entscheidfindung geprĂ€gt hat. DarĂŒber hinaus gibt es fĂŒr mich eher innerhalb der Sprachgruppen mehr Unterschiede, als dass ich solche zwischen diesen sehen wĂŒrde.

Was schÀtzen Sie besonders an den West-, was an den Deutschschweizern?

In Fribourg aufgewachsen, Sohn einer deutschsprachigen Mutter und eines französischsprachigen Vaters bin ich ja von beidem etwas. Auch deshalb glaube ich nicht, dass es den Deutsch- und Westschweizer gibt. Wir allen haben mehr oder wenig viel oder wenig des einen oder anderen Kulturraumes in uns. – So gesehen schĂ€tze ich an der Romandie das Latenium, das Museum in Neuenburg, wegen der modernen Architektur, des grossen Wurfs ĂŒber die Regionalgeschichte, und den Publikumsandrang, den es damit auslöste. und an der Deutschschweiz mag ich besonders Luzern mit dem perfekten Einbindung in die Umwelt, der gemĂŒtlichen Lebensweise und dem Mix aus Tradition und Offenheit besonders gut. Am liebsten bin ich aber in Murten, irgendwo zwischen der Kirche der französisch- resp. deutschsprachigen Bevölkerung 


Sind die Romands die besseren Patrioten?

Ach, was sind schon Patrioten? Als NapolĂ©ons Truppen die Schweiz besetzten, machten sie aus den französischsprachigen Untertanen gleichberechtigte Citoyens. AufgeklĂ€rt wie vor allem die Intellektuellen in der AkademiestĂ€dten Genf und Lausanne von damals waren, verstanden sie sich als Patrioten, das heisst als Freunde der Revolution. Ihre Gegner nannten sich Republikaner, Föderalisten, und waren ReaktionĂ€re, die das Rad der Geschichte umdrehen wollten. WĂ€hrend der StaatsgrĂŒndung waren die Freisinnigen die Patrioten, welche mit der Schweizerischen Eidgenossenschaft von 1848 mitten im monarchistischen Europa einen Coup lancierten. Doch das alles ist durch das Erlebnis des Zweiten Weltkriegs nachhaltig verĂ€ndert worden: Patrioten waren danach jene, die sich gegen Hitler wandten, den General verehrten, dem Reduit anhingen, und dabei ĂŒbersehen, dass sie sich ins Schneckenhaus zurĂŒckzogen, die Demokratie ĂŒber Bord warfen, und die aufklĂ€rerischen Werte der Französischen Revolution verrieten. Patriot war man nun, wenn man antikommunistisch dachte und handelte, wĂ€hrend alle anderen als fremde Fötzel traktiert wurden. – Nun sagen Sie zuerst, welchen Patriotismus sie meinen 


Gibt es Ihrer Meinung nach noch viele Vorurteile der Romands gegenĂŒber den Deutschschweizern (oder anders herum)?

Die Konstruktion der Welt aufgrund einer einzigen Konfliktlinie ist das grösste Vorurteil, egal wo man lebt. „The Clash of Civilisation“ leitete der US-amerikanischen Politologe Samuel Huntington aufgrund einer Polarisierung von KulturrĂ€umen ab, die er in erster Linie religiös, das heisst christlich oder nicht-christlich aufbaute. „Die IdentitĂ€tsfalle“ nennt das sein grösster Kritiker, der NobelpreistrĂ€ger Amartyra Sen, und zĂ€hlt auf, wie viele IdentitĂ€ten die Menschen als soziale Wesen haben, kulturell, sprachlich, religiös, moralisch, ethisch oder politisch konstituiert sind und nur selten in der gleichen Kombination bei zwei verschiedenen Menschen vorkommen. Genau deshalb macht die Polarisierung in der Schweiz entlang des Röschtigraben wenig Sinn!

Wann und weshalb haben Sie persönlich den „Röstigraben“ am stĂ€rksten erlebt/wahrgenommen?

Am 6. Dezember 1992, bei der Volksabstimmung ĂŒber den EWR-Vertrag, in der Romandie fast einstimmig angenommen, in der deutschsprachigen Schweiz mehrheitlich verworfen, nur von ausgewĂ€hlten stĂ€dtischen Gegenden befĂŒrwortet. Das war es auch berechtigt, diese Chiffre zu verwenden, doch finden sich davon selbst bei Europa-Abstimmungen heute nur noch Spuren.

Wie beurteilen Sie heute die politische Lage um den Röstigraben, existiert er ĂŒberhaupt noch?

Er ist dann problematisch, wenn er gleichzeitig politisch, kulturell und ökonomisch wirkt, Mehr- und Minderheit, dominante und unterlegene Kultur, starke und schwache Oekonomien einander immer wieder gleich ausschliessen. Denn dann neigt man dazu, wirtschaftliche VerteilkĂ€mpfe in ethnischen Kategorien zu lesen, womit sie hochexplosiv und kaum mehr rational verbesserbar werden. GegenwĂ€rtig findet man ja davon nur noch wenig: Die Romandie ist die Region der Schweiz, die am stĂ€rksten boomt, von der Weltwirtschaftskrise am wenigsten betroffen ist. Der Arc LĂ©manique, der entlang von Strassen und Schienen zu einem grossen melting pot von Interessen und Werten zusammenwĂ€chst, ist ZĂŒrich von seinem Zukunftspotenzial her jedenfalls ebenbĂŒrtig.

Was hat sich in den letzten 40 Jahren verÀndert?


40 Jahre sind willkĂŒrlich! Eine Zusammenstellung des Poltikwissenschafters Christian Bolliger, die man auf dem Internet schön nachverfolgen kann, zeigt, dass das VerhĂ€ltnis zwischen den Sprachregionen seit es Volksabstimmungen gibt, die ihm als Indikatoren gelten kaum je stabil waren, und es wohl auch nicht sein werden. Das einzige war immer ein Problem ist, besteht darin, dass man nur noch neben, kaum mehr miteinander lebt.

Sind die Anstrengungen den Röstigraben zu ĂŒberqueren und die jeweils andere Sprache und MentalitĂ€t kennen zu lernen, z.B. von jungen Leuten, heute grösser als frĂŒher?

Nein, eher nicht. Eigentlich lebt ja nur noch Biel/Bienne die Zweisprachigkeit wirklich. Der Rest kĂŒmmert sich kaum darum. Im Alltag, im Berufsleben, in den Medien, herrscht Segregation und Binnnensicht vor. Die lingua franca, in der sich die SchweizerInnen gemeinsam unterhalten, ist zwischenzeitlich englisch, weil man einander sonst nicht mehr versteht! Und unter den Zuwanderern ist es bald einmal albanisch!

Glauben Sie, dass sich Westschweizer manchmal in gewissen Dingen benachteiligt fĂŒhlen (Z.b. in politischer Sicht oder in den Medien)?

Sie sind eine Minderheit. Die Sprache ist aber nur eine der grossen Konfliktlinien in der europĂ€ischen und schweizerischen Gesellschaft, die sich politisch auswirken. In der Schweiz ist der Stadt/Land-Gegensatz heute viel wichtiger, auch der Konflikt zwischen wirtschaftlichen Interessengruppen rangiert vor der Sprachenfrage. Diese findet sich am ehesten, wenn es um Relation zwischen Zentral- und Gliedstaaten geht, denn da reflektiert sich die Minderheitsposition am ehesten. BeschrĂ€nkt trifft das auch zu, wenn wir ĂŒber die Aufgaben des Staates, der Gemeinschaft und des Individuums reden und wenn es um das VerhĂ€ltnis zum Ausland geht, weil es durch die nĂ€chstgelagerten Referenzraum ganz unterschiedlich erscheint. Die Mehrheiten sind aber nicht immer identisch, sodass ich das nicht zu vertiefen brauche.

Was könnte man in der Kommunikation zwischen Deutsch- und Westschweiz verbessern?

Reisen bildet, wandern auch! Reisen und wandern Sie alle mehr in der Schweiz umher, und gehen sie nicht immer an die gewohnten Orte. Das gilt fĂŒr alle, entdecken sie Vielfalt der Schweiz, wie das im 18. Jahrhundert so populĂ€r wurde und lange nachhalte, heute leider viel zu wenig mehr vorkommt. Und lernen sie dabei auch Menschen in ihrer ganzen Kultur kennen, indem sie sich MĂŒhe geben, ihre Sprache zu verstehen. Die Bestimmung der Schweiz ist es, eine GrenzgĂ€ngerInnen-Nation zu sein!

Claude Longchamp