Politische Profile der Vervorstädterung

Mit der Industrialisierung hat ein seither ungebrochener Urbanisierung begonnen, schreibt Daniel K√ľbler, Professor f√ľr Politikwissenschaft am Zentrum f√ľr Demokratie in Aarau. Statt von Verst√§dterung m√ľsse man aber von Vervorst√§dterung sprechen. Eine kritische W√ľrdigung des Vorschlags.

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Nur 4 von 10 AgglomerationsbewohnerInnen leben heute in Kernstädten; die anderen 6 in Aussengemeinden. Diese kann man in drei Typen untergliedern:

Suburban ist die Schweiz in der N√§he von Kernst√§dten. Die Menschen leben hier dicht aufeinander, die Zahl der Arbeitspl√§tze ist hoch, der Ausl√§nderanteil aus. Schlieren bei Z√ľrich, Rheinfelden bei Basel, Ostermundigen bei Bern und Kriens bei Luzern stehen hierf√ľr.
Periurban sind Gebiete, die weiter aussen liegen. Die ehemaligen Landgemeinden sind durch Verkehrverbindungen in den Einzugsbereich von Kernst√§dten geraten; nicht selten handelt es sich um Schlafgemeinden in traditioneller Umgebung, wie etwa Feusisberg in Schwyz, das eigentlich zu Z√ľrich geh√∂rt oder Schmitten in Fribourg, im periurbanen Bereich Berns.
Reiche Gemeinden schliesslich haben bevorzugte Wohnlagen und kennen entsprechende Immobilienpreise. Gutverdienende in Villenvierteln verbringen hier ihr Leben. K√ľnsnacht bei Z√ľrich, Muri bei Bern oder Meggen vor Luzern z√§hlen hierzu.

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Politologe K√ľbler hat anhand der Wahlen 2007 untersucht, wie sich das auf die politischen Profile dieser Gemeindetypen auswirkt; sein Ergebnis:

Die wahlberechtigte Bevölkerung der Kernstädte steht mehrheitlich links und ist eher öffnungswillig.
Auch im suburbanen G√ľrtel neigt man nach links; die Oeffnungsbereitschaft ist indessen geringer.
Periurbane Gemeiden sind bei beiden Indikatoren konservativer: Ihre WählerInnen sind eher rechts und besonders stark auf Abgrenzung aus.
In reichen Gemeinden schliesslich steht man noch weiter rechts, ohne aber auf Abschottung zu machen.

In den Kernst√§dten und im suburbanen Gebiet funktioniert linke Politik. In den √ľbrigen Teilen der Agglomerationen steht man rechts. Damit stimmt der Trend zu Nationalkonservatismus nicht mehr √ľberein. Der ist in den wachsenden sub- und periurbanen Agglogebieten verbreitet.

Zweifelsohne, diese Typologie ist bei gewissen Sachfragen n√ľtzlich. F√ľr die Analyse von Parteienlandschaften ist mir schlicht zu simpel. Due FDP verliert nicht nur, weil die reichen Gemeinden geringer werden, genauso wenig wie die SVP gewinnt, weil die periurbanen Gebiete zunehmen.

Mein Haupteinwand ander Typologie ist, dass sie die Gr√∂sse vernachl√§ssigt. Metropolitanregionen kennen nicht nur ein Zentrum und einen ausdifferenten Rand. Diese haben auch deutlich mehr EinwohnerInnen als mittelgrosse oder kleine Agglomerationen. Der Raum Z√ľrich ist anders als der Raum Basel, und der wiederum unterscheidet sich vom Raum Schaffhausen.

Das alles hat politische Konsequenzen. So zeigen sich neue politkulturelle Entwicklung vor allem in den grossen metropolitanen Regionen zuerst. In den kleineren Agglomerationsregionen lösen sie nicht selten Gegenreaktionen aus. Und das Ganze wird durch politikulturelle Eigenheiten der Sprachregionen gebrochen.
Ohne diese Zus√§tze kann √ľbersieht man meines Erachtens die Komplexit√§t der politischen Profile in den Aggloregionen!

Claude Longchamp

Mehr dazu in Jefferey Sellers, Daniel K√ľbler, Alan Walks, Melanie Walter-Rogg (eds.): The political ecology of the metopolis, Essex: ECPR Press (erscheint 2011).