Archive for Mai, 2009

WĂ€hle Dein Europa!

Die Gewerkschaften in Oesterreich setzen zur Schlusskampagne im Wahlkampf fĂŒr das EU-Parlament an, mit einem Mobilisierungsvideo, das dem gleich, mit dem in der Schweiz zugunsten der Abstimmung ĂŒber die PersonenfreizĂŒgigkeit mit der EU geworben wurde.

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Die Wahlen ins EU-Parlament stehen unter keinem guten Stern. Es gibt keinen gesamteuropÀischen Anlass. Die Kampangen finden in den LÀndern statt, und werden meist mit nur halber Kraft gefahren. Den KandidatInnen geht der Hauch von Engagement ab, und die Streitthemen sind eher rar.

Und am 7. Juni wird das EuropÀische Parlament neu bestellt.

Nun platzt, beispielsweise in Oesterreich, das Mobilisierungsvideo in die Schlussphase der Entscheidfindung, wie wir es aus der Abstimmung ĂŒber die verbindliche PersonenfreizĂŒgigkeit in der Schweiz schon kennen. Eine halbe Million mal, wurde es per Internet weiter gerecht, und es hat den Ausgang der Abstimmung höchstwahrscheinlich zugunsten der EU-BefĂŒrworterInnen beeinflusst.

Initiant ist diesmal der Oesterreichische Gewerkschaftsbund. Entsprechend ist die Geschichte aufgebaut. Die Manager einer Firma mit Glas-Stahl-und-Betonbau freuen sich ĂŒber den Wahlausgang fĂŒr das Parlament in BrĂŒssel. Zu frĂŒh ist ihre Party angesetzt, denn die prognostizierte Wahlbeteiligung steigt wider allen Erwartung rapide an. Ursache ist ein Aufruf, vor allem junger Menschen, die sich bei dieser Wahl ihr Europa nicht nehmen lassen wollen, und mit dem guten Beispiel vorangehen.

Wie das auch im Fall des Schweizer-Videos der Fall war, kann man es via Internet an Freunde oder Bekannte versenden, wobei dann ihr Name in grossen Lettern als Vorbild in der Zeitung erschent.

Als ich vor wenigen Wochen in Oesterreich war, prophezeite Fritz Plasser, Politikprofessor in Innsbruck, die Wahlbeteiligung werde nicht so tief sein, wie in den frĂŒhen Umfragen. Denn die grossen Parteien OEV und SPOe wĂŒrden erst ganz am Schluss ihr Gewicht in die Waagschale der BĂŒrgerInnenentscheidungen werfen, und dann auch punkten.

WĂ€hle also dein Europa, wenn Du darfst …

Claude Longchamp

Wo PolitikerInnen und Parteien in der Politlandschaft stehen

Unter der Leitung des Lausanner Politologen Andreas Ladner haben Daniel Schwarz und Jan Fivaz, beide fĂŒhrend am smartvote-Projekt beteiligt, eine Analyse der Positionierung von NationalratskandidatInnen am Beispiel der Wahlen von 2007 vorgelegt, die solide das aktuelle politische Koodinatensystem der Schweiz auskleidet.

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Die Studie ĂŒberzeugt zunĂ€chst durch die Datenbasis. 85 Prozent der KandidatInnen bei den jĂŒngsten Nationalratswahlen haben mitgemacht. Das ist deutlicher mehr als etwas bei der Nachwahlbefragung im Rahmen des Selectsprojektes, an dem sich nur die HĂ€lfte beteiligt haben.

Der Hauptgrund liegt im Nutzen der Teilnahme. Erhoben wurden die Daten im Rahmen des Onlinedienstes smartvote, das es den WÀhlenden erlaubt, sich selber im Vergleich zu den BewerberInnen zu vergleichen. Die Kandidierenden bot dieser moderne Internet-Angebot eine willkommene Gratismöglichkeit, sich thematisch zu profilieren, was die Mitmachbereitschaft sichtbar erhöhte.

Die Hauptergebnisse
ZunĂ€chst halten die AutorInnen der Studie fest, dass die GewĂ€hlten thematisch nicht systematisch von den Kandidierenden abweichen. Zwar sind sie leicht rechter, und etwas weniger ökologisch, doch hat das damit zu tun, dass linke und grĂŒnen Parteien im VerhĂ€ltnis zu den GewĂ€hlten mehr Listen vorschlugen.

Unter den GewĂ€hlten sind die Frauen leicht linker als die MĂ€nner. Dies trifft bei allen Parteien – ausser der SP – zu, weil sich hier auch die MĂ€nner weit links positionieren.

Die interne Geschlossenheit der Parteien ist davon kaum beeinflusst. Am homogensten treten die KandidatInnen von SP und GrĂŒnen in Erscheinung, am meisten streuen die von CVP und FDP. Bei der FDP ist das selbst in ihren selbstgewĂ€hlten Profilierungsthemen der Fall. Bei der SVP schliesslich ist die Geschlossenheit mittel, in den Kernfragen aber ausgesprochen hoch.

Wo es Unterschiede innerhalb der Parteien gibt, folgen sie hauptsÀchlich sprachregionalen Differenzierung, werden sie beschrÀnkt auch durch den konfessionellen Kontext ihrer Wahlkreise bestimmt.

Vergleicht man die Positionierungen zwischen den Parteien, werden drei Konfliktmuster ersichtlich:

. zunĂ€chst die Unterscheidung zwischen BĂŒrgerlichen und Linken;
. dann die zwischen der SVP und den ĂŒbrigen Parteien und
. schliesslich die zwischen der SVP und der FDP einerseits, den Parteien Mitte/Links anderseits.

Reduziert werden kann das auf zwei gut bekannte Dimensionen: die Links/Rechts-Achse einerseits, der Gegensatz liberal/Konservativ anderseits. Dabei ist die SVP klar rechtskonservativ, SP und GrĂŒne fast identisch links und beschrĂ€nkt liberal positioniert, womit sie sich isolieren können, wĂ€hrend die FDP eine leicht rechtsliberale, die CVP eine klar zentristische Position einnimmt, und damit bei Allianzbildungen regelmĂ€ssig berĂŒcksichtig werden mĂŒssen.

Das letzte, erwĂ€hnenswerte Ergebnis der Untersuchung betrifft die EinschĂ€tzung der Kandidierenden bezĂŒglich ihres Standortes im politischen Spektrum und innerhalb der eigenen Partei. Die drei Politikwissenschafter kommen zum Schluss, diese falle sehr wohl zutreffend aus. Entsprechend suchen die PolitikerInnen in der Regel am richtigen Ort Panaschierstimmen, und finden sie sie mehrheitlich auch, wenn sie das interessiert!

Die WĂŒrdigung
Die kleine, aber nĂŒtzliche Studie ist ein erster Schritt zur gsichteren inhaltlichen Differenzierung von KandidatInnen und Parteien in der Schweiz aufgrund von Sachfragen. Was sich aufgrund von Analyse von Volksabstimmung fĂŒr Parteien schon lĂ€nger abzeichnet, bekommt hier dank smartvote eine willkommene Erweiterung.

Die Ergebnisse sind fĂŒr Theorie und Praxis wertvoll. Denn die insgesamt sehr plausiblen Resultate sind ein (nachtrĂ€glicher) Beleg dafĂŒr, dass das Instrument, das smartvote entwickelt hat, valide Ergebnisse zum politischen Raum liefert. InskĂŒnftig kann man nicht mehr unwidersprochen behauptet, die Angaben, welche die BewerberInnen bei solchen Umfragen machen, seien unbrauchbar, weil rein taktischer Natur, um sich mit populĂ€ren Positionen zu profilieren. Das wird auch der Praxis der empirischen Politikforschung zu Gute kommen!

Claude Longchamp

Andreas Ladner, Daniel Schwartz, Jan Fivaz: Die Positionierung der Nationalratskandidierenden 2007, Cahier de l’IDHEAP 243, Chavannes-Lausanne 2008

Eigenverantwortung statt Eigennutzen

Die kulturkritische Debatte zu den zukĂŒnftigen Werten der FĂŒhrungskrĂ€fte in den Unternehmen wird auch in der Schweiz immer deutlicher. Symptom hierfĂŒr ist die jĂŒngste Sonderbeilage „Weiterbildung und Karriere“ der Neuen ZĂŒrcher Zeitung.

„Eigenverantwortung statt Eigennutzen“, das könnte man als Titel ĂŒber den Extrabund in der heutigen NZZ setzen. Das wird angesichts der öffentlichen Kritik am Shareholder-Value-Denken und -Handeln insbesondere in Banken bald schon zum Programm.

Einleitend zur Beilage kritisieren Doris Aebi und René Kuehni den erfolgten Kulturwandel insbesondere in der Finanzbranche. Ursache der Krise sei eine vom angelsÀchsischen Investment Banking beeinflusste, auf kurzfristigen Erfolg und persönliche Gewinnmaximierung ausgerichtete MentalitÀt. Das dichte Netz an Informationstechnologie haben dieser VerÀnderung global gefördert und die Bedeutung nationaler Regulatoren relativiert.

Jetzt, wo die sich selbst erzeugende Blase geplatzt sei, suche die Wirtschaft, von wĂŒtenden Kunden, enttĂ€uschten AktionĂ€ren und verunischerten ArbeitnehmerInnen getrieben, nach einem neuen Aufbruch. Denn die FĂŒhrungskrĂ€fte der Zukunft mĂŒssen einen radikale Erneuerung, die kulturelle Gegenrevolution bringen.

Dialog, Exzellenz und AufmĂŒpfigkeit werden als neue Leitwerte in der Ausbildung von FĂŒhrungskrĂ€ften empfohlen. Die Manager der Zukunft mĂŒssten eine Kultur des Vertrauens entwickeln, GestaltungsfreirĂ€ume ermöglichen und Entwicklungsmöglichkeiten zulassen, um von der Dominanz monetĂ€rer Anreize wegzukommen.

Die beiden InhaberInnen eines UnternehmensberatungsbĂŒros in ZĂŒrich fordern, dass Firmen Leute an ihre Spitze berufen, die Eigenverantwortung von Eigennutzen setzten, nicht der nun bekannten Gier, sondern dem unternehmerischen Interesse folgten und damit die langfristige gedeihliche Entwicklung von Unternehmen ermöglichten.

Der Aufruf aus einer liberalen, wenn auch erneuerten Sicht leuchtet durchaus ein!

Claude Longchamp

Immer wieder dieser Röschtigraben!

RegelmĂ€ssig erhalte ich Anfragen fĂŒr AuskĂŒnfte als Experte. Die meisten dieser Anfrage lehne ich ab; aus ZeitgrĂŒnden, weil mich die Fragestellung nicht intessiert oder weil man mit einer einfachen Internetrecherche das Ganze auch beantworten kann. Jetzt habe ich wieder einmal eine Ausnahme gemacht, und eine Anfrage einer Studentin zum unendlichen Thema „Röstigraben“ beantwortet; hier das ganze Interview, fĂŒr alle anderen, die mich danach fragen möchten …

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Alice Grosjean: Was sind fĂŒr Sie persönlich die grössten Unterschiede zwischen Romands und Deutschschweizern (Sprache, Charakter, MentalitĂ€t)?

Longchamp: SelbstverstĂ€ndlich in der unterschiedlichen Sprache, die auch andere KulturrĂ€ume eröffnet, verbunden mit einer ganz anderen Geschichte, welche das VerhĂ€ltnis zu Imperien, Aufgaben des Staates, Einstellung zu Steuern und Formen der Entscheidfindung geprĂ€gt hat. DarĂŒber hinaus gibt es fĂŒr mich eher innerhalb der Sprachgruppen mehr Unterschiede, als dass ich solche zwischen diesen sehen wĂŒrde.

Was schÀtzen Sie besonders an den West-, was an den Deutschschweizern?

In Fribourg aufgewachsen, Sohn einer deutschsprachigen Mutter und eines französischsprachigen Vaters bin ich ja von beidem etwas. Auch deshalb glaube ich nicht, dass es den Deutsch- und Westschweizer gibt. Wir allen haben mehr oder wenig viel oder wenig des einen oder anderen Kulturraumes in uns. – So gesehen schĂ€tze ich an der Romandie das Latenium, das Museum in Neuenburg, wegen der modernen Architektur, des grossen Wurfs ĂŒber die Regionalgeschichte, und den Publikumsandrang, den es damit auslöste. und an der Deutschschweiz mag ich besonders Luzern mit dem perfekten Einbindung in die Umwelt, der gemĂŒtlichen Lebensweise und dem Mix aus Tradition und Offenheit besonders gut. Am liebsten bin ich aber in Murten, irgendwo zwischen der Kirche der französisch- resp. deutschsprachigen Bevölkerung 


Sind die Romands die besseren Patrioten?

Ach, was sind schon Patrioten? Als NapolĂ©ons Truppen die Schweiz besetzten, machten sie aus den französischsprachigen Untertanen gleichberechtigte Citoyens. AufgeklĂ€rt wie vor allem die Intellektuellen in der AkademiestĂ€dten Genf und Lausanne von damals waren, verstanden sie sich als Patrioten, das heisst als Freunde der Revolution. Ihre Gegner nannten sich Republikaner, Föderalisten, und waren ReaktionĂ€re, die das Rad der Geschichte umdrehen wollten. WĂ€hrend der StaatsgrĂŒndung waren die Freisinnigen die Patrioten, welche mit der Schweizerischen Eidgenossenschaft von 1848 mitten im monarchistischen Europa einen Coup lancierten. Doch das alles ist durch das Erlebnis des Zweiten Weltkriegs nachhaltig verĂ€ndert worden: Patrioten waren danach jene, die sich gegen Hitler wandten, den General verehrten, dem Reduit anhingen, und dabei ĂŒbersehen, dass sie sich ins Schneckenhaus zurĂŒckzogen, die Demokratie ĂŒber Bord warfen, und die aufklĂ€rerischen Werte der Französischen Revolution verrieten. Patriot war man nun, wenn man antikommunistisch dachte und handelte, wĂ€hrend alle anderen als fremde Fötzel traktiert wurden. – Nun sagen Sie zuerst, welchen Patriotismus sie meinen 


Gibt es Ihrer Meinung nach noch viele Vorurteile der Romands gegenĂŒber den Deutschschweizern (oder anders herum)?

Die Konstruktion der Welt aufgrund einer einzigen Konfliktlinie ist das grösste Vorurteil, egal wo man lebt. „The Clash of Civilisation“ leitete der US-amerikanischen Politologe Samuel Huntington aufgrund einer Polarisierung von KulturrĂ€umen ab, die er in erster Linie religiös, das heisst christlich oder nicht-christlich aufbaute. „Die IdentitĂ€tsfalle“ nennt das sein grösster Kritiker, der NobelpreistrĂ€ger Amartyra Sen, und zĂ€hlt auf, wie viele IdentitĂ€ten die Menschen als soziale Wesen haben, kulturell, sprachlich, religiös, moralisch, ethisch oder politisch konstituiert sind und nur selten in der gleichen Kombination bei zwei verschiedenen Menschen vorkommen. Genau deshalb macht die Polarisierung in der Schweiz entlang des Röschtigraben wenig Sinn!

Wann und weshalb haben Sie persönlich den „Röstigraben“ am stĂ€rksten erlebt/wahrgenommen?

Am 6. Dezember 1992, bei der Volksabstimmung ĂŒber den EWR-Vertrag, in der Romandie fast einstimmig angenommen, in der deutschsprachigen Schweiz mehrheitlich verworfen, nur von ausgewĂ€hlten stĂ€dtischen Gegenden befĂŒrwortet. Das war es auch berechtigt, diese Chiffre zu verwenden, doch finden sich davon selbst bei Europa-Abstimmungen heute nur noch Spuren.

Wie beurteilen Sie heute die politische Lage um den Röstigraben, existiert er ĂŒberhaupt noch?

Er ist dann problematisch, wenn er gleichzeitig politisch, kulturell und ökonomisch wirkt, Mehr- und Minderheit, dominante und unterlegene Kultur, starke und schwache Oekonomien einander immer wieder gleich ausschliessen. Denn dann neigt man dazu, wirtschaftliche VerteilkĂ€mpfe in ethnischen Kategorien zu lesen, womit sie hochexplosiv und kaum mehr rational verbesserbar werden. GegenwĂ€rtig findet man ja davon nur noch wenig: Die Romandie ist die Region der Schweiz, die am stĂ€rksten boomt, von der Weltwirtschaftskrise am wenigsten betroffen ist. Der Arc LĂ©manique, der entlang von Strassen und Schienen zu einem grossen melting pot von Interessen und Werten zusammenwĂ€chst, ist ZĂŒrich von seinem Zukunftspotenzial her jedenfalls ebenbĂŒrtig.

Was hat sich in den letzten 40 Jahren verÀndert?


40 Jahre sind willkĂŒrlich! Eine Zusammenstellung des Poltikwissenschafters Christian Bolliger, die man auf dem Internet schön nachverfolgen kann, zeigt, dass das VerhĂ€ltnis zwischen den Sprachregionen seit es Volksabstimmungen gibt, die ihm als Indikatoren gelten kaum je stabil waren, und es wohl auch nicht sein werden. Das einzige war immer ein Problem ist, besteht darin, dass man nur noch neben, kaum mehr miteinander lebt.

Sind die Anstrengungen den Röstigraben zu ĂŒberqueren und die jeweils andere Sprache und MentalitĂ€t kennen zu lernen, z.B. von jungen Leuten, heute grösser als frĂŒher?

Nein, eher nicht. Eigentlich lebt ja nur noch Biel/Bienne die Zweisprachigkeit wirklich. Der Rest kĂŒmmert sich kaum darum. Im Alltag, im Berufsleben, in den Medien, herrscht Segregation und Binnnensicht vor. Die lingua franca, in der sich die SchweizerInnen gemeinsam unterhalten, ist zwischenzeitlich englisch, weil man einander sonst nicht mehr versteht! Und unter den Zuwanderern ist es bald einmal albanisch!

Glauben Sie, dass sich Westschweizer manchmal in gewissen Dingen benachteiligt fĂŒhlen (Z.b. in politischer Sicht oder in den Medien)?

Sie sind eine Minderheit. Die Sprache ist aber nur eine der grossen Konfliktlinien in der europĂ€ischen und schweizerischen Gesellschaft, die sich politisch auswirken. In der Schweiz ist der Stadt/Land-Gegensatz heute viel wichtiger, auch der Konflikt zwischen wirtschaftlichen Interessengruppen rangiert vor der Sprachenfrage. Diese findet sich am ehesten, wenn es um Relation zwischen Zentral- und Gliedstaaten geht, denn da reflektiert sich die Minderheitsposition am ehesten. BeschrĂ€nkt trifft das auch zu, wenn wir ĂŒber die Aufgaben des Staates, der Gemeinschaft und des Individuums reden und wenn es um das VerhĂ€ltnis zum Ausland geht, weil es durch die nĂ€chstgelagerten Referenzraum ganz unterschiedlich erscheint. Die Mehrheiten sind aber nicht immer identisch, sodass ich das nicht zu vertiefen brauche.

Was könnte man in der Kommunikation zwischen Deutsch- und Westschweiz verbessern?

Reisen bildet, wandern auch! Reisen und wandern Sie alle mehr in der Schweiz umher, und gehen sie nicht immer an die gewohnten Orte. Das gilt fĂŒr alle, entdecken sie Vielfalt der Schweiz, wie das im 18. Jahrhundert so populĂ€r wurde und lange nachhalte, heute leider viel zu wenig mehr vorkommt. Und lernen sie dabei auch Menschen in ihrer ganzen Kultur kennen, indem sie sich MĂŒhe geben, ihre Sprache zu verstehen. Die Bestimmung der Schweiz ist es, eine GrenzgĂ€ngerInnen-Nation zu sein!

Claude Longchamp

„animal spirits“ statt „rational choice“.

„Um zu verstehen, wie die moderne Weltwirtschaft in die Sackgasse geraten ist, mĂŒssen wir unser Wissen erneuern“, fordert der NobelpreistrĂ€ger von 2001 George Akerlof mit seinem Kollegen Bestsellerautor Robert Shiller. Wie andere Grössen ihres Faches, haben sie mit kritischer Distanz zum Geschehen herauszufinden versucht, was angesicht der Weltwirtschaftskrise schief gelaufen ist und ihre Folgerungen in einem nun auch auf Deutsch erschienenen Buch prĂ€sentiert.

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Unter den Lösungen Akerlofs und Shillers fĂ€llt eine besonders auf: Der kĂŒhl-rational handelnden „homo oeconomicus“ soll durch ein realistischeres Modell ersetzt werden. Denn die prominenten Autoren sind ĂŒberzeugt, dass Volkswirtschaften zu Hysterien neigen, die in Exzesse, Manien und Paniken auarten, wenn sie sich selbst ĂŒberlassen werden. BegrĂŒndet sehen sie das in der ökonomischen Theorie, die in iher dogmatischen Form die Nutzenfunktionen gesellschaftlicher Normen ganz vernachlĂ€ssige.

Ursachen der jĂŒngsten InstabilitĂ€ten seien die „animal spiritis“, die Urinstinkte, die je nach dem in eine euphorische oder abgelöschte Grundstimmung verfallen können, schreiben die Oekonomen. Der Herdentrieb, der von der Börse ausgehe, verstĂ€rke danach den wirtschaftlichen Auf- oder Abschwung, – im Guten wie im Schlechten.

Die Banken hĂ€tten aus kurzsichtigem Eigenintresse heraus gehandelt, als sie Kredite fĂŒr HauskĂ€ufe an zahlungsunfĂ€hig mittel- und Unterschichten vergaben. „Es mag zwar sein, dass ein solches Vorgehen nicht illegal ist, doch in unseren Augen kann man die besonders marktschreierischen GeldhĂ€user durchaus als korrupt bezeichnen“, halten Akerlof und Shiller unmissverstĂ€ndlich fest.

Aus ihrer Sicht ist das Vorgehen dann ökonomisch sinnvoll, wenn klar definierte Eigentumsrechte und transparenten Informationen gegeben sind. Doch genau das sei mit der Entwicklung neuer Finanzinstrumente nicht gegeben gewesen und systematisch negiert worden. Und: „Wenn diese Bedingungen nicht garantiert werden können, entwickeln sich MĂ€rkte dysfunktional.“

Das haben in der Schweiz auch die Grossbanken erlebt, bei denen die Abschreibungen 2007 und 2008 drei Viertel des Eigenkapitals vernichteten, schreibt die „NZZ am Sonntag“ heute. Der Analyse der beiden hier genannten Oekonomie-Professoren stimmt sie zu. Die Massnahmen, die auf ein weises, vom Staat geprĂ€gtes Laissez-faire hinaus laufe, hĂ€lt sie jedoch fĂŒr zu vage.

Claude Longchamp

George A. Akerlof, Robert J. Shiller: Animal Spirits. Wie Wirtschaft wirklich funktioniert, Campus Verlag 2009.

Terminator am Ende?

Kalifornien lehnt die VorschlÀge zur Haushaltssanierung, die Gouverneur Arnold Schwarzenegger vorgebracht hat, in einer Volksabstimmung weitgehend ab. Der Bundesstaat im Westen der USA braucht jetzt eine harte Haushaltssanierung und wohl auch einen Reform der parlamentarischen wie auch direktdemokratischen Entscheidungsverfahren.


Am Tag davor: Gouverneur Schwarzenegger wirbt fĂŒr seine Haushaltssanierung, die er im Parlament durchgebracht hat. IN der Volksabstimmung von gestern scheitert er aber deutlich.

Arnold Schwarzenegger, der Gouverneur von Kalifornien, weilte am Dienstag in Wahington, um der VerkĂŒndung neuer Umweltstandards fĂŒr amerikanische Autos beizuwohnen, die PrĂ€sident Barack Obama auf der Basis von VorschlĂ€gen Schwarzeneggers beschlossen hatte. Gleichentags wie dieser in der Hauptstadt grosse Erfolge feierte, erlitt er in seiner Wahlheimat drastische Niederlagen. FĂŒnf der sechs Propositionen, die Schwarzenegger zur Sanierung der maroden Staatshaushaltes vorgelegt hatte, scheiterten in der Volksabstimmung mit Nein-Anteil von 60 Prozent und mehr. Einzig angenommen wurde der Vorschlag, die PolitikergehĂ€lt einzufrieren, solange der Staat Defizit ausweise.

Das Ergebnis der Referenden ist ein herber RĂŒckschlag fĂŒr Gouverneur Schwarzenegger, der die WĂ€hlĂ«nden in allen sechs Initiativen um Zustimmung gebeten hatte, denn bei Ablehnung droht ein Budgetdefizit von 21 Milliarden Dollar. Nötig geworden waren die vorgeschlagenen Reformen, weil Kalifornien derzeit ganz besonders unter der Wirtschaftskrise leidet. Erstmals seit 1938 fehen in diesem Jahr die Steuereinnahmen in absoluten Zahlen zurĂŒck. Korrigieren wollte ihre Gouverneur das, in dem er die Einkommens-, Mehrwert- und Fahrzeugsteuer erhöhte. Zudem hĂ€tte mit einer Zustimmung in der Volksabstimmung die Möglichkeit bestanden, eine grossen Geldanleihe aufzunehmen, um die Löhne der Staatsangestellten garantieren zu können.

Vergeblich hatte Schwarzenegger die Stimmenden vor einem Nein gewarnt. Jetzt bleibt ihm nichts anderes ĂŒbrig, als den dicken Rotstift anzusetzen. Vor allem Schulen sowie das Sozial- und Gesundheitssystem mĂŒssen mit drakonischen Einsparungen rechnen. 5000 Staatsbediensteten droht die Entlassung. Außerdem will Schwarzenegger sieben wertvolle Immobilien verkaufen – darunter das GefĂ€ngnis San Quentin bei San Francisco und das Sportstadion Los Angeles Coliseum.

Bruno Kaufmann, PrĂ€sident von iri europe, der Schwarzenegger und Kalifornien gut kennt und eine Denkfabrik fĂŒr direkt Demokratie leitet, glaubt, dass es nötig sein wird, die Entscheidungsstrukturen der parlamenarischen wie auch direkten Demokratie in Kalifornien zu ĂŒberprĂŒfen, um die RegierungsunfĂ€higkeit der volkswirtschafltich bedeutsamen Bundesstaates der Vereinigten Staaten von Amerika zu verhindern. Er wĂŒrde sich freuen, wenn seine Organisation nĂ€chstes Jahre den ersten Weltkongress fĂŒr direkte Demokratie in den US durchfĂŒhren könnte, um mitzuhelfen, alle Möglichkeiten der Institutionenreform auszuloten.

Claude Longchamp

Die unvernĂŒnftige Vernunft

Die Krise auf den FinanzmÀrkte zwingt Investoren zu Lernprozessen und die Wirtschaftswissenschaft zur Hinterfragung ihrer Entscheidungstheorien. Das tÀte beispielsweise auch der Wahlforschung gut, die im Schwang der unkritischen Gedankenlosigkeit mitgegangen ist.

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Daniel Kahneman, Professor fĂŒr Psychologie an der Princeton UniversitĂ€t, 2002 mit dem Nobelpreis fĂŒr Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet.

„Die weitaus schwĂ€chste Aktie der Welt ist jene der Logik AG, denn ihre Gesetze werden von der Börse nie verfolgt“, wetterte einst der Börsenguru AndrĂ© Kostolany. Mehr als der Vernunft folge die Börse der Erwartung, und in die mische sich der Herdentrieb.

Daniel Kahneman, der israelisch-amerikanische Psychologe, der 2002 als Nicht-Fachmann den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, hat sich solchen Fragen angenommen und den rational handelnden Akteur, von dem die Oekonomie so gerne ausgeht, durch ein psychologisch determiniertes Subjekt ersetzt.

Ausgangspunkt von Kahnemans Ueberlegungen ist, dass sich die meisten Menschen fĂŒr gute Autolenker halten, ihr Handeln rationalisieren und sich so ĂŒberschĂ€tzen. Bei MĂ€nnern kommt das typischerweise mehr vor als bei Frauen.

Das trifft auch auf Investoren zu. Zu deren grossen Fehlern gehört die Ueberreaktion im Moment. Kurzfristiger Aktivismus sei, sagt Dahneman, gerade in Zeiten der Unsicherheit, kein guter Ratgeber. Denn er wird durch Angst und Ueberreaktion bestimmt. Diese wiederum seine nicht unerheblich, weil soziale Ansteckung die Börse reagiere, wie der Herdentrieb in der Wissenschaft genannt wird.

Institutionelle Anleger sind, so die Forschung, von diesen Probleme etwas weniger befallen als private. Das hat mit ihrem gegenĂŒber privaten Anlegern erhöht strategischen Verhalten zu tun, mĂŒssen sie doch ihre Entscheidung stĂ€rker begrĂŒnden, und sind sie, wegen der AusdrĂŒcklichkeit und Schriftlichkeit von Entscheidungen, kritisierbarer. Damit wĂ€chst die Chance von effektiven Lernprozessen statt nachtrĂ€glichen Rationalisierungen.

Diese Einsicht in der empirischen Wirtschaftsforschung ist so gut, dass man sie auch in der Wahlforschung anwenden sollte. Denn da hat (dank dem Herdentrieb?) der rational-choice-Ansatz zwischenzeitlich eine zentrale Stellung inne. Unverkennbar sind seine Verdienste bei der Analyse individualistischer Entscheidungen; problematisch ist aber, wenn das tel quel mit vernĂŒnftigem Entscheiden gleichgesetzt wird, handelt es sich doch nicht um nicht mehr als wissenschaftliche Rationalisierungen.

Claude Longchamp

Hochrechnungen zum Abstimmungssonntag

17. Mai 2009. Abstimmungstag. Die Volksentscheidungen ĂŒber die Biometrischen PĂ€sse und die KomplementĂ€rmedizin werden gefĂ€llt. Ein Bericht in Raten, wie ich die von unserem Institut gfs.bern geleitete Verarbeitung der Abstimmungsergebnisse erlebte.

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11 00
Im Studio ist die Zeit des Probens. Die Schminke ist auch schon gesetzt. Jetzt kommen die ersten Ergebnisse. Gemeinden, die um 10 Uhr die letzte Urne schliesslich, melden ihre Resultate. Unser Telefonteam ist im vollen Einsatz. Und das Analyseteam verfolgt die news-Lage interessiert.

11 30
Gespannte Ruhe. Eigentliche Prognosen wagt niemand. Nur ĂŒber das Wetter wird gelĂ€stert. Einen sonningen Tage im Freien, das wĂŒnschen sich hier die meisten, die im Dienst sind. Von Westen her drohe ein Gewitter, wirft jemand ein. Man Ă€rgere sich nicht zu frĂŒh, heisst es. Ob das politisch gemeint sei, fragt die Redaktion sicherheitshalber nach. Wie gesagt, fĂŒr Prognosen ist es nicht der Moment.

12 35
Die KomplementÀrmedizin wird gemÀss Trendrechung klar angenommen. Bei der Biometrie ist alles offen; eine Trendaussage in die eine oder andere Richtung ist nicht möglich.
Das bestÀtigen auch die Kantonsergebnisse, die schon vorliegen. Glarus sagt zur Biometrie nein, mit 5 Stimmen Differenz. Derweil sind die vorliegenden vorlÀufigen Kantonsergebnisse in der Romandie eher im Nein, in der deutschsprachigen Schweiz nicht ganz einheitlich, aber ganz knapp mehrheitlich im Ja.

13 10
Die KomplementĂ€rmedizin ist angenommen. GemĂ€ss Hochrechnung sind 67 Prozent dafĂŒr. In der Extrapolation der Gemeindeergebnisse erscheinen auch alle Kantone auf der Ja-Seite. Das doppelte Mehr ist hier ausser Zweifel.
Bei den biometischen PĂ€ssen zeichnet sich ein ganz knappes Ergebnis ab. Eine Hochrechnung liegt noch nicht vor, und die Trendrechnung ist zu nahe bei 50 Prozent um die Richtung anzugeben.

13 45
In der Tat, die Hochrechnung zu den Biometrischen PĂ€ssen gibt gerundet 50:50. Die Differenz aufgrund der vorlĂ€ufigen Extrapolation ist so gering, dass keine weiterreichenden SchlĂŒsse gemacht werden können. Bei der Beteiligung zeichnet sich ein tiefer Teilnahmewert ab. Er wird unter 40 Prozent liegen.

14 15
Knapp, knapp, knapp, so knapp wie seit 7 Jahren nicht mehr! Damals ging es um die SVP-Asylinitiative. Den Ausschlag gaben die AuslandschweizerInnen, welche die Vorlage kippten. Es brauchte aber eine NachzÀhlung, bis das Resultat klar war.
Momentan weiss man nicht, ob das alles auch hier auf uns zukommt.

15 15
Es ist entschieden: Die Hochrechnung von 14 50 gab 50,1 Ja zu den Biometrischen PÀssen, das vorlÀufig amtliche Endergebnis von 1505 weist einen Ja-Wert von 50,14 Prozent aus. In Stimmen sind das gut 5508 an Differenz.
Die Stimmbeteiligung liegt bei hochgerechneten 37 Prozent.

15 40
Die kleine Pause war verdient. Ein StĂŒck KĂ€sekuchen und ein Orange-Jus. Doch wird sind mit dem Zeitplan im Verzug, wegen dem knappen Ja zur Biometrie.
Jetzt geht die Analyse los: 38 Prozent effektive Beteiligung sind nicht nur wenig, sondern auch unterdurchschnittlich fĂŒr schweizerische Volksabstimmungen. Das ist so etwas wie die „Basis-Mobilisierung +“. Die BefĂŒrworterInnen erhielten die UnterstĂŒtzung von den praktisch sicheren Teilnehmenden. Die GegnerInnen haben darĂŒber hinaus wohl ein wenig zusĂ€tzlich mobilisieren können. DafĂŒr spricht, dass die Beteiligung in der Romandie etwas mehr ist, als der Sockelwert erwarten lĂ€sst, und dort die Biometrischen PĂ€sse etwas verstĂ€rkt umstritten waren.

RÀumliche Verteilung von Zustimmung Ablehnung bei KomplementÀrmedizin (links) und Biometrischen PÀssen (rechts)
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Quelle: BfS

16 15
Die Erstanalyse der KomplementĂ€rmedizin gibt eine klare Abweichung. Sie betrifft die Gebiete mit einer ĂŒberdurchschnittlichen SVP-StĂ€rke. Sie sind die einzigen, die statistisch signifikant weniger stark zugestimmt haben. Die Effekte werden vor allem in der deutschsprachigen Schweiz sichtbar, kaum aber in der Romandie.
Die parteipolitische Aufladung gesundheitspolitischer Vorlagen ist und bleibt aber schwierig. Parteipolitische Opposition wird maximal von den treuen ParteianhĂ€ngerschaften verstanden, strahlen aber kaum darĂŒber hinaus. Die Basis der GrĂŒnen, der SP, der CVP und der FDP will, dass die KomplementĂ€rmedizin wieder in die Grundsversicherung aufgenommen wird.

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Auch zu den Biometrischen PĂ€ssen liegt die Erstanalyse vor. Wo die CVP, genereller auch die Mitte-WĂ€hlenden ĂŒberdurchschnittlich stark vertreten, stimmt man eher zu. Das gilt exemplarisch fĂŒr den Kanton Luzern, der am klarsten von allen Ja sagte. Auf der anderen Seite zeigt sich die verstĂ€rkte Ablehnung durch die Regionen, in denen insbesondere rot-grĂŒn verstĂ€rkt gewĂ€hlt wird. Hier war das Nein ĂŒber dem Mitteln. Nur sehr beschrĂ€nkt kann das auch fĂŒr Regionen mit SVP-Dominanz gesagt werden.
Von den generellen Konfliktmuster schlĂ€gt aber nur das zur Sprache systematisch an. Alles andere bleibt zurĂŒck.
Das Ja zu den biometrischen PÀssen stammt demnach aus dem politischen Zentrum, das krÀftig in den Schwitzkasten genommen wurde. Da das von verschiedener politischer Seite, ergibt die Nein-Karte ein neuartiges Patchwork. .
Der politische Druck kam von aussen auf das Parlament. Dieses tut gut daran, ihre diesbezĂŒglichen Modernisierungsvorhaben nicht nur juristisch und technisch zu beurteilen, sondern auch politisch zu gewichten.

18 00
Was bleibt von diesem Abstimmungssonntag? Sicher das knappe Ja zu den Biometrischen PĂ€ssen, dann die klare Sache bei der KomplementĂ€rmedizin. Und schliesslich die auch fĂŒr die Schweiz tiefe Beteiligung.
Die Debatten waren diesmal weniger durch Konfrontation, Emotion und Werbemitteleinsatz geprĂ€gt. Vielmehr berichteten Zeitungen und Internetseiten ĂŒber das Pro- und Kontra. Das Wesentliche war dann irgendwann gesagt, sodass die Kampagnen am Schluss förmlich aufliefen. Die Entscheidungen dĂŒrften vielmehr aus den Lebenswelten heraus getroffen worden sein, und sind denn auch politisch nicht eindeutig zu fassen.
Das Zentrum hat sich heute zweimal durchgesetzt. Die Linke hat einmal gewonnen, einmal verloren. Die SVP unterlag mit ihren zwei Nein-Parolen zwei Mal.

19 00
Ich sitze im Zug nach Bern. In Olten ziehen von Westen her dicke Regenwolken auf. Die Prognose lag goldrichtig.

Nachtrag Montag morgen
Unsere Hochrechnung zum Kanton ZĂŒrich ergab schnell 51,8 Prozent Ja. Jene auf der Website des Kantons zeigte dagegen 54,7. HĂ€tten wir jene des Kantons ĂŒbernommen, wĂ€ren wir von Beginn weg bei rund 50,5 Prozent Ja fĂŒr die eigenössische Hochrechnung gewesen. Die Trendaussage hĂ€tte aber auf einem tendenziellen Irrtum basiert. Denn der Kanton ZĂŒrich lag am Schluss effektiv bei 52,0 Prozent Ja.

Claude Longchamp

frĂŒhere Live-Blogs zu Abstimmungshochrechnungen

Meine Top Ten Buchliste zur politischen Kommunikation bei Wahlen

Et voilĂ : Einige meiner aktuellen Favoriten zur politischen Kommunikation im Zusammenhang mit Wahlen!

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‱ Lilleker, Darren: Key Concepts in Political Communication. Verlag: Sage Publications, Beverly Hills 2006, 224 Seiten.
Das Buch ist eine systematische und leicht zugĂ€ngliche EinfĂŒhrung in 50 Kernkonzepte, Strukturen und die professionelle Praxis der politischen Kommunikation. Systematisch beleuchtet der Autor in einer detaillierten Analyse sowohl praktische als auch theoretische Themengebiete der Materie.

‱ PR-Kampagnen. Über die Inszenierung von Öffentlichkeit, herausgegen von Röttger, Ulrike, Verlag: VS, Wiesbaden 2008, 380 Seiten.
Ulrike Röttgers Buch gilt als Standardwerk des erfolgreichen Campaignings. Unternehmenskampagnen, Wahlkampagnen, Sozialkampagnen: Namhafte und kompetente Autoren beleuchten alle Formen der öffentlichkeitswirksamen PR. Weiterer Pluspunkt der Untersuchung sind die lesenswerten Fallstudien zu aktuellen Kampagnen.

‱ Lau, Richard R., Redlawsk, David P.: How Voters Decide. Information Processing in Election Campaigns, Verlag: Cambridge University Press, Cambridge 2006.
Die Autoren analysieren die vier primÀren Entscheidungsstrategien bei der Wahl eines erfolgversprechenden Kandidaten. Mit einer neuartigen Experimentiermethode untersuchen die Forscher individuelle und kampagnenbezogene Faktoren, die den WÀhler bei der Wahl einer Entscheidungsstrategie beeinflussen.

‱ Brader, Ted: Campaigning for Hearts and Minds. Verlag: University of Chicago Press, Chicago 2006, 280 Seiten.

Emotionale Elemente eines Wahlkampfs erzeugen unterschiedliche Effekte in der Bevölkerung. Gerade die mediale Inszenierung der Kandidaten zielt aufs Herz des WĂ€hlers. Mit Umfragen und Experimenten nĂ€hert sich der Autor dem noch wenig erforschten PhĂ€nomen und liefert die erste umfassende wissenschaftliche Studie ĂŒber den emotionalen Aspekt der Stimmabgabe.

‱ Trent, Judith S., Friedberg, Robert V.: Political Campaign Communication. Principles and Practices, Verlag: Rowman & Littlefield, Lanham 2007, 448 Seiten

Die aktualisierte Ausgabe dieses Klassikers analysiert nicht nur die US-WahlkĂ€mpfe aus den Jahren 1996 bis 2006. Trent und Friedberg berĂŒcksichtigen zusĂ€tzlich das Anfangsstadium des Wahlkampfs 2008. Ein neues Kapitel beschĂ€ftigt sich mit dem Internet, das gerade im amerikanischen Wahlkampf eine zentrale Rolle spielt.

‱ Podschuweit, Nicole: Wirkung von Wahlwerbung. Verlag: Reinhard Fischer, MĂŒnchen 2007, 182 Seiten.

Wahlwerbung wirkt – wie genau, ist bis jetzt jedoch kaum erforscht. Anhand von Werbetrackingdaten analysiert die Autorin, wie die Bevölkerung im Bundestagswahlkampf 2002 Parteienwerbung wahrgenommen hat. Sie untersucht, wie Wahlwerbung sich in die Erinnerung einprĂ€gt, die Aufmerksamkeit erregt, die Entscheidung beeinflusst und verarbeitet wird.

‱ Green, Donald P., Gerber, Alan S.: Get out the Vote! How to Increase Voter Turnout!, Verlag: Brookings Institution Press, Washington DC 2008.

Der Klassiker der Schlussmobilisierung: Wissenschaftliche Methoden und praxisorientierte Darstellung geben einen detaillierten Überblick der gĂ€ngigen Methoden von TĂŒr-zu-TĂŒr-Wahlkampf bis Telefonaktionen – und bewerten klar den Wirkungsgrad der Techniken.

‱ Pumarlo, Jim: Votes and Quotes. A Guide to Outstanding Election Campaign Coverage. Verlag: Marion Street Press, Chicago 2007, 160 Seiten.
Gute Wahlkampfberichterstattung will vor, wĂ€hrend und nach der Kampagne koordiniert sein. Jim Pumarlo zeigt auf, in welcher Weise die Medien fĂŒr Wahlkampfzwecke nutzbar gemacht werden können. Außerdem beschreibt er, wie die Meinung des Lesers durch die Wahlberichterstattung beeinflusst wird und sich dann im Wahlverhalten niederschlĂ€gt.

‱ Perlmutter, David D.: Blogwars. The New Political Background. Verlag: Oxford University Press, Oxford 2008, 272 Seiten.

Perlmutter untersucht die rasant wachsende Rolle des Internets am Beispiel populĂ€rer Blogs und zeigt, warum vom PrĂ€sidenten bis zum Berater immer mehr Politiker auf das neue Kommunikationsmedium zurĂŒckgreifen. „Blogwars“ ist die erste vollstĂ€ndige Untersuchung ĂŒber die neue kontroverse Kraft der Blogs in der Politiklandschaft.

‱ Balsiger, Mark, Roth, Hubert: Wahlkampf in der Schweiz. Ein Handbuch fĂŒr Kandidierende, Bern 2007

«Wahlkampf in der Schweiz» ist eine Analyse, die auf einer Befragung von mehr als 1400 Kandidierenden basiert. Sie leitet daraus praktische Tipps ab, fĂŒr Fragen wie: Welche Strategien sind im Wahlkampf erfolgreich? Was ist bei einer Kampagne zu beachten? Lohnt sich ein eigener Internet-Auftritt?

Mehr als nur VerstÀrkerwirkungen möglich

Welche Rolle spielt die politische Information bei Wahlentscheidungen? Eine vermehrt eigenstĂ€ndige und zunehmend massenmedial bestimmte, sagt der Mannheimer Politikwissenschafter RĂŒdiger Schmitt-Beck.

Klassisch wird die aufgewordene Frage durch die Forschungsergebnisse beantwortet, welche die amerikanischen Columbia-School im Gefolge von Paul Lazarsfeld beginnend in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts erarbeitet hatte. Medien als den wichtigsten Verbreitern von Informtion kommt dabei vor allem eine VerstÀrkerwirkung bestehender PrÀdispositionen der Menschen zu.

Differenzierter fallen die SchlĂŒsse aus, wenn man der Habilitationsschrift von RĂŒdiger Schmitt-Beck folgt, die sich auf SekundĂ€ranalysen von Wahlbefragungen in den USA, Grossbritannien, Spanien sowie West- und Ostdeutschland aus den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts stĂŒtzt.

Politischen PrÀdispositionen der WÀhlerInnen, kollektiv auch Grundlinien einer Entscheidung genannt, mischen sich in Entscheidungen mit Informationen, welche Wahlergebnisse oszillieren lassen. Das ist auch bei Schmitt-Beck der Ausgangspunkt. Als Einfluss von Information wird dabei jener Effekt definiert, der WÀhlerInnen Entscheidungen treffen lÀsst, die sie ohne diese Informationen nicht gefÀllt hÀtten.

Die empirischen Ergebnisse, die Schmitt-Beck hierzu prĂ€sentiert, sind zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig von der untersuchten Wahl resp. von ihrem Kontext: Personenwahlen wie die amerikanischen PrĂ€sidentschaftswahlen sind stĂ€rker informationsabhĂ€ngig als Parteiwahlen; das gilt auch fĂŒr Parteiwahlen in jungen gegenĂŒber etablierten Demokratien. Schliesslich findet sich das PhĂ€nomen auch dort vermehrt, wo politische Entscheidungen von gesellschaftlichen Konfliktlinien unabhĂ€ngiger, sprich individualisierter, ausfallen.

Unter den PrĂ€disposition geht die Bedeutung der Schicht zurĂŒck, wĂ€hrend Werthaltungen bei Wahlen wichtig bleiben, meist aber von Parteibindung ĂŒberlagert werden. Informationen wiederum treffen auf zwei verschiedenen Wegen auf Parteibindungen: einerseits massenmedial resp. anderseits durch interpersonale Kommunikation. Dabei kommt dem Fernsehen generell die grösste Bedeutung zu, weil es ubiquitĂ€r verbreitet ist, wĂ€hrend sich in der Nutzung von Printmedien und damit ihrer Bedeutung als Informationsquellen kulturell bestimmte Unterschiede finden. Das gilt auch fĂŒr die Verbreitung von GesprĂ€chen zur Informationsgewinnung, die zusĂ€tzlich durch den Grad der Politisierung von Wahlen beeinflusst sind.

Je pluralistischer ein Mediensystem ist, desto geringer fallen die erwarteten MedieneinflĂŒsse aus. Konzentrationen im Mediensystem erhöhen diese jedoch ebenso wie die AbhĂ€ngigkeit der Medien von politischen Akteuren. Hinzu kommt, dass moderat einseitige Berichterstattungen beeinflusender sind, als neutrale und klar gerichtete, weil letztere zu eigentlichen Gegenreaktionen unter den RezipientInnen fĂŒhren.

Das Fernsehen trifft wegen seiner zentralen Stellung per definitionem auf vermehrt diskordante PrĂ€dispositionen. Gerichtete Printmedien in einem pluralistischen Mediensystem fĂŒhren dagegen dazu, dass sich die WĂ€hlerInnen jenen Medien zuwenden, von denen sie eine höhere Uebereinstimmung mit den eigenen Positionen erwarten. Das gilt ganz besonders auch fĂŒr PrimĂ€rbeziehungen wie Ehepartner, Verwandte und FreundInnen, weniger aber fĂŒr SekundĂ€rnetze wie Arbeitskolleginnen.

Informationen aus KanĂ€len, die Konkordanz mit den PrĂ€dispositionen versprechen, aktivieren diese in erster Linie. Sie verstĂ€rken damit die Grundlinie. Zu Konversionen kommt es vor allem dann, wenn diskordante Informationen aufgenommen und akzeptiert werden. Hierbei ist jedoch die GlaubwĂŒrdigkeit der Absender massgeblich. Dabei ist das Vertrauen meist wichtiger als die Kompetenz. Ist das Vertrauen von Absendern gegeben, können diskordante Informationen durch PrĂ€dispositionen ĂŒberlagern oder verĂ€ndern, sodass die Wahlergebnisse zu oszillieren beginnen. Das ist namentlich beim Fernsehen der Fall.

Insgesamt weichen die Ergebnisse, die Schmitt-Beck prĂ€sentiert, nicht fundamental von jenen der wahlbezogenen Kommunikationsforschung der amerikanischen Columbia-School ab. Doch reduziert der deutsche Politikwissenschafter angesichts verschiedenartiger Befunde die bisher ĂŒbliche BeschrĂ€nkung der Medienwirkung auf die ĂŒbliche VerstĂ€rkerrolle. Ës kann auch zu einer Umkehr der VerhĂ€ltnisse kommen, hĂ€lt er in seiner Bilanz fest. Zahlreiche Fenster der Beeinflussung von PrĂ€dispositionen durch Informationen, sei dies bei parteiungebundenen BĂŒrgerInnen oder Wahlen, in denen Personen wichtiger sind als Parteien, werden angesichts der steigenden Durchdringung von WahlkĂ€mpfen durch Massenmedien geöffnet.

Claude Longchamp