Archive for November, 2009

Börsianer wetten auf ein Nein zur Minarett-Initiative.

„56 Prozent Nein, 44 Prozent Ja“ lautet die gegenwĂ€rtige Wette der Börsianer zur Minarett-Initiative auf der Plattform „Wahlfieber“.

Nebst Umfragen zum Stand der Meinungsbildung haben sich Börsen als Instrumente der Abstimmungsforschung in der Schweiz etabliert. Wahlfieber, eine in Oesterreich betriebene Plattform mit schweizerischen Themen, gehört dazu.

Verlauf und aktueller Stand der Erwartungen an der Börse „Wahlfieber“ zur Minarett-Abstimmung

Demnach rechneten die Börsianer zu jedem Zeitpunkt mit einem Nein zur „Minarett-Initiative„. Der aktuelle Wert der gegnerischen Aktie liegt bei rund 56, jeder der BefĂŒrworterInnen bei ungefĂ€hr 44. Das kann man auch als Prozentwerte der momentanen Prognose nehmen.

Wahlbörsen haben gegenĂŒber Umfragen Nachteile: Sie erlauben es nicht, die Frage zu beantworten, wer warum so stimmen will. Denn sie geben keine AuskĂŒnfte ĂŒber individuelle Entscheidungen. Sie eignen sich nur, um kollektive Entscheidungen vorweg nehmen zu können.

Ihr Vorteil ist es, der Logik zu folgen, die aus der „Weisheit der Vielen“ entsteht. Namentlich Politökonomen halten das fĂŒr die rationalste Form der Informationsverarbeitung. Einzelne, so ihre Kritik, bleiben in ihren EinschĂ€tzungen zum Ausgang einer Entscheidung immer unsicher und subjektiv, sodass nur ein Markt diese Annahmen systematisieren und damit objektivieren kann.

Der Verlauf der EinschÀtzung durch den Markt zur Minarett-Initiative zeigt die typischen Schwankungen, die aus dem Tagesgeschehen hergeleitet werden können. Börsen sind dann unbrauchbar, wenn sich zu wenige HÀndler beteiligen.

Genaueres weiss man am Abstimmungssonntag!

Claude Longchamp

Minarett-Initiative: Mehrheiten der gewÀhlten und kandidierenden PolitikerInnen dagegen.

GemĂ€ss smartvote sprachen sich 2007 71 Prozent der NationalratskandidatInnen fĂŒr ein Minarett-Verbot aus, 29 dagegen. In der Schlussabstimmung unter den GewĂ€hlten NationalrĂ€tInnen lehnten 132 das Begehren ab, und es waren 51 dafĂŒr. Das entspricht einem Nein-Anteil von 72 Prozent.


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Zwischen den Parteien gab es in der KandidatInnen-Umfrage klare GegensĂ€tze. 99 Prozent der SP-KandidatInnen und 97 Prozent der GrĂŒnen waren dagegen. Doch auch in der bĂŒrgerlichen Mitte ĂŒberwog die Ablehnung. 83 Prozent der FDP-KandidatInnen und 82 Prozent jener der CVP gaben an, gegen die Vorlage zu sein; bei der EVP waren es 78 Prozent. Auf der rechten Seite des Parteienspektrums zeichnete sich dagegen eine deutliche Zustimmung zum Minarettverbot ab. Die SVP-Kandidaten stimmten der Initiative mit 89 Prozent zu. Mit 96 Prozent Zustimmung klar fĂŒr die Minarett-Initiative waren auch die KandidatInnen der Mitinitiantin EDU. Von den ĂŒbrigen Kleinparteien waren die BewerberInnen der GrĂŒnliberalen mehrheitlich dagegen, jene der SD und Lega mehrheitlich dafĂŒr.

Unter den weiblichen Kandidierenden lehnten 79 Prozent die Minarett-Initiative ab, wÀhrend der Anteil bei den MÀnnern geringere 69 Prozent betrug. Kandiderende im Rentenalter waren am deutlichsten dagegen, JungpolitikerInnen unter 35 Jahren am wenigsten deutlich auf der Nein-Seite. Die KandidatInnen aus der französischsprachigen Schweiz lehnten die Initiative mit 75 Prozent ab, jene aus der deutschsprachigen Schweiz zu 70 Prozent. In der italienischsprachigen Schweiz waren 67 Prozent gegen die Minarettverbots-Initiative.

Damit war unter den PolitikerInnen die Parteizugehörigkeit das entscheidende Mermal unter den PolitikerInnen. Das zeigte sich auch im Parlament, wo die Vorlage die Ratsrechte von der Mehrheit separierte: 51 NationalrĂ€tInnen waren dafĂŒr, 132 dagegen. Das entspricht einem Nein-Anteil von 72 Prozent. Im StĂ€nderat war es ĂŒbrigens nicht anders: 39 KantonsvertreterInnen votierten gegen ein Minarett-Verbot, 3 dafĂŒr. Das entpricht eine Ablehnung von 93 Prozent.

Claude Longchamp

Gewalt Àngstigt die Schweizer mehr und mehr.

Oekokatastrophen, Krankheiten und Rezession Ă€ngstigen die SchweizerInnen nicht mehr so stark wie vor Jahresfrist. Doch fĂŒrchten sie sich vermehrt vor Entfremdung im eigenen Land, dessen kultureller Wandel sie nicht mehr verstehen. Das sagt das Angst-Barometers 2009 und hĂ€lt einen insgesamt stabilen Angst-Pegel fest.


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Der Angst-Barometer von gfs-zĂŒrich wird seit 33 Jahren einmal jĂ€hrlich erhoben. Er ist damit einer der umfangreichsten DatensĂ€tze zu BedrohungsgefĂŒhlen in der Schweiz. Wie in den Vorjahren auch basiert die Ausgabe 2009 auf 30 Indikatoren, die zu sechs Dimension verdichtet werden. Alles zusammen ergibt sich der Index der Angst in der Schweiz.

2006 befand sich das Angst-Klima in der Schweiz auf seinem bisherigen Höhepunkt. Die Zuversicht der BewohnerInnen in unserem Land war verschwunden. Seither entspannt es sich wieder etwas. Wenn sich das 2009 nicht fortsetzt, hat es eine Grund: „Stark zugenommen haben die Angst vor KriminalitĂ€t, Ueberfremdung und einem Sittenzerfall“, hĂ€lt Studienleiter Andreas Schaub fest. In Meldungen ĂŒber das VerprĂŒgeln von Unschuldigen, Ausschreitungen an SportanlĂ€ssen und stark diskutierte Waffendelikte sieht er den hauptsĂ€chlichen Grund, das die Entfremdung im eigenen Land zunehmen und die kulturellen Entwicklungen zunehmend bedrohlich wirken.

Bildung und Einkommen sind aufgrund seiner Untersuchungen die besten PrĂ€diktoren von Angst. Je geringer die sozio-ökonomischen Ressourcen einer Personen sind, desto ausgeprĂ€gter wird die Bedrohungslage wahrgenommen, resĂŒmiert Schaub seine Studie. Er widerspricht damit vor allem jenen polarisierten Interpretationen zur Finanz- und Wirtschafskrise, die stark zwischen Dramatisierung und Banalisierung schwanken.

Nicht zu verwechseln sind der Angst- und der Sorgenbarometer. Diese beschĂ€ftigt sich mit den Erwartungen der BĂŒrgerInnen in der Schweiz an die Politik. Er erscheint in der ersten Dezember-HĂ€lfte 2009.

Claude Longchamp

SekundĂ€rzitierungen von Umfragen sind so eine Sache …

Wer kennt das nicht: 10, 50 oder 100 Menschen stehen in einer Reihe. Der Erste sagt dem Zweiten etwas, sodass es die anderen nicht hören. Dann ist der Zweite gegenĂŒber dem Dritten dran und so fort. Der Letzte berichtet dann dem Ersten, was er ĂŒber ihn gehört habe. Zum Staunen aller verĂ€ndert sich die Botschaft durch ihre Weitergabe bis ins Unkenntliche.

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Kommunikationsprobleme sind auch in der Vermittlung von Studienergebnissen hÀufig, wenn man mehr aus den Resultaten machen will, als möglich ist.

„24 Heures“ publizierte letzte Woche eine Umfrage von MIS zum VerhĂ€ltnis von SchweizerInnen zu Muslimen. Auf einen Nenner gebracht, lautete das Ergebnis: Ein Muslim kann ein guter Schweizer sein. Dem Islam als Ganzes stehen die BewohnerInnen des Landes aber distanziert gegenĂŒber.

„32 – 38 – 24“, so lauten die Zahlen fĂŒr ein positives, neutrales oder negatives VerhĂ€ltnis zu Angehörigen des Islams gemĂ€ss MIS Befragung. Entsprechend sind die BewohnerInnen der Schweiz in vielen Frage, die den Islam betreffen, gespalten. In der Minarett-Frage sind 46 Prozent dagegen.

FachmĂ€nnisch gesprochen sind das alles Einstellungselemente: Bewertungen von Sachfragen, welche den aktuellen Informationsstand und die momentane GefĂŒhlslage reflektieren. Da Entscheidungen auch Informationen und Stimmungen einer Kampagne reflektieren, können PrĂ€dispositionen und Entscheidungen identisch sein, mĂŒssen aber nicht.

Journalistisch ist das der Knackpunkt. Nicht selten wird alles mit allem gleichgesetzt! Denn besteht ein Zwang in den Medien, aus allen Umfragen vor Abstimmungen eine Prognose zu machen. Egal, ob auf gesicherter oder ungesicherter Basis.

Das konnte man Ende letzter Woche wieder einmal schön feststellen. Die Meinung zu Minaretten, wie sie „24 Heures“ richtig wiedergab, wurde in „20 Minuten“ zur unvermittelten Stimmabsicht ĂŒber die anstehende Initiative. Eine Minderheit sei fĂŒr Minarette, eine relative Mehrheit fĂŒr die Initiative. „Rund zwei Wochen vor der Abstimmung seien noch 15 Prozent unentschieden“, lautete die Zusammenfassung der Studie.

In der österreichischen „Kleinen Zeitung“ kams dann noch dreister: „Die Anti-Minarett-Initiative in der Schweiz hat gute Erfolgsaussichten“, wird der Artikel eingeleitet; ĂŒbertitelt ist er mit: „Mehrheit fĂŒr Anti-Minarett-Initiative“!

Quod erat demonstrandum: Mit jeder Weitergabe Ă€ndert sich die ursprĂŒngliche Botschaft!

Claude Longchamp

Schweizer Multikulti-Truppe ist U17-Fussballweltmeister.

Sie waren die DebĂŒtanten und schlugen der Reihe nach Brasilien, Italien und Deutschland. Im WM-Finale der U17 Fussballer siegte die Schweizer Mannschaft nun auch gegen Titelverteidiger und Gastgeber Nigeria mit 1:0. Die Schweizer Jugend-Nationalmannschaft ist damit nicht nur Fussball-Weltmeister, sondern auch bester Botschafter der Patchwork-Jugend von heute.

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Der Siegestreffer U17 Schweiz: Siegrist; Martignoni (68. Gonçalves), Chappuis, Veseli (78. Hajrovic), Rodriguez; Xhaka (90. Nimeley), Buff, Kasami, Kamber; Seferovic, Ben Khalifa.

TorschĂŒtze war der Grasshopper Haris Seferovic. Mit Köpfchen traf der knapp 17jĂ€hrige unhaltbar in die Ecke des nigerianischen Tors. Das Schweizer Team ĂŒberzeugte vor allem durch eine stabile Verteidigung, gegen die Nigeria kein Durchkommen fand. In der zweiten HĂ€lfte boten sich den Schweizern zwei bis dreii gute Kontergelegenheiten, von denen sie eine zum entscheidenden Treffer nutzte.

Der Mann des Abends ist schweizerisch-bosnisch-herzogwinischer DoppelbĂŒrger. Damit ist er bei weitem nicht alleine im Weltmeisterteam. Denn nur ein Drittel der Jugend-Nationalmannschaft ist schweizerischer Herkunft. 13 der 20 Spieler im Kader sind EingebĂŒrgerte. Je zwei kommen aus Bosnien-Herzegowina und Albanien. Je ein Teammitglied ist aus Serbien, Kroatien, dem Kosovo, Tunesien, Ghana, Kongo, Chile, Portugal und Nachbar Italien.

Das wird der Schweiz gut tun, erstmals einen FIFA-Weltmeistertitel errungen zu haben. Gerade jetzt, wo die Schweiz ausserhalb des Fussballs und Sports vielorts in RĂŒcklage geraten ist und sich nur noch mit mĂ€ssigem Erfolg verteidigt. Es wird aber auch sinnvoll sein in Erinnerung zu behalten, dass Sportarten wie Fussball nur dank einer Multikulti-Truppe auf höchsten Niveau betrieben werden können.

Das weiss auch Pierre GilliĂ©ron, PrĂ€sident des Schweizerischen Fussballverbandes: «Es wĂ€re gut, wenn die EinbĂŒrgerungen fĂŒr junge AuslĂ€nder erleichtert wĂŒrden», lĂ€sst er via „Sonntag“ ausrichten. Die staatspolitische Kommission des Nationalrats hat den Ball bereits aufgenommen und will AuslĂ€nder der dritten Generation einfacher eingebĂŒrgern. «Entscheidend ist, dass es ein Antragssystem gibt, das Missbrauch verhindert», kommentieren Politiker, um eine Ablehnung wie 2004 in einer neuerlichen Volksabstimmung zu verhindern. Der SFV will auch aktive Integrationspolitik gegenĂŒber den Talenten.die DoppelbĂŒrger sind, betreiben: «Ottmar Hitzfeld wird persönlich GesprĂ€che mit den Junioren fĂŒhren», kommentiert GillĂ©ron, vormals FDP-Politiker in der Waadt.

Es ist das gemeinsame Projekt, das vereint, – und der Schweiz Erfolge bringt. Die Goldene Generation des Schweizer Fussball ist ein Versprechen fĂŒr den kommenden Sport und die kĂŒnftige Gesellschaft der Schweiz!

Claude Longchamp
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EVP möchte „christliche Leitkultur“ am liebsten in der Bundesverfassung verankern

Nach der KVP kommt nun auch die EVP unter Druck ihrer Mitglieder, weil sie die Minarett-Initiative ablehnt. Zur Beruhigung der inneren Spannung erwÀgt sie, einen Vorstoss zugunsten einer christlichen Leitkultur in der Schweizer Bundesverfassung zu unternehmen.

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Znbeirrt mittendrin, so sieht sich die EVP in der heutigen Gesellschaft; zwischenzeitlich rumort es wegen der Nein-Parole zur Minarett-Initiative, mittendrin in der eigenen Partei.

Die EVP, eine Kleinpartei in der Zentrumsfraktion, lanciert eine Diskussion fĂŒr einen neuen Religionsartikel in der Bundesverfassung. Erwogen wird ein parlamentarisches Vorgehen oder eine Volksinitiative zu starten.

Der EVP geht es darum, das Christentum als Leitkultur im Zusammenleben der Religionsgemeinschaften zu festigen. Erwogen wird auch eine staatliche QualitĂ€tskontrolle bei der Ausbildung der Imame. Diskutiert wĂŒrden obligatorischen Sprach- und Staatskundekurse an einer schweizerischen UniversitĂ€t. BegrĂŒndet wird es, dass man eine Barriere gegen die Scharia aufbauen mĂŒsse.

Dass religiös fundierte Parteien wie die EVP die christliche Tradition als Leitkultur verankern möchten, ĂŒberrascht nicht. Vorstösse hierzu hatten bisher wenig Erfolg, da der Laizismus gut verankert, der konfessionelle Pluralismus breit akzeptiert und die Mitgliederzahlen in de reformierten wie der katholischen Kirche rĂŒcklĂ€ufig sind.

Mit der Ausbildung der Imame nimmt die EVP etwas hastig auch eine aktuelle Diskussion in ihren Forderungskatalog auf, wie die nur vage formulierten VorschlĂ€ge zeigen. Joel Blunier, GeneralsekretĂ€r bestĂ€tigt denn auch gegenĂŒber der Sonntagspresse, dass die Parteileitung wegen (angedrohten) Austritten in Folge der Nein-Parole zur Minarett-Initiative unter Druck geraten sei. Es wird also noch dauern, bis ĂŒber ein spruchreifes Vorhaben entschieden wird.

Claude Longchamp

Warum Julia Onken fĂŒr die Minarett-Initiative ist.

FĂŒr Muslime sind Minarette Wegweiser. FĂŒr das Egerkinger-Komitee sind sie politische Machtsymbole. Und fĂŒr die Psychologin Julia Onken stehen sie, dem Phallus gleich, schlicht und einfach fĂŒr das Patriachat.

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Julia Onken, feministische Psychologin, stellt sich mit den Initianten gegen Minarette.

«Es ist beÀngstigend, dass kritische Frauen in diesem Lande nicht bereit sind, sich ernsthaft mit diesem Thema auseinanderzusetzen.» Der Koran schreibe frauenfeindliche und frauenverachtende Regeln vor und lasse Muslime auch so handeln: «Moscheen sind MÀnnerhÀuser. Minarette sind mÀnnliche Machtsymbole.»

Julia Onken, Thurgauer Psychotherapeutin mit hoher Medienressonanz, VorkĂ€mpferin fĂŒr die Gleichstellung der Frauen, verschickte diese Botschaft 4000 EmpfĂ€ngerinnen. Damit wehrt sie sich gegen falsch verstandene Toleranz, denn es könne politisch bewussten Frauen nicht gleichgĂŒltig sein, was mit Frauen und MĂ€dchen aus anderen Kulturen geschehe, die in der Schweiz lebten.

Onken zeigte sich ĂŒberzeugt, damit einen nötigen Tabubruch unter Feministinnen zu begehen. Kritisch reagieren in der heutigen Tagespresse muslimische Frauen und linke PolitikerInnen. «Wer Verbote sĂ€t, wird Extremismus ernten», kontert BriefempfĂ€ngerin Jacqueline Fehr, SP-NationalrĂ€tin ihre sonstige WeggefĂ€hrtin.

Claude Longchamp

Ware Schönheit.

Wahlforschung live: Das ist beispielsweise, sich mit der Frage herumschlagen, ob Schönheit Wahlerfolge bringe. Hier meine Einleitung zur neunten ZĂŒricher Vorlesung Wahlforschung in Theorie und Praxis, die eine Antwort sucht.

Entscheidet Schönheit Wahlen? – „Ja“, sagt Georg Lutz, Projektleiter der Schweizer Wahlstudie „Selects“. GewĂ€hlt werde AttraktivitĂ€t, insbesondere des Gesichts eines Menschen, wie es sich auf Plakaten und Prospekten prĂ€sentiere.

10vor10 vom 10.11.2009

Das Ergebnis ist fĂŒr Wahlen in der Mediengesellschaft typisch. Die wichtigste These, die wir hierzu kennen gelernt haben, lautet: Die Logik des Politischen wird durch die Logik des Medialen ĂŒberlagert.

Das hier angeschnittene Thema wird spĂ€testens seit dem Wahlsieg von John F. Kennedy im Jahre 1960 erörtert. 112’000 gaben damals den Ausschlag. 2 Millionen sollen sich durch die TV-Duelle umentschieden habe. Seither schiessen Spekulationen aller Art ĂŒber MedieneinflĂŒsse auf Wahlen ins Kraut.

Die AttraktivitÀtsforschung zeigt regelmÀssig ZusammenhÀnge zu Wahlentscheidungen auf, ohne jedoch konstante Befunde auszuweisen. Zwei Themen sind erwÀhnenswert: Einmal die Aussage, welches Geschlecht von der AttraktivitÀt profitiere; in den 70er Jahren waren es MÀnner, die dank Aussehen kompetenter wirkten, wÀhrend seit den 90er Jahren eher gutaussehende Frauen bevorteilt ersheinen. Sodann die Aussage zum Alter: Die Reife im Gesicht ist ebenso ein Thema der Forschung, wÀhrend heute, glauben wir der Schweizer Studie, Jugendlichkeit mehr zÀhlt.

Das Ganze erinnert zwischenzeitlich ein wenig an Beauty-Contests. FĂŒr Politik bei Wahlen scheint sich die Forschung nicht mehr zu interessieren. Mehr zĂ€hlt, wie die Vermittlung verlĂ€uft. Dabei sind Pferderennen, die Spannung erzeugt, nicht mehr zeitgemĂ€ss. Es macht den Anschein, dass Miss- und Misterwahlen stilbildend wirken. Wichtiger, so die Message bis in die Forschung, ist der Körper die Botschafter. Einen Vorgeschmack hierzu hatten wir ja 2007 schon mit der UnterwĂ€schewerbung der Migros, fĂŒr die Nationalratskandidaten posierten. Und neuer Tiefpunkt in dieser Entwicklung ist der geplante Auftritt zweier FDP-Frauen bei den Grossratswahlen unter dem Slogan: „4 BrĂŒste fĂŒr ein Halleluja“.

Doch was hat das mit Wahlprognosen zu tun? – Interessanterweise wollte auch ich die heutige Veranstaltung mit einer thematisch Ă€hnlich gelagerten Studie beginnen, um ihnen das Potenzial von Persönlichkeitsmerkmalen bei der Prognose von Wahlergebnissen zu zeigen. Allerdings kommen die Prognose-Cracks, die ich zitieren will, zu ziemlich anderen SchlĂŒssen als Experimentierer Lutz.

Seit 2004 lĂ€uft via Internet ein Forschungsprojekt zu neuartigen Prognoseverfahren, die bei der Wahl zwischen Obama und McCain unter dem Namen „PollyVote“ fĂŒr Furore sorgten. Die bisher letzte Weiterentwicklung davon heisst „PollyBio„, womit gezeigt wird, welche der biografischen Eigenschaften von KandidatInnen deren Wahlchance absolut und im Vergleich zum Herausforderer bestimmen.

Die AttraktivitĂ€t des Gesichts kommt auch bei PollyBio vor – allerdings nur als einMerkmal von 49 denkbaren Möglichkeiten der WahlerklĂ€rung. Und jetzt kommt der entscheidende Satz: Nach Scott Armstrong, dem Projektleiter, macht jegliche Konzentration auf einen der 49 Faktoren prognostisch keinen Sinn; vielmehr schlĂ€gt er vor: Man nehme jede halbwegs begrĂŒndete ErklĂ€rung als Teilprognose und gewichte jede Teilprognose genau gleich. Je mehr Teilprognose man habe, desto sicherer werde die Gesamtprognose. In der Tat: In den PrĂ€sidentschaftswahlen seit 1900 ergibt dieses Verfahren in 25 von 28 US-PrĂ€sidentschaftswahlen die richtige Nachhersage. Die Trefferquote ist damit nahezu 90 Prozent. Und auf die Zukunft angewendet: 11 BegrĂŒndungen sprechen fĂŒr Palin, 20 fĂŒr Obama. Das ist fĂŒr Prognostiker Armstrong ein klarer Vorsprung fĂŒr den jetzigen PrĂ€sidenten.

Gute Wahlprognosen bei ausgesprochenen Personenwahlen berĂŒcksichtigen demnach

erstens, ein BĂŒndel politischer Karrieremerkmale,
zweitens, ein BĂŒndel Eigenschaften zur schulischen und militĂ€rischen Karriere
drittens, ein BĂŒndel Merkmale der familiĂ€ren VerhĂ€ltnisse,
viertens, ein BĂŒndel biografische Angaben und
fĂŒnftens, ein BĂŒndel diverses Eigenschaften.

Zu diesen zĂ€hlt Ă€usserliche AttraktivitĂ€t als ein Punkt unter „ferner wirken“. Zu vergleichbaren SchlĂŒssen kam 2007 eine Schweizer Studie aus der Sicht von WahlkĂ€mpfen von Mark Balsiger. GemĂ€ss ihm hĂ€nget der Wahlerfolg von Ankerfaktoren eines/einer BewerberIn in der Partei ab, wĂ€hrend die Verpackung erst an vierter Stelle rangiert.

Karl Popper sagt: Was wir erklĂ€ren können, können wir auch prognostizieren. Und was wir prognostizieren, haben wir nachweislich erklĂ€rt. Das entwickeltste Prognoseverfahren fĂŒr Personenwahlen rĂ€t beim hier behandelten Thema indessen zu Vorsicht. Denn wahre Schönheit hat mit Einzigartigkeit zu tun, die wir aus der Liebe kennen. Ware Schönheit hingegen ist eines der gĂ€ngigen Themen von Wahlen in der Mediengesellschaft.

So, und nun zum eigentlichen Vorlesungsstoff!

Claude Longchamp

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf …

Nur ein bestelltes Gutachten eines ehemaligen VBS-Beamten habe die Publikation des Werkes in einem renommierten Verlag verhindert, behauptet die Judith Barben zu Beginn ihrer Buches „Spin doctors im Bundeshaus“. Manipulation durch FunktionĂ€re, Propaganda aus dem Regeirungsviertel und GefĂ€hrdung der direkten Demokratie sind die Themen der Mitstreiterin bei der Initiative fĂŒr „VolkssouverĂ€nitĂ€t und gegen Behördenpropaganda“.

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Zugegeben, ich bin befangen. Denn ich komme im Buch mindestens drei Mal vor: Zum Beispiel werde ich wegen meiner BĂŒroadresse, die gleich lautet wie die der (frĂŒheren) PR-Agentur Trimedia, zwei Stöcke ĂŒber mir. Womit schon klar ist, dass auch ich meine Umtriebe in den Dienst der Manipulation stelle.

Das ist typisch fĂŒr das Niveau der Buchrecherche. In weiten Teilen basiert sie auf einem Zeitungs- und Zeitschriftenarchiv, tĂ€uscht mit dem Inhaltsverzeichnis und Fussnoten aber vor, Ergebnis einer wissenschaftlich fundierten Arbeit zu sein. GeprĂŒft, was geschrieben wird, wurde wohl nur selten, denn entscheidend war, dass die Belege ins vorfabrizierte Bild passten.

Gleich zu Beginn erfĂ€hrt man, wie der Bundesrat in den letzten 20 Jahren gestĂ€rkt wurde, wie er zwischenzeitlich unter der Bundeskuppel alles bestimmt, was kommuniziert wird, wie Bund und Kanton Abstimmungsfreiheiten verletzen, und wie selbst der Bundesratssprecher Manipulation zugeben wĂŒrde.

Die These dahinter lautet, dass Manipulation in der Politik Methode habe. Damit man daran nicht zweifelt, bekommt man gleich im Titel zu Kapitel 1 die Uebersetzung von spin doctors („Meinungsmacher“) mit: „Wahrheitsverdreher“.

Belegt wird das mit amerikanischen Beispielen. Denn die PR ist die heimliche Regierung. Ihre VorlĂ€ufer sind Machiavelli, der Schurke, die Stasi, die ĂŒble, und die amerikanischen Politologen. Sie sind die schlimmsten, weil sie als soft power ganze Batallione in psychologischer KriegsfĂŒhrung gegen die Menschheit ausbilden. Und damit ist die Autorin bei ihrem Lieblingsthema, der Manipulation durch Psychotechniken aller Art, die einmal eingefĂŒhrt dank dem Filz von PR und Journalismus unser öffentliches und individuelles Bewusstsein bestimmen. Auch der Kleinstaat Schweiz ist davor nicht gefeit, beim Bergier-Bericht beispielsweise, oder bei der Totalrevison der Bundesverfassung oder beim Verkauf des Vaterlandes an die NATO sei manipuliert worden!

Gegen all das gibt es aus der Warte Barbens nur eins: das „personale Menschenbild“, das der Jugend vermittelt werden mĂŒsse, damit eine solide staatsbĂŒrgerliche Bildung darauf aufbauen könne und die Erkenntnisse der Manipulationsmechanismen verstanden werden. Damit das am schnellst möglichen geschieht, wurden in der Bibliografie an den entscheidenden Orten die Telefonnummern fĂŒr Bestellungen der eigenen Pamphlete eingefĂŒgt.

Die Biografie der Autorin ist dem Buch schon mal ausfĂŒhrlich beibelegt. Sie weist sie als Lehrerin und Psychologin aus. Eine einfache Kontrolle via google zeigt, dass ihre x-fach belegten Verbindungen zur frĂŒhren Psychosekte VPM indessen systematisch ausgeklammert wurden.

Um es klar und deutlich zu sagen: All das, was Barben aufgreift, gehört beobachtet, untersucht und diskutiert. Denn es ist fĂŒr das Funktionieren der Demokratie erheblich, und dieses ist in der Mediengesellschaft nicht zweifelsfrei gewĂ€hrleiste. Doch anders als es die Autorin mit ihrer Verschwörungstheorie glaubhaft machen will, wird es das auch: Die Grundlagenstudie von Ulrike Röttger und anderen ForscherInnen der UniversitĂ€t ZĂŒrich ĂŒber die PR in der Schweiz lĂ€sst Barben gleich integral mal aussen vor.

Das ist es, was die BuchlektĂŒre so uninspirierend macht: Das Gute und das Böse sind von Anfang an klar verteilt. Das eine sieht man bei sich selber, das andere bei allen anderen. WĂŒrde das Gute die Welt regieren, wĂ€re die eigene Initiative fĂŒr „VolkssouverĂ€nitĂ€t und gegen Behördenpropaganda“ 2006 angenommen worden. Weil sie aber abgelehnt wurde, ist das der Beweis des Bösen. Den Dreh hat die Autorin bestens drauf.

Claude Longchamp

Judith Barben: Spin doctors im Bundeshaus. GefÀhrungen der direkten Demokratie durch Manipulation und Propaganda, Baden 2009
Ulrike Röttger: Public Relations in der Schweiz. Eine empirische Studie zum Berufsfeld Oeffentlichkeitsarbeit, 2003

„Islamophobie“ ist keine taugliche politische Kennzeichnung.

Sie hoffe, die „Islamophobie“ werde nach der Abstimmung vom 29. November 2009 wieder abnehmen, sagte Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf heute vor der internationalen Presse. Ich hoffe das auch und, dass die BundesrĂ€tin das Wort „Islamophobie“ nicht mehr gebraucht.

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BundesrÀtin Eveline Widmer-Schlumpf heute in Genf an der Medienkonferenz

Phobien in Medizin und Politik
In der Medizin macht der psychologische Begriff der Phobie Sinn. Er beschreibt krankhafte ZustÀnde von Menschen, die Angst haben, auch wenn sie nicht bedroht sind.

Die Kombination von Kulturen und Phobien ist problematisch. Denn sie besagt, dass man als TrÀger einer Kultur zu Unrecht Angst hat.

Noch problematischer ist die Psychologisierung des politischen Widersachers. Das gehört eher zu den Untugenden autoritÀrer Ideologen.

Ich schlage vor, auf den Begriff der „Islamophobie“ ganz zu verzichten. Genauso wie man „Xenophobie“ kaum mehr zitiert, um Fremdenfeindlichkeit zu bezeichnen, und die „Homophobie“ sich als Kennzeichnung von Menschenfeindlichkeit gar nicht erst durchsetzen konnte. Selbst im englischen Sprachraum, von wo der Begriff kommt, ist er zwischenzeitlich umstritten.

Islamfeindlichkeit ist angemessene Kennzeichnung

Wenn ich fĂŒr Sorgfalt im Umgang mit Benennungen plĂ€diere, heisst das nicht, dass ich das Bezeichnete damit ausschliesse. Nein, ich möchte dieses umso genauer bezeichnen.

Ich bin der Meinung, dass der Begriff der Islamfeindlichkeit in politischen Analysen nötig ist, aber genĂŒgt, um das festzuhalten, worĂŒber man sich Gedanken machen muss.

Denn es gibt ohne Zweifel islamfeindliche Ideologien, Werthaltungen und Einstellungen. Sie finden sich in religiös-konservativen Kreisen, welche die Reinheit des Glaubens predigen. Es gibt sie unter fremdenfeindlich eingestellten Exponenten, die in ihrem Hass auf das Andere nicht unterscheiden, denn ihr GeschĂ€ft ist es, Gruppen zu erniedrigen, um ihre Angehörigen diskriminieren zu können. Und das alles gibt es zwischenzeitlich reichlich undifferenziert in Massenmeiden und im Internet. Das alles ist nicht ohne, wenn es aggressives Verhalten gegenĂŒber Musliminen in Wort und Tat rechtfertigt.

Meinungsbildung der BĂŒrgerInnen nicht diskreditieren
Die Annahme, dass Menschen, die sich an politischen Meinungsbildungsprozessen beteiligen, phobisch reagierten, sollte man indessen generell unterlassen. Denn sie machen sich ihre Meinungen auch aufgrund ihrer Erfahrungen im Alltag. Und diese mĂŒssen als solche immer Ernst genommen werden. Sonst machen demokratische Entscheidungen keinen Sinn mehr.

So hoffe ich, dass unsere Justizministerin wachsam bleibt gegenĂŒber unbegrĂŒndet feindseligen Ablehnung der Minderheiten von Muslimen in der Schweiz. Und dass sie im öffentlichen Diskurs auf untaugliche Etiketten wie „Islamophobie“ inskĂŒnftig verzichtet. Es reicht, wenn sie eine Höhepunkt der Islamfeindlichkeit feststellt.

Claude Longchamp