Die Evolution des Wissens durch Theoriebildung und Informationsgewinnung

(zoon politicon) Die Falsifikation oder Verifikation einer Hypothese ist das A und O der Theorie emprischer Wissenschaften nach Karl R. Popper. Denn so kann man Fehler in den theoretischen Annahmen entdecken und vermeiden, und sich so der Wahrheit annÀhern.

Der evolutionÀre Prozess von Information-Theorie-Information
Aus verifizierten Hypthesen entsteht aber keine Theorie von selbst. Der Prozess der Entwicklung empirische gesĂ€ttigter Theorien in der Wissenschaft ist komplexer. Der Soziologe Volker Dreier hat fĂŒr die Evolution in der Theoriebildung und Informationsgewinnung in den Sozialwissenschaften ein sinnvolles, aber noch wenig gebrĂ€uchliches Schema vorgeschlagen.

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Die Operationen: Induktion, Konstruktion, Deduktion, Reduktion
Das Modell unterscheidet zunĂ€chst zwischen Theorie und Information, dann zwischen Hypothese und Prognose. Der klassisch deduktive Weg der Wissenschaften, die Deduktion oder Ableitung von Prognosen aus der Theorie setzt Beweistheorie vor aus. Es sind begrifflich, logisch und datenmĂ€ssig geprĂŒfte Aussagen zu einem Gegenstand. Der Weg hierzu setzt Hypothesen voraus, die sich bewĂ€hrt haben und nicht mehr modifiziert werden mĂŒssen. Dreier nennt ihn Konstruktion. Die Herstellung von Theorien geschieht, indem Aussagen, die aus der Hypothese entstehen, miteinander verknĂŒpft in eine grösseres Ganzes ĂŒberfĂŒhrt werden, und das meist abstrakt, aber verbal beschrieben werden.

Der Kreislauf ist damit noch nicht geschlossen. Prognosen, die stimmen, fĂŒhren zu neuen, relevante Informationen. Dreier nennt das die Reduktion. Geleistet wird das durch BestĂ€tigungstheorien. Informationen wiederum stehen nicht nur am Ende des Kreislaufes, sondern am Anfang: Mittels Heuristik werden solche Informationen in Arbeitshypothesen umgewandelt, die anschliessen der oben beschriebenen PrĂŒfung unterzogen werden.

Die theoretischen Schritte sind demnach

. die Heuristik in der Induktion,
. die BegrĂŒndung in der Konstruktion
. der Beweis in der Deduktion und
. die BestÀtigung in der Reduktion.

Dabei bleibt man stets im gleichen Wissenschaftsprogramm. Man entwickelt mit ihm Theorie, und man verwendet die Theorien fĂŒr die Gewinnung relevanter Informationen, die ihrerseits zu verbesserten Theorie resp. prĂ€zisierten Informationen fĂŒhren können.

Die Anwendung in meiner Vorlesung
Die Wahlforschung ist ein typisches Beispiel hierfĂŒr; sie gilt als eine der weitentwickeltsten Teilbereich der Sozialwissenschaften, weshalb man heute ĂŒberwiegend deduktiv-reduktiv verfĂ€hrt.
Die Abstimmungsforschung, die ungleich weniger entwickelt ist, verfĂ€hrt noch ĂŒberwiegend umgekehrt. Sie verfĂ€hrt deshalb, wissenschaftstheoretisch gesprochen, induktiv-konstruktiv. Doch dazu nĂ€chste Woche mehr.

Geruhsames Wochenende!

Claude Longchamp