Beschreiben, diagnostizieren, erklÀren und vorhersagen

Was muss ein Wahlforscher, eine Wahlforscherin in der Praxis können? Vier FĂ€higkeiten sollte man entwickeln: die der Beschreibung von Wahlen, der Diagnose von Ergebnisse, der ErklĂ€rung von Ursachen hierfĂŒr und der Vorhersage von Wahlen. Das ist eine der Quintessenzen aus meiner ersten EinfĂŒhrung in die Vorlesung der Wahlforschung.

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JĂŒrgen Falter, Professor fĂŒr Politikwissenschaft in Mainz, einer der fĂŒhrenden Wahlforscher in Deutschland, der eine eigene Praxis entwickelt hat

Das letzte ist gleichzeitig das SpektakulĂ€rste und Schwierigste. Wer weiss, wie etwas ausgeht, und das im Voraus mitteilt, ist eine gemachte Person in der Wahlforschung. Und trotzdem sollte man nicht damit anfangen. Denn es gibt vielfach nur AnsĂ€tze fĂŒr Prognose, keine fertigen Theorien, keine eindeutigen Methoden.

Die Forschung ist heute vor allem im Bereich der ErklÀrung tÀtig. Wenn das Ergebnis bekannt ist, will man es erklÀren können. Die UrsachenklÀrung ist etwas weniger schwierig als die Vorhersage. Denn sie hat eine andere Logik. In diesem Bereich gibt es sehr wohl Theorie, Methoden und Verfahren, die sich in den Fachdisziplinen bewÀhrt haben.

WahlforscherInnen können nicht immer warten, bis sie aufwendige Untersuchungen abgeschlossen sind. Sie mĂŒssen aus ihrem Wissen heraus, aber auch mit ihrer Erfahrung eine geeignete Diagnose stellen können, was Sache sein könnte. Dabei stĂŒtzen sie sich in der Regel auf frĂŒhere Untersuchungen, und machen sie AnalogieschlĂŒsse zu Geschehenem anderswo oder frĂŒhr, um eine FĂ€hrte zu legen, die ans Ziel fĂŒhren kann.

Die einfachste, aber grundlegendste FĂ€higkeit von Wahlforschung ist die Beschreibung: Beim Ergebnis ist das in der Regel sehr einfach. Schwieriger ist es, wenn es um Prozesse geht, beispielsweise um den Wahlkampf, und um das Umfeld, in dem dieser stattfindet. Schwierigkeiten ergeben sich auch, weil man fĂŒr die wissenschaftliche Beschreibung eine Fachsprache braucht, um nicht ideologischen Fallen der Politiksprache zu erliegen.

Die Grundlagenforschung konzentriert sich in der Regel auf die Entwicklung der beiden ersten FÀhigkeiten. Sie sind auch die beiden, die am stÀrksten theorie-orientiert sind. Die Anwendungsforschung ist nicht so eingeschrÀnkt. Gerade die Kompetenz zur Diagnose, zur Deutung eines Geschehens, um es verstÀndlich zu machen, ist hier wichtig. Und auch die Beschreibung will gelernt sein, denn sie kommt der RealitÀt am nÀchsten, und sie bildet gleichzeitig die Basis, auf der alle anderen Kompetenzen erst entwickelt werden können.

Ausgestattet mit diesen wissenschaftstheoretischen Kompetenzen kann man sich als WissenschafterIn in eine Praxis begeben.

Claude Longchamp