SozialeKontrolle2.0 bei Volksabstimmungen

Die Pioniere der politischen Abstinenzforschung in der Schweiz argumentierten mit der nachlassenden sozialen Kontrolle in der Massengesellschaft als Ursache fĂŒr die sinkende Stimmbeteiligung. Jetzt setzen die jungen BefĂŒrworterInnen der PersonenfreizĂŒgigkeit auf ein Video, welches die soziale Kontrolle inszeniert, falls man am 8. Februar 2009 nicht stimmen gehe.


Das Vorbild aus dem US-amerikanischen Wahlkampf

Der amerikanische PrĂ€sidentschaftswahlkampf gab auch hier das Vorbild ab. Die Plattfrom www.youtube.com stellte clips ins web, wonach 1 Stimme die Wahl zwischen Barack Obama und John McCain entschieden habe, – zugunsten des Republikaners. Die Reaktionen im Clip waren harsch: Die Oeffentlichkeit empörte sich, und die Medien identifizierten den UebeltĂ€ter. Denn es war ein Nicht-WĂ€hler, der fĂŒr Obama stimmen wollte, welcher der Wahl fern blieb. Wehe ihm, sagt seine Verwandschaft, wenn wir ihn kriegen. Doch das alles war nicht echt. Es war RealitĂ€t 2.0, die Betroffenheit schaffen wollte und Teil der Kampagne fĂŒr Obama war.

Man weiss es: Soweit wie im Jahr 2000, als der Sieg von Georges W. Bush ĂŒber Al Gore nur durch Messers Scheide entschieden wurde, kam es 2008 nicht. Obama siegte mit 54:45 ungefĂ€hr mit dem Vorsprung, den man erwartet hatte. Die Beteiligung indessen erreichte mit 63 Prozent Beteiligung den höchsten Wert seit 1960.

Das scheint nun die Ja-Seite der PersonenfreizĂŒgigkeit beflĂŒgelt zu haben. Seit heute morgen zirkuliert ein Clip, der nach Ă€hnlichem Muster aufgebaut ist. Verbreitet wird er mit viralem Marketing. Man erhĂ€lt es via email, und man wird gebeten, es auf dem gleichen Weg weiter zu leiten.


Die Nachahmung, nicht auf youtube erhÀltlich, da sie auf individualisierte Ansprache im Video setzt!

Wer sich den Streifen ansieht, wird gleich zu Beginn geschickt. Eine Sondersendung der Tagesschau, tĂ€uschend echt moderiert von Charles Clerc, berichtet ĂŒber den Abstimmungssonntag. Die PersonenfreizĂŒgigkeit sei mit einer Stimme abgelehnt worden, heisst es. Gezeigt wurd ein Transparent, auf dem der eigene Name als Schuldiger erscheint. Der Rest ist dann noch etwas Wiederholung der Botschaften fĂŒr die PersonenfreizĂŒgigkeit.

Es ist klar: Eine höhere Betroffenheit kann man nicht auslösen. Eine Person gibt den Ausschlag, und man ist sie gleich selber. Das sitzt. Und genau das lÀdt ein, den Joke weiter zu vertreiben, bei FreundInnen oder MitarbeiterInnen, die auch ausschlaggebend sein könnte.

Falls es so knapp wird, wie berichtet. Falls man Ja-Stimmen wollte und es doch unterlassen sollte. Und falls man sich von den Jungparteien auf der Ja-Seite ein schlechtes Gewissen einbildern lÀsst.

Denn die heutige Abstinenzforschung ist nĂ€mlich gar nicht mehr so sicher, ob soziale Kontrolle heute noch so entscheidend sei. Sie argumentiert vielmehr, dass okkasionelles Nicht-Stimmen mit UnschlĂŒssigkeit zu tun habe, wennl keine Seite wirklich ĂŒberzeugen konnte.

Claude Longchamp