Die 1975er Schwelle

Erstmal haben wir Generationsbr√ľche in der politischen Kommunikation am Beispiel der Mediennutzung in Abstimmungsk√§mpfen untersucht. Betroffen ist davon die Verwendung besonders von Radio, Leserbriefen und Internet, um sich vor Entscheidungen eine Meinung zu bilden.

SoziologInnen schreiben gerne √ľber Generationen und den Generationenwandel. Zum Beispiel √ľber Babyboomer, jene, die in der Nachkriegszeit geboren wurden, mit einer sprunghaften Zunahme der Geburtlichkeit in L√§ndern, die unter dem Krieg litten; oder √ľber die Generation X, Y und Z, die darauf folgten und hinsichtlich Konsum, Medien, Vorbilder andere Sozialisationsbedingungen erlebten.

Mediennutzung in Abstimmungskämpfen nach Generationensplit vor resp. nach 1975 geboren

Quelle: gfs.bern, VOX-Analysen (Grafik anclicken, um sie zu vergrössern

In der Medienforschung ist es es zwischenzeitlich √ľblich geworden, von der 1975er Schwelle zu sprechen. Denn wer vorher resp. nachher geboren wurde, zeigt ein anderes Medienverhalten. Im Printbereich betrifft das den Uebergang von Bezahl- zu Gratiszeitungen, im elektronischen Bereich den Wechsel vom Fernsehen und Radio hin zum Internet.

Erstmals hat das Forschungsinstitut gfs.bern die Mediennutzung in Abstimmungsk√§mpfen nach diesem Schema untersucht. Und siehe da: Bei den Volksentscheidungen der Jahre 2008 bis 2012 gibt es in der politischen Kommunikation tats√§chlich charakteristische Unterschiede: Wer heute j√ľnger als 37 ist, verwendet Informationen am Arbeitsplatz, Mitteilungen auf Internet, Strassenplakate und die amtlichen Unterlagen h√§ufiger als √§ltere. Diese wiederum greifen in Abstimmungsk√§mpfen mehr zu Zeitungen, um sie zu lesen, schauen h√§ufiger fern, h√∂ren mehr Radio, um sich zu informieren. Damit h√§ngt zusammen, dass sie zahlreicher Leserbriefe mit einbeziehen, Inserate konsultieren, generell mehr Werbung der Komitees beachten, direct mailings nutzen und bei Standaktionen h√§ufiger einen Halt einschieben.

Klar gesagt sei, dass der aufgezeigte split nicht bedeutet, dass die einen nur das eine, die anderen nur das anderen nutzen w√ľrde. Die Differenzen sind eher gradueller Natur. Erheblich ist der Generationenwechsel bei Radio und Leserbriefen. Die Nutzungswerte kennen, in den beiden unterschiedenen Gruppen, einen Unterschied von gut 15 Prozent, derweil es beim Internet das Umgekehrte im vergleichbaren Masse gibt. Interessant ist, dass damit auch die politische Information am Arbeitsplatz, lange weitgehend verp√∂nt, bei j√ľngeren B√ľrgerInnen wieder h√§ufiger verwendet wird, um politische Entscheidungen zu treffen.

Es trifft also zu, dass die Mediennutzung nicht nur quantitativ im Umbruch ist, sondern auch qualitativ – und dass sich der Medienmix in der politischen Kommunikation √§ndert! In Abstimmungsk√§mpfen f√ľr die neuen Generationen neu erfinden muss sich vor allem das Radio. Derweil kann man davon ausgehen, dass Leserbriefe in Zeitungen als typische Form der Meinungsbildung in der Schweiz ein Ph√§nomen √§lterer Menschen wird, w√§hrend der Ersatz in der elektronischen Kommunikation via Internet zu suchen ist.

Mehr √ľber Generationen in der Politik, besonders bei Wahlen, gibt’s √ľbrigens am kommenden Montag in meinem Vortrag an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Brugg, wo ich √ľber “Parteien f√ľr neue Generationen – neue Generationen von Parteien” sprechen werde.

Claude Longchamp