Forschungsseminar: “Volksabstimmungen in der Schweiz” (Meine Lehrveranstaltung im Herbstssemester 2012 an der Uni Bern)

In einem Monat ist es soweit. Es beginnt das Herbstsemester 2012. Meine Lehrveranstaltung im Master “Schweizerische und vergleichende Politik” ist der Abstimmungsforschung gewidmet. Hier die Uebersicht.

Die Lehrveranstaltung ist als Forschungsseminar auf der Masterstufe konzipiert. Erwartet werden ein abgeschlossenes Bachelor-Studium, vorzugsweise in Politikwissenschaft, Interesse fĂŒr das politische System der Schweiz, namentlich das Funktionieren der direkten Demokratie und gute Basiskenntnisse der empirischen Politikforschung.

Stand der Dinge

Generell ist der Stand der Abstimmungsforschung durch ein geringeres Niveau als etwas die Wahlforschung, aber auch die Partizipationsforschung gekennzeichnet. Namentlich die Entwicklung spezifischer Theorie blieb bisher zurĂŒck. Genau das ist fĂŒr die Politikwissenschaft der Schweiz eine Chance: Denn ausser in Kalifornien hat sich praktisch nur hierzulande eine kontinuierliche Abstimmungsforschung entwickelt, die sich auf die zahlreichen Volksentscheidungen auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene bezieht

Dabei sind in jĂŒngster Zeit auf verschiedenen Gebieten Fortschritte erzielt worden, so beispielsweise bei der visuellen Darstellung von Abstimmungsergebnissen im Vergleich, bei der PrĂŒfung von Auswirkungen der Konkordanz auf Konflikte in der direkten Demokratie, bei der Bestimmung von Elite/Basis-Konflikten bei der Untersuchung des Einflusses von Akteure auf Abstimmungsentscheidungen, bei der Messung von Kampagneneffekten und bei der Skizze der Autonomie und Determination von Entscheidungen der BĂŒrger und BĂŒrgerinnen.

Weitere Fortschritte kann man insbesondere dann erwarten, wenn drei Bedingungen erfĂŒllt sind: Es gibt ausreichend Daten; es werden gegenstandsspezifische Theorien entwickelt, die auf die historischen Voraussetzung des Gegenstanden Bezug nehmen, und es gibt eine vergleichende Einordnung in die allgemeinen Entwicklungen des Fachs.

Material zur und Vorgehen wÀhrend der Lehrveranstaltung

Ausgangspunkt des Forschungsseminars sind die amtlichen Statistiken zu Abstimmungsergebnissen, die namentlich in der Datenbank SwissVotes ĂŒbersichtlich aufgearbeitet sind. Im Weiteren gibt es eine Datenbank zu den VOX-Analysen eidg. Volksabstimmungen, die Volksentscheidungen auf Befragungsbasis analysieren. Seit Neuestem kommt PolitnetzCH hinzu, mit dem das Abstimmungsverhalten der Parlamentsmitglieder (vorerst nur Nationalrat) vertieft untersucht werden kann. Verweisen sei schliesslich sei auf Bestrebungen, systematische Kampagnenanalysen in die Untersuchungen einzubeziehen.

Das Forschungsseminar hat mehrere Teile: eine Einleitung, wĂ€hrend der die Fragestellung entwickelt wird, einen theoretischen Teil, der nach dem Stand der Erkenntnisse fragt, und einen praktischen Teil, bei dem es um Probleme bei der DurchfĂŒhrung sozialwissenschaftlicher Projekte geht. Diese Teile werden mit Kurzreferaten der Studierenden vorbereitet und im Plenum besprochen. Selbstredend hat das Seminar auch einen empirischen Teil, mit dem neue und gesicherte Befunde zur Abstimmungsforschung in der Schweiz erarbeitet werden sollen. Hierzu werden im Verlaufe des Forschungsseminars maximal 4 studentische Arbeitsgruppen gebildet, die ĂŒber die Planung resp. ausgewĂ€hlte Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit zuhanden der anderen Teilnehmenden berichten.

Programm des Forschungsseminars

Das Forschungsseminar umfasst 14 doppelstĂŒndige Sitzungen, die jeweils am Freitag zwischen 10 und 12 Uhr im Institut fĂŒr Politikwissenschaft stattfinden. Das vorlĂ€ufige Programm findet sich nachstehend:

1. Einleitung (2 Sitzungen)
. Entwicklung der ĂŒbergeordneten Fragestellung / Einordnung von Projektideen in Makro-, Meso-, und Mikro-Ebene der Forschung.
. Logik der Forschung: Hypothesenentwicklung, -prĂŒfung, GĂŒtekriterien
. PrÀsentation der Datenbanken (BfS, SwissVotes, VOX-Analysen, PolitnetzCH)

2. Stand der Abstimmungsforschung (in der Schweiz) (2 Sitzungen, Kurzreferate)
. Synthetische Ergebnisdarstellungen, Abstimmungsanalysen im Konkordanzsystem. EinflĂŒsse der Akteure auf Abstimmungsentscheidungen, Kampagnen-Effekte auf Abstimmungsergebnisse resp. Information und Beteiligung

3. Skizzierung studentischer Forschungsprojekte (3 Sitzungen, Plenumsdiskussion. Gruppenreferate)
. Diskussion von Forschungsvorhaben, Entscheidung fĂŒr maximal 4 Arbeitsgruppen
. PrÀsentationen der ArbeitsplÀne durch die Arbeitsgruppen (verteilt auf 2 Sitzungen)

4. AusgewÀhlte Probleme der Forschung (3 Sitzungen, Kurzreferate)
. Probleme im Entdeckungszusammenhang (bei der Entstehung von Forschungsprojekten)
. Probleme im BegrĂŒndungszusammenhang (wĂ€hrend der eigentlichen Forschungsarbeit)
. Probleme im Verwertungszusammenhang (bei der Vermittlung und Umsetzung von Forschungsergebnissen)

5. Diskussion erster Hauptergebnisse (2 Sitzungen, Gruppenreferate)
. PrÀsentation/Kritik aufschlussreicher Ergebnisse aus der Arbeitsgruppen (verteilt auf 2 Sitzungen)

6. Schlussdiskussionen (2 Sitzungen)
. ErtrÀge des Forschungsseminars
. Weiteres Vorgehen bei Abschlussarbeit

Leistungsbewertung

Der erfolgreiche Abschluss setzt zudem die regelmÀssige PrÀsenz in den Plenumsveranstaltungen, die aktive Mitarbeit im Seminar durch die Uebernahme von Kurzreferaten und die Beteiligung an einem studentischen Forschungsprojekt voraus. Eine Literaturliste, verbunden mit Kurzreferatsthemen, wird zu Beginn des Semesters abgegeben.

Jede Forschungsgruppe muss bis zum 31. Januar 2013 eine gemeinsam abgefasste Seminararbeit abliefern, die zusammen mit dem persönlichen Engagement als Leistungsbewertung dient; eine eigentliche SchlussprĂŒfung gibt es nicht.

Claude Longchamp