Was die BernerInnen bei den StÀnderatswahlen in zweiter Linie wÀhlten

Eine Spezialauswertung der Stimmzettel im Kanton Bern zeigt, was die WĂ€hlenden von Amstutz, LuginbĂŒhl, Stöckli, von Graffenried und Wasserfallen auf die zweite Linie schrieben. Das hilft, PrĂ€ferenzen im 1. Wahlgang verbessert einzuschĂ€tzen.

Zuerst will ich den Kanton Waadt loben. Bei den Nationalratswahlen kam er wegen der Verzögerungen beim AuszÀhlen schlecht weg. Bei den StÀnderatswahlen war der Wahlservice aber super. Das hat mit dem Wahlrecht zu tun. Die WaadlÀnderInnen wÀhlen bei den StÀnderatswahlen mit Parteilisten. Alle grossen Parteien haben eine solche. Beim zweiten Wahlgang empfahlen die SP und GPS auf der einen, die FDP.Liberalen und SVP auf der anderen Seite je ein Doppelpack an Bewerbungen. Aus der Wahlstatistik kann man nun ableiten, wieviele Stimmen jede Parteiliste machte und wer von den Vorgeschlagenen bestÀtigt resp. gestrichen oder ersetzt worden ist.

Abfluss der Zweitstimmen nach Erststimme im 1. Wahlgang bei den Berner StÀnderatswahlen
zweistimme
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Im Kanton Bern beispielsweise, wo ein anderes Wahlrecht fĂŒr StĂ€nderatswahlen gilt, weiss man das alles nicht. Wie die ParteigĂ€ngerInnen im ersten Umgang gewĂ€hlt haben, wĂŒrde man nur mit aufwendigen Umfragen herauskriegen. Wie die Zweitlinie ausgefĂŒllt worden ist, kann man durch AuszĂ€hlen der Bulletins ersehen. – Leider machen die WahlbĂŒros das nicht automatisch. Zwei Studenten der Politikwissenschaft an der Uni Bern, Samuel Kullmann und Philipp Koch, haben sich die MĂŒhe genommen, in zehn gut ausgewĂ€hlten Gemeinden je eine Stichprobe der abgegebenen Zettel zu ziehen und diese auswerten.

Was sind ihre SchlĂŒsse? –

Die WĂ€hlenden von Amstutz votierten zu 31 Prozent fĂŒr LuginbĂŒhl, zu 12 Prozent fĂŒr Wasserfallen und zu 41 Prozent fĂŒr niemanden sonst.
Wer zuerst fĂŒr LuginbĂŒhl gewĂ€hlt hatte, schrieb auf der zweiten Linie am hĂ€ufigsten Wasserfallen (25%) auf, dann Stöckli (22%); der GPS-Kandidat von Graffenried kam auf 12 Prozent. 14 Prozent gaben keine Zweitstimme ab. Oder anders gesagt: Die BDP-nahen LuginbĂŒhl-WĂ€hlenden waren auf viele Seite offen.
Die WĂ€hlenden von Wasserfallen tendierten zu 42 Prozent zu LuginbĂŒhl, zu 14 Prozent zu Amstutz und zu 12 Prozent von Graffenried. 19 Prozent liessen die zweite Zeile leer.
Stöcklis WĂ€hlerInnen aus derm ersten Wahlgang gaben zu 69 Prozent ihre Stimme von Graffenriede, zu 10 Prozent LuginbĂŒhl.
Aehnlich strukturiert waren auch die WĂ€hlenden von von Graffenried. Sie votierten zu 65 Prozent auch fĂŒr Stöckli, zu 15 Prozent auf fĂŒr LuginbĂŒhl.

Alle anderen KandidatInnen machten nur wenige Stimmen auf den Wahlzetteln der Grossen.

Die vorliegende Analyse zeigt, dass die Amstutz-WÀhlenden am stÀrksten nur aus Ueberzeugung votiert haben. Fast die HÀlfte schrieb, ausser ihrem Favorit, keine weitere Kandidatur auf den Wahlzettel, um die Wahlchancen von Amstutz zu optimieren. Nirgends war dieses Denken so verbreitet wie bei den WÀhlenden des SVP-Standesherren.
Die Kandidatur von Christian Wasserfallen aus den FDP-Reihen verzettelte die bĂŒrgerlichen Stimmen offensichtlich. Der Grund liegt in der Abneigung seiner AnhĂ€ngerInnen gegenĂŒber Amstutz. Die Wasserfallen-WĂ€hlenden hatten eine klare PrĂ€ferenz fĂŒr den BDP-Kandidaten, nicht aber fĂŒr jenen der SVP. Am zweitmeisten Stimmen machte hier der grĂŒne Bewerber Alec von Graffenried.
Ganz anders verhielt sich das linke Lager. Es hielt insgesamt gut zusammen. Stöckli-WĂ€hlende notierten fleissig von Graffenried, und dessen Supporter votierten ebenso hĂ€ufig fĂŒr Stöckli.

Die neuen Ergebnisse prĂ€zisieren den Befund, den letzte Woche der “Bund” aufgrund der gleichen Methode, indes nur in einer (unbekannt gebliebenen) Gemeinde ermittelt hatte. Sie decken sich weitgehend mit den Erkenntnissen aus der Studie zum ersten Wahlgang bei den ZĂŒrcher StĂ€nderatswahlen. Auch da zeigte sich, dass die SVP-WĂ€hlerschaft zwischen EigenstĂ€ndigkeit und Isolation votierte, moderat bĂŒrgerliche WĂ€hlende eher zu den grĂŒnen als sozialdemokratischen Bewerbungen tendierten, und die rotgrĂŒnen WĂ€hlenden unter sich Stimmen tauschten. In ZĂŒrich wirkte sich das Etikett “Bisherige” stĂ€rker aus als in Bern, wo sie zwar auch an der Spitze der Nicht-GewĂ€hlten stehen, ihre AbstĂŒtzung aber nicht so breit ist wie in ZĂŒrich.

Schlussfolgerungen auf den zweiten Wahlgang sind nicht direkt möglich; dafĂŒr fehlt die Sicherheit mit entsprechenden Ergebnissen. Reevaluierungen werden zeigen, was effektiv spielte. Vorerst bleibt dies Spekulation. Namentlich kann man aus solchen PrĂ€ferenzanalysen nicht eindeutig ableiten, wie die Mobilisierung im zweiten Umfang sein wird. Ist sie ĂŒberall gleich anders, ist das egal. Wenn aber beispielsweise das Land besser mobilisiert als die Stadt, hat das Auswirkungen auf das Wahlergebnis. Es kommt hinzu, dass im ersten Wahlgang mehr die Positionierung der bevorzugten Kandidatur wichtig war, das Taktieren namentlich auf der zweiten Zeile erst danach einsetzt. Im Kanton Bern relevant ist, die bekannte Teilung der PrĂ€ferenzordnungen zwischen Stadt/Land, aber auch, was die FDP-WĂ€hlerschaft macht und was im Berner Jura geschieht. Und: wer im ersten Wahlgang eine Linie leer liess, hat im zweiten Umgang am meisten Spielraum!

Claude Longchamp