Gewinnt die SVP wegen der Abwahl von Christoph Blocher kantonale Wahlen?

These und Gegenthese
Unbestritten ist, dass die SVP die beiden j√ľngsten kantonalen Wahlen gewinnen hat. Sie ist zur st√§rksten Partei im Kanton St. Gallen aufger√ľckt; und sie hat ihre Leadposition im Kanton Schwyz gefestigt. Umstritten ist allerdings, weshalb die SVP Wahlsiegerin wurde. In der medial g√§ngigen Leseweise hat sie die Wahlen gewonnen, weil Christoph Blocher aus dem Bundesrat abgew√§hlt worden ist.

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Keine Beleg f√ľr eine Wachstum der SVP-W√§hlerschaft seit den letzten National- resp. Bundesratswahlen: Die Vergleiche der W√§hlerInnen-Anteile 2007 und 2008 in den Kantonen St. Gallen und Schwyz.

Ich halte mal dagegen!

1. Im Vergleich zu den Nationalratswahlen 2007, der letzten Wahl vor der Abwahl von Bundesrat Christoph Blocher, hat die SVP an WählerInnen-Anteilen sowohl in Schwyz wie in St. Gallen verloren.
2. Im gleichen Vergleich haben die CVP und die FDP in beiden Kantonen zulegt, und hat die SP in einem Fall an Wählerstärke verloren.
3. In St. Gallen, wo die Wahlbeteiligung bekannt ist, ist sie aktuell geringer als bei der Nationalratswahl 2007.

Das mediale Analysekonstrukt und seine empirische Evidenz
Richtig ist, dass die Mobilisierung im eidgen√∂ssischen Wahlherbst h√∂her war als bei den kantonalen Wahlen. Damit haben die Wahlen als solche und die meisten Parteien bei den j√ľngsten kantonalen Wahlg√§ngen absolut weniger W√§hlerInnen angesprochen. Bei der SVP gilt dies nicht nur absolut, sondern auch relativ. Ihre Anteile unter den jeweils W√§hlenden sind zwischen 5 und 8 Prozent zur√ľckgegangen. Das verringert die Zahl der W√§hlenden, die diesmal SVP gew√§hlt haben nochmals. Um nicht missverstanden zu werden: Die Partei hat gegen√ľber den letzten kantonalen Wahlen zugelegt. Sie tat dies in St. Gallen bei einer vergleichbaren Wahlbeteiligung.

Richtig ist damit auch, dass die Partei in beiden genannten Kantonen seit ihrem Auftreten resp. Aufschwung in den 90er Jahren an WählerInnen-Stärke zugelegt hat. Dieser Trend hält bestätigte sich am vergangenen Wochenende parallel zum nationalen Trend zum wiederholten Mal. Der Anstieg der SVP in den beiden ehemaligen CVP-Hochburgen ist damit ein Phänomen der letzte 12 Jahre. Er ist keineswegs das Produkt der letzten Monate.

Die n√ľchterne Wahlanalyse aufgrund der ersten Angaben zur Beteilgung und W√§hlerst√§rken
Die vorl√§ufig einzig zul√§ssige Deutung der gegenw√§rtig vorliegenden Daten zu den W√§hlerInnen-St√§rkn der Parteien in St. Gallen und Schwyz lautet: Die Mobilisierung durch die letzten kantonalen Wahlen war geringer als durch jene bei den eidgen√∂ssischen Parlamentswahlen. Die geringere Aufmerksamkeit, die verminderte mediale Berichterstattung und die sicherlich weniger intensive Form der Wahlkampagnen machen diese Feststellung plausibel. Es sind aber nicht alle Parteien nicht im gleichen Masse von dieser ver√§nderten Mobilisierung betroffen. Nutzniesserinnen der verringerten generellen Mobilisierung waren die CVP und die FDP, die ihre W√§hlerInnen-Anteile steigern konnten. Das hat mit der geringeren Polarisierung jetzt als vor einigen Monaten zu tun. Und das hat hat mit der h√∂heren Bedeutung f√ľr die Parteiidentifikation der lokalen Politgr√∂ssen gegen√ľber den nationalen Aush√§ngeschildern zu tun.

Die SVP profitierte(e) davon, dass die Wahlen zu einem vermeintlichen Entscheid f√ľr oder gegen Christoph Blocher gemacht wurden/werden. Das war bei den Nationalratswahlen 2007 evidentermassen der Fall. Dieser Effekt spielte im Vorfeld der kantonalen Wahlen nicht mehr. Er hat die generelle Beteiligung wieder auf das kantonale Normalmass zur√ľckgehen lassen, und er hat auch die W√§hleranteile insbesondere der SVP verringert.

Mein vorläufiger Schluss
Bei den j√ľngsten kantonalen Wahlen hat die SVP gegen√ľber den Wahlen von 2004 zugelegt. Sie ist oder wurde die st√§rkste kantonale Partei. Sie legte, wie schon in den fr√ľheren Wahlen in St. Gallen und Schwyz gegen√ľber der kantonalen Vorwahl zu. Das hat mit ihrer jungen Entstehungsgeschichte als Sammelbecken der nationalkonservativen Unzufriedenheit zu tun. Diese Aufgabe l√∂st die Partei unver√§ndert in vorbildlicher Form.

Sie verbesserte sich jedoch gegen√ľber 2007 nicht weiter, als sie aufgrund der zugespitzten Situation im Wahlkampf gerade ideal mobiliserte. Und es gibt keinen Beleg, dass die SVP kurzfristig einen Aufschwung erhielt. Interessant ist, dass die vorherrschende mediale Deutung zu einem Zeitpunkt entstand, bevor die relevanten datenm√§ssigen Entscheidgrundlagen auch nur ansatzweise vorlagen.

Claude Longchamp

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