Arena: Streit mit Kultur erwĂŒnscht!

Ich habe mir die ganze Arena-Sendung von gestern angesehen. Das war schon lange nicht mehr der Fall. Es hatte auch mit der neuen Moderation durch Urs Wiedmer zu tun.

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Nur zu oft habe ich mich aus der „Arena“ mit Reto Brennwald ausgeklinkt. Meist war ich ein Ab- und Zu-Schauer. Seine Sendungen hatten Tempo, ohne Zweifel. Sie waren angriffig, ebenso unbestritten. Aber sie war selten informativ. Die Einladungsliste verriet meist die Sendeabsicht. Unerwartetes kam selten, BrĂŒckenschlĂ€ge eigentlich nie.

Heute weiss ich klarer, weshalb ich so hĂ€ufig den aufgeregten Bildschirm gegen das Ruhekissen im Bett tauschte. Die Arena lebt von Rede und Gegenrede. Nicht von der Zwischenrede. Oder noch deutlicher: Bisweilen interventierte Brennwald fĂŒr meinen Geschmack zu frĂŒh, bisweilen liess er die Leine viel zu lange. Am Schluss wurde ihm das zum VerhĂ€ngnis.

Urs Wiedmer war bei seiner Feuertaufe in erster Linie fair: zu Martin BĂ€umle, dem GLP-Nationalrat, zu Beat Vonlanthen, den CVP-Staatsrat aus Freiburg, zu Heinz Karrer, dem CEO der Axpo Holding und zu Kaspar Schuler, dem Kampagnenleiter von Greenpeace. Jeder hatte seinen Stich, jeder kam mal in die Bedrouille.

Die 10 ExponentInnen in der zweiten Reihe kamen frĂŒh und mehrfach zum Zug. Das förderte die Vielfalt der Standpunkte, wie sie Geologen, Nuklearphysikerinnen, Kernkraftbetreiber, Beamtenkontrolleure, Interessenvertreter, Basisbewegte und BĂŒrgerInnen in der Kernenergie-Debatte vertreten.
Gelegentlich kam es sogar zu Kontroversen aus der Hinterhand. Schliesslich pflegt Wiedmer die Info-Spot mit Einspielungen, welche den Infogehalt erhöhten. Das belebte. Und die Einspielungen informierten.

Wie der MĂŒnsiger Fernsehmann bei der Entscheidung ĂŒber MĂŒhleberg II gestimmt hat, weiss ich nach der Sendung nicht – und verstehe das als Lob. Sein ganzer Habitus ist so zurĂŒckhaltend, dass nicht nur um die Personalia des GesprĂ€chsleiters interessiert. Auch das ist von Vorteil. Typisch dafĂŒr, wie der Angespannte gestern gelassen reagierte, war der Aussetzer in der Vorstellungsrunde. „Jetzt bin ig haut grad druusgheit!“. as war ein Selbstkommentar ohne Marketing.

Wahrscheinlich wird man dem ehemaligen Lokaljournalisten jedoch genau das im ZĂŒrcher Medienhaifischbecken ankreiden. Denn da erwartet man von den Kampf der Titanen, spekuliert man schon mit dem Duell zwische Arena und TelezĂŒri, und mag man Moderatoren aus der Provinz nicht wirklich. Urs Wiedmer kann sich darum scheren, wenn er dafĂŒr das Vertrauen der RegierungsrĂ€tinnen, National- und StĂ€nderate findet, das so breit verspielt worden ist.

Was aus dem Neustart letztlich wird, weiss ich nicht. Kommentare auf der Website und Zuschauerzahlen sind das eine; BeitrÀge zur Debatte, die den Namen verdienen, das andere. Am besten wÀre es, beides kÀme zusammen!

In der Arena der Zukunft wĂŒnsche ich mir Streit mit Kultur. Das ist alles andere als Fixierung auf Personen, Emotionen und Skandale. Streit mit Kultur ist fĂŒr mich Polarisierung und Differenzierung, hat mit Ueberraschung und Information zu tun. Das alles soll die Aufmerksamkeit fördern, nicht der Sensation, sondern der Sache wegen!

Denn die Politik entwickelt sich heute auch ohne Arena in die kritisierte Richtung. Dem etwas gegenĂŒber zu setzen, ist die Aufgabe der kĂŒnftigen Arena. Wohl bekomm’s!

Claude Longchamp