Neue Polit(o)-Blogs

Die Bloggerszene wÀchst nicht mehr. Nach dem anfÀnglichen Boom, der im MÀrz 2007 seinen Höhepunkt mit 1243 aktiven Blogs erreichte, sterben in der Schweiz heute mehr Blogs als eröffnet werden. Das heisst nicht, dass sich nichts tut, im Gegenteil: Vier neuere Blogs unter den rund aktiven 694, die blogug aktuell verzeichnet, haben meine Aufmerksamkeit gefunden.

bundesplatz_k_w480_h_m

Mokka-Cafe
Die grösste Ueberraschung fĂŒr mich ist „Mokka-CafĂ©„. „Schnell das Wichtigste wissen“, lautet das Motto. Das Blog macht sich die Informationsflut zu Nutze. Denn die Basis sind die Schweizer Tagespresse und die Posts wichtiger Schweizer Blogs. Angesichts der Zeitnot vieler Interessierter bietet das Blog einen genialen Service an: Kommentare der JournalistInnen und der BloggerInnen werden ĂŒbersichtlich und handlich zusammengefasst. Der WochenrĂŒckblick reichert das mit Hintergrundsinformationen an. Alles ist verlinkt, sodass man sich bei Bedarf schnell und gezielt durch die Informationsmenge durcharbeiten kann. Bundesratswahlen, Wirtschaft, EU, Demokratie und Islam sind in der Themenwolke momentan fĂŒhrend. 10 Minuten brauche man, eine verpasste Woche zu ĂŒberblicken, schreibt Autor Troubadix. Wenn er selber Zeit findet, verweist verweist er auch BĂŒcher oder singt ein Lied. Entstanden sei die Idee, fĂŒr die der Journalist Gian Signorell aus ZĂŒrich verantwortlich zeichnet, in Hanoi, dem Bistro Moca CafĂ© an der Pho Nha Tho 14. Die Adresse kenne ich nicht – die des hochprofessionellen Blog empfehle ich aber ausdrĂŒcklich weiter.

Direkte Demokratie
Um BĂŒrgerjournalismus geht es im Blog „Direkte Demokratie … weil wir Gesetzgeber sind„. Dabei handelt es sich um eine produktive Verarbeitung der Minarett-Abstimmung aus dem vergangenen Jahr. Ronnie Grob, einer der beiden Blog-Initianten, nervte sich ĂŒber die Kommentare im Ausland nach dem Ja, die seiner Meinung nach von UnverstĂ€ndnis ĂŒber Sinn und Unsinn der Volksrechte zeugten. So verband sich der freie Journalist mit dem ZĂŒrcher Anwalt Martin Steiger, um ein Gegenprojekt zu lancieren. Der Titel des neuen Blogs ist Programm, direkte Demokratie wird klar befĂŒrwortet, und sie soll ĂŒberall gefördert werden. Die Kategorien verweisen fast auf die ganze Welt, die BeitrĂ€ge beziehen dagegen weitgehend auf die Debatten in Deutschland und in der Schweiz. Beliebteste Themen sind die Initiative fĂŒr eine Todesstrafe, die Volksbefragung der SVP und die immerwĂ€hrenden EinwĂ€nde der Deutschen gegen Volksrechte. In den Kommentaren macht sich gelegentlich das kleinrĂ€umige Denken einiger Direktdemokraten bemerkbar, insbesondere wenn es um die EU geht. Das Prinzip des Blog empfehle ich ohne Kommentar weiter: Wer Wahlen organisieren kann, kann auch Volksabstimmungen durchfĂŒhren!

Polithink
Polithink.ch wurde von vier engagierten StudentInnen der Politik- und Rechtswissenschaft an der Uni ZĂŒrich initiiert worden, die so will mir scheinen, auf dem Weg von der Uni ĂŒber ein Praktikum ins Berufsleben sind oder sich ein Doktorat ĂŒberlegen. Aufgegriffen werden meist Themen, die den Medien entnommen sind, von den Thinkers jedoch mit weitfĂŒhrenden Reflexionen oder Informationen angereichert werden. Das ergibt denn auch den Mehrwert fĂŒr die Leserschaft. Momentan dreht sich Vieles um Volksabstimmungen, Verfassungsgebungen, Nationalismus und EinbĂŒrgerungsfragen. Das spiegelt sich auch in den meist zitierten Kategorien seit Blogstart: Es sind dies neue wissenschaftliche Literatur, Wahlen und Abstimmungen, Kulturkonflikte und internationales Recht- meist mit Schweizer Bezug. Die vertretenen Standpunkte sind meist weltoffen, gelegentlich links. Einige Outerthinkers machen als Gastautoren bei dem Projekt mit. Mehr KommentatorInnen aus der Leserschaft wĂ€ren sicherlich erwĂŒnscht.

PolSci
Noch nicht wirklich warm geworden bin ich mit dem PolSciZurich-Blog, der von etlichen fĂŒhrenden PolitikwissenschafterInnen am Center for Comparative and International Studies (CIS) an der ETH ZĂŒrich betrieben wird. Wirklich belegt sind nach der Startphase die Kategorien „Profession“ und „Research“. Anders als etwa die „Oekonomenstimme“ wollen die ZĂŒrcher Politologen mit ihren BeitrĂ€gen man nicht ihre externe Reputation steigern, sondern die fachinterne. Entsprechend wird konsequent englisch kommuniziert. Doch bleiben Reaktionen weitgehend aus. Die 12 AutorInnen haben auch noch keine gemeinsame Botschaft entwickelt. So stehen nĂŒtzliche Linkhinweise neben Forschungsnotizen ohne grösseren Zusammenhang. Den originellsten Beitrag hat bisher Fabrizio Gilardi geliefert, als er den Zusammenhang zwischen eingeschriebenen Mitgliedern in der amerikanischen Politologenvereinigung nach Staaten mit ihrem Erfolg bei der Fussballweltmeisterschaft verglich, und durchaus Systematiken fand, aus denen er Empfehlungen fĂŒr die Schweizer Fussballtrainer ableitete …

So, nun bleibt mit nur eine Frage: Was ist Ihre Neuentdeckungen unter den gegenwÀrtigen Polit(o)-Blogs?

Claude Longchamp