Joe Stiglitz‘ Stimme: Kritik des Ersatzkapitalismus‘

Im Interview mit der heutigen „Sonntagszeitung“ nimmt NobelpreistrĂ€ger Joseph E. Stiglitz kein Blatt vor den Mund. Er kritisiert Wirtschaft und Politik fĂŒr ihr Fehlverhalten in der Finanzkrise. Er wirft dem Staat vor, einen Ersatzkapitalismus zu betreiben, und geisselt das Verhalten der Banker, die wĂ€hrend der Krise ein Time-out genommen hĂ€tten.

20061016
Joe Stiglitz: Kritiker des Ersatzkapitalismus, indem sich die Wirtschaft darauf verlÀsst, vom Staat gerettet zu werden.

„Das System hat nicht funktioniert. Wir konnten einzig mit Ach und Krach verhindern, dass es nicht kollabiert“, bilanziert Joesph E. Stiglitz das Verhalten der Regierungen auf die Finanzkrise. Der dafĂŒr bezahlte Preis sei hoch, „Menschen stehen auf der Strasse, weil sie ihr Haus verloren haben, und die Löhne des Mittelstandes stagnieren, ja sie fallen sogar“, fĂ€hrt der Oekonomieprofessor fort, um zur Bilanz zu gelangen: „So haben sich die Menschen einen funktionierenden Kapitalismus weiss Gott nicht vorgestellt.“

Stiglitz hat fĂŒr die Kritik der gĂ€ngigen Markttheorien mit anderen den begehrten Nobelpreis fĂŒr Wirtschaftswissenschaften bekommen. Effizient wĂ€ren die MĂ€rkte, doziert er, wenn die Information perekt wĂ€re, das heisst alle Marktteilnehmer alles wĂŒssten. Doch das stimme in der Praxis nie; vielmehr seien die Informationen ungleich verteilt, was zu Verzerrungen und zu Blasen fĂŒhre.

FĂŒhrende Oekonomen, vor allem in der US-amerikanischen Notenbank unter Alan Greenspan und Ben Bernanke, wĂŒrden das gerne ĂŒbersehen, tĂ€uschten sich erstens jedoch, verklĂ€rten zweitens das Marktverhalten zur Religion und begrĂŒndeten drittens ein Anreizsystem, das mit riesigen Boni zu dummem Handeln anleite.

Stiglitz wendet sich vor allem gegen den Ersatzkapitalismus, weil in dem vor allem die Banker risikolos mit der Herde laufen könnten. Letztlich hĂ€tten sie immer darauf gesetzt, dass der Staat sie retten wĂŒrde. „Wir waren alle Keynsianer – fĂŒr sechs Monate“, scherzt er im Interview, und doppelt gleich noch nach: Nach dem Ausbruch der Krise hĂ€tten die Waalstreet-Banker ein Time-out genommen, seien nach Florida gegangen, um Ferien zu machen. Jetzt, wo sie dank RettungsplĂ€nen wieder Boden unter den FĂŒssen hĂ€tten, kĂ€men sie wieder an die Börse und wĂŒrden vom Staat verlangen, den GĂŒrtel enger zu schnallen, um die Staatsdefizite zu senken.

Die Antwort des kritischen Oekonomen ist anders: Der Staat mĂŒsse intelligent investieren, um Wachstum zu ermöglichen, mit dem man Schuldenabbau betreiben könne. Besser Schulen und bessere Infrastrukturen empfiehlt er hierfĂŒr; Ausgaben fĂŒr MilitĂ€r bezeichnet er dagegen als Geldvernichtung, um Feinde zu bekĂ€mpfen, die nicht existierten. Generell plĂ€diert er fĂŒr eine sinnvolle Partnerschaft zwischen Staat und Markt, wie sie etwa in Kanada praktiziert werde.

Der frĂŒhere Berater Bill Clintons rechnet damit, dass die Vereinigten Staaten in absehbabrer Zukunft die grösste Volkswirtschaft bleiben, ihr politischer Einfluss in der Welt aber abnehmen werde, nicht zuletzt weil der soziale Zusammenhant in der amerikanischen Gesellschaft schwinde, InteressengegensĂ€tze zwischen Banken und Gewerbe zunĂ€hmen. Das blockiere nun die Politik.

Ein erhellendes Interview, das die Gegenwartspolitik in ihren ZusammenhĂ€ngen und einer vertieften Diskussion Wert ist, fĂŒge ich (nach einer Ferienwoche und Abwesenheit auf dem Blog) hinzu.