Hochrechnungen von Volksabstimmungen und Wissenschaftstheorie

(zoon politicon) Gestern hat das Team von gfs.bern zum 48. Mal eine Hochrechnung zu eidgenössischen Volksabstimmungen durchgefĂŒhrt. Der Erfolg lĂ€sst sich sehen:

. Um 1330 wurde das Ergebnis zur KampfjetlÀrm-Initiative auf 8 Promille genau vorausgesagt, und
. um 1400 hielten wir das Resultat zur Unternehmenssteuerreform auf 5 Promille genau fest.

Letzteres war allerdings genau 50:50 fĂŒr das Ja und das Nein, was einem Patt entsprach. Die Auflösung, ob wir eine Zustimmung oder Ablehnung erwarten, gelang 1520, als wir mit ungerundeten Zahlen von 50,4 Prozent ausgingen, was dann 1 Promille falsch war.

Hochrechnungen wie die gestrige basieren auf einer praktischen Umsetzung des des einfachen logischen Vorgehens, das seit 1948 als Hempel-Oppenheim-Schema in der Wissenschaftstheorie bekannt ist. Es unterscheidet

. die zu erklÀrende Variable (exemplandum),
. die erklÀrende Variable (exemplans) und
. einer Tatsache (Antezendens).

Die abhÀngige Variable ist jene, die wir prognostizieren wollen, also das Ergebnis der kommenden Volksabstimmung auf nationaler (Volksmehr) und kantonaler Ebene (StÀndemehr). Die erklÀrende Variablen ist das Stimmverhalten (wiederum Volks- und StÀndemehr) bei Vergleichsabstimmungen. Und die Tatsache sind die eintreffenden Gemeindeergebnisse.

Wir verwenden jedoch nicht alle Gemeinden, weil das zu wenig schnell wĂ€re. Vielmehr setzen wir auf Gemeinden, die sich bei frĂŒheren Abstimmungen als reprĂ€sentativ fĂŒr ihren Kanton erwiesen hatten.

Massgeblich ist es deshalb, die Referenzabstimmungen zu finden, die eine sinnvolle Gemeindeauswahl im Voraus erlaubt. Das ist gar nicht so einfach; es sind die folgenden Schritte nötig:

. Welche Annahmen zum ungefÀhren Abstimmungsausgang national lassen sich machen?
. Welches rÀumliche Konfliktmuster kann angenommen werden?
. Welche Abstimmungen in jĂŒngerer Zeit erfĂŒllen beide Erwartungen einigermassen gut?

Geleistet wird das mit statistischen Vergleichen. Im Idealfall gibt es eine Referenz, meist braucht es aber einen Mix aus mehreren. Die Entscheidung wird zirka 4 Wochen vor der Abstimmung getroffen, wenn der Abstimmungskampf begonnen hat, und wenn erste Umfragen zu den Entscheidungsabsichten und dem Konfliktmuster vorliegen. Die Gemeindeauswahl erfolgt danach.

Am Abstimmungstag selber treffen dann die Gemeindeergebnisse als unsere neue Tatsachen ein. Sie werden auf den Kanton hochgerechnet, das gibt das StĂ€ndemehr, wenn es nötig ist. Die Kantonshochrechnungen werden dann auf die nationale Ebene hochgerechnet. So sind alle Informationen zusammen, die es fĂŒr die zu erklĂ€rende Variable im Hempel-Oppenheim-Schema braucht. Das ist dann das Ergebnis, das veröffentlicht wird.

Claude Longchamp