Ware Schönheit.

Wahlforschung live: Das ist beispielsweise, sich mit der Frage herumschlagen, ob Schönheit Wahlerfolge bringe. Hier meine Einleitung zur neunten ZĂŒricher Vorlesung Wahlforschung in Theorie und Praxis, die eine Antwort sucht.

Entscheidet Schönheit Wahlen? – „Ja“, sagt Georg Lutz, Projektleiter der Schweizer Wahlstudie „Selects“. GewĂ€hlt werde AttraktivitĂ€t, insbesondere des Gesichts eines Menschen, wie es sich auf Plakaten und Prospekten prĂ€sentiere.

10vor10 vom 10.11.2009

Das Ergebnis ist fĂŒr Wahlen in der Mediengesellschaft typisch. Die wichtigste These, die wir hierzu kennen gelernt haben, lautet: Die Logik des Politischen wird durch die Logik des Medialen ĂŒberlagert.

Das hier angeschnittene Thema wird spĂ€testens seit dem Wahlsieg von John F. Kennedy im Jahre 1960 erörtert. 112’000 gaben damals den Ausschlag. 2 Millionen sollen sich durch die TV-Duelle umentschieden habe. Seither schiessen Spekulationen aller Art ĂŒber MedieneinflĂŒsse auf Wahlen ins Kraut.

Die AttraktivitÀtsforschung zeigt regelmÀssig ZusammenhÀnge zu Wahlentscheidungen auf, ohne jedoch konstante Befunde auszuweisen. Zwei Themen sind erwÀhnenswert: Einmal die Aussage, welches Geschlecht von der AttraktivitÀt profitiere; in den 70er Jahren waren es MÀnner, die dank Aussehen kompetenter wirkten, wÀhrend seit den 90er Jahren eher gutaussehende Frauen bevorteilt ersheinen. Sodann die Aussage zum Alter: Die Reife im Gesicht ist ebenso ein Thema der Forschung, wÀhrend heute, glauben wir der Schweizer Studie, Jugendlichkeit mehr zÀhlt.

Das Ganze erinnert zwischenzeitlich ein wenig an Beauty-Contests. FĂŒr Politik bei Wahlen scheint sich die Forschung nicht mehr zu interessieren. Mehr zĂ€hlt, wie die Vermittlung verlĂ€uft. Dabei sind Pferderennen, die Spannung erzeugt, nicht mehr zeitgemĂ€ss. Es macht den Anschein, dass Miss- und Misterwahlen stilbildend wirken. Wichtiger, so die Message bis in die Forschung, ist der Körper die Botschafter. Einen Vorgeschmack hierzu hatten wir ja 2007 schon mit der UnterwĂ€schewerbung der Migros, fĂŒr die Nationalratskandidaten posierten. Und neuer Tiefpunkt in dieser Entwicklung ist der geplante Auftritt zweier FDP-Frauen bei den Grossratswahlen unter dem Slogan: „4 BrĂŒste fĂŒr ein Halleluja“.

Doch was hat das mit Wahlprognosen zu tun? – Interessanterweise wollte auch ich die heutige Veranstaltung mit einer thematisch Ă€hnlich gelagerten Studie beginnen, um ihnen das Potenzial von Persönlichkeitsmerkmalen bei der Prognose von Wahlergebnissen zu zeigen. Allerdings kommen die Prognose-Cracks, die ich zitieren will, zu ziemlich anderen SchlĂŒssen als Experimentierer Lutz.

Seit 2004 lĂ€uft via Internet ein Forschungsprojekt zu neuartigen Prognoseverfahren, die bei der Wahl zwischen Obama und McCain unter dem Namen „PollyVote“ fĂŒr Furore sorgten. Die bisher letzte Weiterentwicklung davon heisst „PollyBio„, womit gezeigt wird, welche der biografischen Eigenschaften von KandidatInnen deren Wahlchance absolut und im Vergleich zum Herausforderer bestimmen.

Die AttraktivitĂ€t des Gesichts kommt auch bei PollyBio vor – allerdings nur als einMerkmal von 49 denkbaren Möglichkeiten der WahlerklĂ€rung. Und jetzt kommt der entscheidende Satz: Nach Scott Armstrong, dem Projektleiter, macht jegliche Konzentration auf einen der 49 Faktoren prognostisch keinen Sinn; vielmehr schlĂ€gt er vor: Man nehme jede halbwegs begrĂŒndete ErklĂ€rung als Teilprognose und gewichte jede Teilprognose genau gleich. Je mehr Teilprognose man habe, desto sicherer werde die Gesamtprognose. In der Tat: In den PrĂ€sidentschaftswahlen seit 1900 ergibt dieses Verfahren in 25 von 28 US-PrĂ€sidentschaftswahlen die richtige Nachhersage. Die Trefferquote ist damit nahezu 90 Prozent. Und auf die Zukunft angewendet: 11 BegrĂŒndungen sprechen fĂŒr Palin, 20 fĂŒr Obama. Das ist fĂŒr Prognostiker Armstrong ein klarer Vorsprung fĂŒr den jetzigen PrĂ€sidenten.

Gute Wahlprognosen bei ausgesprochenen Personenwahlen berĂŒcksichtigen demnach

erstens, ein BĂŒndel politischer Karrieremerkmale,
zweitens, ein BĂŒndel Eigenschaften zur schulischen und militĂ€rischen Karriere
drittens, ein BĂŒndel Merkmale der familiĂ€ren VerhĂ€ltnisse,
viertens, ein BĂŒndel biografische Angaben und
fĂŒnftens, ein BĂŒndel diverses Eigenschaften.

Zu diesen zĂ€hlt Ă€usserliche AttraktivitĂ€t als ein Punkt unter „ferner wirken“. Zu vergleichbaren SchlĂŒssen kam 2007 eine Schweizer Studie aus der Sicht von WahlkĂ€mpfen von Mark Balsiger. GemĂ€ss ihm hĂ€nget der Wahlerfolg von Ankerfaktoren eines/einer BewerberIn in der Partei ab, wĂ€hrend die Verpackung erst an vierter Stelle rangiert.

Karl Popper sagt: Was wir erklĂ€ren können, können wir auch prognostizieren. Und was wir prognostizieren, haben wir nachweislich erklĂ€rt. Das entwickeltste Prognoseverfahren fĂŒr Personenwahlen rĂ€t beim hier behandelten Thema indessen zu Vorsicht. Denn wahre Schönheit hat mit Einzigartigkeit zu tun, die wir aus der Liebe kennen. Ware Schönheit hingegen ist eines der gĂ€ngigen Themen von Wahlen in der Mediengesellschaft.

So, und nun zum eigentlichen Vorlesungsstoff!

Claude Longchamp