Analytischer Journalismus fĂŒr PolitikwissenschafterInnen

Datenjournalismus ist im Schwang und fasziniert selbst gestandene WissenschafterInnen. Doch reicht das? Meine Argumente fĂŒr eine weiterreichende Herausforderung der Wissenschaftskommunikation an Nicht-Fachöffentlichkeiten.

Gestern begann meine Lehrveranstaltung „Mediale Relevanz sozialwissenschaftlicher Forschung (fördern)“. Ziel des Master-Seminars am Institut fĂŒr Politikwissenschaft der UniversitĂ€t ZĂŒrich ist es, die Studierenden mit Wissenschaftskommunikation vertraut zu machen, das sich an ein Nicht-Fachpublikum wendet. Gemeint ist damit zu Bloggen, Videos zu erstellen, zu twittern oder einen populĂ€rwissenschaftlichen Artikel zu verfassen.

Vorgestellt habe ich in diesem Zusammenhang das Konzept des „Analytischen Journalismus“. Anders als der zwischenzeitlich populĂ€re Datenjournalismus setzt er nicht einfach auf die Vermittlung wissenschaftlich gesicherter Fakten, sondern stellt deren wissenschaftliche Analyse in den Vordergrund.

Die englische Wikipedia definiert das so: „Analytic journalism seeks to make sense of a complex reality in order to create public understanding. (
) It can be seen as a response to professionalized communication from powerful agents, information overload and growing complexity in a globalised world. It aims at creating evidence-based interpretations of reality, often confronting the dominant ways of understanding a specific phenomenon.“

Unbenannt

Die Diskussion einiger journalistischer Text ĂŒber PolitikwissenschaftInnen zeigte uns, dass die bei weitem nicht alles, aber einiges, was unsere Studien- und BerufskollegInnen tun, dazu passt. Entwickelt haben wir daraus drei RollenverstĂ€ndnisse von PolitikwissenschafterInnen in den Medien, die zum analytischen Journalismus passen:

. die Orientierung am News-Geschehen, ohne dieses zu verdoppeln, sondern es zu reflektieren als Genre der Kommunikation,
. die Recherche von Fakten und die Ausarbeitung ihrer Interpretation als Kommunikationsansatz und
. die Objektivierung und Kritik des Geschehens als Kommunikationsstrategie.

Dies gesagt, kann man auch festhalten, was gemÀss analytischem Journalismus nicht zur Rolle der Politikwissenschaft zÀhlt: Weltanschauungen entwickeln, einseitige Partei zu nehmen und poliktische Kommentare zu schreiben.

Nicht alle Teilnehmenden am Seminar akzeptierten diese Definition gleichermassen. Namentlich Studierende mit journalistischen Erfahrungen fanden, es sei von Vorteil, wenn WissenschafterInnen in der öffentlichen Partei ergreifen wĂŒrden, weil sie damit fassbarer wĂŒrden. Kolumnen zu schreiben habe beispielsweise den Vorteil, provokativ sein und damit aufrĂŒtteln zu können.

Damit kamen intellektuelle Aufgaben der Wissenschaft in der Oeffentlichkeit zur Sprache. Der Klagen sind ja genug, KĂŒnstlerInnen wie WissenschafterInnen hĂ€tten sich davon weitgehend verabschiedet. Die weitgehende Abwesenheit von Denkfabriken in der Schweiz verstĂ€rkt dieses Manko, wĂ€hrend die UniversitĂ€ten selber kaum ausserhalb von Fachkreise kommunizieren.

Dennoch hielt ich, ganz im Sinne des analytischen Journalismus, die Bedenken zu solchen Kommunikationsweisen hoch. Faktenorientierung bleibt das A und O des Mehrwertes, den die Wissenschaft der Oeffentlichkeit bieten kann. Uebersichten zu wissenschaftlichen Diskursen hierzu, gehören ebenfalls in den ZustÀndigkeitsbereich. Das impliziert die Analyse von Ursachen und die AbschÀtzung von Folgen. Es umfasst ErklÀrungen und Vorausschauen, soweit diese möglich sind.

Wenn Wissenschafter so Einfluss nehmen auf die Meinungsbildung, geschieht dies nicht, um ein bestimmtes Ergebnis zu befördern, sondern um Meinungsbildung zu erlauben oder zu verbessern – beispielsweise durch Verringerung vorhandener Unsicherheiten mittels Objektivierungen. Die Kritik vorherrschender Denkmuster, aber auch ihrer Widersacher gehört zwangslĂ€ufig hierzu.

Selber halte ich es mit Max Weber in seinen berĂŒhmten AusfĂŒhrungen zum Werturteilsstreit in der deutschen Soziologie vor gut 100 Jahren. Darin postulierte er, dass es die Aufgabe der Wissenschaften sei, sich beispielsweise mit Wertfragen zu beschĂ€ftigen. Es sei aber nicht an ihnen, Antworten zu geben, welche die richtigen und falschen Werte seien. Mit anderen Worten: Zu berichten, wie Wertmuster in unserer Gesellschaft verteilt sind, aufzuzeigen, welches die Ursachen Folgen des Wertwandels sind, ist Aufgabe der Wissenschaft in der Oeffentlichkeit. Welches die richtigen Werte sind, kann nur die Politik beantworten; beispielsweise mit ihren Entscheidungen im Parlament oder via Volksabstimmungen.

Claude Longchamp