Der Stammbaum der Schweizer Parteien

Adrian Vatter, Professor fĂŒr Schweizer Politik an der Uni Bern, hat in der heutigen NZZ eine neuartige Form des Parteienstamms publiziert, die zum neuen Standard werden dĂŒrfte.


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Zum ersten Mal habe ich den Stammbaum der Schweizer Parteien in meinem Staatskundelehrbuch fĂŒr die Kantonsschule, verfasst vom Parteienforscher Erich Gruner, gesehen. Das war Mitte der 70er Jahre. Seither ist auf diesem Gebiet das einiges erschienen; nichts davon hat mich wirklich ĂŒberzeugt. Bis heute alles anders wurde.

Die Vorteile der Neubearbeitung durch Politologe Adrian Vatter sind evident: Sie baut auf den grossen Weltanschauungen des 19. Jahrhunderts auf, dem Liberalismus, dem Konservatismus und dem Sozialismus. Sie zeigt auf, wie sich aus Vereinen, Bewegungen, Fraktionen und internationalen Assoziationen zuerst die Sozialdemokratische Partei, dann die Freisinnig-demokratische Partei, die Demokratisch Partei, die Katholische Volkspartei und die Liberale Partei bildeten. Verschiedlich kam es dabei zu Umbenennung, teilweise nur als Markevariante, teilweise als Folge von Fusionen, wie bei der CVP und der SVP. Klar wird aber auch, wie die verschiebenen kleinere aus grösseren Parteien entstanden (so die Ă€ussere Linke und die grĂŒnen Parteien aus der SP, so die Bauern-, Gewerbe- und BĂŒrgerpartei aus der liberalen Strömung, ohne mit Sicherheit dasselbst zu bleiben, und die Ă€ussere Rechte, meist unabhĂ€ngig oder in Konkurrenz zur BGB/SVP).

Die Grafik ist dem neuen Lehrbuch zum politischen System der Schweiz entnommen, dass von Adrian Vatter auf den Herbst 2013 angekĂŒndigt wurde. Schon mit der heutigen Publikation in der NZZ dĂŒrfte sie schnell zum Massstab fĂŒr alle werden, die sich mit der geschichtlichen Entwicklung der Parteien in der Schweiz beschĂ€ftigen. Das Historische Lexikon der Schweiz hat in den vergangene Jahren hierzu reichlich Material produziert, ohne dass es bisher in eine neue Uebersicht gebracht worden wĂ€re.

Genau das leistet die neue Uebersicht, die empfehlenswert ist – mit einer kleinen Ausnahme: Das Kriterium der BrĂŒcksichtigung von Parteien ist nicht ganz klar. So ist die EDU drauf, die nicht mehr im eidg. Parlament vertreten ist, dafĂŒr fehlt das Mouvement Citoyen Genevois (das neuerdings einen Nationalrat hat), man könnte meines, es fehle, weil es keine nationale Partei sei, doch dann mĂŒsste auch die Lega dei Ticinesi (mit Nationalrat) weggelassen werden, wĂ€hrend nicht nur diee PdA (als nationale Partei ohne Parlamentssitz) drauf sein sollte, sondern auch die 2009 gegrĂŒndete Piratenpartei (22 Sektionen, wenn auch kein Parlamentssitz).

Im Unterschied zu meinen neuen Ueberlegungen, die ich diese Woche in Vortragsform prĂ€sentiert habe, betont Vatter mehr die Genealogie der Parteien, und damit die KontinuitĂ€t in der Entwicklung, wĂ€hrend es mir mehr darum geht, dass sich Parteien zyklisch erneuern mĂŒssen, um auf VerĂ€nderungen im Institutionellen oder im Gesellschaftlichen zu reagieren, und sich dabei auch neu erfinden können.

So oder so, es wĂ€re zu wĂŒnschen, dass auf der erneurten Basis die Geschichte der Parteien in der Schweiz neu geschrieben wĂŒrde, mit den grossen Herausforderungen der verschiedenen Epochen, den institutionellen Rahmenbedingungen, aber auch dem soziopolitischen Wandel. Das wĂ€re eine höchst willkommene Erneuerung der Arbeiten, die Erich Gruner als Historiker und frĂŒher Parteienforscher in den 60er Jahren an der Berner Uni geleistet hatte. Die Historiker haben mit dem erwĂ€hnten Lexikon ihren Beitrag geliefert, jetzt wĂ€re die Politikwissenschaft gefragt!

Claude Longchamp