Eine Hochrechnung ist nicht nur eine Hochrechnung.

An Wahl- und Abtimmungssonntagen gehören Hochrechnungen zum Standard. Warum gfs.bern sie fĂŒr die SRG erstellt, und was man heute erwarten kann.

Das Forschungsinstitut gfs.bern erstellt seit dem 6. Dezember 1992 die SRG-Hochrechnungen bei eidgenössischen Volksabstimmungen. Eine Team SozialwissenschafterInnen sicher den Datenfluss und erstellt die Analyse. Ich selber ĂŒbernehme die Kommentierung fĂŒr Fernsehen und Radio.

Der Grundgedanke ist einfach: Statt auf das nationalen Endergebnis zu warten, bedient man sich eines Endergebnisses in einem Kanton oder in einer Gemeinde. Voraussetzung ist, die Gemeinde oder der Kanton sind fĂŒr die Schweiz reprĂ€sentativ, sie zĂ€hlen schnell aus, und sie liefern die Resultate zuverlĂ€ssig in die Zentrale der Forschenden.

Die Idee, das mit einer Gemeinde fĂŒr die Schweiz zu machen, ist bestechend, aber auch mit TĂŒcken versehen. Solche Gemeinden zu finden, ist nicht schwierig. Ist sie gross, ist sie aber zu langsam, ist sie zu klein, besteht das Risiko von Abweichungen ohne Systematik.

Die SRG-Hochrechnung umgeht diese Problematik, indem sie mit Gemeinden kooperiert, die fĂŒr ihren Kanton typisch sind. Das hat einen weiteren Vorteil, denn nur so kann das StĂ€ndemehr, das VerfassungsĂ€nderungen von Belang ist, erfasst werden. Eine weitere Eigenheit des SRG-Hochrechnung besteht darin, nicht immer mit den gleichen Gemeinden zusammen zu arbeiten. Vielmehr werden sie je Vorlageninhalt verschieden ausgewĂ€hlt.

An diesem Abstimmungssonntag arbeitet gfs.bern mit 276 Gemeinden zusammen. Die Idee ist, dass jeder Kanton je Vorlage durch mindestens 2 Gemeinderesultate abgedeckt wird.

Das Verfahren ist auf Sicherheit angelegt, nicht auf Schnelligkeit. Denn ob man das Resultat einer Abstimmung einen halbe Stunden frĂŒher oder spĂ€ter weiss ist nicht entscheidend; massgeblich ist, dass die Hochrechnung stimmt.

Die Resultate können sich sehen lassen. Im Schnitt ist die erste Hochrechnung auf 1 Prozent genau. Weit ĂŒber 90 Prozent liegen in einem Fehlerbereich von maximal 2 Prozentpunkten.

Mit anderen Worten: Hochrechnungsergebnisse von rund 47-53 Prozent bei Volksmehr lassen sofort einen verlĂ€sslichen RĂŒckschluss auf die Mehrheit zu; beim StĂ€ndemehr liegt der Fehler bei maximal einem Kanton. Das gilt bei der ersten Hochrechnung; danach werden die Hochrechnungen Schritt fĂŒr Schritt genauer.

Die SRG-Hochrechnungen haben sich in den letzten Jahren verĂ€ndert. Entwickelt wurde von gfs.bern auch eine Erstanalyse. Sie basiert auf der Auswertung vorlĂ€ufiger und definitiver Kantonsergebnisse. GeklĂ€rt wird, in welchem Masse zentrale Konfliktlinien wie Sprachgrenzen oder der Stadt/Land-Graben von Belang sind. GeschĂ€tzt werden auch EinflĂŒsse aus der Wirtschaftsstruktur eines Kantons und der sozialen Zusammensetzung der BewohnerInnen. Schliesslich kommen politische Analysen dazu: Der Einfluss der Verschuldung oder des Steuerregimes kommen hinzu.

Zu diesem allgemeinen Charakteristiken gesellen sich vorlagenspezifische Analysen. Am 30. November sind das der AuslĂ€nderanteil oder die Bevölkerungsdichte fĂŒr Ecopop, sowie die kantonalen Politiken zur Pauschalbesteuerung fĂŒr die entsprechende Vorlage.

Der Start der Hochrechnung ist um 10 Uhr, wenn die ersten Abstimmungslokale schliessen. FĂŒr 1230 werden Trendergebnisse erwartet, die klĂ€ren, ob eine Vorlagen abgelehnt oder angenommen wird. Ab 1300 kommt dann die eigentliche Hochrechnung dazu, welche Angaben zur Höhe von Ja und Nein und, wenn nötig zum StĂ€ndemehr macht.

GegenwĂ€rtig in Entwicklung begriffen ist die jĂŒngste Neuerung fĂŒr den Abstimmungssonntag: Die Analyse von Social Media AktivitĂ€ten im Abstimmungskampf und am Abstimmungstag selber.

Claude Longchamp

Ecopop auf keinem online-Kanal in der Mehrheit

Anders als bei frĂŒheren Migrationsinitiativen gelang es Ecopop nicht, mit ihrer Kampagne in Online-KanĂ€le eine frĂŒher Vorherrschaft zu erreichen und damit die allgemeine Berichterstattung zur ihrer Vorlage wirksam zu beeinflussen.

Seit 2010 legt das fög bei allen wichtigen Volksabstimmungen einen ausfĂŒhrliche Medienanalyse zur Berichterstattung im Abstimmungskampf vor. BerĂŒcksichtig werden dabei die Printmedien. KomplementĂ€r hierzu ist die Uebersicht, welche die Firma talkwalker erstellt. Dabei handelt es sich um eine Bestandesaufnahme von online AktivitĂ€ten. Erfasst werden hier alle elektronischen BeitrĂ€ge, die wie bei den fög-Analysen hinsichtlich Resonanz und TonalitĂ€t ausgewertet werden.

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Erstmals publiziert wurden AuszĂŒge aus diesen Ergebnissen heute morgen von der SRG. Sie zeigen zwei klare Befunde, die einen wichtigen Schluss zulassen:

Erstens: Die Resonanz der drei Vorlagen im zurĂŒckliegenden Abstimmungskampf war unterschiedlich; 65 Prozent aller erfassten BeitrĂ€ge beziehen sich auf die Ecopop-Initiative, 20 Prozent auf das Gold-Begehren und 15 Prozent auf die Pauschalbesteuerungsinitiative. Im Vergleich zu den Printmedien die Reihenfolge auf den PlĂ€tzen 2 und 3 vertauscht. Mit anderen Worten: Namentlich die Initiative gegen die Pauschalbesteuerung war auf Internet viel weniger als Thema als in den Printmedien. Umgekehrt konzentrierte sich die online-Aufmerksamkeit noch stĂ€rker auf Ecopop.
Zweitens: Die TonalitĂ€t zur Ecopop-Initiative war sowohl im Print wie auch in Online-Bereich negativ. Denn die Online-Analyse zeigt, dass sĂ€mtliche unterscheidbaren KanĂ€le negativ berichteten. Das gilt am klarsten fĂŒr elektronische Newspaper und online-news Plattformen, gefolgt von Blogs, Magazinen, Foren, Radio/TV und youtube. Am Schluss dieser Liste sind facebook und twitter. Facebook kannte vergleichsweise am meisten befĂŒrwortende Standpunkte, Twitter hatte am meisten neutrale Informationen. Doch auch hier ĂŒberwiegt die Ablehnung.

In den bisherigen Analysen zu Social Media in AbstimmungskĂ€mpfen dominierte die EinschĂ€tzung der Gegenöffentlichkeit. Wer in den Printmedien zu kurz kommt und es sich nicht leisten kann, das mit bezahlter Werbung zu kompensieren, weicht auf Online-Publikationen aus. Ohne Zweifel bilden die Kommentarspalten der elektronischen News-Plattformen eine Gegenöffentlichkeit, in der sich die Ecopop-BefĂŒrworter direkt darstellen konnten. Allerdings gelang es ihnen diesmal nicht, auch auf facebook eine Vorherrschaft aufzubauen, ebenso wenig auf Twitter. Man kann vermuten, dass die Ecopop-Gegnerschaft gerade hier ihre PrĂ€senz erhöht hat. Damit dĂŒrften sie aus der Niederlage bei der Masseneinwanderungsinitiative gelernt haben, denn diese zeichnete sich als Erstes auf facebook ab.

Damit fand, mindestens in Sachen Ecopop, eine Angleichung der Trends in der vielfach fragmentierten Medienlandschaft statt. Selbst wenn diese zunehmend einen hybriden Charakter hat; ohne handfesten Anlass sind die Tendenzen in den verschiedenen Teilöffentlichkeiten sind nicht einfach gegensÀtzlich.

Claude Longchamp

Mein Einsatzplan fĂŒr den kommenden Abstimmungssonntag

Was am kommenden Abstimmungssonntag via SRF kommuniziert wird!

Wie immer an Abstimmungssonntagen bin ich mit meinem Team vom gfs.bern am Abstimmungssonntag im Volleinsatz. Wir rechnen alle drei eidg. Vorlagen hoch, analysieren die eintreffenden Ergebnisse aus Kantonen und Gemeinde, extrapolieren sie auf die nationale Ebene und schĂ€tzen frĂŒhzeitig ab, was wie stark angenommen resp. abgelehnt wird. Zudem unterziehen wir die Resultate einer Erstanalyse zum Konfliktmuster und bringen die Ergebnisse mit der Meinungsbildung in der Bevölkerung, den Massenmedien und den neuen soziale Medien in Verbindung.

Anbei der Fahrplan fĂŒr den kommenden Sonntag (vorbehĂ€ltlich kurzfristiger Aenderungen).

Trendrechnungen Volksabstimmungen
12:30 Trend zu allen drei Vorlagen, falls möglich, via TV
12:37 Trend zu allen drei Vorlagen, falls möglich, via Radio

Hochrechnungen Volkabstimmungen
13:00 1. Hochrechnungen zu allen drei Vorlagen, wenn möglich, via TV
13:05 1. Hochrechnungen zu allen drei Vorlagen, wenn möglich, via Radio
13:16 Kleine Analyse Hochrechnungen, via TV
13:30 1. Hochrechnung zu Vorlagen, die noch nicht hochgerechnet wurden, sonst 2. Hochrechnung, via TV
13:35 Kleine Analyse neue Hochrechnungen, via TV
13:45 Kleine Analyse Hochrechnung, via Radio
13:55 Analyse social media
14:00 Analyse Hochrechnungen, via TV
15:00 Hochrechnung Stimmbeteiligung, Analyse Kampagne Ecopop
15:20 Analyse internationale Reaktionen

Erstanalysen
16:00 Erstanalyse Pauschalbesteuerung, via TV
16:20 Erstanalyse Goldinitiative, via TV
16:37 Erstanalyse Ecopop, via TV

Bilanz und Ausblick

18:39 Schlussanalyse Abstimmungs-Sonntag, via TV

ErlÀuterungen
Trendrechnung: qualitative Aussagen ĂŒber erwartete Annahme/Ablehnung, wenn Trendergebnis klarer als 45/55 resp. 55/45
Hochrechnung: quantitative Aussagen ĂŒber erwartete Werte der Zustimmung/Ablehnung beim Volks- und StĂ€ndemehr (wenn nötig), max. Fehlermarge +/-3 Prozentpunkte, dann jede halbe Stunde mit verbesserter Fehlermarge (nur wenn sich Mehrheiten Ă€ndern)
Erstanalyse: Analyse des Kantonsprofil von Zustimmung und Ablehnung aufgrund von weiteren Kontextmerkmalen

Claude Longchamp

Die andere direkte Demokratie

Der Politblog auf Newsnetz wird 5jĂ€hrig. Hier mein Blog zum kleinen JubilĂ€um – grundsĂ€tzlich gehalten.

Wer hierzulande von Demokratie spricht, meint vor allem die direkte. Und wer von der direkten Demokratie redet, denkt unweigerlich an Volksrechte: Referendum und Initiative sind die Instrumente, mit denen wir die Politik der Behörden bremsen und anschieben.

Direkte Kommunikation statt vermittelte

Mit dem Aufkommen des Cyberspace hat direkte Demokratie weltweit eine neue Bedeutung erlangt. Gemeint ist das, was die Kommunikationswissenschaft etwas ungelenk «Disintermediation» nennt: den Abbau von Vermittlern durch die Internetkommunikation. Denn mit dem Cyberspace brauchen Sender keine hochtrabenden technischen KanÀle mehr, um ihre Botschaften zu kommunizieren. Sie können es, mit einfachen Instrumenten der Kommunikation, hÀufig selber tun.

Blogs sind ein Kind der 90er-Jahre des 20. Jahrhunderts. In der Schweiz durchgesetzt haben sie sich wÀhrend der 00er-Jahre des 21. Jahrhunderts. Ihre Zahl, auch ihre Nutzerinnen und Nutzer sind nicht bekannt. Man spricht von 10 Prozent der Internetnutzer, die mit Blogs senden und empfangen.

Nicht alle, die bloggen, sind damit glĂŒcklich geworden. Einzelne sind wegen unverzeihlicher Fehler gescheitert – weit ĂŒber die BlogosphĂ€re hinaus. Andere können sich rĂŒhmen, Debatten ĂŒber den Fallschirm des bestverdienenden Managers in unserem Land angeschoben zu haben.

Bezogen auf die Politik relativiert das die Bedeutung der ReprĂ€sentation, wie sie Parlamente, Parteien und VerbĂ€nde garantieren. Cyber-Kommunikation verstĂ€rkt Demokratie nicht per se, denn die direkte Kommunikation ohne Regeln erhöht die UnĂŒbersichtlichkeit und verringert die Sicherheit von Verfahren der Entscheidung.

Blogs und Politik
An diese Seite solcher Risiken sind aber unerwartete Chancen getreten. BundesrĂ€te wurden zu Bloggern. Fachleute erörtern mit ihren Kolleginnen und Kollegen relevante Fragen vor Publikum. Thinktanks propagieren ihre umfangreichen Berichte mit knappen BeitrĂ€gen, die zum Weiterlesen reizen. Lobbyisten schaffen Vertrauen, indem sie Transparenz ĂŒber ihr Treiben herstellen. Das alles ist neu, und ohne Cyberkommunikation wĂ€re es praktisch undenkbar.

die Bandbreite der Stimmen, die dank Blogs öffentlich werden, ist heute pluralistischer denn je. Geöffnet wurde auch das Spektrum der Meinungen. Aus Organisationen werden Leader, Sprecher, die etwas zu sagen haben und es mediengerecht kommunizieren können.

Bei weitem nicht alles Neue ist den Bloggern zu verdanken. An ihre Seite sind Facebook und Twitter getreten, beides Instrumente, die recht einfach zu bedienen und mit beschrĂ€nktem Aufwand zu betreiben sind. Blogs haben aber den Vorteil, dass man ausfĂŒhrlicher argumentieren kann, denn man ist beispielsweise nicht auf 140 Zeichen beschrĂ€nkt. Und gerade in der Politik sind Blogs weniger auf das Bildhafte und Emotionale fixiert, wie das bei Facebook hĂ€ufig der Fall ist.

Man kann es auch so sagen: Blogs sind jener Ort der standortbezogenen Kommunikation mit Argumenten und Fakten geworden, der von den agilen sozialen Medien konkurrenziert, aber auch befruchtet wird.

Blogs und Massenmedien
Das Ganze zusammen hat das Mediensystem verÀndert. Hybrider, sprich gemischter, ist es geworden, sagen uns die Experten der politischen Kommunikation.

Bezogen auf Massenmedien haben Blogs gleich mehrere Funktionen. ZunĂ€chst sind sie Mikro-Vermittler zwischen politischen Akteuren und Massenmedien. Sie bereiten neue Geschichten vor, sie speisen vernachlĂ€ssigte Sichtweisen ein und sie liefern auch mal Fakten, die unterzugehen drohen. Medien wiederum konsultieren Blogs, wenn sie eine Story brauchen, aber auch, wenn sie seriöse Recherche betreiben. Wer etwas zu sagen und schreiben hat, wird so gefragt (oder ungefragt) zur Referenz bei Medienschaffenden – auch ohne dass man jede Woche miteinander telefonieren muss.

Umstritten geblieben sind Blogs als Instrumente der Medien selber. AnfĂ€nglich standen die Blogger dem kritisch gegenĂŒber; man fĂŒrchtete um AuthentizitĂ€t. Heute machen die meisten mit, wenn sie Angebote erhalten, via Plattformen der MedienhĂ€user ein grösseres Publikum ansprechen zu können. Geblieben ist die Skepsis, wenn Journalistinnen und Journalisten ihre Blogs nicht Dritten öffnen, sondern dazu gebrauchen, um ihre Artikel, die sich nicht platzieren konnten, auf diesem Weg zu publizieren.

Der Angelpunkt der Diskussion heute sind die Kommentarspalten zu den Blogs. Ohne Regeln, ohne Moderation können sie zum Tummelfeld der Kritik werden, die polemisch und verletzend agitieren kann. Das schreckt ab, denn mit gelebter Debatte hat das nichts zu tun.

Digitale Populismus als Schwachstelle
Die kritischste Form der Blogs in Onlinemedien ist der digitale Populismus. Gemeint ist, dass als Reaktion auf BlogbeitrĂ€ge hĂ€ufig in anonymisierter Form hemmungslose Kritik an Politikern oder Politikerinnen und politischen Institutionen geĂŒbt werden kann. Denn so entziehen sich die Autoren ihrerseits der Kritik, der PrĂŒfung von Fakten, der PrĂ€sentation von Argumenten, die sie widerlegen, aber auch der Verantwortung fĂŒr das von ihnen Geschriebene.

Die so veranstaltete direkte Demokratie hat kaum mehr etwas damit zu tun, was wir uns alle wĂŒnschen: durch Debatten, Argumente und durch Fakten zu qualifizierten Standpunkten zu kommen – wo es zwar kein gesichertes Wissen gibt, aber EinschĂ€tzungen ĂŒber den Moment hinaus fehlerhaftes Handeln verhindern sollen. Mit oder ohne etablierte Volksrechte, aber dank offener Diskussionen auch via Blogs.

Claude Longchamp

Handbuch der Abstimmungsforschung: Auf 480 Seiten (fast) alles Wissenswerte greifbar gemacht

Wer sich bisher einen Überblick ĂŒber den Forschungsstand zur direkten Demokratie und Volksabstimmungen in der Schweiz verschaffen wollte, griff zum bewĂ€hrten “Handbuch der Schweizer Politik” und konsultierte die beiden diesbezĂŒglichen Stichworte. Auf zweimal 25 Seiten wurde man in die Institutionen der direkten Demokratie eingefĂŒhrt. Aufgezeigt wird deren Wirkung auf System und Politik und Fragen wie das Mass an UnterstĂŒtzungsleistung fĂŒr Behörden, deren Rolle im Wahlkampf, der Wirkung auf die Mobilisierung bei Entscheidungen werden geklĂ€rt.

9783038239093

Seit einigen Tagen gibt es hierzu eine Alternative: das “Handbuch der Abstimmungsforschung” von Thoma Milic, Bianca Rousselot und Adrian Vatter. Die drei (teils ehemaligen) Berner PolitikwissenschafterInnen legten jĂŒngst ein neues Werk mit dem Anspruch vor, den neuen Standard zu definieren. Das Neue besteht eindeutig darin, auch ĂŒber Theorien und Methoden der Abstimmungsforschung zu berichten, genauso wie einige ihrer zentrale Anwendungsfelder vorzustellen.

Interessierte erhalten auf diesem Weg erstmals eine Übersicht ĂŒber sozialstrukturelle AnsĂ€tze der Abstimmungsforschung (meist aus der Soziologie) sowie Herangehensweisen, die sich in der Ökonomie respektive der Sozial- oder Kognitionspsychologie empfohlen haben. Auf der einen Seite werden die konzeptionellen Überlegungen, die meist in den USA entwickelt worden sind, vorgestellt – auf der anderen Seite werden exemplarische Tests im Schweizer Kontext besprochen. Das ist, fĂŒr Schweizer VerhĂ€ltnisse, innovativ und ein eindeutiger Mehrwert gegenĂŒber dem bisherigen Stand der Dinge. Weil die Abstimmungsforschung vielleicht das einmaligste zur Schweizer Politik ist, gebĂŒhrt den AutorInnen nur schon dafĂŒr ein grosser Dank.

Klassisch aufgebaut ist dagegen der Teil zu den Daten und Methoden, denn er unterscheidet zwischen meist amtlichen Aggregatsdaten und Individualdaten, die mittels Umfragen generiert wurden. Bei beiden Herangehensweisen mischten sich nach dem Urteil der BuchverfasserInnen Lob und Tadel, denn FehlschlĂŒsse seien bei Aggregatdatenanalysen nicht auszuschliessen und der Motivforschung mittels Umfragen hafte der Vorbehalt an, Rationalisierungen emotionaler und ambivalenter Entscheidungen zu liefern.

Erinnert wird im Handbuch daran, dass die sozialwissenschaftliche Abstimmungsforschung in der Schweiz erst seit den 70er Jahren systematisch betrieben werde. Vorher galt “vox populi, vox dei” bis weit in Kreise aus Politik und Wissenschaft hinein. Das hat sich mit dem Demokratiewandel der Gegenwart, aber auch mit dem Aufkommen der Politikwissenschaft in der Schweiz grĂŒndlich geĂ€ndert.

Zu den offensichtlichen StĂ€rken des neuen Handbuches gehört, dass erstmals eine Geschichte der (akademischen) Abstimmungsforschung mit den wichtigsten Meilensteinen geboten wird. Ausgesprochen wertvoll ist die Bilanz am Ende des Buches, die Ergebnisse und Erkenntnisse resĂŒmiert und einordnet. Berichtet wird dabei von positiven Effekten der Volksrechte auf die BĂŒrgerschaft (Informiertheit, Kompetenz und Vertrauen), Gesellschaft (Sozialkapital, Demokratiezufriedenheit, StabilitĂ€t, Integration) und Ökonomie (Wirtschaftskraft, Effizienz öffentlicher GĂŒter). Eine Schwachstelle der direkten Demokratie orten die AutorInnen in der paradoxen Wirkung. Denn anders als erwartet, fĂŒhre sie nicht zur unorganisierten BĂŒrgerschaft jenseits des Parteienstaates, sondern stĂ€rke (namentlich in der Schweiz) vor finanzkrĂ€ftige Interessengruppen, die Kampagnen professionell betreiben. Keine eindeutigen Antworten liefere die empirische Abstimmungsforschung hingegen bei Fragen zum Status-Quo-Bias, aber auch zur Staatsquote, zur Zentralisierung und zur aussenpolitischen Integration. Denn diese Analysen seien ohne normative RĂŒckgriffe mit EinflĂŒssen auf die Antworten nicht machbar.

480 Seiten hat das Handbuch, vom NZZ Verlag unprĂ€tentiös und sauber aufgemacht. Gut 50 Seiten mit rund 750 Titeln umfasst alleine das Literaturverzeichnis. 35 Abbildungen, 25 Tabellen und 6 Infoboxen lockern den gut geschrieben, bisweilen aber etwas ausfĂŒhrlichen Text auf. Vermisst wird allerdings das obligate Sachregister, dass es der Leserschaft erlauben wĂŒrde, jenseits des Inhaltsverzeichnisses gezielt spezifische Informationen zu orten.

Aus meiner Sicht am wenigstens gelungen ist der Teil zu Medien im Abstimmungskampf. Das beginnt auf der konzeptionellen Ebene, denn die innovativsten Theorien zu Wahlen und Abstimmungen finden sich zu Stichworten wie “Mediengesellschaft” und “Mediendemokratie”. Dabei steht die Frage im Vordergrund, wie sich der offensichtliche Medienwandel hin zu einer hybriden Öffentlichkeit mit klassischer Medienarena und neuen NebenbĂŒhnen auswirkt. Dabei geht es um Stimmungen und Emotionen, meist via Personen und Protesten, die verstĂ€rkt oder erzeugt werden, um jenseits der RationalitĂ€t Angebote zu schaffen, wie man sich entscheiden solle. Erste Forschungsergebnisse hierzu werden leider ausgeblendet, obwohl der Theorieansatz des Buches ansonsten sozialwissenschaftlich und multidisziplinĂ€r ist. Das setzt sich darin fort, dass eigentliche Fallstudien zu AbstimmungskĂ€mpfen, die seit einigen Jahren rasch an Bedeutung gewinnen, weitgehend unerwĂ€hnt bleiben. Irritierend wirkt in diesem Zusammenhang, dass der umfangreiche Sammelband von Kamps/Scholten, anfangs 2014 erschienen, ganz ausgelassen wird. Meine Vermutung ist, dass das Dynamische in der Meinungsbildung zu Volksentscheidungen wesentlich höher ist, als diese aufgrund von Strukturanalysen erscheint, aber auch AnsĂ€tzen der rationalen oder weltanschaulichen Entscheidung vorgestellt wird.

Die besprochenen AnwendungsfĂ€lle der Schweizer Abstimmungsforschung kreisen denn auch schwerpunktmĂ€ssig rund um Fragen des Kompetenz- und Kognitionsniveaus der Stimmberechtigten, um die Bedeutung von Parteien und Behörden bei der Steuerung der Meinungsbildung, die KĂ€uflichkeit von Abstimmungen und um Diskriminierungen bestimmter Minderheiten durch Mehrheiten. Das, was Spezialistinnen und Spezialisten weitgehend kennen, aber bisher verstreut in Fachzeitschriften und SammelbĂ€nden diskutiert wird respektive wurde, kommt hier in geraffter Form zur Sprache. Das Bild, das gezeichnet wird, ist eher optimistisch. Wenn es Konflikt gibt, reicht die Information um sich korrekt zu entscheiden. Wenn Entscheidungen knapp sind, kann das Kampagnengeld auf das Ja oder Nein bestimmend sein, aber nur dann. Wenn die Behörden zentrierte Kompromisse anbieten, setzen sie sich in aller Regel durch. Selbstredend hĂ€tte man sich hier mehr gewĂŒnscht, mehr Informationen zur Frage zu erhalten, ob es heute eine Initiativflut gibt. Oder eine Bilanz, was die GrĂŒnde dafĂŒr sein mögen, dass Volksinitiativen in den letzten zehn Jahren offensichtlich mehr Annahmechancen hatten. Mindestens aus meiner Erfahrung sind das die am gegenwĂ€rtig hĂ€ufigsten diskutierten Themen in der politischen Öffentlichkeit.

Trotz solcher EinwĂ€nde: Thomas Milic, Bianca Rousselot und Adrian Vatter legen mit dem Band 2 der Reihe “Politik und Gesellschaft in der Schweiz” ein neues Werk der Schweizer Politikwissenschaft vor, das sich schnell zum Standardwerk entwickeln dĂŒrfte. Das Institut fĂŒr Politikwissenschaft an der UniversitĂ€t Bern festigt hiermit seinen Ruf, Zentrum der Schweizer Politik- und Abstimmungsforschung in der Schweiz zu sein. Denn nach dem Handbuch der eidgenössischen Volksabstimmungen von Wolf Linder und seinen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, das historisch-politologisch vorging, folgt nun eine neue, umfassende Übersicht zur direkten Demokratie und zu Volksabstimmungen in der Schweiz. Forschenden im In- und Ausland, aber auch Studierende, die Formen und Konsequenzen etablierter BĂŒrgerpartizipation untersuchen wollen, ist der Gebrauch des Handbuchs der Abstimmungsforschung dringen zu empfehlen. Ob es das Buch weit darĂŒber hinaus ein Publikum findet, ist unsicher. Denn von der Aufmachung und dem Inhalt ist es akademisch ausgerichtet.

So oder so, das Handbuch Schweizer Politik erfĂŒhrt mit dem neuen Manual ein wertvolle Erweiterung. Zu hoffen ist, dass es nicht nur eine Art Bilanz nach knapp 50 Jahren Abstimmungsforschung in der Schweiz darstellt, sondern auch die Forschung im kommenden halben Jahrhundert anregt, theoretisch fundierte und empirisch gehaltvolle Analysen zum wichtigsten und originellsten Bestandteil des Schweizer Politsystems vorzulegen respektive sich neuen Anwendungsfeldern anzunehmen.

Claude Longchamp

Wahlkampf statt Blindflug – meine Buchbesprechung

Eva Heller, Autorin des Beststellers „Beim nĂ€chsten Mann wird alles anders“, war nebenberuflich Kommunikationswissenschaftlerin. Ihre Doktorarbeit, 1985 veröffentlicht, trĂ€gt den Titel: “Wie Werbung wirkt: Theorien und Tatsachen”. Entwickelt hat sie damit eine Typologie, wie man Studien zur persuasiven Kommunikation klassieren kann: Zuerst nennt sie die, die auf den Theorien der Theoretiker basieren. Dann folgen die aus der Praxis der Praktiker. Zwei MischverhĂ€ltnisse erkannte sie darĂŒber hinaus: Studien von Theoretikern mit Praxis und solche von Praktikern mit Theorien.

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Als ich Mark Balsigers “Wahlkampf statt Blindflug” las, wurde ich unweigerlich an Hellers Buch erinnert. Nicht nur, weil das Thema verwandt ist, vor allem, weil ich mich fragte, wie man das Buch Balsigers in der Hellerschen Typologie charakterisieren könnte.

(…)

Was nun ist das Buch, das Mark Balsiger hier vorlegt? Zuerst, es ist zum Thema der Schweizer Wahlkampf-Kommunikation ziemlich einzigartig. Zu Recht hat es der StĂ€mpfli-Verlag in sein Pro-gramm aufgenommen. Wohltuend wirkt das Lektorat, das sicherlich zum fadengraden Text beigetragen hat. Und gegenĂŒber frĂŒheren HandbĂŒchern des Autors wirkt die grafische Erscheinung klar verbessert!

Ohne Zweifel: “Wahlkampf statt Blindflug” ist ein weitestgehend professionell gemachtes Werk, im Lehrbuchformat auf Hoch-glanzpapier. Abwechslungsreich wendet es sich an ein gezieltes Publikum, das im Kern aus Kandidierenden und KampagnenstĂ€ben bestehen dĂŒrfte.

Klar ist, dass es im Hellerschen Sinne keine Theorie eines Theoretikers bietet. DafĂŒr hĂ€tte es wissenschaftlicher aufgebaut und ge-schrieben werden mĂŒssen. Es zeigt aber auch nicht einfach die Praxis eines Praktikers; davon setzt es sich mit einem mittleren Anspruchsniveau wohltuend ab.

“Wahlkampf in der Schweiz”, der Erstling von Mark Balsiger aus dem Jahre 2007, war ein eigentlicher Beitrag zur Wahlkampffor-schung in der Schweiz. Die 26 Erfolgsfaktoren sind unverĂ€ndert das Beste, was es hierzulande dazu gibt. Heller hĂ€tte gesagt, da habe ein theoretisch Interessierter mit den Erfahrungen anderer eine Vorbildstudie verfasst. Von dem hat sich Balsiger heute ent-fernt. Die Hellerschen Tatsachen sind in den Vordergrund gerĂŒckt. Am klarsten zeigt sich das, dass er seine sechs Thesen aus dem Startkapitel am Ziel vergessen hat. Eine kritische WĂŒrdigung der Vorgaben mindestens aufgrund der gewonnen Einsichten hĂ€tte das Werk sicherlich abgerundet. Denn alles, was am Anfang postuliert wurde, wird in diesem Buch nicht eingelöst. So kann man meines Erachtens mit gutem Gewissen bei der Entpolitisierung von WahlkĂ€mpfen im Zeitalter der Repolitisierung genau das Gegenteil vertreten.

WĂŒrde Eva Heller noch leben, hĂ€tte sie wohl geschrieben: ein Buch eines erfahrenen Praktikers, mit Anspruch auf reflektierte Systematik. Es böte die Basis, weiter gedacht zu werden, um auch fĂŒr WahlkĂ€mpfe von Parteien unter verschiedensten institu-tionellen und kulturellen Bedingungen dienlich zu werden.

Meine ganze Buchbesprechung hier.

Claude Longchamp

Was fĂŒr und was gegen eine Annahme der Ecopop-Initiative spricht

Manch einer oder eine erschrak diese Woche, als er oder sie las, 53 Prozent hĂ€tten am 15. Oktober 2014 der Ecopop-Vorlage zugestimmt. Dabei war nicht einmal diese Zahl das Sensationelle. Vielmehr wĂ€re es der Trend gewesen: 20 Minuten machte schon im FrĂŒhjahr eine Umfrage zur Ecopop-Initiative und diese ergab damals einen Ja-Stimmenanteil von 40 Prozent, wĂ€hrend 56 Prozent dagegen waren. Das entspricht einem satten Meinungsumschwung von 13 -14 Prozentpunkten innert sechs Monaten. Extrapoliert auf den Abstimmungstag spricht dies fĂŒr ein Ja in der Grössenordnung von 55 Prozent und mehr.

FĂŒr den Trend hin zu mehr Ja-Stimmen gibt es sogar GrĂŒnde: Mit seiner Positionierung in Sachen Ecopop diskutierte das Parlament zugleich auch die UngĂŒltigkeitserklĂ€rung eben dieser Initiative – und nur kurz darauf empfahl die zustĂ€ndige Kommission des StĂ€nderats, die HĂŒrden fĂŒr die Lancierung eines Volksbegehrens zu erhöhen. Beides rĂŒttelte an der tiefen Überzeugung der SchweizerInnen, dass es ihr Recht sei, ĂŒber alles zu diskutieren und in sĂ€mtliche Entscheide mit einbezogen zu werden. Einen Gefallen getan haben sich die GegnerInnen der Initiative mit diesem doppelten Vorgehen nicht.

Ohne jetzt schon einen Trend aufzuzeigen, ergibt die SRG-Umfrage, die heute publiziert worden ist, ein anderes Bild: 35 Prozent votieren fĂŒr Ecopop und 58 Prozent dagegen. Dies bei einer Beteiligung von 47 Prozent. Die vertiefende Analyse der Daten zeigt Unterschiede entlang der Parteibindungen, des Regierungsvertrauens, der sozialen Stellung und der Siedlungsart. Am meisten BefĂŒrworterInnen hat es an der SVP-Basis, bei Personen, die der Regierung misstrauen, in den unteren Bevölkerungsschichten und auf dem Land.

Allerdings zeigt die SRG-Befragung auch, dass die ParteiwĂ€hlerschaft von GPS bis FDP.Die Liberalen klar gegen das Anliegen ist. Letzteres ist entscheidend: Denn selbst wenn die SVP-Basis gegen ihre Parteispitze stimmt, hĂ€ngt ein hoher Zustimmungswert in erster Linie von der FDP.Die Liberalen-WĂ€hlerschaft ab. Und fĂŒr ein vermehrtes Ja zu Ecopop in diesen Kreisen gibt es derzeit weder in Umfragen noch unter MandatstrĂ€gern sichtbare Hinweise.

cluster Die Cluster-Methode zeigt, wie abstimmt wĂŒrde, falls alleine aufgrund von Argumenten entschieden wĂŒrde. Bei der parteipolitisch ungebunden Stimmenden ist eine Mehrheit möglich.

Ein beliebtes Argument der AnhĂ€nger von Online-Umfragen besagt nun, dass im Internet die Meinungen, anders als am Telefon, ungefiltert zum Ausdruck kommen: Soziale ErwĂŒnschtheit, die das direkte GesprĂ€ch zwischen Befragten und Befragern prĂ€gen könnte, gĂ€be es online nicht. Das stimmt – solange es sich um ein tabuisiertes Thema handelt. Die Migrationsfrage jedoch, gehört seit lĂ€ngerem nicht dazu. So zĂ€hlt das Sorgenbarometer beispielsweise, diesen Issue seit Jahren zu den nachgewiesenen Top-Problemen aus Sicht der BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern.

Allerdings wĂ€re es ebenso tĂ€uschend, alleine auf die Parteiparolen zu schauen, denn die sind unisono im Nein und bisher wich keine einzige Kantonalpartei davon ab. Bekannt ist, dass es – gerade in Migrationsfragen – zu einem Elite/Basis-Konflikt kommt. Denn die Bedeutung gewisser Probleme wird “oben” und “unten” unterschiedlich eingeschĂ€tzt. Die massgebliche Frage ist nun: Wie gross ist diese Differenz in der Wahrnehmung.

Meine Auffassung hierzu ist, dass sie nicht fix ist, sondern vielmehr davon abhÀngt, wie sich die Meinungen unter Eindruck des Abstimmungskampfes bilden. Dazu kennen wir im Zusammenhang mit der Migrationsfrage zwei Referenzen, die zu betrachten es sich lohnt: Zum einen die 18-Prozent-Initiative aus dem Jahr 2000, zum anderen die Initiative gegen die Masseneinwanderung vom 9. Februar.

18prozent

Bei der 18-Prozent-Initiative, der radikalsten in der jĂŒngeren Abstimmungsgeschichte in Sachen Zuwanderung, zeigte die erste SRG-Umfrage 40 Prozent Zustimmungsbereitschaft. Am Abstimmungssonntag waren es dann 36.2 Prozent. Das entspricht dem Normalfall bei einem Volksbegehren, denn aus UnschlĂŒssigen werden in der Regel Gegner der Vorlage und selbst ein Teil der anfĂ€nglichen BefĂŒrworterInnen stimmt am Ende dagegen. Von einem ausgedehnten Elite/Basis-Konflikt konnte man nicht sprechen.

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Anders entwickelten sich die Stimmabsichten bei der Masseneinwanderungsinitiative. Die erste Befragung startete bei 37 Prozent Zustimmung und 55 Prozent Ablehnung. Dann aber kam Dynamik in die Sache, bis schliesslich ein Abstimmungsergebnis von 49,7 zu 50,3 fĂŒr die Initiative resultierte. Das geschah allerdings nicht ohne einen massiven Mobilisierungsschub zugunsten der BefĂŒrworterInnen: Die effektive Stimmbeteiligung lag schlussendlich bei hohen 57 Prozent. Profitiert hatten hiervon eben vor allem die Initiantinnen.

Dieses zweite Szenario ist der Ausnahmefall. Es kommt vor, wenn eine Initiative einen klaren ThemenfĂŒhrer hat (SVP), der im Abstimmungskampf klotzen kann und von unerwarteter Seite her UnterstĂŒtzung findet. Das beginnt heute in den sozialen Medien, insbesondere auf Facebook, und ĂŒbersetzt sich von da in die Boulevard-Medien respektive in die Sonntagspresse, um so zu einer Art Mainstream zu werden.

Nun ist nicht auszuschliessen, dass dies in den kommenden Wochen noch passieren wird. Momentan findet sich aber wenig Evidenz fĂŒr eine solche Dynamik. Die Ecopop-Initianten sind keine breit anerkannten thematischen Vorreiter und AnfĂŒhrer in der Zuwanderungsdebatte und die SVP als Partei verweigert der Initiative den Sukkurs. Die Werbung zugunsten der Masseneinwanderungsinitiative dĂŒrfte jene bei der Ecopop-Vorlage zudem um mehr als das zehnfache ĂŒbertreffen. FĂŒr ein Szenario wie vor dem 9. Februar spricht einzig, dass die InitiantInnen  auf Facebook und in den Online-Kommentaren den Ton angeben – mit beschrĂ€nkter Gefolgschaft in den Massenmedien.

Seit vier Jahren machen wir in den SRG-Umfragen einen Test zur Messung von Entscheidungsambivalenz. Statt auf die bekundeten Stimmabsichten schauen wir auf die Systematik der Antworten zu den Argumenten. Diese wird mittels einer Cluster-Analyse ermittelt. Im Fall der Masseneinwanderungsinitiative ergab sie zum selben Zeitpunkt wie jetzt vor der Abstimmung ein 50:50. Bei der Ecopop-Initiative liegt der Wert bei 44:56. Das ist höher als bei der Stimmabsicht, die Mehrheit bleibt jedoch weiterhin im Nein.

Die Abstimmungsforschung kennt fĂŒr solche Befunde sogar die GrĂŒnde. Die Sonntagsfrage spiegelt die Heuristik, also die rasche Annahme, wie man stimmen wĂŒrde. In den Bewertungen der Argumente dagegen kommt die lĂ€ngerfristige Meinung einer Person zu einem Thema zu Ausdruck. Im aktuellen Fall reflektiert sich darin die Kritik an den herrschenden ZustĂ€nden, aber auch die Erfahrungen, die die Schweiz seit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative gemacht hat. Das Migrations-Problem besteht, fĂŒr viele genau gleich wie im Februar dieses Jahres. Das Zeichen dazu jedoch ist, ebenfalls fĂŒr viele, bereits gesetzt.

Es ist denkbar, dass bei der Ecopop-Initiative hinsichtlich der Dynamik in der Meinungsbildung nicht der Normalfall eines sicheren Neins eintrifft, sondern dass es zum Ausnahmefall kommt – mit einem steigenden Ja-Anteil in der Gegend um die 40 Prozent.

Claude Longchamp

RĂŒckblick auf 20 Jahre Lobbying-Analysen

Seit 20 Jahren unterrichte ich am Verbandsmanagement-Institut der UniversitĂ€t Fribourg “Lobbying”. 5 Thesen, wie sich der Begriff und das PhĂ€nomen in der Analyse verĂ€ndert haben.

lehrbuch
Neues Lehrbuch zum Marketing fĂŒr VerbĂ€nde, zu dem auch mein Modul Lobbying gehört

Gestern war ein spezieller Tag. Ich unterrichtete am Verbandsmanagement-Institut der UniversitĂ€t Fribourg. TeilnehmerInnen waren Verbandsspitzen aus der Schweiz, Deutschland und Grossbritannien, die sich in Fragen des Marketings weiterbildeten. Mein Thema war das Lobbying – wie seit 20 Jahren einmal im Jahr.

Das kleine JubilĂ€um nahm ich zum Anlass, ĂŒber die Entwicklung des Kurses in den letzten zwei Dezennien nachzudenken. FĂŒnf Thesen sind daraus entstanden.

Erstens, was ist Lobbying? – In den 90er Jahren dominierte die Kurszielsetzung, ein adĂ€quates VerstĂ€ndnis fĂŒr Lobbying zu entwickeln. Entstanden ist eine Definition, wonach Lobbying die Interessenvertretung gegenĂŒber den Behörden darstellt und zwar durch Nicht-Behörden. PrĂ€zisiert wurde diese Definition durch den Gedanken, dass strategisch eingesetzte Information zur Einflussnahme entscheidend sei. Die richtige Information, am richtigen Ort, im richtigen Moment und in richtiger Form ist die vielleicht kĂŒrzeste Umschreibung der Lobby-TĂ€tigkeit.

Zweitens, gibt es Rezepte fĂŒr gutes/gegen schlechtes Lobbying? – Einmal gesetzt, dominierte die Erwartung der KursteilnehmerInnen, best and worst practice kennen zu lernen. Die Marketing-Forschung am VMI hat hierzu einen wesentlichen Beitrag geleistet: Ohne dass es zur Ausbildung einer stand-by-Organisation in einem Verband kommt, misslingt Lobbying hĂ€ufig. Stand-by meint, dass man bisherige Lobby-AktivitĂ€ten evaluiert, die relevanten Austauschpartner bestimmt und zu ihnen Beziehungen aufbaut sowie ein Monitoring der Entscheidungen erstellt, um rechtzeitig und gezielt handeln zu können. Zur stand-by-Organisation gehört auch, dass die VorstĂ€nde von VerbĂ€nden Lageanalysen periodisch bewerten und entscheiden, wo operativer Handlungsbedarf besteht.

Drittens, wie hĂ€ngt Lobbying mit anderen KommunikationstĂ€tigkeiten eines Verbandes zusammen? – Zahlreiche VerbĂ€nde haben in den letzten Jahren ihre MarketingaktivitĂ€t erweitert: Sei es, um Mitglieder zu gewinnen, sei es um in der Öffentlichkeit bekannter zu werden oder eben, um an Einfluss zu gewinnen. Verschiedene VerbĂ€nde sind dabei zu einem systematischen Campaigning ĂŒbergegangen, mit dem ihre Kommunikation nach Aussen und Innen integrieren. Verhandlungen mit anderen Interessenorganisationen, Medienarbeit und politisches Lobbying rĂŒcken deshalb immer nĂ€her zusammen, meist als Stabstelle(n) der Direktion.

Viertens; inwiefern determiniert das politischen System die AusprĂ€gung des Lobbyings vor Ort? – Je mehr man das konkrete Lobbying analysiert, umso mehr merkt man, wie Strukturen und Kulturen eines politischen Systems das Lobbying bestimmen. Generell kann man zwischen einem angelsĂ€chsischen und kontinentaleuropĂ€ischen VerstĂ€ndnis unterscheiden, das mit den Vorstellungen des Pluralismus respektive des demokratischen Korporatismus zusammenhĂ€ngt. Im ersten Fall wird Lobbying optimistisch beurteilt, im zweiten skeptisch. Die Schweiz gehört dem zweiten Typ an; Lobbying hat sich dennoch entwickelt und zwar im Sinne einer professionellen ErgĂ€nzung der TĂ€tigkeiten im Milizsystem.

Und fĂŒnftens, wie reagiert die Öffentlichkeit auf die Ausdehnung des Lobbyings? – Die aktuelle Debatte um Lobbying in der Schweiz ist durch aufkeimende Kontroversen gekennzeichnet: Nicht mehr nur die LobbyistInnen sprechen ĂŒber Lobbying und auch die wissenschaftliche Analyse reicht nicht mehr, um zu vermitteln, was Lobbying bewirkt. Entstanden ist eine kritische Öffentlichkeit – durch die Politik alimentiert und durch die Massenmedien befördert. Die Kontroversen zum Pro und Kontra nehmen rasch zu. Zu erwarten ist, dass damit nicht nur das Bewusstsein zu dem, was Lobbying ist und macht, wĂ€chst – vielmehr ist davon auszugehen, dass die Schweiz dem Beispiel anderer LĂ€nder folgen wird und Lobbying institutionalisieren, gleichzeitig aber auch reglementieren wird.

Claude Longchamp

Analysen, Analysen, Analysen

Gestern Abend erschien das SRG-Wahlbarometer des Forschungsinstituts gfs.bern. Entfacht wurde damit auch die Prognose-Diskussion. (M)eine Standortbestimmung.

Das Wort “Analyse” beinhaltet (mindestens) drei Arten von AbklĂ€rungen: die Beschreibung, die ErklĂ€rung und die Prognose von Sachverhalten, Ereignissen oder Entwicklungen. Alle drei Operationen basieren auf Analysen. Indes, nicht jede Analyse eignet sich fĂŒr alle drei Operationen gleichermassen.

Umfragen sind unbestrittenermassen Bestandesaufnahmen. Je nach Machart liefern sie auch ErklÀrungen, oder haben sie prognostischen Wert.
Das gilt auch fĂŒr das gestern veröffentliche Wahlbarometer: Es benennt den Ist-Zustand beispielsweise bei den ParteistĂ€rken. Das ist in beschreibbaren Grenzen machbar. Es versucht zudem, ErklĂ€rungen zu geben, warum eine Partei gewĂ€hlt wird, beispielsweise aufgrund von Themen- und Personenorientierungen oder der Positionierung auf der Links/Rechts-Achse, dem Regierungsvertrauen und den kommunizierten Werthaltungen.
Prognostische Absichten verfolgt das Wahlbarometer dagegen nicht, denn der Weg hierzu ist steinig. Die grössten Brocken können aus dem Weg gerĂ€umt werden, wenn man Bestandesaufnahmen identisch gemacht wiederholt, sich daraus ein Trend ergibt, den man dann auf den Abstimmungstag hin extrapoliert. Je mehr Umfragen man hat und je mehr man dem Wahltermin nĂ€her rĂŒckt, desto eher wird das möglich. Aufgrund einer Umfrage ein Jahr vor den Wahlen macht das keinen Sinn. Und schon gar nicht weit im Voraus-
Hauptgrund: Die ErklĂ€rung von VerĂ€nderungen in den Wahlabsichten ĂŒber die Zeit hinweg erfolgt in erster Linie aufgrund des Wahlkampfes, dessen Funktion es ist, Meinungen zu bilden und zu mobilisieren. Solange man aber die zentralen Ereignisse in einem Wahlkampf nicht kennt, kann man beide Wirkungen eines bestimmten Wahlkampfes nicht vorhersagen, maximal mit Szenarien antizipieren.
Die meisten Parteien haben das zwischenzeitlich begriffen. Sie nehmen Wahlbefragungen als Tendenzen, als Orientierungsgrössen, ob der Trend stimmt oder nicht. Klar, gute Umfragewerte zu ParteistĂ€rke, Themenkompetenz oder PersonenglaubwĂŒrdigkeit hat man lieber als schlechte. Entscheidend ist das alles nicht, denn die Reaktionsart ist massgeblich: Man kann sich in Sicherheit fĂŒhlen, in AngstzustĂ€nde verfallen, oder Analysen als Anlass nehmen, etwas inskĂŒnftig besser zu machen.

Interessant zu sehen war gestern und heute, wie anders gewisse Massenmedien auf eine Wahlumfrage reagieren: Je zugespitzer die Aussage, umso eher verfĂ€llt man in die Prognose-Routine. Am schlimmsten war die SĂŒdostschweiz. Auf der Frontseite prangte: “Prognose: SVP verliert die Wahlen 2015.” Dabei konnten wir im Vorfeld der Veröffentlichung noch einiges verbessern: “Wer gewinnt in einem Jahr, wer verliert? Und was heisst das fĂŒr den Bundesrat?”, waren die meist gestellten Fragen. Einige Ă€nderten nach GesprĂ€chen das Thema, und legten, von uns aus zurecht auf die ErklĂ€rung, was ist, und warum es ist.

Aus meiner Sicht ist heute nichts anderes angezeigt, wenn man Umfragen liesst. Das heisst indessen nicht, dass es keine Nachfrage nach Prognosen gibt, auf die man eintreten kann. Mitunter zu diesem Zweck habe ich vor einem Jahr an der Uni Bern auf der Masterstufe ein Forschungsseminar zu Wahlprognosen angeboten: zum Versuch, mit oder ohne Umfragedaten, Vorhersagen von Wahlen zu machen. Vom bestehenden Wahlbarometer unterscheiden sie sich in verschiedener Hinsicht: Entweder werden Analysetools aller Art, also auch Wahlbörsen, PrognosemĂ€rkte, Expertenpanels und Modellrechnungen systematisch genutzt, um Fehlerquellen, die ĂŒberall bestehen können, zu vermeiden, oder aber es werden, ĂŒber die hier genannten ErklĂ€rungsgrĂŒnde hinaus, weitere wie die EinflĂŒsse der Medienberichterstattung, Wahlwerbung, politisches Klima, Wirtschaftslage etc. beigezogen, um Prognosen machen zu können.
Am Ziel sind wir alle nicht. Entscheidend ist aber, dass wir Willens sind dazuzulernen. Am besten im herrschaftsfreien Diskurs mit weiteren Interessierten.

Claude Longchamp

Analytischer Journalismus fĂŒr PolitikwissenschafterInnen

Datenjournalismus ist im Schwang und fasziniert selbst gestandene WissenschafterInnen. Doch reicht das? Meine Argumente fĂŒr eine weiterreichende Herausforderung der Wissenschaftskommunikation an Nicht-Fachöffentlichkeiten.

Gestern begann meine Lehrveranstaltung “Mediale Relevanz sozialwissenschaftlicher Forschung (fördern)”. Ziel des Master-Seminars am Institut fĂŒr Politikwissenschaft der UniversitĂ€t ZĂŒrich ist es, die Studierenden mit Wissenschaftskommunikation vertraut zu machen, das sich an ein Nicht-Fachpublikum wendet. Gemeint ist damit zu Bloggen, Videos zu erstellen, zu twittern oder einen populĂ€rwissenschaftlichen Artikel zu verfassen.

Vorgestellt habe ich in diesem Zusammenhang das Konzept des “Analytischen Journalismus”. Anders als der zwischenzeitlich populĂ€re Datenjournalismus setzt er nicht einfach auf die Vermittlung wissenschaftlich gesicherter Fakten, sondern stellt deren wissenschaftliche Analyse in den Vordergrund.

Die englische Wikipedia definiert das so: “Analytic journalism seeks to make sense of a complex reality in order to create public understanding. (
) It can be seen as a response to professionalized communication from powerful agents, information overload and growing complexity in a globalised world. It aims at creating evidence-based interpretations of reality, often confronting the dominant ways of understanding a specific phenomenon.”

Unbenannt

Die Diskussion einiger journalistischer Text ĂŒber PolitikwissenschaftInnen zeigte uns, dass die bei weitem nicht alles, aber einiges, was unsere Studien- und BerufskollegInnen tun, dazu passt. Entwickelt haben wir daraus drei RollenverstĂ€ndnisse von PolitikwissenschafterInnen in den Medien, die zum analytischen Journalismus passen:

. die Orientierung am News-Geschehen, ohne dieses zu verdoppeln, sondern es zu reflektieren als Genre der Kommunikation,
. die Recherche von Fakten und die Ausarbeitung ihrer Interpretation als Kommunikationsansatz und
. die Objektivierung und Kritik des Geschehens als Kommunikationsstrategie.

Dies gesagt, kann man auch festhalten, was gemÀss analytischem Journalismus nicht zur Rolle der Politikwissenschaft zÀhlt: Weltanschauungen entwickeln, einseitige Partei zu nehmen und poliktische Kommentare zu schreiben.

Nicht alle Teilnehmenden am Seminar akzeptierten diese Definition gleichermassen. Namentlich Studierende mit journalistischen Erfahrungen fanden, es sei von Vorteil, wenn WissenschafterInnen in der öffentlichen Partei ergreifen wĂŒrden, weil sie damit fassbarer wĂŒrden. Kolumnen zu schreiben habe beispielsweise den Vorteil, provokativ sein und damit aufrĂŒtteln zu können.

Damit kamen intellektuelle Aufgaben der Wissenschaft in der Oeffentlichkeit zur Sprache. Der Klagen sind ja genug, KĂŒnstlerInnen wie WissenschafterInnen hĂ€tten sich davon weitgehend verabschiedet. Die weitgehende Abwesenheit von Denkfabriken in der Schweiz verstĂ€rkt dieses Manko, wĂ€hrend die UniversitĂ€ten selber kaum ausserhalb von Fachkreise kommunizieren.

Dennoch hielt ich, ganz im Sinne des analytischen Journalismus, die Bedenken zu solchen Kommunikationsweisen hoch. Faktenorientierung bleibt das A und O des Mehrwertes, den die Wissenschaft der Oeffentlichkeit bieten kann. Uebersichten zu wissenschaftlichen Diskursen hierzu, gehören ebenfalls in den ZustÀndigkeitsbereich. Das impliziert die Analyse von Ursachen und die AbschÀtzung von Folgen. Es umfasst ErklÀrungen und Vorausschauen, soweit diese möglich sind.

Wenn Wissenschafter so Einfluss nehmen auf die Meinungsbildung, geschieht dies nicht, um ein bestimmtes Ergebnis zu befördern, sondern um Meinungsbildung zu erlauben oder zu verbessern – beispielsweise durch Verringerung vorhandener Unsicherheiten mittels Objektivierungen. Die Kritik vorherrschender Denkmuster, aber auch ihrer Widersacher gehört zwangslĂ€ufig hierzu.

Selber halte ich es mit Max Weber in seinen berĂŒhmten AusfĂŒhrungen zum Werturteilsstreit in der deutschen Soziologie vor gut 100 Jahren. Darin postulierte er, dass es die Aufgabe der Wissenschaften sei, sich beispielsweise mit Wertfragen zu beschĂ€ftigen. Es sei aber nicht an ihnen, Antworten zu geben, welche die richtigen und falschen Werte seien. Mit anderen Worten: Zu berichten, wie Wertmuster in unserer Gesellschaft verteilt sind, aufzuzeigen, welches die Ursachen Folgen des Wertwandels sind, ist Aufgabe der Wissenschaft in der Oeffentlichkeit. Welches die richtigen Werte sind, kann nur die Politik beantworten; beispielsweise mit ihren Entscheidungen im Parlament oder via Volksabstimmungen.

Claude Longchamp