Archive for Oktober, 2008

Vor dem Finale

Die amerikanischen PrÀsidentschaftswahlen stehen vor der Entscheidung. Am nÀchsten Dienstag wird bestimmt, wer der 44. PrÀsident der USA ist. Alle Zeichen deuten auf eine recht klaren Sieg von Barak Obama hin.


Optimistisches Szenario: Verteilung aller Elektorenstimmen

www.electoral-vote.com, eine der relevanten Hochrechungen von Umfragen auf Stimmen, rechnet aktuell mit einem konfortable Sieg Obamas, der sich im April des Wahljahres abzuzeichnen begann. Ernsthaft in BedrÀngnis geriet der demokratische Bewerber danach kaum.


Pessimistisches Szenario: Verteilung der nur sicheren Elektorenstimmen

Einzig nach dem Konvent der Republikaner drehte McCain, jetzt um seine Vize-Kandidatin Sarah Palin verstĂ€rkt auf. Der Effekt war jedoch nicht von Dauer, nicht zuletzt wegen dem Börsencrash an der Wallstreet, denn seither sind die Republikaner, John McCain und Sarah Palin klar in RĂŒcklage geraten und konnten die Demokraten mit ihrem Duo Obama/Biden voll aufdrehen.

Wie genau sich die optimistische resp. pessimistische Vorhersage von „electoral-vote“ bewahrheiten, wissen wir in 5 Tagen.

Claude Longchamp

Beyond Presidency: Direct Democracy in the United States

Ich gehe in die USA. Ich bleibe eine gute Woche, die Woche der PrĂ€sidentschaftswahlen. Doch das ist nicht mein eigentliches Ziel, denn dieses folgte dem Motto „Beyond the Presidency“ – ĂŒber die PrĂ€sidentschaft hinaus. Mir geht es eine Woche lang um die direkte Demokratie in den Vereinigten Staaten.

Die Einladung stammt vom amerikanischen „Initiative&Referendum“ Institute der University of Southern California. Das dortige IRI-Institute, Partner des Marbuger IRI-Europe-Instituts, ist fĂŒhrend in der Dokumentation und Analyse der amerikanischen Volksabstimmungen. Es hat die Gelegenheit wahrgenommen, die momentan erhöhte Aufmerksamkeit fĂŒr die USA zu nutzen, um ein Dutzend ExpertInnen der direkten Demokratie aus der ganzen Welt auf eine Studienreise durch San Franzisco, Sacramento, Denver und Washington einzuladen.

Gleichzeitig mit den amerikanischen PrĂ€sidentschaft- und Parlamentswahlen finden in 36 Gliedstaaten Volksabstimmungen statt. 152 sind es insgesamt. Dabei geht es um gleichgeschlechtliche Ehen, Abtreibung, BĂŒrgerrechte, Tierschutz, Energiepolitik, Marijuana-Legalisierung, LandverkĂ€ufe, öffentliche Angestellte, Verschuldung und Sterbehilfe.

Man sieht es auf eine Blick: Es sind die gleichen Themen, welche die BĂŒrgerInnen der USA am 4. November 2008 zu entscheiden haben, wie wir sie kennen. Anders ist jedoch das Verfahren: Die Volksabstimmungen finden meist gleichzeitig mit den Wahlen statt.

Die Zahl der Abstimmungsthemen war auch schon höher. 2004 lagen 162 VorschlĂ€ge auf, 2006 bei den Zwischenwahlen, waren es gar 204. Am meisten Volksabstimmungen finden diesmal in Colorado statt, wo 14 Entscheidungen zu treffen sind. In Oregon und California gilt es ĂŒber je 12 Vorlagen abzustimmen. Ueberhaupt: Der Westen der USA kennt viel ausgebautere direktdemokratische Institutionen als der Osten.

Am Freitag ist es soweit: Ich fliege nach San Franzisco, mit Hoffnung, neue Erfahrungen zu sammeln ĂŒber das Funktionieren der direkten Demokratie weltweit. Ich werden auf „zoonpoliticon“ als Politikwissenschafter berichten, und auf dem „Stadtwanderer“ mich als Zeitgenosse vom Erlebten berichten.

Claude Longchamp

Die Vordenker auf deutsch

Die Zeitschrift „Cicero“ veröffentlichte in der jĂŒngsten Ausgabe eine interessante Zusammenstellung der Vordenker in deutscher Sprache. Insgesamt wurden 300 Persönlichkeiten, die meisten Deutsche, hinsichtlich ihrer DeutungsmĂ€cht in der deutschen Publizistik beweretet.

Grundlage bildete ihre ZitierthĂ€ufigkeit. Anders als akademische Rankings konzentrierte man sich im Magazin fĂŒr politische Kultur aber nicht nur auf wissenschaftliche Journals. Im Zentrum der Erhebung stand, wer in den 36 wichtigten deutschen Zeitungen und Zeitschrift die grösste Wirkmacht entwickelt, und diese durch wissenschaftliche und online-Publikationen noch verstĂ€rken kann.

Man kann sicher ĂŒber die Gruppierung streiten. Sie wurde durch die typisch deutsche Gliederung in Natur- und Kulturwissenschaften geprĂ€gt. Hinzu kamen die Philosophie, die Geschichte, aber auch Einzelwissenschaften wie die Wirtschafts- oder Gesellschaftswissenschaft. Denn sie alle leisten ihren Beitrag bei der Selbstbeobachtung der Gegenwart, der Analyse der Oekonomie, der Deutung des Sozialen und der Entwicklung des Geistes.

Die Zusammenstellung, die nachstehend verkĂŒrzt wiedergegeben wird, macht zunĂ€chst die enorme Dominanz von MĂ€nnern in der deutschen Oeffentlichkeit sichtbar. Frauen finden sich, wie die Politikwissenschafterin und gescheiterte BundesprĂ€sidentin Gesine Schwan, nur ausnahmsweise in der Liste. Sodann finden sich typische Plattformen, je nach Wissenschaftsrichtung. Philosophen und Kulturwissenschafter reĂŒssieren vor allem als Schriftsteller, Oekonomen als Institutsleiter und Berater, Historiker als UniversitĂ€tsprofessoren, Naturwissenschafter als Hirnforscher und Gesellschaftswissenschafter als Fachvertreter.

Bei den Schweizern im Ranking fĂ€llt die Top-Position meines Studienkollegen Thomas Straubhaar bei den Oekonomen auf. Er lehrt in Hamburg, er ist Chef des dortigen renommierten Weltwirtschaftsinstituts. Weit vorne findet sich auch der Philosoph Peter Bieri, der sich von der Berliner Uni verabschiedet hat, und heute als erfolgreicher Schriftsteller ins öffentlichen Geschehen eingreift. Unter den weiteren ranigerten SchweizerInnen finden sich der Germanist Peter von Matt (Kultur), der Soziologe Jean Ziegler (Gesellschaft) resp. die Oekonomin Beatrice Weder di Mauro (Wirtschaft) und der Oekonoe Bruno S. Frey (Wirtschaft). Zudem werden die ZĂŒrcher ProfessorInnen Elisabeth Bronfen (englische Literatur) resp. Hermann LĂŒbbe (Philosophie) recht weit oben gefĂŒhrt.

Hier die jeweiligen Spitzenvertreter in den verschiedenen Rankings

Philosophen
. JĂŒrgen Habermas, Philosoph
. Peter Sloterdijk, Philosoph/Kulturwissenschafter
. Julian Nida-RĂŒmelin, Philosoph/Ethiker
. Robert Spaemann, Philosoph
. Otfried Hoffe, Ethiker/Philosoph
. Peter Bieri, Philosoph/Schriftsteller
. Axel Honneth, Sozialphilosoph
. Odo Marquard, Philosoph
. Volkere Gerhardt, Philosoph/Ethiker
. Hermann LĂŒbbe, Philosoph

Historiker
. Hans Mommsen, Historiker
. Wolfgang Benz, Historiker
. Paul Nolte, Historiker
. Heinrich A. Winkler, Historiker
. JĂŒrgen Kocka, Historiker
. Guido Knopp, Journalist/Publizist
. Christian Meier, Historiker
. Michael StĂŒrmer, Historiker
. Götz Aly, Historiker/Publizist
. Wolfgang Reinhard, Historiker

Kulturwissenschafter
. RĂŒdiger Safranski, Philosoph/Schriftsteller
. Walter Jens, Philologe/Schriftsteller
. Hans Ulrich Gumbrecht, Literaturwissenschafter
. Karl Hein Bohrer, Literaturwissenschafter
. Jan Assman, Aegyptologe
. Wolfgang FrĂŒhwald, Literaturwissenschafter
. Udo Steinbach, Islamwissenschafter
. Hans Belting, Kunsthistoriker
. Christoph Stölzl, Historiker/Essayist

Naturwissenschafter
. Ernst Ludwig Winnacker, Biochemiker
. Theodor W. HĂ€nsch, Physiker
. Gerhard Roth, Biologe
. Wolf Singer, Neurophysiologe
. Manfred Spitzer, Psychologe/Hirnforscher
. Peter GrĂŒnberg, Physiker
. Dietrich Grönemeyer, Mediziner
. Anton Zeilinger, Physiker
. Harald Lesch, Physiker
. Albrecht Beutelsbacher, Mathematiker

Wirtschaftswissenschafter
. Hans-Werner Sinn, Oekonom
. Bert RĂŒrup, Oekonom
. Karl Lauterbach, Gesundheitsökonom
. Nobert Walter, Chefökonom/Bankier
. Thomas Straubhaar, Oekonom
. Peter Bofinger, Oekonom
. Michael HĂŒther, Oekonom
. Horst Siebert, Oekonom
. Wolfgang Franz, Oekonom
. Otmar Issing, Oekonom

Gesellschaftswissenschafter
. Ralph Dahrendorf, Soziologe/Publizist
. Jan Philipp Reemtsma, Philologe/Publizist
. Ulrich Beck, Soziologe
. Paul Kirchhof, Jurist/Verfassungsrichter
. Gesine Schwan, Politikwissenschafterin
. Werner Weidenfeld, Politikwissenschafter
. Wolf Lepenies, Soziologe
. Herfried MĂŒnkler, Politikwissenschafter
. Udo di Fabio, Jurist, Verfassungsrichter
. Klaus Hurrelmann, Soziologe