Archive for September, 2008

Das Hoffen auf den entscheidenden Schlag

Angesichts der amerikanischen Finanzkrise waren die Erwartungen an die TV-Debatte zwischen Barack Obama und John McCain, die sich diese Nacht abspielte, hoch. Man erwartete, das mit diesem ersten Höhepunkt im amerikanischen Wahlkampf auch eine erste Vorentscheidung gefÀllt werde. Zwischenzeitlich ist die Stimmung gedÀmpfter: Unentschieden lautet das fast schon enttÀuschende Verdikt der Auguren. Also waren wir Politikkonsumenten auf den entscheidenden Schlag in der nÀchsten Runde!

TV-Duelle und public viewing: Politische Entscheidung als sportlichere Wettkampf

TV-Duelle und public viewing: Politische Entscheidung als sportlichere Wettkampf


Position 1: Medien ohne Einfluss

Paul Lazarsfeld prĂ€gte mit seiner soziologisch inspirierten Wahlstudie „The people’s choice“, die 1944 erschien, den ersten Klassiker, der der bis heute gĂ€ngigen Pole in der wissenschaftlichen Deutungen von Medien und Wahlen bestimmte. Typisch fĂŒr seine Antwort ist die sog. VerstĂ€rker-These. Demnach ĂŒben die Massenmedien keinen genuin verĂ€ndernden Einfluss auf die Wahlentscheidung aus, denn ihre Botschaften prallen an bestehenden Einstellung ab, wenn sie diese nicht bestĂ€tigen. Von meinungsbildender Wirkung bleibt da nicht viel ĂŒbrig. Entsprechend ist nicht zu erwarten, dass sich diese Nacht etwas Wesentliches im amerikanischen Wahl verĂ€ndert hĂ€tte. Vielmehr gilt: Demokraten bewerten Obama besser, und fĂŒr Republikaner ist McCain der geeignetere Kandidat.

Position 2: Medienbild bestimmt Politikbild

1980 erschien unter dem Titel „The mass media election“ die Studie von Thomas E. Patterson, die bis heute den klassischen Gegenpol zu Lazarsfeld und seinen Mitstreitern bildet. Anhand einer Untersuchung der PrĂ€sidentschaftswahlen von 1976 kam er zu folgenden Befunden und SchlĂŒssen:

Erstens, die Bedeutung der Massenmedien liegt darin, dass sie mit ihrer Auswahl die fĂŒr die WĂ€hlerInnen relevante Wahrnehmung der Politik prĂ€gen.
Und zweitens, die Wahlentscheidungen fallen unterschiedlich aus, je nachdem wie die massenmediale Informationsauswahl ausfÀllt.

Das wichtigste Argument, das fĂŒr einen Medieneinfluss spricht, ist die medienbestimmten Fokussierung auf kontroverse Themen mit klarer Pro- und Kontra-Struktur: Wer polarisiert, hat einen Vorteil. Wer indessen integriert, verliert bereits hier an Terrain. Denn Massenmedien neigen nach Patterson dazu, aus SpannungsgrĂŒnden Politik als Spiel zu inszenieren, als Wettkampf bei dem es Helden und Versager, Gute und Böse, Gewinner und Verlierer gibt.

Kommentar

Nur schon die allgemeine EinschĂ€tzung von Patterson zu Medien und Politik erhellt unsere Erwartungshaltung an die amerikanischen TV-Duelle, die zwischenzeitlich weltweit die Medienberichterstattung bei Wahlen bestimmen. Es geht bei öffentlichen politischen Debatte nicht mehr darum, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Egal um was es geht, eine Politik der VerstĂ€ndigung ist massenmedial gar nicht mehr gefragt. Vielmehr sucht man wie fixiert nach den berĂŒhmten 10 Unterschieden. Bei Wahlen, die stets auch Auswahlen sind, kann man damit auch leben. Das Problem aber besteht darin, dass nicht mehr die politischen Inhalte bestimmend sind, sondern meist nur noch die medial inszenierte Persönlichkeiten der KandidatInnen.

Nach Patterson machte es einen Unterschied aus, ob man sich ausschliesslich ĂŒber das Fernsehen oder im Mix von TV und Printmedien informiert. Das Fernsehen reicht weiter in die WĂ€hlerschaft, und es ist bei WĂ€hlerInnen mit geringerem politischem Interesse die einzige zentrale Informationsquelle. DemgegenĂŒber sind Printmedien bei die interessierteren WĂ€hlerInnen wichtiger, und die Zeitungen können auch informativer sein.

Wenn man sich die heutigem Realtionen auf die gestrige TV-Debatte ansieht, kann man auch Zweifel an dieser EinschĂ€tzung haben. Die hohen Erwartungen an das Duell seien nicht eingelöst worden hört man da. Beide Kandidaten seien bezĂŒglich der Finanzkrise vorsichtig aufgetreten. Und keinem sei es gelungen, sich wirklich vom anderen zu unterscheiden. So bleibt der sichtbarste Gegensatz bestehen: Obama und McCain vertreten je eine andere Generation.

Unentschieden war denn auch das Urteil der meisten Kommentatoren. Das wohl auf den entscheidenden Schlag bei einer der beiden kommenden Sendungen, den wir PolitikkonsumentInnen dannzumal hoffentlich alle gesehen haben werden.

Claude Longchamp

Quelle:
Paul Lazarsfeld, Bernard Berelson, Hazel Gaudet: The people’s choice. How the voter makes up his mind in a presidential campaign. New York 1944.
Thomas E. Patterson: The mass media election. How Americans choose their president. New York 1980.

WĂ€hlerprozent und Elektorenstimmen

„Obama ĂŒberholt McCain“, „Palin-Effekt wirkt“, „McCain in der Defensive“ oder „Finanzkrise lĂ€sst Obama siegen“. Dies und Ă€hnliches bekam in den letzten Tagen ĂŒber die amerikanischen PrĂ€sidentschaftwahlen zu hören. Die Nominationsversammlungen der Parteien liegen zurĂŒck, der Wahlkampft ist in vollem Gange, und die Medien veröffentlichen im Tagesrhythmus Wahlumfragen. Doch was sagt das alles aus?

Darstellung der demokratischen und republikanisch stimmenden Staaten bei den amerikanischen PrÀsidentschaftswahlen, gewichtet nach BevölkerungsstÀrke.

Darstellung der demokratischen und republikanisch stimmenden Staaten bei den amerikanischen PrÀsidentschaftswahlen, gewichtet nach BevölkerungsstÀrke.


Von der Hektik sollte man sich indessen nicht zu stark beeindrucken lassen. Zwar finden die Wahlen in den ganzen Vereinigten Staaten statt, doch gibt jeder Bundesstaat seine Stimmen geschlossen nur fĂŒr einen der beiden Bewerber ab. Man erinnert sich: Al Gore kam im Jahr 2000 auf 49 Prozent der Stimmen; er lag damals vor George W. Bush. Doch dieser erhielt 4 Elektorenstimmen mehr als sein Kontrahent und gewann so die damaligen Wahlen.

Um zum amerikanischen PrÀsidenten gewÀhlt zu werden, braucht es 270 Elektoren. Das ist eins mehr als die HÀlfte der Abgeordenten im ReprÀsentantenhaus und im Senat zusammen. Denn jeder Bundesstat hat soviele Elektoren wie Vertreter in Washington.

Zwischenzeitlich gibt es zahlreiche Uebersichten ĂŒber die Umfragen, die auf der Ebene der Bundesstaaten durchgefĂŒhrt wurden. Sie alle systematisieren entweder die eigenen oder alle Umfragen und klassieren die Staaten aufgrund der Wahrscheinlichkeit, dass demokratisch oder republikanisch stimmen werden.

Zwar differieren auch hier die Plattformen in den genauen Zahlen. Das hĂ€ngt damit zusammen, wie man die Staaten mit erwartetem knappen Ausgang klassiert. Doch eines ist allen Uebersichten gemeinsam: Es fĂŒhrt Barack Obama. Nachgeschlagen werden können die Uebersichten beispielsweise auf wikipedia.

Claude Longchamp

PS:
So berechtigt solche Uebersichten fĂŒr die USA sind, so wenig sagen sie in der Schweiz aus. Zwar finden die schweizerischen Parlamentswahlen auch in den Kantonen statt, doch bei der Bestimmung der ParteistĂ€rken zu den Nationalratswahlen kommt das Proprozsystem zum Tragen, das sich erheblich vom Wahlverfahren in den USA unterscheidet.

„Samuel Schmid im Tief“ oder „Keine Volkswahl des Bundesrates“

Am Samstag berichtete der „Blick“ auf zwei Seiten ĂŒber eine Umfrage von Isopublic zur UnterstĂŒtzung der BundesrĂ€tInnen, insbesondere zum support von Bundesrat Samuel Schmid. Zusammengefasst wird das Ganze unter dem Titel: „Schmid verliert die Gunst des Volks“. Ich halte mal dagegen, denn der Titel zur Studie hĂ€tte heissen mĂŒssen: „Keine Volkswahl des Bundesrates“.

Die Brisanz ist klar. Bundesrat Schmid hat bei der Ernennung der Person des Armeechefs einen Fehler gemacht. Er hat das im Bundesrat und in der Oeffentlichkeit selber bestĂ€tigt. Der Bundesrat stĂŒtzt ihn unverĂ€ndert. In den Worten von BundesprĂ€sident Couchepin ist das Ganze eine virtuelle Krise, – von den Medien entfacht. In der Bevölkerung werde Schmid genauso wie im Bundesrat getragen, so die prĂ€sidialen Worte.

NĂŒchtern betrachtet, legt die Umfrage von Isopublic drei SchlĂŒsse nahe:

. Eine knappe Mehrheit will, dass der Bundesrat im Parlament gewÀhlt wird.
. Eine knappe Mehrheit will, dass Schmid im Amt bleibt.
. Eine knappe Mehrheit misstraut dem VBS-Chef nach dem gemachten Fehler.

Selber gefragt, wĂŒrde die Bevölkerung zwei BundesrĂ€te nicht wiederewĂ€hlen: Couchepin (FDP) und Schmid (BDP).

Diese Befunde gelten ĂŒbrigens weitgehend auch fĂŒr die einzelnen Parteien. Selbst bei der SVP findet die Aussage, Schmid solle im Amt bleiben, eine Zustimmung von ĂŒber 50 Prozent.

Die mediale Verarbeitung der Umfrage erfolgte ganz anders. Der „Blick“ drehte an der Schmid-RĂŒcktritts-Schraube munter weiter. Ganz nach dem Motto: „Wer angeschlagen ist, darf man weiter schlagen!“

Eine saubere Analyse der Umfrageergebnisse hĂ€tte eigentlich einen anderen Schluss nahe gelegt: Die Volkswahl des Bundesrates hat in der Schweiz kaum Tradition. FĂŒr das Gros der Menschen in der Schweiz gilt: Die Wahl und Abwahl von BundesrĂ€tInnen ist Sache des Parlamentes. Denn gegenĂŒber diesem Gremium muss sich ein Bundesrat in Sachfragen bewĂ€hren und die spezifische UnterstĂŒtzung finden. In der Bevölkerung geht ist die Stimmung mal besser, mal schlechter. Die diffuse UnterstĂŒtzung, die sich daraus ergibt, ist kein hinreichendes Kriterium die Aufstellung oder Abbestellung eines Bundesrates.

Unvoreingenommen hĂ€tte die Geschichte statt „Samuel Schmid im Tief“ eigentlich „Keine Volkswahl des Bundesrates!“ lauten mĂŒssen. Und das Interview hierzu hĂ€tte man mit Micheline Calmy-Rey fĂŒhren sollen.

Claude Longchamp