Freudscher Verschreiber

Manchmal ist die politische Berichterstattung tiefgrĂŒndiger, als sie sich selber versteht. Zum Beispiel in der heutigen NZZ ĂŒber das bĂŒrgerlich-liberale Pro Komitee zur IV-Zusatzfinanzierung.

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Abhandlung von Sigmund Freud, in der er sich mit dem „Freudschen Versprecher“ auseinander setzte.

Seit einigen Tagen heizt die SVP mit Inseraten die Volksabstimmung zur IV-Zusatzfinanzierung krĂ€ftig an. Das bĂŒrgerliche-liberale Pro-Komitee sah sich deshalb gestern gezwungen, mit einer Medienmitteilung zu reagieren. Die verbreiteten Zahlen seien falsch, die Ausgaben fĂŒr die IV konnte zwischenzeitlich gedrosselt werden; jetzt brauche es noch die Mehreinnahmen, um die IV wieder ins Lot zu bringen, hiess es ganz im Sinne der Vorlage, ĂŒber die wir am 27. September 2009 abstimmen.

Nun weiss man, dass die Frontstellung vor allem der FDP.Die Liberalen zugunsten der IV-Revision nicht einfach war. Zuerst musste Bundesrat Pascal Coucepin die Abstimmung verschieben, weil er seine freisinnigen Truppe nicht mobilisieren konnte. Dann hielt sich die economiesuisse mit AktitvitĂ€ten zurĂŒck, weil sie eine Steuererhöhung in der aktuellen Wirtschaftslage ablehnte. Schliess fand sich aber, wobei die EinfĂŒhrung bei einem Ja um ein Jahr verspĂ€tet erfolgen und eine weiter reichende Revision der IV angekĂŒndigt wurde.

Doch scheint einiges an Bedenken in bĂŒrgerlicher Redaktionen hĂ€ngen geblieben sein. Die NZZ erfand nĂ€mlich im heutigen Artikel (leider nicht auf Internet nachschlagbar) hierzu eine neue politische Position. Statt das bĂŒrgerlich-liberale Pro-Komitee zu zitieren, schrieb man, die Stellungnahme sei vom „gegnerischen Pro Komitee“ abgegeben worden ….

Die Definition des Freudscher Versprechers oder Verschreiber lautet: „Bei der Bewertung eines Versprechers als eine „Freudschen Fehlleistung“ wird davon ausgegangen, dass in der Bedeutungsabweichung, die durch einen Versprecher entsteht, eine tief verankertere, unbewusste Aussage ausdrĂŒckt wird, die durch das aktuelle Bewusstsein nur unzureichen ĂŒberlagert ist.“

Claude Longchamp