Archive for MĂ€rz, 2016

Was entstehende QuartĂ€rmedien gerade der Gemeindekommunikation fĂŒr Chancen eröffnen

QuartÀrmedien sind jene Medien, die beispielsweise politischen Akteuren die Produktionsmittel der Kommunikation wieder in ihre eigenen HÀnde geben. Sie bieten neue Chancen der politischen Kommunikation, die sich gerade Behörden von StÀdten und grösseren Gemeinde nicht entgehen lassen sollten.

Was ist eigentliche Gemeindekommunikation? – Meine generellste Antwort lautet: Gemeindekommunikation basiert gerade in der Schweiz stark auf dem Gedanken der Versammlungsdemokratie, die allgemein gĂŒltige Entscheidungen öffentlich verhandelt, die durch Regierung und Verwaltung vorbereitet und durch Parteien und Interessengruppen abgesichert werden und ĂŒber die namentlich in SekundĂ€rmedien zuhanden der BĂŒrgerschaft berichtet wird. Das alles löst viele Aufgaben der Gemeindekommunikation, aber immer weniger all.

Uebersicht ĂŒber Medientypen auf den Oeffentlichkeitsstufen

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Hinter meiner Definition stecken zwei kommunikationswissenschaftlichen Thesen: Die erste besagt, dass öffentlich das Gegenteil von geheim ist. Dabei wird Oeffentlichkeit auf drei Stufen hergestellt: Am einfachsten, aber schwĂ€chsten in der meist ungezwungenen Begegnung zwischen Menschen ausserhalb des Privaten, anspruchsvoller und wirkungsvoller in der frei zugĂ€nglichen Versammlung mit Rede (und Gegenrede) zur Erörterung eines Thema und Fassung von BeschlĂŒsse, und in den Medien, die ĂŒber das berichten, was ihre NutzerInnen zu allgemein verbindlichen Entscheidungen wissen mĂŒssen, um es selber (nachzu)verhandeln. Die zweite These verweist darauf, dass der Medienbegriff gerade differenziert werden muss: das primĂ€re Medium ist der Mensch, denn seine Kommunikation ist am authentischsten. Das sekundĂ€re ist das Gedruckte von der Zeitung bis zum Buch, die Verbindlichkeit in den Bericht bringen. Elektronische Medien wie Radio und TV werden auch TertiĂ€rmedien bezeichnet, die es erlauben, die Reden mitzuerleben oder das Bewegte mitzuverfolgen, selbst wenn man nicht vor Ort war oder ist. Sie basieren allerdings auf der Trennung von Sender und EmpfĂ€nger, denn die Produktion von Inhalten der elektronischen Medien beruht mehr noch als bei den gedruckten auf den technischen FĂ€higkeiten, welche in der Regel nur speziell ausgebildete JournalistInnen mit sich bringen.

Mit der gegenwĂ€rtigen digitalen Transformation entstehen neu und immer mehr sogenannten QuartĂ€rmedien, deren wichtigste Eigenschaft es ist, Verbreitung und Produktion von Inhalten wieder einfacher zu machen. Bezogen auf die Politik heisst das, dass die Trennung zwischen PolitikerInnen und JournalistInnen wieder abgebaut wird. Neue PolitikerInnen werden auch Berichterstatter, vielleicht werden neue JournalistInnen auch etwas mehr MitentscheiderInnen. Genau da liegt meines Erachtens der springende Punkte fĂŒr die Gemeindekommunikation. Denn QuartĂ€rmedien erlauben es mehr als lokales Fernsehen oder lokales Radio, sich als Behörde direkt ans Publikum zu wenden. Eine einmal eingerichtete Website erfĂŒllt die grundlegenden Voraussetzungen weitgehend. Ein facebook-Auftritt bringt die Information nĂ€her ans breite Publikum. Mit Twitter wird es möglich, sind an bestimmte Zielgruppen zu wenden. Und Gemeindeapps erlauben es Informationssuchenden, das GewĂŒnschte direkt auf ihren eigenen elektronischen GerĂ€ten abrufen zu können.

In meinem Einleitungsreferat zum diesjĂ€hrigen Thuner Politforum, das sich ausfĂŒhrlich mit der Gemeindekommunikation beschĂ€ftigte, habe ich versucht, genau diese Chancen der neuen Medien herauszuarbeiten. Vor allem fĂŒr Gemeinden im urbanen Raum mit hoher MobilitĂ€t, wachsender AnonymitĂ€t und differenziertem Publikum sehe ich hier grosse Chancen, sich beispielsweise an neue Generationen zu wenden, die wenig in die Gemeindekommunikaiton integriert sind. Zu den sinnvollen Möglichkeiten zĂ€hle ich neben der Informationsvermittlung auch, Identifikationsangebote zu schaffen, vor allem dann, EinwohnerInnen, aber auch Firmen oder TouristInnen wenig ĂŒber ihren Standort kennen, Vieles aber wissen möchten. Angegangen werden können auf diesem Weg wiederkehrende Klagen darĂŒber, dass Zeitungen immer weniger und immer selektiver ĂŒber Lokales berichtet wĂŒrden – und wenn dies der Fall sei, das skandaltrĂ€chtige ĂŒberwiegen wĂŒrde. QuartĂ€rmedien machen es möglich, sich direkter und gezielter an richtige Publikum mit eigenen Inhalten zu wenden.

In kleineren Gemeinden mag das alles weniger wichtig sein. Denn da reichen normalerweise die Informationen, die auf direktem Weg mit Begegnungen vor Ort zirkulieren. Sie sind und bleiben eine StĂ€rke der Gemeindekommunikation. Das gilt sogar fĂŒr grosse Gemeinden, denn Konflikte werden in aller Regel nicht massenmedial gelöst, sondern Kraft des direkten Austausches in der zwischenmenschlichen Kommunikation, die am glaubwĂŒrdigsten ist, am meisten Vertrauen schafft und deshalb im Streitfall auch PositionsĂ€nderungen ermöglicht. Zugespitzte Kernbotschaft meines Referates in Thun war denn auch: SocialMedia hat viel Potenzial, das es zu nutzen gilt, ist aber nicht die Lösung von Problemen einer Gemeinde.

Claude Longchamp

PS: gfs.bern bietet auf dem Gebiet der Gemeindekommunikation verschiedenen Dienstleistungen an – von der Untersuchung einer abgelehnten Volksabstimmung, ĂŒber Potenziale sozialer Medien bei Zielgruppen bis hin zu Focusgruppen, um die unterschiedlichen Sichtweisen von Gruppen mit divergierenden Standpunkte im konkreten Streitfalle kennen zu lernen. Gerne beraten wir Sie in diesen Fragen.

Claude Longchamp

Schweizer Wahlen sind integer – ausser bei der Kampagnenfinanzierung

Schweizer Wahlen sind integer – wenn auch mit Abstrichen. Denn bei der Transparenz der Kampagnenfinanzierung harzt es, wie ein internationaler Forschungsbericht darlegt.

Gestern erschien der Bericht „The year in elections 2015“. Verfasst hat ihn das Kernteam des „Electoral Integrity Project“. Die Leitung liegt bei der renommierten Harvard-Professorin Pippa Norris, das Management beim Schweizer Politologen Alessandro Nai. Seit 2012 hat das weltweite Netzwerk an LĂ€nderspezialistInnen 180 nationale Wahlen in 139 souverĂ€nen Staaten untersucht. Mit dem aktuellen Report wurden auch die Schweizer Parlamentswahlen erstmals geprĂŒft.

Ziel des weltweiten Projektes ist es, „elektorale IntegritĂ€t“ zu messen. Was abstrakt tönt, ist handfest: 49 Indikatoren, aufgeteilt in 11 Dimensionen, haben die PolitikwissenschafterInnen der Harvard resp. Sydney University entwickelt, um nationale Parlaments- oder PrĂ€sidentschaftswahlen beurteilen zu können. Im Experteninterview, das darauf aufbaut, kommt der ganze Wahlprozess zu Sprache – vom Festlegen des Wahlrechts bis zur Resultatepublikation alles. Jeweils 40 Fachleute beurteilen anonymisiert die Wahl je Land. Ihre Bewertungen fliessen in einen Index von 0 bis 100 ein. Wer im Schnitt keine 40 erreicht, bekommt die Note „misslungene Wahl“.

Uebersicht zu den Wahl-Bewertungen des Political Integrity Projects fĂŒr das weltweite Mittel, den Benchmark DĂ€nemark und die Schweiz
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Quelle: The year in elections 2015. Febr. 2016
(www.electoralintegrityproject.com)
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Misslungen sind die Schweizer Parlamentswahlen beileibe nicht. Denn die Note lautet ĂŒber alles 79 (von 100). Die Schweizer Wahlen rangieren damit global gesprochen an 11. Stelle. Spitzenreiter ist neuerdings DĂ€nemark mit 86 von 100 möglichen Punkten. Vor der Schweiz liegen mit Ausnahme von Costa Rica europĂ€ische Staaten, namentlich die nordischen.

Der Jahresbericht legt aber SchwĂ€chen der Schweizer Wahlen offen. Das gilt namentlich fĂŒr die Regelung der Kampagnenfinanzen. Mit einem Wert von 41 schrammte die Schweiz nur knapp an einer handfesten Kritik vorbei. Zweitgrösstes Problem ist die Medienberichterstattung. BeschrĂ€nkte Kritik gibt es wegen der Wahlkreisgestaltung und den Auswirkungen auf die Chancen der verschiedenen Parteien.

Der hauptsĂ€chliche Mangel bei Schweizer Wahlen ĂŒberrascht nicht. Auch im Innern gibt es eine wachsende und kritischer werdende Diskussion unter Fachleuten und PolitikerInnen zu Themen wie Parteienfinanzierung oder Geld in WahlkĂ€mpfen. Die Hauptforderung zielt auf Transparenz, weitergehende Massnahmen schlagen eine Oberlimite fĂŒr Ausgaben vor.

Die empirische Evidenz zu den Folgen der weitgehend ungeregelten Kampagnenfinanzierung blieb bis jetzt recht dĂŒrftig. Am ehesten gibt es Hinweise, dass die Bekanntheit und das Image von KandidatInnen mit Geld beeinflussbar sind. Der Nachweis einer gekauften Wahl, beispielsweise im StĂ€nderat, blieb bis jetzt aus. Praktisch in Luft aufgelöst haben sich Versuche, die Höhe der Parteistimmen als Funktion des Geldes aufzuzeigen.

2015 könnte sich hier einiges geĂ€ndert haben. ZunĂ€chst haben SVP und FDP nicht nur am meisten Stimmen hinzu gewonnen. Sie haben auch am meisten geworben und hierzu investiert. Ob der Zusammenhang verallgemeinerungsfĂ€hig ist, bleibt vorerst offen. Die bisher erfolgreichste Spur verweist darauf, dass die Langfristigkeit von Werbung mit der ParteistĂ€rke korreliert. Denn die frĂŒhzeitige Aktivierung vorhandener, aber abgeschwĂ€chter Parteibindungen kann werberisch beeinflusst werden, was die Teilnahme und Zustimmung zugunsten einer spezifischen Partei verstĂ€rkt.

Das Electoral Integrity Project ist normativer ausgerichtet. Es fragt danach, ob reiche Leute Wahlen oder Sitze kaufen können, ob Kampagnenfinanzen transparent ausgewiesen werden, ob staatliche Ressource fĂŒr WahlkĂ€mpfe missbraucht werden können und ob Parteien und KandidatInnen gleichen Zugang zu öffentliche VergĂŒnstigungen haben.

Noch sind die Details des Forschungsprojekts zur Schweiz nicht bekannt. Bekannt ist die Bewertungen insgesamt, und auch die Aufteilung der Noten nach Dimensionen kennt man. Sie lassen den Schluss zu, dass die Schweizer Wahlen als Ganzes integer sind, wenn auch mit einigen Abstrichen, insbesondere bei der Kampagnenfinanzierung. Die Schweiz tÀte gut daran, sich des Themas noch rechtzeitig anzunehmen!

Claude Longchamp