Archive for September, 2011

Wahljahr im Zeichen der Schuhe

Diese Woche war ich jeden Abend unterwegs. In Wahlsendungen, auf Podien und als Vortragsredner. Um ĂŒber Wahlen, WahlkĂ€mpfe und Wahlanaysen zu sprechen. Hier meine Einleitung zum Hauptreferat.

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„Meistens seien meine Analysen relevant, schrieb jĂŒngst die BernerZeitung. Seltene Abweichungen davon bestĂ€tigen die Regel, fĂŒge ich bei. Dennoch bin ich vorsichtiger geworden als ich auch schon war: Um mich zu vergewissern, ob ich nur mit dem Kopf arbeite oder auch mein ganzer Körper mitgeht, achte ich auf meine stillen, bisweilen auch unbewussten VerĂ€nderungen.

Im Wahljahr 2011 ziehe ich nach 9 Monaten folgende Bilanz: Noch nie habe ich so viele Schuhe gekauft!

An den Schwestern Penelope und Monica Cruz kann es ja nicht liegen. Deren Kampagne fĂŒr Vögele Schuhe wurde wegen offensichtlichem Misserfolg vorzeitig eingestellt. Wahrscheinlich gehörte ich auch nicht zur anvisierten Zielgruppe. Denn dafĂŒr bin ich dann doch zu politisch.

Die ersten Schuhe, die im Wahljahr meine Aufmerksamkeit erheischten, kamen am 1. Januar 2011 mit der Neujahrskarte von Micheline Calmy-Rey. Sie zierten, als offensichtlicher eye-catcher, die NeujahrsgrĂŒsse der BundesprĂ€sidentin. Mancher Genossin dĂŒrfte die Atem stecken geblieben sein, denn das Bild hĂ€tte auch der Lauterkeitskommission der Werbung zustellt werden können – wegen sexistischer Reduktion einer Frau auf ihre FĂŒsse und Schuhe.

Man hat in der welschen Presse spekuliert, es sei MCR selber gewesen, die in verfĂŒhrerischen Pumps an uns vorbei ging. Genau genommen: aus dem Bild lief. Im Nachhinein könnte man meinen, sie kĂŒndigte ihren RĂŒcktirtt aus der Bundesregierung auf ihre Art und Weise an. Dabei verpasste sie es nicht, eine Botschaft zu hinterlassen: Die Kugeln am Boden deutete die Sozialdemokratin wie folgt: „Die Konkordanz ist zerbrechlich, tragen wir ihre Sorge!“ FĂŒr viele ĂŒberraschend, die zertretenen Kugel lagen links, rechts bestanden sie noch.

Auf solche Eleganz in der Kommunikation verzichtet das zweite Bild zu meiner These, wir befĂ€nden uns im Wahljahr der Schuhe. Dabei geht es nicht um feine Highheels, nein, es dreht sich alles um mĂ€chtige Stiefel. Gemeint ist das Wahlplakat, das die SVP laudauf, landab schalten lĂ€sst, um die WĂ€hler zu mobilisieren. Da lĂ€uft auch niemand davon, nein, da wird eingewandert. Massenhaft. Man glaubt auch zu erkennen, es seien keine Frau daruntern, nur MĂ€nner, wohl direkt aus …

Lassen wir das! Fakt ist, verwendet wird eine faschistische Symbolik – von einer nicht-faschistischen Partei. Die GrenzĂŒberschreitung hat System: Es geht um Provokation, an die Adresse der Gutmenschen, die hysterisch aufschreien sollen. Damit sich die Presse dem Ganzen annimmt, damit die Geschichte bis zu den Wahlen weiter erzĂ€hlt werden kann, wibei man genau weiss: Kein Schweizer Gericht wird auf denkbare Klagen wegen Verletzung der Rassismusnorm eintreten.

Meine Damen und Herren: Beide Bilder bewegen, aber unterschiedlich. Das ein kleidet die Haut, damit wir uns fragen, wo wir stehen. Das andere geht unter die Haut, damit wir keine Fragen mehr stellen, sondern handeln. Herrn Segert, dem Werber der SVP, rufe ich zu: Bingo! Ihr Bild kam selbst in meinen TrĂ€umen vor, was beweist, dass sie eine meiner Emotionen getroffen haben, auch wenn mein Kopf das nicht zugehen will. Das beweist, dass man VerĂ€nderungen in Kampagnen gefĂŒhlmĂ€ssig mindestens so klar erkennen kann wie verstandesmĂ€ssig. Wer Kampagnenanalysen vor Wahlen betreibt, sollte das nicht vergessen. Und nun zu Sache selber!

Claude Longchamp

Wahlkampf in den Online-Medien

Das Projekt Chronik-ON des Instituts fĂŒr Politikwissenschaft der UniversitĂ€t Bern analysiert die Online-Berichterstattung in elektronischen Print- und sozialen Medien. Erste Resultate zeigen, dass die wahlkampfbezogene Berichterstattung steigt, prominente Personen der Parteien diesen helfen und Online-Medien vor allem den ereignishaften Wahlkampf verstĂ€rken.

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IntensitĂ€ten der Parteiberichterstattung gemĂ€ss dem neuen Forschungsprojekt „Chronik-ON“ des Instituts fĂŒr Politikwissenschaft an der Uni Bern

Seit Anfang Juni werden RSS-Feeds von ĂŒber 60 Schweizer Online-Print- und sozialen Medien aus drei Sprachregionen gesammelt.Aehnlich wie die Nachrichtenticker liefern sie Titel und Textanrisse sowie Links zu Originalartikeln. Untersucht werden dabei sechs zentrale Wahlkampfthemen (EU, Migration, Energie und Umweltschutz, Verkehr, Steuern und Abgaben sowie Sozialwerke).

Die bisherige Auswertung (Kalenderwochen 24 bis 36) verdeutlicht den Trend zu stÀrkerer Parteiberichterstattung. Die Analyse bringt insbesondere drei erfolgreiche Muster der Berichterstattung zu Tage:

Erstens wird hĂ€ufig ĂŒber Parteihandlungen berichtet, wobei die Parteien die mediale Aufmerksamkeit mitbeeinflussen können. Ein solches Parteiereignis kann ein Wahlfest, ein BundesratsrĂŒcktritt oder die Einreichung einer Initiative sein. Die RĂŒcktrittserklĂ€rung von Micheline Calmy-Rey sowie die Einreichung der Cleantech-Initiative bescherte beispielsweise der SP in Kalenderwoche 36 hohe mediale Aufmerksamkeit.

Zweitens steigern Auftritte von Parteiexponenten wie BundesrĂ€te oder ParteiprĂ€sidenten die mediale Aufmerksamkeit. Ob die AushĂ€ngeschilder dabei ĂŒberlegt vorgehen oder sich eher ungeschickt verhalten spielt fĂŒr die MedienprĂ€senz vorderhand keine Rolle. Die Ergebnisse von Chronik-ON zeigen beispielsweise eine ĂŒberraschend hohe onlinemediale PrĂ€senz des Freisinns, welche grösstenteils Fulvio Pelli zu verdanken ist.

Eine besondere Herausforderung ist drittens das Erzeugen von Ereignissen, die sich ĂŒber lĂ€ngere Zeit in den Medien halten und Reaktionen von anderen politischen Akteuren provozieren. Letztere kommen einer Multiplikation des Medienechos gleich, von der insbesondere die provozierende Partei profitiert: Ohne ihr Zutun wird ĂŒber sie berichtet. Auch Negativberichterstattung verhilft zu Medienaufmerksamkeit und mobilisiert – so das KalkĂŒl – mindestens die eigene WĂ€hlerschaft.

Die verschiedenen Parteien sind in den drei Mustern unterschiedlich erfolgreich. WÀhrend kleinere Parteien kaum eigene Medienereignisse produzieren können, deckt die SVP alle drei Muster ab. Durch sehr rasche Reaktionen auf aktuelle Geschehnisse und provokative Zuspitzungen erreicht die Partei Reaktionen von allen Seiten. Zwar haben auch die SP und die FDP Strategien entwickelt, um in den Medien prÀsent zu sein, jedoch gelingt ihnen dies nicht im selben Ausmass wie der SVP.

Das Chronik-ON Projekt ist gegenĂŒber dem einfachen Google-Rating, welche die Sonntagszeitung prĂ€sentiert, sicher ein Fortschritt. Nicht unproblematisch am neuen Projekt ist aber der Vorgriff, auf das, was Wahlkampf-Themen sind. So fehlt mit der „Starke Franken“ als explizite Kategorie: Es fehlt die Offenheit gegenĂŒber dem Unbekannten im Wahlkampf – was nachgerade sein konstitutives Element im Jahre 2011 geworden ist.

Claude Longchamp

PolitologInnen in der Medienöffentlichkeit

Ich bin seit der BZ-Publikation ĂŒber PolitologInnen im Wahlkampf mehrfach angegangen worden, weshalb es PolitologInnen in der Oeffentlichkeit brauche. Nicht nur von PolitologInnen, auch von PolitikerInnen, JournalistInnen und BĂŒrgerInnen. Hier mein Versuch einer allgemeinen Antwort.

Im deutschen Sprachraum hat sich keiner so grĂŒndlich mit Sprechern in der modernen Oeffentlichkeit auseinander gesetzt, wie der Soziologe Friedhelm Neidhardt. Oeffentlichkeit, bestimmte der ehemalige PrĂ€sident des Wissenschaftszentrum fĂŒr Sozialforschung, mĂŒsse Transparenz herstellen, Fakten spiegeln, Meinungen prĂŒfen, um dem Publikum Orientierungshilfen anzubieten. Da etablierte Positionen wie jene des Staates oder der organisierten Akteure in der Medienöffentlichkeit tendenziell mainstreaming seien, komme SprecherInnen in Medien die Aufgabe zu, untervertretene Standpunkte zu artikulieren: Sie reprĂ€sentieren mitunter das Volk, statt das den Behörden zu ĂŒberlassen; sie sprechen fĂŒr die Minderheit statt fĂŒr die Mehrheit; sie sind Fachleute, wo Laienstandpunkte vorherrschen; und sie moralisieren, wo der Eigennutzen im öffentlichen Auftritt seine Begrenztheit ĂŒbersieht.

Bezogen auf PolitologInnen als Sprecher in der Oeffentlichkeit schliesse ich auf drei mehr oder minder akzeptierte Medienrollen:

Sie informieren als ExpertInnen,
sie intervenieren als Intellektuelle, und
sie handeln als FĂŒrsprecherInnen.

ExpertInnen unter den PolitikwissenschafterInnen haben Routinen im Umgang mit neuen Gegebenheiten, kennen die Sache aus eigener Erfahrung und sind zu Abstraktionen fĂ€hig, welche es ihnen erlaubt, ihr ĂŒberdurchschnittliches Wissen mit Erfolg auf neue Situationen anzuwenden. ExpertInnen sind auf ihrem Gebiet Spitze; sie haben sich als Instituts-, Forschungs- oder Projektleiter etabliert. Sie haben sich durch Literaturkenntnisse und eigene Publikationen nicht nur eine interne Reputation erworben; sie verfĂŒgen auch ĂŒber Kommunikationskompetenzen, die ihnen externe Reputation bring. In der Milizkultur der Schweiz, sind ExpertInnen angesichts globaler PhĂ€nomene, welche die Oeffentlichkeit beschĂ€ftigen, internationaler Trends, die vor den Grenzen nicht halt machen, aber auch der Spezialisierung der Diskurs gefragter denn je. Voraussetzung dafĂŒr ist allerdings, sehr gute Sprachfertigkeiten haben, live im Fernsehen zu bestehen, de persister en direct Ă  la radio, or to be active as wellknown blogger. ExpertInnen in der Oeffentlichkeit sind sachorientiert, können schnell denken, sind verstĂ€ndlich in ihrer Argumentation, und rheorisch gewandt in der Diskussion.

Intellektuelle PolitologInnen haben ihr Fenster der Gelegenheiten. Denn sie leben davon, dass es in der Medienöffentlichkeit immer wieder ĂŒbervertretene Standpunkte gibt, zu denen sie Gegensteuer geben. Schon deshalb sind sie parteiisch, verfolgen sie ausgewĂ€hlte Themen, haben sie ein Projekt. Intellektuelle Politologen misstrauen den MĂ€chtigen, haben eine republikanische Gesinnung, sind die Sachwalter der Moral, wenn sie vor die Hunde zu gehen droht. Intellektuelle emören sich, um Widerstand zu organisieren. In der Oeffentlichkeit intellektuell zu intervenieren, darf indessen nicht zur Routine werden; im Zweifelsfalle gilt: HĂ€ttest Du geschwiegen, wĂ€rst Du eine oder ein Intellektuelle(r) geblieben! Intellektuellen unter den PolitologInnen geht es Ă€hnlich wie denen unter den Schriftstellern: nicht jede(r), der sich dazu zĂ€hlt, taugt als dazu. Intellektuelle BĂŒcher dĂŒrfen uns nicht einfach unterhalten, sie mĂŒssen uns zu VerĂ€nderungen inspirieren.

FĂŒrsprecher unter den PolitwissenschafterInnen haben Mandate, vertreten aber nicht einfach ihren Mandanten, vielmehr ihre eigene Sache, die zu der ihrer Mandaten werden kann. FĂŒrsprechen mĂŒssen Transparenz walten lassen, wen sie vertreten,. ohne dass sie deshalb zu schlechten Sprechern werden. Da sind die AnwĂ€ltInnen den PolitologInnen noch voraus. FĂŒrsprecher arbeiten meist als SelbstĂ€ndige fĂŒr den Staat, fĂŒr die VerbĂ€nde, fĂŒr die Parteien, fĂŒr Bewegungen oder Denkfabriken, um ihre Mandaten auf Konflikte vorzubereiten oder sie in einer öffentlichen Debatte zu stĂ€rken. Letztlich sind sie BeraterInnen. Man erwartet, dass sie klare Standpunkte einnehmen, dafĂŒr Positionen beziehen, Interessen vertreten. Doch mĂŒssen sie akzeptieren, dass auch das Gegeninteresse mit FĂŒrsprechern auffĂ€hrt. Das fordert von ihnen eine professionelle SelbstbeschrĂ€nkungen, von ihren Mandaten eine gewisse Selbstbegrenzungen, und von den Medien minimale Fairness.

Ich weiss, AbsolventInnen eines Politologiestudium können auch ganz anderes machen. Sie können ihre Ausbildung als GeneralistInnen-Training verstehen und danach irgend einen Beruf ergreifen. Oder sie werden GeneralsekretĂ€rInnen von Parteien, LeiterInnen von Public Affairs Abteilungen in VerbĂ€nden, oder in Denkfabriken fĂŒr Bewegungen arbeiten. Wenn sie als das in der Oeffentlichkeit auftreten, sind sie vor allem ReprĂ€sentantInnen ihrer Organisationen. Das gilt weitgehend auch fĂŒr PolitologInnen, die in die Medien gehen, zu PublizistInnen werden, sich als MeinungsfĂŒhrer betĂ€tigen, oder in Regierungen gewĂ€hlt werden. Ihr Status als ausgebildete PolitikwissenschafterInnen in Medien- und Politikberufen qualifizert sie nicht als PolitologInnen in der Oeffentlichkeit – ausser auch sie nehmen eine der drei Rollen ein, die ich zu den spezifischen und akzeptierten gezĂ€hlt habe.

Claude Longchamp

Mein Spinnennetz

Sieben BundesrĂ€tInnen hat die Schweiz – und sieben medienwirksame PolitikwissenschaftInnen. Das jedenfalls suggeriert die Bernerzeitung mit ihrem heutigen Rating (Bericht auf newsnetz, Rating selber leider nicht) zu unserer Berufsgilde unter dem Titel „Das Schattenregime der Politologen“.

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Die Auslegeordnung, die BZ-Journalist JĂŒrg Steiner mitten im Wahlkampf riskiert, liesst sich gut. Denn sie kommt im richtigen Moment, und sie ist nicht ohne Augenzwinkern gemacht. Verwendung findet nĂ€mlich das Spinnennetz von smartvote, das Instrument also, das Politwissenschafter gebrauchen, um Politiker zu bewerten, ausser dass nun der Medienschaffende die Politologen bewertet.

Als „Vermessener“ danke ich zuerst: Denn selten wurden die Kriterien, nach denen wir PolitologInnen in der Praxis von JournalistInnen taxiert werden (können), so klar und deutlich offen gelegt, wie in diesem Zeitpunkt-Beitrag. Und selten konnte man sich so klar in Beziehung setzen zu den medialen Mitbewerbern.

So entnehme ich den Spinnennetzen, Wissenschaftlichkeit, PrÀgnanz, Unterhaltungswert, OriginalitÀt, Parteilichkeit, Geschwindigkeit, Relevanz und PrÀzision sind von journalistischem Belang, um im Wahlkampf an unsere Gilde zu gelangen. Ich weiss jetzt auch, dass Michael Hermann in Sachen Geschwindigkeit, PrÀgnanz und Wissenschaftlichenkeit besser sei als ich, Regula StÀmpfli wieder origineller und unterhaltsamer, und Adrian Vatter prÀziser. Meine Gesamtbilanz ist durchaus robust, und ich selber werde, was mich freut, als der relevanteste taxiert!

Doch: Warum fehlt Andreas Ladner, der Politologe von TeleZĂŒri, auf der Liste, kommt dafĂŒr Hans Hirter vor, der PensionĂ€r. Und warum ist die VerstĂ€ndlichkeit unserer Analysen kein Beurteilungskriterium? Schliesslich: Was macht es aus, das Politgeograf Hermann fĂŒr einen Medienschaffenden der wissenschaftliste Politologe ist? Zu gerne wĂŒrde man auch solches erfahren, denn die BZ kritisiert unsere Berufsgilde mitunter wegen mangelnder Transparenz – ohne selber offen zu legen, wie sie zu ihren SchlĂŒssen kommt.

Als „Doyen des politologischen TV-Auftritts“ erlaube ich mir eine Methodenkritik: Sieben der acht Kritierien im Rating sind so ausgerichtet, dass es positiv ist, je mehr Ratingpunkte man bekommt. Beim achten versagt diese Logik. Es betrifft die Parteillichkeit, bei der Regula StĂ€mpfli in der BZ auf den Idealwert kommt, dafĂŒr aber regelmĂ€ssig gescholten (und bisweilen auch geschnitten) wird! Und so frage ich: Sollen wir parteilich oder unparteileich sein? Das ist nicht nur ein rhetorisches Nachhaken: Die Erwartung des Publikums ist nĂ€mlich durchwegs „unparteilich“, die der JournalistInnen nicht wirklich – nicht zuletzt, damit sich die VerfasserInnen von Artikeln oder Interviews dahinter verstecken zu können, wie Roger Blum, emeritierter Professor fĂŒr Medienwissenschaft, einst so treffend analysierte.

Damit bin ich beim springenden Punkt: In den meisten ZusammenhĂ€ngen, in denen ich beispielsweise medial zitiert werde, stĂŒtzen sich Medienschaffende entweder (ohne Nachfrage) auf Ă€ltere Aussagen, die in ihrer Mediendatenbank abgelegt sind, oder auf Antworten zu Fragen, welche sie selber formuliert haben. Da kann man nur mitmachen oder absagen; Einfluss nehmen auf die Stossrichtung kann man kaum. Nur im Ausnahmefall setzen wir mit Studien oder Essays die Themen oder Argumente, die schliesslich vermittelt werden. Die Macht der PolitologInnen kleiner als die Macht der Berichte ĂŒber sie.

Eines sollte man nicht ĂŒbersehen: Die „Parade der Politologen“ wird nicht durch die Politwissenschafter organisiert, sondern von den MedienhĂ€user bestimmt. Die MedienpolitologInnen sind deshalb auch „Schattenregime“, sondern IndividualistInnen mit RivalitĂ€ten, die sich nie koordinieren werden, um gemeinsame Positionen zu vertreten!

Ueberhaupt: Die „heimliche Macht“, die uns der Aushang unterstellt, kann nur ausserhalb von Oeffentlichkeit entstehen – basiert Macht auf Oeffentlichkeit, wie das bei der Medienpolitologie per definitionem der Fall ist, ist sie nicht heimlich.

Claude Longchamp

Politische Kommunikation – fĂŒr die Schweizer Praxis

Politische Kommunikation, theoretisch abgestĂŒtzt, in der Praxis angewandt, ist das Thema des neuesten Buches zur politischen Kommunikation mit starkem Schweiz-Bezug.

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Barbara GĂŒnthard-Maier war mal in Bundesbern tĂ€tig. Im Umfeld von Politik und Wirtschaft. Dann machte sie sich selbstĂ€ndig. Als Leiterin einer Spezialagentur in Winterthur. Dabei betreute sie auch den CAS an der ZĂŒrcher Hochschule fĂŒr angewandte Wissenschaft, in dem ich (nebst anderen) unterrichte.

Nun ist die heutige Dozentin am MAZ in Luzern unter die Buchautorinnen gegangen. Dieser Tage erscheint ihr Erstling, „Politische Kommunikation“ betitelt, im bekannten Orell FĂŒssli Verlag.

Am Buch ĂŒberzeugt vor allem die Systematik. Politische Kommunikation ist nicht einfach alles und jedes, es wird aufgelöst in Integrierte Kommunikation, Lobbying und Campaigning. Jeder Buchteil hierzu beginnt mit einem Fallbeispiel, das die Autorin selber bearbeitet hat. Daran wird ausfĂŒhrlich aufgezeigt, was der Lösungsansatz war und was weitere Anwendungen sein könnten. Abgeschlossen werden die AusfĂŒhrungen durch eine Checkliste, die das Wichtigste fĂŒr den Schnellgebrauch festhalten.

Selbst die LösungsansĂ€tze werden in diesem Buch stark formalisiert prĂ€sentiert. Was ist das Ziel?, was die Strategie?, was die Massnahmen? und aufgrund von was kann man Wirkungen evaluieren?, fragt sich die Kommunikationswissenschaftler mit harter Strenge ĂŒber 350 Seiten hinweg. Wer das macht und durchhĂ€lt, ist kein(e) SchaumschlĂ€gerIn, wie sie in der Branchen verbreitet sind.

Und was so entsteht, ist beinahe ein Handbuch, allerdings nicht aus der Sicht der Fachwelt, sondern aus der Optik der Fachfrau. Stolz kann sie darauf sein, die Menge der Informationen in ein Modell integriert zu haben, das man seinen Kommunikationsproblemen immer wieder zu Grund legen kann. FĂŒr mich eine gelungene Synthese aus Informationen, Erfahrungen und Systematiken.

Ueberhaupt, Barbara GĂŒnthard-Maier weiss, wovon sie spricht. Das spĂŒrt man auf jeder Seite. Sie weiss auch, von wo sie kommt. Auch das ist unĂŒbersehbar: Deshalb leitet sie ihr Buch auch mit einem ausfĂŒhrlichen Kapitel zu den Besonderheiten der politischen Kommunikation in der Schweiz ein, das Fremde kurz und knapp in die Kommunikationskultur unseres Landes einfĂŒhrt. Spannend gemacht ist das, weil sie 10 Fallstricken diskutiert, denen man hierzulande erliegen kann.

Vielleicht hĂ€tte allerdings eine 11. gebraucht, von der sich die Autorin selber nicht ganz befreien konnte. Die Begrenzung der politischen Kommunikation auf ein Land macht bei der Integrierten Kommunikation eines lokalen Akteurs noch Sinn. Schwieriger wird es schon, wenn man Lobbying national definiert, denn immer mehr Entscheidungen werden nicht in ZĂŒrich oder in Bern getroffen, sondern in BrĂŒssel, Singapur oder weiss wo. Das gilt ganz besonders fĂŒr das Campaigning, wo ich mit der Autorin im Ansatz nicht ĂŒbereinstimme. Denn Campaigning ist nicht einfach eine Kampagne ohne zeitliche Begrenzung, wie die Autorin schreibt. Campaigning ist auch thematisch und örtlich entgrenzt. TrĂ€ger des Campaignings ist, meines Erachten, kaum eine Stadtpartei, eher eine internationale Organisation, die ihre Ziele mit den Mitteln der Kommunikation verfolgt, wo auch immer das nötig ist und zu was auch immer man Stellung nehmen muss.

Der Einwand mindert den Wert des Buches jedoch nur wenig. Denn es ist selber Ausdruck einer Professionalisierung der Kommunikation gerade in und zur Politik, die in den letzten 20 Jahren vielerorts, besonders auch in den Milizstrukturen des Schweiz stattgefunden haben. Diskutiert werden dabei nicht mehr einfach Tricks, wie das weiland Klaus Stöhlker machte, auch nicht vorwiegend die windows of opportunity, wie uns das Iwan Rickenbacher lehrte. PrĂ€sentiert werden drei SpezialitĂ€ten der heutigen Kommunikationswissenschaft, deren Vorgehensweise in der Theorie abgestĂŒtzt sind, die sich aber in der Praxis weiter entwickelt haben und durchaus als standardisierte Verfahren des Vorgehens mit Modellen, Methoden und LeitfĂ€den popularisiert werden können.

Genau das hat mich bewogen, das Vorwort zum neuen Meilenstein in der politischen Kommunikation zu schreiben, und Kollege Peter StĂŒcheli-Herlach von der ZHaW hat das Nachwort verfasst. Jetzt ist es an BeraterInnen, BeamtInnen, FunktionĂ€rInnen und PolitikerInnen, sowohl die Einsichten als auch VorschlĂ€ge zur Lösung von Problemen in den Seiten dazwischen zu beherzigen.

Claude Longchamp

Die Piratenpartei entert in Berlin – und in Bern?

Sicher, der Aufstieg der Piratenpartei in Berlin gehört zu den Besonderheiten der Wahl von gestern. Fast 9 Prozent aus dem Stand sind viel. Die entscheidende Frage dazu ist: Zeichnet sich ein neuer Trend ĂŒber Berlin oder gar die deutschen Grenzen hinaus ab?

Piratenpartei-Berlin

2006 gegrĂŒndet, profitierte die deutsche Piratenpartei anfĂ€nglich von Debatten im Internet, welche den freien und sicheren Zugang zu e-Infomationen betrafen. 2008 beteiligte man sich an den Bundestagswahlen, blieb aber unter 2 Prozent WĂ€hlendenanteil stehen. Schon damals zeigte sich, was Kollege Gero Neugebauer aus Berlin heute mehrfach sagte: Die Piraten sind ein GrossstadtphĂ€nomen. Denn auch 2008 erreichten sind verschiedenen Berliner Stadtbezirken einen Anteil von rund 10 Prozent.

Ausgehend von den Berliner Piraten hat die Partei ihr ursprĂŒngliches Profil verĂ€ndert. Sie hat verschiedene gesellschaftspolitischen Forderungen in ihr Parteiprogramm ĂŒbernommen. So das Grundeinkommen fĂŒr alle, so auch die Gratisfahrten im öffentlichen Nahverkehr. Das hat sie bei linken WĂ€hlerInnen empfohlen.

Die heute prĂ€sentierte WĂ€hlerwandungsanalyse bestĂ€tigt das. Zur Berliner Piratenpartei gibt es vier ZugĂ€nge: Man war bisherige(r) NichtwĂ€hlerInnen, man stimmte das letzte Mal fĂŒr die SPD, die Linke oder die GrĂŒnen. Andere Wanderungsgewinne sind in Berlin deutlich geringer.

Jörg Schönenborn, der Wahlkommentator von ARD, analysierte die gestrige Wahltagsbefragung auf seinem Blog so, dass die Wahl der Piratenpartei in erster Linie altersabhÀngig ist. Bei den unter 35jÀhrigen machten sie jede 6. Stimme. Je Àlter die WÀhlenden sind, desto kleiner wurde der Anteil Piraten unter ihnen. Uebervertreten sind die Piraten auch bei selbstÀndig Erwerbenden und bei MÀnnern. Selbstredend ist eine hohe InternetaffinitÀt die wichtigste Voraussetzung der Wahl.

Die eigentliche KernwĂ€hlerschaft der jungen Partei dĂŒrfte sehr klein sein. Denn noch im Juli war sie im Berliner Politbarometer kaum erkennbar, stieg dann aber von Woche zu Woche auf knapp 7 Prozent an, um schliesslich bei 8,9 Prozent zu enden.

Und in der Schweiz? Ja, es gibt sie auch, die Piratenpartei. Sie entstand 2009 in der Stadt ZĂŒrich. In Winterthur eroberte sie ihren ersten Sitz in einem Stadtparlament. In Bern, wo sie bei den letzten Grossratswahlen antrat, haperte es indessen. Die neue Partei blieb bei 0.7 Prozent der Stimmen stehen.

Programmatisch entspricht man in der Schweiz eher noch der Ursprungsidee der Piraten, die ihren Anfang in Schweden hatten: Unzensurierter Zugang zu Daten, Informationen und Wissen steht in der Schweiz im Zentrum der Forderungen. Förderung der BĂŒrger- und Menschenrechte ergĂ€nzt das ganze zaghaft.

Zu den Problemen der Partei zÀhlt, dass sie nur gering ausgeprÀgte Parteistrukturen hat. Das unterscheidet sie zwar nicht von neuen Parteien. Es erschwert jedoch eine verbindliche programmatische Diskussion und den gezielten Aufbau des politischen Personals.

In der Schweiz kommt hinzu, dass sich mit den GrĂŒnliberalen in den letzten 5 Jahren eine neue Partei in zahlreichen Kantonen am etablieren ist, die ebenfalls von der parteipolitisch wenig gebundenen urbanen WĂ€hlerschaft lebt. FĂŒr NeuwĂ€hlende ist sie genau so interessant wie fĂŒr enttĂ€uschte WĂ€hlerInnen von SP bis FDP. Das macht jeder weiteren Partei, die von vergleichbaren Potenzialen leben könnte, das Leben schwer.

So wĂ€re es meines Erachtens eine Ueberraschung, wenn die Piraten auch im Bundeshaus entern wĂŒrden, wie man heute auf dem neu eröffneten „Treffpunkt Bundesplatz“ spekuliert hat.

Claude Longchamp

Was eine StÀnderatskandidatur kostet.

190’000 Franken gibt Adrian Amstutz fĂŒr die Wahlkampagne im Herbst 2011 aus. Damit verfĂŒgt er, gemĂ€ss einer Zusammenstellung der Berner Zeitung ĂŒber das grösste Budget alles BewerberInnen fĂŒr einen StĂ€nderatssitz aus.

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Betont eigenstÀndig: Adrian Amstutz, der die aufwendigste Kampagne zur den Berner StÀnderatswahlen fÀhrt, tritt mit einem Plakat auf, das sich von der visuellen Grundlinie der SVP-Werbung in den anderen Kantonen abhebt. Nichts desto trotz bezahlt die SVP 90 Prozent seiner Wahlkampfkosten.

ZuverlĂ€ssige Angaben zu Wahlkampfausgaben sind in der Schweiz selten. Kein Wahlrecht verlangt diesbzĂŒgliche Transparenz, und von einem Recht, das von den Parteien ein bestimmtes Verhalten verlangt, kann man auf eidgenössischer Ebene gar nicht reden.

Immerhin, es ist ĂŒblich geworden, dass Medien die LĂŒcke zu schliessen versuchen. Der hĂ€ufigste Weg geht ĂŒber die KandidatInnen selber. Bei Proporzwahlen kann man dem Test durch Antwortverweigerung entgehen. Bei Majorzwahlen, wie es die StĂ€nderatswahlen sind, kann das zu Problemen fĂŒhren.

Der Berner Zeitung gelang es, von allen namhaften Kandidierenden zu den Berner StĂ€nderatswahlen im Herbst 2011 einige Angaben zu erhalten. Demnach gibt der Bisherige Adrian Amstutz von der SVP am meisten aus: 190’000 Franken sind es in der Selbstdeklaration. Es folgen Werner LuginbĂŒhl, BDP, und der Herausforderer der SP, Hans Stöckli. Sie deklarieren ein Budget von je 150’000 Franken. Als Vierter folgt Alec von Graffenried (GPS), der 120’000 Franken zur VerfĂŒgung hat. Das ist rund doppelt so viel wie bei Christian Wasserfallen, dem FDP-Kandidaten, der es auf 63’000 Franken bringt. Alle anders BewerberInnen investieren deutlich geringere Summen, haben auch kaum Aussichten auf einen Sitz im Stöckli.

Die individuell zu leistenden Anteile variieren erheblich: Zirka 40 Prozent sind es bei von Graffenried und Wasserfallen. Um einen Drittel macht der Betrag Stöckli und LuginbĂŒhl aus. Am meisten aus der Parteikasse bezieht Amstutz, zahlt er doch nur einen Zehntel des Wahlkampfes selber.
Auch wenn detaillierte Angaben fehlen: Alle Berner StĂ€nderĂ€tInnen sehr ihr Wahlkampf-Budget fĂŒr Plakate und Inserate ein. Dazu kommen je nach Person Prospekte, Karten, Flyer, Give aways, Apps, eBoards und Online-Werbung. Tyisch ist, dass man einen Grafiker, allenfalls auch einen Werber hat, der bezahlt wird. Das gilt meist auch fĂŒr den Kopf des Kampagnenstabes.

Ihre Zeit nutzen die Bewerber fĂŒr den StĂ€nderat vor allem fĂŒr Wahlveranstaltungen. 100 in den Wochen vor der Wahl können es sein. Das sind dann Podien, Events, StrassenwahlkĂ€mpfe. DarĂŒber hinaus setzen alle Kandidaten auf Medienarbeit, vermittelt ĂŒber JournalistInnen oder direkt via Internet und die Beantwortung von BĂŒrgerInnen-Anfragen.

Das alles erscheint mir plausibel. Ganz anders KandidatInnen bei Nationalratswahlen, die meist auf AktivitĂ€ten von Parteien und nahestehenden InteressenverbĂ€nden angewiesen sind, setzen StĂ€nderĂ€tsbewerberInnen auf selbst aufgezogene Kampagnen. Ihre Erfahrung aus frĂŒheren WahlkĂ€mpfen hilft ihnen da; aus dieser Zeit nehmen sie meist auch einen Wahlkampfstab mit der Organisatorisches und Kommunikatives besorgt. Gelegentlich ist der mit Partei- und Verbandssekretariaten identisch, hĂ€ufiger indessen nicht. Auch die Zahlen, welche die BZ publizierte, scheinen mir fĂŒr einen grossen Kanton in Ordnung. Einzig aus ZĂŒrich kennt man Angaben, die das Doppelte oder Dreifache erreichen des hier genannten Spitzenwertes ausmachen.

AuffĂ€llig ist diesmal in Bern, dass die beiden Bisherigen viel, ja am meisten ausgeben. Das ist eher speziell, und mit der besonderen Situation begrĂŒndet. Denn LuginbĂŒhl wurde 2007 als SVP-StĂ€nderat gewĂ€hlt, trat dann zur BDP ĂŒber, wĂ€hrend Amstutz erst bei der Ersatzwahl fĂŒr Sommaruga im FrĂŒhling 2011 reĂŒssierte.

Unklar an den publizierten Angaben ist, ob sich die Frankensummen alleine auf den ersten Wahlgang beziehen, oder auch eine Reserve fĂŒr den zweiten beinhalten. Das erfĂ€hrt man in der Regel nicht, denn es wĂŒrde einiges vom internen KalkĂŒl offen legen.
Wie könnte man das alles verifizieren. An sich recht einfach: Ein Index zum Plakaten, Zeitungsinseraten und Online-Werbung wĂŒrde helfen, wenigstens die VerhĂ€ltnisse untereinander, aber auch die Kommunikationsstrategien und Dramaturgiekonzepte zu erhellen. Das liegt Einiges unbeackert, was durch studentsiche Neugier beackert werden könnte.

An der Zusammenstellung in der BZ vom Samstag fand ich eine weitere Information erhellend. Von den NationalratskandidatInnen, die antworteten, investiert Thomas Fuchs von der SVP mit Abstand am meisten in seinen eigenen Wahlkampf. 90’000 Franken sind es nach eigenen Angaben.

Claude Longchamp

Wahlprognose fĂŒr den Kanton ZĂŒrich – durch die Journalistenbrille gesehen

Die Listen und KandidatInnen fĂŒr den Nationalrat sind in allen Wahlenkreise bekannt. Jetzt beginnt das RĂ€tselraten zu Sitzgewinnen und -verlusten. Die NZZ macht den Anfang – fĂŒr den Kanton ZĂŒrich.

„Nur wenige Verschiebungen in der ZĂŒrcher Abordnung fĂŒr den Nationalrat in Sicht“, ĂŒbertitelt die NZZ vom Samstag eine ganzseitige Auslegordnung zu denkbaren Sitzverschiebungen im grössten Wahlkreis bei den anstehenden Wahlen. Legitimiert wird das Ganze durch ein Interview mit dem Kantonsstatistiker Peter Moser, das die Seite mit der Schlagzeile „TrĂ€ges ParteiengefĂŒge“ firmiert (beides nicht online).

Da war, vermute ich mal, der Wunsch des Zeitungshauses der Vater der journalistischen Leseweise. Denn die nachgeschobenen Fakten sind anders:

Prognose von Peter Moser (leider auf seiner website nicht dokumentiert) zur Verteilung der 34 ZĂŒrcher Sitze im Nationalrat

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Im Detail verrĂ€t sich Redaktor Stefan Hotz gleich selber: Denn sollte die GLP bei ihrer zweiten nationalen Kandidatur drittstĂ€rkste Kraft im grössten Kanton der Schweiz werden, wĂ€re das auch in seinen Worten „ein historischer Erfolg“. Und sollte die CVP 2 ihrer 3 Sitze einbĂŒssen, was er nicht ausschliesst, nennt er das vorsorglich schon mal „ein historisches Debakel“.

In der Tat: Zeitgenössisch auffĂ€llige VerĂ€nderungen in der Parteienlandschaft der Schweiz zeigten sich in ZĂŒrich meist frĂŒher und deutlicher: So der Niedergang des Wirtschaftsfreisinns, so die Polarisierung zwischen SVP und SP, so der Aufstieg und der Zwist der GrĂŒnen, so die CVP, die sich im urbanen Raum platzieren will.

Selbst Rene Zeller, Inlandchef der NZZ, nennt die politischen VerhĂ€ltnisse in seinem PortrĂ€t zum Kanton ZĂŒrich ganz einfach „volatil“ – zu deutsch: verĂ€nderlich. Das wĂ€re meines Erachtens die bessere EinschĂ€tzung gewesen, und auch Grund, statt Sicherheit zu vermitteln, den Unsicherheiten nachzugehen. Denn die kantonalen Wahlen im FrĂŒhling sind verfĂŒhrerisch nahe an den nationalen, sodass man die Ergebnisse nur zu gerne ĂŒbertrĂ€gt. Doch gibt es drei Unterschiede, mindestens 2011:

. zunĂ€chst die Beteiligung, die national viel höher ist als kantonal, was gerade die Angaben fĂŒr SVP und SP unsicher macht;
. dann das Wahlrecht, das kantonal und national bezĂŒglich der Sitzverteilungen ungleich wirkt, indem die kleinen kantonal profitieren;
. und schliesslich das politische Klima, dass sich seit dem April erheblich verĂ€ndert hat, dominiert doch nicht mehr der Reaktorunfall in Fukushima das politischen Klima, wĂ€hrend heute der starke Franken, die Aengste zu Arbeitsplatzverlagerungen und die BocksprĂŒnge des Investmentbanking den Rahmen der Wahl abgeben.

So schliesse ich: Besser als journalistisch-auktorial Ruhe verbreiten zu wollen, wĂ€re es gewesen, die dieser Parameter Wirkungen auf grĂŒne, linke, rechte und Zentrumsparteien aufzuzeigen.

Claude Longchamp

StĂ€nderatswahlen: Börsianer legen Zwischenbilanz fĂŒnf Wochen vor der Wahl vor.

Wie gut Wahlbörsen bei Schweizer Wahlen funktionieren, weiss man (noch) nicht. Denn Erfahrungen hat man damit bisher nicht sammeln können. Die Wahlbörse von SRF ist das Wagnis 2011 dennoch fast flÀchendeckend eingegangen. Eine Zwischenbilanz.

Danach analysiert, was die StĂ€nderatswahlen 2011 bringen, setzen die Börsianer auf die SVP. Das die wĂ€hlerstĂ€rkste Partei der Schweiz in der kleinen Kammer untervertreten sei, ist als Botschaft hinĂŒber gekommen. Die WettbrĂŒder und -schwester rechnen mit drei Sitzgewinnen, zulasten von FDP (-3) und CVP (-2). Stabil sehen sie die SP, GPS und GLP. Das gilt auch fĂŒr die BDP, wĂ€hrend die EinschĂ€tzungen zu den beiden restlichen noch nicht gemacht sind. Am ehesten noch geht man von einem Sitzgewinn des Parteilosen Thomas Minder in Schaffhausen aus.

Die Beurteilung der Situation in den 9 Kanton der deutschsprachigen Schweiz sind sehr ungleich. Am wenigsten unsicher ist man in Glarus und Luzern. Im Glarnerland prognostizieren die Börsianer die Wiederwahl der beiden Bisherigen Freitag (FDP) und Jenny (SVP). In Luzern rechnet man mit einer parteipolitischen StabilitĂ€t. Graber (CVP) sollte es schaffen, ebenso Theiler, der Neue fĂŒr die FDP.

Auch im Kanton Solothurn erreichen zwei Kandidaten zwischenzeitlich das absolute Mehr: Zanetti, der Bisherige von der SP und Bischof, der neue von der CVP. Er liegt von Fluri, der fĂŒr die FDP den Sitzen halten soll, aber auch von Wobmann, dem Herausforderer der SVP. Sicher ist hier nichts, denn die Tagesschwankungen lasse auch einen anderen Schluss zu: Die drei bĂŒrgerlichen Kandidaten werden in einen zweiten Wahlgang geschickt.

Eine Ă€hnliches Bild zeichnen die Wahbörsen im Thurgau, in Schaffhausen und in Zug. Ueberall hat es einen Favoriten: Eberle, Germann und Brunner von der SVP, die HĂ€lfte der Stimmen machen könnten. Ueberall ist das Verfolgerfeld recht nahe zusammen, aber unter der 50 Prozent-Marke. Im Thurgau liegen namentlich HĂ€berli-Koller (CVP) und Graf-Litscher (SP) sehr nahe zusammen, in Schaffhausen gilt dies fĂŒr Minder (Parteilos) und Heydecker (FDP) und in Zug fĂŒr Bieri (CVP) und Eder (FDP).

Die grösste Unsicherheiten orten die Börsianer in ZĂŒrich, Bern, St. Gallen und Aargau. Keine(r) der BewerberInnen erreicht hier das absolute Mehr im ersten Wahlgang. In ZĂŒrich (Diener vor Guttwiller vor Blocher vor Hardegger) und St. Gallen (Brunner vor Keller-Sutter vor David vor Rechsteiner) sieht es nach einem Vierkampf aus, in Bern (Amstutz vor Stöckli vor LuginbĂŒhl) und Aargau (Bruderer vor Giezendanner vor Egerszegi) nach einem Dreikampf. Dabei könnte es auch zu Nicht-Wiederwahlen kommen, jedenfalls im ersten Wahlgang, der LuginbĂŒhl (BDP, BE), Egerszegi (FDP, AG) und David (CVP, SG) liegen je auf dem dritten Rang.

Konkrete Sitzgewinne der SVP halten die Börsianer in St. Gallen und Zug möglich, der einzige Parteilose mit Chancen ist der Schaffhauser Minder, der sich, sollte er gewĂ€hlt werden, einer grĂŒnliberalen Fraktion anschliessen wĂŒrde. Nicht nur erfreulich sieht es fĂŒr die FDP in Solothurn und Aargau aus, aber auch in Schaffhausen und Zug. Die CVP könnte in St. Gallen Federn lassen, dafĂŒr in Solothurn den Ausgleich schaffen. Umgekehrt liegt es im Bereich des spekulativ Möglichen, den Sitzverlust nach dem Abgang von Sommaruga in der Bundesrat sei es in Bern oder im Aargau wettmacht.

Wie gesagt, zunÀchst ist das Spielerei, die weder theoretisch gesichert ist, noch mit Erfahrungswerten punkten kann.

Immerhin, die vorgelegte Zwischenbilanz ist nicht einfach unerheblich. Sie legt nahe, dass gerade im urbanen Umfeld der deutschsprachige Schweiz die Fragmentierung der politischen Lager hoch ist, sodass die Allianzbildungen, möglicherweise erst im zweiten Wahlgang den Ausschlag geben werden, wer die Kantone in der kleinen Kammer der Bundesversammlung vertritt. Deshalb fĂŒge ich bei: Schade, dass es keine so interessanten Gradmesser fĂŒr die französisch- und italienischsprachige Schweiz gibt.

Was den generellen Trend angeht, wĂ€re die erwartete VerĂ€nderung nicht einfach belanglos. Denn CVP und FDP hĂ€tten, auch wenn sie geschlossen gemeinsam stimmen wĂŒrden, erstmals keine Mehrheit mehr. Diese ergĂ€be ich nur noch unter Einbezug der SVP, oder aber als Allianz aus CVP, SP, GPS und GLP.

Claude Longchamp

Analyse von StĂ€nderatswahlen – Forschungsseminar an der Uni Bern

Programm Forschungsseminar „Analyse von StĂ€nderatswahlen“
Herbstsemester 2011, Master „Schweizerische und vergleichende Politik“, IPW, UniversitĂ€t Bern

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Zielsetzung
Die Wahlforschung in der Schweiz hat sich weitgehend auf die Analyse von Nationalratswahlen konzentriert. Die Erforschung der StÀnderatswahlen blieb weitgehend aus.
Das Forschungsseminar fĂŒr Fortgeschrittene, das ich im Herbstsemester 2011 im Rahmen des Master-Programms am IPW der UniversitĂ€t Bern anbiete, will dem entgegenwirken.
Ziel des Seminars ist es, ein Modell zur Prognose und ErklÀrung von StÀnderatswahlen zu erarbeiten.
Das soll aufgrund der laufenden und zurĂŒckliegenden Wahlen in die kleine Kammer geschehen, durch Fallstudien und vergleichende Analysen ĂŒber die Kantone, allenfalls auch ĂŒber die Zeit hinweg.
Das Seminar berĂŒcksichtigt den spĂ€rlichen Forschungsstand, den die Politikwissenschafter Hanspeter Kriesi und Romain Lachat reprĂ€sentieren. Es nimmt aber auch AnsĂ€tze der Analyse auf, die Statistiker Peter Moser, Marc-AndrĂ© Röthlisberger und Stephan Tschöpe entwickelt haben, und es will auch einen Zugang zu den Ueberlegungen bieten, die sich PolitikerInnen fĂŒr ihre WahlkĂ€mpfe machen.
Untersuchen wollen wir den Einfluss von Kontextfaktoren, von Personenmerkmalen und von Kommunikationsstrategien bei StĂ€nderatswahlen. Geleistet werden die Arbeiten in Form studentischer Gruppenarbeiten, die wir gemeinsam diskutieren, welche die Studierenden ausarbeiten, und die am Schluss des Seminars prĂ€sentiert werden muss. Die letzte sitzung dient der Sichtung von Ergebnissen, die wir in unser anfĂ€nglich postuliertes Modell einbauen wollen, um so einen plausibilisierten Anstoss fĂŒr kĂŒnftige Forschungen zu geben.

Zielgruppe
Das Forschungsseminar, das sich an Studierende des Masters „Schweizerische und vergleichende Politik“ richtet, setzt grundlegende Kenntnisse der Methoden und Verfahren der empirischen Politikforschung voraus; von Nutzen ist es, Kompetenzen in der vergleichenden Forschung zu haben. Erwartet wird die regelmĂ€ssige Mitarbeit im Seminar einerseits, die aktive Beteiligung an einem studentischen Forschungsprojekt andererseits. Diese muss mĂŒndlichen und schriftlich prĂ€sentiert werden. Alles zusammen fliesst in die Note ein. Ein eigentliche PrĂŒfung gibt es nicht.

Termine
23.9. EinfĂŒhrung: Wahlforschung und Modellbildung zur ErklĂ€rung und Prognose von Wahlen
30.9. Gemeinsame Entwicklung von Ideen fĂŒr Forschungsprojekte zu Kontextfaktoren, Persönlichkeitsmerkmalen und Kommunikationsstrategien
7.10. Diskussion Forschungsstand anhand ausgewÀhlter Dokumente
14.10 Beschlussfassung zu studentischen Forschungsprojekte im Rahmen des Forschungsseminars
21.10 Exkurs I: Hochrechnung StÀnderatswahlen 2011 im Kanton Bern, PrÀsentation durch Stephan Tschöpe, Hochrechner gfs.bern

23.10. Wahltag

28.10. Diskussion ausgewÀhlter Erstanalysen der StÀnderatswahlen
4.11. dito
11.11. Kampagnenstrategien im StĂ€nderatswahlkampf, Referat von und Diskussion mit Ursula Wyss, StĂ€nderatskandidatin SP im FrĂŒhling 2011
18.11. Exkurs II: Prognose von StÀnderatswahlen
10 Uhr Prognose der Ergebnisse erster WahlgĂ€nge, PrĂ€sentation Peter Moser, Kantonsstatistiker ZĂŒrich
11 Uhr Prognose der Ergebnisse zweiter WahlgÀnge aufgrund der Resultate im ersten Wahlgang, PrÀsentation Martin Röthlisberger, Mathematiker Bern

27. 11. Nachwahltag fĂŒr StĂ€nderatswahlen

2.12. PrÀsentation der Gruppenarbeiten I: Analyse von Kontextfaktoren
9.12. PrÀsentation der Gruppenarbeiten II: Analyse von Personenfaktoren
16.12. PrÀsentation der Gruppenarbeiten III: Analyse von Kommunikationsfaktoren
23.12. Schluss: Modellbildung zur StĂ€nderatswahl fĂŒr Theorie und Praxisbesprechung: Was wir neu ĂŒber StĂ€nderatswahlen in der Schweiz wissen