Sekundärzitierungen von Umfragen sind so eine Sache …

Wer kennt das nicht: 10, 50 oder 100 Menschen stehen in einer Reihe. Der Erste sagt dem Zweiten etwas, sodass es die anderen nicht hören. Dann ist der Zweite gegenüber dem Dritten dran und so fort. Der Letzte berichtet dann dem Ersten, was er über ihn gehört habe. Zum Staunen aller verändert sich die Botschaft durch ihre Weitergabe bis ins Unkenntliche.

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Kommunikationsprobleme sind auch in der Vermittlung von Studienergebnissen häufig, wenn man mehr aus den Resultaten machen will, als möglich ist.

“24 Heures” publizierte letzte Woche eine Umfrage von MIS zum Verhältnis von SchweizerInnen zu Muslimen. Auf einen Nenner gebracht, lautete das Ergebnis: Ein Muslim kann ein guter Schweizer sein. Dem Islam als Ganzes stehen die BewohnerInnen des Landes aber distanziert gegenüber.

“32 – 38 – 24”, so lauten die Zahlen für ein positives, neutrales oder negatives Verhältnis zu Angehörigen des Islams gemäss MIS Befragung. Entsprechend sind die BewohnerInnen der Schweiz in vielen Frage, die den Islam betreffen, gespalten. In der Minarett-Frage sind 46 Prozent dagegen.

Fachmännisch gesprochen sind das alles Einstellungselemente: Bewertungen von Sachfragen, welche den aktuellen Informationsstand und die momentane Gefühlslage reflektieren. Da Entscheidungen auch Informationen und Stimmungen einer Kampagne reflektieren, können Prädispositionen und Entscheidungen identisch sein, müssen aber nicht.

Journalistisch ist das der Knackpunkt. Nicht selten wird alles mit allem gleichgesetzt! Denn besteht ein Zwang in den Medien, aus allen Umfragen vor Abstimmungen eine Prognose zu machen. Egal, ob auf gesicherter oder ungesicherter Basis.

Das konnte man Ende letzter Woche wieder einmal schön feststellen. Die Meinung zu Minaretten, wie sie “24 Heures” richtig wiedergab, wurde in “20 Minuten” zur unvermittelten Stimmabsicht über die anstehende Initiative. Eine Minderheit sei für Minarette, eine relative Mehrheit für die Initiative. “Rund zwei Wochen vor der Abstimmung seien noch 15 Prozent unentschieden”, lautete die Zusammenfassung der Studie.

In der österreichischen “Kleinen Zeitung” kams dann noch dreister: “Die Anti-Minarett-Initiative in der Schweiz hat gute Erfolgsaussichten”, wird der Artikel eingeleitet; übertitelt ist er mit: “Mehrheit für Anti-Minarett-Initiative”!

Quod erat demonstrandum: Mit jeder Weitergabe ändert sich die ursprüngliche Botschaft!

Claude Longchamp

Würde Sarah Palin gegen Barack Obama gewählt?

Wer würde gewinnen, käme es bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2012 zur Gegenüberstellung von Barack Obama und Sarah Palin? “Obama” sagen Scott Amstrong und Andreas Graefe, die ein neuartiges Prognose-Tool zu amerikanischen Präsidentschaftswahlen entwickelt haben – und legen damit Pail ein Ei ins Nest ihrer Buchvernissage.

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“Palin vs. Obama” bei den Präsidentschaftswahlen 2012: 40,5 % zu 59,5% sagen die Prognostiker jetzt schon.

Die Spekulationen
Die Spekulationen schiessen bereits ins Kraut: Barack Obama’s Demokraten verloren am Jahrestag der Präsidentschaftswahl zwei Gouverneure. Wirtschaftskrise und sinkende Popularität hätten dem Präsidenten jetzt schon zugesetzt, argumentieren die Skeptiker; lokale Probleme und Fehler der Kandidaten, erwidern die Optimisten.

Gleichzeitig stürmt Sarah Palin die Hitparaden der angekündigten Bücher. Ihre noch unveröffentlichte Biografie ist nachgefragter als alles andere. Und mit spektakulären Auftritt im Ausland will sie ihre mangelnde Erfahrung ausserhalb Alaska und den USA wettmachen, um zu der Herausfordererin der Republikaner für Präsident Obama zu werden.

Die Rechnerei

Gar nicht nach Spekulation zu Mute ist Scott Amstrong von der Pennsylvania University und Andreas Graefe vom Karlsruher Institut für Technologie. Denn sie haben ein neuartiges Verfahren entwickelt, um Ausgänge der amerikanischen Präsidentschaftswahlen vorauszusagen. Hierfür prüften sie die zahlreichen Hinweise in Tageszeitungen und Fachzeitschriften, welche Eigenschaften die Wahl ins amerikanische Präsidentschaftsamt förderten.

Insgesamt haben die beiden Forscher 49 denkbare Einflussfaktoren identifiziert. Der Kriterienraster umfasst Indikatoren zu den persönlichen Eigenschaften, familären Verhältnissen, zur Ausbildung und politischen Karriere.

Soweit möglich, habe gut sie geprüft, ob wie sie die amerikanischen Präsidentschaftswahlen seit 1900 prognostiziert hätten. Ihr Ergebnis ist verblüffend: 25 der 28 zurückliegenden Wahlen konnten mit dem aufgestellten Mix richtig nachhergesagt werden. Nur in drei Fällen hätte man sich geirrt.

Stärken und Schwächen des Verfahrens
Man mag einwenden, das sei alles nur Spielerei und arge Reduktion politischer Entscheidungen. Das erklärt wahrscheinlich auch die drei Fehlprognosen. Aber das Verfahren systematisiert die sonst fast schon beliebigen Behauptungen, welche noch so kleine Differenz zwischen BewerberInnen eine Wahl entscheiden würde, und überprüft ihre behauptete Trifftigkeit empirisch. Das macht das Instrument interessant!

Die Prognose
Auf die Paarung “Obama vs. Palin” angewendet, schneidet Präsident Obama klar besser als Sarah Palin. 20:11 lautet der Punktestand, was laut Amstrong/Graefe die Prognose ergibt: “Given the model’s historical performance, this translates to a predicted two-party voteshare of 59.5% for Obama, with a 95% prediction interval of +/- 6.2%.”

Claude Longchamp

Rassistische Uebergriffe in der EU verbreiteter als angenommen

Die Europäische Agentur für Grundrechte veröffentlichte dieser Tage die Hauptergebnisse der ersten EU-weiten Untersuchung über Erfahrungen ethnischer Minderheiten und MigrantInnen mit Diskriminierungen und rassistischen Uebergriffen. Dabei wird deutlich, dass die Problem everbreiteter sind, als aus den offiziellen Statistik hervor geht.

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55% der 23’500 repräsentativ ausgewählten MigrantInnen resp. MinderheitenvertreterInnen in den EU-Mitgliedstaaten gehen davon aus, dass rassitisch motivierte Uebergriffe in ihren Ländern verbreitet sind. 37 Prozent haben in den letzten 12 Monaten eigene Erfahrungen damit gemacht, und 12 Prozent berichtet, im genannten Zeitraum Opfer von rassistischen Straftaten geworden zu sein. Doch 4 von 5 verzichteten allerdings auf eine Anzeige, die meisten davon, weil sie nicht an Konsequenzen für die TäterInnen glauben.

Am meisten betroffen sind Roma, namentlich in Tschechien, Ungarn, Polen und Griechenland, aber auch AfrikanerInnen, speziell in Malta und Italien.

Die ersten Studienergebnisse sollen bis Ende Jahr vertieft ausgewertet und in Stockholm zum Ende der schwedischen Präsidentschaft in der EU der Oeffentlichkeit vorgestellt werden.

Claude Longchamp

Den Stand der Rassismusbekämpfung beurteilen.

Für die Konferenz der Vereinten Nationen zu Rassismus, Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz, die nächste Woche in Genf stattfindet, liegt ein verbindliches Arbeitsdokument vor. Das gab am gestern Abend die UNO-Menschenrechtsbeauftragte, Navi Pillay, an einer Medienkonferenz bekannt.

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Aufgabe der viertägigen Konferenz ist es, eine Zwischenbilanz zur nationalen, regionalen und lokalen Umsetzungm Programm zu ziehen, das 2001 im südafrikanischen Durban von der UNO lanciert worden war.

Im Schlussdokument von Durban wurden vor 8 Jahren alle Formen von Rassendiskriminierungen und Fremdenfeindlichkeit geächtet. Sklaverei wurde erstmals als Verbrechen gegen die Menschlichkeit qualifiziert. Akzente setzte Durban bei den Rechten der Urvölker. Verlangt wurde auch der Schutz von Opfern wie Ehefrauen von Migranten, die mehrfach benachteiligt werden. Beklagt wurden Diskriminerung von Einwanderern bei Wohnungs- und Stellensuche, in Ausbildung und Gesundheitswesen.

Entwürfe für die Schlusserklärung von Genf lösten im Vorfeld erhebliche Kontroversen aus. Bis am Schluss rang man vor allem darüber, ob die Meinungsfreiheit bei Religionskritik eingeschränkt werden sollte, wie das die Organsiation der islamischen Konferenz verlangt hatte. Zudem sollte die Erinnerung an den Holocaust aus dem Dokument gestrichen werden, was insbesondere den Protest pro-israelischer Gruppen hervorgerufen hatte.

Navi Palli kommentierte den Kompromiss, den Russland eingebracht hatte, als wichtigen Schritt in einem langwierigen Kampf. Wie in allen internationalen Konferenzen hätte auch hier die Staaten mit stark divergierenden Standpunkten begonnen, doch seien sie überwiegend dem Ziel der Rassismusbekämpfung verpflichtet geblieben.


Stand der Massnahmen in der Schweiz

Die Schweiz begründete im Jahr der Konferenz von Durban die Fachstelle für Rassismusbekämpfung. Sie unterstützt seither 760 Programme in Schulen, Polizeikorps und sozialen Institutionen, die verstecktem Rassismus vorbeugen. Das Bundesamt für Migration fördert Programme zur Integration von AusländerInnen mit 14 Mio. Franken, doch weigert sich der Bundesrat die UN-Konvention über Wanderarbeitnehmer und ihre Familien zu unterzeichnen. Die Eidgenössische Kommission für Rassismusfragen forderte im Vorfeld der Konferenz, zusätzliche Anstrengungen unternehmen. Insbesondere fehle in der Schweiz ein allgemeines Diskriminierungsverbot im Zivilrecht.

Die Schweiz wird an der Konferenz teilnehmen. Ihre Beteiligung abgesagt haben Israel, Kanada, die USA und Australien.

Claude Longchamp

Europa 2030: Was EuropäerInnen und SchweizerInnen von der Zukunft erwarten

In der Schweiz sind ökologische Hoffnungen top, während unmoralische Manager hierzulande auch in Zukunft floppen dürften. Das zeigt der Zukunftsbericht 2030 zur Schweiz in einem europäischen 9 Ländervergleich.

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Wenn EuropäerInnen ans Jahr 2030 denken, fürchten resp. hoffen sie …

… zu 61 %, dass Alltagsgüter wie Lebensmittel deutlich teurer sein werden,
… zu 60 %, dass die meisten Paaren zusammen leben, ohne verheiratet zu sein,
… zu 57 %, dass die Kluft zwischen Arm und Reich im jeweiligen Land grösser werden wird
… zu 52 %, dass Altersarmut ist ein ungelöstes Problem sein wird und
… zu 50 %, dass der meiste Müll wird wiederverwertet.

Soziale Aengste, gesellschaftliche Individualisierung und ökologische Hoffnungen stehen an der Spitze der Erwartungen, wie sich Europa in der nächsten Generation entwickelt. Das jedenfalls sind die fünf wahrscheinlichsten Entwicklungen, die eine grosse Bevölkerungsbefragung der Stiftung für Zukunftsfragen in 9 europäischen Ländern (unter anderem auch der Schweiz) ergeben hat. Insgesamt haben Mitte 2008 gut 10’000 repräsentativ ausgesuchte Personen zu 80 möglichen Entwicklung Auskunft gegeben.

Die soeben in Buchform veröffentlichte Studie zeigt auch, was die Menschen im alten Kontinent für unwahrscheinlich halten: dass die Stimme von Jungen in Wahl insküftig doppelt zählt, dass sich die Einkommen der Top-Manager bis 2030 verringern werden, dass Regen und Schnee lokal beeinflusst werden kann, dass Arbeitnehmer statt Geld andere Formen der Entlöhnung erhalten und dass dank Gentechnik Hunger in der Welt verschwindet.

Ulrich Reinhardt und Geogres T. Roos, zwei professionelle Zukunftsforscher aus Deutschland und der Schweiz, haben zahlreiche Kommentare zur aktuellen Erwartung des kommenden Wertwandels in einem Sammelband vereinigt, der, wie es in der Zukunftsforschung nicht anders zu erwarten ist, eher locker mit den vermuteten Trends umgeht.

Das gilt auch für den Kommentar zur Schweizer Umfrage, den Andreas Giger verfasst hat. Ihn interessierte weniger, was man in der Schweiz mehr (“Müllverwertung ganz top”) oder weniger (“Managerlöhne ganz flopp”) als anderswo auf sich selber zukommen sieht. Denn er hielt sich mehr daran auf, dass die SchweizerInnen doppelt so häufig wie etwa die Russinen eines der geschildeten Erwartungen für zutreffen einschätzten. In Europa sind sie fast Europameister, wenn es darum geht, zur Zukunft eine Meinung zu haben.

Der Soziologe folgert daraus, dass “in der Schweiz das Ganze in Form der Gemeinschaft so wichtig ist, dass der Gedanke an der Zukunft weitaus mehr Aengste und Hoffnungen prozuiert als bei den meisten anderen EuropäerInnen.” Das habe mit (national) unterschiedlichen Zukunftskulturen zu tun, als im Grad der individuellen Betroffenheit durch das Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen.

Dieser Schluss sei nicht unproblematisch, hält Giger fest, denn er bedinge Uebersetzungsleistungen, von Menschen mit ausgeprägtem Bewusstsein für Feinheiten von Wörtern, Bedeutungen, Sprachen und Kulturen geleistet. Die Briten seien hierfür ungeeignet. Die Schweiz, ironisiert Giger, hätte die besten Veraussetzungen hierfür. Nur wisse sie das noch nicht.

Also, liesst das Buch und spricht darüber!

Claude Longchamp

U. Reinhardt, Georges T. Roos (Hg.): Wie die Europäer ihre Zukunft sehen. Antworten aus 9 Ländern, Darmstadt 2009

Die Zukunft Chimerikas

Er ist der Optimist unter allen Analytikern der USA in der Zeit nach der Finanzkrise: Niall Ferguson, 45, britischer Historiker an der amerikanischen Harvard University. Der begnadeste Geschichtsprofessor seiner Generation, publizistisch vor allem im Fernsehen und mit Artikeln und Büchern dazu aktiv, erfand (mit Moritz Schularik) auch den Begriff “Chimerika”, ein Schachtelwort aus China und Amerika, weil die Oekonomien beider Länder engstens miteinander verhängt seien.

Stellt man sich die Wirtschaft beider Länder als die eines einzigen vor, kommt dieses Chimerika auf 13 Prozent der Landmasse, stellt ein Viertel der Erdbevölkerung, kommt auf etwa ein Drittel des Bruttosozialprodukts und auf circa die Hälfte des globalen Wirtschaftswachstums der letzten sechs Jahre.

Sehr einfach ausgedrückt, besorgte die eine Hälfte, die Westchimeriker, das Sparen und die andere, die Ostchimeriker, das Ausgeben. Die USA erzeugten Wachstum durch Bauen mit Schulden, während die Chinesen mit höher Produktion zu tiefen Löhnen Kredite vergaben. Doch dann enthüllte eine Welle geplatzter Hypotheken an Kreditnehmer mit schlechter Bonität, wie instabil Chimerika war.

“Wie immer bei Blasen”, sagt der Wirtschaftshistoriker, “ging schnelles Geld mit einer laxen Kreditvergabe und glattem Betrug einher.” Der Kollaps am Immobilienmarkt habe deshalb so verheerend gewirkt, weil die Banken die ursprünglichen Kredite gebündelt, in Scheibchen geschnitten und durcheinander gewürfelt und sie an Investoren in aller Welt verkauft hätten. Die Rating-Agenturen ihrerseits hätten die Premium-Etage dieser Produkte als AAA eingestuft: Quintessenz der Finanz-Alchemie. Als sich das vermeintliche Gold erst in Blei und dann in Giftmüll zurückverwandelt habe, waren die Folgen fatal.

Eine unausweichliche Konsequenz der Kreditkrise ist, dass die Vereinigten Staaten in absehbarer Zeit langsamer wachsen werden: eher ein als zwei Prozent pro Jahr statt der drei oder vier Prozent wie bisher. Dagegen kann Chinas Semi-Planwirtschaft, angetrieben von staatlich verordneten Investitionen in die Infrastruktur und wachsender Nachfrage der Konsumenten, auch weiterhin bequem um acht Prozent jährlich wachsen.

Mit einem von Amerika abgekoppelten China scheint das Ende Chimerikas nahe. Und mit dem Ende Chimerikas muss sich das globale Machtgleichgewicht verschieben, prognostiziert der Historiker. China kann andere Sphären globaler Einflussnahme erkunden, zum Beispiel im rohstoffreichen Afrika.

“Jedoch”, bilanziert Ferguson, “die Geschichte hat einen Dreh. Kommentatoren sollten, bevor sie Niedergang und Fall der Vereinigten Staaten prophezeien, immer zögern, sagt der Optimist. Die USA haben schon mehr als eine katastrophale Finanzkrise überlebt und sind jeweils geopolitisch gestärkt aus ihr hervorgegangen, galubt Ferguson aus der Geschichte herauslesen zu können. Der Grund dafür ist, dass solche Krisen, so schlimm sie daheim auch scheinen mögen, Amerikas Rivalen offenbar noch härter treffen.”

Ferguson ist für seine publizistischen Offensiven zugunsten der amerikanischen Finanzwelt ist in Fachkreisen vielfach kritisiert worden. Ein Teil der Kritik betrifft die mediale Präsenz, der andere die Nähe zur Propagnada für den Turbokapitalismus. Der Vorwurf, Halbwahrheiten mit phantasievollen Spekulationen, akademisch gekleidet, aber nur spärlich belegt zu veröffentlichen, hat dem Tausendsassa der gegenwärtig Historikerzunft nicht geschadet. 2010 kehrt er nach Grossbritannien zurück, um an der LSA über die Finanzgeschichte der Welt zu forschen und zu lehren.

Claude Longchamp

Niall Ferguson: The Ascent of Money: A Financial History of the World, Penguin Books 2008 (dt. Der Aufstieg des Geldes. Die Währung der Geschichte, Berlin 2009)

NZZ gegen neues Ausweisgesetz, nicht aber gegen e-Pass

Im bürgerlichen Zentrum ist man für das neue Ausweisgesetz, das die Einführung der biometrischen Pässe regelt. Doch ausgerechnet die NZZ gesellt sich mit liberalen Argumenten aus der gegenwärtigen Debatte mit der EU fast unbemerkt ins Nein-Lager.

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Die “alte Tante” der liberalen Gesinnung stellt sich gegen das Vorhaben von Bundesrat und Parlament, das bestehende Ausweisgesetz neu zu regeln.

So stand es diese Woche in der NZZ zu lesen: Die Redaktion “lehnt die Änderung des Ausweisgesetzes zur Einführung biometrischer Pässe in der vom Parlament im letzten Sommer verabschiedeten Fassung aus datenschützerischen Überlegungen ab.”

Anders als die fundamentale Gegnerschaft vor allem aus dem rechten politischen Lager, welche die namentlich die zwangsweise Einführung des biometrischen Passes ablehnt, hat die NZZ nichts gegen die e-Pässe einzuwenden.

Stein des Anstosses ist jedoch der Umstand, dass die biometrischen Daten auf einer zentralen Datenbank beim Bundesamt für Polizei gespeichert werden sollen. Damit gehe die Schweiz über den Schengen-Standard hinaus. Es sei deshalb nicht einzusehen, schreibt “zz” in der Erläuterung der NZZ-Position, “warum jeder Passbesitzer seine persönlichen Daten dem Staat übergeben soll.” Und: “Umfassende Datenbanken wecken nach aller Erfahrung Begehrlichkeiten. (…) Die Vorlage ist deshalb zur Verbesserung in diesem Punkt neu aufzugleisen.”

Ausdrücklich grenzt man sich damit von der nationalkonservativen Opposition ab, welche einmal versuche, das bilaterale Vertragsgebäude zu Fall zu bringen. O-Ton NZZ: “Die vom Volk deutlich gutgeheissene Schengen/Dublin-Mitgliedschaft der Schweiz wird damit keineswegs gefährdet – auch wenn aus Zeitgründen allenfalls eine Übergangsregelung mit den EU-Staaten nötig werden wird. Gerade in liberaler Sicht ist der Schutz persönlicher Daten ein hohes Gut, das man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen sollte.”

Die Anspielung auf die aktuelle Stimmungslage aus der Bankkunden-Debatte mit der USA und der EU ist unübersehbar!

Claude Longchamp

Der politische Raum in der Konjunkturpolitik der Schweiz

Unser Institut hat jüngst die Akzeptanz konjunkturpolitischer Programme untersucht. Dabei wurden unter anderem 10 Forderungen getestet, um die Höhe der Zustimmung, aber auch die wichtigsten Konfliktlinien unter den StimmbürgerInnen zu bestimmen.

Beides ist statistisch mit gängigen Prüfverfahren aus der uni-, bi- und multivariaten Statistik leistbar, für die Ergebniskommunikation aber wenig geeignet. Genau da bieten sich die Stärken der multidimensionalen Skalierung an, die komplexe statistische Ergebnisse visuell darstellt.

Produziert werden dabei zweidimensionale Karten, die sich ähnlich wie Landkarten lesen. Kennen zwei Städte, die auf einer Karte weit auseinander liegen, meist nur geringe Gemeinsamkeiten, ist das auch bei Indikatoren aus Befragungen so. Was nahe beeinander liegt,ist dagegen verwandt, das heisst es wird von vergleichbaren Menschen befürwortet (oder abgelehnt).

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Die Anwendung auf unsere konjunkturpolitische Abklärung ist obenstehend abgebildet. Dabei entspricht die x-Achse der Zustimmungshöhe zu den Forderung. Was im Westen der Karte erscheint, geniesst eine dezidierte Zustimmung, während bei Forderungen im Osten das Gegenteil der Fall ist.

Entscheidender noch ist die y-Achse, den sie zeigt auf, von wo die politische Zustimmung überdurchschnittlich erfolgt. Forderungen mit sehr hoher Befürwortung befinden sich auf dieser Dimension in der Achsenmitte. Forderung mit einer mittlere Zustimmung können aber eher rechts, linke oder Mitte-Potenziale ansprechen, während Forderung, die mehrheitlich abgelehnt werden von den eindeutig von den politischen Polen stammen.

Die Resultateinterpretation lautet demnach:

Erstens, von den gegenwärtig diskutierten konjunkturpolitischen Massnahmen kennen die Sicherung der Arbeitsplätze, die Befristung von Massnahmen und die Vermeidung von Steuererhöhung die höchste und parteipolitisch kaum profilierte Zustimmung. Aehnlich ist die Bewertung von Forderungen, wie nachhaltige Investition im Bau zu tätigen resp. die Ausagendisziplin beizubehalten, wenn sich auch hier minimale Einflüsse aus der links/rechts-Positionierung der Befragten ergeben.

Zweitens, mehrheitsfähige Positionen mit einem eindeutig überdurchschnittlichen rechten Zustimmungsprofil sind Forderungen wie sozialpolitische Ausgaben in Krisenzeiten schwächen den Wirtschaftsstandort Schweiz resp. wie nur jene Massnahmen zu realisieren, die kurzfristig eine gesicherte Wirkung zeigen. Umgekehrt kann man festhalten, dass die Ankurbelung der Wirtschaft durch Sozialausgaben eine mehrheitsfähig linke Massnahme darstellt. Dazu gehört auch, dass man mit Mehrausgaben Rezession verhindern kann.

Drittens, schliesslich gilt, dass Steuersenkungen als Massnahme gegen die Wirtschaftskrise in der Schweiz als eindeutig von rechts unterstützte Forderungen identifiziert werden können, deren Zustimmung keine Mehrheit findet, weil sie klar aus dem rechten politischen Lager unter den StimmbürgerInnen kommt.

Das MDS-Verfahren erstellt solche Uebersichten über Häufigkeit und zentrale Konfliktlinie, die aus einer Mehrzahl von Indikatoren abgeleitet werden müssen, rasch und zuverlässig, sodass sie als gültige Objektivierung politischen Forderungen im politischen Raum verwendet werden können.

Claude Longchamp

Ganzer Bericht

Medienschaffende und PolitikerInnen: Egoisten oder Altruisten und sich?

Im Rahmen einer europaweiten Studie untersucht ein Forschungsteam des IPMZ der Uni Zürich erstmals die politische Kommunikationskultur der politisch-medialen Eliten in der Schweiz. Es liegt der Zwischenbericht der Professoren Otfried Jarren und Patrick Donges vor, der jetzt in die vergleichende Betrachtungsweise eingebracht werden soll. Eine kleine Uebersicht.

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Wechselseitige Brüche im Rollenverständnis von Politik und Medien ortet die Studie des IPMZ zur politischen Kommunikationskultur in der Schweiz

In Anlehnung an die politische Kulturforschung wird die politischen Kommunikationskultur in dieser Studie in 4 Dimensionen zerlegt:

. System: Interaktionsstruktur von Eliten aus Politik und Medien
. Input: Bedeutung der öffentlichen Meinung in der Politikvermittlung
. Output: Einstellungen zur politischen Oeffentlichkeitsarbeit und
. Selbstbild: Rollendefinitionen in der Interaktion der politisch-medialen Eliten

Zur Operationalisierung wurde eine Elitenbefragung konzipiert, realisiert bei 332 prominenten VertreterInnen aus Politik und Medien.

Die Kernergebnisse

Selbstbilder: In ihren wechselseitigen Rollenbildern unterscheiden sich politische und mediale Eliten massiv. Die PolitikerInnen nehmen Medien als marktkonforme Vermittler wahr, deren Hauptaufgabe es ist, möglichst viele NutzerInnen zu haben. Die Medienschaffenden definieren sich dagegen als Informanten der BürgerInnen, damit sich diese eine begründete Meinung bilden können. Das gilt notabene auch umgekehrt: Medienschaffende sehen im medialen Engagement der PolitikerInnen den Wunsch, die eigene Bekanntheit zu erhöhen, während PolitikerInnen das als Beitrag zur öffentlichen Information sehen.

System: Der Einfluss des öffentlichen Fernsehens, der Qualitätszeitung und der Boulevardpresse eingestuft. Geringer ist der Einfluss von Privatenfensehen und Online-Medien. Generell nehmen die politischen Auskunftsgeber mehr Einfluss wahr als die Medienschaffenden. Insgesamt fällt das Urteil beider Gruppen zum Einfluss der Medien auf die Funktionsweise der Demokratie positiv aus.

Input: Die Beurteilung von Umfragen fällt gemischt aus. Regelmässige Berichte werden recht positiv beurteilt. Der Journalismus, der sich auf Umfragen bezieht, gilt aber nicht als glaubwürdiger. Vor allem Medienschaffende bleiben hier skeptisch. Von beiden Gruppen werden Meinungsumfragen übrigens nicht als Hindernisse angesehen, um politische Vorhaben selbst bei einer kritische Bevölkerungsmeinung realisieren zu können.

Output: Fernseh-Talkshows gelten schliesslich als wirkungsvollste Vorgehensweise, um Botschaften in der Oeffentlichkeit zu platzieren. Praktisch gleichwertig beurteilt werden gezielte Informationsarbeit der politischen Akteure gegenüber JournalistInnen. Generell gelten medienorientierte Strategien als geeigneter denn politikbezogene wie die Parlamentsrede.

Mein Kommentar

Das sicherlich spannendste Ergebnis betrifft die Selbst- und Fremdbilder der Eliten untereinander. Sie zeigen erhebliche Brüche. Dabei unterstellt man dem Parnter egoistische Motive, während man die eigenen altruistisch interpretiert. Es wird interessant sein, diesen kulturellen Wandel bald einmal im Vergleich mit anderen politischen Kommunikationskulturen vergleichen zu können.

Claude Longchamp

“Der schmale Grat zum Erfolg”

Er heisst Tim Frey. Und er ist Politikwissenschafter. Nun wechselt er von der universitären Theorie in die Praxis, um die Zentrale der CVP Schweiz zu führen.

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Frey ist unter PolitikwissenschafterInnen kein unbekannter, wirkt er doch als Oberassistent am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich. Seine Doktorarbeit erscheint Ende Februar 2009 in Buchform. Doch danach verlässt Frey das Feld der theoretischen Politik, um sich auf jenes der praktischen zu begeben. Denn am 1. April 2009 beginnt er als Generalsekretär der CVP Schweiz.

Sein Werdegang ist frei von Stallgeruch. Seine Familie war parteipolitsich nicht engagiert, als Timotheos 1972 in Basel zur Welt kam. Getauft wurde er auf den reformierten Glauben, und die entsprechend gefärbte Pfadi hat ihn sozialisiert. Nach einer Lehre auf dem Bau entschied sich Tim, in Genf Internationalen Beziehungen zu studieren. 30jährig wechselte er nochmals, diesmal nach Zürich, um bei Hanspeter Kriesi mit einer aufwendigen Arbeit zu doktorieren.

Der ledige Frey lebt gegenwärtig in einer WG aus Studentenzeiten. Eine eigene Familie hat er nicht; dafür interessiert ihn die neue urbane Mobilität. Und auf Internet ist er vor allem englisch unterwegs. Das Repertoire des metropolitanen Menschen wird Frey bald ergänzen müssen, wenn er auch im ruralen Umfeld der CVP bestehen will. Denn im Bewerbungsverfahren, währenddem erst er der CVP beigetreten ist, standen ihm 30 Konkurrenten aus allen Teilen der föderalistischen Partei gegenüber, darunter namhafte CVP-Repräsentanten und kantonale Funktionäre.

Man suche einen Iwan Nause oder einen Reto Rickenbacher, erzählte mir jüngst ein prominentes Mitglied der Findungskommission. Erwartet werde jemand, der weniger zögerlich sei, als dies Iwan Rickenbacher als Generalsekretär war, aber auch weniger extravertiert als Reto Nause, dem scheidenden Chef der CVP-Zentrale. Das scheint man nun in der Personen von Tim Frey gefunden zu haben. Er werde weniger nach Aussen in Erscheinung treten, aber viel für eine kohärente politische Linie sorgen, sagte der frisch Gewählte übers Wochenende den Medien.

Die grosse Herausforderung beginnt schon bald. Denn Tim Frey (politischer Standort: “in der Mitte der Mitte”) muss die CVP 2011 zum Wahlerfolg führen, will sie ihren Anspruch, aus eigener Kraft einen zweiten Bundesratssitz zu erhalten, einlösen können. Und das ist angesichts der Konkurrenz links und rechts nicht einfach, wie Frey im Titel seiner Dissertation festgehalten hat: “Der schmale Grat zum Erfolg”, heisst das Buch, das die Gegenwart der westeuropäischen Christdemokratie beschreibt.

Claude Longchamp