Der neue Bloggerfilm

Eine Trouvaille im medialen Fluss der Informationen und Gefühle ist der neue Bloggerfilm.

Die Adresse tönt ganz normal:

Michael Eugster
Ob. Waldhofstrasse 14
CH-9240 Uzwil
Email: michael.eugster[at]gmail.com

Auch der Blog dazu fällt nicht wirklich auf, heisst er doch simpel “M_Blog“.

bloggerfilm – Ein Projekt, ein Film, Schweizer Blogger from Michael Eugster on Vimeo.

Doch hat der 17jährige mit seiner Matura-Arbeit einen Volltreffer gelandet. Er hat ein Porträt des Blogs als Video gedreht. Mit anderen Bloggern. Und mit einem Konzept, das den Film auch für Nicht-Blogger verständlich macht.

Herzliche Gratulation, Michael Eugster, sag ich da zuerst! Denn es ist ein informativer Beitrag entstanden, welcher den Vielseitigkeiten des Mediums gerecht wird, die Höhen und Tiefen beleuchtet der Bloggerszene beleuchtet, Menschen zeigt, die aktiv bloggen oder sich dazu Gedanken machen, – und einem zum Schluss sogar noch zum Lachen bringt.

Vielleicht ist der Vergleich zwischen dem Blog und der Zeitung im Beitrag etwas zu schematisch. Denn nach meiner Meinung ist die Zeitung nicht einfach objektiv, und sind die Blogs nicht einfach subjektiv. Die publizistischen Formen vermischen sich vielmehr in beiden Medien. Treffender wäre da wohl gewesen, auf die Unterschiede in der Nutzung zu insistieren. Denn Blogs sind keine Massenmedien, eher Trouvaillen im Meer des Informations- und Gefühlsflusses, das uns täglich umbrandet, und in dem die Blogs wie Leuchttürme der Orientierung wirken.

Und genau deshalb findet man den ersten Bloggerfilm auf einem Blog, nicht auf der online-Plattform eines Massenmediums. Denn Blogger interessieren sich für das Neue in ihrem Umfeld, entdecken und beschreiben es authentisch. Anders als JournalistInnen, die immer mehr Anschlusskommunikation an das schaffen müssen, was andere zum Laufen gebracht haben. Das nennen die Blogger simpel: Kommentieren!

Claude Longchamp

AuslandschweizerInnen: Votum gegen die Ausschaffungsinitiative

Die AuslandschweizerInnen dürften genau umgekehrt gestimmt haben als die InlandschweizerInnen: für den Gegenentwurf und gegen die Ausschaffunsinitiative. Das vermeldet die heutige NZZ am Sonntag.

pic_0120589001275295560

So ganz genau weiss man es nie, wenn es um die AuslandschweizerInnen geht. Rund 700’000 davon soll es geben. Zirka 130’000 haben sich registrieren lassen, um abstimmen und wählen zu können.

Was sie entscheiden, erfährt man nicht. Individuell ist das sinnvoll, kollektiv indessen nicht. Die Ursache ist so simpel wie ärgerlich: Das Auszählen der AuslandschweizerInnen ist föderalistischen Regeln unterworfen.

Nur 8 Kantone (AI – AG – TG – BS – LU – SG – GE – VD) weisen das Stimmverhältnis unter den SchweizerInnen im Ausland separat aus. Die anderen subsummieren die Ergebnisse in den Gemeinden, in denen sie zuletzt wohnten.

Am klarsten gegen die Ausschaffungsinitiativen stimmten die AuslandbaslerInnen. Zu 37 Prozent Ja reichte es da. Doch auch die AuslandthurgauerInnen votierten mehrheitlich dagegen. Mit 47 Prozent Ja war die Mehrheit anders als bei den ThurgauerInnen im Thurgau. Immerhin war der ausgewiesene Ja-Anteil unter den AuslandschweizerInnen nirgends so hoch wie im Ostschweizer Kanton.

Die grösste Diskrepanz ergab sich im Kanton Appenzell Innerrhoden. Die InlandschweizerInnen des Kantons waren zu zwei Dritteln für die Initiaitive. Die KantonsbewohnerIn mit Sitz im Ausland votierten nur zu 39 Prozent dafür.

Besser erging es dem Gegenvorschlag. Er wäre in 5 der 8 Kanton angenommen worden, hätten nur die AuslandschweizerInnen entscheiden können.

Die Ergebnisse passen gut zur einzigen Politprofil-Analyse der AuslandschweizerInnen. Sie wurde im Jahre 2003 gemacht und kam zum Schluss, dass die stimmenden AuslandschweizerInnen viel weltoffener und deutlich wirtschaftsliberaler stimmen als die InlandschweizerInnen. So waren sie 2002 in ihrer Mehrheit gegen die SVP-Asylinitiative, die schliesslich nur hauchdünn scheiterte.

Zwei Gründe können für das unterschiedliche Stimmverhalten genannt werden: Zunächst ist das soziologische Profil der politisch aktiven AuslandschweizerInnen different. Unter ihnen sind die oberen Bildungsschichten massiv mehr vertreten. Sodann unterscheidet sich ihre Sozialisation, was sich beispielsweise im Informationsverhalten über Medien und Bekannte unterscheidet.

Leider gibt es keine aktuelleren Analysen hierzu. Die AuslandschweizerInnen-Organisationen wären sehr dafür gewesen, eine solche mit Blick auf die Wahlen 2011 zu erstellen. Doch das EDA sperrte, anders als 2003, den Zugang zu den Adressen der AuslandschweizerInnen selbst für die Forschung, womit jede Stichprobenbildung obsolet wurde.

Claude Longchamp

In Wort und Bild

Mitte 2009 beschloss der Verwaltungsrat meines Forschungsinstituts, dass gfs.bern einen Neuauftritt bei Kunden, Interessierten und in der Oeffentlichkeit braucht. Wir sind gewachsen, und wir haben uns verändert. Das soll auch kommuniziert werden. Seither ist das gfs.bern an der Arbeit, von Berichtslayout über Visitenkarten und Webauftritt Schritt für Schritt alles umzustellen.

Die neue Website von gfs.bern kommuniziert die neuen Schwerpunkte: Politik und Kommunikation. Blau und Rot sind unsere neuen Farben. In der Gesellschaftsforschung sind wir zwar weiterhin aktiv, aber nicht mehr strategisch. Das gilt auch für reine Befragungsprojekte, ohne Eigenforschung, die wir noch für Universitäten erbringen.

Im Politikbereich sind wir gut bekannt: Doch auch da, machen wir klar mehr, als man gemeinhin wahrnimmt. Wahlen und Parteien, Abstimmungen und Kampagnen bilden das Rückgrat unserer Tätigkeiten. Darüber hinaus machen wir zahlreiche Monitore, etwa zur Gesundheit, zum Mobilfunk, zu den Sorgen der Bürgerschaft. In wenigen Tage erscheint erstmals ein internationaler Jugendmonitor. Wir sind im Bereich Politik nicht nur auf der nationalen, sondern auch auf der kantonalen und städtischen Ebene aktiv. Gemeindefusionen interessieren und genauso wie Reorganisationen der politischen Gemeinsweisen, die Effizienz steigern, die BürgerInnen-Mitsprache aber nicht mindern wollen.

Im Kommunikationsbereich sind integrierte Kommunikationsanalyse das Kernstück unserer Arbeit. Wir leisten diese für Firmen, Verbände, auch staatliche Stellen, die in einem hohen Masse in der Oeffentlichkeit stehen und sowohl nach aussen wie auch nach innen intensiv kommunizieren müssen. Zu diesem Bereich gehört Imagestudie, Kampagnenevaluierungen genauso wie die Messung von Effekten von grösseren Ereignissen. Lobbyinganalyse, aber auch Studien zum Campaigning von Akteuren bieten wir hier genauso an, wie die Evluierung der elektronischen Behördenkommunikation.

Das Team von gfs.bern ist umgestaltet worden. Insgesamt arbeiten gegenwärtig 8 ausgebildete Politikwissenschaften am unserem Institut, die alle ein Zusatzausbildung haben in Medienwissenschaft, Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft, Mathematik oder Geschichte. Damit teilen wir eine gemeinsamen Kern an wissenschaftlichen Erkenntnissen, und bringen unsere MitarbeiterInnen weiteres Wissen in die Projekte ein. HInzu kommen noch zwei Mitarbeiterinnen in der Administration. Pro Jahr realisieren wir zusammen rund 60 Projekte, mit einem Auftragvolumen von rund 3 Millionen Schweizer Franken. Unsere zentralen Auftraggeber sind Verbände, Medien, Firmen und Universitäten.

Mit dem Neuauftritt wollen wir ein Gleichgewicht schaffen zwischen Wort und Bild. Dem Visuellen in der Kommunikation von Forschungsergebnissen werden wir inskünft mehr Gewicht schenken. Ein erster Schritt dazu ist das Video über uns selber, dass die drei Mitglieder der Geschäftsleitung von gfs.bern vorstellt. Ueber alle unsere MitarbeiterInnen finden sie hier mehr, als Text und Foto!

Claude Longchamp

Sechs Umfragen zur Ausschaffungsinitiative im Vergleich

Die Ausschaffungsinitiative interessierte im Vorfeld der Entscheidung wie schon lange kein anderes Thema mehr. Entsprechend zahlreich waren die im Voraus publizierten Umfragen. Eine gute Gelegenheit, sie auf ihre Brauchbarkeit hin zu testen.

Uebersicht über Ergebnisse und Kennwerte der 6 Vorbefragungen zur Volksabstimmung über die Ausschaffungsinitiative
random
grafik anclicken, um sie zu vergrössern

Die SVP veröffentlichte im Abstimmungskampf ihre eigene “Volksbefragung“. Demnach sind 67 Prozent für die Ausschaffung krimineller AusländerInnen. Auf einen ähnlichen Wert kam “20 Minuten“, nämlich auf 66 Prozent BefürworterInnen (und 34 Prozent GegnerInnen) der Initiative. Die Sonntagszeitung veröffentliche eine Befragung von Isopublic mit 62 Prozent Zustimmung (und 30 Prozent Ablehnung). Die Medien der SRG publizierten zwei vergleichbare Erhebungen von gfs.bern mit zuerst 58 (und 37 % Nein), dann 54 Prozent im Ja-Anteil (und 43 im Nein-Anteilo). Die Weltwoche wiederum machte eine Untersuchung von Swiss Opinion mit 44 Prozent Ja (und 45 Prozent Nein) publik, während der Tages-Anzeiger-Online auf 38 Prozent Zustimmung (und 62 Prozent Ablehnung) kam (nicht mehr auf dem Web).

Der Streubereich der Abweichungen ist beträchtlich. Von massiver Zustimmung bis massiver Ablehnung gibt es alles. Die grösste Abweichung zum effektiven Ergebnis hatte die TA-Umfrage. An zweitletzter Stelle folgte die SVP-Volksbefragung, praktisch gleich auf mit der 20 Minuten-Erhebung. Interessant ist, dass die Zahl der Befragten kaum einen Einfluss hatte. Bei der SVP-Erhebung machten rund 70’000 Personen mit, bei 20 Minuten zirka 15’000 mit Stimmrechte. Ganz anders verhält es sich bei der TA-Umfrage, die sich auf weniger als 1000 AuskunftgeberInnen stützte.

Das Gemeinsame an allen Befragungen mit grosser Abweichung ist ihre Nicht-Repräsentativität, die durch das freie, und damit unkontrollierbare Mitmachen auf Internet entsteht. Bei SVP-Initiative kam ein Postkartenversand hinzu, aber nur bei Parteimitgliedern, was die Sache verschlechterte, nicht verbesserte.

Die formalen Kriterien der Repräsentativität erfüllen nur die drei anderen Umfragen. Sie lagen alle besser. Zwei davon, die von Isopublic resp. gfs.bern wurden nach der klassischen Methode der computer-unterstützten Telefoninterivews mit BefragerInnen gemacht, derweil die Erhebung von Swiss Opinion auf reinen Computer-Interviews basiert. In allen drei Fällen wurde eine eigentliche Stichprobenbildung nach dem at random Verfahren gewählt, was das einzige Kriterium ist, das Repräsentativität sichert.

Wenn die drei Erhebungen dennoch Unterschiede zeigen, hat dies zunächst mit dem Zeitpunkt der Erhebung zu tun. Isopublic war zuerst, dann kamen die beiden Wellen von gfs.bern. Man kann sie fast in eine Reihe stellen und sieht, wie der Ja-Anteil von Woche zu Woche leicht abnahm (und dies auch bis zum Abstimmungstag tat), während sich das Nein sukzessive aufbaute.

Es bleibt die Differenz zwischen der 2. Erhebung von gfs.bern und der von SwissOpinion, die gleichzeitig gemacht wurden. Sie haben einen vergleichbaren Nein-Anteil, aber einen klar unterschiedlichen Ja-Wert. Was auch immer für Gründe man hierfür herausfinden wird, eines ist klar: Die Behauptung der Vertreter der Interactive-Voice-Response Methode, dank reinen ComputerInterviews keine Beeinflussung aufgrund von InterviewerInnen in heiklen Themen zu kennen, ist gründlich widerlegt. Zuerst die die Zahl der Unschlüssigen bei der IVR Erhebung höher, sodann ist ausgerechnet der Ja-Anteil tiefer.

Unter dem Strich bleibt: CATI-Erhebung mittels repräsentativer Stichprobenbildung sind und bleiben die zuverlässigsten Umfragen bei Abstimmungen. Die so ermittelten Ergebnisse sind aber nicht zeitpunktunabhängig, weil die Meinungsbildung selber dynamisch ist. Deshalb können nur Trenduntersuchungen abschätzen, was am Abstimmungstag geschieht. Interessant ist auch, dass die zuverlässigsten Umfragen von Instituten des Branchenverbandes gemacht wurden, für die Qualitätsauflagen gelten. Am krassesten dagegen verstiess die Online Umfrage des Tagesanzeiger, 3 Tage vor der Abstimmung gemacht, am Abstimmungssamstag publiziert und am Tag darauf widerlegt. Eigentlich hätte sie gar nie erscheinen dürfen!

Claude Longchamp

Die Arena der Zukunft – die Zukunft der Arena

Die “Arena” steht vor einer Weichenstellung: Was ist ihre Präferenz für die wichtigste Politdiskussionsendung des Schweizer Fernsehens?

arena
Grafik aus der Zeitung “Sonntag”: Visuell manipuliert, da die y-Achse nicht bei “0” beginnt, womit die Unterschiede zwischen den Jahren überhöht werden.

Die Reaktionen, die ich in jüngster Zeit zur Fernsehsendung “Arena” hatte, waren durchzogen: wenig Substanz, immer die gleichen Protagonisten und unfaires Verhalten von TeilnehmerInnen lautete die Kritik. Gelobt wurden der Aktualitätsbezug, das Tempo und der Einbezug von Meinungen aus der zweiten Reihe. Die Marktanteile der Sendung gingen 2009 zurück, waren aber nicht so tief wie 2006, indessen auch bei Weitem nicht so hoch wie in den 90er Jahren.

Nun ist Reto Brennwald, der Moderator der Sendung gegangen, und die Konzeptfrage wird gestellt: Wie sieht die Arena der Zukunft aus? Gemässigter, gemitteter, gemächlicher, oder unverändert provozierend, polarisierend und personalisierend?

Gerade mit Blick auf der Wahljahr ist die Weichenstellung nicht unwichtig. Denn je nachdem, wie die Arena mit der Tages- und Wochenpresse interagiert, können sich die verschiedenen Kultur unterschiedlich stark ausbreiten.

Und so frage ich: Braucht es eine solche Politsendung am Freitag Abend, oder ist sie überflüssig geworden? Ist die Streitkultur, mit der die Sendung namentlich unter Filippo Leutenegger gross geworden ist, noch angesagt? Was sind die Vorteile des harten Schlagabtausches oder confrontainment gegenüber der leichten Analyse oder des infotainment?

Damit nicht genug. Damit verbunden ist die Frage nach der Moderation. Sonja Hasler, studierte Theologin und Rundschau-Moderatorin, in gesetzt. Sie dürfte inskünftig etwa die Hälfte der Sendungen mode- oder animieren. Die andere Hälfte dürfte von einem Neuen geführt werden. Die Entscheidung, hört man, soll schnell gefällt werden. Namen werden offiziell nicht genannt, inoffiziell kann man aber folgende hören: Franz Fischlin, Tagesschau-Moderator, Hanspeter Forster, Bundeshauskorrespondent, Matthias Aebischer, Reporter und früherer Club-Moderator, sowie Peter Bertschi, stellvertretender Chefredaktor von Radio DRS.

So, das sollte reichen, um das Thema zu lancieren: Welcher Moderator passt zu welchem Konzept der Arena, das auch zur Zukunft der Schweiz passt?

Claude Longchamp

Die Waffen gestreckt?

Viele Diskussionen heute den ganzen Tag. Vor allem über Abstimmungs- und Wahkämpfe der letzten und der kommenden Tage. Ein kleines Protokoll meiner Eindrücke.

sommaruga_widmer_schlumpf_bundesrat_november_2010_1_8499809_1290963673

Zunächst: Es ging ums Geld – das Geld in politischen Kampagnen. Offensichtlich ist es ungleich verteilt. Das nährt Missmut. Auch diesmal. Die Befürworter der SVP-Initiative und die Gegner der Steuer-Initiative hatten die Lufthoheit inne. Und so schiessen Meinungen ins Kraut: Der Souverän lasse sich nicht kaufen, legte sich Economiesuisse schon am Montag fest. Bei der SVP war man ruhiger. Blocher als grosser Geldgeber in Kampagnen könnte wieder aufflackern. – Leider schweigen die Politologen hierzu: Keiner hat nachgerechnet, wieviele Inserate erschienen sind, und wie die Politwerbung auf Internet verteilt war. Denn nur so kann man gesichertes Wissen zu vermuteten Zusammenhängen entwickeln. Das Projekt hierzu ist uralt, vor 25 Jahren schon diskutiert worden. Doch niemand hat es realisiert. Einzig Hanspeter Kriesi hat nachgerechnet. Es sagt: Investiert wird seitens der Opposition, wenn sie mit mindestens 40 Prozent rechnen kann. Das war hier bei beiden Initiativen der Fall. Die Chancen einer Initiative steigen, wenn das Regierungsmisstrauen gross ist. Auch da gibt es keinen Unterschied zwischen beiden Volksbegehren. Massgeblich sei aber, sagt Kriesi drittens, eine Initiative eine Fallstricke habe. Meist geht es dabei um die Konsequenzen bei einer Annahme. Nur wenn die klar seien, habe ein Initiative eine Chance. Beim SVP-Begehren war das eher der Fall; die Kritik der Willkür beim Deliktekatalog war letztlich juristisch, für die BürgerInnen im Einzelfall nicht beantwortbar. Bei der SP-Initiative war das schon viel eher die Schwachstelle, dass man meinte 99 Prozent seien nicht betroffen. Denn als das mal in Frage gestellt worden war, ging das Rätselraten über die Auswirkungen flüchendenckend los und blieb nicht ohne Wirkung. – Auf dem Nachhauseweg am Abend denke ich mir: So etwa müsste die Diskussion gehen, will sie weiter kommen als zu Anschuldigungen.

Sodann: Es ging es heute um die Medien und Journalismus. Wie seit vielen Tagen in vielen Diskussionen. Zahlreichen BeobachterInnen fiel bei diesen Abstimmungen auf, dass immer mehr Medien nicht bloss das Pro und Kontra vortragen und am Schluss eine Empfehlung abgeben. Nein, die Medien positionieren sich immer mehr in Abstimmungskämpfen: Sind sind immer klarer für oder gegen etwas. Das ist längst nicht mehr nur bei der Weltwoche der Fall. Auch andere betreiben Kampagnenjournalismus. Der Blick war für die SP-Initiative, die welsche Presse für den Gegenentwurf zur SVP-Initiative und fast alle gegen das Ausschaffungsbegehren. Die Wirkungen scheinen beschränkt zu sein, denn fast überall kam es anders heraus. Gestiegen ist jedoch die Kampagnentemparatur, und mit ihr die Polarisierung, die sich schliesslich auf die Teilnahme auswirkte. Doch auch hier basiert die Diskussion der Zusammenhänge auf wenig Evidenz. Man kennt die Parteiparolen bis weit ins 20. Jahrhundert zurück. Eine analoge Dokumentation der Empfehlungen von Zeitungen gibt es nicht in Ansätzen. Kaum ein Medienwissenschafter – ausser dem immer mehr angefeindeten Kurt Imhof – nimmt sich die Mühe, die Medien empirisch erhärtet zu bewerten und sich zu fragen was im Journalismus der Gegenwart geschieht. Und gar keiner fragt nach dem Zusammenhang zwischen politischer Werbung, Positionierung von Medien und den Folgen für die öffentliche Kommunikation. – Und so bleibt mir auch in dieser Frage das grosse Loch, das die Forschung nicht wirklich füllt, als ich zuhause ankomme.

Doch noch nicht genug. Denn schliesslich ging es heute auch um die Abstimmungen des nächsten Jahres. Gerade ein Abstimmungssonntag mit einer Entscheidung zeichnet sich ab. Am 13. Februar 2011 wird über die Waffen-Initiative der SP entschieden. Sonst wohl über nichts. Fast ist das symbolisch: Es scheint, als soll nach der Unruhe der letzten Woche wieder Ruhe ins Land einkehren. – Oder haben alle die Waffen schon gestreckt vor dem neuerlichen Wahlsieg der SVP?

Claude Longchamp

Hochrechnung der eidgenössischen Volksabstimmungen vom 28. November 2010

Abstimmung-vom-28.-November-2010_reference

Dieser Post wurde innert gut 6 Stunden gut 600 Mal konsultiert. Die slug-chartlist der letzten 24 Stunden führt ihn an 2. Stelle aller schweizerischer Blogposts.

Vorläufig amtliches Endergebnis zu den eidgenössischen Volksabstimmungen vom 28. November 2010

Ausschaffungsinitiative: 52,9 Prozent Ja, 17,5 von 23 Kantonen dafür: mit doppeltem Mehr angenommen
Gegenentwurf: 45,8 Prozent Ja, 0 von 23 Kantonen dafür: am doppelten Mehr gescheitert
Steuergerechtigkeitsinitiative: 41,5 Prozent Ja, 3,5 von 23 Kantonen dafür: am doppelten Mehr gescheitert
Stimmbeteiligung: 52,6 Prozent bei der Ausschaffungsinitiative

1745 Schlusskommentar
Die Schweiz hat entschieden: Eine Mehrheit der Stimmenden will kriminell gewordene AusländerInnen aus der Schweiz ausweisen. Die SVP istmit ihrer Forderung hierzu die Siegerin des Tages. Die bürgerliche Mitte befürwortete den Gegenentwurf – ähnlich ausgerichtet, aber mit einem anderen Deliktekatalog. Sie drang damit nicht durch. Die Linke war nicht einheitlich positioniert; die Parteien empfahlen ein doppeltes Nein – zu Initiative und Gegenvorschlag, und verfehlten so ihr Hauptziel, den von der SVP vorgegebenen Kurs in der Ausländerfrage zu stoppen.

255139-Ausschaffungsinitiative-der-SVP

Erstmals setzte sich bei einer Volksabstimmung mit Initiative und Gegenvorschlag eine Initiative durch. Bisher wurden sie stets abgeleht, genauso wie die Gegenvorschläge. Das hatte damit zu tun, dass die veränderungswilligen Kräfte in der Bevölkerung mit dem Verfahren tendenziell aufgeteilt wurden. Wenn die Initiative nun trotz Gegenvorschlag durchdrang, hat dies zuerst mit dem Problemlage zu tun: Im Bericht der AusländerInnen-Kriminalität besteht verbreitet der Eindruck eines Vollzugsnotstandes. Diese hat ein Gefühl der Unsicherheit entstehen lassen, teilweise auch fremdenfeindliche Einstellungen aktiviert. Sodann kam es zu keinem wirklichen Meinungsumschwung, weil sich die Opponenten nicht auf gemeinsame Botschaften einigen konnten.

Dieses Stimmungsbild wurde durch eine kräftige Kampagne der SVP verstärkt. Sie arbeitete wie gewohnt plakativ, verwendete seit längerem eingeführte Sujets und kommunizierte medial klar: Schwarze Schafe müssen konsequent aussondert werden, straffällige AusländerInnen haben in der Schweiz nichts mehr zu suchen.

Noch ein Wort in eigener Sache: Unsere Umfragen wurden im Vorfeld der Abstimmungen von Konkurrenten, JournalistInnen und Uniprofessoren immer wieder in Frage gestellt – unbegründet, wie man jetzt weiss. Nur weil ein Thema von der SVP kommt, heisst es nicht, dass es demoskopisch nicht behandelbar sei. Jedenfalls kann man heute Abend festhalten, dass wir mit der Einschätzung 18 Tage vor der Abstimmung besser lagen als alle anderen.

1655: Erstanalyse Ausschaffungsinitiative
Die Erstanalyse der Ausschaffungsinitiative zeigt eine heftige Wertepolarisierung. Hohe Unterschiede in den Regionen finden sich, wenn man die räumliche Verankerung von Grundhaltungen analysiert, wie jene zur Gleich- oder Ungleichbehandlung von SchweizerInnen und AusländerInnen. Mitinvolviert war auch auch die Werthaltung zwischen einer offenen und einer geschlossenen Schweiz.

chanschwverschliessen

Es gilt: Je klarer in einer Region eine nationalkonservative Auffassung vertreten wird, desto klarer wurde Initiative angenommen.

lire

Damit in einer gewissen Uebereinstimmung steht die Bedeutung der Links/Rechts-Achse. Auch hier gilt: Sie ist ein aussagekräftiger Prädiktor für das Stimmverhalten der Regionen bei der Ausschaffungsinitiative. Die Besonderheit dieser Abstimmung ist aber, dass die Zustimmung zur Initiative nicht nur in klar rechten Regionen mehrheitlich war, sondern auch in die Mitte tendierte.

Interesssant ist auch, dass der AusländerInnen-Anteil und der Kriminalitätsrate weniger erklären, als die genannten Werthaltungen. Grob gesprochen heisst das: Die Grundhaltungen haben die Entscheidungen mehr bestimmt als die eigentliche Betroffenheit. Oder anders gesagt: Gegenden ohne AusländerInnen, die kriminell waren, aber mit nationalkonservativer Grundhaltung stimmten vermehrt für die Ausschaffungsinitiative.

1555 Erstanalyse Steuergerechtigkeitsinitiative
Die Erstanalyse der Steuergerechtigkeitsinitiative zeigt die erwartete Polarisierung auf der Links/Rechts-Achse. Dies ist der beste Prädiktor für die Grundanalyse. Das heisst: In Gegenden mit hohem Anteil Links-WählerInnen ist die Zustimmung höher als in solchen mit hohem Rechts-WählerInnen-Anteil. Das Entscheidende ist: In der Mitte wurde die Vorlage schliesslich verworfen.

graphik3

Weitere Spezifizierungen ergeben sich vor allem aus der Betroffenheit auf kantonaler Ebene in Steuerfragen. Je klarer diese bei dieser Initiative negativ gegeben gewesen wäre, desto klarer votierte man gegen die Steuergerechtigkeitsinitiative.

einkommen

Da in der Romandie und im Tessin kein Kanton negativ betroffen war, erübrigen sich diese Abklärungen in diesen Landesteilen. In der deutschsprachigen Schweiz ist das jedoch der zweite wichtige Prädiktor.

In den Kantonen ZG, SZ, UR, NW und OW entspricht die massive Ablehnung der Betroffenheit. Das war in St. Gallen und in Appenzell Ausserrhoden tendenziell auch der Fall, es kommt aber im Stimmverhalten weniger deutlich zum Ausdruck. Die Kantone, in denen nur einzelnen Gemeinde betroffen gewesen wären, stimmten weniger deutlich Nein. Schliesslich stimmten die deutschsprachigen Kantone ohne Betroffenheit vermehrt für die Initiative, wenn auch, mit Ausnahme von Basellstadt nicht mehrheitlich.

Uebrigens: Ein Zusammenhang zwischen NFA Geber- und Nehmerkantonen und der Entscheidung in dieser Abstimmung bestätigt sich nicht. Man kann es also so sagen: Die Steuergerechtigkeitsfrage wird in den Sprachregionen verschieden gelesen. Das hängt auch mit den Auswirkungen einer Links/Rechts-Polarität in Sachabstimmungen zusammen. Schliesslich wird dies durch die Interessen aufgrund des Steuerrechts in den Kanton verstärkt.

1505 Hochrechnung Stimmbeteiligung
Die hochgerechnete Stimmbeteiligung beträgt 52 Prozent. Der Fehlerbereich ist hier +/-3 Prozent. Das ist so oder so ein überdurchschnittlicher Wert, – verglichen mit anderen Abstimmungstagen. Normal ist 45 Prozent. Es dürfte zu einer beschränkten Schlussmobilisierung gekommen sein. Die letzte Umfrage ergab 18 Tag vor der Abstimmung eine gesicherte Beteiligungsabsicht von 46 Prozent.

graphik1

Es gibt einen offensichtlichen Zusammenhang zwischen der Zusatzmobilisierung einerseits, und der Höhe der Zustimmung zur Ausschaffungsinititive. Je klarer das Ja dazu ist, desto klarer ist der Teilnahmewerte diesmal über dem Mittel.
Dieser Zusammenhang ist bei der Steuergerechtigkeitsinitiative kaum gegeben.

1400 Hochrechnung Ausschaffungsinitiative und Gegenentwurf / Dynamik der Meinungsbildung
Die Hochrechung zur Ausschaffungsinitiative liegt vor. Sie ergibt beim Volksmehr 53 Prozent Ja zur Initiative, und 47 Prozent Ja zum Gegenvorschlag. Der Fehlerbereich beträgt jeweils +/- 3 Prozent. Aussagen zum Ständmehr sind noch nicht möglich.

Der Vergleich zwischen Vorbefragungen einerseits, Hochrechnungen anderseits lässt die Effekte der Schlusskampagne abschätzen. Bei der Initiative legte das Nein zu, beim Gegenwurf indessen das Ja. Das spricht dafür, dass sich bei der Initiative vor allem der Trend aus dem Abstimmungskampf fortsetzte, mit einer Erosion der Zustimmung, wohl aber mit einer Kompensation durch die Schlussmobilisierung. Demgegenüber wurde beim Gegenwurf am Schluss noch taktiert, vor allem in der deutschsprachigen Schweiz. Das kann von links der Fall gewesen sein, nicht auszuschliessen ist auch ein kleiner Anteil Wechsler von der Initiative zum Gegenentwurf.

trend_vi_ausschaffung
Typ: Potenzielle Mehrheitsinitiative fast ohne Meinungswandel

trend_gv_ausschaffung
Typ: Behördenvorlage mit beschränkter Themenführung durch Behörden und beschränktem Meinungsaufbau

Die Ergebnisse sind jetzt mit einer Fehlerbereich von +/-2 Prozent versehen. Beim Ständemehr zur Volksinitiative gibt es zwar auch noch eine kleine Unsicherheit, aber keine relevante mehr.

1330 Hochrechnung Steuergerechtigkeitsinitiative / Dynamik der Meinungsbildung
Die Hochrechnung zur Steuergerechtigkeitsinitiative liegt vor. Demnach scheitert die Vorlage mit 58 Prozent Nein, und auch das Ständemehr zeigt Richtung Nein. Das liegt ausserhalb des Fehlerbereichs von +/-3 Prozent. Es bestätigt sich der Trend, den man zwischen der 1. und 2. Vorbefragung erkennen konnte. Extrapoliert man diese bis zum Abstimmungstag, ergibt das praktisch das Gleiche wie in der Hochrechnung.

Wir rechnen mit einem starken Stadt/Land-Gegensatz, und einem Unterschied zwischen deutschsprachiger und französischsprachiger Schweiz, der aber geringer ist als der erstgenannte Konflikt.

trend_steuergerechtigkeit
Typ: Potenzielle Mehrheitsinitiative mit Meinungswandel

1235 Trendanalyse Steuergerechtigkeitsinitiative
Der erste Trend liegt vor: Die Steuergerechtigkeitsinitiative wird abgelehnt werden. Sie dürfte an Volks- und Ständemehr scheitern. Wenn wir eine Trendaussage machen, heisst das, wir rechnen mit einem Nein-Anteil von 55 Prozent und mehr.

1215 Kantonale Hochrechnungen
Die Zürcher Hochrechnung ist da. Sie hat noch einen erheblichen Unsicherheitsbereich (+/-5%). Die Steuergerechtigkeitsinitiative wird abgelehnt. Es sind 41 Prozent dafür. Zürich ist für uns ein Trendkanton, damit wird der Trend im Nein mit aller Wahrscheinlichkeit im Nein sein.

Die Ausschaffungsinitiative und der Gegenentwurf liegen praktisch gleich auf, beide bei 49 Prozent. Das Muster ist ähnlich wie in Genf, aber weniger klar.

Die Genfer Hochrechnung ist eingetroffen. Der Unsicherheitsbereich wird hier nicht ausgewiesen. Die Steuergerechtigkeitsinitiative wird gemäss Hochrechung des Kanton mit 51 Prozent Ja ganz knapp angenommen.

In unserer Modellrechnung gehört Genf zu jenen Kantonen, die klar ja sagen müssten, damit es gesamtschweizerisch zu einem Ja kommt.

Die beiden Ausschaffungsvorlagen werden in Genf beide abgelehnt. Die Initiative kommt auf 45 Prozent Zustimmung, der Gegenentwurf auf 43. In der Stichfrage obsiegt er aber. Die Arbeitshypothese für die Romandie ist ein zweifaches Nein, mit viel Taktik bei der Stichfrage.

1200 Einstimmung
Zwischen 80 und 90 Prozent stimmen bei eidgenössischen Volksabstimmungen brieflich. Doch machen das bei weitem nicht alle bei Erhalt der Unterlagen. Letztlich verteilt sich das einigermassen gleichmässig auf die drei Wochen.

Wenig vorhersehbar sind die Effekte der Schlussmobilisierung, die sich dann an den Urnen ausdrückt. Die letzten Wahllokale schliessen um 12 Uhr.
Allgemein rechnet man mit einer überdurchschnittlichen Mobilisierung, das heisst einem Teilnahmewerte von 45 Prozent plus. Wie viel das sein wird, weiss gegenwärtig niemand.

1120 Vernetzung
Die Hochrechnung selber wird auf der Website des Forschungsinstituts gfs.bern dokumentiert. Die Adresse ist: www.gfsbern.ch/hochrechnung.
Erstmals haben wir auch einen Facebook- und Twitter-Dienst eingerichtet. Die Adressen lauten:
www.facebook.com unter “gfs.bern”
www.twitter.com/gfsbern.

1100 Ausgangslage
Abstimmungssonntag: Startschuss zur Volksentscheidung und zur Hochrechnung. Es geht um die Steuergerechtigkeitsinitiative der SP, die Ausschaffungsinitiative der SVP und den Gegenvorschlag hierzu.

Um 12 Uhr gehen die Urnen in der ganzen Schweiz zu, um 1230 geht die Hochrechnung via die SRG-Medien los. Die Hochrechnungen werden bis 15 Uhr abgeschlossen sein. Wir brauchen etwas mehr Zeit als sonst, weil die Ausgangslage mit Initiative, Gegenvorschlag, Volks- und Ständemehr sowie Stichfrage komplexer ist.

Das ist der vorgesehene Ablauf:

. 12 30 Trendrechnung Steuergerechtigkeitsinitiative
. 13 00 Hochrechnung Steuergerechtigkeitsinitiative
. 13 30 Trendrechnung Ausschaffungsinitiative und Gegenvorschlag
. 14 00 Hochrechnung Ausschaffungsinitiative und Gegenvorschlag (nur Volksmehr)
. 14 30 Hochrechnung Ausschaffungsinitiative und Gegenvorschlag (Ständemehr, falls Volksmehr gegeben, Stichfrage, falls Volks- und Ständemehr bei beidem gegeben ist)
. 15 00 Hochrechnung Stimmbeteiligung

Wien: SPOe verlierte absolute Mehrheit – FPOe gewinnt dank Migrationsfrage

In Wien verliert die SPOe bei den heutigen Wahlen die absolute Mehrheit, bliebt aber stärkste Partei. Wahlsiegerin ist die FPOe, die neu die zweitstärkste Partei ist, gefolgt von der OeVP und den Grünen, die beide Anteile einbüssen.

1285254484121
“Blaues Wunder für die SPOe”: Wahlsieger Heinz-Christian Strache (rechts) bedrängt Bürgermeister Michael Häupl (SPOe). Bild: Der Standard

Hier das vorläufige Endergebnis gemäss Standard online: SPÖ: 44,2 Prozent, FPÖ: 27,0, ÖVP: 13,3, Grüne: 12,2, BZÖ: 1,4, KPÖ: 1,2. Bei der Sitzverteilung rechnet man mit 49 Sitzen für die SPOe, 6 weniger als zuvor und 2 unter der absoluten Mehrheit, die sie historisch inne gehabt hat. Mandate verlieren auch die OeVP (-5) und die Grünen (-4), derweil die FPOe auf 28 Sitzen kommen dürfte, 15 mehr als bisher. Vordergründig sank die Wahlbeteiligung, doch sind die WahlkarterwählerInnen noch nicht erfasst. Man rechnet damit, dass die Wahlbeteiligung schlussendlich höher liegen wird als vier Jahre zuvor.

In einer ersten Stellungnahme kündigte Bürgermeister Michael Häupl an, mit allen Parteien Gesprächen zu führen. Eine Koalition mit der siegreichen FPOe schlug er aber aus, solange er im Amt sei.

Die Wählerstromanalyse von SORA erhellt die Zusammenhänge der Verändeurngen. Die generelle Polarisierung fand demnach zwischen FPOe und Grünen statt, was ihre jeweilige Attraktivität für Neuwählende und frühere Nichtwählende erhöhte. SPOe und OeVP konnten davon nicht profitieren, sie verloren unzufriedene WählerInnen an die FPOe. Die Grünen wiederum kennen eine negative Bilanz zur SPOe, sodass auch sie letztlich verloren.

Aufgrund der Wahltagsbefragung haben Mehrheiten der FPOe diese Partei wegen ihrer Themenarbeit gewählt, insbesondere in der Migrationspolitik. Hinzu kommt, dass man hier stark motiviert war, die Mehrheit der SPOe zu brechen. Deren WählerInnen wollten ihren Bürgermeister Häupl stützen, die Mehrheit bewahren, denn sie waren mit der geleisteten Arbeit zufrieden. Die OeVP Wahl wird mit Interessenvertretung begründet, namentlich in der Wirtschaftspolitik. Bei den Grünen ist dies die Umweltpolitiik, ergänzt durch die breit getragene Abgrenzung gegenüber der FPOe. Die SPOe ist am stärksten bei den Gemeindeangestellten, die FPOe bei den Arbeitern, die OeVP bei den Selbständigen und die Grünen bei Menschen in Ausbildung.

Die WählerInnen jeder Partei möchten nun in die Regierung eingebunden werden. Bei der SPOe optiert eine relative Mehrheit für die Grünen, in der Wählerschaft insgesamt gibt man einer rot-schwarzen Regierung knapp den Vorzug. So oder so: Die FPOe hat mit der Migrationsfrage gepunktet, rote und schwarze Unzufriedene angezogen und mit ihrem Wahlkampf mobilisiert, sodass sie nun gestärkt im Stadtparlament antreten kann – ohne wirkliche Aussichten zu haben, in Wiens Stadtregierung mitregieren zu können.

Claude Longchamp

Erweiterte Erstanalyse der BVG-Entscheidung

Der Links/Rechts-Gegensatz, wie er bei sozialpolitischen Entscheidungen üblich ist, wirkte sich bei der BVG-Entscheidung nur beschränkt aus. Das Nein war besonders stark, wenn es nebst einer starken Linken auch eine konservative Arbeiterschaft hat oder bürgerliche WählerInnen ihre individuellen Interessen tangiert sahen.

Die Senkung des Umwandlungssatzes in der zweiten Säule, die vielen Versicherten eine verkleinerte Rente gebracht hätte, wurde in der gestrigen Volksabstimmung deutlich angelehnt. 73 Prozent der Stimmenden waren dagegen, gerade 27 Prozent dafür. Die erweiterte Erstanalyse zeigt, was die räumlichen Hintergründe der Ja/Nein-Entscheidungen waren.

Die Höhe der Ablehnung spricht zunächst für einen erheblichen Graben zwischen Parlaments- und Volksentscheidung, wie sie etwa alle 5 Jahre einmal in sozialpolitischen Fragen vorkommt. Vergleichbare Momente gab es 1996 beim Arbeitsrecht, 1999 bei der IV-Versicherung, 2004 bei der 11. AHV-Revision und eben 2010 bei der BVG-Entscheidung.

In allen vier Fällen erschienen das elementare Gerechtigkeitsempfinden mit den vorgeschlagenen Veränderungen für verschiedene Wählerschaften verletzt oder die Kosten und der Nutzen einseitig verteilt. Anders als im Parlament, wo die weltanschauliche Links/Rechts-Polarisierung das alles überlagerte, kam es bei solchen Abstimmungen in der stimmenden Bevölkerung immer wieder zu gemischten Konfliktlinien.

Gemessen an den Bezirksergebnissen zur BVG-Abstimmung kann man drei Beobachtungen festhalten:

Erstens, die Ablehnung war in Gebieten mit linker Stimmtradition etwas verstärkt, in solchen mit rechter etwas abgeschwächt. Ganz verwunden ist der Links/Rechts-Unterschied nicht, doch war er nur schwach ausgeprägt.

Zweitens, die Ablehnung war gestern mehr als im Mittel, wenn es einen überdurchschnittlichen Anteil gibt, der in der Industrie tätig ist, was gerade in der deutschsprachigen Schweiz nicht zwingend mit SP-Wählerschaft gleichgesetzt werden kann.

Drittens, die Ablehnung war speziell dann über dem Mittel, wo sozialpolitische Sensibilitäten stark entwickelt sind. Hier kann es durchaus sein, dass eine bei Wahlen bürgerliche ausgerichtete Wählerschaft mit der Linken stimmt, insbesondere wenn sie ihre individuellen Interessen negativ tangiert sieht.

Alles miteiander kombiniert, wirkte sich bei der BVG Abstimmung vor allem auf CVP-Hochburgen aus, beispielsweise im Oberwallis, im Freiburger Hinterland oder im Kanton Jura. Es findet sich aber auch im einigen Gebieten im Tessin, in der Waadt und in Neuenburg.

Ganz anders strukturiert sind die zustimmenden Gebiete bei dere BVG-Reform. Auf Bezirksebene gibt es sie nicht, auf dem Niveau von Gemeinden indessen schon. In Graubünden, in Appenzell, im oberen Tessin und im Emmental finden sie sich. Und vereinzelt auch an der Zürcher Goldküste. Ihnen gemeinsam ist, dass sie entweder bäuerlich geprägt sind, oder aber zu den reichts, rechtsliberal ausgerichteten Regionen der Schweiz zählen.

Diese Mischung von Trennlinien im Stimmverhalten bei der BVG-Entscheidungen hat zur Folge, dass der klassische Stadt/Land-Gegensatz nicht einheitlich spielte.

Die nationale Hochrechnung: Nein, Nein, Ja

10 15: Start zur Hochrechnung
Die Arbeit an der Hochrechnung des Forschungsinstituts gfs.bern zu den eidgenössischen Volksabstimmungen beginnt. Alle Vorbereitungen an der Infrastruktur wurden schon am letzten Freitag abgeschlossen. Und die ersten Gemeindeergebnisse treffen bald ein, denn die frühesten Trendgemeinden schliessen ihre Abstimmungsurnen um 10 Uhr.
Für die Medien der SRG hochgerechnet werden die Vorlagen, über die gesamtschweizerisch abgestimmt wird: die Senkung des BVG-Umwandlungssatzes, gegen die das Referendum ergriffen worden ist, die Initiative für einen Tierschutzanwalt und der Verfassungsartikel zur Forschung am Menschen.
Um 12 Uhr 30 liegen die Trendrechnungen vor, um 13 Uhr die Hochrechnung mit maximal 3 Prozentpunkten Fehlermarge und um 14 Uhr mit einer solchen von +/- 2 Prozentpunkten. Danach folgen die Erstanalysen.

11 00: Mein heutiger Schutzengel

Vieles ist heute wie immer: Das Team für die Kontakte zu den Trendgemeinden ist da, die Analyseteam für die Erstauswertungen ist vor Ort, und für die Kommunikationen in Radio und Fernsehen werde ich von Lukas Golder tatkräftig unterstützt. Auch vor der Kamera ist es, wie man es kennt: Urs Leuthard führt kompetent durch die Abstimmungssendung von SF.
Und dennoch gibt es einen Unterschied: Ich habe heute einen besonderen Schutzengel dabei! Denn es ist ein wenig so wie beim Autofahren: In 98 Prozent der Fälle gelingt die Fahrt ohne weitere Probleme, doch hie und da kommt es zu einem Unfall. Und heute morgen hatte es stellenweise Glatteis. Damit ich nirgends ausrutsche, habe ich heute meinen Schutzengel dabei.

11 55: Die Spannung steigt

In 10 bis 15 Minuten geht es intensiv los. Nach 12 Uhr treffen viele Gemeinden ein. Vorerst haben wir solche aus dem Kanton Aargau. Und in einzelnen Kantonen wie in Zürich gibt es vorläufige Hochrechnungen, aber nur zu den Kantonsergebnissen.
Das grösste Interesse besteht am Ausgang der Abstimmung über das BVG. “Der Abstimmungskampf (dafür) war lang, intensiv und teuer”, steht in einer der Sonntagszeitung. Und dennoch rechnen die Referendumsführer zu gewinnen. Die SP meldet bereits ihr Pensionskassenprogramm für die Zeit nach dem 7. März an. Was gilt, wissen wir um 12 30.

1235: Die Trendrechnungen

Die Trendrechnungen liegen zu allen drei gesamtschweizerischen Vorlagen vor: Zwei Nein und ein Ja. Angenommen wird der Verfassungsartikel zur Forschung am Menschen. Abgelehnt werden die Senkung des BVG-Umwandlungssatzes und die Tierschutzinitiative. Die genauen Zahlen liegen noch nicht vor, doch sind die vorliegenden Resultate so klar, dass am Ausgang der Abstimmungen kein Zweifel mehr besteht.

1315: Die Hochrechnungen

Zwischenzeitlich liegen drei Hochrechnungen vor: Alle Ergebnisse sind deutlich. Die Fehlerquoten sind bei +/-2 Prozent. Verworfen wird die BVG-Vorlage, in der Hochrechnung sind 74 Prozent dagegen. Abgelehnt wird auch der Tieranwalt für die ganze Schweiz. Die Nein-Quote liegt hier bei 71 Prozent. Und die Forschung am Menschen wird angenommen, mit 76 Prozent Zustimmung. Angesichts der klaren Ergebnisse sind keine Probleme beim Ständemehr zu erwarten. Vielmehr ist damit zu rechnen, dass es drei flächendeckend einheitlilche Entscheidungen geben wird.

1345: Kantonsergebnisse

Zwischenzeitlich treffen die realen Kantonsergebnisse ein. Sie bestätigen die Hochrechnung weitestgehend. Die Abweichungen zwischen den hochgerechneten Resultaten einerseits, den effektiven Ergebnissen anderseits sind meistens sehr gering. Das spricht dafür, dass sich in den Einschätzungen bis am Abend nichts ändert.
Damit ist klar, dass die Forschung am Menschen von Volk und Ständen angenommen wurde. Ueberraschend ist das nicht. Es wird aber auch deutlich, dass die BVG-Vorlagen scheitern wird. Das ist doch eine Ueberraschung, insbesondere weil sich ein Nein in allen, das heisst auch den stark bürgerlich geprägten Kanton abzeichnet. Und den gesamtschweizerichen Tierschutzanwalt wird es nicht geben. Denn auch hier sagen Volk und Stände klar Nein.

14 35: Kleine Verschnaufpause

Eine kleine Pause ist angesagt, um sich auch zu stärken. Das Telefonteam hat erfolgreich gearbeitet, wurde verdankt und bereits nach Hause entlassen.
Jetzt beginnt die Analysearbeit anhand der vorläufigen amtlichen Ergebnisse und der Hochrechnungsresultate. Zuerst geht es um die Stimmbeteiligung, dann um die Erstanalyse der Tierschutzinitiative resp. der BVG-Vorlage.

15 05: Stimmbeteiligung

Die hochgerechnete Stimmbeteiligung auf nationaler Ebene beträgt 46 Prozent. Das ist ziemlich nahe beim längerfristigen Mittel, das wir bei eidgenössischen Volksabstimmungen kennen. Demnach gab es keine wirklich auffällige Zusatzmobilisierung bei diesen Abstimmungsthemen.
Die wichtigste Festellung ist, dass die regionale Zusatzmobilisierung kaum mit dem Zustimmungsprofil zu einer Vorlage zusammenhängt. Das heisst, es gab keine eigentliche Beteilgungsgründe, die direkt von einem der Themen resp. von der Position hierzu bestimmt war. Keine Seite bei keiner Vorlage muss sich also den Vorwurf gefallen lassen, wegen eine schlechten Mobilisierung verloren zu haben. Umgekehrt gilt der Schluss auch nicht. Kein Komitee hat wegen einer speziellen herausgeholten Beteiligung gewonnen.

15 45 Erstanalyse Tierschutzanwalt

Die Volksinitiative für einen Tierschutzanwalt scheiterte am Volks- und Ständemehr deutlich. Die Erstanalyse aufgrund der regionalen Unterschiede legt nahe, von wenig klaren Unterschieden auszugehen. Am deutlichsten sind diese entlang der Stadt/Land-Achse. Die Ablehnung ist über dem Mittel, wenn es sich um rurale Gebiete handelt, und weniger als im Schnitt in den urbanen. Damit einher geht, dass die Initiative vermehrt abgelehnt wurde, wo es noch viele Landwirte unter den Erwerbstätigen hat. Und teilweise identisch ist damit, dass hier die CVP über dem Durchschnittlich stark ist.
Das Nein repräsentiert als die traditionellen, ruralen, vielleicht auch christlichen Werte, wo man noch klar zwischen Mensch unt Tier einen hierarchische Unterscheidung vornimmt. Bei modernen, urbanen und laizistischen Werten macht man diese Unterscheidung nicht mehr, und war die Zustimmung zur Initiative verstärkt.

16 15 Erstanalyse BVG-Umwandlungssatz

Die Vorlage von Regierung und Parlament scheiterte klar. 74 Prozent der Stimmenden votierten dagagen. Da es sich um eine Gesetzesänderung handelte, brauchte es kein Ständemehr. Dennoch geben die regionalen Unterschiede gewisse Hinweise darauf, wo vermehrt dafür resp. dagegen gestimmt wurde. Zunächst fällt dabei die Links/Rechts-Achse aus, weniger bezogen auf Parteien als auf das Stimmverhalten bei linken und rechten Themen. Das ist bei sozialpolitischen Vorlagen meist der Fall. Diesmal kommt hinzu, dass Kantone mit geringen Einkommensunterschieden besonders dagegen waren. Hier wurde die aktuelle Entwicklung zur Oeffnung der sozialen Schere am klarsten mit der Vorlage in Verbindung gebracht und am deutlichsten auch verworfen.

16 30: Wieder Pause, ich kann mich informieren
Ich finde Zeit, mich etwas über die Stadtzürcher Wahlen aufzudatieren. Im Moment führt Rotgrün eindeutig. Die sechs KandidatInnen sind unter den ersten 9. Es folgen FDP- und CVP-Vertreter. Das sieht nach einem Linksrutsch im Zürcher Stadtrat aus. Eine Hochrechnung liegt aber nicht vor, sodass alles spekulativ bleibt.

17 05 Die vorläufig definitiven Endergebnisse
Es liegen die Endergebnisse vor, wenigsten die vorläufig amtlichen. Sie lauten:
Ja zu Forschung am Menschen mit 77,2 Prozent Ja und allen Kantonen dafür,
Nein zur Senkung des Umwandlungsatzes beim BVG mit 27,3 Prozent Zustimmung und
Nein zur Tieranwaltinitiative mit 29,5 Prozent Ja und allen Kantonen dagegen.
Die Stimmbeteiligung liegt bei 45,2 Prozent für die BVG Vorlage.

19 00: Wieder im Zug
Ich danke meinem Schutzengel und fahre entspannt nach Bern zurück.

Claude Longchamp