Die 10 grössten Stadt/Land-Unterschiede

Gestern noch war es ein intuitive Aussage. Heute ist sie zahlenmĂ€ssig untermauert: In der laufenden Legislatur war der Stadt/Land-Graben nie so gross wie bei der Abstimmung ĂŒber die Waffen-Initiative. Und historisch gesehen ist der Gegensatz ein PhĂ€nomen, das erst in den letzten 25 Jahren aufgetreten.

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Die Erstanalyse des historischen Momentes

Sicher, der Index des BfS zum Stadt/Land-Gegensatz ist stark vereinfachend. Er misst im wesentlichen wie die ruralen und urbanen Gebiete gestimmt haben. Ueber die Differenzierungen im agglomerierten Raum sagt er (vorerst) nichts.

Dennoch ist die Sprache deutlich, die aus den BfS-Unterlagen hervorgeht. Der Indexwert bei der jĂŒngsten Abstimmung liegt bei knapp 17 Punkten. In der auslaufenden Legislatur war er mit 12 Punkten bei der Minarett-Frage am grössten. Nur 3 Mal in den 24 Abstimmungen seit den letzten Wahlen kletterte er ĂŒber den Wert von 10.

Damit ist die Aussage berechtigt: Der Stdt/Land-Graben war diesmal exemplarisch hoch. Seit den Wahlen 2007 hat man nie eine Polarisierung in diesem Masse erlebt.

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Quelle: Microgis

Das PhÀnomen kann zudem sprachregional differenziert werden. Den geringsten Unterschied gab es in der italienischsprachigen Schweiz, grösser war er in der französischsprachigen Region und eindeutig am grössten war in der deutschsprachigen.

Hier die Uebersicht der nationalen Indexwerte::
Index Abstimmung (Jahr)
Wert
16,6 Waffen-Initiative (2011), Land mehr dagegen, keine unterschiedlichen Mehrheiten
14,2 UNO-Beitritt (2002), Stadt mehr dafĂŒr, Stadt setzt sich durch
13,8 Schwangerschaftsabbruch (2002), Stadt mehr dafĂŒr, keine unterschiedlichen Mehrheiten
13,4 EWR (1992), Stadt mehr dafĂŒr, Land setzt sich durch
12,9 Abkommen von Schengen/Dublin (2005), Stadt mehr dafĂŒr, Stadt setzt sich durch
12,3 Revision Arbeitsgesetz (2006), Stadt mehr dafĂŒr, Stadt setzt durch
12,2 EinbĂŒrgerung 2. Generation (2004), Stadt mehr dafĂŒr, keine unterschiedlichen Mehrheiten
11,8 Partnerschaftsgesetz (2005), Stadt mehr dafĂŒr, Stadt setzt sich durch
11,7 Minarett-Initiative (2009), Land mehr dafĂŒr, keine unterschiedlichen Mehrheiten
11,5 Mutterschaftsversicherung (2004), Stadt mehr dafĂŒr, Stadt setzt sich durch

Neuralgisch sind Themen der Oeffnung der Schweiz. Wir finden den EWR-, den UNO-Beitritt und die Schengen/Dublin-Abkommen auf der Liste. Es geht aber auch um unterschiedliche Lebensweisen, wie das beim Schwangerschaftsabbruch, beim Partnerschaftsgesetz und bei der Mutterschaftsversicherung zum Ausdruck kommt. Die Waffenfrage kann durchaus hierzu gezĂ€hlt werde. Schliesslich geht es um Entfremdungsthemen, wie die EinbĂŒrgerungs- und Minarettsfrage zeigt. All diese Themen korrelieren mit der Achse zwischen Tradition und Moderne, wĂ€hrend in einem einzigen Fall, dem Arbeitsgesetz, ein sozialpolitisches Thema auftaucht. Das hat folgen: Nicht die klassische Links/Rechts-PolaritĂ€t ist entscheidend, sondern die Frage nach der IdentitĂ€t, dem SelbstverstĂ€ndnis, ja dem Wunschbild, das man von sich hat.

In 4 der 10 FĂ€lle gab es trotz grosser Differenz keinen Gegensatz in den Mehrheiten. In ĂŒbrigen 6 FĂ€llen setzte sich fĂŒnf Mal die Stadt durch, einmal das Land.

Die Waffen-Abstimmung zeigte ĂŒbrigens keinen Gegensatz der Mehrheiten. Das hat viel mit der BfS-Definition zu tun, die auf dem Unterschied von Land und Agglomeration aufbaut. Faktisch werden Unterschiede zwischen BallungsrĂ€umen und Landgegenden gemessen. Erst seit Neuestem unterscheidet das BfS innerhalb der Agglomerationen nach Grösse und ZentralitĂ€t. Bei der Waffen-Initiative war das Land zu 68 Prozent dagegen, die Agglo zu 52. Die Werte innerhalb der Agglomerationen werden demnĂ€chst aufgeschaltet.

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Christian Bolliger, der Berner Polithistoriker, hat solche Befunde zur AktualitÀt in die Schweizer Abstimmungsgeschichte eingebettet. Dies legt nahe, dass der Stadt/Land-Unterschied in der beschriebenen Form und IntensitÀt ein PhÀnomen ist, dass erst Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Der Konflikt wurde grösser, weil sich die urbane Lebensweise in den 90er Jahren vermehrte, das Pendel jetzt aber in die andere Richtung zu kippen beginnt.

Die aktuelle Abstimmung ist damit die Spitze der Spitze der Entwicklung.

Claude Longchamp