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Was in der Schweiz Wahlen entscheidet

Kurzfassung des Datenblogs „Auf lange Sicht“, erschienen im RepublikMagazin vom 16. September 2019

Wer glaubt, dass Parteien einander Wähler abjagen, kennt nur einen Teil
der Wahrheit. Das Zauberwort f√ľr den Erfolg lautet: Mobilisierung. Das gilt umso mehr, als eine Partei einen Pol bildet.

Die Schweiz w√§hlt am 20. Oktober ihr Parlament f√ľr die 51. Legislaturperiode. Bereits im Vorfeld versuchen Politikforscher mit verschiedenen Mitteln, das Resultat f√ľr den Nationalrat vorwegzunehmen. Die drei verwendete Sch√§tzungstools sind:

‚Äď eine systematische Auswertung aller Kantonsratswahlen innerhalb der letzten vier Jahre (vom Forschungsinstitut gfs.bern, im April 2019);
‚Äď das SRG-Wahlbarometer, basierend auf Onlinebefragungen (vom Forschungsinstitut Sotomo, erhoben im August 2019);
‚Äď eine Wahlb√∂rse mit mehreren hundert Teilnehmern, die mit fiktivem Geldeinsatz auf die Ergebnisse der Wahlen wetten (von 50 plus 1, publiziert im September 2019).

Die voraussichtlichen Stimmengewinner und -verlierer
Diese Instrumente legen f√ľr die sieben gr√∂ssten Parteien der Schweiz √§hnliche Ver√§nderungen bei den W√§hleranteilen nahe:

Abstrahiert man von den geringen Unterschieden auf die erwarteten neuen Parteistärken, zeichnet die Kombination der Tools ein klares Bild:

‚Äď Die Gr√ľnen (im Schnitt +2,7 Prozentpunkte) und die GLP (+1,8) erscheinen durchwegs als Gewinnerparteien.
‚Äď Die SVP (‚Äď2,4‚ź£Prozentpunkte), die CVP (‚Äď1,2) und die BDP (‚Äď1,1) werden einheitlich als Verliererparteien gesehen.
‚Äď Die FDP und die SP werden nicht ganz eindeutig bewertet. Nimmt man auch hier den Mittelwert, k√∂nnte die FDP (+0,4 Prozentpunkte) leicht gewinnen und
die SP (+0,1) wäre fast unverändert.

Damit es klar ist: Dies sind keine Angaben zur Sitzver√§nderung. Daf√ľr w√§ren kantonale Analysen der Parteist√§rken mitsamt aller Listen- und Unterlistenverbindungen n√∂tig. Nur sie erlauben eine Umrechnung von Stimmen in der W√§hlerschaf auf Mandate in der grossen Kammer.

Trotzdem lassen die Zahlen erste Schl√ľsse zu auf die Machtverschiebungen zwischen den Parteien und auf deren Ursachen. Dazu einige Basics zur Interpretation von Wahlergebnissen.

Die grundlegenden Effekte

Verliert die Partei X bei einer Wahl 2,5 Prozent punkte und gewinnt die Partei Y zugleich 2,5 Prozentpunkte, so geht man intuitiv davon aus, dass eine entsprechende Anzahl von Wählerinnen von X zu Y gewandert ist.
Aktuell k√∂nnte das zum Beispiel heissen: Die Gr√ľnen gewinnen W√§hler von der SVP hinzu ‚Äď m√∂glicherweise bei den B√§uerinnen und Bauern, die mit der Haltung ihrer angestammten Partei in der Klimafrage unzufrieden sind.
Doch das ist h√§ufig ein Fehlschluss. Direkte Parteiwechsel sind nur zwischen zwei Parteien mit vergleichbarem Programm wahrscheinlich ‚Äď also zwischen SP und
Gr√ľnen oder zwischen CVP und FDP.
Bei weltanschaulich gegens√§tzlichen Parteien spielt in der Regel ein anderer Effekt: Die Partei, die verliert, erf√§hrt eine Demobilisierung ihrer W√§hlerschaf, sprich, bisherige W√§hlerinnen werden zu Nichtw√§hlerinnen, und die Gewinnerpartei rekrutiert ihr Plus vor allem bei Neuw√§hlern ‚Äď sei es, dass diese zuvor noch kein Wahlrecht hatten, sei es, dass sie nach einer Pause wieder w√§hlen.
Folglich verliert die SVP wohl kaum Bauern an die Gr√ľnen, aber entt√§uschte Protestw√§hlende aus dem Jahr 2015 an die politisch Abstinenten. Und bei den Gr√ľnen melden sich neuerdings W√§hlende, die vermutlich darauf z√§hlen, dass die Partei dank ihrer Stimme die √∂kologische Wende schafft.
Mobilisierung und Demobilisierung sind generell an den Polen der Parteienlandschaft wichtig ‚Äď also bei SVP, SP und Gr√ľnen. Im Zentrum, etwa bei GLP und FDP, spielt dagegen der Stimmentausch eine gr√∂ssere Rolle f√ľr das Endergebnis.

Der kurzfristige Ausblick

Das j√ľngste SRG-Wahlbarometer er√∂ffnet als einziges Tool die M√∂glichkeit, dies nachzupr√ľfen. In der folgenden Grafik sind die Angaben hochgerechnet: Pfeile
zwischen den Parteien zeigen Wechseleffekte an, Pfeile von aussen zu einer Partei hin zeigen Mobilisierungs- und Demobilisierungseffekte an.

Die Übersicht bestätigt die bekannten Muster zu weiten Teilen:

Erstens spielt die Mobilisierung an den Polen eine grössere Rolle:

‚Äď Eindeutig positive Mobilisierungseffekte haben die Gr√ľnen und die SP, in geringerem Masse auch die GLP. Schwach positiv sind sie bei der FDP.
‚Äď Eine eindeutige Demobilisierung zeigt sich bei der SVP. Weniger stark, aber auch nachteilig findet sich diese bei der BDP und minim bei der CVP.

Zweitens wechseln W√§hlerinnen prim√§r innerhalb eines Lagers die Partei. Drei Parteien d√ľrfen Wechselw√§hler anziehen:

‚Äď Die Gr√ľnen: Sie legen namentlich zulasten der SP um 0,9 Prozentpunkte zu. Ein Teil des erwarteten Gr√ľnen-Wahlsiegs d√ľrfe damit auf das Konto der SP gehen, die Anteile in entsprechendem Ausmass verliert.
‚Äď Die GLP: Sie gewinnt als einzige Partei von links und rechts, was in der Schweiz ausgesprochen selten ist. 0,6 Prozent‚Äßpunkte kommen von der SP, im zweitst√§rksten Wechseleffekt √ľberhaupt. 0,3 Punkte machen ehemalige W√§hler der BDP aus und je 0,2‚ź£Punkte solche der CVP, FDP und SVP.
‚Äď Die FDP: Sie erntet vor allem Stimmen bei der CVP und der BDP. Die Wechslerbilanz von 0,5 Prozentpunkten zwischen FDP und CVP ist die drittst√§rkste √ľberhaupt. Allerdings franst die FDP an ihren R√§ndern ebenfalls aus ‚Äď nirgends stark, aber √ľberall ein bisschen. Das ist typisch f√ľr eine Partei, die sich kurzfristig neu positioniert hat und damit auch Verunsicherung ausl√∂st.

Diese Auflistung relevanter W√§hlerbewegungen muss nicht abschliessend sein. Plausibel vermutet werden kann dar√ľber hinaus, dass es auch im rechten Lager
zwischen der SVP und der FDP Bewegungen gibt. Nur sind die Effekte in beide Richtungen ähnlich stark, sodass die Bilanz hier neutral ausfällt.

Fazit
Die Detailanalyse der Wählerbewegungen fällt damit im Grossen und Ganzen so aus, wie es Wahlforscher erwarten. Die Faustregeln bewahrheiten sich: Mobilisierung entscheidet an den Polen, Wechselwählen im Zentrum.

Den ganzen Datenblog finden Sie im RepublikMagazin vom 16.9.2019 unter

Combining als neues Verfahren f√ľr Wahlgewinne oder -verluste

Wie gross ist der Wählenden-Anteil der Parteien bei der kommenden Wahl? Wer kann mit Gewinnen rechnen, wer muss von Verlusten ausgehen? Ein neues Verfahren verspricht Präzisierungen der bisherigen Bilanzen und Prognosen.

Auf der Suche nach Antworten auf die Frage nach den Parteist√§rken kann man sich mit der Lekt√ľre von Zeitungen begn√ľgen. Man kann sich auch an eine(n) ExpertIn wenden. Beides bleibt jedoch schwach evidenzbasiert und subjektiv.

Neue Wege der Wahlforschung

Die Wahlforschung begeht seit 10 Jahren neue Wege. Combining heisst eine der neuen Methoden. Auf gut Deutsch: Kombination.
Kerngedanke des Vorgehens, das Scott Armstrong entwickelt und PollyVote popularisiert hat, ist: Jedes Verfahren hat einige Stärken und Schwächen. Wenn man nicht weiss, welches Verfahren auf Dauer am sichersten ist, verbindet man am besten die verschiedenen Vorgehensweisen. Deshalb ist die unvoreingenommene Kombination die neutralste.
In der Schweiz stehen vier denkbare Instrumente zur Verf√ľgung: repr√§sentative Wahlbefragungen wie das Wahlbarometer, Mitmach-Umfragen, wie die 20 Minuten Erhebungen, W√§hlb√∂rsen, wie sie der Tagesanzeiger publiziert, und Extrapolationen kantonaler Wahlen, wie man sie vom ZdA und dem Institut f√ľr Politikwissenschaft an der Uni Z√ľrich kennt.
Wahlbörsen wären am ehesten Prognosen, aber wenig stabil. Umfragen lassen ausgefeilte Analysen zu, haben aber einen Unsicherheitsbereich. Und kantonale Wahlergebnisse liegen in aller Breite vor, sind am nationalen Wahltag aber veraltet.

Ergebnis der ersten Anwendung in der Schweiz

Gem√§ss Combining sind Gewinne der FDP.Die Liberalen¬†resp. der SVP am wahrscheinlichsten. M√∂glich sind Gewinne auch bei der SP. Verlieren d√ľrfte dagegen die GPS. R√ľckg√§nge sind auch bei CVP und BDP m√∂glich. Generell gilt: Gr√∂ssere Parteien k√∂nnen zulegen, kleinere werden geschw√§cht.

tabcombi
Tabelle anklicken, um sie zu vergrössern
Erläuterungen
Wbaro=SRG-Wahlbarometer, Repräsentativ-Befragung CATI, gfs.bern
20 min Umfrage= Mitmachumfrage online, sotomo
Wb√∂rse: Wahlb√∂rse, Wettplattform Tagesanzeiger (nur f√ľr Teilnehmer zug√§nglich)
Kantonale Wahlen: ZdA/Daniel Bochsler
Kantonale Wahlen: IPW/Pirmin Bundi

Bei allen sechs Parteien stimmen kantonale und nationale Trends √ľberein. Moderiert wird durch die Kombination einzig das Ausmass an erwarteter Ver√§nderung je Instrument. Zum Beispiel die FDP, die in den nationalen Instrumenten besser abschneidet als in den kantonalen. Das gilt nicht f√ľr die GLP, denn da zeigen die Trends diametral Unterschiedliches an. In der Kombination resultiert denn auch ein Halten.
Generell gilt: Grössere Parteien können zulegen, kleinere werden geschwächt.
Die f√ľr die Schweiz neue Methode hat auch den Vorteil, Ausreisser der verschiedenen Instrumente sichtbar zu machen: Bei der „20 Minuten“-Umfrage ist es der tiefe Werte f√ľr die SP, bei der Wahlb√∂rse der hohe f√ľr die BDP. Kein wirklicher Ausreisser ergibt sich beim Wahlbarometer, obwohl er nur mit 17%-Anteil in die finale Hochrechnung einfliesst.

Was es in der Schweiz noch bräuchte
Die bisherigen Erfahrungen mit der Methode in den USA und Deutschland sind bei Wahlen √ľberwiegend positiv.
Gut w√§re es in der Schweiz, wenn auch √∂konometrische Modellrechnungen und systematische ExpertInnen-Befragung miteinbezogen werden k√∂nnten. Das w√ľrde die Zahl der Instrumente erh√∂hen und die Wahrscheinlichkeit von Pr√§zisierungen vergr√∂ssern. Zudem gibt es erheblich weniger Umfragen und Wahlb√∂rsen als in anderen L√§ndern. Entsprechend haben wir hier nicht einen Teilindex je Methode gew√§hlt, sondern je einen f√ľr die nationale und die kantonale Ebene.
Dennoch, die Schweizer Wahlforschung kann sich sehen lassen. Die mittlere Abweichung kurz vor Wahlen beträgt bei Umfragen gut 1 Prozent. Alles unter 1 Prozent gilt als Spitzenwert. Das heisst nicht, dass man nicht mehr tun soll. Unsere Erwartungen sind: Bei einer normalen Wahl verringerte sich die durchschnittliche Abweichungen. Nur bei einer ausserordentlichen Wahl mit starken Ereignissen in der Schlussphase des Wahlkampfs sind die kurzfristigen Instrumente geeigneter.
Die Situation in der Schweiz hat bis jetzt einen Nachteil. Es gibt zu wenig Instrumente, und es gibt je Instrument zu wenig Messungen. Die Kombination ist damit besser als die Einzelinstrumente. Mehr Material f√ľr Kombinationen w√§re jedoch¬†noch besser.

Claude Longchamp

PS:
Heute ist die neueste 20min-Umfragen erschienen, und die Wahlbörse wurde aufdatiert. Das neueste combining sieht wie folgt aus:
combininbg2
Die wesentlichste Veränderung betrifft die GLP, jetzt leicht Plus. Das SP-Ergebnis der 20min-Umfrage bleibt der markanteste Ausreisser.

Analysen, Analysen, Analysen

Gestern Abend erschien das SRG-Wahlbarometer des Forschungsinstituts gfs.bern. Entfacht wurde damit auch die Prognose-Diskussion. (M)eine Standortbestimmung.

Das Wort „Analyse“ beinhaltet (mindestens) drei Arten von Abkl√§rungen: die Beschreibung, die Erkl√§rung und die Prognose von Sachverhalten, Ereignissen oder Entwicklungen. Alle drei Operationen basieren auf Analysen. Indes, nicht jede Analyse eignet sich f√ľr alle drei Operationen gleichermassen.

Umfragen sind unbestrittenermassen Bestandesaufnahmen. Je nach Machart liefern sie auch Erklärungen, oder haben sie prognostischen Wert.
Das gilt auch f√ľr das gestern ver√∂ffentliche Wahlbarometer: Es benennt den Ist-Zustand beispielsweise bei den Parteist√§rken. Das ist in beschreibbaren Grenzen machbar. Es versucht zudem, Erkl√§rungen zu geben, warum eine Partei gew√§hlt wird, beispielsweise aufgrund von Themen- und Personenorientierungen oder der Positionierung auf der Links/Rechts-Achse, dem Regierungsvertrauen und den kommunizierten Werthaltungen.
Prognostische Absichten verfolgt das Wahlbarometer dagegen nicht, denn der Weg hierzu ist steinig. Die gr√∂ssten Brocken k√∂nnen aus dem Weg ger√§umt werden, wenn man Bestandesaufnahmen identisch gemacht wiederholt, sich daraus ein Trend ergibt, den man dann auf den Abstimmungstag hin extrapoliert. Je mehr Umfragen man hat und je mehr man dem Wahltermin n√§her r√ľckt, desto eher wird das m√∂glich. Aufgrund einer Umfrage ein Jahr vor den Wahlen macht das keinen Sinn. Und schon gar nicht weit im Voraus-
Hauptgrund: Die Erkl√§rung von Ver√§nderungen in den Wahlabsichten √ľber die Zeit hinweg erfolgt in erster Linie aufgrund des Wahlkampfes, dessen Funktion es ist, Meinungen zu bilden und zu mobilisieren. Solange man aber die zentralen Ereignisse in einem Wahlkampf nicht kennt, kann man beide Wirkungen eines bestimmten Wahlkampfes nicht vorhersagen, maximal mit Szenarien antizipieren.
Die meisten Parteien haben das zwischenzeitlich begriffen. Sie nehmen Wahlbefragungen als Tendenzen, als Orientierungsgr√∂ssen, ob der Trend stimmt oder nicht. Klar, gute Umfragewerte zu Parteist√§rke, Themenkompetenz oder Personenglaubw√ľrdigkeit hat man lieber als schlechte. Entscheidend ist das alles nicht, denn die Reaktionsart ist massgeblich: Man kann sich in Sicherheit f√ľhlen, in Angstzust√§nde verfallen, oder Analysen als Anlass nehmen, etwas insk√ľnftig besser zu machen.

Interessant zu sehen war gestern und heute, wie anders gewisse Massenmedien auf eine Wahlumfrage reagieren: Je zugespitzer die Aussage, umso eher verf√§llt man in die Prognose-Routine. Am schlimmsten war die S√ľdostschweiz. Auf der Frontseite prangte: „Prognose: SVP verliert die Wahlen 2015.“ Dabei konnten wir im Vorfeld der Ver√∂ffentlichung noch einiges verbessern: „Wer gewinnt in einem Jahr, wer verliert? Und was heisst das f√ľr den Bundesrat?“, waren die meist gestellten Fragen. Einige √§nderten nach Gespr√§chen das Thema, und legten, von uns aus zurecht auf die Erkl√§rung, was ist, und warum es ist.

Aus meiner Sicht ist heute nichts anderes angezeigt, wenn man Umfragen liesst. Das heisst indessen nicht, dass es keine Nachfrage nach Prognosen gibt, auf die man eintreten kann. Mitunter zu diesem Zweck habe ich vor einem Jahr an der Uni Bern auf der Masterstufe ein Forschungsseminar zu Wahlprognosen angeboten: zum Versuch, mit oder ohne Umfragedaten, Vorhersagen von Wahlen zu machen. Vom bestehenden Wahlbarometer unterscheiden sie sich in verschiedener Hinsicht: Entweder werden Analysetools aller Art, also auch Wahlb√∂rsen, Prognosem√§rkte, Expertenpanels und Modellrechnungen systematisch genutzt, um Fehlerquellen, die √ľberall bestehen k√∂nnen, zu vermeiden, oder aber es werden, √ľber die hier genannten Erkl√§rungsgr√ľnde hinaus, weitere wie die Einfl√ľsse der Medienberichterstattung, Wahlwerbung, politisches Klima, Wirtschaftslage etc. beigezogen, um Prognosen machen zu k√∂nnen.
Am Ziel sind wir alle nicht. Entscheidend ist aber, dass wir Willens sind dazuzulernen. Am besten im herrschaftsfreien Diskurs mit weiteren Interessierten.

Claude Longchamp

Mit Combining zu besseren Prognosen

PollyVote in den USA! Pollyvote in Deutschland! Bald auch PollyVote in der Schweiz?

Das Beispiel war einleuchtend: Muss man sich in einer schwierigen Sache entscheiden, listet man Pro und Kontra auf, und fragt man sich, ob mehr daf√ľr oder dagegen spricht. Schwieriger als das ist die Antwort auf die Frage, ob ein Argument alle anderen √ľbertrumpfe.

Vor diesem Hintergrund kritisiert Andreas Graefe am Freitag in einem Gastvortrag im Rahmen meines Forschungsseminars an der Uni Bern das g√§ngige Verfahren in der Prognosetechnik, wonach man relevante Determinanten aufgrund der bisherigen Erfahrung gewichtet, um eine gute Vorhersage machen zu k√∂nnen. Vielmehr empfahl der Referent, mehrere begr√ľndbare Prognosen konstant nebeneinander laufen zu lassen, und aus ihnen systematisch ungewichtete Mittelwerte zu bilden.

„Ist das Wissenschaft?“, habe ihn Prognose-Guru Michael Lewis-Beck nach seinen ersten Vortrag vor Spezialisten gefragt, und er habe die Antwort gleich vorweg genommen: zu simpel, um wahr zu sein! Doch der Nachwuchsforscher liess sich nicht ins Boxhorn jagen und rechnete nach: Neun Modelle kennt insbesondere die amerikanische Forschung zu Pr√§sidentschaftswahlen. Wirtschaftsleistung und Popularit√§t des Amtsinhabers kommen in allen vor; danach unterscheiden sich die Indikatoren aber, sodass man immer weider von neuem versuche, mittels raffinierter Gewichtung optimale Modellierung zu erhalten. Mitnichten, meinte der M√ľnchner Gast, denn: Addiere man die 27 Indikatoren aller Modell ungewichtet auf einmal, erhalte man die beste Prognose.

Graefe z√§hlt Umfragen, Wahlb√∂rsen, Modellrechnungen, Indices zu Themen- und Personeneigenschaften sowie ExpertInnen-Einsch√§tzungen zu den an sich validen Prognoseinstrumenten. Kein Tool sei perfekt, sodass man sich auf nur eines verlassen k√∂nne. Ber√ľcksichtige man aber alle gleichermassen, reduzieren man die Wahrscheinlichkeit, durch einen unvorhersehbaren Ausreisser ungewollte beeinflusst zu werden.

pollyvote
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PollyVote nennt Graefe das Verfahren. Sein Papagei verstehe nichts von Politik, plappere aber alles nach, was die anderen sagen, und kenne die Mittelwert-Berechnung. Das reiche!

2013 arbeitete der Oekonom, der an der Uni M√ľnchen forscht, so, um den Ausgang der Bundestagswahlen vorauszusagen. Dabei zeigten sich St√§rken und Schw√§chen der Methode. Dass es die AfD nicht schaffe, war f√ľr Graefe klar. Wie alle anderen Instrumente auch, prognostizierte auch seines aber, die FDP schaffe die 5-Prozent-H√ľrde.

Der Grund ist einfach: Die Wahlbörsen waren teilweise durch die SympathisantInnen der AfD manipuliert; genau das fiel im Vergleich der Instrumente untereinander schnell auf. Anders bei FDP: Weil sich alle in die gleiche Richtung täuschten, entdeckte das Graefe-Verfahren die gemeinsame Schwäche nicht.

Dennoch zeigte sich der Referent aufgrund US-amerikanischen Erfahrungen √ľberzeugt: Auf die Dauer werden Prognosen genauer, wenn man verschiedene bew√§hre Verfahren unvoreingenommen verbindet, und die Kombi-Methode ist die Beste, nicht weil sie fehlerfrei ist, sondern die Fehlerwahrscheinlichkeit systematisch minimiert.

Ich werde mir das zu Herzen nehmen, und es in der Schweiz ebenso versuchen!

Claude Longchamp

Wer wie genau war, bei der Prognose der deutschen Bundestagswahlen

Ueber das Prognose-Tool PollyVote_de habe ich schon vor den deutschen Bundestagswahlen berichtet. 2013 durchlief es sein Probephase ‚Äď und bestand sie, wenn auch nicht ganz problemlos. Mein Bericht.

Wäre es nach den verschiedenen Wahlbörsen gegangen, wäre die AfD in den Bundestag gelangt und die FDP drin geblieben. Das war gleich gleich zweimal falsch. Bei der AfD lagen die Prognosemärkte als einzige daneben, bei der FDP gerieten alle Prognoseverfahren bei den diesjährigen deutschen Wahlen in Schwierigkeiten.

Nun kann man Vorhersagen nicht auf die Frage reduzieren, wer der Eintrittsschwelle in den deutschen Bundestag scheitert resp. sie √ľberwindet. Das ist zwar qualitativ von Belang, doch gehen alle Prognoseverfahren quantitativ vor. Fairer ist es deshalb, sie daran zu messen, wie gross mittlere Abweichung bei allen Parteien ist.

PollyVote hat denn auch die quantitative G√ľte der verschiedenen Tools im Nachhinein verglichen. Ergebnis:

. Prognosemärkte waren am ungenauesten;
. etwas besser waren ExpertInnen;
. noch präziser waren Umfragen und
. am geeignetsten, die Wahl vorauszusehen, waren Modellrechnungen.

PollyVote ging noch dar√ľber hinaus. Im Claim der Plattform heisst es, „Prognosen gut kombiniert“. Will heissen: Am besten ist der Mix aus der vier genannten Verfahren. In der Tat wurde das Versprechen eingel√∂st, denn noch einen Hauch besser als die Modellrechnungen war PollyVote selber.

Damit best√§tigt sich in Deutschland, was in sich in der amerikanischen Wahlforschung vor kurzem eingeb√ľrgert hat. Statt auf eine Umfrage zu achten, schaut man auf alle. Statt Umfragen alleine beizuziehen, l√§sst man sich von allen ser√∂sen Instrumenten beraten.

Der mittlere Fehler dieses doppelten Kombis betr√§gt 0,97 Prozentpunkte pro Partei. Das Hauptproblem betrifft die CDU/CSU, gefolgt von den Gr√ľnen. Erst dann kommen die FDP und die AfD an die Reihe. Weitgehend unproblematisch waren die Einsch√§tzungen von von PollyVote bei der SPD, den Piraten und der Linken.

Alles klar? Wie immer bei solchen Aggregatoren, die vom Schnitt ausgehen, sind einige Teilinstrumente ungenauer resp. genauer als das Mittel. Am genauesten von allen war die Website „election_de„. Denn sie lag praktisch √ľberall richtig; mittlerer Sch√§tzfehler: sensationelle 0,1 Prozent pro Partei.

Das Dumme nur: Die Statistiker dahinter verraten fast nichts, wie sie vorgegangen sind. Man erf√§hrt nur, dass sie die zitterhaften Umfragen mit den langfristigen Trends kombinieren, und √ľber die Wahlkreise vorgehen, um die Parteist√§rken zu prognostizieren. Wie genau das geht, bleibt ihre Mysterium.

Claude Longchamp

Lassen sich Schweizer Wahlen prognostizieren?

Mit Blick auf die Schweizer Wahlen 2015 wage ich ein f√ľr die Schweiz neuartiges Experiment in der Wahlforchung.

Umfragen zu den Wahlabsichten vor Schweizer Nationalratswahlen sind heute weitgehend eingef√ľhrt und sie werden medial und politisch vielfach verwendet. Insgesamt haben sie sich bew√§hrt, und einen im internationalen Vergleich brauchbaren Stand erreicht. Es bleiben aber zwei Probleme: Befragungen kurz vor einer Entscheidung vermitteln einen leicht „zittrigen“ Eindruck, denn die Schwankungen der Messergebnisse im Zufallsbereich bleiben bei allen methodischen Verbesserungen bestehen. anderseits sind Umfragen weit vor einer Wahl eher Momentaufnahmen denn Vorhersagen, denn es fehlt ihnen die Ber√ľcksichtigung der Meinungsbildung, die erst noch kommt.

Die internationale Wahlforschung der letzten 15 Jahre ist genau deshalb neue Wege gegangen. Sie pr√ľft alternative Instrumente wie Wahlb√∂rsen oder ExpertInnenbefragungen, und sie hat Modellrechnungen entwickelt, um beispielsweise mit √∂konomischen Indikatoren oder medialen Themenanalysen Wahlprognosen erstellen zu k√∂nnen. Andere VertreterInnen der neuen Wahlforschung verfolgen den Pfad, Umfrageergebnisse zu qualifizieren, indem sie mit anderen Messgr√∂ssen kontrolliert, spricht justiert werden.

Genau diesen neuen Möglichkeiten der Wahlprognose nimmt sich mein neu gestaltetes Forschungsseminar an der Universität Bern an. Ziel ist es, ein Instrumentarium zu entwickeln, das mit oder ohne Umfragen zu Wahlabsichten 2015 eingesetzt werden könnte, um den Ausgang von National- und Ständeratswahlen vorherzusehen. Auf diesem Weg gibt es in der Schweiz bisher nur wenig; erwähnt seien Extrapolationen kantonaler Wahlen Рmit der Einschränkung, dass die Trends aber nicht gleich verlaufen. Zu Ständeratswahlen gibt es noch weniger Рmit Ausnahme erster Forschungsarbeiten, die ich 2011 an der Uni Bern angeregt habe.

Diese L√ľcke will das Seminar f√ľllen. Es richtet sich an Studierende auf der Masterstufe. Vorausgesetzt werden gute Kenntnisse der Schweizer Wahlen und ein grundlegendes Wissen zu den Theorien und Methoden der Wahlforschung. Die Lehrveranstaltung selber besteht aus mehreren Teile: einer Einf√ľhrung mit den Erarbeitung der Zielsetzung: eine Bearbeitung der relevanten Literatur aus den USA und aus Deutschland; der Bildung von Projektgruppen, die je ein Instrument entwickeln m√ľssen und der Diskussion erster Ergebnisse aus der neuen Forschung. Als externen Referanten habe ich zudem Andreas Graefe von der Uni M√ľnchen eingeladen, der ein vergleichbares Projekte zu den Bundestagswahlen 2013 realisiert.

An die studentischen Projekte stelle ich eine Anforderung: Die Intuition, die hier sehr wohl eingesetzt werden kann, soll durch ein systematisches und methodisch kontrolliertes Vorgehen ersetzt werden. Die Arbeiten aus dem Seminar m√ľssen bis Ende Januar 2014 abgeben werden, mit konkreten Vorschl√§gen, wie neue Instrument der Wahlprognoseforschung jenseits der eingef√ľhrten aussehen und wie sie mit Blick auf die Wahlen 2015 realisiert werden k√∂nnten. Interessierte der Uni Bern erfahren √ľbere Ilias mehr dazu.

Ich hoffe, hier nicht nur Neuland zu beschreiten, sondern auch festeren Boden unter den F√ľssen zu bekommen!

Claude Longchamp

BDP: die unterschätzte Partei

5 Jahre BDP! Anlass, eine Bilanz zu ziehen, was ist – und was nicht.

Der Anlass
Fast alle ExpertInnen untersch√§tzten 2011 die BDP 2011, res√ľmierte Adrian Vatter, Professor f√ľr Schweiz Politik an der Universit√§t Bern, seine Meta-Analyse von Umfragen, Wahlb√∂rsen und Zusammenstellungen kantonaler Wahlergebnisse zu eben dieser Partei. Doch sie √ľberrascht: Sie erreichte bei ihrer ersten nationalen Wahl 5,4 Prozent der Stimmen; neun Sitze im Nationalrat resultierten daraus, und ein Mandat im St√§nderat gab es f√ľr die j√ľngste aller Parlamentsparteien.

bdp
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Nun ist die Berner Sektion der B√ľrgerlich-Demokratischen Partei an diesem Wochenende f√ľnf Jahre alt geworden: ein Grund zum Feiern, in Aarberg, auch wenn die Tage davor f√ľr BDP-Bundesr√§tin Eveline Widmer-Schlumpf eine veritable Herausforderung waren. Zum ersten Mal re√ľssierte die Bundesr√§tin aus den Reihen der BDP in einem Kerndossier nicht, und das ausgerechnet vor der versammelten Mediennation.

Das Ganze ist und bleibt heikel: Denn trotz des Wahlerfolgs von 2011 ist die BDP eine kleine Partei, m√ľssen ihre Mitglieder in Bundes- und Kantonsregierungen weitgehend ohne grosse Fraktion politisieren. Machtpolitik als Strategie scheidet da an sich aus. Daf√ľr ist Sachpolitik angesagt, f√ľr Projekte, die aus der politischen Mitte heraus entstehen, aber nicht aus dem CVP-Hause stammen. Erfolge haben sie nur, wenn sie von links oder rechts mitgetragen werden.

Die Entwicklungen
Gerade sachpolitisch ist die BDP meines Erachtens weiter als bei ihrer Gr√ľndung. Sie hat sich in ihrer grossen Mehrheit als zuverl√§ssiger Partner der bundesr√§tlichen Energiewende positionieren k√∂nnen. In der Bankenpolitik des Bundesrates hat sich beim automatischen Informationsaustausch unter den b√ľrgerlich politisierenden Parteien den Lead inne. Das m√ľssen ihr sogar die argw√∂hnisch beobachtenden JournalisteInnen attestieren. Ich halte deshalb die g√§ngige Analyse, die BDP sei die anst√§ndige SVP, aber ohne profiliertes Programm, f√ľr √ľberholt. Denn die BDP entwickelt sich programmatisch, gerade in Abgrenzung zu SVP und FDP. Das ist nicht ohne Folge, denn die Wahlanalyse von 2011 zeigte, dass sie am meisten Stimmen bei Ehemaligen genau dieser Parteien gemacht hat. Zugewinne seitens der SP und der CVP gab es zwar auch, aber weniger. Mehr davon w√§re insk√ľnftig gut, und angesichts der schw√§chelnden FDP auch nicht ausgeschlossen.

Die zweite Quelle an W√§hlerInnen-Stimmen mobilisierte die BDP mit ihrem geschickten Slogan als neue Kraft. Der neue politische Stil, der sich 2011 wieder vermehrt durchsetzte, legte nahe, dass die verdr√§ngten Probleme der j√ľngsten Vergangenheit benannt sind und man heute Pers√∂nlichkeiten will, welche zu L√∂sungen f√§hig sind: Bereit zu Kompromissen – statt zu polarisieren, sachorientiert mit Dossierkenntnis – statt zu blockieren. Genau das pflegt die BDP in den meisten Kantonen und sie darf davon nicht abr√ľcken, wenn sie ihre Erfolgsgeschichte fortschreiben will. Denn nur das f√ľhrt dazu, dass W√§hlende, die entt√§uscht von politischen Prozesse in der Schweiz sind, wieder Hoffnungen in der politischen Beteiligung sehen und BDP w√§hlen gehen.

Mindestens so gut wie die GLP steht die BDP in den Kantonen da. Denn sie ist nicht mehr nur eine Erscheinung in den Gr√ľnderkantonen Graub√ľnden, Bern und Glarus. Im Mittelland hat sie sich bei kantonalen Wahlen meist √ľber dem 5 Prozent-Niveau etablieren k√∂nnen. Ihr Auftritt gef√§llt, denn er besteht aus einem Mix aus erfahrenen PolitikerInnen, meist aus den Reihen der SVP, aber auch aus neuen Personen, die eine Unabh√§ngigkeit und Innovation garantieren. Weniger etabliert ist die Partei allerdings in der Romandie, wo sie sich in dem meisten Kantonen nach wie vor mit den Gr√ľndungsschwierigkeiten herumschl√§gt und eine marginale Erscheinung im Parteiensystem ist.

Die Herausforderungen
Das Erfolgsprofil der Zukunft kann sich die BDP an den Abstimmungsentscheidungen ablesen: BDP-W√§hlende sind zun√§chst regierungstreu, vergleichbar oder noch mehr als das bei der CVP der Fall ist. Denn sie haben ein intaktes Verh√§ltnis zu den Institutionen des politischen Systems und brauchen keine Populisten, um den richtigen Weg zu erkennen. Sie sind nahe dem politischen Zentrum ‚Äď und der Bev√∂lkerungsmehrheit! Seit 2011 hat sich die BDP einmal klar get√§uscht: Bei der Abzocker-Initiative verhielt sich die Spitze zu regierungstreu, w√§hrend auch die BDP-Basis ganz anders tickte, und promt √ľbersch√§tze man sich und untersch√§tzte man die W√§hlerInnen. Vielleicht war auch ihr Nein zur Zweitwohnungsinitiative ein Fehler, und bei Fragen der Hauseigent√ľmer tat sich die Partei 2012 bisweilen schwer, einen klaren Standpunkt oben und unten einzunehmen. Dennoch, die Bilanz der BDP bei eidgen√∂ssischen Volksabstimmungen ist gut ‚Äď besser jedenfalls als die der unmittelbaren politischen Konkurrenz rechts von ihr.

Mit Blick auf 2015 bleiben zwei grosse Herausforderungen: erstens die bange Frage, ob Eveline Widmer-Schlumpf erneut antritt oder nicht, und zweitens, nicht minder entscheidend, ob die BDP als eigenst√§ndige Partei Zukunft hat. Skeptiker unter den Analytikern halten das bereits f√ľr das drohene Ende der jungen Partei.

Meines Erachtens h√§ngt vieles h√§ngt vom Wahlergebnis bei den n√§chsten National- und St√§nderatswahlen ab, und zwar vom eigenen und von dem der anderen. Das eigene wird herangezogen werden, um die bisherige Arbeit der jungen Partei zu beurteilen; das der anderen wird massgeblich sein, wenn es um Allianzen gehen wird, die den neuen Bundesrat formieren m√ľssen. Ein R√ľckgang in der W√§hlenden-St√§rke w√§re f√ľr die BDP fatal; ein Gewinn durchaus ein Versprechen, mittelfristig √§hnlich stark wie die CVP zu werden – und damit ihr auf Augenh√∂he gegen√ľber zu stehen. Wenn Mitte/Links auch in der kommenden Vereinigten Bundesversammlung √ľber eine Mehrheit verf√ľgt, ist es gut m√∂glich, dass die jetzige BDP-Bundesr√§tin auch die k√ľnftige ist. Ohne das d√ľrfte die BDP ins zweite Glied der Parlamentsparteien zur√ľckgedr√§ngt werden, auf den Status, den die GLP oder die EVP heute hat. Mit einer Mehrheit, die der BDP wohlgesinnt ist, kann sich das Szenario von 2011 durchaus wiederholen: Die SVP reklamiert aufgrund ihrer St√§rke im Parlament einen zweiten Sitz im Bundesrat, sei es zulasten der BDP, der SP oder der FDP. Letzteres hat die geringste Priorit√§t aus Sicht der SVP, ist aber m√∂glicherweise der einzige Ausweg.

Die zweite Herausforderung betrifft die Zukunft der BDP. Von Beginn an hat man ihr geraten, mit der CVP zu fusionieren. Und von Anfang an setzten sich in der BDP die Kr√§fte durch, welche das verhindern wollten. Zwischenzeitlich haben sich die beiden Parteien elektoral fast komplement√§r entwickelt, denn die BDP ist ein Ph√§nomen reformiert oder gemischt-konfessioneller Kantone mit l√§ndlichem oder kleinst√§dtischem Charakter, w√§hrend die CVP gleiches in mehrheitlich katholischen Gebieten ist. FusionsgegnerInnen verweisen gerne darauf, dass das nicht zusammenpasst. Bef√ľrworterInnen eines Zusammengehens interpretieren das genau umgekehrt: eine Kooperation werde so erleichtert, denn 1 plus 1 g√§be unter genau solchen Bedingungen 2. Als Gegengewicht des Zentrums gegen√ľber den Polen w√ľrde das der Mitte gut anstehen, selbst wenn sich an der Krux, nach links oder rechts allianzf√§hig bleiben zu m√ľssen, nichts √§ndern w√ľrde. Das bleibt eine Knacknuss.

Doch will auch ich die BDP hier nicht erneut untersch√§tzen. Denn ich bin es zwischenzeitlich gewohnt, dass sie mich und andere √ľberrascht, genau dann, wenn sie in den gr√∂ssten Schwierigekeiten steckt und niemand mehr von ihr etwas erwartet.

Claude Longchamp

Prognose der eidg. Wahlen 2015

HistorikerInnen seien PrognostikerInnen der Vergangenheit, frotzeln SozialwissenschafterInnen gerne. Ein Blick auf die Wahlvorhersagen der PolitikwissenschafterInnen in der Schweiz zeigt, dass sie recht selten sind. Grund genug, der Prognose der National- und St√§nderatswahlen 2015 mein Forschungsseminar auf Masterstufe am Institut f√ľr Politikwissenschaft an der Universit√§t Bern zu widmen.

Die GrundlagenforscherInnen √ľberlassen Prognosen gerne der Anwendungsforschung, obwohl Karl R. Popper einst meinte, wer einen Sachverhalt gut erkl√§ren k√∂nne, k√∂nne ihn auch prognostizieren. Das war noch ganz im Denken des deduktiv-nomologischen Wissenschaftsverst√§ndnisse, wie es aus den Naturwissenschaften, insbesondere der Physik, stammt. Zwischenzeitlich sind die Sozialwissenschafter etwas vorsichtiger geworden. Es herrscht das deduktiv-stochastische Verst√§ndnis von wissenschaftlicher Forschung vor: Hergeleitet werden Zusammenh√§nge nicht nur aus gedanklichen Konzepten, die Erkl√§rungen wie Vorhersagen gleichermassen erlauben, sondern aus verallgemeinerungsf√§higen Beobachtungen, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit und einer beschr√§nkten Offenheit erlauben, Aussagen zur (nahen) Zukunft zu machen.

Nun hat die Wahlforschung insbesondere in den USA in den letzten 8 Jahren rasante Fortschritte gemacht, gerade was Wahlprognosen betrifft. Zu den bekannte Umfragen sind Wahlbörsen hinzu gekommen, ebenso arbeitet man mit Modellrechnungen und Expertenpanels, wenn es um die Vorhersage beispielsweise der amerikanischen Wahlen geht. Die Leistungsschau lässt sich sehen: Verschiedene Protagonisten des Metiers kannten den Wahlsieger, seine Elektorenstimmen und seinen Wähleranteil weit im Voraus ganz genau, oder sie mussten sich nach der Wahl mit nur minimalen, letztlich irrelevanten Abweichungen auseinandersetzen.

Ist das auch in der Schweiz m√∂glich, wenn es um National- und St√§nderatswahlen geht? Genau das ist die Fragestellung meines n√§chsten Forschungsseminars an der Uni Bern, das ich im Rahmen des Masters f√ľr schweizerische und vergleichende Politik im Herbstsemester 2013 anbieten werde. Bezugspunkt f√ľr die Prognose sind die Parlamentswahlen 2015.

Im Seminar wird zuerst der Benchmark der Wahlprognosen in Politikwissenschaft, Oekonomie, Medienwissenschaft, Geschichte und Statistik erarbeitet. Dann werden die wenigen Wahlprognosen in der Schweiz einer kritischen W√ľrdigung unterzogen, so ihrem theoretischen und empirischen Hintergrund. Darauf aufbauend formulieren die Studierenden Projekte, welche zu Verbesserungen in der Wahlprognose zu Schweizer Wahlen versprechen. Es werden die bestens 3-5 Vorschl√§ge ausgew√§hlt, die in der Folge als Gruppenarbeiten ausformuliert werden, und zwar in methodischer und datenm√§ssiger Hinsicht. Die Arbeitsgruppen m√ľssen bis Ende Semester zeigen, was f√ľr Vorhersagen sie damit 2011 (oder noch fr√ľher) gemacht h√§tten und, als Kernaufgabe, wie die Vorhersage f√ľr 2015 lautet.

Denkbar sind Prognosen zur Wahlbeteiligung, zum Stimmenanteil aller oder einzelner Parteien und zur Sitzverteilung im National- und St√§nderat in einzelnen Kantonen oder gesamtschweizerisch. Minimal wird erwartet, eine zutreffende Aussage zu Gewinner und Verlierer zu machen, maximal auch quantitativ zutreffende Angaben. Dabei k√∂nnen Trendextrapolationen und Szenarientechnik angewandt werden. Im Herbst 2015 werden wir dann √ľberpr√ľfen k√∂nnen, was davon stimmte (und falls nicht lernen k√∂nnen, was man noch besser machen kann).

Ich hoffe, damit eine Schritt zur√ľck zur urspr√ľnglichen Motivation zu machen, warum man Sozialwissenschaften betreibt, n√§mlich die F√§higkeit zu entwickeln, Entwicklungen und Ereignisse vorher zu sehen, die, nicht zuletzt mit der empirischen Ausrichtung der F√§cher weitgehend auf die Aufgabe reduziert wurde, Erkl√§rungen f√ľr j√ľngst Vergangenes anzubieten.

Gefordert werden alle sein, die Studierenden und der Dozent.

Claude Longchamp

Final Polls and Projections: Was Messungen, Berechnungen und Modelle f√ľr den Ausgang der US-Wahlen erwarten

Noch ist in den USA nicht Wahltag, und Umfragen sind bis zum Schluss möglich. Dennoch, die meisten Prognosetools haben ihre letzten Erhebungen und Projektionen gemacht. Hier eine Uebersicht!

Die Zahl der Hochrechnungen zum Elecotral College hat sich auf 14 erweitert. Ber√ľcksichtigt habe ich dabei nur noch die, die eine Tage vor der Wahl eine Aussage zum Sieger machen. Konkret: 12 Instrumente geben Pr√§sident Barack Obama als Sieger, 2 Herausforderer Mitt Romney.

Tabelle: Uebersicht √ľber die letzten, aufgrund von Umfragen hochgerechneten Elektorenstimmen f√ľr Obama und Romney

Grafik anclicken um sie zu vergrössern

Eindeutige Verh√§ltnisse erwarten die Politikwissenschafter Josh Putnam, Drew Linzer, die Statistiker Nate Silver und Sam Wang, der Analytiker Scott Eliott sowie die Plattformen RealClearPolitics und AmericanProspect. Sie alle geben Obama mindestens 303 Elektorenstimmen, Romney maximal 235. Einen knapperen Ausgang erwarten namentlich Ezra Klein, Kolumnist der WashingtonPost, Politologe Larry Sabato, und die Wahlforscher JayDeSart/Thomas Halbrook. Bei ihnen reichte es dem Demokraten f√ľr 281 bis 294 Stimmen, dem Republikaner f√ľr 244 bis 257.

Nicht ganz festlegen lassen sich ElectoralVote und TalkingPointMemo, da sie die umstrittensten Bundesstaaten nicht klassieren. Bei ElectoralVote sind die North Carolina und Colorado, bei TPM ebenfalls North Carolina, erweitert um Virgina und Florida. Trotzdem sehen sie Obama √ľber 270 Stimmen und damit als Sieger. Das ist beispielsweise bei der WashingtonPost anders, die auch einen Tag vor der Wahl nicht sagt, wer gewinnt.

Den eigentichen Gegenpool unter den Prognostikern bilden Karl Rove und die Plattform UnskewedPolls. Nach ihnen heisst der Wahlsieger Mitt Romney, denn er weiss gemäss diesen Hochrechnungen mindestens 285 Elektoren hinter sich. Die obengenannte Wackelstaaten sieht er alle zugunsten des Republikaners stimmen, hinzu kommen Ohio, Iowa und New Hampshire; bei UnskewedPolls kommen weitere hinzu.

Der haupts√§chliche Grund f√ľr die verschiedenartigen Einsch√§tzungen betrifft die verwendeten Umfragen. Die beiden letztgenannten Prognostiker bauen stark auf RasmussenReport und Gallup, die Wahlergebnisse recht entfernt vom mainstream der verschiedenen PollingFirmen nahelegen.

Die meisten Analytiker arbeiten deshalb nicht einzelnen Umfrageserien, sondern mit Mittelwerten √ľber viele oder alle Umfragen. Prozentuiert auf die beiden Kontrahenten, sind die Werte nahe beisammen:

. RealClearPolitics: 50,4:49,6 (f√ľr Obama)
. Pollster: 50,5:49,5
. TalkingPointMemo: 50,5:49,5
. ElectionProjection: 50,6:49,4
. FiveThirtyEight: 51,0:49,0
. ElectionConsortiumProjection: 51,2:48,8

Kontrolliert werden solche Umfragemittelwerte zudem durch nicht-demoskopische Tools. Zu denen zählen Wahlbörsen, Modellrechnungen und Expertenurteile. Auch die legen zwischenzeitlich den gleichen Wahlausgang nahe:

. Wahlbörsen (IEM) 51,0:49,0
. Oekonomische Modelle 50,3:49,7 (mit einer grössere Varianz im Einzelbeispiel allerdings)
. (anonyme) Expertenschätzungen: 50,5:49,5.
. IndexModelle (zu Themen und Personen): 52,7:47,3

PollyVote, einen unabh√§ngige Plattform auf Internet, wo das alles zusammengefasst wird, hat einen Tage vor der Wahlverk√ľndet: „Polly’s final forecast: Obama 51.0% v. Romney 49.0%

Claude Longchamp

USWahl12: Fifty-fifty, mit leichtem Plus f√ľr …

„Tie“ nennen die Amerikaner eine unentschiedene Wahl. Das legt ein Rundgang durch die diversen Prognosen eine Woche vor der Pr√§sidenten-Wahl f√ľr die anstehende Entscheidung nahe. Einzelne Instrumente geben ein Plus f√ľr … Obama oder Romney!


Unklar, welche Nase vorne ist: Elektorenstimmen knapp f√ľr Obama, Volksmehrheit knapp f√ľr Romney, so die Bilanz eine Woche vor der Wahl

3 Wochen vor den US-Pr√§sidentschaftswahlen 2012 machte die Fachzeitschrift ‚ÄěPS‚Äú (Political Science&Politics) tabula rasa. Pr√§sentiert wurden 13 Wahlprognosen, alle 299 bis 57 Tage vor der Wahl erstellt. Ihre Gemeinsamkeit: einfache Erkl√§rungen der Wahl mit Faktoren wie Wirtschaftslage oder Popularit√§t des Pr√§sidenten. Ihr Unterschied: 6 geben Obama als Sieger, 5 Romney; bei zweien ist der Abstand f√ľr eine eindeutige Aussage zu gering. Das bekanntere Instrument mit den Halbe-Halbe-Ergebnisse ist ‚ÄěThe Time for Change‚Äú-Modell, entwickelt von Alan Abramovitz. Demnach wird Demokrat Obama mit 50,6 Prozent gewinnen, weil es keine gen√ľgende Wendestimmung zugunsten des Republikaners Romney g√§be.

Nicht zuletzt die unerwarteten Ergebnisse der Parteitage und TV-Debatten haben gezeigt, die Zukunft nicht alleine in Kenntnis der vergangenen Mechanismen vorhersagen zu wollen, ist riskant. Denn das ist die Schw√§che aller noch so elaborierten Modellrechnungen. Die Uebersicht PollyVote versucht das zu umgehen: Nebst den genannten 13 Modellrechnungen (und einigen weiteren) integriert der Superaggregator auch aktuelle Umfragen, Wahlb√∂rsen und anonymisierte Expertensch√§tzungen. Ergebnis eine Woche vor der Wahl: Obama gewinnt ganz knapp mit 50,9 zu 49,1. F√ľr den Pr√§sidenten sah es auch schon besser aus: 52,4 zu 47,6 war sein Wert nach den Parteitagen und vor den TV-Auftritten. Das Mittel der von PollyVote ber√ľcksichtigen Umfragen resp. der √∂kononischen Modellrechnungen geben je ein perfektes Patt; die miteinbezogenen Experten und die Wahlb√∂rsen tendieren mit 51:49 minimal zugunsten des Demokraten. Prognosen aufgrund von Personeneigenschaften schliesslich favorisieren Obama mit 52,5 zu 47,5.

Doch auch diese Rechnungen haben einen Nachteil: Sie sagen nur das nationale Wahlergebnis der beiden Bewerber voraus. Entschieden wird aber in den Bundesstaaten, denn diese bestimmen Staat f√ľr Staat das Wahlgremium, das Ende Januar 2013 den neuen Pr√§sidenten w√§hlen wird.

Zwei Tools, die Bestandteil von PollyVote, die es medial zu gr√∂sster Beliebtheit geschafft haben, sind da besser unterwegs: FiveThrityEight, das Prognoseinstrument der New York Times, und RealClearPolitics, die Internet-Uebersicht. „538“ setzt auf Obama, und zwar bei den Elektorenstimmen (297:241) wie auch bei der Volkswahl (50:49). RCP gibt Romney bei den Stimmen der W√§hlenden einen Vorsprung (48:47), w√§hrend Obamas Widerwahl aufgrund der Elektoren (290:248) m√∂glich erscheint. Das spricht am meisten f√ľr den Amtsinhaber, denn keines der Tools zur Zusammensetzung des Electoral College sieht Romney als neuen Pr√§sidenten.

Bei den bedeutungsvollen Bundesstaaten konzentriert sich die Aufmerksamkeit in der Schlussphase ganz auf Ohio. Denn hier wurde noch nie ein Republikaner Pr√§sident ohne die Stimmen dieses Gliedstaates gewonnen zu haben. Am Freitag verk√ľndete CNN einen Vier-Punkte Vorsprung f√ľr Obama. Die Forscher von American Research Group und Purple Strategies zeigten am gleichen Tage einen Zwei-Punkte Vorsprung f√ľr den Pr√§sidenten auf, w√§hrend die Universit√§t von Cincinnati in ihrem Ohio-Poll vom Samstag von einem „unentschieden“ sprach. Und bis ich diesen Artikel verfasst hatte, vermeldete der FOX-Forscher Scott Rasmussen via Twitter, Romney f√ľhre nun im wichtigsten Schlachtfeld-Staat mit zwei Punkten Vorsprung … wenigstens bis Sturms „Sandy“ Sand in die Wahlkampfmaschienen wirbelt!

Claude Longchamp