Archive for Mai, 2015

Lautsprecher & Widersprecher. Roger Blums Ansatz zur Analyse der Mediensysteme der Welt

Kann man Mediensysteme miteinander vergleichen? Ja, sagt Roger Blum. Zu den Voraussetzungen zĂ€hlt der emeritierte Professor fĂŒr Medienwissenschaft an der Uni Bern allerdings, auf nationale Systeme anzustellen, Medien vor allem in Bezug auf Politik zu untersuchen und mit Abweichungen vom Typischen umgehen zu lernen. Wer dies beherzigt hat, kann auf einem breiten Forschungsfeld viel Neues herausfinden, wie das Buch „Lautsprecher&Widersprecher. Ein Ansatz zum Vergleich der Mediensysteme“, 2014 im Kölner Halem Verlag erschienen, eindrĂŒcklich belegt.

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Hohe VerstÀndlichkeit
Roger Blums “Lautsprecher & Widersprecher” ist zuerst ein Text. Die 400 Seiten seines Lebenswerkes sind hervorragend geschrieben. Vor allem der analytische Teil hat Uebersichtstabellen, die man gerne verdankt, denn sie bĂŒndeln die breite Information der 23 LĂ€nderstudien.
Plakativ ist letztlich nur der Titel: Medien, ganz im Dienst der staatlichen Macht, sind „Lautsprecher“. Wo Medien eine kritische Distanz zu Regierenden haben, werden sie “Widersprecher“ genannt.

Pole im Kontinuum und viel Zwischenraum
Blum interessiert sich fĂŒr Mediensysteme, ihre Funktionen und ihre Strukturen. Deshalb lebt das Buch von der Idee des Modells. Sechs davon stellt der Autor vor: selbstredend das liberale, geprĂ€gt vom Widersprecher, und das Kommando-Modell, vom Lautsprecher bestimmt. Dazwischen ordnet er das Public-Service-, Klientel-, Schock- und das Patrioten-Modell ein.
Zum liberalen Modell zĂ€hlt Roger Blum Mediensysteme wie das der USA. Grossbritannien ist der Massstab fĂŒr das Public-Service-Modell. Italien wiederum gehört typischerweise zum Klientel-Modell. Das Schock-Modell trifft auf Russlands Mediensystem zu. Im Iran sieht der Autor das Patrioten-Modell verwirklicht, und Nordkorea wird beim Kommando-Modell untergebracht.

Systematische Klassierungen
Die Klassierungen sind nicht Blums Meinung ĂŒber die Mediensystem der LĂ€nder; sie entstehen aus der harten, qualitativen und quantitativen Arbeit an der Differenz der Mediensysteme. 11 Indikatoren wurden hierzu entwickelt.
Blums Benchmark ist das liberale Modell. Es ist durch KontinuitĂ€t in der historischen Entwicklung gekennzeichnet. Hinzu kommt der Einfluss des Regierungssystems, demokratisch nicht totalitĂ€r. Die politische Kultur wird zwischen Polarisierung und Konsens eingeteilt. Die Rolle des Staates lĂ€sst sich am Grad der Kontrolle ablesen. Die Zensurfrage wiederum ist fĂŒr die Medienfreiheit entscheidend. Die Dominanz von privaten resp. öffentlichen Sendern legt den Medienbesitzes fest. Die Medienfinanzierung hĂ€ngt davon ab, ob das Geld markt- oder staatswirtschaftlich organisiert wird. Mit Parallelismus ist gemeint, in ob Parteien einen schwachen oder starken Einfluss ausĂŒben. Die Medienorientierung wird durch das VerhĂ€ltnis von kommerzieller und gesellschaftlicher Ausrichtung definiert, wĂ€hrend die Journalismuskultur entweder investigativ oder konkordant ausfĂ€llt. Schliesslich geht es um die ProfessionalitĂ€t der Journalismus, die von gering bis hoch variieren kann. Letzteres ist dann der Fall, wenn die Selbstkontrolle greift.
GegenĂŒber frĂŒheren vergleichenden Typologien wie die von Winfried Gellner in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts, der einzig zwischen dem Einfluss des Staates und der Parteien auf das Fernsehen unterschied, oder wie die von Daniel Hallin und Paolo Mancini aus dem Jahre 2004, die von drei Typen, angeordnet im Dreieck ausgingen, hat die KomplexitĂ€t des Analyseschemas von Blum zugenommen. Weit ĂŒber den westeuropĂ€ischen Raum hinaus ausgedehnt worden sind auch die Fallbeispiele. Höhepunkt des theoretischen Zugriffs ist der Versuch, die sechs abgeleiteten Modelle auf einer Dimension zu konzipieren. Das schafft, nach vielen Verzweigungen die vorteilhafte Klarheit des Ansatzes.
Nur eins will mir nicht wirklich behagen: Zum Massstab des liberalen Modells gehört auch eine klar polarisierte Sicht auf politische Kultur und Investigation auf die journalistische Kultur. Das GegenstĂŒck dazu ist jeweils die Konkordanz, ganz Lautsprecher zugeordnet. Das gibt es zwischenzeitlich, namentlich in der europĂ€ischen Politikwissenschaft auch anderer GegenĂŒberstellung, die Kooperation jenseits von Konsens als Alternative zur Konflikt sehen. In die Medien ĂŒbersetzt wĂ€re das etwas die Suche nach dem besten Argument, als GegenstĂŒck zur GesprĂ€chsverweigerung zwischen fundamental geschiedenen Kontrahenten.

Mediensystem Schweiz
Schliesslich ein Wort zur Schweiz: Blums Einteilung ist eindeutig. Unser Land gehört zum Public-Service-Modell, genauso wie die Mediensysteme Frankreichs, Deutschlands und Oesterreichs. Nur Italien fÀllt da aus dem Rahmen, weil es zum Klientel-Modell gerechnet wird.
WĂŒrde man einzig auf die historische Entwicklung, das Regierungssystem, die Medienfreiheit und die Staatskontrolle in der Schweiz abstellen, könnte man unser Mediensystem auch liberal nennen. Auch der weitgehend verschwundene Parallelismus der Medien zu politischen Parteien wĂŒrde dazu passen, genau sowie die QualitĂ€tssicherung.
Wenn das Mediensystem der Schweiz dennoch nicht ganz dem Pol der Widersprecher zugeordnet wird, hat das mit der politische Kultur der Schweiz zu tun, ausgerichtet an der Konsensbildung. Da gleicht die Schweiz Nachbar Oesterreich, und ist sie klarer als Deutschland und Frankreich von der Polarisierung im liberalen Mediensystem entfernt. Aehnlich wie alle Nachbarn sieht Blum in der Schweiz eine nur geringe Ausrichtung am Kommerz der Medien an gesellschaftlichen Voraussetzungen. Typisch ist deshalb die Mischung der Kennzeichen, wie es hierzulande auch beim Medienbesitz, der Medienfinanzierung und die Journalismuskultur zum Ausdruck kommt.
Der generellen Platzierung des Mediensystems im Public-Service werden viele Leserinnen gut nachvollziehen können. Anders könnte dies bei einzelnen Bewertungen ausfallen. Den einen dĂŒrfte in diesem Buch die ProfessionalitĂ€t ĂŒberschĂ€tzt, dafĂŒr der Kommerz unterschĂ€tzt erscheinen. Da schafft genau der Vergleich eine Korrektur subjektiver EindrĂŒcke. Denn die Wertungen gehen nicht von Idealen aus, sie berĂŒcksichtigen reale Verteilungen im Vergleich.
Wer so argumentiert, erkennt die tiefsitzende Furcht vor Polarisierung, die Einbindung der Medien in sprachliche Teilgesellschaften und die Kleinheit der VerhĂ€ltnisse als hohe HĂŒrden auf dem Weg zum rein marktwirtschaftlichen Mediensystem.

Viel Lob und wenig Tadel
Eine Folgerung der jahrelangen Forschungen Blums wird man dennoch hinterfragen können: den Einfluss der globalen Kommunikation via Internet. Es scheint, als hĂ€tte der Autor den Einwand kommen sehen. Denn die Widerlegung beginnt gleich auf der ersten Seite der Einleitung. Hauptargument fĂŒr den Medienwissenschafter ist das national verfasste Recht. Das ist bei der Pressefreiheit sicher entscheidend, bei anderen Indikatoren wirkt der Nationalstaat aber nur noch als löchriger Container. So hĂ€tte man sich gewĂŒnscht, mit dem Grad an globaler Offenheit des Mediensystems einen 12. Indikator behandelt zu sehen. Vielleicht wĂ€re damit auch die strikte Orientierung des Medien- am Politsystem zugunsten einer etwas offeneren Betrachtungsweise zum Wirtschaftssystem aufgeweicht worden. Denn die aktuellen Trends haben weniger politische, vielmehr ökonomischer Ursachen, was mir der Autor zu wenig wĂŒrdigt.
Davon unabhĂ€ngig, ich habe bei der LektĂŒre des Buches viel gelernt, vor allem ĂŒber die verschiedenen Mediensysteme und ihre eigenwilligen AusprĂ€gungen. Bewundert habe ich auch den Versuch, das induktiv gewonnene Ausgangsmaterial zu systematisieren, ohne der verbreiteten theoretischen Blindheit fĂŒr die Feinheiten zu verfallen, gepaart mit dem Mut, auf empirisches Material, das sich nicht einordnen lĂ€sst, deklarierter Massen zu verzichten.
Schliesslich habe ich einen viel systematischeren Blick auf die Lage der Medien in der Schweiz bekommen. Das ist gerade heute von Belang, wenn zur Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Medien und ihre Ausrichtung am Service Public parteiisch debattiert wird.
Das Werk des Berner Medienwissenschafters besticht durch wissenschaftliche Systematik, Materialreichtum und schliesslich erhellende Einordnungen von AusprÀgungen und Determinanten der Mediensysteme. Es ist schlicht ein Wurf.

Claude Longchamp

Vom Vertrauen und Misstrauen in Institutionen und Stimmabsichten fĂŒr den 14. Juni 2015

Die Ergebnisse der ersten SRG-Befragung sind seit kurzem bekannt. Hier interessieren nicht die konkreten Zahlen, sondern ihre BegrĂŒndungen, wie sie aus einer Umfrage abgeleitet werden können. Diesmal ist der Faktor “Vertrauen/Misstrauen in Institutionen” von besonderer Bedeutung.

Unsere Erhebung legt nahe, dass 58 Prozent der Stimmberechtigten dem Bundesrat vertrauen, 30 Prozent nicht. Die Misstrauischen sind aber deutlich besser motiviert, an der kommenden Volksabstimmung teilzunehmen. Aktuell wĂŒrden sich 52 Prozent von ihnen beteiligen, derweil das nur bei 38 Prozent der Vertrauenden der Fall wĂ€re. Das fĂŒhrt dazu, dass sich die VerhĂ€ltnisse unter den Teilnahmewilligen angleichen. Klar unterschiedlich sind die Stimmabsichten beider Gruppen: Die misstrauischen BĂŒrger und BĂŒrgerinnen wĂŒrden die Erbschaftssteuerinitiative heute klar ablehnen, aber auch eindeutig Nein zum Radio- und Fernsehgesetz respektive zur PrĂ€implantationsdiagnostik sagen. Gespalten wĂ€ren sie bei der “Stipendieninitiative”. Ziemlich anders sind die Positionen der Personen mit Institutionenvertrauen. Beim Radio- und Fernsehgesetz wĂ€ren sie mehrheitlich dafĂŒr, ebenso bei der Stipendieninitiative. Relative Mehrheiten im Ja ergĂ€ben sich auch bei den beiden anderen Vorlagen, bei der Erbschaftssteuer allerdings nur knapp.

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Analysiert man den Einflussfaktor “Vertrauen/Misstrauen” auf die Stimmabsichten, bleibt er bei der “Stipendieninitiative” gering. Erheblich ist er aber bei den drei anderen Vorlagen. Am deutlichsten wird er bei der Beurteilung des neuen RTVG. Hier fĂ€llt vor allem auf, dass diese Grösse die Stimmabsichten miterklĂ€rt, selbst wenn man die getesteten Argumente mitberĂŒcksichtig. Mit anderen Worten: UnabhĂ€ngig davon, wie man die Botschaften der Ja- und Nein-Seite bewertet, es bleibt, dass das Vertrauen resp. Misstrauen in die Arbeit des Bundesrates die Vorentscheidungen beeinflusst.

Zwei Szenarien drĂ€ngen sich auf: Das erste geht davon aus, dass sich die Beteiligungswerte der zwei Gruppen, die hier interessierten, angleichen. Das wĂŒrde die Annahmechancen der beiden Behördenvorlagen erhöhen. Das zweite nimmt an, dass es zu einer weiteren spezifischen Mobilisierung der misstrauischen BĂŒrgerInnen kommt. Die Buchpreisbindung und die Autobahnvignette, die beide ein Ă€hnliches Konfliktmuster zeigten, sind hier die Referenzen. Oder anders ausgedrĂŒckt: Die Chance, dass alle vier Vorlagen scheitern, steigt in diesem Fall.
FĂŒr das erste Szenario spricht, dass der Abstimmungskampf bisher von der Erbschaftssteuervorlage dominiert war, und bei den beiden Behördenvorlagen die Gegnerschaft aktiv wurde. Das hat die Mobilisierung von rechts, aus Kreisen der TraditionalistInnen und Anti-EtatistInnen befördert. Hierzu könnte es in der zweiten Kampagnenphase ein Gegengewicht beim Kern der normalen BĂŒrgerschaft, die abstimmen geht. Zugunsten des zweiten Szenarios kann vorgebracht werden, dass die mediale Stimmungslage auf bewusste Skandalisierung von Sachverhalten, verbunden mit der Personalisierung von Verantwortlichkeiten und Emotionalisierung des politischen Klima ausgerichtet ist. Das mobilisiert in der Regel die politischen Skeptiker, vor allem in der Schussphase eines Abstimmungskampfes, denn sie wollen ihr Protestvotum gezielt abgeben. Eine verbindliche EinschĂ€tzung gerade der beiden Behördenvorlagen halten wir deshalb fĂŒr verfrĂŒht. Vielmehr interessiert in den kommenden fĂŒnf Wochen, wie sich die Kampagnen entwickeln, wie die sozialen Medien darauf reagieren und wie das Ganze die massenmediale Berichterstattung beeinflusst.

Claude Longchamp