Archive for Juni, 2012

Neues Lehrbuch zur Wahlforschung, das ich verwenden werde

Auf ein solches Buch hat man schon l√§nger gewartet: Mit dem eben erschienen Band schliessen die HerausgerberInnen Oscar W. Gabriel und Bettina Westle die L√ľcke in Sachen Lehrbuch zur Wahlforschung.

Gelegentlich wird die Wahlforschung zur Königsdisziplin der Politikwissenschaft stilisiert. Nicht zu unrecht, denn die öffentliche Präsenz der PolitologInnen ist hier so hoch wie sonst selten.

Wer jedoch in die bestehenden Ausbildungsunterlagen schaut, wird vielfach ern√ľchtert. Der W√§lzer von Falter/Sch√∂n ist mehr ein Nachschlagewerk als ein Lehrbuch. Der Band von Pappi richtet sich mehr an Forschende denn an Studierende. Und das B√ľchlein von Roth reflektiert mehr die Vergangenheit als die Gegenwart der Wahlforschung.

Mit dem Erscheinen des neuen Lehrbuches “W√§hlerverhalten in der Demokratie” holt die Wahlforschung als etabliertes Pflichtfach in der Bachelor-Ausbildung f√ľr k√ľnftige PolitikwissenschafterInnen stark auf.

Zu den Vorteilen des neuen Buchs z√§hlt, dass es in √ľbersichtlicher Weise nicht nur Methoden und Theorie der Wahlforschung behandelt. Vielmehr kommt die Leistungen der Wahlforschung auf nationaler und lokaler Ebene ausf√ľhrlich vor.

Besonders hervorheben m√∂chte ich zwei Kapitel. Das zum Geschlecht. Bettina Westle hat eine Menge n√ľtzlicher Daten √ľbersichtlich aufgearbeitet, die es erlauben, der Frage nach zugehen, was das Geschlechtsspezifische an den bekannten Konfliktlinien in der Gesellschaft ist, aber auch, welche KandidatInnen und Wahlkampfthemen von M√§nnern und Frauen unterschiedlich bewertet werden. Wer glaubt, mit den Frauen werde alles anderes, wird von den Ausf√ľhrungen eher entt√§uscht sein; denn die Autorin kommt zum Schluss, dass mit der Kandidatur von Angela Merkel eine Normalisierung bei Wahlen Einzug gehalten habe, die sich in den verschiedenen Bev√∂lkerungsgruppen unterschiedlich schnell eingestelle. Angeglichen hat sich die Partizipation der Geschlechter, und mit dem R√ľckgang der Kirchenbindung ist der Konservatismus unter Frauen zur√ľckgegangen. Um das Neue besser bestimmen zu k√∂nnen, schl√§gt Westle vor, mehr zu Orientierungen an Geschlechterrollen gerade in Wahlk√§mpfen zu forschen.

Aufschlussreich ist das Lehrbuch auch, weil es sich neuen Ans√§tzen in der Wahlforschung annimmt, die namentlich aus der Psychologie stammen. Kristina Faden-Kuhne f√ľhrt gekonnt in die Welt nach der klassischen rational-choice Theorie ein. Sie bespricht Formen und Funktionen von Heuristiken, die es erlauben, jenseits ausf√ľhrlicher Informationsverarbeitung vern√ľnftige Entscheidungen zu f√§llen. Und sie er√∂rtert die Bedeutung von Emotionen, wie sie etwa in der Theorie der affektiven Intelligenz gesehen wird. Soweit m√∂glich bespricht die Autorin auch, wie weit solche innovative Ans√§tze die Praxis der Wahlforschung bereits beeinflusst haben, etwa anhand der Frage, was wirtschaftlichen bedingte Angst als verbreitetes Gef√ľhl in Kampagnen in Wahlentscheidungen ausmacht.

Ein Kapitel vermisst man im Lehrbuch allerdings: Ausf√ľhrungen zur Wahlbeteiligung als Teil der Partizipationsforschung. Sinkende Teilnahmewerte in verschiedenen L√§ndern, aber auch bisher unbekannte Partizipationsformen via neue soziale Medien h√§tten den Rahmen abgegeben, den man gerne abgesteckt bekommen h√§tte – nicht zuletzt, weil gerade die realen Ver√§nderungen in diesem Bereich meist normativ √ľberh√∂ht als Ende der Parteienherrschaft oder Geburt einer neuen Demokratie √∂ffentlich verhandelt werden.

Die 11 Kapitel des Buches sind gut lesbar, gelegentlich etwas stark durch Fachbegriffe gepr√§gt. Sie eigenen sich dennoch als Lehrmittel, denn sie sind handlich, werden mit einer Bilanz abgeschlossen und haben im Anhang Kontrollfragen und Vorschl√§ge f√ľr die weitere Lekt√ľre. Vielleicht, k√∂nnte man sich f√ľr eine Neuauflage w√ľnschen, w√§ren etwas mehr Illustrationen, sei es aus der konkreten Welt der Wahlk√§mpfe, sei es aus der abstrakten der Modellbauer hierzu, gew√ľnscht. Den auch gilt, dass Wahlforschung zur Versachlichung des teils aufgeregten Diskurses √ľber Ursachen und Folgen von Wahlentscheidungen beitragen sollte.

Auf jeden Fall ist mir rasch nach der Lekt√ľre klar geworden: Meinen Kurs zur Wahlforschung im Fr√ľhlingssemester 2013 werde ich auf diesem Buch aufbauen, und ich w√ľnschte mir eigentlich nur, dass es ein solches nicht mit deutschem, sondern schweizerischem Anschauungsmaterial geben w√ľrde.

Claude Longchamp

Identify. Empower. Ask.

Sein Auftritt war perfekt. Souver√§n bewegte er sich auf der B√ľhne. Die Sildeshow im Hintergrund gefiel. Der Inhalt verdient ein √§hnliches Pr√§dikat. Dennoch, am Schluss staunte nicht das Publikum, sondern der Redner John Della Volpe!

John Della Volpe hat italienisch-irische Wurzeln. Doch ist er durch und durch Amerikaner. Als Polling Director am Institut of Politics der renommierten Harvard University amtet er.

Am eben zu Ende gegangenen SwissMediaForum 2012 zu den neuen sozialen Medien hat er gestern √ľber amerikanische Wahlk√§mpfe im 21. Jahrhundert berichtet.

Zum Beispiel √ľber die geschichtstr√§gtige email von John McCain, die im Jahr 2000 die politische Kommunikationsrevolution ausl√∂ste.
Oder √ľber die zielgruppenspezifischen Botschaften von Karl Rove, der 2004 die Wiederwahl von Goerge W. Bush sicherten.
Und √ľber Barack Obama, der 2008 den entscheidenden Moment der Ausmarchung innerhalb der Demokraten Hillary Clinton mit den Stimmen der Junge via Facebook f√ľr sich gewann.

Della Volpes These zu den neuen soziale Medien leitete sich aus deren Entwicklung in den letzten 20 Jahren ab: Sie lautet, amerikanisch einfach wie auch amerikanisch einprägsam:

Identify, Empower. Ask.
Schaffe Identifikation, lass Selbstbestimmung zu, und frage nach.

Nicht ganz so griffig war der Ausblick auf das Wahljahr 2012. Twitter h√§tten sich sich die Republikaner Nach der Wahlniederlage von 2008 erschlossen, bekam man zu h√∂ren. Zum Beispiel Kandidat Newt Gingrich, der 1,4 Millionen Follower habe. Indes, der Schein tr√ľge: Zwei Drittel der Accounts seien ein Fake. Obama habe rasch viel Boden gut gemacht, wenn es um Twitter gehe. Er habe sensationalle Tageszuwachsraten. Und dennoch, John Della Volpe wollte ihn keineswegs zum Sieger f√ľr die Wahl im November 2012 erkl√§ren. Denn, so die professorale Kritik, seine Kampagne sei auff√§llig uninspirierend – ganz anders als 2008.

Das Publikum im Saal staunte. Da wurde es vom Harvard Pollster nach den eigenen Wahlabsichten befragt. Gegen 90% f√ľr Obama, gut 10% f√ľr Romney, war das Ergebnis der Umfrage bei der politmedialen Cr√®me der Schweiz.

Und nun staunte der B√ľhnenstar John Della Volpe.
Twitterte aber bald schon das Resultat.

Claude Longchamp