Archive for August, 2011

Wenn man auf der Strasse angesprochen wird …

200000 Menschen schauten sich dieses Jahr im Schnitt die bisher vier Wahlbarometer-Sendung an. Ein Kommentar zu den persönlichen Reaktionen.

Wahlbarometer vom 12.08.2011

Ich merke es gut: Auf der Strasse werde ich zunehmend angesprochen. Das ist nach einem Abstimmungssonntag normal, verschwindet nach einigen Tagen aber wieder. Jetzt ist die Entwicklung anders: Seit ich aus den Sommerferien zur√ľck bin, ist die Aufmerksamkeit f√ľr Wahlen, Wahlsendungen und Wahlanalysen eindeutig gestiegen.

Was die Reaktionen auf meine Person betrifft, hat es zweifelsfrei mit der Medienpr√§senz, vor allem im Fernsehen, zu tun. „Tagesschau“ und „10vor10“ berichten √ľber das Wahlbarometer kurz, die Spezialsendung mit dem gleichen Titel ausf√ľhrlich.

Im Schnitt dauern die Wahlbarometer-Sendungen 12 Minuten. Eingef√ľhrt wurde die Sendung 2007, nachdem der Publikumsrat bei den Wahlen 2003 moniert hatte, man mache zu wenig Vertieftes aus dem Wahlbarometer. Die L√§nge der heutigen Sendungen ist gegen√ľber 2007 nochmals ausgebaut worden. Damit steigt auch die M√∂glichkeit, mehr Inhalte zu transportieren. Anders noch als 2007 kommen die Parteien in der Wahlbarometer-Sendung nicht zu Wort; die Reaktionen fielen damals zu stereotyp aus.

Konzipiert wird die neue Sendung, wenn unsere Bericht zur Befragung intern vorliegt. Die Auswahl der Themen, die Bestimmung der Grafiken und das Verfassen der Texte besorgt die SF-Redaktion. Ich bekomme den Text kurzfristig zu sehen, damit ich √ľber den Ablauf informiert bin, aber m√∂glichst spontan reagiere.Die Sendung selber wird aufgezeichnet, meist aber in einem St√ľck gedreht, allenfalls zweimal gemacht, wenn es Unebenheiten drin hatte. Die k√∂nnen von mir sein, vom Moderator stammen, aber auch von der Sprecherin im Hintergrund. Bei dieser Sendung patzen gleich alle drei beteiligten einmal, sodass sie ein Zusammenschnitt aus drei Anl√§ufen ist.

Verfolgt wird das Ganze am Freitag Abend von rund 200’000 ZuschauerInnen. Der Marktanteil liegt meist knapp unter der 20 Prozent Limit. Das ist f√ľr eine Sendung zu Politik in diesem Umfeld gut, heisst es in den G√§ngen des Leutschenbachs. Immer wieder erstaunt bin ich √ľber das Durchschnittsalter der ZuschauerInnen. Es liegt bei 58 Jahren, √§lter als ich bin. Die J√ľngeren sind auf diesem Weg nicht zu erreichen. Nicht zuletzt deshalb wird der Clip auch auf Internet platziert. Da wird rege Gebrauch gemacht, nat√ľrlich nie in der gleichen Dimensionen wie man mit einer Sendung am Bildschirm erreicht.

MIt dem Zweikanalsystem f√ľr die Diffusion scheint mir auch eine Differenzerung der Kommunikation verbunden zu sein. Die Kommentare in der Internetforen sind nicht selten kritisch, sehr kritisch. Aktiv sind die SRG-Kritiker, die Umfrage-Gegner, und ein paar B√ľrger, denen die Ergebnisse nicht passen. Ganz anders sind die Reaktionen, die ich auf der Strasse erhalte. Meist werden sie durch ein zustimmendes L√§cheln begleitet. Nur im √§ussersten Notfall begegnen mir das Geh√§ssigkeiten.

Typisch f√ľr diese Art von R√ľckmeldung ist die Frau, die mich heute ansprach. Sie hatte am letzten Freitag ferngesehen. Ich solle weniger schnell reden, meinte sie. Ich nickte ihr zu, meinte aber, ich kann nicht wirklich langsamer. Die Prognosen w√ľrden sich auch immer wieder √§ndern, bemerkte sie. Da sch√ľttelte ich den Kopf. Keine der Aussagen ist f√ľr sich eine Prognose, erst die Gesamtbilanz gibt am Schluss ein. Auf jeden Fall sei es interessant, nicht nur die Parteien zu h√∂ren, auch √ľber sie etwas zu erfahren, schloss sie das Gespr√§ch.
Gut so, antwortete ich ihr. Immerhin stehen Wahlen an.

Claude Longchamp

Listenverbindungen 2007: GPS profitierte davon, FDP und SVP schadeten sie

Listenverbindungen geh√∂ren zu den Eigent√ľmlichkeiten des schweizerischen Wahlrechts. Es ist l√§ngst Zeit, dass sie genauer angesehen werden.

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Uebersicht √ľber die Listenverbindungen, die sich 2011 abzeichnen (Quelle: Weltwoche)

Ohne Listenverbindungen w√§re die GPS im jetzigen Parlament nicht so stark. Sie h√§tte 4 Sitze, je einen in Zug, Solothurn, St. Gallen und Neuenburg, weniger. Ein Mandat minus h√§tte f√ľr die CVP herausgeschaut; in Z√ľrich und im Aargau w√§re je ein Sitz nicht zustande gekommen, derweil man im Jura einen mehr gemacht h√§tte.

Veritable Verliererinnen w√§ren die FDP und die SVP gewesen. Die FDP h√§tte zwar den Sitz in Baselstadt nicht gemacht, daf√ľr je einen in mehr In Z√ľrich, Schwyz, Zug, Solothurn und St. Gallen. Die SVP wiederum h√§tte auf den Jura-Sitz verzichten m√ľssen, w√§re daf√ľr aber in Z√ľruch, Freiburg, Aargau und Genf bedient worden.

Bei der SP w√§re die Gesamtbilanz 2007 gleich geblieben. In Schwyz und in Genf h√§tte man profitiert, in Baselstadt und Neuenburg h√§tte man Schaden davon getragen. Schliesslich h√§tte die SP in Freiburg keine Sitz gemacht und die GLP in Z√ľrich einen weniger erhalten, h√§tte es keine Listenverbindungen gegeben.

12 Sitze sind damit 2007 durch Listenverbindungen parteipolitisch beeinflusst worden. Da h√§tte 6 Prozent der gegenw√§rtigen VolksvertreterInnen betroffen. Geschw√§cht worden ist dabei die rechte Seite, w√§hrend das Zentrum und die Gr√ľnen gest√§rkt wurden.

Damit stimmt nicht mehr eindeutig, was lange die Regel war: Listenverbindungen n√ľtzen n√§mlich nicht mehr ausschliesslich den grossen Parteien. Ob das Zufall ist oder einen Grund hat, weiss man allerdings nicht so genau.

Selbstverst√§ndlich kann man die hier vorgef√ľhrte Analyse, geleistet von einem Politologenteam der Universit√§t Genf, kritisieren. Sie unterstellt n√§mlich, dass das Wahlverhalten genau gleich gewesen w√§re, h√§tte es die Listenverbindungen gar nicht gegeben. Bei den meisten B√ľrgerInnen, kann man sagen, spielt das tats√§chlich keine Rolle. Bei einer Minderheit kann es durchaus sein, dass Taktik im Spiel ist, etwa nach dem Motto: Wenn die Parteien schon kooperieren, darf ich meine Einzelstimmen durchaus auch verteilen.

Das f√ľhrt denn auch zur einer Relativierung des strategischen W√§hlens. Das hat 2011 mehr Auswirkungen auf das Zentrum als bisher, denn es ist durch das neuer Parteien (glp, bdp) fragmentierter denn je. Eine grosse Listenverbindung, ausgehend von der CVP, mindestens die GLP und BDP, allenfalls auch die EVP umfassend, h√§tte hier Folgen. Daniel Bochsler, Politologe am Zentrum f√ľr Demokratie in Aarau, sch√§tzt, dass insgesamt 10 Sitzgewinne alleine dadurch m√∂glich w√ľrden. Das ist wahrscheinlich mehr, als die Wahlk√§mpfe der Parteien bewirken.

Gemacht wird dies indes nicht, weil die Parteien mit ihrem Auftritt in erster Linie ihren eigenen Nutzen maximieren wollen, und Listenverbindungen eher als R√ľckversicherungssystem f√ľr die Restmandatverteilung denn als politisches Kalk√ľl interpretieren. Das sieht man besten daran, dass b√ľrgerliche Allianzen, selbst solche zwischen FDP und CVP zur√ľckgehen, daf√ľr aber, beispielhaft, im Kanton Bern die neue (linksliberale) Piratenpartei mit der neuen (rechtskonservativen) Jimy-Hofer-Liste zusammenspannt.

Claude Longchamp

Baromètre électoral: un instrument tout à fait normalement pendant le processus électoral

Les intervenants au cours d’une campagne √©lectorale sont nombreux. Les partis veulent gagner les √©lections. Les groupes d’int√©r√™t veulent am√©liorer les conditions g√©n√©rales de leur organisation. Les militants affirment que leur th√®me est sous-estim√© et les journalistes persuadent chacun des acteurs de mener la meilleure campagne √©lectorale.

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Lorsqu’il s’agit de l’influence exerc√©e sur les intentions de vote par toute cette fr√©n√©sie, tout le monde est innocent. Et lorsqu’il est question des √©lecteurs et des √©lectrices, l’opinion est largement r√©pandue selon laquelle ils ne se d√©cideraient que dans les derniers jours.

O√Ļ est le vrai, o√Ļ est le faux? – Dans la p√©riode ayant suivi la seconde guerre mondiale et sur le mod√®le am√©ricain, les enqu√™tes √©lectorales se sont progressivement impos√©es en Suisse √©galement. Les enqu√™tes post-√©lectorales sont incontest√©es, mais elles int√©ressent surtout le monde scientifique et les services de planification des hommes de relations publiques. Les enqu√™tes pr√©-√©lectorales sont plus attrayantes, elles sont jug√©es par contre de mani√®re controverse.

Pourquoi ont-elles pourtant encore un sens? – Ce sont tout d’abord les inventaires exhaustifs portant sur les forces des partis, la participation √©lectorale, les th√®mes prioritaires et l’image des hommes et femmes politiques de premier plan. Les opinions √† propos des questions d’actualit√©s, des valeurs morales des √©lecteurs et de la composition sociologique de l’√©lectorat sont aussi peut-√™tre dignes d’int√©r√™t. Tout cela permet d’obtenir une image r√©aliste du processus √©lectoral, avant et apr√®s les √©lections.

Les inventaires ne sont pas les seuls effets int√©ressants en p√©riode pr√©-√©lectorale. Il s’agit aussi de d√©gager les tendances de la formation des opinions. Car, outre les facteurs √† long terme influant sur la d√©cision √©lectorale, comme les pr√©f√©rences de partis au sein de la famille ou le cercle d’amis, des facteurs √† court terme jouent √©galement un r√īle. Les √©valuations de la campagne √©lectorale en font partie au m√™me titre que les avis des parties sur des th√®mes pr√©cis, et l’intention d’aller voter ou non est tout sauf constant. Pour cette raison, des sondages m√™me sous forme de barom√®tres ont un sens en tant qu’enqu√™tes r√©p√©titives. Ils ne sont toutefois utiles que s’ils posent toujours les m√™mes questions, font appel au m√™me √©chantillon et sont r√©alis√©s par le m√™me institut de sondage.

Et pourtant: les sondages électoraux ne précèdent pas la réalité, ils progressent avec elle. Ils ne sont donc pas, par définition des prévisions.

Le barom√®tre √©lectoral SRG SSR remplit tous ces crit√®res. Tous les grands partis peuvent utiliser le service public. Les citoyens et citoyennes suisse int√©ress√©s peuvent obtenir les analyses. M√™mes les repr√©sentations graphiques que les √©l√®ves peuvent utiliser pour des expos√©s, sont disponibles gratuitement sur Internet. Pour l’analyse des tendances nationales pendant l’ann√©e √©lectorale, les sondages se sont av√©r√©s indispensables. Aucune alternative n’est venue les concurrencer actuellement.

Tous ces services ne d√©coulent pas de soi. Toutes les personnes qui critiquent le barom√®tre √©lectoral ne devraient pas oublier ce fait, lorsqu’elles font r√©f√©rence √† l’un ou l’autre des d√©fauts. Et les partis savent aussi tr√®s bien que cela leur reviendrait tr√®s cher que de mener leurs propres enqu√™tes pour savoir o√Ļ ils en sont dans la campagne √©lectorale.

Plus d’information sur notre nouvelle website en fran√ßais.

Claude Longchamp

Erosion der politischen Beteiligung an lokaler und kantonaler Politik.

Warum die Wahlbeteiligung in kleinen Gemeinden Рbei kommunalen Wahlen Рsinkt und in Städten Рnationalen Wahlen Рsteigt.

Als Student schrieb ich in den fr√ľhen 80er Jahren gerne √ľber Lokalpolitik. Einer meiner Mentoren meinte damals: Da machen die B√ľrger noch mit. Denn sei verstehen, worum es geht, und sie kennen die Kandidaten, die sich zur Wahl stellen.

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Das gilt so einfach nicht mehr, wenn man sich die Ergebnisse der j√ľngsten Studie von Andreas Ladner ansieht, der die Daten zur kommunalen, kantonalen und nationalen Wahlbeteiligung von 1988 bis 2009 analysiert hat.

Zu den Fakten
In Gemeinden √ľber 5000 EinwohnerInnen ist zwischenzeitlich die Wahlbeteiligung bei eidgen√∂ssischen Wahlen h√∂her als bei kommunalen. Nur in Gemeinden unter 2000 ans√§ssigen Personen geht man noch eher den Gemeinde- als den Nationalrat bestimmen.
Generell gilt, dass die Beteiligung als kommunalen Wahl gesunken ist. Zwar ist sie in kleineren Gemeinden immer noch gr√∂sser als in St√§dten. Der R√ľckgang innert einer Generation ist aber gerade dort mit mehr als 10 Prozentpunkten betr√§chtlich.

Steigende Mobilit√§t und damit verbunden sinkene Ortsverbundenheit sieht Politologe Ladner als einer der Gr√ľnde f√ľr die Verlagerung an. Die Parteien beklagen Rekrutierungsprobleme, sodass Kampfwahlen zu Seltenheit werden. Das schw√§cht die Mobilisierungskraft von Wahlen. In den St√§dten ist das anders, wo die Konflikthaftigkeit der organisierten Politik angesichts steigender Probleme und leerer Kassen gr√∂sser geworden ist, was die durchschnittliche Wahlbeteiligung √ľber die Zeit stabilisiert hat, – indes nicht √ľberall das Sitzleder der Gew√§hlten.

Bei nationalen Wahlen kommt das alles noch deutlicher zum Ausdruck. In den Städten geht heute wieder mehr als die Hälfte wählen, auf dem Land sind es weniger als 50 Prozent.

Zur Interpretation
Der Wandel hier angezeigte Wandel der politischen Mobilisierung √ľberrascht nicht wirklich. Denn seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts dachten PolitikwissenschafterInnen im Gefolge von Ronald Inglehards Konzept der kognitiven Mobilisierung in vielen L√§ndern √ľber die anstehenden Ver√§nderungen nach.

F√ľr die Schweiz kann man sagen: Die Unmittelbarkeit wirkte sich fr√ľher in geschlossenen Gemeinschaften vorteilhaft aus; in der Regel hat die gr√∂sste Partei der Region daf√ľr profitiert. Zwischenzeitlich haben sich die hierf√ľr wirksamen gesellschaftlichen Bindungen gelockert. Daf√ľr kaum mehr etwas ohne medial vermittelte, politischen Mobilisierung, wobei Milieus durch Netzwerke, pers√∂nliche Bekanntschaft durch Medienbekanntheit der Kandidaten und lokal dominante Parteien durch Plattformen f√ľr politische Marketing ersetzt worden sind. Wer das nicht erkannt hat, klagt heute √ľber einen generelle Bedeutungsverlust von Politik, w√§hrend jene, die fr√ľhzeitig darauf reagiert haben wissen, dass vielmehr eine Transformation der politischen Partizipation stattfindet.

Zu den Konsequenzen
Das alles wirkt sich zwischenzeitlich auch auf Wahlen in der Schweiz aus: Die nationalen Wahlgänge profitieren strukturell von den Verlagerungen, die Städte auch. Die wahren Verlierer der Umlagerung sind aber nicht die Gemeinden und die kommunale Politik. Vielmehr sind es die Kantone. Denn in vielen von ihnen haben sich die lokalen Mobilisierungsfaktoren abgeschwächt, während die nationalen noch nicht greifen.

Das belegt auch die IDHEAP-Studie: Gab es 1988 noch kaum Unterschiede zwischen der nationalen und kantonalen Beteiligungsh√∂he, gilt dies heute nur noch f√ľr Gemeinden unter 1000 Ans√§ssigen. In allen anderen ist die Beteiligung an kantonalen Wahlg√§ngen zwischenzeitlich noch tiefer als an kommunalen, auf jeden Fall um Einiges geringer als an nationalen.

Oder knapp zusammengefasst in den Worten des Autors: „…, was die These einer Verlagerung des politischen Interessen und einer Nationalisierung der Politik unterst√ľtzt.“

Meinem verstorbenen Mentor in Sachen Politberichterstattung rufe ich nach: Auch ich schreibe kaum mehr √ľber kommunale Politik, fast nur noch √ľber nationale. Mittelbarkeit der Politik hat diese nicht einfacher, aber kontroverser gemacht. Das ist die Herausforderung der heutigen Demokratie, die sie lebendig erh√§lt.

Claude Longchamp

Hanspeter Kriesi gratuliert der SVP schon jetzt zum kommenden Wahlsieg.

Geht man die Kommentare zu Wahlbefragungen und Wahlen durch, zeigen sich zwei sehr unterschiedliche Verwendungen der Begriffe Gewinner und Verlierer. Hanspeter Kriesi st√ľtzt sich in seiner Gratulation auf die ein Bedeutung.

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Hanspeter Kriesi, Professor f√ľr vergleichende Politik an der Universit√§t Z√ľrich, Autor eines Buches √ľber den Aufstieg der SVP, kommentiert die Ergebnisse des Wahlbarometers

Zunächst: Gewinnerin (oder Verliererin) ist eine Partei, wenn sie hinzu gewinnt, oder wenn sie vergleichsweise verliert. Referenz ist die letzte Wahl.
Sicherste Gewinnerin 2011 ist die BDP. Denn 2007 gab es sie noch nicht. H√∂chstwahrscheinlich zulegen wird die GLP. Gegen√ľber 2007 hat sie sich strukturell verbessert. Sie hat sich regional verbreitert. Sie hat in den kantonalen Wahlen zugelegt. Und sie zeigt in allen Umfragen ein Plus, das so gross, dass diese Prognose schon mal gemacht werden kann.
Alles andere ist, heute wenigstens, unsicher: Bei den kantonalen Wahlen haben auch die GPS und die SVP mehrheitlich zulegen können. Die aktuellsten Umfragen verweisen bei der GPS in eine ähnlich Richtung, bei der SVP in die umgekehrte. Bei kantonalen Wahlen verloren haben die SP, die CVP, die FDP. Das neueste Wahlbarometer bestätigt das: die FDP verliert am meisten, die SP am drittmeisten. Bei der CVP ergibt sich aktuelle eine minimal umgekehrte Tendenz.
Zieht man mehr als eine Befragung zu Rate, sind nur die Verluste der FDP konstant. Alles anderen Bewertungen der mittelgrossen und grossen Parteien hängen vom Zeitpunkt der Erhebung ab, denn die dominanten Ereignisse und Stimmungen im Wahlkampf zeigen bei der Mobilisierung und dem Wechselwählen unterschiedliche Wirkungen.

Sodann: Eine Wahl gewinnt, wer am stärksten ist. Das ist die andere Bedeutung des Wortes. Analog verliert man sie, wenn man antritt und nicht gewählt wird. Letzteres ist, im Voraus schwer zu beantworten.
Ersteres kann heute leichter gemacht werden. Denn der Vorsprung der SVP auf die SP beträgt gegenwärtig rund 9 Prozentpunkte. Dass sich da noch etwas Relevantes ändert bis zum 23. Oktober 2011 ist sehr unwahrscheinlich. Das weiss auch Hanspeter Kriesi. So kann hat er nicht zu unrecht, der SVP zu ihrem kommenden Wahlsieg gratuliert, wenn man die zweiten Definition von Gewinn und Verlust verwendet.
Alles andere ist dann auch f√ľr den Politologie-Professor schwieriger. Immerhin, sowohl bei kantonalen Wahlen wie auch in Umfragen hat sich hinter der SVP die Reihung SP, FDP, CVP, GPS, GLP und BDP eingespielt. Ver√§ndert hat sich das seit in den letzten Monaten nicht. Am knappsten ‚Äď und damit am unsichersten ‚Äď ist der Vorsprung der FDP auf die CVP. Gegen√ľber 2007 ist auch hier die GLP die Gewinnerin. Sie hat die EVP und BDP √ľberholt und sich als sechstgr√∂sste Partei der Schweiz etabliert.

Claude Longchamp

Bei Wahlumfragen interessieren häufig nur Zahlen

Mein Analyseschema, das ich beim heute erschienen Wahlbarometer verwendet habe, kennt keine einzige Prozentzahl. Gerne lege ich es offen, um die Diskussion √ľber politische Zusammenh√§nge zu lancieren.

Politikwissenschaftliche Schemata zur Wahlentscheidung differenzieren die Einflussfaktoren in erster Linie entlang der zeitlichen Dauer.

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Zu den langfristigen Faktoren zählen das Wahlrecht, der soziale Wandel und die Verän­derungen im Parteiensystem. Die mittelfristigen leiten sich aus der Politik seit den letzten Wahlen ab und die kurzfristigen Determinanten ergeben sich aus dem Wahlkampf selber.

L√§ngerfristig relevant ist, dass die sprichw√∂rtliche Sta¬≠bilit√§t von Schweizer Wahlen r√ľckl√§ufig ist. Drei Phasen lassen sich unter¬≠schei¬≠den: Die Polarisierung der Parteienlandschaft nach dem EWR-Entscheid (bis 2003), der nationalkonservative Rechtsruck (vor allem die Wahlen 2007) und die Bildung neuer Parteien, die sich sowohl von der Mitte wie auch von den Polen abgrenzen (seit 2007). Insgesamt kann das als Folge der Globalisie¬≠rungs¬≠konflikte mit Markt√∂ffnungen und supranationalen Arrangements interpre¬≠tiert werden, welche die Bedeutung des Nationalstaates in der Politikformulie¬≠rung relativiert haben, in der Bev√∂lkerung aber zu einem Gegenreflex gef√ľhrt haben. Bezogen auf die Parteienlandschaft relevant ist, dass auf der rechten Seite eine Samm¬≠lung unter der SVP entstanden ist, die zwischen Regierung und Opposition politisiert. Davon hat sich als Folge der Bundesratswahlen 2007 ein Teil der ParteivertreterInnen distanziert und die BDP gegr√ľndet. Links der Mitte ist mit der Gr√ľnliberalen Partei ebenfalls eine erfolgreiche Innovation entstanden, wel¬≠che die √∂kologische Ans√§tze mit marktwirtschaftlichen Instru¬≠menten vers√∂h¬≠nen will und deshalb zwischen rotgr√ľnem Lager und b√ľrgerli¬≠cher Mitte politi¬≠siert.

Die mittelfristigen Faktoren entstanden aus der Konkretisierung der neuen Kon¬≠fliktlinie, die sich sowohl √∂konomisch (interessenseitig), als auch kulturell (wert¬≠m√§ssig) bestimmen l√§sst. In der ersten H√§lfte der Legislatur dominierte die Aus¬≠dehnung auf weitere L√§nder und dauerhafte Verankerung der Personenfrei¬≠z√ľ¬≠gig¬≠keit als zentralem Dossier des bilateralen Verh√§ltnisses mit der EU. Die ent¬≠sprechende Volksabstimmung ging positiv aus. Dennoch kippte die Stim¬≠mung im Jahre 2009 zugunsten migrationskritischer Positionen, was sich in der An¬≠nahme der Minarettverbotsinitiative und der Initiative zur Ausweisung krimi¬≠neller Ausl√§nderInnen manifestiert. Das Ganze fand vor erheblicher Ersch√ľtte¬≠rungen zentraler Prinzipen der Schweizer Politik statt, ausgel√∂st durch die Ret¬≠tungsaktion des Staates f√ľr die UBS, versch√§rft durch die Aufweichung des Bankgeheimnisse auf Druck der USA und durch die Doppelbesteuerungsab¬≠kommen mit verschiedenen Staaten, um der grauen Liste der OECD zu ent¬≠kommen.

Die kurzfristigen Bestimmungsgr√ľnde von Wahlen zeigen sich am klarsten in der Wahlkampfentwicklung. Diese wird zunehmend durch medial definierte und gerahmte Themen bestimmt. Dabei treten die rein nationalen Streitfragen offensichtlich in den Hintergrund und es machen sich solche breit, die global von Bedeutung sind. Erw√§hnt seien hier die Kritik an der weltweiten Migration, die Umkehr in der Kernenergiepolitik und die Turbulenzen auf den Finanzm√§rk¬≠ten. National von Bedeutung ist, dass sich die Rahmenbedingungen von Wahl¬≠k√§mpfen √§ndern, beispielsweise beim Einsatz von Bundesr√§tInnen in Par¬≠tei¬≠kampagnen, beschr√§nkt auch durch die Problematisierung von Wahlkampf¬≠ausgaben in der √Ėffentlichkeit, was nicht alle Parteien gleichermassen trifft. Insgesamt heisst das auch, dass die strategische Orientierung einer Parteikampagne, wie es die SVP mit ihren Super-Wahlk√§mpfen 2003 und 2007 vorgemacht hat, ohne das Mitmachen der Medien erschwert ist.

Das Wahlfieber schwillt an

Wahlbörsen sind, nebst Wahlbefragungen, ein zwischenzeitlich verbreitete Methode der Analyse von Parteistärken vor Wahlen. Anders als bei Umfragen, geht es nicht nur um (fortgesetzte) Momentaufnahmen. Vielmehr geht es um Prognosen.

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Wahlfieber ist eine der Plattformen, die routinem√§ssig Wahb√∂rsen f√ľr Schweiz Wahl anbietet. Das ist auch f√ľr die kommenden Nationalratswahlen der Fall.

Gefragt ist, das Wahlergebnis der gr√∂sseren Parteien fr√ľhzeitig zu sch√§tzen. Jede Sch√§tzung kann aber ver√§ndert werden, wenn sich daf√ľr ein K√§ufer der Parteiaktien findet.

Die Erwartungen zu den Parteist√§rken f√ľr den Nationalrat lauteten am 1. August – oder 10 Tage nach dem Start:

SVP: 28.5 (-0.4% gegen√ľber 2007)
SP: 19.3 (-0.2%)
FDP.Liberale: 14.4 (-3.3%)
CVP: 13,1 (-1,4%)
GPS: 10.8 (+1.2%)
GLP: 5.3 (+3.9%)
BDP: 3.9 (+3.9%)
Uebrige: 4,7 (-3.3%)

Zulegen w√ľrden demnach die neuen Parteien wie die GLP und BDP. Von einem Zuwachs geht man auch bei den Gr√ľnen aus. Verluste g√§be es vor allem bei der FDP, beschr√§nkt bei CVP und kaum bei SVP und SP.

Gestoppt w√§re damit der Rechtstrend der letzten Wahlen. Vielmehr k√∂nnte man von einer Wahl zugunsten √∂kologischer Parteien sprechen. Das Polarisierungsmuster w√§re endg√ľltig zu Ende, die moderaten Kr√§fte w√§ren aber auf mehr Parteien verteilt.

Damit liegt die Wahlb√∂rse nicht neben dem, was Wahlbefragungen aktuell ergeben. Auch sie gehen von Gewinnen bei GLP und BDP aus und schliessen solche f√ľr die GPS je nach Zeitpunkt der Erhebung nicht aus.

Bestätigt wird damit, dass Wahlbörsen den Wahlbefragungen folgen. Ob sie, wie 2007 etwas grössere Abweichungen zeigen als die beste Wahlbefragung wird sich weisen.
In einem sind die Wahlb√∂rsen weniger informativ als die f√ľhrenden Wahlbefragungen, machen sie doch keine Angaben f√ľr die Wahlbeteiligung, dem heute vielleicht wichtigsten Indikator bei Schweizer Wahlen.

Ein Unsicherheit ergibt sich allerdings. Gem√§ss Hauptwette w√ľrden auch die kleinen Parteien zu den Verlieren z√§hlen. F√ľr sie wird aber eine separate B√∂rse erstellt, die andere Sch√§tzungen ergibt. So rechnet man da mit einer GLP-St√§rke von 6.9 Prozent. Jene der BDP liegt bei 4.5 Prozent. Selbst die √§ussere Linke k√§me demnach auf 3.0 Prozent. Das w√§re dann eine noch st√§rkere Erosion der etablierten Kr√§fte.

Ich werde die interessante Spielerei jeweils zum 1. des Monats kommentieren, und auch in den letzten 10 Tagen, wie man in der Schweiz keine Umfragen mehr veröffentlichen darf.

Claude Longchamp