Archive for August, 2011

Wahlbörse: Erste Erwartungen zum Ausgang der Ständeratswahlen

Ginge es nach den Börsianer, wäre der nächste Ständerat etwas polarisierter zusammengesetzt und leicht linker als der bisherige. Mal schauen!

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Uebersichten zum Ausgang der Ständeratswahlen 2011 fehlen weitgehend. Deshalb bleibt die Unsicherheit gross, wie die Fraktionsstärken mit Blick auf die Bundesratswahlen sein könnten.

Ein Versuch, den wesentlichen Mangel der Wahlprognostik zu beheben, stellen die Wahlbörsen dar. Bei Nationalratswahlen werden sie durch die Wählerbefragungen konkurrenziert. Bei den Ständeratswahlen stehen sie weitgehend alleine.

2007 gab es hierzu noch keine Wahlbörsen. Deshalb kann man die Treffergenauigkeit des Instruments bisher auch nicht evaluieren.

Immerhin, die Wahlbörse von SRF klärt seit einigen Tagen die Erwartungshaltungen zu den Wahlen 2011 ab, zur Gesamtzusammensetzung des kommenden Ständerats, und zur den Ausgängen in den Kantonen Bern, Aargau und St.Gallen.

Was die Uebersicht betrifft, gehen die B√∂rsianer von je zwei Verlusten f√ľr CVP und FDP aus, zwei Gewinne werden der SP vorausgesagt, je einen der SVP und die GPS. Stabil w√ľrden die GLP und BDP bleiben.

Von der anfangs Jahr durch die SVP angek√ľndigte Macht√ľbernahme in der “Dunkelkammer” der Nation h√§lt die Wettgemeinschaft demnach nicht viel. Eher noch gilt, dass es zu einer “nachholenden Polarisierung” im St√§nderat kommt, verbunden mit einem leichten Linksrutsch.

Machtpolitisch w√ľrde sich nicht viel √§ndern: CVP und FDP h√§tten gemeinsam unver√§ndert eine Mehrheit, wenn auch nur noch eine ganz knappe. Daf√ľr bek√§me Mitte/Links die M√∂glichkeit, in Allianz die Abstimmungsg√§nge in der kleinen Kammer zu bestimmen.

Ob bewusst oder nicht, die B√∂rsianer verl√§ngern damit ziemlich genau den Trend bei den j√ľngsten St√§nderatswahlen.

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Nicht ausschliessen kann man zudem, dass in den gehandelten Erwartungen eine leichte Linkstendenz steckt. Bei den Nationalratswahlen jedenfalls ist die SRF-Wahbörse das Tool mit der linkesten Vorschau.

So bleibt als gegenw√§rtig wahrscheinlichste Annahme aufgrund der B√∂rse: Stabilit√§t mit bescheidenen Ver√§nderungen, leicht polarisierte Zusammensetzung mit m√∂glicherweise gest√§rkter rotgr√ľner Vertretung.

Oder jemand rechnet alle Ausgangslage nach dem Z√ľricher Modell einmal durch!

Claude Longchamp

Ein neues Modell f√ľr die Analyse von St√§nderatswahlen

Einmal mehr, Peter Moser, der Leiter des Statistischen Amtes des Kanton Z√ľrich, erweist sich als der kreativste amtliche Statistiker der Schweiz. Nach zahlreichen Innovationen zur Typisierung von Gemeinden, Analysen von Regierungsratswahlen und √§hnlichem legt er nun eine Analysemodell f√ľr St√§nderatswahlen vor.

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Moser weiss, wo von er spricht. Im Arbeitspapier auf Internet charakterisiert er seinen Versuch, Ergebnisse von St√§nderatswahlen abzusch√§tzen wie folgt: “Die folgenden Szenarien f√ľr das Resultat beruhen auf Erfahrungswerten aus vergangenen Majorzwahlen und den Eckpunkten der diesj√§hrigen Ausgangslage, soweit derzeit bekannt. Geb√ľndelt werden diese Informationen einem einfachen, den freien Flug der Fantasie etwas disziplinierenden mathematischen Modell. Es zeigt sich, unter welchen Voraussetzungen welches Resultat in den St√§nderatswahlen zu erwarten ist.”

Und das sind die drei idealisierten Ausg√§nge f√ľr die Z√ľrcher St√§nderatswahlen:

Szenario 1 “Jede Partei ist sich selber am n√§chsten”:
Niemand schafft im ersten Wahlgang das absolute Mehr, Blocher (SVP) liegt an der Spitze, gefolgt von Hardegger (SP), weil ihre Parteien die w√§hlerInnen-st√§rksten sind. Das sp√ľren vor allem die beiden Bisherigen, Diener (glp) und Gutzwiller (FDP), welche die Pl√§tze 3 und 4 belegen.. Der zweite Wahlgang entscheidet √ľber alles.

Szenario 2 “B√ľrgerlicher Schulterschluss”:
Die Kandidaten von SVP und FDP liegen an der Spitze, verfehlen das absolute aber ebenfalls. Alle anderen liegen zur√ľck, insbesondere die Bisherige Diener. Erneut entscheidet der zweite Wahlgang √ľber alles.

Szenario 3 “Business as usual”:
Die beiden Bisherigen schwingen oben aus. Bei schaffen knapp das absolute Mehr und sind wieder gewählt. SVP und SP scheitern trotz Hausmacht. Ein zweiter Wahlgang ist nicht mehr nötig.

Nat√ľrlich: Jedes Szenario basiert auf Annahmen, die auch anders getroffen werden k√∂nnen. Wie in allen Modellrechnungen basiert das Ergebnis auf der Parameterwahl.

An Mosers Vorschlag √ľberzeugt mich folgendes:

Erstens, er ersetzt die impliziten Annahmen durch expliziete Annahmen. Intuition ist gut, könnte man sagen, Reflexion ist besser.
Zweitens, seine Modelle orientieren sich an durchaus plausiblen Hypothesen: dem Bisherigen Bonus, der politischen Allianzbildung und dem Parteienkalk√ľl, formalisiert sie aber.
Drittens, macht der Statistiker das, was er am besten kann: Rechnen!

Wahrscheinlich, k√∂nnte man sagen, ist man damit noch nicht am Ende der Analysen. Aber weiter, als die √ľblichen Einsch√§tzungen der Politikstrategen und Medienschaffenden, die nicht selten von Absichten, Hoffnungen und Taktiken geleitet sind!

Ein Prognose des Wahlausgangs hat man deshalb noch nicht. Aber vern√ľnftigen Annahmen was geschieht. Die Szenarien k√∂nnen n√§mlich als Idealtyp f√ľr die Analyse dienen, was die Politik und die Medien tun. Zum Beispiel die NZZ, welche die Wahl von Gutzwiller und Blocher empfiehlt. Oder die FDP, die davon nichts will, und alleine in den Wahlkampf zieht. Mehr noch, wenn das Ergebnis einmal vorliegt, wird man es mit den drei Folien, die hier entwickelt wurden, schnell einsch√§tzen k√∂nnen – auch hinsichtlich der Wirkungskr√§fte, die dazu gef√ľhrt haben.

Schon mal ein ganz grosses Merci, Peter Moser. Der Kommentator am Wahltag windet ihnen jetzt schon ein Kr√§nzchen. Und w√ľnscht sich Nachahmer unter den Statistikern der anderen Kanton – oder findige Studierende, die das Z√ľrcher Modell auf die St√§nderatswahlen in den anderen Kantonen adaptieren.

Claude Longchamp

Ausschaffungs- und Masseneinwanderungs-Initiative als Wahlkampf-Vehikel

1. August: Die SVP nutzt die Aufmerksamkeit f√ľr den Bundesfeiertag, um ihren nationalen Wahlkampf f√ľr den Wahlherbst zu lancieren. Ein Thema wird gesetzt, das anderntags mit Initiativb√∂gen im Briefkast aufgenommen wird. Die Plakatierung der ganzen Schweiz beginnt. 2007 genauso wie 2011. Eine Kurzanalyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

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Eines sei gleich vorneweg gesagt: Ich gehe davon aus, dass die neue Volksinitiative der SVP in Sachen Personenfreiz√ľgigkeit durchaus eine Grundstimmung der Jetzt-Zeit trifft. Es gibt eine vermehrte Kritik an der unkontrollierten Einwandeurng. Betroffen ist nicht nur der Arbeitsmarkt, auch der Wohnungsmarkt ist ein Thema, f√ľr Unter- und Mittelschichten. Allerdings, soweit ich sehe, reicht das nicht, um notfalls alle Errungenschften der Bilateralen mit der Kettens√§ge aufs Spiel zu setzen.

Sieben Unterschiede zwischen den Ausschaffungsinitiative 2007 und der Masseneinwanderungsinitiative 2011 sind augenfällig:

Erstens, das Thema:
2007 nahm die SVP ein Gesellschaftsthema in den Kampagnenfocus. 2011 geht es um eine Wirtschaftsfrage. Ersteres brachte ihr einen breiten Applaus, denn Initiative zur Ausl√§nderkriminalit√§t erl√∂ste zahlreiche Akteure – gerade im b√ľrgerichen Lager. Letzteres ist demgegen√ľber umstritten, denn es trifft vitale √∂konomische Interessen.

Zweitens, die Signifikanz der Initiativen:

2007 funktionierte die Arumentation, es werde ein verdr√§ngtes Thema aufgenommen. Das erinnerte an die Asylthematik, mit der die Partei und ihr Justizminister 2006 erfolgreich Mehrheiten hinter sich scharte. 2011 lag der Focus anders: mit der Neupositionierung der Personenfreiz√ľgigkeit nimmt die Partei eine K√ľndigung des Abkommens und damit der Bilateralen in Kauf. Das polarisiert – gerade auch unter EU-Gegnern.

Drittens, die Reaktionen der Wirtschaft:

2007 enthielten sich die Wirtschaftsverb√§nde der Stimme, als es um die Ausschaffung ging. 2011 wandten sie sich sofort gegen die neue Initiative, economiesuisse als erste Organisation der Wirtschaft, der Gewerbverband als zweite. Im Gefolge distanzierten sich gewichtige Vertreter des SVP-Wirtschaftsfl√ľgels von der eigene4n Initiative – mindestens hinsichtlicher ihrer Ausformlierung und Pr√§sentierung.

Viertens, die Positionierung der Parteien:

Sp√§testens seit den angenommenen Initiativen zum Minarettverbot und zur Ausschaffung haben FDP und CVP reagiert. Sie wissen um die Stimmen in ihrer Basis, die sachpolitisch der SVP nahestehen k√∂nnen. In der Wahlkampfvorbereitung 2011 haben sie deshalb die Swissness-Frage nicht mehr einfach der Konkurrenz √ľberlassen. Vielmehr stehen sie ausdr√ľcklich dazu, schweizerische Interessen zu verteidigen.

F√ľnftens, das Umfeld:

Ueberhaupt, das Umfeld 2007 und 2011 k√∂nnten anders nicht sein. Damals herrschte Optimismus vor. Finanzmarktkrise, Staatsbankrotte und Euro-Sanierungsprogramme kannte man nicht einmal dem Namen nach. Heute sind sie allgemeinw√§rtig, entsprechend ist dominiert vorsichtige Zuversicht, oder ist man gleich skeptisch. Da schaut man genauer hin, wer mit welchem Mittel welche Vorteile der Schweiz gegen√ľber dem Ausland verteidigt oder aufs Spiel setzt.

Sechstens, die Gradlinigkeit:
2007 hatte die SVP die Konsquenz auf ihrer Seite. Ihre Politik galt als unbeirrt, egal wie Bundesrat und Parlament denken. Gradlinigkeit ist der Partei gerade in der Personenfreiz√ľgigkeitsfrage indessen abhanden gekommen, denn sie spekuliert aut eine Position zwischen Wirtschaftspartei und Tea-Party-Orientierung. Das ging, wie der Kurswechsel in Sachen Nationalbank deutlich machte, diesmal schief. Da politisierte das b√ľrgerliche Zentrum gradliniger.

Siebstens, das Ueberraschungsmoment:
2007 hatte die SVP im Wahlkampf das Ueberraschungsmoment auf ihrer Seite. Sie setzte die Themen, mit denen sie zwischen sich und den anderen polarisieren konnte. Damit trieb sie auch die Medien an und dominierte sie die Bevölkerungsdiskussionen. Das ist 2011 so eindeutig nicht mehr der Fall. Das Strickmuster der SVP-Wahlkampagne ist zwischenzeitlich bekannt. Es ist immer noch cleveres Handwerk. Aber es fehlt die Surprise, die eine gute Kampagne zur Superkampagne macht.

Noch steht uns der heisse Wahlkampf bevor. Vor allem der der KandiatInnen. Das ist f√ľr die Mobilisierung der B√ľrgerInnen vor der Wahl gerade auf dem Land uind in den kleinerer Kantonen von eminenter Bedeutung. Mit voreiligen Schl√ľssen aus dem Wahlkampfgeschehen auf das Resultat vom 23. Oktober 2007 halte man sich also zur√ľck.

Sicher ist vorerst nur: Die Kampagne der SVP ist die intensivste und auffälligste. Doch zieht sie nicht mehr mit der gleichen magnetischen Wirkung die Kampagnenakteure in ihren Bann.

Es wird Zeit, dass auch ich mich mit den Wahlkampagnen der anderen Parteien (kritisch) beschäftige.

Claude Longchamp

Wie sich der Wahlkampf 2007 entwickelte

Man erinnert sich: 2007 stand der Wahlkampf zu den Parlamentswahlen ganz im Zeichen der SVP-Kampagne. Ein kleiner R√ľckblick und Ausblick zu den Gemeinsamheiten und Unterschieden mit dem Wahlkampf 2011.

Am 27. August 2007 schrieb Bettina Mutter im Tagesanzeiger: “Die SVP sagt, Linke und Gr√ľne schmiedeten ein Komplott, um Christoph Blocher aus dem Bundesrat zu dr√§ngen. Andere Parteien meinen, das sei billiger Wahlkampf.” Nachtr√§glich weiss man es. Die SVP f√ľrchtete sich zurecht, wenn auch im falschen Moment.

Parteipr√§siden Ueli Maurer brachte die Befindlichkeit der Partei an der Medienkonferenz desselben Tages auf den Punkt. Wenn Blocher abgew√§hlt wird, zerst√∂rt Links-Gr√ľn das bew√§hrtes Konkordanzsystem. Die SVP muss dann den Bundesrat verlassen und aus der Opposition heraus politisieren. Um das zu verhindern, k√ľndigte er eine eigentliche Kampagnenoffensive an.

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Wie Medienanalysen des FOeG an der Uni Z√ľrich zeigten, l√∂ste die Kontroverse eine riesige Medienressonanz aus. W√§hrend Tagen war die SVP mit Abstand die am meisten behandelte Partei in den Medien. Gefordert war vor allem die CVP, beschuldigt mit Rotgr√ľn zu paktieren. In die Bedr√§ngnis geriet auch die FDP, deren Bundesrat Couchepin am meinte, kein Land brauche einen Douce – womit klar war, wen er gemeint hatte.

Erst nach Wochen flaute die Geschichte etwa ab. Noch einmal befeuert wurde sie durch die Sondersession der eidgen√∂ssischen R√§te anfangs Oktober 2007, die sich dem Geheimplan besch√§ftigte. F√ľr den Samstag danach hatte zudem die SVP f√ľr den 6. Oktober zu ihrer Manifestation in Bern aufgerufen – dem geplanten H√∂hepunkt ihres Wahlkampagne, der mit der Eskalation auf Berns Strassen zum Tiefpunkt des Wahlkampfes wurde. Medial hatte auch das der Partei gen√ľtzt. Ihre Medienpr√§senz erreicht in den drei letzten Wochen nochmals H√∂chstwerte, von denen die anderen Parteien nur tr√§umen konnten.

“Ereignisorientierter Wahlkampf” analysierte ich dieses Vorgehen im Nachhinein.. Dabei ist nicht einmal entscheidend, wer was ausl√∂st. Wichtiger ist, wer wie damit umgehen kann. Das spin doctoring findet in den Schweiz nicht in obskuren PR-B√ľros statt, wie man das oft behauptet, sondern in den Parteien selber, die jeden Tage beurteilen, was ihnen n√ľtzen und schaden kann. Wer mit seinen Kampagnen schnell reagieren kann, der wird so zum Treiber, der den Takt vorgibt und sie die anderen Akteure dominiert und die Medienberichterstattung auf dieser Art und Weise steuert.

Dazu gehört auch der Lead im gekauften Raum. Auch hier dominierte die SVP praktisch unbestritten. Sie begann als Erstes mit der Wahlwerbung, sie intensivierte sie vor allem anderen, und sie investierte auch das grösste Geldvolumen in Plakate, Inserate und Druckschriften.

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Der Vergleich der beiden Indikatoren f√ľr Wahlkampfaktivit√§ten mit den Trends im Wahlbarometer legten folgende Zusammenh√§nge nahe: Profitiert haben d√ľrften SVP und FDP von ihren Investitionen im gekauften Raum. Der SVP d√ľrfte zudem die Medienpr√§senz gen√ľtzt haben, weil sie so den Wahlkampf dominierte. Die SP wurde zusehends verdr√§ngt, und galt in der Schlussphase als mitverantwortlich f√ľr die Krawalle in Bern, was ihr geschadet haben d√ľrfte.

Und heute? Einen “6. Oktober” wird es dieses Mal wohl nicht mehr geben, ist doch die Hauptstadt f√ľr Manifestationen der Parteien kurz vor der Wahl gesperrt worden. Dennoch zeigt sich, dass die SVP versucht ist, eine vergleichbare Kampagne mit vorbereiteter Volksinitiative, Plakatwerbung und Zupsitzung mit Inseraten zu fahren. Klar wurde auch, dass die Dramatisierung bisher nicht wirklich gelingt, weil die beabsichtigte Focussierung der Wahlen 11 auf die St√§nderatswahlen und da auf das Treffen im Kanton Z√ľrich nicht wie erwartet funktioniert. Deshalb polarisiert die SVP auch weniger. Die Bundesratswahlen wurden als Wahlziel 2011 gestrichen. Inoffiziell will man einen zweiten Sitz, wenn es nicht reichen sollte, werde man 2015 mit drei Bundesr√§ten zur√ľck kehren.

Allerdings, auch das wird momentan immer deutlicher: Keine der anderen Parteien kann in die L√ľcke, die so im Wahlkampf 2011 entstanden ist, wirklich n√ľtzen, um sich besser als die anderen zu profilieren. Entweder sind die Verh√§ltnisse durch die globalen Ereignisse so un√ľbersichtlich geworden, oder der Wahlkampf 2011 steht uns noch bevor!

Claude Longchamp

10 Trends in Schweizer Wahlkämpfen des letzten Vierteljahrhunderts

Sie sind jung, und sie wollen ein Interview von mir. F√ľr eine Gruppe GymnasistInnen aus Wettingen soll ich die Wahlk√§mpfe der letzten 25 Jahre ausleuchten. Hier meine 10 Thesen.

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Pr√§gten zahlreiche Ver√§nderungen in Schweizer Wahlk√§mpfen: die SVP des Kantons Z√ľrich, hier im Jahre 1987 (Quelle: 20 min)

Eines vorneweg: Ich erhalte viele Anfragen f√ľr Interviews im Rahmen von Matura-Arbeiten. Wenn ich den Eindruck habe, das liegt eigentlich schon gut aufgearbeitet vor, sage ich ab. Das mache ich auch, wenn ich mich f√ľr nicht kompetent halte.

Diese Woche habe ich eine mail aus dem Wettinger Gymnasium gekriegt, mit der Bitte, mich zu Ver√§nderungen in Wahlk√§mpfen zu √§ussern. Konkret geht es um den Wandel der politischen Kommunikation im letzten Vierteljahrhundert. Ich habe ausnahmsweise zugesagt, weil es durchaus eines “meiner” Themen ist, es dazu aber nichts Kompaktes dazu zu lesen gibt.

Erstens: Seit 1983 ist die Parteienlandschaft in Bewegung: Neue Parteien sind entstanden, vor allem gr√ľne, aber auch Antipoden hierzu. Von Bedeutung sind auch die Ver√§nderungen in den Parteist√§rken. Die SVP setzte nach 190091 zum H√∂henflug an und die deutlich gr√∂sste Partei geworden, die SP hielt bis vor rund 5 Jahren mit, und auch die GPS legte mehrheitlich zu. Seit 2007 gilt dies auch f√ľr die neu entstandene GLP, und 2011 haben sie und die BDP die besten Aussichten, sich in der Parteienlandschaft auszubreiten. R√ľckl√§ufig sind die Anteile im b√ľrgerlichen Zentrum. Parallel dazu ist die Wahlbeteiligung wieder gestiegen.

Zweitens: Der grösste Einschnitt in der politischen Kommunikation der Schweiz ist die EWR-Entscheidung von 1992. Damals entwickelten sich Medien zur Avantgarde und polarisierten Parteien die Konsenskultur. Auf Wahlkämpfe färbte sich das ab, inden namentlich links und rechts die Binnenorientierung, fokussiert auf die Stammwählerschaft, zugunsten von Angriffswahlkämpfen aufgegeben wurde, mit der WechselwählerInnen und bisherige Nichtwählende anvisiert wurden. Damit hat die Dynamik von Wahlkämpfen zugenommen.

Drittens: Ver√§ndert wurde auch die vorwiegend kleinr√§umig ausgerichtete Kampagnenkommunikation der Parteien, indem Auftritt, Form und Inhalt zentralisiert und aufgrund von Erkenntnissen des politischen Marketings ausgerichtet wurde. Parallel dazu entwickelte sich das Themensetzen der Parteien mit Kampagnen als gesamtschweizerische oder sprachregionale, jedenfalls √ľberkantonale Aufgabe, deren Ziele es nicht mehr ist, die politische Debatte zu f√∂rdern, sondern den Mix an relevanten Informationen und Stimmungen zu seinem eigenen Vorteil zu optimieren.

Viertens: Ge√∂ffent haben sich die Parteien ausgehend vom b√ľrgerlichen Zentrum f√ľr Kampagnen der immer zahlreicher werdenden KandidatInnen, die im bessern Fall auf die Parteikampagnen abgestimmt sind, im schlechteren weitgehend unabh√§ngig davon funktionieren. Vorbild hierf√ľr waren die St√§nderatswahlk√§mpfe, die jedoch auf die Nationalratswahlen abf√§rbten.

F√ľnftens: Die Medien haben ihre Wahlkampfberichterstattung ausgebaut. Dabei haben sie ihre Rollen als Partei- oder Forumszeitung zusehends verlassen. Sie sind heute kaum mehr nur Transporteure, sondern Akteure in Kampagnen, die sich mit Eigenleistungen profilieren wollen, aber auch mit Kontroversen und Skandalen die Wahlen beeinflussen wollen. Zugenommen haben die Bedeutung der mediale Inszenierungen und der kommerzialisierten Politbewerbung, mit der die Grenzen zwischen Berichterstattung und Propaganda zunehmend auch verwischt wird. Nicht zuletzt die neuen Medien haben diese Ver√§nderungen in j√ľngster Zeit noch beschleunigt.

Sechstens: Mit der Visualisierung des Journalismus geht eine Trend zur Personalisierung der Wahlen einher. Entstanden sind neue Rollen f√ľr Parteipr√§sidentInnen, aber auch charismatische Leaderfiguren, die dem Wahlkampf das t√§gliche Tempo geben. Die Bundesr√§tInnen als die h√§ufig bekanntesten ParteivertreterInnen werden in die zunehmend umfassende und dauerhaft betriebene, kampagnenartige Politiberichterstattung einbezogen, sodass die Unterscheidung von Wahlen ins Parlament und Regierung verwischt werden.

Siebtens: Entstand ist auch eine Expertenkultur in Kampagnen, welche deren Gesetzm√§ssigkeiten und Auswirkungen medial analysieren, allenfalls auch Parteien und KandidatInnen kritisieren oder unterst√ľtzen. H√§ufiger geworden ist auch der Einsatz wissenschaftlicher Beobachtungs- und Analyseinstrumente zu Wahk√§mpfen in der Schweiz, mit der auch kritische Fragen zur Kommenzialisierung von Wahlk√§mpfe h√§ufiger gestellt werden. Beschr√§nkit mischen sich neuerdings auch WahlbeobachterInnen und ausl√§ndische Institutionen in Schweizer Wahlk√§mpfe ein.

Achtens: Uebers ganze gesehen ist hat die Involvierung der B√ľrgerschaft in Wahlk√§mpfe national klar zugenommen. Entsprechend ist die gesamtschweizerischen Wahlbeteiligung steigend, und differenziert sich diese immer deutlicher von der klar tieferliegenden Beteiligung an kantonalen Wahlen.

Neuntens: Die meisten der hier geschilderten Trends sind in der deutschsprachigen Schweiz deutlicher beobachtbar, in der französisch- und italienischen Sprachregionen wenig ausgeprägt. Zudem gehen die medialen Entwicklungen in der Regel von den urbanen Zentren aus, diffundieren von da aus aber auch aufs Land. Neu werden Schweizer Wahlkämpfe auch durch globale Ereignisse und Trends bestimmt.

Zehntens: Zahlreiche Trends k√∂nnten 2007 ihren H√∂hepunkt erreicht haben. Im aktuellen Wahlkampf besteht der Eindruck, dass sich einige der Entwicklungen nicht nochmals akzentuiert haben. Das gilt namentlich f√ľr die Polarisierung der Parteienlandschaft, die auf hohem Niveau m√∂glicherweise an ihr Ende gekommen ist. Es k√∂nnte aber auch auf die Mobilisierung der B√ľrgeschaft durch Wahlen zutreffen.

Ich werde √ľber die Erfahrungen im Interview mit den GymnasistInnen berichten. Selbstverst√§ndlich auch √ľber die Konfrontation dieser Thesen mit dem Wahlkampf 2011.

Claude Longchamp

Personen, die in Migrationsfragen ankommen resp. polarisieren

Letzten Sonntag verk√ľndete der Sonntagsblick: “Schweizer schieben Blocher ab!” Zum neuen Shooting-Star der hiesigen Ausl√§nderpolitik wurde Karin Keller-Sutter stilisiert. Ein Kommentar.

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Ich habe mir die Daten der dahinterliegenden Befragung von Demoscope genauer angesehen und komme zu folgendem Schluss: Gemessen wurde mit der Datenerhebung zweierlei – zuerst die Bekanntheit der Personen, dann der Polarisierungsgrad der ExponentInnen in Migrationsfragen.

Von den 16 gepr√ľften Personen haben 12 kein wirklich sachpolitisches Profil, wenn es um Ausl√§nderfragen geht. Was die Umfrage als Themenprofil ergibt, wird gr√∂sstenteils durch die Bekanntheit bestimmt. Personen wie Philipp M√ľller, Bastien Girod, Daniel Vischer, Hans-Ueli Grunder und Daniel Jositsch sind in der Bev√∂lkerung der ganzen Schweiz schlicht zu wenig bekannt, um in der breiten Masse ein Themenprofil zu haben. Das gilt f√ľr PolitikerInnen wie Ueli Leuenberger, Adrian Amstutz, Ursula Wyss, Urs Schwaller, Fulvio Pelli und Chriphe Darbelley nicht im gleichen Masse. Denn sie sind durch ihre Rollen und Auftritte in der Schweizer Politik eindeutige bekannter. Ein wirkliches Sachprofil haben aber auch sie nicht, jedenfalls nicht in Migrationsfragen.

Anders beurteile ich die letzten vier der √ľberpr√ľften PolitikerInnen: Bundesr√§tin Simonetta Sommaruga, die St. Galler Regierungsr√§tin Karin Keller-Sutter, als Bundesrat Chrsitoph Blocher und SVP-Pr√§sident Toni Brunner. Bei ihnen gilt: Sie sind sehr bekannt. Man weiss, wof√ľr sie stehen. Breite Teile der Bev√∂lkerung akzeptieren ihre Positionen oder reagieren stark gespalten darauf. Letzteres gilt vor allem f√ľr die beiden Top-Exponenten der SVP, nicht aber f√ľr die beiden PolitikerInnen, die in der Migrationspolitik etwas zu sagen haben.

Die obenstehende Grafik belegt das. Sie gibt die Positionierung des politischen Personals auf zwei Dimensionen wieder: hinischtlich der Bekanntheit und der Glaubw√ľrdigkeit in Ausl√§nderfragen. Alle PolitikerInnen, die nahe bei eingezeichneten Strich positioniert sind, haben f√ľr die Wahlberechtigten kein wirklich migrationspolitisches Profil. Denn ihre diesbez√ľglichen Werte werden weitgehend durch ihre Werte f√ľr die (Un)Bekanntheit bestimmt.

Blocher und Brunner sind klar unter dem Strich, was nicht anderes heisst, als dass ihre Akzeptanz in diesem Themenbereich geringer ist als ihre Bekanntheit es vermuten liessen. Das ist bei Keller-Sutter einerseits, Sommaruga andersseits genau umgekehrt. Sie sind akzeptierter als man das aufgrund ihrer Bekanntheit erwarten könnte. Die Top-Relation zwischen beiden Indikatoren hat die St. Galler Regierungsrätin.

Haben damit auch die SP und die FDP die Themenf√ľhrung in der Migrationsfrage √ľbernommen? Ich zweifle stark. Denn unseer Bild von Parteien in Sachfragen wird vor allem durch ihre Politik bestimmt, weniger durch die Position von ExponnentInnen. Oder anders gesagt. Was Bundesr√§tin Sommargua sagt oder Regierungsr√§tin Keller meint, spricht zuerst f√ľr (oder gegen) sie. Der Imagetransfer auf die Parteien bleibt beschr√§nkt.

Und so gilt: Wenn es um Migrationsfragen geht, mobilisiert die SVP die Meinungen der klagenden ThemenwählerInnen immer noch am besten. Nur fehlt es ihnen gegenwärtig als unbestritten Kommunikatoren. Das sollte sich auch die Blick-Redaktion merken, die Personenimages befragen liess, auf der Frontseite Parteienbashing betrieb.

Claude Longchamp

Zwischen Momentaufnahmen und Prognosen

Die kantonalen Wahlen dieser Legislatur liegen hinter uns. Die Wählerbefragungen zu den Nationalratswahlen sind in der ganzen Breite lanciert. Und die Wahlbörsen zum Ausgang der Parlamentswahlen haben eingesetzt. Es ist Zeit, die Instrument untereinander zu vergleichen, hinsichtlich ihrer Aussagen, ihre Möglichkeiten und Grenzen. Ich mache es klar: Man hat keine treffsicheren Prognosen, aber auch nicht nur punktuelle Momentaufnahmen.

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Die Bilanzen zu den kantonalen Wahlen haben einen grossen Vorteil: Sie bewerten reale Wahlen. Dem steht indess ein gewichtiger Nachteil gegen√ľber: Sie sind am Wahltag zwischen einem halben und dreieinhalb Jahre alt. Vor allem ber√ľcksichtigen sie alles, was im nationalen Wahlkampf passiert und kantonal kein Pendant hatte nicht.
W√§hlerInnen-Befragungen wiederum sind nur simulierte Wahlen. Momentane Stimmungen fliessen in sie ein, die es wenig vorher nicht gab und die sich wenig sp√§ter nicht best√§tigen m√ľssen. Umfrageserien des gleichen Instituts mindern diese Schw√§che; Vergleiche zwischen Umfragen verringern auch Zuf√§lligkeiten, bedingt durch die Stichproben. Ihr Problem bleibt, dass es, in der Schweiz wenigstens, kurz vor Wahlen nicht erlaubt ist, sie zu ver√∂ffentlichen.
Wahlb√∂rsen schliesslich sind das spielerische Element vor Wahlen. Sie befriedigen das Wettfieber der Interessierten, zeigen dabei erstaunliche Ergebnisse. Ihr Vorteil: Sie d√ľrfen bis zum Wahltag gemacht werden. Es gibt keine Gew√§hr, dass die ermittelten Kurse der Parteien zusammen 100 Prozent ergeben.

In der Wahlforschung hat sich ein Grundsatz durchgesetzt: Alle Instrumente haben viele Vorteile und einige Nachteile, weshalb keines perfekt ist. Die Unzulänglichkeiten lassen sich verringern, wenn man auf die gemeinsamen Aussagen der Instrumente setzt, und die Besonderheiten relativiert.
Eine Evaluierung dieser Art f√ľr die Wahlen 2007 zeigte: Die quantitativen Abweichung aller Instrument blieb recht gering. Der Vergleich der Benchmarks f√ľr kantonalen Analysen, W√§hlerInnen-Befragung und Wahlb√∂rsen verwies die Umfragen auf den ersten Platz, w√§hrend die beiden anderen tools wegen qualitativ falschen Aussagen zum Wahlausgang nur nachfolgten.

Ich habe die Nachevaulierung, soweit m√∂glich, auf die sechs Analyse-Instrumente 2011 angewandt. Und ich komme zu folgenden Schl√ľssen.

Erstens, BDP und GLP legen gegen√ľber 2007 √ľberall zu. Bei der BDP ist das selbstredend der Fall, denn sie existierten bei der letzten Nationalratswahl noch gar nicht. Bei der GLP sind die prognostizierten Ver√§nderungen, das gemessene Wachstum und die Wahlbilanzen so eindeutig, dass die Aussagen mit sehr sehr hoher Wahrscheinlichkeit gemacht werden kann,.

Zweitens, praktisch stabil ist die GPS; allenfalls kann sie etwas zulegen.

Drittens, eher zu den VerliererInnen z√§hlen die CVP und die FDP. Wenn es hoch kommt, k√∂nnen sie sich halten. Das belegen kantonale Wahlen und Wahlb√∂rsen, w√§hrend Umfragen je nach Zeitpunkt ein kleines Plus f√ľr die eine oder andere der b√ľrgerlichen Parteien sieht.

Viertens, widerspr√ľchlich sind die Aussagen zu den Polparteien SVP und SP. Kantonal gab es einen Rutsch Richtung SVP. Der verflachte jedoch w√§hrend der Legislatur. Nach der Abstimmung √ľber die Ausschaffungsinitiative schwappte er nochmals hoch. Mit dem Unfall in Fukushima wurde auch das neutralisiert, sodass heute selbst die Parteileitung hochtrabende Erwartungen zur√ľck buchstabiert. In den W√§hlerInnen-Befragungen und in den Wahlb√∂rsen bleibt das nicht ohne Auswirkungen. Die SP wiederum verlor in der ersten Legislaturh√§lfte viel, konnte den R√ľckgang aber verlangsamen. Der Programmparteitag 2010 stoppte die Aufholarbeit. Seither dominiert die Feststellung, die SP werde beschr√§nkt verlieren; nur OptimistInnen in Wahlb√∂rsen rechnen mit dem Gegenteil.

F√ľnftens, mit einer Bi-Polarisierung rechnet man kaum mehr. Festgehalten wird, dass das Zentrum gest√§rkt aus den Wahlen hervorgehen k√∂nnte, gleichzeitig aber parteipolitisch auch fragmentierter den je w√§re. Denn es d√ľrften GLP und BDP wachsen, damit die kleinen zulegen, w√§hrend die CVP sich im besten Fall dazwischen behaupten kann. Nicht wirklich etablieren konnte sich die Mitte/Rechts-Position, wie sie von der FDP mit der Fusion mit den Liberalen gesucht wurde. Jedenfalls ist daraus nicht automatisch eine Erfolgsformel geworden. Wenn bei den Polparteien die Unsicherheiten am gr√∂ssten sind, hat das einen Grund: Ihr Ergebnis h√§ngt von der Mobilisierung ab. Diese ist, bei knapp 50 Prozent Beteiligung, erheblich von polarisierenden Figuren und Themen abh√§ngig, von intensiver medialer Aufmerksamkeit hierf√ľr und von der Hoffnung, die Wahl entsprechender Parteien k√∂nne die Politik in der Schweiz neu ausrichten. Das alles ist im Moment unsicher.

Was also weiss man 60 Tage vor der Wahl? – Mehr als die von den PolitikerInnen gerne zitierte “reine Momentaufnahme”, aber auch weniger als eine “gesicherte Prognose”, wie es von einigen JournalistInnen regelm√§ssig inszeniert wird.

Claude Longchamp

Aktuelle Wahlbörsen im Vergleich

Wettbegeisterte k√∂nnen auf Parteist√§rken setzen und gewinnen oder verlieren. Mit ihrem Kalk√ľl helfen sie, Erwartungen zum Wahlausgang sichtbar zu machen. Doch die Methode hat auch Nachteile: Es gibt keine Gew√§hr, dass die Einsch√§tzungen nicht ins Kraut schiessen und alle Parteien nicht gesch√∂nt beurteilt werden.

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Zwei Wählbörsen zu den Nationalratswahlen 2011 gibt es (vorerst): neu diejenige des Schweizer Fernsehens und seit längerem diejenige von Wahlfieber.

Erwartete Wahlsiegerinnen sind die BDP und die GLP. Gemäss Börsianern können sie mit je 4 Prozentpunkten Zuwachs rechnen.

M√∂gliche Gewinner- oder Verliererinnen sind die beiden grossen rotgr√ľnen Parteien. Gem√§ss SF-B√∂rse w√ľrden SP und GPS zulegen, nicht aber gem√§ss Wettkonkurrent “Wahlfieber”.

Verluste w√ľrde es vor allem f√ľr die FDP, aber auch f√ľr die CVP und allenfalls auch SVP absetzen.

Das Hauptproblem der aktuellen Wahlbörsen ist, dass die addierten Kurswerte nicht auf 100 Prozent aufgehen. Erheblich ist das Problem bei der SF-Wahlbörse, wo die ausgewiesenen Parteistärken zusammen rund 106 Prozent ergeben. Bei Wahlfieber liegt man bei zirka 103 Prozent.

Das haben findige Börsianer zwischenzeitlich selber entdeckt, und sie rätseln fieberhaft, wie man der Schwäche beikommen solle.

Denn sie wissen: Ohne dieser Korrektur werden alle Prozentangaben relativiert, da sie automatisch in Bezug auf die Wählendenanteile bei den letzten Wahlen gesetzt werden. Doch gerade das täuscht, wenn das BfS auf 100 prozentuiert, die Wahlbörsen aber nicht.

Die beiden Wahlbörsen zeigen eine weitere Schwäche. Das Umfeld der Wette bestimmt die Teilnahme: Auf der populären Website von SF wetten 669 Personen, beim Aussenseiter Wahlfieber sind gerade mal 38. Das bestimmt die Einflussmöglichkeiten eines Traders, der taktisch vorgehen will. Seine Möglichkeiten sind bei der SF Wahlbörse deutlich geringer.

Keine Aussagen machen die B√∂rsianer im √ľbrigen zur Wahlbeteiligung. Daf√ľr lanciert die SF-Wahlb√∂rse heute abend einen neuen Markt f√ľr die Sitzzahlen der Parteien im St√§nderat. Gegen√ľber Wahlbefragungen gibt das einen echten Mehrwert.

Claude Longchamp

Aktuellste Wahlbefragungen im Vergleich

Nun haben die drei Marktleader in Sachen Wahlumfragen, Isopublic, Demoscope und gfs.bern, ihre Wahlbefragungen auf den Tisch. Sie arbeiten f√ľr die Tamedia (Sonntagszeitung), Ringier (Sonntagsblick/Blick) und die SRG SSR (alle Unternehmenseinheiten).

vergleichneu

Befragt haben alle mit der CATI-Methode (computerunterst√ľtzte Telefoninterviews). gfs.bern macht die Interviews in der ganzen Schweiz, Demoscope und Isopublic verzichten darauf, die italienischsprachigen Wahlberechtigten zu befragen. Gebildet wurden alle Stichproben nach dem at-random-Verfahren.

Interviewt wurde eine unterschiedliche Zahl von B√ľrgerInnen: Bei gfs.bern sind es 2005, bei Demoscope genau die H√§lfte davon (1002); Isopublic st√ľtzte sich auf eine mittlere Zahl von 1255.

Unterschiedlich sind die Zeitpunkte der Befragung. Die Befragung von Demoscope ist die j√ľngste, die von gfs.bern die zweitj√ľngste, w√§hrend die von Isopublic am √§ltesten ist. Es ist denkbar, dass die Unterschiede in den Parteist√§rken daraus resultieren; genau beurteilen kann man das indessen nicht, denn die Basen der Befragung sind daf√ľr vor allem hinsichtlich des Befragungsgebietes zu unterschiedlich. Ich warne deshalb vor Zeitvergleichen √ľber Erhebungen verschiedener Institute hinweg.

Vergleicht man die Ergebnisse strukturell, ergeben sich zuerst Gemeinsamkeiten.

. Die drei beigezogenen Messungen sprechen f√ľr Wahlgewinne der GLP, der BDP, m√∂glicherweise auch der GPS.
. Sie gehen f√ľr die CVP, FDP und SVP von Verlusten oder von einem Halten aus.
. Und die SVP hat in allen drei Befragungen ein Minus. Das gilt auch f√ľr die √ľbrigen Parteien.

Indes: Nur bei der GPS, der BDP und der SP sind die Befragungswerte ann√§hernd identisch. Gr√∂sser sind die Differenzen bereits bei der CVP, die bei gfs.bern leicht zulegt, in den beiden anderen Befragungen einiges verliert. Das gilt namentlich auch f√ľr die FDP. Sie hat bei Demoscope ein kleines Plus, w√§hrend sie in den Erhebungen der anderen Institute ein Minus hat.

Selbst bei der SVP variieren die Minuswerte: Mit 4.1 Prozent sind sie bei Demoscope krass, während sie bei Isopublic mit 0.2 Prozent kaum nennenswert sind.

Eine Eigenheit hat die Demoscope-Umfrage: Sie macht als einzige zur Beteiligung keine Angabe, derweil gfs.bern und Isopublic mit Werten von 45 resp. 47 Prozent von einem leichten Minus gegen√ľber 2007 ausgehen.

Der Vergleich 2007 zwischen den Vorwahlbefragungen und dem Wahlergebnis legte nahe, von drei Qualit√§tskriterien auszugehen: der Stichprobenbildung (ganze Schweiz besser als nur in Teilen), der Befragtenzahl (je mehr desto besser( und des Befragungszeitpunkts (je n√§her bei Zeitpunkt, aber nicht nur an 1-3 Tagen durchgef√ľhrt).

Claude Longchamp

Mein Beitrag zur Analyse der Wahlen 2011.

Wer wählt wen warum mit welcher Wirkung. Das ist das wwwww der Wahlforschung. Was ich dazu in den nächsten 6 Monaten sagen werde.

Immer mehr Menschen fragen mich, wie die Wahlen ausgehen, was der Wahlkampf bringt und welches die Folgen f√ľr den neuen Bundesrat sind.
Mit punktgenauen Prognosen antworte ich da nie. Nicht, weil ich das nicht wollte. Indes, weil Prognosen so weit im Voraus nicht eindeutig möglich sind.
Genau deshalb werde ich mich stufenweise dem kommenden Geschehen besch√§ftigen. Das Wahlbarometer f√ľr die SRG ist die eine Seite hierzu. Die andere sind Vortr√§ge, Kurse und Vorlesungen, welche sich den Wahlen 2011 annehmen.


Mein neuestes Video, zu meinen Veranstaltungen an Universit√§ten, f√ľr Kunden und das interessierte Publikum

Hier eine Uebersich:

12. September, Bern: M√ľnstergass-Buchhandlung: Streitgespr√§ch mit Michael Hermann zu seinen neuen Buch
“Konkordanz in der Krise”

16./17. September, Winterthur: Kurs am HWZh zu:
“B√ľrger und Demoskopie – Analyse von Wahl- und Abstimmungsk√§mpfen”

22. September, Z√ľrich: Bilanz Business-Talk zu:
“Was erwartet die Wirtschaft von den Wahlen?”

ab 23. September jeweils am Freitag, Bern: Forschungsseminar an der Universität Bern:
“Analyse von St√§nderatswahlen in der Schweiz”

27. September, Z√ľrich: Abendverstaltung der International Advertising Association zu
Wahlkampf – Wahlkrampf?

3. Oktober, Bern: Stadtwanderung mit Oesterreichischen JournalistInnen zu
“Wahlkampf 2011″

6. Oktober, Zug: Kantonsschule Zug: Vortrag zu:
“Die Schweiz vor den Parlamentswahlen 2011″.

12. November, Bern: Veranstaltung der Verbindung Kyburger:
“Analyse der National- und St√§nderatswahlen 2011″

15. November, Bern: Abendveranstaltung der Neuen Helvetischen Gesellschaft:
“Was folgt aus den Parlamentswahlen f√ľr die Bundesratswahlen 2011?”

25. November, Luzern: Veranstaltung des Unternehmerclubs Luzern:
“Analyse der Parlamentswahlen – Aussicht auf die Bundesratswahlen 2011″

ab Februar 2012: Vorlesung an der Universit√§t Z√ľrich:
Wahlforschung in der Praxis: Analyse der Wahlen 2011

Vielleicht sind Sie, meine sehr verehrte LeserInnen, das eine oder andere Mal dabei!

Claude Longchamp