Archive for März, 2011

GLP und die politische Mitte sind die erwarteten Sieger der Z√ľrcher Kantonalwahlen

Die GLP ist der erwartete Sieger bei den Z√ľrcher Kantonalwahlen. Das geht aus dem Instrumentenvergleich von Wahlumfragen und Wahlb√∂rsen hervor. Beide Messverfahren sehen in der Folge eine gest√§rkte Mitte hervorgehen, in der die Gr√ľnliberalen zum dominanten Partei w√ľrden.

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10 Tage vor Wahl d√ľrfen in der Schweiz keine neuen Umfragen publiziert werden. Das verlangen die Richtlinien des Branchenverbandes der Umfrageinstitute. Sie gelten f√ľr demoskopische Instrumente, nicht aber f√ľr quasi-demoskopische. Deshalb wird es ab heute keine weitere Repr√§sentativ-Befragung zu den Kantonsratswahlen in Z√ľrich geben, w√§hrend die Wahlb√∂rse bis zum Wahltag fortgesetzt werden wird. Brauchbare Instrumentenvergleich k√∂nnen damit nur jetzt gemacht werden.

Der grösste Unterschied zwischen Umfrage und Börse resultiert bei der SP. Die letzte Wahlbefragung gibt ihr gerundete 21 Prozent; die aktuelle Wahlwette 18 Prozent. Vor vier Jahren lag man effektiv bei 19,5 Prozent. Das ist genau in der Mitte der beiden Messwerte.

Auch bei der BDP gehen die Ansichten etwas auseinander. Die B√∂rse sieht sie bei 4,5 Prozent und damit ganz nahe bei der entscheidenden 5 Prozent-Marke f√ľr den Einzug ins Parlament. In der Umfrage machten die BDP-Bekundungen genau 2 Prozent aus. Erw√§hnenswert ist schliesslich der Unterschied bei der EVP, die gleich wie die BDP in der Wahlwette besser abschneidet als in der Repr√§sentativ-Befragung.

Die Wahlbefragung von Isopublic, die Wahlabsichten eines Querschnitts misst, legt in der Trendbetrachtungen einen Meinungsumschwung nahe, der von einem Rechts- zu einem Linksrutsch f√ľhrte. Als Grund daf√ľr wird die Wende durch den Japan-Effekt angeben. In der Wahlb√∂rse, die Erwartungshaltungen eruiert, findet sich davon wenig. Gewinn- und Verlusterwartungen schwanken nur wenig.

In einem Fall ist die Reihung der Parteien anders: Die B√∂rsianer erwarten, dass die GLP die GPS knapp √ľberfl√ľgelt; die Befragung geht von einem ebenso knappe Vorsprung der √§lteren auf die j√ľngeren gr√ľne Partei aus. Faktisch geht es hier darum, wer sich als vierte Partei im Z√ľrcher Kantonsparlament etablieren kann.

Politisch gesprochen erwarten die B√∂rsianer eine klare Konzentration der Kr√§fte Richtung Zentrum, focussiert auf die GLP und die BDP. Die vier kleineren Parteien werden zusammen bei 26 Prozent gesehen. Das w√§ren 8 Prozentpunkte mehr als vor vier Jahren. Damit w√ľrde man sogar die Linke (SP/Gr√ľne) konkurrenzieren, die von 30 auf 28 sinken und sich die Rechte (SVP/FDP) von 46 auf 42 Prozent zur√ľckbilden aber immer noch st√§rkster Block bleiben w√ľrde.

In der Umfrage ist die Abstufung klarer: 43 Prozent f√ľr die Rechte, 32 f√ľr die Linke und 21 Prozent f√ľr das Zentrum, abgesehen von 4 Prozent f√ľr Kleinstparteien. Die Wahlverlieren w√ľrde damit wiederum die Rechte, halten k√∂nnte sich aber die Linke und Gewinnerin w√§re das Zentrum.

Welches Messinstrument 10 Tage vor der Wahl brauchbarer ist, wird man erst am Wahlabend entscheiden können. Bis jetzt schnitten Repräsentativ-Befragung vor Wahlen meist etwas besser ab.

Claude Longchamp

Der Japan-Effekt: eine Auslegeordnung

Die Wahlforschung hat einen neuen Term, den Japan-Effekt. Damit ist gemeint, dass das Erdbeben im Pazifik, der Tsunami an Japans Ostk√ľste und insbesondere der Reaktorunfall in Fukushima Einfluss haben auf die Wahlen in andern L√§ndern wie der Schweiz haben.

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Quelle: Tages-Anzeiger

Das Tages-Anzeiger bringt den Japan-Effekt im Zusammenhang mit einer kleinen Serie von repr√§sentativen W√§hlerInnen-Befragungen durch Isopublic zu den Z√ľrcher Kantonswahlen auf. Die favorisierte vor knapp einem Monat die SVP, nicht zuletzt wegen der Attacke auf Wahlkampfleiter Hans Fehr an der Albisg√ľetli-Veranstaltung und der darauf folgenden medialen Debatte √ľber linksextreme Gewalt. Die aktuelle Erhebung spricht f√ľr Vorteile der GLP und der SP. Bei den Regierungsratswahlen zeigen sich Wahlchancen f√ľr die gr√ľne Kandidatur, Probleme f√ľr einen Bisherigen der SVP.

L√∂blich ist der Kommentar von Edgar Schuler in der heutigen Ausgabe des Z√ľrcher Blattes (leider nicht auf dem www erh√§ltlich). Denn er nimmt zwei Gedanken auf, die Reaktionsweisen von Politikern auf Ereignisse, und die Bedingheit von Umfragen und Wahlen von solchen Momenten. Hier interessiert nur letzteres. Die Rede ist dabei von “October Surprise”. Gemeint ist damit, dass √ľberraschende Ereignisse im Monat vor den Wahlen, selbst die Entscheidungen √ľber den US-Pr√§sidenten anfangs November beeinflussen k√∂nnen. Erinnert sei an das Ausbrechen der Finanzmarktkrise, die den Republikanern schadete, den Demokraten n√ľtzte und Obamas Siegeszug mitbegr√ľndete.

Nun sind solche Feststellungen f√ľr Oeffentlichkeit vielleicht neu, f√ľr die Fachwelt nicht. Seit Langem differenziert diese zwischen lang- und kurzfristigen Einfl√ľssen auf Wahlresultate. Langfristig wirken sich beispielsweise der soziale Wandel aus, ebenso wie die Neupositionierung von Parteien oder Aenderungen im Wahlrecht. Kurzfristig von Belang ist die Entwicklung von modernen Wahlk√§mpfen. Lange ging man dabei eher von einer Verst√§rkung der Trends √ľber den Moment hinaus aus, w√§hrend sie heute ein Spektakel der Mediengesellschaft sind. F√ľr die ist typisch, dass sich Medien und Parteien vermengt an die W√§hlerschaft richten, daf√ľr Botschaften aus der Situation heraus so platzieren, dass sie im Idealfall ein Meinungsklima erzeugen oder von einem solchen profitieren.

Mit gutem Grund kann man solche Einfl√ľsse aus den Ereignissen in Japan theoretisch annehmen. Sie haben mit der Focussierung der Aufmerksamkeit auf den m√∂glichen Super-GAU die Weltgesellschaft aktualisiert. Die haben vielerorts politische Reaktionen ausgel√∂st, namentlich in Deutschland und der Schweiz die Ausstiegs- und Moratoriums-Diskussion neu entfacht.

Empirisch gesehen haben wir dagegen kaum Erfahrungen mit St√§rke und Dauer solcher Effekte. Der Unfall in Tschernobyl pr√§gte das √∂ffentliche Klima w√§hrend Monaten, liess namentlich die Gr√ľnen bei den Wahlen in Z√ľrich und der Schweiz erstarken, und zeigte in der Kernenergiefrage √ľber Jahre hinaus Folgen f√ľr Einstellungen, teilweise auch f√ľr das Verhalten. Doch ist das nur ein Beispiel, das schwer zu verallgemeinern ist. Allenfalls sogar mit ver√§nderter Komplexit√§t zu rechnen, weil die B√ľrgerInnen nach Tschernobyl keine Erfahrung hatten, wie solche Prozesse ausgehen, seit dem Reaktorunfall in der Ukraine indessen schon.

Erste Anhaltspunkte f√ľr die aktuelle Interpretation nur die Wahlen angesichts des Japan-Effektes: zum Beispiel in Sachsen-Anhalt, wo die Beteiligung stieg und namentlich die Gr√ľnen zulegten. An diesem Wochenende kommen sowohl die Entscheidungen in Baden-W√ľrttemberg, Rheinland-Pfalz sowie auch die in Baselland hinzu. Bis dann ist mit Sicherheit Vorsicht angezeigt.

F√ľr mich gilt: Wahlprognosen werden unsicherer, strukturell wegen der Meinungsbildung in der Mediengesellschaft, aktuell wegen den Ereignissen in Japan. F√ľr alle Beteiligten ist in solchen Situation nur eines hilfreich: das induktive Vorgehen durch genaue Beobachtung und Analyse der Ph√§nomene, die sich wiederholen, ist brauchbar, um zu lernen, wie sich die Entscheidfindung bei Wahlen ver√§ndern und wie sie damit prognostiziert werden k√∂nnen.

Claude Longchamp

Wahlen in Genf: die Erstanalyse des MCG-Erfolges

73 VertreterInnen in den Genfer Gemeinde-Exekutiven stellt das Mouvement Citoyen Genevois seit diesem Sonntag Рdas sind 61 mehr als bisher. Denn die Protestbewegung, bisher nur in 3 Kommunalregierungen vertreten, weitet den eigenen Aktionsradius auf 19 Municipalités aus. Mit diesem Erfolg war man der grosse Sieger bei den Genfer Gemeindewahlen.

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Eric Stauffer und sein MCG feiern den neuerlichen Wahlerfolg in Genf.

Politologe Pascal Sciarini analysiert in der welschen Presse von heute das Ph√§nomen MCG wie folgt: Entstanden ist es rund um die Grenzg√§nger-Frage. Die frontaliers dienen dabei als willkommene Projektionsfl√§che f√ľr Vieles: den Stau auf den Strassen, die Unsicherheiten am Abeitsplatz, ja selbst f√ľr die steigenden Mietzinse. Denn wer auch nur sporadisch komme, m√∂chte irgendwie f√ľr immer bleiben, ist die Logik.

Wie alle populistischen Bewegungen arbeitet das MCG mit dem Gef√ľhl der Unsicherheit – und hat damit vor allem bei Polizisten erfolg. 2005 trat man auf kantonaler Ebene erstmals an; 2009 folgte die Best√§tigung im Kantonsparlament. Jetzt gelang der B√ľrgerbewegung der eigentliche Durchbruch. 73 Genfer Gemeinder√§te geh√∂ren neuerdings ihr an. Auf 10 bis 12 Prozent W√§hleranteil sch√§tzt der Direktor des Genfer Instituts f√ľr Politikwissenschaft den Neuling in der Parteienlandschaft.

Gearbeitet wird vor Ort, in den Vororten und Quartieren, aber auch via Medien, die gerne √ľber das Neue berichten. Reduzieren k√∂nne man die Bewegung nicht auf ihren Pr√§sidenten, Eric Stauffer, sagt der Fachmann. Der stehe zwar im Zentrum des √∂ffentlichen Interesses, habe aber zahlreiche Stellvertreter, lieutnants, mitgezogen, weiss der Politikwissenschafter. Das stabilisiere.

Wenig Gesichertes weiss man √ľber die W√§hlerschaft des MCG. Vermutet wird vor allem, dass es unzufriedene W√§hlerInnen anderer Parteien anziehe. Denn die Wahlbeteiligung bei Genfer Wahlen schnellt nicht einfach nach oben. Nimmt man die Gewinne und Verluste von diesem Wochenende, beschr√§nken sich die Wanderungen mit Sicherheit nicht einfach auf die SVP. Denn die verlor nur wenig. St√§rkere Einbussen erlebten die halbfusionierten FDP/Liberalen, aber auch die linke Solidarit√©. Sciarini vermutet denn auch, dass deren W√§hlerschaft direkt von ganz links nach ganz rechts wechselt -aus Protest √ľber das Versagen der staatlichen Programme. So ist die Solidarit√© in der Vortsgemeinde Vernier ganz aus den Beh√∂rden gekippt worden.

Wo genau man stehe, will das MCG nicht sagen. Klar ist der populistische Appell, offensichtlich auch die N√§he zur Rechten, sucht man doch die Kooperation mit Rechts gegen Links. Vertreten werden aber auch soziale Anliegen, um die unteren Schichten anzulocken, glaubt der Politanalyst. Bei Gr√ľnen und SP, hat das bisher wenig geklappt; gebrochen wurde aber deren mehrheit im prestigetr√§chtigen Stadtgenfer Parlament. Und: Solange das MCG von den Rechtsparteien nicht als gleichwertige politische Kraft anerkannt werde, werde man sich von fall zu fall positionieren, um als kr√§ftige Zunge auf der Waage der Mehrheitsbeschaffung zu funktionieren. Einfacher werde das Regierung in Genf so nicht, bilanziert Sciarini.

Das grosse Ziel des MCG ist es schon l√§nger, bei den Nationalratswahlen 2011 Sitze zu machen – am besten auch ausserhalb des Kantons Genf. Zuammen mit der Lega dei Ticinesi m√∂chte man eine eigene Fraktion rechts der SVP gr√ľnden k√∂nnen. Ob es dazu kommt, kann man aber auch bezweifeln. Denn der Vorteil von Bewegungsparteien wie dem MCG ist es, schnell und pr√§zise auf lokale Probleme reagieren k√∂nnen.

Doch genau das macht es auch schwer, das lokale Erfolgsprojekt in andere Kantone zu exportieren. Denn schon in Lausanne, aber auch in Neuch√Ętel sind die Verh√§ltnisse zwar gleich strukturiert, aber anders konnotiert. Deshalb gelingt es der SVP nur schwer, im Tessin und in Genf Fuss zu fassen, w√§hrend kantonale Bewegungen wie die Lega oder das MCG kaum √ľber ihre Kantonsgrenzen hinaus kommen.

Claude Longchamp

Amstutz dank Mobilisierungsfähigkeit gewählt РWyss mit Support aus der Mitte und FDP nur knapp geschlagen

Die Karte kennt man. Das zentrale Muster der Erkl√§rung zur j√ľngsten St√§nderatswahl im Kanton Bern war der Stadt/Land-Gegensatz. Zwischenzeitlich haben wir gerechnet. Adrian Amstutz lag am Ende wegen seiner Mobilisierungsf√§higkeit vorne, Ursula Wyss holte die Mehrheit der Stimmen von SP bis FDP.

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Adrian Amstutz kam im 2. Wahlgang auf 76 Prozent der Stimmen aus agrarischen Gemeinden. In touristisch geprägten Kommunen schaffte er es auf 68 Prozent. 67 Prozent waren es in agrarisch-gemischten Gemeinden, und Mehrheiten von 58 resp. 56 Prozent resultierten in Pendler- resp. Industriegemeinden. Gegenden, die durch Landwirtschaft, Industrie oder Tourismus geprägt sind, waren auf seiner Seite. Ursula Wyss erzielte ihr bestes Ergebnis in den städtischen Zentren, 65 Prozent der Stimmen gingen da an sie. 57 Prozent waren es in den einkommensstarken Gemeinden, 52 in den suburbanen und 50,4 in den periurbanen Kommunen. Sie ist die PolitikerInnen der Dienstleistungsgesellschaft.

Dieses Raumprofil hat Auswirkungen auf die parteipolitischen Affinitäten der beiden KandidatInnen im zweiten Wahlgang. Genaue Prozentwerte lassen sich hier nicht benennen. Doch können Affinitäten bestimmt und Wahrscheinlichkeiten geschätzt werden Рetwa im Vergleich zu den Grossratswahlen 2010:

Erstens, beide KandidatInnen legten aufgrund der zusätzlichen Mobilisierung zu. Bei Amstutz ist der Effekt allerdings einiges höher als bei Wyss. Der linken Bewerberin gelang es aber besser, sich bei den WählerInnen anderer Parteien zu empfehlen.

Zweitens, Amstutz wurde im zweiten Wahlgang mehr als im kantonalen MIttel unterst√ľtzt, wo seine eigene SVP stark ist. Das gleiche gilt auch, wenn es sich um EDU-orientierte Gemeinden handelt. Schwach trifft dies auch f√ľr Kommunen mit einem erh√∂hten EVP-Anteil. In den beiden letzten Gemeindegruppen legte er von 1. zum 2. Wahlgang zu. In den SVP-Gemeinden hatte er sein Potenzial dagegen schon im ersten Wahlgang weitgehend ausgesch√∂pft.

Drittens, bei Wyss ist der parteipolitische Hintergrund breiter als beim Gew√§hlten. Sie wurde st√§rker als im Mittel gew√§hlt, wo die SP stark ist, die Gr√ľnen und/oder die PSA. Doch zeigen Gemeinden mit FDP-, GLP-, CVP- und GFL-Orientierung erh√∂hte Zustimmungswerte f√ľr die Sozialdemokratin. St√§rker geworden ist im zweiten Wahlgang der Support f√ľr sie vor allem dort, wo es vergleichsweise viele GLP- und FDP-W√§hlende hat. Etwas verbessert hat sie sich auch in den klassischen linken Gemeinden, mit starker SP oder GP-Pr√§senz.

Viertens, nicht entscheidbar ist, ob die BDP auf die eine oder andere Seite tendierte. Eine eigentliche Bewegung in die eine oder andere Seite konnte die noch junge Partei nicht auslösen.

Was heisst das alles? Der Wahlsieg von St√§nderat Adrian Amstutz wurde weitgehend durch seine eigene Partei erk√§mpft. Sein bekanntes Hardliner-Profil, verst√§rkt durch klar werberische Positionen in der Oeffnungs- und Armeefragen liess sich exemplarisch f√ľr die Mobilisierung von Personen einsetzen, die bei typischen konsens-orientierten Angeboten nicht angesprochen f√ľhlen. Dieses Profilierung erschwerte es aber, √ľber die direkt angesprochene, konservative W√§hlerschaft hinaus, zahlreiche Parteig√§nger zu finden.

Ursula Wyss bot in vielem das Gegenst√ľck zu Adrian Amstutz. Doch die SP hat ihre Schlagkraft bei der Mobilisierung √ľber die eigene W√§hlerschaft hinaus nicht so verbessern k√∂nnen wie die SVP. Daf√ľr war ihre parteipolitische Abst√ľtzung breiter. Eine klare Mehrheit von Rotgr√ľn, aber auch eine kleine Majorit√§t der kleinen Mitte-Parteien und der FDP d√ľrfte ihr die Stimme gegeben und damit dem R√ľckstand verkleinert haben.

Partei- und Personeneffekte nach amerikanischem Muster mischten sich bei dieser Wahl exemplarisch. Das zeigt sich auch an der Polarisierung. Amstutz griff mit relevanten Themen seine Gegnerschaft an. Diese reagiert mit negative voting auf das negative campaigning. Gemeint ist damit, dass man jene Kandidatur nicht wählte, die einen mehr ärgerte. Die Bilanz am Ende der Kampagne gab dem Sigriswiler recht Рdoch nur knapp.

Der Mercedes-Stern √ľber der Z√ľrcher Politlandschaft

Peter Moser, Politikwissenschafter und Leiter des Statistischen Amtes des Kantons Z√ľrich, ist wohl der Innovativste unter den amtlichen Datenverarbeitern. In der heutigen NZZ legt er in Bild und Wort dar, wie er die parteipolitische Landschaft seines Kantons strukturiert sieht.

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Seit dem Erscheinen des Schweizer “Atlas der politischen Landschaften” von Michael Hermann und Heiri Leuthold sind wir uns zweidimesionale Analysen des politischen Raumes gewohnt. In vielfacher Hinsicht konnte gezeigt werden, dass die klassischen Links/Rechts-Dimension mit der Polarit√§t zwischen mehr Markt und mehr Staat durch eine neue Identit√§tsdimension mit nationalkonservativen und international-progressiven Werten √ľberlagert wurde.

Umstrittener ist aber, ob daraus effektiv eine Vier-Felder-Tabelle mit linksliberal, rechtsliberal, sozial- und nationalkonservativen Quadranten resultiert wie bei Hermann unterstellt, oder beispielsweise ein Mercedes-Stern, wie ihn Moser vorschl√§gt. Seine Ueberlegung ist, dass dass die wichtigste Polarit√§t zwischen links und rechts unver√§ndert spielt, es jedoch eine analoge Aufteilung des konservativen Lagers – mindestens in Z√ľrich – nicht viel Sinn macht. Denn der Gegensatz dazu ist schweizbezogener Konservatismus. Deshalb bevorzugt Moser eine analytische Aufteilung mit drei Strahlen: dem konservativen, dem linksprogessiven und dem rechtsprogressiven.

Bei Abstimmung konnte der Kantonsstatistiker schon mehrfach zeigen, dass man damit sinnvolle Analysen der Ja-/Nein-Anteile, aber auch der Beteiligung machen kann. Dabei geht es dem Analytiker nicht nur um die Extreme, die eindeutig verteilt sind, sondern auch um die Profile der Parteien im Schnittfeld der drei Strahlen. Er kommt zu folgenden Schl√ľssen.

SVP: Der Erfolg der SVP basiert auf einer Umkrempelung von der Bauern- und Gewerbepartei mit klarem Interessenprofil zur Volksapartei mit schweizerisch-konservativen Werten. Gewachsen ist sie eben nicht nur auf dem Land, sondern in Teilen der Agglomerationen. Deren Gemeinsamkeit ist, dass es Gemeinden mit problematischen Auswirkungen der Globalisierung sind, wie die Zuwanderung wenig qualifizierter Arbeitskr√§fte oder die Entwertung der traditionellen F√§higkeitspotenziale. Die so entstandene Desorientierung in der B√ľrgerschaft wird durch die klaren und einfachen programmatischen Antworten aufgefangen.

Rotgr√ľne W√§hlerschaft: Die Kernw√§hlerschaft von SP, GP, teilweise auch der GPL rekrutiert sich aus gut ausgebildeten Spezialisten, namentlich im Bildungs- und Gesundheitsbereich, die beim Staat oder in der staatsnahen neuen Dienstleistungswirtschaft besch√§ftigt sind. Die eher unscharfe Abgrenzung zwischen den Parteien f√ľhrte lange zu einer hohen Fluktuation innerhalb des Lagers. Etwa zur H√§lfte kann man in diesem Schema auch die GLP erkl√§ren; die andere H√§lfte resultiert aus der Attraktivit√§t des Neuen, insbesondere bei Jungw√§hlerInnen. Dem Wind der internationalen Konkurrenz waren diese Schichten bisher nur beschr√§nkt ausgesetzt, was sich aber mit der qualifizierten Zuwanderung und vermehrten Konkurrenz an Universit√§ten, in Spit√§lern und der Kommunikationsbrache √§ndern k√∂nnte.

FDP: Die Verluste der FDP binnen 30 Jahren k√∂nnen nicht einfach mit dem Aufstieg der SVP erkl√§rt werden. Ein Hinweise darauf ist der tiefe, bildungs- und einkommensm√§ssige Graben zwischen den W√§hlerInnen der b√ľrgerlichen Parteien. Die Ver√§nderungen der klassischen Rechtspartei hat mehr mit dem demografischen Wandel zu tun, wobei dei FDP vor allem durch das Ableben ihrer W√§hlenden schwindet, anders als bei der SVP junge W√§hlende die Verluste aber nicht wettmachen k√∂nnen.

Ich halte das f√ľr eine sehr stimmige Analyse der Parteienlandschaft im Kanton Z√ľrich. Die drei Strahlen machen Sinn, die Portr√§ts der Parteien ebenso. Untersuchen kann man damit sowohl Abstimmungen wie Wahlen. Aufzeigen k√∂nnte man das Potenzial noch f√ľr Parlaments- und Regierungsratswahlen resp. f√ľr National- und St√§nderatswahlen.

Was man heute schon weiss, verdient sehr wohl die prestigeträchte Auszeichnung eines Mercedes-Sterns!

Claude Longchamp

Ich ziehe den Hut!

Marc-Andr√© R√∂thlisberger ist Mathematiker und am politischen Leben interessiert. Er hat die beste Prognose f√ľr den zweiten Umgang zu den Berner Ersatzwahlen in den St√§nderat gemacht. Chapeau!

Vor dem 2. Wahlgang zu den Berner St√§nderatswahlen wagte der M√ľnsiger B√ľrger als einziger eine Prognose in Zahlen. Die Polit-Analysten bewerten die Lage zwar nicht anders, aber wager. F√ľr Adrian Amstutz kam er auf 51,5 Prozent Stimmen. Effektiv hatte er 50,6 Prozent – das ist weniger als 1 Prozentpunkt Fehlerquote!

Zwei Mal habe ich von “RM”, wie er auf dem zoonpoliticon-Blog erscheint, Post erhalten: einmal vor der Wahl – einmal nach der Wahl. Im Vorfeld begr√ľndete er seine Annahmen, im Nachhinein kritisierte er sie.

Das ist genau das Richtige vorgehen: Mit expliziten Hypothesen arbeiten, das heisst von begr√ľndeten Annahmen auszugehen, um dann zu sehen, ob sie sich best√§tigt haben. Wenn ja hat mein ein Erkl√§rungs/Prognose-Modell, wenn nein, muss man an einem verbesserten hierzu arbeiten.

18 Tage vor der Wahl lauteten Röthlisberger Hypothesen:

. Die Beteiligung geht zur√ľck, letztlich aber nur wegen, weil von den ehemaligen W√§hlerInnen von Christa Markwalder zahlreiche sich f√ľr keine der verbleibenden Kandidaturen erw√§rmen k√∂nnen. R√∂thliberger ging von 45 Prozent dieser Wahlerschaft, die so reagieren w√ľrden.
. Bei der Stimmen√ľbertragung: Die Jost-W√§hlerInnen gehen weitgehend zu Amstutz, da sie wertkonservativ sind. Die verbleibenden W√§hlerInnen von Markwalder gehen zu 60 Prozent zu Wyss, zu 40 Prozent zu Amstutz.
. Neutralisiert hat er weitere denkbare Effekte, die sich aus der Kombination von Wahlen und Abstimmungen ergeben können, die nur im 1. Wahlgang spielten.

Das Ergebnis daraus lautete: Adrian Amstutz wird gew√§hlt – und zwar mit 51,5 Prozent bei einer Beteiligung von gut 40 Prozent. Die Begr√ľndungen: Das Resultat passt ins allgemeine Klima, ber√ľcksichtigt die wichtigsten wertem√§ssigen Konfliktlinien und ist Ausdruck des Themenwahlkampfes (vor allem Anti-Eu-Politik) des SVP-Hardliniers.

In der Evaluierung der Prognose kommt Mathematiker Röthlisberger zum Schluss:

. Die Mobilisierungsschätzung stimmte weitgehend.
. Die Annahmen f√ľr die (verbliebenen) Markwalder-Stimmen waren korrekt.
. Die Annahmen f√ľr die Jost-Stimmen war zu stark in Richtung EVP gewichtet. Im urbanen Umfeld ist die EVP n√§her bei rotgr√ľn als bei der SVP.

Marc-Andr√© R√∂thlisberger ist ein Wagnis eingegangen. Das sagt er selber. Gut f√ľr ihn war, dass er seine Prognose etwas ausserhalb der Oeffentlichkeit machen konnte. Denn die ist nur an “richtig/falsch” interessiert, nicht an der Frage, warum etwas stimmt oder nicht.

Der Prognostiker ist genau nach Karl Popper vorgegangen: Er hat politische Annahmen (Theorie) formalisiert, mit expliziten Hypothesen gearbeitet (Operationalisierung) und ihre Richtigkeit (Verifikation, Falsifikation) √ľberpr√ľft hat. Daraus so kann man nur lernen!

Ein wenig unschl√ľssig bin ich, weil einiges doch nur Sch√§tzungen sind. Generalisierung √ľber das Beispiel hinaus sind zu erwarten, wenn die verwendeten Parameter abgeleitet werden k√∂nnen. Daran sollte man weiterarbeiten – nicht nur die Spezialisten f√ľr Zahlen, sondern auch die f√ľr politische Analysen.

Und: Prognosen im 2. Wahlgang sind einfacher als im 1. Das ist eine grössete Herausforderung an die Kunst der Vorhersage bei Ständeratswahlen.

Ich bin stolz, einen so findigen Mathematiker in meiner Leserschaft zu haben!

Claude Longchamp

Berner St√§nderatswahlen: Nieder√∂nz ist √ľberall

“Nieder√∂nz ist √ľberall”, kann man nach den Berner St√§nderatswahlen sagen. Denn in der Vorortsgemeinde von Herzogenbuchsee obsiegte Adrian Amstutz mit einer 1 Stimme √ľber Ursula Wyss. Knapp war auch das Ergebnis auch im Kanton. Der neue St√§nderat weiss 50,6 Prozent der Stimmenden hinter sich, der Unterlegenen fehlten 3600 Stimmen.

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Der neue Berner Ständerat, Adrian Amstutz, nimmt die Gratulation seiner Konkurrentin im zweiten Wahlgang, Ursula Wyss, entgegen.
Quelle: Bernerzeitung

Zun√§chst wird man festhalten k√∂nnen, dass die Wahlbeteiligung f√ľr Berner Wahlen hoch war: Beide Seiten haben auf Mobilisierung gesetzt, und es hat Wirkung gezeigt. Vor einem Jahr wurde der Regierungs- und Grossrat bei einem Teinahmewert von knapp 31 Prozent neu bestellt. Jetzt gingen 46 Prozent – die H√§lfte mehr. Polarisierung, vermittelt durch anerkannte Pers√∂nlichkeiten, verst√§rkt durch zentralisierte Kommunikation bringen die Menschen zum Nachdenken und Handeln. Das lernte uns schon der Wahlkampf 2007, namentlich der der SVP. Und das wiederholte sich jetzt bei der Endausmarchung zu den Ersatzwahlen in den St√§nderat im Kanton Bern exemplarisch.

Nat√ľrlich, vor drei Wochen war die Beteiligung mit gut 50 Prozent noch etwas h√∂her. Doch damals unterst√ľtzen spannende nationale und kantonale Abstimmung die Teilnahme an den Entscheidungen. Wenn diesmal 5 Prozent weniger w√§hlen gingen, heisst das wohl, dass ein Teil der Mitte, der sich weder f√ľr Amstutz noch f√ľr Wyss entscheiden wollte, zuhause blieb. Das macht vielleicht die H√§lfte der politischen Mitte aus; mindestens die die H√§lfte gab seine Stimme erneut ab. Wyss legte um 20000 Stimmen zu, Amstutz um 11000.

Zugelegt hat die Sozialdemokratin namentlich in den Zahlkreisen Bern-Mittelland, Biel/Bienne, Thun. Etwas aufgeholt hat sie aber auch im Berner Jura und im Seeland, während sie in Obersimmental-Saanen, Frutigen-Niedersimmental, Interlaken-Oberlhasli und dem Emmental praktisch chancenlos blieb. Diese Regionen bewegten sich eher Richtung Wahlsieger Amstutz.

Mit Adrian Amstutz hatte ein SVP-Ständeratskandidat der neuen Art Erfolg. Er politisiert auffällig, und weiss mit negative campaigning zu politisieren. Denn seine Botschaften gegen den EU-Beitritt und gegen die Abschaffung der Armee waren nicht nur SVP-Programm, sie zielten auch klar auf seine Konkurrentinnen. Das passt gut in die Strategie der Partei von Amstutz, welche 2011 ihre Untervertretung im Ständerat korrigieren möchte.

Mit dem knappen Ergebnis, aber auch mit seinem Profil in Bern wiederholte sich zudem das zwischenzeitlich gut bekannte Konfliktmuster im Kanton Bern: Die beiden Agglomeration Bern und Biel stimmen genauso wie der franz√∂sischsprache Kantonsteil mehrheitlich links, der √ľbrigen Kanton rechts. Die Spaltung geht durch kleinere Agglomerationen wie die von Thun oder Spiez, von Langenthal oder Burgdorf, wo das mehrheitlich Umland konservativ ist, die Zentren progressiv.

Dazu passt, dass Nieder√∂nz, die Agglomerationsgemeinde vor Herzogenbuchsee mit 50,1 Prozent f√ľr Adrian Amstutz w√§hlte, und den konservativen Oberl√§nder neben Werner Luginb√ľhl von der BDP zum neuen Berner St√§nderat empfahl.

Claude Longchamp

Ständeratswahlen im Kanton Bern: zum Beispiel Niederönz

Morgen w√§hlt der Kanton Bern die Nachfolge f√ľr Simonettas Sommaruga als St√§nder√§tin. Wer vorne liegt, weiss man im Verlauf des Nachmittags. Wer nicht solange warten will, macht sich seine eigene Hochrechnung – zum Beispiel mit Nieder√∂nz.

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Was aus der Wahlurne von Niederönz bei Ständeratswahlen hervorgeht, hat gesamtkantonal Bestand

Das beste kleine Abbild des Kantons im ersten Wahlgang zu den Ersatzwahlen in den Ständerat 2011 war die oberaargauische Gemeinde Niederönz. Bei keiner der vier Kandidaturen war die Abweichung grösser als 1 Prozentpunkt. Und bei der Stimmbeteiligung wich man im untersten Promillebereich ab. Vorne lag Amstutz mit 39.8 Prozent der Stimmen (kantonal: 38.8), gefolgt von Ursula Wyss mit 34.2 Prozent (kantonal 33.6), Christa Markwalder mit 18.7 (kantonal 19.7) und Mark Jost mit 7.3 (kantonal 7.9).

Wenn man es ganz einfach haben will, kann man morgen Sonntag schnell auf das Resultat der Vorortsgemeinde von Langenthal schauen. Denn an ihr kann man schon mal absch√§tzen, was Sache werden d√ľrfte.

Nat√ľrlich sind Einzelbeobachtungen mit Vorsicht zu geniessen. Deshalb empfiehlt es sich, weitere Informationen beizubeziehen. Schauen werde ich in erster Linie auf Vechigen und Kaufdorf in der Berner Agglomeration. Sie waren im ersten Wahlgang ebenfalls recht pr√§zise Trendgemeinde. Das gilt, mit Einschr√§nkungen, auch f√ľr Plagne im franz√∂sischen Kantonsteil und Schwanden bei Brienz in der deutschsprachigen Gegend des Kantons Bern.

Das Interessante an den benannten Gemeinden ist, dass keine besonders gross oder klein ist. Es sind typisch bernische Mittelgemeinden mit etwas mehr oder weniger als 1000 EinwohnerInnen. Keine der Kommunen ist ein Zentrum, jedoch liegt auch keine ganz in der Peripherie. Vielmehr haben sie alle etwas Eingemittetes.

Nieder√∂nz beispielsweise hat den klassischen Weg einer Berner Ortschaft hinter sich: Zuerst z√§hringisches, dann kyburgisches Gut, anschliessend kl√∂sterlich via Herzogenbuchsee, dann herrschaftlich bei Bern, kommt es bei der Kantonsgr√ľndung zum Amtsbezirk Wangen. Seit der grossen Kantonsreorganisation ist man beim Verwaltungskreis Oberaargau zugeh√∂rig. Die Bev√∂lkerungszahl wuchs seit dem 19. Jahrhundert gem√§chlich an, in den letzten 40 Jahren hat sie sich rasch auf rund 1500 Personen verdoppelt. Aus der ehemaligen Bauerngemeinden auf dem Land wurde so eine Agglogemeinde mit gemischter Wirtschaftsstruktur.

Politisch ist die SVP f√ľhrend: Bei den Nationalratswahlen gab es einen Anteil von 37 Prozent f√ľr diese Partei, gefolgt von der SP mit 20, der FDP mit 15 und den Gr√ľnen mit 9 Prozent am W√§hlerInnen-Kuchen. Nieder√∂nz kennt damit, wie der Kanton auch, eine b√ľrgerlicher Mehrheit und eine starke linke Minderheit. Entsprechend stimmt man. Bei der Waffeninitiative war man mehrheitlich dagegen, bei M√ľhleberg II mehrheitlich daf√ľr.

Die gr√∂sste Unsicherheit bei dieser einfachen Hochrechnung liegt in der Mobilisierung. Erwartet wird, dass die Teilnahme tiefer sein wird als am 13. Februar. Wenn sie gesamtkantonal gleichm√§ssig zur√ľckgeht, hat das auf die Mustergemeinden keinen Einfluss, wenn nicht schon.

Gespannt warte ich auf die Gemeinde-Resultate morgen!

Claude Longchamp

Voranalysen der Z√ľrcher Kantonsratswahlen 2011 im Vergleich

In vier Wochen w√§hlt Z√ľrich, der bev√∂lkerungsreichtste Kanton der Schweiz, sein Parlament neu. Was sagen die Analysen zu Wahlabsichten und Gewinn-/Verlust-Erwartungen einen Monat vor dem entscheidenden Moment?

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Wird am kontroversesten eingeschätzt: BDP gemäss Wählbörse Sieger, gemäss Wahlbefragung irrelevant

Die B√∂rse auf “Wahlfieber” ortet 30 Tage vor der Wahl zwei Sieger: die BDP und die Gr√ľnliberalen. Sie liegen, abgesehen von Tagesschwankungen, bei 5 resp. 8 Prozentpunkten. Bei der BDP sind das lauter Gewinne, denn die Partei tritt in Z√ľrich erstmals zu Wahlen an. Bei der GLP, der zweitj√ľngsten Partei w√ľrde das ein Plus von 2 Prozentpunkten bedeutet.

Bei der FDP des Kantons Z√ľrich ist an der Wahlb√∂rse von Stabilit√§t die Rede. Wie bei letzten Wahlen wir ein Wert von 16 Prozent erwartet. Erheblich w√§ren die R√ľckg√§nge bei SVP und CVP, beschr√§nkt bei Gr√ľnen, EVP und SP, wen die Wettgemeinschaft Recht hat.

Faktisch erwartet man bei den B√∂rsianern, dass es unter den kleinen Mitte-Parteien eine Umgruppierung gibt, w√§hrend die Linke und Rechte etwas schw√§cher w√ľrde.

Dem widerspricht die bisher einzige W√§hlerbefragung, von Isopublic f√ľr verschiedene Z√ľrcher Medien realisiert. Sie hielt vor drei Wochen einen Rechtsruck fest, mit Gewinnen insbesondere f√ľr die SVP. Die GLP h√§tte gehalten oder leicht zugelegt, die FDP w√§re stabil. Kaum messbare Gewinne w√ľrden f√ľr die BDP resultieren.

Verluste in den fr√ľhen Wahlabsichten gab es f√ľr die EVP, in beschr√§nktem Masse auch f√ľr die Gr√ľnen, die CVP und die SP. Hier werden auch Angaben f√ľr die Kleinparteien gemacht, die gleich blieben, oder wie die AL minimal zugelegt h√§tte.

Beide Instrumente sind nicht gleich: Die Wahlbefragung versucht, anhand eines repr√§sentativen Ausschnitts aus der Bev√∂lkerung, Aussagen √ľber die jeweils aktuellen Entscheidungen zu eruieren, w√§hrend die B√∂rse Erwartungshaltungen √ľber Gewinne und Verluste unter Wettfreudigen vergleicht.

Internationale Erfahrungen zeigen, dass beide Instrumente in der Regel besser sind als ExpertInnen-Urteile oder Sch√§tzgleichungen, die Wirtschaftslage, Regierungspopularit√§t und √§hnliches modulieren. Welche von beiden Tools das bessere ist, kann man nicht generell feststellen, nur fallweise √ľberpr√ľfen.

Claude Longchamp