Archive for Juli, 2008

Denkfabriken in der Schweiz

Isabelle Steffen und Wolf Linder, zwei Schweizer PolitikwissenschafterInnen haben j√ľngst eine Uebersicht √ľber Denkfabriken in der Schweiz erstellt. Auch das Forschungsinstitut gfs.bern reihen unter diesen Neuerscheinungen in der Schweizer Politik ein. Eine kleine Uebersicht mit Kommentar aus eben dieser Denkfabrik.

Der Ausgangspunkt

Ausgangspunkt der Analyse sind die ausgedehnten Beziehungen in der Schweiz, welche die Verb√§nde mit dem Staat halten. Diese w√ľrde eine gute Basis bilden f√ľr die Einf√ľhrung wissenschaftlicher Ideen und Argumente, um politische Prozesse zu beeinflussen. Direkte Demokratie und Konsenspolitik w√ľrden, so die AutorInnen die Tendenz zu wissenschaftlicher Politikberatung noch verst√§rken.

Denkfabriken werden im Anschluss an Martin Thunert als “privat oder √∂ffentlich finanzierte, anwendungsorientierte Forschungsinstitute verstanden, der haupts√§chliche Funktion es ist, wissenschaftliche begr√ľndete, h√§ufig interdisziplin√§re erstellte Analysen und Kommentare in einem breiten Feld relevanter politische Sachfragen einzubringen. Dabei werden vier Typen unterschieden:

. academic think tanks
. mission oriented research institutes
. advocavy tanks
. research plattforms

Beispiele f√ľr die Schweiz
In der Schweiz dominieten vorerst die akademischen Denkfabriken. Erw√§hnt seien das IUHEI (Institut universitaire de hautes etudes internationales), die EAWAG oder das ORL der ETHZ, das IDHEAP, das KPM, Swisspeace, das Swiss Forum for Migration. Beschr√§nkt z√§hlen auch das KOF und das BAK hierzu. Sie alle sind in den letzten 30 Jahren in oder am Rande von Universit√§ten angesiedelt, ziehen eine Teil ihrer Budget von dieser Institution und arbeiten vor allem f√ľr den Staat. Die Ressortforschung des Bundes, teilweise auch der Universit√§tskantone bilden die Grundlage f√ľr Auftr√§ge.

Neuerdings tauchen in der Schweiz auch die beiden anderen Typen von Denkfabriken auf. Zuerst erw√§hnt seien die “mission-oriented”-Institute. Sie haben in den letzent 20 Jahren eine √ľberparteiliche Ausrichtung, und sind auch nicht direkt an einen Verband oder Interessengruppe gekoppelt. Zu ihren Auftraggeber geh√∂ren aber nicht nur der Staat, sondern auch private Institutionen. Namentlich werden dazu gez√§hlt: BASS, B√ľro Vatter, Econcept, Ecoplan, Evaluanda, gfs.bern, Infras, Interface, Landert, Farago &Co., It√©ral management, Social Insight und Synergo. Im Einzelfall staunt man etwas √ľber die Erw√§hnung, insgesamt ist die Typisierung und Aufz√§hlung sicher richtig. Erg√§nzt werden m√ľsste so wohl um Institutionen wie Prognos oder plaut economics.

Sodann geht es hier um die advocacy tanks, die in der Schweiz erst mit der j√ľngsten Welle (seit 1999) entstanden sind und noch weniger zahlreich sind. Zu ihnen z√§hlen prominent Avenir Suisse, eine von f√ľhrenden Schweizer Firmen finanziert Denkfabrik, deren klar bestimmbare Aufgabe es ist, neo-liberalen Ideen im √∂ffentlichen Diskurs zum Durchbruch zu verhelfen. Das Gegenst√ľck hierzu ist das Denknetz, das gewerkschaftsnah ausgerichtet ist. In die gleiche Kategorie geh√∂ren aber auch das Liberale Institut oder das von der Migros finanzierte GDI.

Schliesslich erw√§hnen die Autoren verschiedene Forschungsstellen, die noch ganz in Volkswirtschaftliche Abteilungen von Banken, Wirtschaftsverb√§nden oder die staatliche Administration integriert sind und f√ľr sie Dienstleistungen erbringen. In der Regel treten sie dann als ChefanalytikerInnen oder √§hnliches in der Oeffentlichkeit auf.

Kommentar

Im Vergleich zur Experten-Deabtte, die im Vorfeld der letzten Parlamentswahlen in der Schweiz von Martin Lendi und einige St√§nder√§te mit politischer Absicht losgetreten wurde, nimmt sich der Artikel ausgesprochen neutral aus. Zurecht verweisen die beiden AutorInnen darauf, dass in der Schweiz, der Staat und die Universit√§ten bei der Ausbildung von Denkfabriken eine gr√∂ssere Rolle spielten als dies etwa im angels√§chsischen Raum der Fall war. Dennoch neigen sie dazu, diesen Beitrag zu stark zu betonen, denn Denkfabriken stehen in der Schweiz ganz allgemein zwischen den Anspr√ľchen der Wissenschaft, des Staates und der Verb√§nde. Wenig ausgeleutet ist daf√ľr das Verh√§ltnis zwischen Denkfabriken und Medien, seien sie nun Kunden oder Nutzniesser von √∂ffentlich relevantem Wissen. Man h√§tte sich auch gew√ľnscht, dass die Bedeutung von Kommunikationsagentur als Auftraggeber, als Koordinationsstellen wie auch als Multiplikatoren genauer angesehen worden w√§re. Richtig sehen die AutorInnen dagegen, dass die Parteien, in der Regel finanzschwach und ohne Stiftungen, die ihnen nahe stehen, f√ľr die Entwicklung von Denkfabriken in der Schweiz unwesentlich sind.
Die Grundlage ist gelegt; ein Mehreres in diese Richtung wäre angezeigt.

Claude Longchamp

Quelle: I. Steffen, W. Linder: “Switzerland; Think Tanks and Vested Interests in Swiss Policy Making”, in German Policy Studies. Vol. 3, 2/1006, pp. 310-346.

Politische Gene statt politische Sozialisation?

Gibt es Gene, die politische Partizipation steuern? Mit dieser provokativen Frage versuchen gegenwärtig junge Forscher der Universität San Diego die Politikwissenschaft neu aufzumischen. Fragezeichen sind erlaubt, wenn man nicht nur auf Formeln und Grafiken schaut, sondern das Umfeld der Untersuchungen miteinbezieht.

Genetic Variation in Political Participation“, lautet der ungew√∂hnliche Titel eines Aufsatzes, der j√ľngst in der American Political Science Review” (2/102) erschienen ist. Das l√§sst aufhorchen: Prestigetr√§chtiges Journal und die renommierte Universit√§t von San Diego sprechen schon mal f√ľr einflussreiches Umfeld. Eine Kritik des Zeitgeistes l√§sst aber auch verschiedene Zweifel aufkommen an der ersten Wirkung des Artikels aufkommen.

Kein neuer Befund
Alles andere als neu ist, dass sich eine hohe Uebereinstimmung in der politischen Partizipation zwischen der Eltern- und der Kindergeneration finden lässt. Gerade in den Vereinigten Staaten sind seit 50 Jahren unzählige Studien vorgelegt worden, wonach Jugendliche aus unpolitischen Haushalten vermehrt dazu neigen, selber unpolitisch zu werden und umgekehrt.

Die bisher zentrale Erkl√§rung daf√ľr griff auf sozialwissenschaftliche Konzepte der 70er Jahre zur√ľck: die Sozialisation. Wenn man so will: auf die Vergesellschaftung des Menschen, die durch Vorbilder in Medien, Kulturen von Schulen, Nachahmung von Eltern und Vergleiche mit Peers entsteht. Umfeld-Faktoren haben seither ihren festen Stellenwert in der soziologisch ausgerichteten Erkl√§rung politischen Verhaltens, die sich von einer Generation auf die andere √ľbertr√§gt.

James H. Frowler, Laura A. Baker und Christopher T. Dawes deuten das Neue anders: “Our results show participation ist heritable”. Da geht es nicht mehr √ľber soziale Uebertr√§gung, da spricht man schlicht und einfach vom Vererbung.

Ihr Hauptargument beziehen die Politikwissenschafter auf Experimente in Los Angeles mit ein- und zweieiigen Zwillingen, die man um politische Fragestellungen erweitert hat. Demnach kann man einen signifikanten Anteil des politischen Verhaltens (nicht der politischen Entscheidungen) bei Wahlen auf bestimmte Genvariationen zur√ľckf√ľhren. Kausal ist das zwar nicht belegt, statistisch aber schon. Vermutet wird nicht ein einzelnes “Politik”-Gen, jedoch eine Reihe von Genen, die das Verhalten mitbestimmen.

W√§re das alles mehr als statistische Evidenz, w√§re es Aufsehen erregend: Der freie Wille, der politischem Verhalten zugrunde liegt, w√§re nicht nur relativiert, wie das Studien zu institutionellen Rahmenbedingungen, kulturellen Faktoren, gesellschaftlichen Einfl√ľssen und psychischen Dispositionen schon lange annehmen. Vielmehr w√ľrde er den genetischen Determinismus ersetzt. Das w√ľrde die abendl√§ndische Philosophie zutiefst ersch√ľttern, denn Politik w√§re nicht mehr wie seit Aristoteles ein Produkt des sozialen Wesens. Sie w√§re nach den San-Diego-Boys und -Girls nur noch eine bstimmbare Folge vererbter biologischer Funktionen.

Eine distanzierte Analyse
Ich will das alles gar nicht richtig ernst nehmen! Nicht nur, weil ich eine andere Forschungsrichtung vertrete. Ich bin vielmehr √ľberzeugt, dass man auch in Zukunft aus Speichelproben weniger √ľber Wahlbeteiligungen herauslesen wird als aus Umfrageergebnissen bei Inidividuen und Vergleichen zwischen Wahlsystemen. Ich sehe in den Schlagzeilen aus der amerikanischen Forschung vor allem ein forschungsimmanentes Problem: Wichtige Geldgeber aus der nationalen Wissenschaftsf√∂rderung sponsoren immer wieder ausgefallene Ideen. Das belebt die Grundlagenforschung zurecht resp. pr√§gt die wissenschaftlichen Journals. Das kann zu neuen Erkenntnissen jenseits einspielter Denkmuster f√ľhren, muss es aber nicht! Es k√∂nnen auch wissenschaftliche Moden sein, die weniger aus der Empirie als aus dem Zeitgeist abgeleitet sind. Und genau dahin zielt meine Kritik.

Ich will die Testergebnisse per se gar nicht bestreiten. Ueber ihre Relevanz kann man geteilter Meinung sein. Ich sehe vor allem eine Vermengung von theoretischen Ueberlegungen. In der Diskussion der emprischen Befunden ist man n√§mlich viel vorsichtiger als im Lead zum genannten Artikel. Da heisst es dann typischerweise: “The results presented here suggest that there is some (possibly large) set of genes whose expression – in combination with environmental factors – regulates political participation.” Weicher kann man es gar nicht mehr sagen!

Politik: ein soziales oder als biologisches Phänomen?
Denn damit sind wir trotz aufwendiger Datenbeschaffungen mit neuen Experimenten wieder bei den bekannten Umfeldeinfl√ľssen. Sie haben die Modernisierung der politischen System seit den b√ľrgerlichen Revolutionen als Voraussetzungen der politischen Breitenbeteiligung gesehen. Sie haben gezeigt, dass diese mit einer Vielzahl sozio-kultureller und sozio-√∂konomischer Faktoren entsteht. Und sie haben uns ausgef√ľhrt, dass es in diesem Uebergang bestimmte Einstellungs- und Verhaltens-Inidikatoren gibt, die ihrerseits schicht-, generations- und geschlechtsspezifisch verteilt sind.

Wenn man nun den ganzen Vorspann weglässt, um ihn undiskutiert mit der generellen Evolution des Menschen zu ersetzen, wenn man gleichzeitig das Politische im Menschen negiert, und das auf die Genstrukturen reduzieren will, dann spiegelt das meines Erachtens mehr den Zeitgeist als die Daten. Den Menschen auf seine Gene beschränken zu wollen, ist eine in die Naturwissenschaften durchaus vorherrschende Sichtweise, die sich bei der Untersuchung physischer Prozesse bewährt hat. Ob sie aber auch die Psyche erklärt, ist, mit Verlauf, mehr als umstritten.

Gerade in den Sozialwissenschaften, die versuchen, sich methodisch an die Naturwissenschaft anzulehnen ohne deren Philosophie zu √ľbernehmen, muss man hier Einspruch erheben. Und man muss einmal mehr Emil Durkheim erinnern. Demnach sind soziale Erkl√§rungen des Sozialen immer vorzuziehen, um nicht erneut in die Fehler der fr√ľhen Sozialwissenschaften zu verfallen, die sich im Gefolge der Positivisten des 19. Jahrhunderts verbreitet hatten.

Claude Longchamp