Archive for April, 2008

Karte des weltweiten Wertewandels

(zoon politicon) Kaum ein Name wird so eng mit der Untersuchung des Wertewandels verbunden, wie der des amerikanischen Politikwissenschafters Ronald Inglehart. “Materialismus-Postmaterialismus” lautete seine erste, in den spĂ€ten 70er Jahren begrĂŒndete GegenĂŒberstellung, die weltweit rezipiert wurde. Seine neue PolaritĂ€t, die den globalen Wertewandel beschreiben soll, lautet “Modernismus-Postmodernismus”.

Inglehart stĂŒtzt sich fĂŒr seine neuen Thesen zum Wertewandel auf das weltumspannende Projekt “World Value Survey”, dessen Direktor er ist. 43 LĂ€nderstudien hat er dazu synthetisiert, um zentrale Dimensionen des gegenwĂ€rtigen Wertewandels zu bestimmen. Zwei Ausrichtungen der VerĂ€nderungen kristallisieren sich dabei heraus:

. die PolaritÀt von traditionell-religiösen und und sÀkular-rationalen Werten einerseits,
. die GegenĂŒberstellung von Werten des kollektiven Ueberlebens und der individuellen Selbstentfaltung anderseits.

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Die 43 Fallstudien verortet Inglehart in beiden Dimensionen, sodass eine neue Weltkarte des Wertewandels entsteht. Das Ueberzeugendste dabei ist, dass die LÀnder nicht zufÀllig, sondern sehr systematisch auf beiden Achsen steuen.

In beiderlei Hinsicht ursprĂŒnglich erscheinen die Wertemuster in Afrika; am weitesten davon entfernt ist das protestantische Europa. Weite Teile Asiens und Lateinamerikas zeigen keinen eindeutigen Wertewandel, wie ihn Inglehart untersucht. Klar in Richtung SĂ€kularisierung haben sich dagegen die meisten ex-kommunistischen LĂ€nder entwickelt; fĂŒr sie ist typisch, dass sie sich auf der Ebene der individuellen Seltentwicklung jedoch kaum verĂ€ndert haben. BeschrĂ€nkt davon abweichend sind die konfuzianisch geprĂ€gten Kulturen Asiens. Sie stehen damit den angelsĂ€chsischen gegenĂŒberstehen, fĂŒr die eine starke Ausrichtung an der individuellen Selbstentfaltung, gepaart mit einer bechrĂ€nkten SĂ€kularisierung typisch ist.

Das katholische Europa hat sich auf den beiden Dimensionen halbwegs bewegt, jedoch bei weitem nicht so stark wie das protestantische. Hier ist der globale Wertewandel am fortgeschrittensten, namentlich in Schweden und den anderen nordischen LĂ€ndern. Das gilt notabene auch fĂŒr die Schweiz, die nach Inglehart durch eine starke SĂ€kularisierung und Individualisierung gekennzeichnet ist.

Bei der LektĂŒre des Buches geht es einem so, wie immer bei Inglehart: Ausgesprochen plastisch sind seine Beschreibungen, deren Evidenz nicht zu bestritten werden kann; theoretisch hergeleitet sind sie aber nicht vertieft, was einem nicht hilft, die Hauptabsicht des Buches, den Wandel zum Postmodernismus, zu verstehen. Und bleibt auch diesmal eine Frage im Raum: Ist es möglich, dass sich LĂ€nder auf der Karte nicht nur von unten-links weg bewegen, sondern auch wieder in diese Richtung?

Konkreter: Kann es sein, dass religiös-traditionelle Werte und solche des kollektiven Ueberlebens in Gesellschaften mit starkem Wertwandel wieder bedeutsamer werden?

Claude Longchamp

Ronald Inglehart: Modernismus – Postmodernismus. Politische, wirtschaftlicher und kultureller Wandel in 43 LĂ€ndern. Frankfurt am Main/New York 1997

Das Dilemma der “Politischen Kultur”-Forschung

(zoon politicon) “Politische Kultur” ist fĂŒr die Sozialwissenschaft kein einfacher Begriff. Im Alltag hĂ€ufig verwendet, ist er seit 1945 auch in die Sprache der Politik- und Gesellschaftswissenschaften aufgenommen worden. Im Englischen wird er mehrheitlich als “mass culture” verstanden, im Französischen normalerweise im Plural verwendet (“les cultures politiques”), und im Deutschen gibt es zahlreiche unterschiedliche Konotationen.

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Das breit angelegte Lehrbuch
Vor genau diesem Dilemma steht das Lehrbuch der beiden deutschen PolitikwissenschafterInnen Susanne und Gert Pickel. Und die AutorInnen stehen dazu: Die Politische Kultur-Forschung ist einerseits als Demokratieforschung nach dem 2. Weltkrieg entstanden und entwickelt sich dort weiter, anderseits beschĂ€ftigt sie sich vor allem seit den 60er Jahren mit den EinflĂŒssen der gesellschaftlich bestimmten Kultur auf die Politik. Sie ist dabei zunĂ€chst empirisch-analytisch ausgerichtet, kann sich aber von den ZusammenhĂ€ngen, in denen sie entstanden ist, nicht lösen.


Die Ausbildung der spezifischen politischen Kulturforschung

Im Lehrbuch kommen zunĂ€chst die wesentlichen AnsĂ€tze zur Sprache: Die allgemeinen Vorgehensweisen der amerikanischen Forschung in Anlehnung an Gabriel Almond und Sidney Verba, sowie die speziellen AnsĂ€tze, die Ronald Inglehard fĂŒr den Wertwandel und Robert Putman fĂŒr die Bestimmung von Sozialkapital in die Forschung eingebracht haben, werden vorgestellt. Das Buch spart nicht mit der Kritik dazu Die EinwĂ€nde der Verhaltensforscher wie auch am kulturalistischen SelbstverstĂ€ndis des Wissenschaftszweiges kommen ebenso vor wie die eigenstĂ€ndige Konzipierung von politischer Kultur, die Karl Rohe vorgeschlagen hat, zur Sprache.

FĂŒr Rohe ist die aus der Umfrageforschung entstanden Bestimmung von politisch Kulturen im Nationalstaatenvergleich unzureichend, denn sie erschliesst einem nur die Soziokultur, wie es der Kritiker nennt. Vor allem entwickelt die vergleichende Sozialforschung kaum ein VerstĂ€ndnis fĂŒr den Wandel politischer Kulturen. Rohe geht demgegenĂŒber von einem dynamischen Konzept aus, das sich aus dem Verhalten und den Denkweisen der Akteure ergibt, die mit ihren Ordnungskonzepten des Politischen um die Deutungsmacht ringen und so nebst der Soziokultur auch Deutungskulturen etablieren. Diese sind zwar von der Soziokultur (oder Teilen davon) abhĂ€ngig, einmal etabliert formen und verĂ€ndern sie die Soziokultur auch.

Die RĂŒckfĂŒhrung in die Demokratieforschung

Die Beobachtung politischer Kultur setzt bei der mainstream-Forschung beim BĂŒrger/bei der BĂŒrgerin an. Den möglichen individualistischen Fehlschluss ĂŒberwindet sie, wie das Lehrbuch mehrfach zeigt, durch Aggregation und LĂ€ndervergleich. Die Minderheit der Forschenden, die Karl Rohe folgen, orientiert sich dagegen an der Meso-Ebene: dem Kampf der Akteure um die Deutungshoheit, die sich, so die beiden Pickels, besonders in Krisensituationen zeige.

Der zweite Teil des Buches konzentrieren sich die AutorInnen dann ganz auf die Makro-Ebene. Politische Kultur wird dabei nicht mehr hergeleitet aus MentalitĂ€t und Handlungsweisen, sondern anhand institutioneller und verfassungsrechtlicher Grössen bestimmt. Was Gabriel Almond fĂŒr die Bestimmung von Massenkulturen bedeutet, ist Robert Dahl fĂŒr die empirische Demorkatieforschung. Entsprechend stellt das Lehrbuch sein Polyarchie-Konzept breit vor und weist nach, wie es sich bis zum viel diskutierten Demokratieindex des Finnen Tatu Vanhanen weiterentwickelt hat. Schliesslich werden die heute so beliebten Untersuchungen der demokratischen Verfassungswirklichkeiten breit vorgestellt und diskutiert.

Wie es ist, wenn es kein Paradigma gib
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Lange Zeit wurde diskutiert, ob Thomas Kuhns Analyse der Wissenschaftsentwicklungen in Paradigmen richtig sei oder nicht; dabei ist auch viel Kritik geĂŒbt worden an der Vorstellung, dass die Wissenschaft sich revolutionĂ€r entwickle und nach jeder Revolution einen Muster an Denk- und Vorgehensweisen entwickle, das sich in der Forschung weitgehend durchsetze. Wer sich mit der politischen Kulturforschung beschĂ€ftigt, merkt schnell, wie es ist, wenn sich, fĂŒr einmal, gar kein dominantes Paradigma in der Definition des Gegenstandes, der Wahl der AnsĂ€tze und der Bestimmung geeigneter Methoden entwickelt hat. Das wiederum haben Susanne und Gert Pickel zum Anlass genommen, die offen verwendeten Konzept zur AnnĂ€herung an politische Kultur in einem Lehrbuch Interessierten vorzustellen. Und genau das ist ihnen gelungen, – mit allen StĂ€rken und SchwĂ€che der Sozialwissenschaften, die sich nicht nur mit abtrakten Systemen, sondern mit kulturell gewachsenen Beispielen beschĂ€ftigen.

Claude Longchamp

Eskalations-Monitoring: Das Interesse steigt!

(zoon politicon) Es freut mich, dass die Idee des Eskalations-Monitoring interessiert, herausfordert und dass es diskutiert wird. Die Nutzungszahlen auf meinem Lehrveranstaltungsblog haben sich gleich verdoppelt. Die Kommentare auf dem Blog, auf dem Mail und privat haben ebenfalls zugenommen.

Das Projekt
Die Idee des Eskalationsmonitorings zur Kontroverse zwischen der SVP und BundesrĂ€tin Eveline Widmer-Schlumpf ist ein Projekt. Diees ist kein einmaliger Beitrag. Und es ist auch kein Kommentar zur Situation. Sie ist jedoch ein ernstgemeinter Versuch, die BlogosphĂ€re fĂŒr die empirische Politikanalyse praktisch zu nutzen.

Die BlogosphĂ€re ist dabei die Informationsquelle. Sie ist aber auch gleichzeitig Ort der Reflexion. Und sie soll fĂŒr die Vermittlung verwendet werden. Statt Forschung im stillen KĂ€mmerlein zu betreiben, statt Untersuchungen fĂŒr Kunden zu machen, ist es meine Absicht, hier in, mit und fĂŒr die Internet-Oeffentlichkeit zu forschen.

Monitore generell
Monitore sind keine Instrumente der Informationssichtung, die fĂŒr die BlogosphĂ€re typisch sind. Es sind Informationssysteme, die Prozesse mittels technischer Instrumente sichtbar machen sollen. Sie kommen als Verlaufsprotokolle in vielfĂ€ltigster Weise vor.

Die junge BlogosphĂ€re ist hierzu noch wenig genutzt worden, doch bietet hierzu Vorteile: Sie protokolliert laufend, und sie prodiziert damit offene Informationen in leicht verfĂŒgbarer Form. Sie bietet Möglichkeiten, diese qualitativ zu verarbeiten, um zu neuen Einsichten zu gelangen. Und sie stellt eine Möglichkeit der einfachen und schnellen Verbreitung dar.

Monitore kommen heute ĂŒberall vor, wo gesellschaftliche Entwicklungen beobachtet werden: Zu Bestimmung des Wertewandeles beispielsweise, aber auch um VerĂ€nderungen der politischen Kultur zu ermitteln. Sie sind besonders hĂ€ufig, wenn es sich um dynamische Prozesse handelt: Wenn Bewegungen in der Oeffentlichen Meinung oder auch Trends in Entscheidungsprozessen interessieren.

Monitore sind vorwiegend FĂŒhrungsinstrumente. Sie werden von politischen Akteure genutzt. Vielleicht sind sie Cockpits. Das Bild gefĂ€llt mir allerdings weniger, weil es an ein Flugzeug erinnert, an eine Maschine, die man steuern kann. Gesellschaftlichen Prozesse sind eher interaktiv zu verstehen: Man verfolgt in und mit ihnen ein Ziel, man versucht, dieses anzusteuern. Aber man ist nicht allein: Es gibt GegenkrĂ€fte, die andere Ziele verfolgen, andere Wege wĂ€hlen, und auch auch einfach Widerstand leisten. Deshalb ziehe, hier ganz bestimmt, den Begriff des Tableaus vor. Er ist nicht mechanistisch, vermittelt aber die Absicht des Monitors: einen Ueberblick zu verschaffen.


Monitore in der BlogosphÀre

Monitore auf der BlogosphÀre haben eher den Charakter von Orientierungsinstrumenten. Weil sie im Zugang prinzipiell offen sind, eigenen sie sich weniger, beispielsweise politische Prozesse steuern zu wollen. Doch sind sie geeignet, dieses sicht- und damit diskutierbar zu machen.

BlogopshÀren-Monitore unterscheiden sich in einem von anderen Monitoren: Sie heben die klassische Trennung von Objekt und Subjekt in der Forschung (teilweise) auf. Die Subjekte sind Objekte, die agieren und reagieren. Die Objekte werde dadurch Subjekte. Sie sollen sich sehr wohl am Projekt beteiligen können, wenn sie dieses nicht einfach verhindern wollen.


Auf den Punkt gebracht!

Ich verspreche mir hier mehr, andere, sprich: neue Einsichten in das Denken, FĂŒhlen und Handeln der Menschen, die sich ĂŒber die Abwahl von Christoph Blocher genervt haben, aber auch von jenen, denen die Angriffe auf Eveline Widmer-Schlumpf auf den Geist gibt. Sie unmittelbar im Rahmen des Eskalationsmonitorings zu beobachten, ist meine Absicht. Eine Vorhaben, das nicht auf der Beobachtung von Verhalten, aber auch nicht auf der Befragung von Einstellungen basiert. Vielmehr ein Projekt, das Einstellungen in ihren Konsequenzen beobachten will.

Claude Longchamp

PS:
Keine Angst: Das Tableau ist nicht das Ziel, ist ein erstes Hilfsmittel der Projektarbeit. Aber ich entwickle die Idee vom letzten Samstag auch nur schrittweise, meist in meiner sog. Freizeit …

Tableau des Eskalations-Monitorings

(zoon politicon) Hier die vorlÀufige Liste der online-Quellen zum Eskalations-Monitoring, das ich angeregt habe. Sie enthÀlt Links zu

. online-Ticker zur news-Lage
. AkteurInnen der Kontroverse
. PartisanInnen der Aktuere
. KommentatorInnen mit eigenen Blogs
. Diskussionsforen
. AnalytikerInnen

BerĂŒcksichtigt habe ich die Blogs, die sich mehrfach zur laufenden Kontroverse geĂ€ussert haben.
Die Liste wird laufend aufdatiert. FĂŒr interessante Hinweise, die mir entgangen sind, bin ich dankbar.

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“Legale Wahl einer BundesrĂ€tin oder erschlichen aus persönlichen KarrieregrĂŒnden”, ist die zentrale Frage, die hier beschĂ€ftigt und gegenwĂ€rtig zu einer Eskalation der Dinge fĂŒhrt, die beoachtet und analysiert werden soll.


online-Ticker

google ĂŒber BundesrĂ€tin Eveline Widmer-Schlumpf
google ĂŒber Bundesrat Samuel Schmid
google ĂŒber (Schweizer) Bundesrat
google ĂŒber SVP Schweiz
google ĂŒber SVP-PrĂ€sident Toni Brunner
google ĂŒber Christoph Blocher


Akteure

SVP Schweiz
SVP GraubĂŒnden
SVP Kt. Bern
Christoph Blocher, alt Bundesrat

Partisanen (EWS-kritisch)

winkelried.info
Side Effects
Brielmaier
morgarten.info
Smythe Style
SecondLitart
personalblog
Gegenbewegung

Partisanen (SVP-kritisch)
gugus-dada
ignoranz
ouVertures.info
stoepsorama
goggiblog

RegelmÀssige KommentatorInnen
ticinolibero (fdp)
Andreas Kyriacou (grĂŒne)
reto m. (sp)
BĂŒrger-Herold
bodenstÀndigi chost (traditionell, unpolitisch)
der leumund
iRaff
Tratschen ĂŒber …

emeidi
thinkabout

Satire
Lupe
Zgraggen Schagg

Foren
NZZVotum (Schweizer Forum)

AnalytikerInnen
Chefredaktor-Blog
Arlesheim reloaded
Wahlkampfblog
Knill Blog
Philippe Welti
eDemokratie
Klaus Stöhlker

Aggregatoren
Politik-Blogs
slug

Die Verlinkung einzelner Artikel ist nicht sinnvoll, dafĂŒr verwende man einen der ĂŒbliche aggregatoren, die ich hier auf aufgefĂŒhrt habe.

Ich hoffe, es wird rege benutzt, und es fĂŒhrt zu ĂŒbersichtlichen EinschĂ€tzungen!

Claude Longchamp

Eskalations-Monitoring

(zoon politicon) Die Woche war hektisch: Die SVP stelle BundesrĂ€tin Eveline Widmer-Schlumpf, ein Ultimatium, aus dem Bundesrat zurĂŒck- und aus der Partei auszutreten. Das geforderte SVP-Mitglied der Landesregierung gab zurĂŒck: Sie bleibe, im Bundesrat und in der Partei, hielt BundesrĂ€tin Widmer kurz und knapp fest. Die SVP widerum liess ihren Zentralvorstand in der Sache entscheiden: 67 Stimmen fĂŒr das Ultimatum gab es, 5 dagegen und 7 Enthaltungen.

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Ereignisanalyse durch Monitoring – in der Physik schon lĂ€ngst bekannt, zum Beispiel in der Lawinenforschung, in den Sozialwissenschaft erst in den AnfĂ€ngen, jedoch mit vielversprechenden Anwendungsfeldern


Ereignis, Wende-Ereignis

Das war ohne Zweifel ein Ereignis: eine verdichtete Handlungsabfolge mit einer Konsequenzerwartung. Die Handlungsabfolge ist oben beschrieben. Die Verdichtung ergibt sich aus der Kadenz der Schritte. Und der offen ausgebrochene Zwist begrĂŒndet die Konsequenzerwartung: Wer setzt sich schliesslich durch? Genau diese Frage ist es auch, die der gegenwĂ€rtigen Eskalation jene Aufmerksamkeit bescheret, welche aus dem Ereignis auch ein Wende-Ereignis machen könnte: Jenen Moment, von dem man im Nachhinein wenigstens sagen wird, nichts sei danach mehr gleich gewesen wie vorher.

Story-Fahrplan
Der Sonntagsblick hat heute schon mal das Tableau der Fahrplanes zum Kampf zwischen SVP und EWS erstellt und eine SchĂ€tzung zum Ausgang gemacht; mindestens bis zur Delegiertenversammlung vom 5. Juli 2008 scheint die Sache vorgezeichent zu sein. Zuerst bleibt Widmer-Schlumpf hart, und auch die BĂŒndner SVP schliesst sie nicht wie verlangt aus. Das ist das Thema bis Ende Monat. Dann kommt die SVP in Zugzwang: Sie muss die ganze Kantonalpartei wie angekĂŒndigt ausschliessen, riskiert eine Rekurs und einen Entscheid der Delegiertenversammlung, der Mehr- aber nicht einheitlich ausfĂ€llt. Damit ist klar: Die story dreht sich, und sie wird weiter gedreht. Das verspricht eine fortgesetzte Eskalation mit unsicherem Ausgang.

Arenen, Akteure, Aufpasser
FĂŒr Polit- und Kommunikations-BeobachterInnen gibt es nichts Spannenderes als ein solches Live-Experiment zu Machtfragen, politschem Stil und politischer Kultur. Die Massenmedien bilden die zentrale Arena der Auseinandersetzung. Sie können abbilden, aufladen, aufpassen. Auf jeden Fall setzten sie das Geschehen in Szene. Die KontrahentInnen in de Auseinandersetzung, ihre AnhĂ€ngerInnen und deren Seilschaften sind die Akteure.

Doch wird es nicht bei ihnen bleiben. Bei jedem öffentlich ausgetragenen Konflikt gibt es Trittbrettfahrer, die von der Aufmerksamkeit profitieren wollen, Anheizer, die gerne zuspitzen und Abknaller, die als Parteien oder Àhnliches ihren Nutzen aus der SVP-Auseinandersetzung ziehen wollen. Das Volk wiederum ist mindestens ein Teil des Echos, Pro-und-Kontra-DemonstrantInen, vielleicht auch der Schiedsrichter. Auf jeden Fall wird es sich lohnen, die Oeffentliche Meinung und ihre Dynamiken genau zu verfolgen. Das MINK-Schema, das auf diesem Blog schon vorgestellt worden ist, gibt eine erste Orientierungsmöglichkeit.

Lernfeld BlogosphÀre
Spannender kann es nicht sein, gerade jetzt eine Kurs zu “Empirische Politikforschung in der Praxis” zu geben. Ein Eskalations-Monitoring wird hier – wie nur selten gehabt – möglich.
Eine Frage interessiert mich ganz besonders: In welchen Masse gelingt es der BlogosphĂ€re, die Meinungsbildung darzustellen und die Entwicklung der Geschichte eigenstĂ€ndig zu vermitteln resp. verstĂ€ndlich zu machen. Es wĂ€re ein Beweis dafĂŒr, dass es in diesem Bereich zwischenzeitlich genĂŒgend RollentrĂ€ger gĂ€be, die vernetzt eine eigene Oeffentlichkeitsplattform wĂ€ren.

Claude Longchamp

PopularitÀt von BundesrÀtInnen

(zoon politicon) Seit vielen Jahren vermisst die Zeitschrift “L’IllustrĂ©” unsere BundesrĂ€tInnen. Zweimal im Jahr werden die Mitglieder der Landesregierung einen PopularitĂ€tstest unterworfen. In den Medien find en die ReprĂ€sentativ-Befragungen regelmĂ€ssig breiten Wiederhall: Zeit, sich die Resultate mal systematisch anzusehen.

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Der Bundesrat und das Volk: Motto auch auf dem offizielle Bild der Schweizer Landesregierung 2008.


Die Befragungsserie

Die aktuelle Befragung wurde Mitte MĂ€rz 2008 durchgefĂŒhrt. 700 SchweizerInnen in der deutsch- resp. französischsprachigen Schweiz werden berĂŒcksichtigt. Leider können sich italienischsprachigen MitbĂŒrgerInnen ausdrĂŒcken. Immerhin, fĂŒr die 18 bis 74jĂ€hrigen SchweizerInnen in den beiden anderen Landesteile ist das Bundesratsbarometer vom MIS Trend in Lausanne ein brauchbarer Stimmungstest, der, ĂŒber die Zeit konstant gemacht, gerade im Vergleich vertiefte RĂŒckschlĂŒsse zulĂ€sst.

Bei allen Zahlen die L’IllustrĂ© prĂ€sentiert, ist allerdings Vorsicht geboten. Dargestellt werden nur jene Befragten, die eine Bewertung abgeben. Leider erfĂ€hrt man nur bruchstĂŒckhaft, wie viele der Befragten hierzu zĂ€hlen. Weder das Umfrageinstitut noch die Zeitschrift legen alle Ergebnisse offen. Eine Randnotiz zur jĂŒngsten Ausgabe lĂ€sst aufhorchen: Micheline Calmy-Rey scheint als Person und Aussenministerin die bekannteste von allen zu sein. Doris Leuthard wieder scheint als Personen bekannt zu sein, nicht aber als Volkswirtschaftsministerin.


Das Rating im FrĂŒhjahr 2008

Die aktuelle Reihenfolge lautet:

1. Doris Leuthard
2. Eveline Widmer-Schlumpf
3. Hans-Rudolf Merz
4. Micheline Calmy-Rey
5. Samuel Schmid
6. Moritz Leuenberger
7. Pascal Couchepin

Das hauptsÀchliche Interessen an der aktuellen Erhebung, die diese Woche veröffentlicht wurde, betrifft das Ergebnis der neuen BundesrÀtin Eveline Widmer-Schlumpf. Sie bringt es auf Anhieb auf den 2. Platz unter den 7 Mitgliedern des Landesregierung. 82 Prozent finden ihre (bisherige) Arbeit sehr oder eher gut, 18 Prozent nur beurteilen sie als eher oder sehr schlecht.

Vor ihr rangiert nur Doris Leuthard. 91 Prozent haben ein positives, 9 Prozent ein negatives Urteil. Damit erreicht sie das zweithöchste Ergebnis aller Zeit. Nur Adolf Ogi kam in seinem PrĂ€sidialjahr 2000 auf eine höheren Wert, als er angekĂŒndigt hatte, den Bundesrat zu verlassen.

Eveline Widmer-Schlumpfs Startergebnis lĂ€sst sich durchaus sehen. Mit 82 Prozent Zustimmung startet sie, auf die wahlberechtigte Bevölkerung bezogen, ausgesprochen gut. Nur Doris Leuthard hatte eine besseren Anfangswert; alle anderen lagen kurz nach ihrer Wahl weiter zurĂŒck. Das sollte man nicht vergessen, wenn man die in der SVP umstrittene Politikerin pauschal als “LĂŒgnerin” tituliert. Und nicht ĂŒbersehen sollte man, dass die Zustimmungswerte zu ihrem VorgĂ€nger, Christoph Blocher in der Regel bei 50 Prozent lagen.

Generell schneiden die drei Frauen im Bundesrat gut ab. Die Zeiten, da man Frauen auf wichtigen Posten in der Politik nichts zutraute, sind lÀngst vorbei. Denn nebst den SpitzenplÀtzen von Leuthard und Widmer-Schlumpf ist auch Micheline Calmy-Rey recht gut plaziert. Nur ein Mann ist vor ihr, und die drei hinteren RÀnge gehen ausschliesslich an ihre mÀnnlichen Kollegen im Bundesrat.

Amtsdauer und PopularitÀtszyklen
Den meisten BundesrĂ€tInnen im Amt gelingt sich in den ersten Jahren zu verbessern. Das zeichnet sich bei Hans-Rudolf Merz, 4 Jahre nach seinem Amtantritt am deutlichsten ab. Der Effekt, scheint sich aber auch bei Doris Leuthard, seit knapp zwei Jahren im Bundesrat, abzuzeichnen. Bei Micheline Calmy-Rey, seit 5 Jahren im Amt, scheint ihren PopularitĂ€tshöhepunkt ĂŒberschritten zu haben.

Bei Samuel Schmid, der nach drei Jahren Bundesrat den höchsten Wert verzeichnet, hat der Abstieg eingesetzt; er bleibt aber recht bescheiden. Genau gleiches gilt letztlich auch fĂŒr Motiz Leuenberger. SpektakulĂ€rer war die Talfahrt von Pascal Couchepin, die 2003 mit dem Wechsel des Departementes einsetzte und bis 2006 dauerte; bisweilen beurteilten noch 20 Prozent seine Arbeit als Bundesrat vorteilhaft. Zwischenzeitlich erlebt er eine eigentliche RĂŒckkehr, selbst wenn er damit das Schlusslicht nicht hat abgeben können.

Generell wird man festhalten können: Die BundesrĂ€tInnen starten, bezogen auf ihre PopularitĂ€t unterschiedlich gut. Im 2.-4. Jahr ihrer AmtstĂ€tigkeit legen sie in der Regel zu; danach nehmen die negativen Werte zu. Das Amt als Bundesrat nagt an den Zustimmungswerten. Hat der Abstieg eingesetzt, ist die RĂŒckkehr an die Spitze fast ausgeschlossen!

Claude Longchamp

Regiert Geld den politikwissenschaftlichen Geist?

(zoon politicon) JĂŒngst habe ich am IDHEAP in Lausanne ĂŒber politische Kampagnen referiert. Und bin ich dabei auf ein wenig reflektiertes PhĂ€nomen gestossen.

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Der Olympische Geist verkommt mehr und mehr zum GeldgeschÀft; verkommt jetzt auch der politikwissenschaftliche Geist zu zur unreflektierten Uebernahme von Marktkategorien in die Politikanalyse?

Das PhÀnomen
Nicht zum ersten Mal ist mir bei diesem oder einem mit ihm verwandten Thema aufgefallen, dass es dabei im studentischen Publikum nicht nur eine offizielle, sondern auch eine inoffizielle Leseweise gibt: Letztere lautet vereinfacht: Geld bestimmt Kampagnen, und Kampagne bestimmen die Politik. Also bestimmt Geld die Politik!

Ich muss da immer gleich nachfragen: Haben nicht die GrĂŒnen bei den jĂŒngsten Parlamentswahlen in der Schweiz klar zugelegt, mit der Klimapolitik ein neues Thema gesetzt und den Anspruch angemeldet zu haben, nach den zahlreichen Erfolgen in den StĂ€dte, Kantonen und auch im Bund Teil der Regierungsparteien zu werden? Und wares es nicht sie, die – mangels Geld – auf eine nationale Kampagne “im gekauften Raum” verzichtet haben? – Ist nicht die Annahme der Verwahrungsinitiative in der Volksabstimmung gegen den fast einhelligen Willen von Regierung und Parlament – und ohne eigentlichen Abstimmungskampf – ein deutlicher Gegenbeleg dafĂŒr, dass man auch ohne Geld politische Mehrheiten fĂŒr sich gewinnen kann?

Zu den Forschungsergebnissen
Die Wahl- und Abstimmungsforschung weltweit und auch in der Schweiz hat sich des Zusammenhangs angenommen. In den USA lassen sich positive Korrelationen nachweisen zwischen dem finanziellen Mitteleinsatz einerseits, und dem Wahlerfolg andererseits. Doch da hat das System: Die Geldbeschaffung ist eine Teil der Kampagnen. Sie ist ein Teil der vorherrschenden Kultur, auch in der Politik, die sich am rationalen Marktverhalten der Anbieter und Nachfrager ausrichtet. In der Schweiz sind die Belege fĂŒr die KĂ€uflichkeit von Wahlen und Abstimmungen deutlicher geringer. UnverĂ€ndert gilt das sibyllinische Bonmont des Berner Politologen Wolf Linder: “Dass Wahlen und Abstimmungen in Schweiz kĂ€uflich seien, ist bisher nicht bewiesen worden, – allerdings ist auch das Gegenteil nicht bewiesen worden.”

Zur Analyse
Ich habe eine andere These, fĂŒr die hidden agenda in der Wissenschaft, wenn es um den Einfluss von Geld in der Politik geht: Die AnsĂ€tze der politischen Oekonomie, die ein rationales Verhalten von Akteure annehmen, das sich auf materielle, sprich finanzielle Interessen reduzieren lasse, sind auch in der Politikwissenschaft zu vorherrschenden Deutungsmacht aufgesteigen. Der Vorgang verlĂ€uft mittlerweile kritiklos. Dabei ĂŒbersieht man die Konsequenzen, die sich aus der Uebertragung von Vorstellungen ergeben, die fĂŒr das Marktverhalten, das durch Angebot und Nachfrage resp. durch Geld als Kommunikationsmittel gesteuert wird, typisch sind.

Sozialphilosophisch inspirierte Theoretiker der europĂ€ischen Gegenwart – und zwar JĂŒrgen Habermas bis Niklas Luhmann – haben letztlich immer darauf bestanden, Politik und Wirtschaft, als Teilsysteme wie auch als Lebenswelten, in eigenen Termini zu denken und zu untersuchen. Denn sie folgen unterschiedlichen Logiken, die aus der Geschichte der Demokratie, auch auch aus der Differenzierung von Funktionen hergeleitet werden können.

Mein Wunsch
Das wĂŒrde dafĂŒr sprechen, bewusster mit Analysekategorien umzugehen. Geld ist das unbestrittene Steuerungsmittel der Wirtschaft, Macht jenes der Politik. Das sollte man auch in der Politikwissenschaft noch unreflektiert aufgeben, werde in den sichtbar-offiziellen, wie auch in den versteckt-inoffiziellen Deutungen!

Claude Longchamp

Unterstellte Auswirkungen von Umfragen auf Wahlen und Abstimmung nicht belegt

(zoon politicon) FĂŒr PolitikerInnen scheint bisweilen alles schnell klar: Umfragen, vor politischen Entscheidungen veröffentlicht, beeinflussen das Ergebnis. Sie können deshalb gezielt eingesetzt werden, um das Resultat der Entscheidung zu manipulieren.

Es ist Aufgabe der empirischen Sozialwissenschaften, Annahmen zur sozialen RealitĂ€t, die auf dem common sense basieren, zu ĂŒberprĂŒfen. Dabei gehen sie wie immer in solchen Situationen nach der Logik der Forschung vor, die von Subjekt unabhĂ€ngige, eben: intersubjektive gĂŒtlige Ergebnisse lieferen sollen.

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Alexander Gallus, Demoskopieforscher, kommt zu einem ernĂŒchternden Schluss fĂŒr PolitikerInnen, die sich gerne als KritikerInnen aufspielen


Eine nĂŒtzliche Uebersicht zum Forschungsstand

Eine Zusammenstellung der diesbezĂŒglichen Forschungsresultate hat jĂŒngst Alexander Gallus, Politikwissenschafter und Professor an der UniversitĂ€t Rostok, der sich auf Demoskopiewirkungen spezialisiert hat, geliefert und sie auf der website der Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung veröffentlicht.

ZunÀchst unterscheidet Gallus mögliche Beeinflussungsfelder; namentlich sind das die Beteiligung und die Entscheidung selber. Dann sichtet er Hypothesen, die hierzu entwickelt wurden. Speziell erwÀhnt er bei den Auswirkungen auf die Wahlbeteiligung:

. Mobilisierungs-Effekte: Demnach förderten Umfragen, speziell bei unsicherem Ausgang, die Beteiligung an der Entscheidung.
. DefÀtismus-Effekt: Demnach verringerten Umfragen die Mobilisierung der veraussichtlichen Verlierer.
. Lethargie-Effekt: Demnach verringerten Umfragen die Beteiligung der angenommenen Gewinner.
. Bequemlichkeits-Effekt: Demnach verringerten Umfragen die Beteiligung von UnschlĂŒssigen.

Bezogen auf die Auswirkungen auf die Entscheidfindung selber unterscheidet der Autor zwei Effekte:

. Bandwagon-Effekt: Demnach kommt es zu einem Meinungwandel zugunsten des voraussichtlichen Gewinners.
. Underdog-Effekt: Demnach kommt es zu einem Meinungwandel zugunsten des voraussichtlichen Verlierers.

Erstaunliche Bilanz des Forschungsstandes
Die Arbeitshypothesen sind plausibel; sie lassen sich mit den Theorien des rationalen WĂ€hlens resp. mit Identifikationstheorien auch begrĂŒnden. Doch, und das ist nach Ansicht von Gallus massgeblich, hat die Forschung keine stichhaltigen Beweise fĂŒr fĂŒr die Trifftigkeit der Hypothesen liefern können. “Handfeste Belege fĂŒr die Richtigkeit dieser Vermutungen konnten bislang freilich nicht erbracht werden.” Das gelte, so der Autor, sowohl fĂŒr die Beteiligung wie auch fĂŒr die Entscheidungen selber.

Mein Schlussfolgerung
Das lĂ€sst aufhorchen; – und trifft sich mit meiner Erfahrung im Umgang mit diesere Frage: Höchstwahrscheinlich gilt, dass die Erwartungen, was geschieht, beeinflusst wird. Ob das allerdings die individuellen Entscheidungen beeinflusst, ist mehr als strittig; es ist schlicht nicht belegt.

Der veröffentlichten Demoskopie vor Wahlen und Abstimmungen ein eindeutig erkennbares Mass und eine klar bestimmbare Richtung zu unterstellen, ist unlauter. Wenn PolitikerInnen da mehr rasche Gewissheit entwicklen als die teilweise aufwendige Forschung hierzu, hat dies in erster Linie mit ihren Interessen bei Wahlen und Abstimmungen zu tun, indessen wenig mit rationaler BeweisfĂŒhrung!

Claude Longchamp

Ueber die akademische Hintertreppe auf die wissenschaftliche Dachterrasse

(zoon politicon) Ueber dieses Buch eine Rezension zu schreiben, ist fast schon ein Ding der Unmöglichkeit. Denn es enthĂ€lt selber einen geistreichen Artikel ĂŒber Rezensionen. Der ist schon fast ein Lehrbuch im Dreispringen; auf Buchbesprechungen gemĂŒntzt, geht es um die Fragen: Was steht drin? – Was ist neu? Was gibt es auszusetzten?

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Die neue Form der Leichtathletik sei nicht ohne, wird festgehalten: “Denn das meiste, was Wissenschafterler ĂŒber BĂŒcher sagen, haben sie nicht durch ausfĂŒhrliche LektĂŒre, sondern durch eine Querschnitt der Besprechungen herausgefunden.” Zudem wird die Krise der Rezension in Zeitschriften beklagt. Sie werde heute von der online-Besprechung abgelöst, die schneller erscheint, einfacher mit Bestellmöglichkeiten verbunden werden könne und höhere Reichweiten erziele. Buchverlage seien dabei, ihre anfĂ€ngliche ZurĂŒckhaltung aufzugeben, bedienten Redaktionen von e-Portalen genauso wie die Zeitschrift einer UniversitĂ€t.

Doch das ist nur einer der 177 KurzbeitrĂ€ge, die Clause Leggewie und Elke MĂŒhlleitner als KulturwissenschaftlerInnen ĂŒber das wissenschaftlichen Kommunizieren der Gegenwart geschrieben und zum Buch unter dem Titel “Die akademische Hintertreppe” vereinigt haben. Besprochen werden die Eigenheiten von Tagungen und Vorlesungen, von ZettelkĂ€sten und Fussnoten, vom Vorsingen und Klatsch. Und weil sich alles ein wenig skurril entwickelt, lebt das Buch durchs Band weg von der Selbstironie, die das Lesen zum Genuss macht. Wer die Wissenschaft von Innen her erlebt, oder wer sie von Aussen her verstehen will, dem sei dringend empfohlen, dieses kleine Lexikon des gelehrten Kommunizierens von A (wie Abstract) bis Z (wie Zunft) zu lesen. Ich garantiere: Ein jeder der Artikel in diesem Buch trifft und erhellt.

Mehr noch: Das Buch bildet seine LeserInnen, denn es stellt sich wichtige Fragen, zum Beispiel, ob die moderne Wissenschaft, im Gutenberg-Zeitalter mit dem Buch und der Bibliothek entstanden, heute nicht einem fundamentalen Wandel unterliege. Die Mensch-zu-Mensch-Kommunikation in der Wissenschaft, die durch die Verbindung des Wissenschafters mit dem Buch abgelöst worden sei, tendiere heute zur AnschlussfÀhigkeit des Forschers an die weltweiten Computer-Netze, die zum einen visueller und performativer seien, zum anderen mehr Kooperation erlaubten und erforderten.

Na, denn, wohl auf, zum Sturm auf die wissenschaftliche Dachterrasse!

Claude Longchamp

Claus Leggewie, Elke MĂŒhlleitner: Die akademische Hintertreppe. Kleines Lexikon des wissenschaftlichen Kommunizierens, Frankfurt am Main/New York 2007

Direct Democracy and Environmental Policy

(zoon politicon) Direct democracy is fascinating, even intriguing. More and more foreign
delegations who are interested in popular rights and their possibilities
visit Switzerland these days in order to get better informed.

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This week, a delegation of Greenpeace international came to Switzerland from
all corners of the world in order to talk about the impact of direct
democracy on environmental policy.

Claude Longchamp, head of gfs.berne, and Bianca Rousselot, formerly project
manager at gfs.berne and now doctoral student under Prof. Adrian Vatter at
the University of Zurich, were invited to plan an information day for the
environmental activists. Discussing direct democracy and environmental
policy from a political-science perspective, they talked about

… the Swiss polity, i.e. the cultural and structural conditions for
democracy,

… Swiss politics, i.e. the decision-making processes in a direct
democracy,

… and Swiss environmental policy and the influence of direct democracy on
it.

What was different about the day was that – upon special request of
Greenpeace – the whole event took place on board a ship cruising on Lake
Lucerne, as well as on the famous “RĂŒtli”-meadow, the legendary heart of
Switzerland. This was the perfect location for thinking about the
differences between the traditional and revolutionary understanding of
democracy, which led to the creation of the system of direct democracy we
have in Switzerland today.

For a summary of the presentations, click here (in english).

For the report on the day, click here (in german).