Archive for Februar, 2008

Vom Sinn der Tatsachen in der Wissenschaft

(zoon politicon) In der gestrigen Vorlesung „Empirische Politikforschung in der Praxis“ stiessen wir kurz auf den AufklĂ€rer David Hume. Er hat den Empirismus als Gegenposition zum Rationalismus von RenĂ© Desacartes begrĂŒndet. Dieser liess sich vom Mensch als vernunftbegabtes Wesen leiten, jener vom Mensch, der dank seiner Sinne die Welt erfahren kann. Bis heute sind beide erkenntnistheoretische Positionen, wenn auch in kritisch verarbeiteter und kombinierter Form bestandteil der Philosophie der Wissenschaften.

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Nachdenken ĂŒber Thomas Huxleys prĂ€gnante Aussagen zum Sinn der Tatsachen in der Wissenschaft empfohlen

Per Zufall bin ich heute auf den britischen Agnostiker Thomas Huxley (1825-1895) gestossen, der im 19. Jahrhundert lebte. Nicht weil er der Grossvater des bekannten Aldous Huxley (Schöne, neue Welt 1932) war, behielt ich ihn im Auge. Vielmehr viel mir auf, dass er mit wenige Worten das wissenschaftliche Denken, das Hume („gegen die Macht der Gewohnheit“) entwickelt hatte, prĂ€gnant zusammenfasste; drei KernsĂ€tze seies deshalb hier zum Nachdenken ĂŒber den Empirismus in den Natur- und Sozialwissenschaften festgehalten:

„Die grĂ¶ĂŸte SĂŒnde gegen den menschlichen Geist ist, Dinge ohne Beweis zu glauben.“

„Jede neue Wahrheit beginnt ihren Weg als Ketzerei und beendet ihn als Orthodoxie.“

„Die Tragödie der Wissenschaft – das Erschlagen einer schönen Hypothese durch eine hĂ€ĂŸliche Tatsache.“

Schönes Wochenende (trotzdem)

Claude Longchamp

Kurzer RĂŒckblick auf heute (I)

Der Stoff war wohl etwas viel. Ich werde mich beschrÀnken. Klar zu kurz gekommen ist die Produktion und Diffusion von Wissen in der Wissensgesellschaft. Ich werde das an geeigneter Stelle nachholen.

Aus der heutige PrĂ€sentation und Diskussion zum Einstieg in die Veranstaltung „Empirische Politikwissenschaft in der Praxis“ ziehe ich die folgenden inhaltlichen SchlĂŒsse, die behalten werden sollten:

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Sir Raimund Popper, geistiger Vater des kritischen Rationalismus lehrt uns die Lebenseinstellung, wonach ich mich irren kann, du recht haben kannst, und wir gemeinsam uns auf die Suche nach Wahrheit machen sollten.
Quelle: http://blog.b92.net/arhiva/node/4960

1. Zum SelbstverstÀndnis der Politikwissenschaft heute
. Der Politikbegriff in der Politikwissenschaft ist dreigeteilt: Er umfasst Strukturen, Prozesse und Inhalte.
. Die Grundbegriffe der Politikwissenschaft sind Ideologie, Norm, Macht und Kommunikation.
. Politische Theorien sollen dreierlei leisten: Tatsachenfestellungen ermöglichen, Prognosen erlauben, und HandlungsvorschlÀge entwickeln.
. Die Systemtheorie in der Form der Autoposesis ist die wichtigste ĂŒbergeordnete Theorie der Sozialwissenschaften.
. Politik ist in dieser Perspektive das Teilsystem, das allgemeinverbindliche Entscheidungen trifft.
. Politikforschung untersucht in erster Linie das Handeln politischer Akteure, dessen Voraussetzungen und Wirkungen.

2. Wissenschaftstheoretische Voraussetzung der empirischen Forschung
. Die vorherrschende Wissenschaftstheorie der modernen emprischen Sozialwissenschaften ist der kritische Rationalismus.
. Theorien mĂŒssen auf expliziten Begriffen basieren und logisch konstruiert sein. Sie dienen der VerknĂŒpfung von Gegenstandstheorien.
. Wissenschaftliche Gegenstandstheorien mĂŒssen empirisch geprĂŒft sein.
. Die Deduktion oder Ableitung von Hypothesen aus der Theorie ist der Königsweg der Forschung, denn nur das garantiert ErklÀrung.
. Die Induktion oder Herleitung von Theorie aus gesicherten Beobachtung ist dann sinnvoll, wenn es keine Theorien gibt.
. Verifizierte Hypothesen stĂŒtzen die Theorie, falsifizierte mĂŒssen zur Revision der Theorie fĂŒhren.

3. Das Menschenbild in den sozialwissenschaftlichen Handlungstheorien

. Das Menschenbild in den verschiedenen Sozialwissenschaften ist sehr verschieden. Es gilt stets zu fragen, wie adĂ€quat eine Theorie fĂŒr die eigene Problemstellung ist.
. Oekonomische Handlungstheorien sind in politischen Analyse bei klar definierbarem Nutzen und wenig Restriktionen geeignet. Sie vermitteln jedoch kaum Annahmen zu kultur- und persönlichkeitsbezogenen EinflĂŒssen auf das Handeln. Sie basieren auf eine idealisierten InformationsverstĂ€ndnis.
. Psychologische Handlungstheorien sind vor allem geeignet, den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsentwicklung und Handlungen aufzuzuzeigen.
. Soziologische Handlungstheorien eignen sich, um normative und kulturelle EinflĂŒsse auf Handlungen zu untersuchen.
. Spezifisch politikwissenschaftliche Handlungstheorien gibt es kaum. Die Politikwissenschaft bedient sich in der Regel der Modelle anderer Disziplinen, meist in Verbindung von Oekonomie und (Sozial)Psychologie oder Soziologie.

Ich hole hier noch drei Gedanken zur Wissenschaft in der Wissenschaftsgesellschaft nach, die in den Unterlagen angelegt sind, aber nicht behandelt wurden:

4. Wissenschaft in der Wissensgesellschaft
. In der Wissensgesellschaft wird die Rolle der UniversitÀten in der Wissenproduktion durch andere Institutionen konkurrenziert, die angewandte Forschung und anwendbares Wissen herstellen und vermittelen.
. Angewandte Forschung will die politische Praxis durch die Erhöhung rationaler Entscheidungen verbessern. Sie leitet sich entweder aus der Grundlagenforschung her, oder wird durch die politische Praxis direkt aktiviert.
. In der Anwendungsforschung begegnen sich Wissenschaft und Politik am besten auf pragmatische Art und Weise zur Bestimmung geeigneter Ziele und Mittel. HÀufig bestimmt jedoch die Politik die Ziele der Forschung und die angewandte Forschung optimiert die Mittel, die eingesetzt werden sollen. Selten ist das verhÀltnis umgekehrt und die Wissenschaft bestimmt die politischen Ziele.

Zum Schluss nochmals den Leitsatz der Veranstaltung insgesamt: Der Praxisbegriff ist doppelt: In der Grundlagenforschung meint man damit die Empirie, im Gegensatz zur Theorie, in der angewandten Forschung versteht man jedoch das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Lehre und praktischer Politik.

Ich freue mich auf die Fortsetzung. Wir sprechen dann ĂŒber die Wahlforschung als Anwendungsfeld.

Claude Longchamp

SchlĂŒsselwerke der Politikwissenschaft handlich aufgearbeitet

(zoon politicon) Da geht die Praxis der Theoretiker und der Praktiker weit auseinander: Muss man die Klassiker der Politikwissenschaft ausfĂŒhrlich gelesen haben, oder reicht es, wenn man die relevanten Zusammenfassungen kennt? Die Antworten stehen sich da diametral gegenĂŒber: In der wissenschaftlichen Ausbildung sagt man: Ja, man muss sie in extenso gelesen haben. In der ausseruniversitĂ€ren Praxis wird man Antworten: Unmöglich!

Ich gebe folgende Antwort: Im eigenen Arbeitsgebiet lohne es sich, die grossen GedankengĂ€nge der relevanten Literatur einmal von A bis Z durcharbeitet zu haben. Und es ist sinnvoll, in einzelnen Forschungsgebieten die verzweigten Hinweise auf Neues selber aufgespĂŒrt zu haben.
DarĂŒberhinaus mache ich mir nichts vor: Eine Uebersicht ĂŒber die schnelle Entwicklung des Faches bekommt man so nicht. Doch das ist hĂ€ufig essenziell. Gerade auch fĂŒr Nicht-Fachleute.

Da bleibt nur der Griff zu Lexikas, um Begriffe sauber bestimmt zu bekommen, zu HandbĂŒchern, um thematische Zusammenfassungen zu erhalten, oder eben zu diesem Buch:

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Steffen Kailitz: SchlĂŒsselwerke der Politikwissenschaft. Wiesbaden 2007, 499 S.

In diesem Buch bekommt man rasche und knappe Antworten auf herausragende Werke der Politikwissenschaft, etwa zu Klaus von Beymes “Die parlamentarischen Regierungssysteme in Europa”, zu Walter Bagehots “The English Constitution” oder zu Max Webers “Wirtschaft und Gesellschaft”.

In diesem neuartigen Band werden 129 zentrale Werke der Politikwissenschaft handlich besprochen. Das ist verdankenswert, wenn man gezwungen ist, fĂŒr eine Fragestellung, fĂŒr ein Projekt oder fĂŒr eine Vorlesung schnell abzuschĂ€tzen, was der Gehalt der Ergebnisse und Erkenntnisse ist.

Gerade dann, wenn man von einem Werk der Politikwissenschaft so angesprochen wird, steht es einem ja frei, bei geweckter Muse mal das ganze Buch zu lesen!

Claude Longchamp

SelbstverstÀndlich bleiben zwei Werke zur Politikwissenschaft unverzichtbar:
Kurzfassung: Dieter Nohlen und Rainer-Olaf Schultze (Hrsg.): Lexikon der Politikwissenschaft. Theorien, Methoden, Begriffe (2 Bd.). MĂŒnchen 2005 (3. Aufl.)
ausfĂŒhrliche Fassung: Dieter Nohlen (Hrsg.): Lexikon der Politik (7 Bde.), MĂŒnchen 1995 ff.

Die online Kurzversion kann man hier nachschlagen:
PolitikWissen.de

Empirische Politikforschung in der Praxis (I)

(zoon politicon) Am Freitag startet meine Vorlesung in St. Gallen. Sie trĂ€gt den Titel „Empirische Politikwissenschaft in der Praxis„. Sie findet im Rahmen der Masterausbildung zu „International Affairs and Government“ statt.

Die Vorlesung will in das Denken, Forschen und Handeln von PolitikwissenschafterInnen einfĂŒhren, die im wachsenden Feld der angewandten Forschung tĂ€tig sind. Konkret will ich den Unterschied aufzeigen zwischen dem (theoretischen) Wissen, das die Politikwissenschaft hat, und dem (praktischem) Können, das man als Politikwissenschafter in der Praxis haben muss.

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Schema zur Strukturierung der Anwendungsfelder in der Vorlesung „Empirische Politikwissenschaft in der Praxis“ (anclickbar)

Ich baue die Vorlesungsteile auf folgendem Schema auf: In der Wissenschaft teilt man die TĂ€tigkeiten normalerweise zwischen Theorie und Empirie auf, also zwischen rein rationalen Ueberlegungen, was Sache ist, und den Erfahrungen, die man als Mensch mit der Sache macht. Das leistet empirische Forschung. In der Praxis ist diese Unterscheidung wichtig, weil sie hilft, ungeprĂŒftes und geprĂŒftes Wissen zu unterscheiden. Danach ist sie aber nicht mehr die massgebliche Differenzierung: Vielmehr gilt nun das geprĂŒfte Wissen als Lehre, von der man durch die Anwendung zur Praxis kommt. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie auf Probleme, die vorhanden sind, sinnvolle Antworten vorschlĂ€gt.

Politik basiert hĂ€ufig nur auf der Kombination von Erfahrungen der PolitikerInnen einerseits, und der Praxis, die sie daraus ableiten. Forschung wird in Sachfragen beigezogen, nicht aber fĂŒr die politische Arbeit selber. PolitikwissenschafterInnen in der Praxis wollen gerade das aufbrechen. Angewandte Politikforschung nun, die Lehren, die die Politikwissenschaft erarbeitet hat, mit dem Argument, die RationalitĂ€t von Entscheidungen prozessmĂ€ssig zu erhöhen.

Aufbauend auf dieser These zur Vorlesung hat die Veranstaltung 6 Bestandteile:

1. Einleitung: Was ist empirische Politikforschung in der Praxis
2. Anwendungsfeld 1: Wahlen
3. Anwendungsfeld 2: Volksabstimmungen
4. Anwendungsfeld 3: Politische Kultur und Wertewandel
5. Gruppenarbeiten: PrÀsentation und Diskussion
6. Schlussfolgerungen

Jeder Vorlesungstag besteht aus je 4 Stunden Unterricht in Form einer Vorlesung resp. von Gruppendiskussionen.

Am ersten Freitag behandle ich die Einleitung abschliessend. Die Unterlage dazu kann hier abgerufen werden.

Ich freue mich auf die Veranstaltung, auf die aktive Teilnahme von StudentInnen, und bin auch offen fĂŒr Anregungen, die via den Blog von Aussen kommen!

Claude Longchamp

SRG Hochrechnung zu eidgenössischen Volksabstimmungen

(zoon politicon) Die Hochrechnung fĂŒr die SRG SSR idĂ©e suisse Medien ist eine typische Eigenentwicklung des Forschungsinstituts gfs.bern. Das Produkt wird seit 16 Jahren angeboten; aktuell wurde die bestehende Zusammenarbeit wieder verlĂ€ngert.

Proben fĂŒr die Hochrechung: die SF DRS Crew an einem frĂŒhen Abstimmungssonntag

Auf nationaler Ebene ist die Dienstleistung mit der denkwĂŒrdigen Volksabstimmung ĂŒber den Beitritt der Schweiz zum EWR entstanden. Wichtigstes Ziel war es, die Bekanntgabe des verbindlichen, aber nicht offiziellen Abstimmungsergebnisses merklich zu beschleunigen. Das Produkt gefiel damals so gut, dass wir seither lĂŒckenlos an jedem gesamtschweizerischen Abstimmungstag eine Hochrechnung realisiert haben.

Basisinformation

Die Hochrechnung basiert auf einer ersten Extrapolation von realen Gemeindeergebnissen auf die Kantonsebene, und auf einer zweiten Extrapolation von den Kantonen auf den Bund.

Entscheidend ist dabei die Auswahl der Gemeinden. Sie werden so bestimmt, dass sie fĂŒr ihren Kanton reprĂ€sentieren. Um ZufĂ€lligkeiten auszuschliessen, werden aber in der Regel nur Gemeinden von einer mittleren Grösse berĂŒcksichtigt, die garantieren, schnell ausgezĂ€hlt zu haben. Im Schnitt kommen rund 80-100 Gemeinden pro Vorlage zum Zug, – je nach Thema jeweils andere.

Die Extrapolationen in zwei Stufen basierte von Anbeginn an auf mathematischen Modellen. Dagegen war die Bestimmung von Referenzabstimmungen anfĂ€nglich Intuition. Heute entsteht sie aufgrund statistischer Vergleichsmodelle. Letzteres ist unsere eigentliche kreative Leistung. Vermutlich verfĂŒgen nur wir ĂŒber das Wissen, wie das am Sichersten geschieht.

Anders als im Ausland hat sich in der Schweiz die exit-poll Methode als Hochrechnungsbasis nicht durchgesetzt. Das hat zwei GrĂŒnde: Die Kosten sind höher, und die hohe Zahl der vorzeitig briefliche Stimmenden mindert den Wert von Befragung vor den Abstimmungslokalen.

Leistungen
Die Hochrechnung selber leistet zweierlei:

. Erstens, die schnelle Bestimmung des Volks-, und wenn nötig auch des StÀndemehrs aus Gemeindedaten.
. Zweitens, aber auch eine Analyse des rÀumlichen Abstimmungsprofils hinsichtlich seiner polit-ökonomischen und polit-kulturellen Eigenheiten.

Ueber die Hochrechnung wird seit dem 6. Dezember 1992 in den SRG-Medien berichtet. Die Information setzt an Abstimmungen um 12 Uhr 30 ein, und sie endet meist um zirka 17 Uhr 30. Im Normalfall werden die hochgerechneten Ergebnisse alle 30 Minuten aufdatiert resp. zu Erstanalyse verarbeitet.

Auf Internet wird die Entwicklung der Ergebnisse dokumentiert. Die meisten Agenturen, privaten Radios der Schweiz und auslĂ€ndischen Medien, die sich fĂŒr die Schweiz interessieren, berichten darĂŒber.

Genauigkeit
Unterschieden wird zwischen Trend- und Hochrechnungen. Trendrechnung lassen nur qualitative Aussagen (wird angenommen, wird abgelehnt, ist nicht entscheidbar) zu, wÀhrend Hochrechnungen Angaben machen, in welchem VerhÀltnis das Ja und das Nein zueinander stehen. Um 14 Uhr muss eine Hochrechnung vorliegen, die bis am Schluss auf 2 Prozent genau bleibt. Im Schnitt weichen unsere Extrapolationen um 1 Prozent vom vorlÀufig amtlichen Endergebnis ab, das die Bundeskanzlei am Abend des Abstimmungstages kommuniziert.

Die Ironie der Geschichte: Die Hochrechnungen haben sich bei politische Interessierten innert kĂŒrzester Zeit durchgesetzt. Sie gelten heute als zuverlĂ€ssige Referenz fĂŒr den Abstimmungsausgang. Sie haben sich so auch vorteilhaft auf die GlaubwĂŒrdigkeit von Umfragen vor Abstimmungen ausgewirkt, obwohl sie selber gar kein demoskopisches Produkt sind!

Claude Longchamp

Live Bericht aus dem Hochrechnungszentrum in der BlogosphÀre:
2.3.2007
17.6.2007

Politologie fĂŒr die ZeitungslektĂŒre

Wie die meisten Menschen lesen auch PolitologInnen Zeitungen. Doch sie machen es mit anderen Filtern. FĂŒr Sie sind Zeitungsinformationen auch Ausgangslagen fĂŒr die Schnellanalyse dessen, was politikwissenschaftlich Relevantes berichtet wird. Und das kann auch fĂŒr Nicht-PolitologInnen ganz nĂŒtzlich sein.
Werner Patzelt, Politikprofessor in Dresden, der eine erfolgreiche EinfĂŒhrung in die Politikwissenschaft verfasst hat, machte hierfĂŒr zwei VorschlĂ€ge, die man sich gut merken kann.

Das PPP/MINK-Schema von Werner Patzelt fĂŒr die rasche Analyse politikwissenschaftlich interessanter Zeitungsberichte

PPP: der dreifach differenzierte Politikbegriff

Im Deutschen haben wir nur einen Begriff fĂŒr „Politik“; im Englischen sind es drei: „PPP“ steht fĂŒr „policy“, „politics“ und „polity“.
„Policy“ umschreibt den Inhalt einer Politik, „politics“ den Prozess der Entscheidung, und „polity“ die strukturellen resp. kulturellen Voraussetzungen, aufgrund derer eine Entscheidung hierzu stattfindet.
In einem Artikel zum Handeln eines politischen Akteures (z.B. StaatsprÀsident, Ministerin, Parlamentarier, Gerichtvorsteher, Polizeibehörde, ParteivertreterInnen, Quartierverein) stellt sich also zuerst die Frage, um was es geht: um ein Programm, um eine Entscheidung oder um das System.
Meist reicht eine der drei Begriffsbestimmungen, gelegentlich braucht man zwei, selten drei. Das zeigt, wie undifferenziert der deutsche Politikbegriff ist. Es verweist auch darauf, mit Vorteil in den englischen Politik-Kategorien zu denken.

MINK: die vier zentralen Politikdimensionen
Nun sind wir wieder beim Deutschen. Das Wort besteht aus den Anfangsbuchstaben der vier zentralen, politikwissenschaftlichen Dimensionen: der Macht, der Ideologie, den Normen und der Kommunikation.

Ideologie ist die selektive Wahrnehmung oder Schilderung einer Ausgangslage. Es interessiert vor allem, was ausgeblendet wird und bleibt. Denn es gilt: Politische Akteure handeln aufgrund ihrer Ideologie, also ihrer selektiven Definition von RealitÀt. Sie unterscheiden sich von anderen Akteuren aufgrund der Unterschiede im Zugriff auf Situationen und VerÀnderungen.
Wenn gehandelt wird, steuern Normen jegliche Handlung. Politologisch relevant ist vor allem, wie ein Akteur mit rechtlichen, politischen oder sozialen Normen umgeht, denn so lassen sich seine Absichten bestimmen. Regierungen mĂŒssen in der Regel legal und konventionell handeln. Oppositionelle dagegen spielen mit dem Tabubruch, der Normverletzung oder dem Gesetzbruch, um auf ihre speziellen Situation aufmerksam zu machen.
In einer Entscheidung haben jene Akteure Macht, welche die Chancen haben, ihren Willen auch gegen das Widerstreben anderer durchzusetzen. Macht zeigt sich auch, wenn man Entscheidungen verhindern oder die Voraussetzung von Entscheidungen so gestalten kann, dass der eigene Wille begĂŒnstigt wird. Macht zeigt sich in jeder Entscheidung, in der Unterscheidung von Entscheidern und Entscheidbetroffenen.
Schliesslich ist Kommunikation der direkte oder medial vermittelte Austausch von Informationen und Sinndeutungen. Kommunikation ist bei der Konstitution ideologischer Wirklichkeiten massgeblich, Kommunikation zeigt den Umgang mit Normen, und mit Kommunikation propagieren Akteure auch Ziele und Mittel, die in Entscheidungen eingesetzt werden.

Nicht immer sind alle vier Dimensionen werden durch jede politische Handlung angesprochen. Das liegt in der Natur der Sache. Meist kommt in Zeitungsartikeln jedoch die Akteurskommunikation in Kombination mit Ideologien, mit Normen oder mit Macht in Verbindung vor.

Meine Erfahrung
Meine Erfahrung bei der Anwendung des Schemas sagt mir: Das MINK-Schema kann bei der ZeitungslektĂŒre immer dann verwendet werden, wenn ein politische Akteur handelt und man nach den politikwissenschaftlich relevanten Begriffen und Dimensionen dieser Handlung fragt. Das erschliesst einem ZusammenhĂ€nge, ob sie im Bericht vorkommen oder nicht. Und genau das hilft, die letztlich meist positionslose ZeitungslektĂŒre, deren Informationen jenseits von Sensationen sofort wieder vergessen werden, politologisch interessanter zu gestalten!

Claude Longchamp

Werner Patzelt: EinfĂŒhrung in die Politikwissenschaft. Grundriss des Faches und studiumbegleitende Orientierung, Passau 1993 resp. eine der Neuauflagen davon

Vorlesung vs. Vortragung

(zoon politicon) Die Vorlesung stammt aus der Zeit der wachsenden Hörerschaft an der UniversitĂ€t, die sich ein Buch nicht leisten konnte. Also liess man sich vorlesen. Der Vorlesende wiederum war sich so sicher, nicht gegen die Zensur zu verstossen. Denn vorgelesen wurde nur aus zugelassenen BĂŒcher.

Das ist heute alles anders.

Aber es werden unverÀndert Vorlesungen gehalten. Der Dozent spricht, die Studenten hören zu, und schreiben mit, wie wenn sich nie etwas verÀndert hÀtte.

Im Idealfall gibt es heute ein vollstĂ€ndiges Skript. Das erleichtert die Nachbereitung der Veranstaltung und die Vorbereitung von PrĂŒfungen. Ersteres ist unverĂ€ndert löblich, letzteres ist dient meist nur dem Training des KurzzeitgedĂ€chtnisses.

So sind die wenigen Neuerungen zu begrĂŒssen, keine Texte mehr, sondern nur noch GedankenstĂŒtzen in Folienformen abzugeben. Sie zwingen zu erhöhter Aufmerksamkeit wĂ€hrend den Veranstaltungen. Und so regen sie an, zwischen Nachvollzug bestehender Unterlagen und und Aufnahme des Gesagten zu unterscheiden, denn das muss in den Unterlagen mit eingene Worten und Gedanken ergĂ€nzt werden.

Das Beste ist aber immer noch die frei gehaltene Rede wÀhrend einer Vortragung. Denn sie gelingt nur, wenn der Dozent den Stoff bis auf den Grund beherrscht und ihn mit Ueberzeugung vermitteln kann. Und das ist der Anfang der Bildung und ihrer Vermehrung!

Claude Longchamp

„politik digital“ setzt in den Neuen Medien MassstĂ€be

(zonn politicon) Die Website ist ausgezeichnet. Sie wurde auch mehrfach ausgezeichnet.

politik-digital“ setzt auf dem Internet MassstĂ€be in der Politikvermittlung. Betrieben wird sie vom eingetragenen Verein „pol-di.net“.

Im Mittelpunkt steht, mehr Transparenz zu schaffen zu politischen Institutionen und politischen Entscheidungen. Damit will man einen Betrag leisten zujm Aufbau der europÀischen Informations- und Wissensgesellschaft.

Die Website kennt drei Schwerpunkte:

. eConsumer: Hier geht es um politische Bildung fĂŒr Netznutzer.
. e Democracy: Hier geht es um politische Meinungsbildung via Internet.
. eGovernment: Hier geht es um Entwicklungen im elektronischen Behördenverkehr.

Die Autoren sind anerkannte Politikwissenschafter, gewÀhlte Mitglieder des (deutschen) Parlaments und WebjournalistInen mit Erfahrungen.

Wer sich interessiert, kann einen Newsletter abonnieren, mitdiskutieren, Kommentare verfassen, oder ganz einfach: ausdrucken und nachlesen!

Zurecht bezeichnet man „politik-digital“ als die grösse unabhĂ€ngige Internet-Plattform fĂŒr Politik und Neue Medien. Schade nur, dass der Export der deutschen Fassung in anderen LĂ€ndern wie der Schweiz nicht recht Fuss fassen will.

Claude Longchamp

In welcher Welt leben wir eigentlich?

(zoon politicon) Sicher, der Titel, den die BBC-Journalistin, Jessica Williams, ihrem Buch gegeben hat, ist aus doppeltem Grund reisserisch; er lautet: „50 Fakten, die die Welt verĂ€ndern sollten“. Einmal gibt er vor, 50 (neue) Fakten zu prĂ€sentieren; sodann behauptet er, dass die Titel uns zu Aenderungen bewegen sollten.

Was die Welt verÀndern sollte, stellte die BBC-Journalistin Jessica Williams zusammen; seit 2004 wird der Beststeller der Wissenschaftsjournalistin diskutiert.

Als Wissenschaftler wird man zunÀchst antworten: eine fleissige, journalistische Arbeit. Und man wir auch festhalten, dass Anstösse gegeben werden. Gleichzeitig wird man bei so apodiktischen AufhÀngern erst recht die wissenschaftliche Skepsis spielen lassen. Sind das RealitÀten oder Konstruktionen? Sind es Faktoren oder Zuspitzungen?

Eine der unbestrittenen Aufgabe der Wissenschaft ist es , Richtiges von Falschem zu trennen, um Schlussfolgerungen nur auf gesicherten Wissen ziehen zu können. Die diesbezĂŒgliche kritische Diskussion des Buches, das 2007 auch auf deutsch erschienen ist, hat noch nicht stattgefunden. Also sollte sie gefĂŒhrt werden, – auch von WissenschafterInnen.

Nun ist die skeptische PrĂŒfung von Wissen nur die eine Aufgabe des wissenschaftlichen Arbeitens. Zu ihren Qualifikationen, vor allem auch der Forschung gehört die Neugier, denn nur die spornt an, Bekanntes zu hinterfragen, Unbekanntes sichtbar zu und so Neues zu erkunden, oder eben: zu ent-decken.

Und das ist unbestrittene StĂ€rke dieses Buches: Es prĂ€sentiert eine Unmenge von Hinweisen auf Sachen, die gegenwĂ€rtig geschehen, schief laufen, wĂŒrde die autorin sagen. Es interessierte sie im wahrsten Sinne des Wortes die Welt, in der wir leben. Und das ist noch immer der beste AufhĂ€nger fĂŒr jegliches Nachdenken und auch wissenschaftliches Forschen.

Genau deshalb bringe ich hier die 50 Schlagzeilen des Buches, – unkommentiert. Nicht als bewiesen Fakten, aber als inspirierende Hinweise, die uns motivieren sollen, fĂŒr das wissenschaftliche Arbeiten eigene Fragen zu stellen, Diagnosen zu entwickeln, Dokumentationen anzulegen, Belege zu prĂŒfen und Folgerungen daraus zu ziehen!

1. Eine japanische Frau kann damit rechnen, 84 Jahre alt zu werden, eine Botswanerin wird im Mittel nur 39.
2. Ein Drittel aller ĂŒbergewichtigen Menschen lebt in EntwicklungslĂ€ndern.
3. Die Vereinigten Staaten und Grossbritannien haben von allen Industrienationen die meisten Teenagerschwangerschaften zu verzeichnen.
4. China fehlen 44 Millionen Frauen.
5. In Brasilien gibt es mehr Avon-Beraterinnen als Armeeangehörige.
6. Im Jahre 2002 fanden 81 Prozent aller Hinrichtungen weltwelt in nur drei LĂ€ndern statt: in China, im Iran und in den Vereinigten Staaten.
7. Britische SupermĂ€rkte wissen mehr ĂŒber ihre Kunden als die britische Regierung.
8. Jede Kuh in der EU wird mit zwei 2,5 Dollar pro Tag subventioniert. Das ist mehr, als 75 Prozent aller Afrikaner zum Leben haben.
9. In ĂŒber 70 LĂ€ndern verstossen gleichgeschlechtliche Beziehungen gegen das Gesetz. In neun LĂ€ndern werden sie mit dem Tod bestraft.
10. Einer von fĂŒnf menschen auf der Erde lebt von weniger als einem Dollar pro Tag.
11. In Russland sterben jĂ€hrlich ĂŒber 12’000 Frauen als Opfer von hĂ€uslicher Gewalt.
12. Im Jahre 2003 unterzogen sich 145 Millionen Amerikaner der einen oder anderen Form von plastischer Chirurgie.
13. In jeder Stunde wird mindestens ein Mensch von Landminen getötet oder verstĂŒmmelt.
14. In Indien gibt es 44 Millionen Kinderarbeiter.
15. Ein Bewohner der Industrienationen verzehrt jÀhrlich zwischen sechs und sieben Kilogramm an Nahrungsmittelzusatzstoffen.
16. Der Golfspieler Tiger Woods ist der höchstbezahlte Sportler der Welt. Er verdient 78 Millionen Dollar pro Jahr – oder 148 Dollar pro Sekunde.
17. 7 Millionen Amerikanierinnen und eine Million Amerikaner leiden unter einer Essstörung.
18. Fast die HĂ€lfte aller britischen FĂŒnfzehnjĂ€hrigen hat schon einmal illegale Drogen ausprobiert, und fast ein Viertel gehört zu den Gewohnheitsrauchern.
19. Die Industrielobby beschĂ€ftigt in Washington 67’000 Personen – das macht 125 Lobbyisten auf jeden gewĂ€hlten Kongressabgeordneten.
20. In jeder Minute sterben zwei Menschen durch AutounfÀlle.
21. Seit 1977 hat es an nordamerikanischen Abtreibungskliniken ĂŒber 90’000 FĂ€lle von Gewalttaten und Vandalismus gegeben.
22. Mehr Menschen kennen die goldenen Bögen des McDonald’s-Emblems als das Kreuz der Christenheit.
23. In Kenia machen Bestechungsgelder in einem normalen Durchschnittshaushalt einen Drittel der Ausgaben aus.
24. Weltweit werden durch den Handel mit illegalen Drogen etwas 400 Milliarden Dollar umgesetzt – ungefĂ€hr genauso viel wie in der gesamten legalen Pharmaindustrie der Welt.
25. Ueber ein Drittel aller Amerikaner glaubt, dass schon einmal Ausserirdische auf der Welt gelandet seien.
26. In ĂŒber 150 LĂ€ndern wird gefoltert.
27. Jeder fĂŒnfte Mensch auf der Erde leidet Tag fĂŒr Tag Hunger – das sind insgesamt mehr als eine Milliarde Menschen.
28. Ein in den Vereinigten Staaten geborener Schwarzer mÀnnlichen Geschlechts wird mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu drei mindestens einmal im Leben im GefÀngnis landen.
29. Ein Drittel der Weltbevölkerung ist gegenwÀrtig in einen Krieg verwickelt.
30. Die Oelreserven der Welt könnten im Jahre 2040 erschöpft sein.
31. 82 Prozent aller Raucher leben in EntwicklungslÀndern.
32. Ueber 70 Prozent der Erdbevölkerung haben noch nie ein Freizeichen gehört.
33. Bei einem Viertel aller bewaffneten Konflikte der Welt in den letzten Jahren hat der Kampf um natĂŒrliche Ressourcen eine ursĂ€chliche Rolle gespielt.
34. In Afrika sind 30 Millionen Menschen HIV-positiv.
35. Jedes Jahr sterben 10 Sprachen aus.
36. Jahr fĂŒr Jahr kommen mehr Menschen durch Selbstmord ums Leben als in sĂ€mlichten bewaffneten Konflikten der Welt.
37. Jede Woche werden in Amerika im Durchschnitt 88 Kinder der Schule verweisen, weil sie eine Schusswaffe mit in den Unterricht gebracht haben.
38. Es gibt auf der Welt mindestens 300’000 Gesinnungsgefangene.
39. In einem Jahre werden 2 Millionen MĂ€dchen und Frauen Opfer von GenitalverstĂŒmmelungen.
40. In den bewaffneten Konflikten der Welt kĂ€mpfen gegenwĂ€rtig 300’000 Kindersoldaten.
41. An den allgemeinen Wahlen des Jahres 2001 beteiligten sich in de Grossbritannien knapp 26 Millionen WĂ€hler. Bei einer Staffel der Reality-TV-Show Pop Idol wurden ĂŒber 32 Millionen Stimmen abgegeben.
42. Amerika gibt jĂ€hrlich 10 Milliarden Dollar fĂŒr Pornographie aus – denselben Betrag, den es auch in die Auslandhilfe steckt.
43. Im Jahre 2003 gaben die Vereinigten Staaten 396 Milliarden Dollar fĂŒr die RĂŒstung aus. Das entspricht dem Dreiunddreissigfachen dessen, was alle sieben „Schurkenstaaaten“ zusammen investieren.
44. GegenwÀrtig gibt es auf der Welt 27 Millionen Sklaven.
45. In Amerika werden Stunde 2,5 Millionen Plastikflaschen weggeworfen. Das wĂŒrde ausreichen, um alle drei Monate den Weg zum Mond damit zu pflastern.
46. Ein durchschnittlicher britischer Stadtbewohner wird bis zu dreihundert Mal am Tag von einer Kamera erfasst.
47. Jedes Jahr werden etwa 120’000 Frauen und MĂ€dchen nach Westeuropa verkauft.
48. Eine aus Neuseeland nach Grossbritannien eingeflogene Kiwi produziert das FĂŒnffache ihres Gewichtes an Treibhausgasen.
49. Die Vereinigten Staaten schulden den Vereinten Nationen ĂŒber eine Milliarde Dollar an BeitrĂ€gen.
50. Kinder, die in Armut aufgewachsen sind, erkranken mit einer dreimal so hohen Wahrscheinlichkeit an psychischen Leiden wie Kinder aus wohlhabenden Familien.

Und jetzt?

Jessica Williams wĂŒrde sagen: Handeln Sie sofort!
Ich schiebe nach: PrĂŒfen Sie zuerst!

Jessica Williams: 50 Fakten, die die Welt verĂ€ndern sollten, MĂŒnchen 2007 (engl. Orginalausgabe: 50 Facts that Should Change the World, Cambridge 2004)

Konkordanz in der Schweiz auf dem PrĂŒfstand

(zoon politicon) Seit die SVP Schweiz sich nicht mehr in der Regierung sieht, ihren WĂ€hlerauftrag aus der Opposition zum Bundesrat heraus sichtbarmachen will, an den BundesratsparteiengesprĂ€chen nicht mehr teilnimmt, und in der „Arena“ gleich starke Delegationen von Regierung und Opposition fordert, ist die Konkordanz wieder in aller Leute Mund. Seither wird auch viel behauptet, wie man sich in der Konkordanz nicht zu verhalten habe, wer den Rubikon ĂŒberschritten habe, und welche Institutionen der Konkordanz ĂŒberflĂŒssig geworden seien.

Die Untersuchung
Gerade recht, um die tagesaktuelle, von parteipolitischen Interessen bestimmte Diskussion zu spiegeln, kommt da die politikwissenschaftliche Dissertation von Christian Bolliger, die 2007 unter dem Titel „Konkordanz und Konfliktlinien in der Schweiz, 1945 bis 2003“, erschienen ist. Bolliger interessiert sich dabei nicht fĂŒr alles und jedes, was mit der Konkordanz zu tun hat, sondern fĂŒr eine spezifische, in der Schweiz aber wichtige Fragestellung: „Wie stark entsprach die politische Praxis der schweizerischen Regierungsparteien im Wandel der Zeit dem Modell der Konkordanz, und trug diese Praxis zur Verminderung der gesellschaftlichen Praxis bei?“

akteursbeziehungen
Analyseschema fĂŒr die parteipolitische Praxis der Konkordanz von Christian Bolliger (anclickbar)

Nach 467 kohĂ€rent und flĂŒssig geschriebenen Seiten, die sich den Grundlagen der Fragestellung und dem empirisch anspruchsvollen Test der relevanten Hypothesen zu den Akteursbeziehungen widmen, kommt der Berner Politikwissenschaft zu folgendem bĂŒndigen Schluss: „immer weniger“. eigentlich hĂ€tte er noch beifĂŒgen mĂŒssen: ziemlich unberechtigterweise!

Der Analyseansatz
Bolliger denkt nicht streng institutionell. Konkordanz ist fĂŒr ihn eine Praxis. BegrĂŒndet sieht er sie, in Anlehnung an die international etablierte Konkordanztheorie, zuerst in der Segmentierung der Schweiz. Diese hat vier starke Konfliktlinien hervorgebracht, die es so kombiniert in andern Gesellschaften nicht gibt: die konfessionelle Konfliktlinie zwischen Katholiken und Reformierten, den Gegensatz von Stadt/Land, die Unterschiede zwischen den Sprachregionen und die Klassenstruktur im Besitzstand. Doch auch die direkte Demokratie, speziell das Referendum, sieht er im Gefolge der schweizerischen Konkordanztheorie, als Rechtfertigung, denn sie hat nach den Erfahrungen in der Zwischenkriegszeit den Zwang zur Zusammenarbeit der politischen Eliten erhöht.

Daraus leitet der Autor sein analytisches Modell der Akteursbeziehungen ab. Zwischen den grösseren Parteien braucht es Kooperation, hier als Parteienkonkordanz beschrieben, denn zwischen den BĂŒrgerInnen einer segmentierten Gesellschaft herrscht Polarisierung. Die Parteien wiederum haben die Aufgabe, Bindungen herzustellen zwischen den StimmbĂŒrgerInnen und den Eliten, die konfliktmindernd wirken. Sie mĂŒssen dabei, eingebunden in die Parteienkonkordanz, ihre innere Geschlossenheit bewahren können.

Wie das genau ausgeprĂ€gt ist, interessierte den ehemaligen Doktoranden. Wenn Parteienkooperation und innere Geschlossenheit funktionieren, spricht er von StabilitĂ€t der Konkordanz. Gibt es nur Parteikooperation, halten die Parteien die inneren WidersprĂŒche aber nicht aus, redet er von brĂŒchiger Konkordanz. Gekittet ist die Konkordanz, wenn wenn die innere Geschlossenheit tief und die Parteikooperation gering ist. Und schliesslich ist die Parteienkonkordanz gescheitert, wenn es keine Parteienkooperation mehr gibt, dafĂŒr die Geschlossenheit der parteilichen Eliten hoch ist. Das jedoch ist nur die horizontale Konkordanz. Die vertikale entsteht aus den alles entscheidenden Bindungen der Parteieliten und den StimmbĂŒrgerInnen:

. Wirksam ist die Konkordanz dann, wenn Parteienkooperation und gesellschaftliche Bindungen hoch sind, denn das fĂŒhrt zu einer Verminderung der Polarisierung.
. Unwirksam ist sie, wenn die Parteienkooperation funktioniert, es aber an gesellschaftlichen Bindungen mangelt.
. Ein offener Parteienwettbewerb herrscht vor, wenn die Polarisierung in der BĂŒrgerschaft gering, in den parteilichen Eliten aber stark sind.
. Schliesslich ist von manifesten Konflikten die Rede, wenn sowohl die gesellschaftliche wie auch die parteipolitische Polarisierung ausgeprÀgt ist.

Die Ergebnisse
Was nun ist, bei der Analyse von Volksabstimmungen, Parteikampagnen und politischer Praxis Sache?

Den gewĂ€hlten Zeitraum unterteilt der Autor zunĂ€csht in drei Phasen: die unmittelbare Nachkriegszeit, die er mit BlĂŒte der Konkordanz zusammenfasst, die 70er und 80er Jahre, welche die etablierte Konkordanz herausgefordert haben, und die Jahrtausendwende, in der die schweizerische Konkordanz entwertet worden sei. Vertieft beschĂ€ftigen muss man sich also nur mit der letzten Phase.

Den generellen Befund gilt es allerdings hinsichtlich der vier eingefĂŒhrten Konfliktlinien zu differenzieren:

. Bezogen auf den Religionsfrieden in der Schweiz sieht Bolliger die Konkordanz weiterhin wirken. Die Parteien sind weiterhin in den Konfessionsgruppen verankert, und sie suchen in konfessionellen Fragen das Einvernehmen untereinander.
. Wechselhaft ist die Konkordanz in Sprachfragen geworden. Das hat weniger mit dem Verhalten der Parteien untereinander zu tun, als mit den Aufleben der SprachgegensÀtze unter den Stimmberechtigten vor allem angesichts der aussenpolitischen Oeffnung.
. Verringert hat sich die Konkordanz bei den Klassenfragen. Hier ist man zu einem offenen Parteienwettbewerb ĂŒbergegangen, bei dem man sich auf Eliteebene konkurrenziert, ohne dass in der stimmenden Bevölkerung ein vergleichbarer Konflikt festzustellen sei.
. Wenn das alles die Krisenbefunde der Konkordanz relativiert, so sieht Bolliger diese bei den Stadt/Land-GegensĂ€tzen generell aufgebrochen: Sowohl die Elitekooperation sei um die Jahrtausend-Wende verschwunden, als auch die Bevölkerung in den Zentren und ihren Peripherien wĂŒrden in unterschiedliche Richtungen tendieren. Das ist denn auch die eigentliche Herausforderung unserer Zeit.

Das alles fĂŒhrt den Autor zu vier Folgerungen fĂŒr die gegenwĂ€rtige Situation:

. Erstens, die innere Geschlossenheit der Parteien bleibt, trotz selbstÀndigen Kantonalparteien und ausdifferenzierten VerbÀnden, relativ hoch und konstant.
. Zweitens, die Bindungen der Parteien in der stimmberechtigten Bevölkerung sind aber schwach, sie ist aber teilweise im Wandel begriffen.
. Drittens, die gesellschaftlichen Konfliktlinien ihrerseits bestehen oder brechen auf, vor allem in rÀumlicher Hinsicht bei der Sprache und bei der Siedlungsart.
. Viertens, die Konkordanz ist angesichts dieser VerhĂ€ltnisse in ihrer Praxis erheblich erschĂŒttert.


Die WĂŒrdigung

Vieles von dem, was Christian Bolliger in seiner Doktorarbeit berichtet, dĂŒrfte Zustimmung finden. Sein Ansatz ist weitgehend deskriptiv, und seine Beschreibung treffen wohl zu. Allerdings neigt der Autor zu erheblichen Schematisierungen, die im Zeitverlauf, auf Ebene der einzelnen Parteien und bezogen auf die untersuchten Volksabstimmungen differenzierter hĂ€tten ausfallen können.

Die eigentliche Leistung der Disseration ist aber, eine Ordnung in die Begriffe der Konkordanzpraxis gebracht zu haben. Diese ist, so darf man folgern, nicht zwangslĂ€ufig eine theoretische Grösse, die aus der Gesellschaft, ihren zurĂŒckliegenden Konflikten, deren Verabreitungen in institutionellen Regelung entsteht. Vielmehr ist eine gewisse Bandbreiten an verschiedenen Praxen möglich, wie die Akteurskonstellationen zeigen: Wirksame Konkordanz in Konfessionsfrage steht eine offenen Wettbewerb bei Wirtschaftsinteressen gegenĂŒber, brĂŒchige Konkordanz in der Sprachenfrage koexistiert tiefen Konfliktlinien bei den Stadt/Land-Gegensatzen. Die einfache Schematisierung zwischen geeinter und gespaltener Gesellschaft, die Konkordanzdemokratie erfordert oder Wettbewerbsdemokratie zulĂ€sst, ist damit aufgehoben.

Die politische Praxis, die sich seit dem 12. Dezember 2007 stellt, erhellt die Studie von Christian Bolliger damit noch nicht. Der wissenschaftliche Praxis zur Konkordanzpraxis , die seit den Arbeiten von Neidhard und Lijphard zementiert erschien, erweitert die Arbeit um eine willkommene Innovation.

Claude Longchamp

Das generelle Forschungsprojekt
Christian Bolliger: Konkordanz und Konfliktlinien in der Schweiz 1945 bis 2003, Diss. Bern 2007
Die Buchreihe