Author Archive for cal

Drei Ja, zwei Nein und partiell etwas Unsicherheit

Dieser Tage sind zwei weitere Prognosen zu den eidg. Volksabstimmungen vom 13. Juni 2021 erschienen. Ihnen gemeinsam ist, dass sie mit drei Ja zu den Behördenvorlagen und zwei Nein zu den Volksinitiativen rechnen. Unsicherheiten bestehen vor allem beim CO2 Gesetz. Bei beiden Verfahren erfÀhrt man aber wenig, wie sie funktionieren.

Uebersicht ĂŒber die letzten Prognosen mit kĂŒnstlicher Intelligenz


Tabelle anclicken, um sie zu vergrössern

Wer was bietet
Thomas Willi vom Institut fĂŒr Politikwissenschaft an der UniversitĂ€t ZĂŒrich macht seit 2020 regelmĂ€ssig modellartige Prognosen. Bei den Angaben stellt es auf die historischen Daten zu Abstimmungsergebnissen und den vorgĂ€ngigen Befragungen bei den jĂŒngsten Abstimmungen ab. Vermittelt werden Wahrscheinlichkeiten der Annahme und ein eigentlicher Prognosewert mit einem Unsicherheitsbereich. AuffĂ€lligerweise ist er hier sehr gross, selbst wenn er mittels einer 95%Sicherheit reduziert wird.
Wie bereits vor dem Abstimmungswochenende am 7. MĂ€rz 2021 hat gestern auch Sebastien Perseguers eigene Prognosen. Er fĂŒhrt gradiom, ein spin-off der EPUL. Auch sie basiert auf maschinellem Lernen. Offen gelegt werden hier die Quellen, die amtlichen Statistiken ĂŒber Medienanalysen bis hin Umfrageergebnissen reichen. Wahrscheinlichkeiten der Annahme gibt es hier nicht, aber einen Erwartungswert fĂŒr alle Vorlagen und die Beteiligung, kombiniert mit einem Unsicherheitsbereich. Diese ist deutlich kleinere als bei Willi.
Was ganz genau wie verrechnet wird, erfÀhrt man in beiden FÀllen nicht so genau.

Was dabei herauskommt
Stellt man alleine auf die erwarteten Ja-Anteil, resultieren 3 Ja zu den Behördenvorlagen und zwei Nein zu den Volksinitiativen.
Bei Willi ist unter BerĂŒcksichtigung des Unsicherheitsbereichs in alle 5 FĂ€llen ein Ja wie ein Nein möglich; ein Nein ist aber nur beim CO2 Gesetz und beim PMT eher wahrscheinlich. Alle andern Aussagen erscheinen sicherer.
GemÀss Perseguers ist der Ausgang nur beim CO2 Gesetz unsicher.
Ordnet man das in die bisherigen Prognose ein sind die qualitativen Aussagen zu den AbstimmungsausgÀnge alle gleich. Letztlich rechnen die Prognostiker mit NormalausgÀngen, wonach Behördenvorlagen durchgehen, Volksinitiativen scheitern. (Nicht zu den Prognosen im eigentlichen Sinne zÀhlen wir Medienanalysen, Umfragen und Wettbörsen).

Nein, Nein, Ja, Ja, eher Ja.

Das jedenfalls sagen die heute veröffentlichten Umfragen der SRG und der Tamedia. Die beiden Umfrage-Nein betreffen die zwei Agrarinitiativen. Die drei Ja beziehen sich auf die drei Behördenvorlagen. Beim CO2-Gesetz ist die definitive Entscheidung allerdings noch nicht gefallen. Meine Eindordnung.

Noch keine Prognosen
Punktgenaue Prognosen liefern beide Umfragereihen nicht. Denn es sind erst die EndstÀnde in Trendbefragungen. Am Abstimmungstag werden sie zwei («LeeWas») respektive drei («gfs.bern») Wochen alt sein.
Nimmt man die aktuellen Ja-Anteile der beiden Umfragereihen, liegen sie im Schnitt keine drei Prozentpunkte auseinander. Das liegt fast im Zufallsbereich von Umfragen. Mit anderen Worten: Beide Erhebungen messen das Gleiche.
Die durchschnittliche Abweichung der letzten Befragungen zum Endergebnis betrÀgt bei den Volksentscheidungen wÀhrend der laufenden Legislaturperiode 4.2 Prozentpunkte bei «gfs.bern» und 5.9 Prozentpunkte bei «LeeWas».
Vergleich man die Abweichungen der letzten Umfragen mit dem Endergebnis, fĂŒhrt «gfs.bern» knapp vor «LeeWas». In der HĂ€lfte der 12 Vorlagen seit den jĂŒngsten Parlamentswahlen war man da nĂ€her dran. Viermal war die «LeeWas»-Umfrage genauer. Und zweimal ging der Vergleich unentschieden aus.
Am 7. MÀrz 2021 trafen beide Umfrageserien das Endergebnis beim Freihandel zu Indonesien vollstÀndig. Doch beim Kampfjetkauf letzten Herbst lag die letzte Befragung von Tamedia 15 Prozentpunkte daneben, die der SRG hatte eine Differenz von 8 Prozentpunkten.
Hier mag es sein, dass es zu einem last-swing in der Mobilisierung kam. Doch bleibt der Verdacht, dass es sich ausnahmsweise um Mess- resp. Modellierungsfehler handelte.

Negativer Trend im Abstimmungskampf
Interessant ist in beiden Umfrageserien der sinkende Trend in der Zustimmungsbereitschaft. Bei Volksinitiativen kennt und erwartet man dieses PhĂ€nomen seit LĂ€ngerem. Man erklĂ€rt es damit, dass es meist im politischen Zentrum zu einem Meinungsumschwung kommt. AnfĂ€nglich werden die skizzierten Probleme beurteilt, am Ende die Tauglichkeit der von den Initiativen vorgeschlagenen Lösungen. Das fĂŒhrt zu Beginn zu einem Sympathie-Ja, am Ende zu einem informierten Nein.
Eher ungewohnt ist das Sinken der Ja-Anteile dagegen bei Gesetzesreferenden. Da ging man lange vom Meinungsaufbau bei Unentschiedenen BĂŒrger:innen aus. Ja und Nein stiegen demnach an.
Nimmt man die aktuellen Ja-Anteile der beiden Umfragereihen, liegen sie im Schnitt keine drei Prozentpunkte auseinander. Das liegt fast im Zufallsbereich von Umfragen.
Gemeinsam sind auch die Trends. Die tendenzielle Wende zeichnet sich seit letztem Herbst ab. Die FĂ€lle des Meinungsumschwungs zugunsten der Gegnerschaft haben seither klar zugenommen.
Neu ist, dass auch hier negativ eingestellte Gruppen aus der Zivilgesellschaft eine hohe mediale Bedeutung bekommen, wie die Fög Medienanalyse jĂŒngst zeigte. Beim Covid-19-Gesetz sind es die Demonstrationen gegen das Corona-Regime, beim PMT-Gesetz die «Operation Libero» und die Jungparteien von Mitte/Links. Nur beim CO2-Gesetz ist die ReferendumsfĂŒhrerin mit der SVP eine klassische politische Partei.
BegrĂŒnden lĂ€sst sich die Neuentwicklung mit einem Wandel in der politischen Grosswetterlage, ausgelöst durch Corona. Sie ist regierungs-, verwaltungs- und wissenschaftskritischer geworden. Das schmĂ€ler die Chancen, bei Gesetzesreferenden im aufbauenden Sinne zu kommunizieren. Deshalb haben Behörden wieder mehr MĂŒhe, Mehrheiten fĂŒr ihre Vorlagen zu bekommen.
Allenfalls wird das beim CO2 Gesetz entscheidend werden.
Möglicherweise ist es auch eine Folge der Mobilisierung. Demnach wÀren ausgehend vom Land, aber auch libertÀren Kreise Menschen, die 5 Mal Nein Stimmen wollen, verstÀrkt hinzu gekommen.

Was sagen die anderen Tools?
Ordnet man die Ergebnisse in die ĂŒbrigen bereits erstellten Prognosen ein, bestĂ€tigt sich der Eindruck, dass die beiden Volksinitiativen scheitern, wĂ€hrend die drei Behördenvorlagen angenommen werden. Nur beim CO2-Gesetz ist das nicht ganz gesichert.

fög Abstimmungsmonitor: Wie Massenmedien den Abstimmungskampf aufmischen

Gestern Abend erschien der Zwischenbericht der Forschungsstelle Oeffentlichkeit&Gesellschaft (fög) zum Abstimmungskampf vor den eidg. Volksabstimmungen vom 13. Juni 2021. Demnach ist die Medienberichterstattung zum CO2-Gesetz positiv, zum Covid19-Gesetz tendenziell positiv. Praktisch neutral fÀllt die Gesamtbewertung bei den drei anderen Vorlagen aus, konkret beim PMT-Gesetz, aber auch bei den beiden Agrarinitiativen.


Grafik anclicken, um sie zu vergrössern

TonalitÀt
Normalerweise erwartet man bei Behördenvorlagen eine vorteilhafte TonalitĂ€t, bei Volksinitiativen eine nachteilige. Die aktuellen Werte sind bei dem PMT-Gesetz speziell. Die Massenmedien bieten den gegnerischen Standpunkten relativ viel Raum. Umgekehrt sind die fast neutralen Werte bei den Agrarinitiativen eher die Ausnahme. Das rĂŒhrt daher, dass ihre Ziel medial durchaus geteilt werden, weniger aber die Mittel.

Resonanz
Nebst der TonalitĂ€t informiert der Abstimmungsmonitor auch ĂŒber die Ressonanz der Vorlagen in den Massenmedien. Die ist bei den umweltbezogenen Vorlagen geschlossen hoch, am aller höchsten beim C02-Gesetz. In der laufenden Legislaturperiode erreichte keine Gesetzvorlage eine derart hohe medial Beachtung. Die IntensitĂ€t der Berichterstattung beim Covid19-Gesetz resp. beim PMT-Gesetz ist mittel bis tief.
Der Monitor informiert auch ĂŒber die prĂ€senten Akteure. Generell fĂ€llt auf, dass zivilgesellschaftlichen Kommunikatoren bei fast allen Vorlagen eine hohe Beachtung finden. Bei den Agrarinitiativen sind es die Bauern, beim Covid19-Gesetz die Demonstranten und beim PMT-Gesetz Bewegungen wie Operation Libero. Die Ausnahme bildet namentlich das CO2Gesetz. Denn da dominieren Expert:innen resp. Wissenschafter:innen vor den Parteien.

Akteure
Das hat auch gewisse Auswirkung auf die TonalitĂ€t. Denn der Diskurs zum CO2-Gesetz, von Fachleuten bestimmt, ist vorteilhaft fĂŒr das Gesetz. Bei allen anderen Vorlagen kommt ĂŒber die favorisierten zivilgesellschaftlichen Akteure ein nachteiliger Tenor in der Kampagne zustanden. Das ist namentlich bei Covid19 Gesetz der Fall.
Bezieht man sich auf die politischen Parteien, konnten sich bisher die SVP (CO2- resp. Covid19-Gesetz), die FDP (PMT-Gesetz, aber auch CO2-Gesetz) und die GrĂŒnen (beide Volksinitiativen) profilieren. Bei der FDP leidet das Image allerdings wegen der Zerstrittenheit der Parteiexponent:innen, die prominent auf beiden Seite anzutreffen sind.
AuffÀllig diesmal: Ausser bem PMT-Gesetz spielt der Bundesrat keine herausragende Rolle als Kampagnenakteur.

Einfluss der Medienberichterstattung auf das Endergebnis?
Erste AbklĂ€rungen zum Zusammenhang der MedientonalitĂ€t einerseits, dem Abstimmungsergebnis anderseits, verweisen in eine positive Richtung. Je positiver die Medienberichte sind, desto höher ist auch die Zustimmung zur Vorlage. Das gilt bei Behördenvorlagen eher noch als bei Volksinitiativen. Die gemessene Relation ist allerdings nicht signifikant, in erster Linie weil die Zahl der untersuchten FĂ€lle noch etwas gering ist. Zu enge Folgerungen fĂŒr den Abstimmungsausgang sollte man also vorerst nicht ziehen.

Mehr dazu erfÀhrt man im Zwischenbericht auf der Webseite des fög. Der Schlussbericht wird auf den 11. Juni 2021 erwartet.

Wie gut treffen die Tamedia-Umfragen bei Behördenvorlagen das Endergebnis?

Sechs Volksabstimmungen zu Behördenvorlagen haben „LeeWas“ mit Vorbefragungen in dieser Legislaturperiode fĂŒr die Tamedia-Publikationen mittels Umfragen begleitet. Drei weitere Folgen am 13. Juni 2021. Was lĂ€sst sich zur PlausibilitĂ€t der gemachten Aussagen festhalten?

Erhoben werden die Daten fĂŒr die „Tamedia“-Umfragen in drei Wellen. Rund 50, rund 30 und gut 10 Tage vor dem Abstimmungstag ist die Kadenz. Die Erhebung erfolgt mittels online Mitmach-Umfragen, die nachtrĂ€glich durch die Spezialist:innen gewichtet werden. Versucht wird so, nicht beobachtete sondern modellierte VerhĂ€ltnisse aufzuzeigen.



Grafiken anclicken, um sie zu vergrössern

Die PrognosefÀhigkeit
Die minimale Anforderung an die PrognosefĂ€higkeit von Befragungsreihe wird erfĂŒllt. Denn die mittlere Abweichung zum Endresultat wird von Welle zu Welle kleiner. Am Anfang betrĂ€gt sie im Ja-Lager rund 9 Prozent. Die Abweichung sinkt auf 8 in der zweiten Welle und auf 6.5 Prozent in der dritten Welle.
Der finale Wert fĂŒr die Differenz wĂ€re gar halb so gross und ausgesprochen genau, gĂ€be es nicht zwei deutliche Ausreisser.
Der erste betrifft die Volksabstimmung zu den KinderabzĂŒgen. Da gab die letzte Umfrage eine Zustimmungsmehrheit von 51 Prozent; das Endergebnis betrug aber 63 Prozent Ablehnung. Richtig erfasst wurde der leicht sinkende Trend, nicht aber das Ausmass des Meinungswandels.
Die zweite Abweichung war bei der Kampfjetbeschaffung. Der Endwert der Befragungsreihe lautete 65 Prozent Ja; das Ergebnis der Volksabstimmung lag bei 50.1 Prozent Zustimmung. Das sind satte 15 Prozentpunkte Differenz. Hier muss man von einer eigentlichen FehleinschĂ€tzung sprechen, denn der Trend in den Befragungen war konstant ansteigend. FĂŒr eine Wende in den beiden letzten Wochen gab es keine ErklĂ€rung.
Zu den Vorteilen der „LeeWas“-Umfrage gehört, dass sie, unabhĂ€ngig von modellierten Umfragewerten, Prognosen zu den Endergebnissen veröffentlichen. Diese helfen in der Regel bei der Interpretation. Allerdings war die Vorhersage bei der Kampfjet-Abstimmung weit vom Ergebnis entfernt. Denn auch er nannte 65 Prozent als sichersten Wert.

Zwei Muster der Meinungsbildung
Dreimal entsprach das Muster der Meinungsbildung in den LeeWas-Erhebungen dem des Meinungsaufbaus. Da legt die Ja-Seite mit der Dauer des Abstimmungskampfes zulasten der UnschlĂŒssigen (allenfalls auch der Gegnerschaft) zu. ÜberprĂŒfen kann man das an der kontinuierlich steigenden Zustimmung die sich nach der letzten Befragung noch erhöht.
Korrekterweise wurde das beim Freihandelsabkommen mit Indonesien so angezeigt. Etwas ĂŒberraschender war das bei Tamedia auch beim Jagdgesetz so, denn die Nein-Seite nahm im Verlaufe des Abstimmungskampfes mĂ€chtig Fahrt auf.Zweifelhaft war die Annahme bei der Kampfjetbeschaffung. Der Sprung von 15 Prozentpunkten gegen den Trends nach der letzten Erhebung ist und bleibt ein RĂ€tsel.
Die Trendauswertung zeigt zudem, dass bei drei Behördenvorlagen auch Gegenteiliges vorkam. Denn beim Vaterschaftsurlaub, den KinderabzĂŒgen und den elektronischen Identifikationsdiensten verringerte sich der Zustimmungswert von Mal zu Mal. Unplausibel war das nicht, auch wenn es nicht erklĂ€rt wurde.
Aus den SRG-Umfragen weiss man, dass das Regierungsvertrauen eine entscheidende Rolle spielt. Je tiefer es ist, um so weniger gelingt die Behördenkommunikation bei Behördenvorlagen.

Kleiner Ausblick: Was geschieht beim CO2-Gesetz?
Eine solche Bilanz erschwert es, die neuen Umfrageergebnisse zu den drei Gesetzesvorlagen bereits jetzt zu bewerten. Vorerst gilt: Sie sind so hoch, dass selbst unter BerĂŒcksichtigung der negativsten Entwicklung fĂŒr die Ja-Seite erscheint eine finale Zustimmung möglich. Wackelkandidat ist bei «LeeWas» allerdings die Entscheidung zum CO2-Gesetz.
Zwei Szenarien sind denkbar:
. Erstens, der leicht negative Trend in den mehrheitlich positiven Stimmabsichten hÀlt an und die Vorlage kippt im Abstimmungskampf.
. Zweitens, es kommt Mitte im Abstimmungskampf zu einer Verlagerung der Debatte von der Kosten- auf die Umweltfrage, und die Vorlage geht knapp durch.
Erinnert sei zudem, dass die SRG-Umfrage 6 Prozentpunkte mehr Ja bei diesem Gesetz sieht.

Wie gut treffen die Tamedia-Umfragen zu Volksinitiativen die Endergebnisse?

Seit den gesamtschweizerischen Parlamentswahlen 2019 entschieden die Stimmberechtigten ĂŒber 12 Vorlagen in Volksabstimmungen. FĂŒnf weitere werden am 13. Juni 2021 dazu kommen. Es ist an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Hier die Evaluierung der Tamedia-Umfragen von „LeeWas“ zu den Volksinitiativen.

Die Vorlagen
10 der 12 Volksentscheidungen hat die «Tamedia»-Gruppe mit Vorumfragen von «LeeWas» begleitet. Die beiden ersten Vorlagen in der neuen Legislaturperiode liess man aus.
Bein Volksinitiativen liegen nun vier Trenduntersuchungen komplett vor, zwei sind unterwegs.


Bemerkung: Alle Umfragen zu Volksinitiativen gemÀss LeeWas

Die Datensammlung
Die vier berĂŒcksichtigten Volksinitiativen wurden mit je drei Vorbefragungen begleitet. Bei den aktuellen Vorlagen liegen nun zwei Erhebungen vor.
SĂ€mtliche Erhebungen werden mit gewichteten Mitmach-Umfragen gemacht. Alle, die wollen, können mitmachen. Unebenheiten, die so entstehen, glĂ€ttet man bei „LeeWas“ durch ein ausgeklĂŒgeltes Gewichtungsverfahren.
In allen vier FĂ€llen lagen die anfĂ€nglichen Zustimmungswerte ĂŒber dem Endergebnis. Beim VerhĂŒllungsverbot war dies bis und mit der dritten Welle der Fall, bei der Konzernverantwortungsinitiative und der KriegsgeschĂ€fte-Initiative bis und mit der zweiten. Nur bei der Begrenzungsinitiative Ă€nderte sich das nach der ersten Erhebung.
Bei den beiden aktuellen Vorlagen, wissen wir das noch nicht.

Interpretation mit dem Dispositionsansatz
Nun sind das nicht anfĂ€ngliche Fehlmessungen. Vielmehr entspricht es der empirisch gesicherten Erwartung, die man seit langem bei der Meinungsbildung zu Volksinitiativen kennt. Theoretisch macht das Sinn. Denn Volksinitiativen starten mit einer erhöhten Zustimmung, weil man seitens der BĂŒrger:innen anfĂ€nglich eher das Problem beurteilt, das sie ansprechen: Doch am Ende wird auch ĂŒber die vorgeschlagenen Lösungen abstimmt. Da Volksinitiativen meist mit einem klaren Standpinkt lanciert werden, Ă€ndern im Abstimmungskampf die Meinungen vor allem im politischen Zentrum vom Ja ins Nein.
Im Schnitt der vier hier evaluierten Umfragen von «LeeWas» betrĂ€gt der ZustimmungsrĂŒckgang nach der ersten Umfrage 7.5 Prozentpunkte. Man kann das die «normale» Kampagnenwirkung nennen.
Nach der zweiten Umfrage von „LeeWas“ verringert sich die Differenz zum Endergebnis. Sie betrĂ€gt nun 6.5 Prozentpunkte.

Ausreisser VerhĂŒllungsverbot
Allerdings gibt es immer wieder Ausreisser. Beim VerhĂŒllungsverbot begann der Nein-Trend erst nach der zweiten Umfrage zu wirken. Ganz anders bei der Begrenzungsinitiative, wo die Meinungen bereits gemacht waren.
Man kann sich fragen, ob die Ja-Anteile von «LeeWas» beim VerhĂŒllungsverbot valide waren. Denn sie stiegen von ersten zur zweitem Welle im Grenzbereich des deklarierten Unsicherheitsbereichs.
Das ist bei einer Volksinitiative ausgesprochen atypisch. Und es ist auch kein weiteres Beispiel bei allen berĂŒcksichtigten «LeeWas» Erhebungen der Fall. Es ist also durchaus denkbar, dass es sich um eine mangelhaft modellierte Aussage handelte.
Immerhin blieb sie nicht ohne Folgen. Sie löste die bereits erwĂ€hnte ausserordentliche Nein-Kampagne aus, die schliesslich fast zum Erfolg des Gegenlagers gefĂŒhrt hĂ€tte.

Prognosegenauigkeit nimmt erst mit der dritten Welle zu
Aufgrund der vier FÀlle kann man vorsichtig verallgemeinernd festhalten, dass die Prognose-Genauigkeit der «LeeWas»-Umfragen von der ersten zur zweiten Welle nur gering zunimmt.
Recht gut ist die finale Prognosegenauigkeit der «LeeWas»-Umfragen, bestimmt als Differenz aus der letzten Messung vor der Abstimmung und Endergebnis. Im Schnitt betrÀgt die Abweichung 3 Prozentpunkte, im Maximum noch 8 Prozentpunkte.

Folgerungen fĂŒr die Landwirtschaftsinitiativen
Was heisst das fĂŒr die anstehenden Landwirtschaftsinitiativen?
Unsere Grafik legt nahe, dass die Meinungsbildung bei der Kriegsmaterialinitiative die Referenz ist, die schliesslich scheiterte.
Nimmt man die Ausgangswerte in der ersten Umfrage, die bei 54 Prozent fĂŒr die Trinkwasserinitiativen respektive 53 Prozent bei der Pestizidinitiative lagen, erscheinen beide Vorlagen knapp mehrheitsfĂ€hig.
Erwartet werden kann vorerst eine Zustimmung zwischen 46 und 47 Prozent bei der Trinkwasserinitiative. Bei der Pestizidinitiativen ergibt die Extrapolation einen Ja-Wert von 45 bis 46 Prozent.
Rechnet man die aktuellen Befragungswerte und die mittlere Differenz bei der zweiten Befragungswelle hoch, kommt man bei der Pestizidinitiative auf einen Endwert von 42-43 Prozent, bei der Trinkwasserinitiative von 41 bis 42 Prozent.
Damit wĂŒrde sich die anfĂ€ngliche Zustimmungsmöglichkeit in eine recht Ablehnungsmehrheit verwandeln.

Was es diesmal besonders unsicher macht
Dies bleibt diesmal noch unsicher als sonst, denn die Kombination von zwei Vorlagen mit Ă€hnlicher Zielsetzung ist unĂŒblich. Die erste Umfrage von gfs.bern zeigt, dass rund 17 Prozent zwei verschiedene Stimmabsichten haben. Das könnte sich angesichts der Kampagnen noch Ă€ndern.
Im besten Fall fĂŒr die Initiativkomitees stimmen zweifelnde Positiv-Eingestellte zweimal Ja, im schlechtesten Fall zweimal Nein. Das lĂ€sst auch Überraschungen in die eine oder anderen Richtung zu. Damit kann man die Annahme im Volksmehr weiter nicht ganz auszuschliessen. Doch wĂŒrde sich die Frage nach dem StĂ€ndemehr akut stellen.
Vielleicht ist diesmal alles noch unsicherer. Denn bei allen drei ökologisch ausgerichteten Vorlagen steht es „Spitz auf Spitz“. Das spricht dafĂŒr, dass sie alle drei in der Schlussphase des Abstimmungskampfes im Zentrum stehen werden und sich die Meinungsbildung wechselseitig beeinflussen kann.

Uebersicht ĂŒber Modellrechnungen und Beobachtungen zu den Volksabstimmungen vom 13. Juni 2021

Morgen erscheinen wohl neue Umfragen zu den eidgenössischen Volksabstimmungen vom 13. Juni 2021. Der Tamedia-Verlag ist wieder an der Reihe. Es werden erstmals Trends ersichtlich werden. Was weiss man jetzt schon zum Ausgang der fĂŒnf Vorlagen?

Uebersicht der berĂŒcksichtigten Tools
Die erste Antwort auf die Frage nach dem Abstimmungsausgang lautet: Volksabstimmungen gehen gleich aus wie im Parlament.
Die ist zwar nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz sicher richtig!
Es ist bekannt, dass die Opposition in Volksabstimmungen im Mittel meist etwas stÀrker ausfÀllt. Bei Gesetzesreferenden gibt es deshalb meist mehr Nein, bei Volksinitiativen meist mehr Ja. Doch ist die Differenz hÀufig nicht enorm. Deshalb scheitern die allermeisten Volksbegehren, und viele Behördenvorlagen werden angenommen.

Drei Arten von Modellrechnungen eigenen sich fĂŒr einfache Prognosen aufgrund die Behördenposition:
. Umrechnungen aus Schlussabstimmungen, welche den verstĂ€rkten Oppositionsfaktor berĂŒcksichtigen,
. Analysen des BundesbĂŒchleins, die dieses auf neuralgische Begriffen hin absuchen und
. der Parolenspiegel, der den Grad der Zustimmung bei wichtigen politischen KrÀften widergibt.
Keine dieser drei Vorgehensweise ist perfekt. Denn alle unterstellen einen Normalfall der Meinungsbildung nach der Parlamentsentscheidungen. Maximale Wirkungen von Kampagnen lassen sich so nicht abschÀtzen.
DafĂŒr braucht es genauere Beobachtungen im Abstimmungskampf:
. Kontinuierliche Umfragen bei den Teilnahmewilligen,
. Börsen, bei denen Expert:innen auf den wahrscheinlichen Ausgang wetten und
. Medienanalysen im Abstimmungskampf gehören dazu.
Zusammen entsteht ein umfassendes Bild. Richtig erstellt, mĂŒndet es im Abstimmungsergebnis.

Was die Modellrechnungen sagen
Die drei vorgeschlagenen Modellrechnungen sehen die gleichen AusgÀnge wie im Parlament. Angenommen werden demnach das Covid19- Gesetz, das C02-Gesetz und das PMT-Gesetz. Abgelehnt werden die Trinkwasserinitiative und Pestizidinitiative (siehe Tabelle 1).


Tabelle anclicken, um sie zu vergrössern

Das knappste Ergebnis resultiert wird bei der Extrapolation aus den Schlussabstimmungen im Nationalrat bei der Trinkwasserinitiative. Das ist auch bei der AllianzstÀrke aufgrund der Parteiparolen so. Doch nennen beide Tools sehen eine Nein-Mehrheit.
Die Analyse des AbstimmungsbĂŒchleins stimmt damit ĂŒberein, macht aber keine Angaben zu Ja/nein-VerhĂ€ltnissen.
Die klarste Zustimmung erwarten die Modelle beim COvid19-Gesetz. Die Prognose aufgrund der Parlamentsmehrheit sieht ein 2:1 fĂŒr die Ja-Seite voraus. Leicht mehr resultiert aus der AllianzstĂ€rke der befĂŒrwortenden Parteien.
Die Analyse des AbstimmungsbĂŒchleins stimmt damit ĂŒberein, macht aber keine Angaben zu Ja/nein-VerhĂ€ltnissen.

Was die Beobachtungen sagen
Bei den Trendbeobachtungen liegen bisher Wettbörsen und Umfragen vor. Konkret geht es um das Wett-Panel von «50plus1» und die Umfragereihen von «LeeWas» und «gfs.bern». Noch nicht erschienen sind Medien- und Werbeanalysen.


Tabelle anclicken, um sie zu vergrössern

Die Wettbörse rechnet mit einem Ja zu den drei Behördenvorlagen und der Ablehnung der Volksinitiativen.
Deutlich im Ja sind die Erwartungen der Börsianer beim PMT- resp. beim Covid19-Gesetz. Am hÀufigsten wird da mit einem finalen Ja-Wert von 60%+ gerechnet. Beim CO2Gesetz erwartet die Wettgemeinschaft eine Zustimmungsquote zwischen 50 und 60 Prozent. Und die beiden Volksinitiativen scheitern hier mit einem Nein-Anteil von 50 bis 60 Prozent scheitern.
Die Umfragen von «LeeWas» und «gfs.bern» bestĂ€tigen das bei den Gesetzesreferenden. Sie zeigen aber eine Differenz bei beiden Volksinitiativen. Mindestens fĂŒr den Moment weisen beide Serien Ja-Mehrheit bis 55 Prozent aus.
Mit Blick auf den Abstimmungsausgang sollte man diese Differenz zu den Modellrechnungen nicht stark gewichten. Denn die Erfahrung lehrt hier, dass die Ablehnung von Volksinitiativen mit dem Abstimmungskampf wÀchst. Das hat damit zu tun, dass zahlreiche Personen aus dem Zentrum zu Beginn eher positiv gestimmt sind, am Ende aber doch Nein stimmen. Kampagnen verstÀrken das, ein sehr hoher Problemdruck kann es aber auch verhindern.

Was man hĂ€ufig ĂŒbersieht
Zwei weitere Informationen folgen aus Umfragen im Abstimmungskampf.
Die erste nennen wir PrĂ€disponierung. Es gilt: Bei geringer Vorbestimmtheit ist der Spielraum fĂŒr gute Kampagnen grösser. Kontrollierend hierzu kann man den Grad verwenden, mit dem Argumente die geĂ€usserten Stimmabsichten stĂŒtzen. Am geringsten ist die PrĂ€disposition der Entscheidung beim PMT Gesetz, was mit der nur zögerlichen Kampagne dazu zu tun hat.
Die zweite ergibt sich aus, wenn man die Teilnahmewilligen den Ausgang der Abstimmungen schĂ€tzen lĂ€sst. Das ist zwar kein Ersatz fĂŒr Stimmabsichten, aber ein Hinweis fĂŒr das wahrgenommene Klima. Dieses wird beim Covid19- resp. PMT-Gesetz positiv eingestuft, nicht aber beim CO2-Gesetz. Erwartet wird, dass die beiden ersten Vorlagen Die SchĂ€tzung lauten im Mittel auf 51 Prozent Nein. .
Bei den beiden Landwirtschaftsinitiativen erwarten die Menschen, die sich Ă€ussern wollen, dass sie mit einem Nein-Anteil von 52 Prozent angelehnt werden. Man traut also der eigenen Zustimmungsbereitschaft nicht ganz, dass sie zur Mehrheit fĂŒhrt.
Die SchĂ€tzung des Ausgangs folgt alleine aus den „gfs.bern“ Umfragen. „LeeWas“ erhebt diese Informationen zwar auch, behĂ€lt sie aber zurĂŒck und macht die der Oeffentlichkeit nicht zugĂ€nglich.

Was das alles heisst
Die finale Tabelle dieses Blogbeitrags vermittelt die Uebersicht zu allen hier gemachten AbklÀrungen.


Grafik anclicken, um sie zu vergrössern

Gelaufen erscheint die Entscheidung zum Covid19Gesetz. Die einzige Unsicherheit ergibt sich aus der PrĂ€disponierung. Sie dĂŒrften ohne Ueberraschungsmomente im Abstimmungskampf Ja lauten.
Aussichten auf Annahme haben auch die beiden anderen Gesetzvorlagen. Doch ist hier die Sicherheit geringer. Das gilt insbesondere fĂŒr das CO2 Gesetz. Die Prognosen lauten auf Ja, die Stimmungslage bleibt aber skeptisch.
Eher mit einer kommenden knappen Nein-Mehrheit sollte man bei den beiden Volksinitiativen rechnen.
Wie gesagt: Morgen mehr!

Nutzniesser des StÀndemehrs sind weder ausschliesslich katholisch noch bevölkerungsarm

4 Mal kollidierte in den letzten 3 Jahrzehnten das StĂ€nde- mit dem Volksmehr. Davon profitieren nicht alle Kanton gleich hĂ€ufig. Vielmehr nĂŒtzt es den konservativen Kantonen. Analyse.


Grafik Michelle Huber, Daten BfS

In einem Bundesstaat wie der Schweiz ist das doppelte Mehr durchaus gewollt. Denn die Zustimmung der Gliedstaaten wird gleich hoch gewichtet wie das Mehr der Stimmenden. Seinen Ursprung hat dieses Prinzip in der BundesstaatsgrĂŒndung. Damals diente es der Integration der katholisch-konservativen Kantone, die im Sonderbundskrieg unterlegen waren. Doch das ist ĂŒber 170 Jahre her.

Eine Auswertung der heutigen Funktionsweise zeigt, dass durchaus nicht nur die kleinen und katholischen Kantone vom StÀndemehr profitieren. Denn auch St. Gallen und Aargau, beide bei der Bevölkerungszahl unter den «big five», gehören zu den Kanton, die damit erfolgreich Mehrheitsentscheidungen verhindern können:

11 Kantone gehörten bei den berĂŒcksichtigten 4 FĂ€llen stets zur Mehrheit der Gliedstaaten, die dank dem StĂ€ndemehr den Ausschlag in der Abstimmung gaben. Namentlich waren dies Aargau, Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden, Glarus, Luzern, Nidwalden, Obwalden, St. Gallen, Schaffhausen, Schwyz, Thurgau und Uri.
HĂ€ufig dazu gehörten GraubĂŒnden, Solothurn und Zug.
Ausnahmsweise der Fall war dies in Bern, Basellandschaft und Tessin und Wallis.
Nie blockieren konnten auf diese Art und Weise die Kantone Baselstadt, Freiburg, Genf, Jura, Neuenburg, Waadt und ZĂŒrich.

Das StĂ€ndemehr nĂŒtzt heute nicht mehr der konfessionellen Integration. Es dient den konservativen Kantonen als Bremse. PrĂ€ventiv in der Gesetzgebung, aber auch im Moment der Volksabstimmung.
Mit zwei kleine Ausnahmen kommen die Nutzniesser alle aus der deutschsprachigen Schweiz. Der ursprĂŒnglich konfessionelle Minderheitenschutz wendet sich damit ĂŒberwiegend heute gegen die sprachlichen Minderheitenschutz.

Die PolitologInnen Rahel Freiburghaus und Adrian Vatter gehen noch weiter. Sie kritisieren in einem Bericht, der vor Wochenfrist in „Die Volkswirtschaft“ erschienen ist, die Ausnutzung des StĂ€ndemehrs in AbstimmungskĂ€mpfen. O-Ton: „VerĂ€nderungsunwilligen KrĂ€ften, die sich gegen progressiven Verfassungswandel stemmen, dient das StĂ€ndemehr als willkommene Kampagnenhilfe. Wohl wissend um die zunehmende Blockademacht des StĂ€ndemehrs, konzentrierte etwa der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse seine Ressourcen wiederholt auf mathematisch auserkorene «Fokus-Kantone», wo sich ein massgeschneiderter Mitteleinsatz ĂŒberdurchschnittlich lohnt. Kippen jene «swing cantons», kippt die missliebige Vorlage als Ganzes.“

Was geschieht, wenn niemand nur fĂŒr eine Landwirtschaftsinitiative stimmt.

Das ist die spannendste Tabelle, die gfs.bern zur 1. Befragungswelle im Vorfeld der eidg. Volksabstimmungen vom 13. Juni 2021 heute morgen veröffentlicht hat. Sie handelt von den kombinierten Stimmabsichten bei den beiden Landwirtschaftsinitiativen.

Was Sache ist
GemĂ€ss gfs.bern wollen aktuell 55 Prozent fĂŒr die Pestizidinitiative stimmen. 54 Prozent sind es bei der Trinkwasser-Initiative.
Auf den ersten Blick ist das fast identisch. Stimmt! Nicht richtig ist allerdings der Schluss, dass es jeweils die gleichen Stimmberechtigten sind.
Die Spezialauswertung des Forschungsinstituts zeigt, dass bisher 48 % der Teilnahmewilligen zweimal Ja stimmen wĂŒrden. Zweimal Nein wĂŒrden 35% auf ihren Stimmzettel schreiben.
Es verbleiben rund 17 Prozent!
1.4 Prozent sind zweimal unschlĂŒssig. 15.3 Prozent haben in einem Fall eine Stimmabsicht.
Am meisten davon wollen fĂŒr die Pestizid-, aber gegen Trinkwasserinitiative stimmen. Fast gleich viele wollen genau anders herum abstimmen.
2% sind gegen die Pestizidinitiative, aber unsicher, was sie zur Trinkwasserinitiativen sagen sollen. 1.4 Prozent sagen Nein zur Trinkwasserinitiativen, haben aber keine Meinung zur Pestizidvorlage.
Nur fĂŒr die Pestizidinitiative und 1 x Mal unentschieden sind 1.6 Prozent; nur fĂŒr die Trinkwasserinitiative und 1 x unentschieden machen 0.9 Prozent aus.

Was das bedeutet
Das bedeutet zunĂ€chst, dass die differenzierte Stimmabgabe wenigstens fĂŒr den Moment viel hĂ€ufiger vorkommt, als man auf den ersten Blick meint. Das macht auch Sinn. Denn im politischen Zentrum gibt es mehr Sympathien fĂŒr die Trinkwasserinitiative, bei den LinksgrĂŒnen mehr fĂŒr die Pestizidinitiative.
Eine gesplittete Stimmabgabe kann zu unvorhergesehenen Ergebnissen fĂŒhren. Das wĂ€re der Fall, wĂŒrden eine Vorlage angenommen und die anderen abgelehnt werden. Wer das mehr Chancen hat, ist aufgrund der Auswertung von gfs.bern letztlich unklar.
Die Tabelle legt aber auch nahe: WĂŒrden alle mit bisher geteilter Meinung 2 x Ja stimmen, kĂ€men beiden Vorlagen mit gegen 65 Prozent Zustimmung durch. Und wĂŒrden die gleichen 2 x Nein stimmen, scheiterten beide Volksinitiativen, denn sie bekĂ€men 52 Prozent Nein-Stimmen beim Volksmehr.
Wird aus das Stimmensplitting verzichtet, steigen die Chancen fĂŒr beide Vorlagen. Macht es weiter Schule, kann es sein, dass zwei Drittel fĂŒr eine Neuerung sind, aber beide Vorlage am 13. Juni durchfallen.

Volksabstimmungen vom 13. Juni: GegenwÀrtig 5 Ja Mehrheiten in den Umfragen

Nun kennt man den Startpunkt in beiden Umfragereihen zu den Volksabstimmungen vom 13. Juni. Heute wĂ€ren es fĂŒnf Ja. Allerdings ist das nur der Anfang der Meinungsbildung, nicht dessen Ende. Was ist und was werden könnte in aller KĂŒrze.

ToolĂŒbersicht

Tabelle anclicken, um sie zu vergrössern

Was generell gilt?
Grosse Unterschiede zwischen den beiden ersten Befragungen zu den Volksabstimmungen vom 13. Juni 2021 gibt es nicht. Die erste kam von LeeWas und erschien vor einer Woche in den Tamedia Medien. Die andere, von gfs.bern gemacht, wurde heute Morgen in den SRG-Medien.
Beide halten fest: WĂŒrde heute entschieden, gĂ€be 5 mal Ja.
Eindeutig fallen die Mehrheiten beim Covid19- resp. den Anti-Terrorgesetz auf. Je zwei Drittel sind in beiden Erhebungen dafĂŒr.
Recht knapp im Ja sind die Werte zu beiden Volksinitiativen. Auch hier sprechen beide Umfragen von einer Zustimmung.
Die einzige nennenswerte Differenz in den beiden Umfragen ergibt sich beim CO2-Gesetz. Da sprach die Erhebung von LeeWas von einem kleinen Ja mit 54:43 Prozent. Bei gfs.bern resultiert ein klareres VerhÀltnis von 60:35 zugunsten der Sache.

Was ist im Detail Sache ist?
Bei den Gesetzesreferenden zu Covid19 resp. Co2 kommt die Opposition gegen die Behörden von rechts. Im Nein ist zweimal die SVP-WĂ€hlerschaft. Bei der FDP ist man fĂŒr das Covid19 Gesetz, unklar bleibt die Mehrheit aber in der Co2 Frage. Tamedia zeigt da einen Nein-Mehrheit, gfs.bern das kleinstmögliche Ja mit einem Prozentpunkt Differenz.
Klar bĂŒrgerliche geprĂ€gte ist die Opposition gegen die beiden Volksinitiativen. Die Mehrheiten von SVP, FDP und DM sind im Nein. DafĂŒr wollen die AnhĂ€ngerschaften von SP, GrĂŒnen und GLP mehrheitlich Ja stimmen.
Die grösste bisherige Ueberraschung ergibt sich beim PMT-Gesetz. Nicht nur kennt es recht komfortable Ja-Mehrheiten in beiden Umfragen. Es ist auch ist die Opposition von links verhalten. Bei gfs.bern wollen die WĂ€hlenden von SP, GrĂŒnen und GLP mehrheitlich Ja stimmen; bei der Tamedia-Erhebung war dies bei der GLP der Fall. Erinnert sei, dass das Referendum aus den Kreisen ihrer Jung-Parteien stammt, und auch die Mutterparteien eine Nein-Parole beschlossen hatten.

Stimmabsicht Covid19 nach Regierungsvertrauen

Grafik anclicken, um sie zu vergrössern

Die SRG-Umfrage legt zudem eine interessante Besonderheit offen: Die Ablehnung aller drei Gesetzesvorlagen steigt, je misstrauischer die BĂŒrgerInnen sind. Das ist nicht neu, aber namentlich beim Covid19 Gesetz ausgeprĂ€gt der Fall. Die ausserinstitutionelle Opposition liess dies erwarten.
ErwĂ€hnenswert sind schliesslich Stadt/Land-Unterschiede bei allen drei Vorlagen mit einem ökologischen Bezug. Es kommt dazu, dass sie besonders in den Mittelschichten weniger UnterstĂŒtzung haben.
Gewisse Unterschiede in den Stimmabsichten gibt es auch zwischen den Geschlechtern. Frauen sind umweltfreundlicher als MÀnner. Aber nirgends hÀngt die gegenwÀrtige Zustimmungsmehrheit nur an ihnen.

Evaluierung Umfragetrends

Tabelle anclicken, um sie zu vergrössern

Was kommt?
Bei Volksinitiativen ist seit lÀngerem bekannt, dass die anfÀnglichen Zustimmungswerte im Abstimmungskampf sinken. Das hat damit zu tun, dass Initiativen meist von links oder rechts kommen und die Mitte und Ungebundene mit der Dauer des Abstimmungskampfes skeptischer wird. Bezogen auf die beiden Landwirtschaftsinitiativen könnten die gegenwÀrtig knappen Mehrheiten im Ja durchaus noch kippen.
Bei Behördenvorlagen gilt meist eine andere Entwicklung. Die Unentschiedenen verteilen sich auf beide Seiten. Aktuell hiesse das, alle drei Gesetzesvorlagen wĂŒrden angenommen.
Doch ist genau das nicht ganz sicher. Denn in den letzten 6 Monaten zeigt sich da ein neuer Trend: Auch da nahm die Zustimmung fast immer ab.
Das dĂŒrfte mit der besonderen Lage des Corona-Regimes zu tun haben. Vor allem wĂ€hrend der zweiten Welle der Ausbreitung war das Regierungsvertrauen zwar nicht generell angeschlagen, aber bei der wahrgenommenen FĂ€higkeit, die Corona-Krise bewĂ€ltigen zu können. Festgehalten sei, dass die Mehrheit der Stimmwilligen dem Bundesrat vertraut.
Deshalb ist nicht auszuschliessen, dass bei den Gesetzesreferenden die Nein-Anteile steigen selbst zulasten der Ja-Werte steigen. Das heisst hier nicht zwingend, dass die Mehrheiten Àndern. Aber es ist gut möglich, dass die VerhÀltnisse knapper werden.
Zu erwarten ist dies insbesondere, wenn auch die Beteiligung steigen sollte. LeeWas Ă€ussert sich dazu nicht; gfs.bern rechnet aktuell mit einem ĂŒberdurchschnittlichen Teilnahmewert 52 Prozent. Wenn er weiter zunimmt, ist die Wahrscheinlichkeit grösser, dass vor allem misstrauischen Menschen mobilisiert werden und damit die Unsicherheit der AbstimmungsausgĂ€nge etwas zunimmt.

Wie meine Abstimmungsprognosen entstehen

Kann man Abstimmungsergebnisse vorhersehen. Ich bin ĂŒberzeugt, dass die Antwort Ja lautet, sie aber nicht unabhĂ€ngig vom Zeitpunkt gegeben werden kann.

Meine 5 Abstimmungsvoranalysen fĂŒr Nau.ch in den letzten Tagen beinhalteten stets eine mehr oder weniger klar. Konkret ging ich davon aus,

das Covid19 Gesetz werde angenommen
das CO2 Gesetz resp. das PMT Gesetz habe mehr Chancen auf ein Ja als ein Nein und
die bei den beiden Landwirtschaftsinitiativen sei das genau umgekehrt.

Bisherige Tools
Um eines klar zu machen: Das sind nicht meine prÀferierten Abstimmungsergebnisse. Es sind die Resultate eine AbklÀrung mit vorerst 5 Tools. Namentlich sind dies:


Grafik abclicken, um sie zu vergrössern

. Mehrheiten Nationalrat: Ich beschrĂ€nke mich jeweils auf die Schlussabstimmung im Nationalrat, da sich GegensĂ€tze im StĂ€nderat am Ende hĂ€ufig einebnen. Generell gilt: Ja klarer der Nationalrat fĂŒr eine Vorlage ist, desto eher wird es in der Volksabstimmung angenommen. Allerdings schliesse ich nicht direkt. Vielmehr werden Initiativen und Behördenvorlagen gesondert umgerechnet, was aus der Erfahrung der wahrscheinlichste Ja- resp. Nein-Wert ist. Das Verfahren liefert sehr frĂŒh Anhaltspunkte, ist aber mit einem erheblichen Streufehler verbunden, das es die Dynamiken des Abstimmungskampfes nicht vorwegnimmt.
. Textanalysen AbstimmungsbĂŒchlein: Dieses Verfahren ĂŒbernehmen ich direkt von www.stellus.ch. Es basiert auf einer systematischen Textanalyse des AbstimmungsbĂŒchleins, die in Beziehung zum Abstimmungsergebnis gesetzt wird. Das VerhĂ€ltnis wird mittels Machine Learning bestimmt. Sehr hĂ€ufig folgt es der Regel, dass Behördenvorlagen angenommen und Volksinitiativen abgelehnt werden. Das Verfahren ist robust, wenn auch nicht fehlerfrei.
. Parteiparolen: Gesammelt werden alle Parteiparolen der Mutter- und Jungparteien. Sie werden danach bewertet, wie hĂ€ufig sie in der Vergangenheit mit dem Abstimmungsausgang ĂŒbereinstimmten. Prognosen ergeben sich, wenn die Parteiparolen vorliegen. Das sind in aller Regel die Empfehlungen der Zentrumsparteien. Aktuell am zutreffendsten sind die Parolen der GrĂŒnliberalen resp. der DieMitte.
. Wettbörse: Dieses Verfahren ĂŒbernehme ich von www.50plus1.ch. Das ist die fĂŒhrende Wettbörse bei Schweizer Volksabstimmungen. Sie fĂŒhrt in einem Panel sehr interessierter Menschen regelmĂ€ssig eine Wette auf den Abstimmungsausgang durch. Das Verfahren isst vor allem zu Beginn geeignet. Sobald Abstimmungen vorliegen, wird es aber nachhaltig durch diese beeinflusst. Die Prognosekraft ist gegeben, wenn auch nicht fehlerfrei.
. Erste Umfrage bei Stimmberechtigten: Die erste Umfrage stammt regelmÀssig aus dem Hause Tamedia. Gemacht wird sie von www.leewas.ch. Sie wird aufgrund einer gewichteten Mitmacherhebung gemacht. Bei Volksinitiativen ist sie anfÀnglich zu stark im Ja, bei Behördenreferenden bisweilen zu kritisch. Ohne Umrechnung der VerÀnderungen im Abstimmungskampf kann man keine Prognosen machen, mit schon.

Bedingungen fĂŒr Vorhersagen
Da kein Verfahren fehlerfrei ist, verwende ich das Vorgehen, das die Prognoseliteratur zur Absicherung hĂ€ufig vorschlĂ€gt. Die verschiedenen Prognosen werden gleichwertig neben einander gestellt. Kommen sie alle zu identischen SchlĂŒssen, ergibt sich eine gesicherte Vorhersage. Ohne das muss der Ausgang offen gelassen werden.
Zwei Voraussetzung mĂŒssen erfĂŒllt sein:
Erstens, die Tools mĂŒssen unabhĂ€ngig voneinander sein. Das sind sie, vielleicht ausser bei der Wahlbörse und der Umfrage.
Zweitens, bei Prognosen spielt der Zeitpunkt keine Rolle, bei Momentaufnahmen nimmt man den Endpunkt von Trends. Das gilt jetzt und bis zum Abstimmungstag fĂŒr Umfrageserien und fĂŒr Wettbörsen. Das sind nicht schlechtere Vorhersagen, sondern solche die Strukturen und Dynamiken miteinander verbinden.
Sobald Zeitpunkt-abhĂ€ngige Vorhersagen berĂŒcksichtigt werden, gilt auch die bilanzierte Gesamtprognose nicht absolute, sondern muss regelmĂ€ssig aufdatiert werden.
Am Ende des Abstimmungskampfes werden noch zwei weitere Tools hinzu kommen: die Medien- resp. die Werbeanalyse von APS und Fög.
Selber arbeite ich an Prognosen aufgrund des Konfliktmuster, das sich aus den Parolen ergibt. Da bin ich noch nicht soweit, dass ich das schon quantifizieren kann.

Ausblick
Alle diese Verfahren beziehen bezieht sich nur auf das Volksmehr. Das StÀndemehr kann so nicht abgeschÀtzt werden. Dazu spÀter mehr.
Uebrigens: Dies hier sind Vorarbeiten fĂŒr meine Forschungsseminar auf Masterstufe, das ich im Herbstsemester am Institut fĂŒr Politikwissenschaft der Uni Bern halten werde.