Archive for the 'Zum Nachdenken' Category

Kurzanalyse der FDP-Niederlage – f√ľr die Junge FDP

Die Junge FDP Baselstadt hat mich gebeten, eine Kurzanalyse der Wahlniederlage 2011. Hier die knappeste Form, die auch im Speaker’s Corner, der Zeitschrift Jungfreisinnigen erscheint. Meine generelle These ist: das 20-Prozent-Partei, liberaler Pol und vermehrte Profilierung nicht miteinander aufgehen.

Sie haben das Wahlergebnis der FDP.Die Liberalen mit einer Differenz von 0.1 Prozent sehr genau prognostiziert (effektives Ergebnis 15.1%, Ihre letzte Prognose 15.2%). Wieso wurde der ¬ęKrebsgang¬Ľ der FDP.Die Liberalen in den vergangenen Wahlen nicht gestoppt?Die Fusion mit den Liberalen und der Ersatz beider Bundesr√§te haben der Partei neuen Schwung gegeben. Der Reaktorunfall in Fukushima brachte die Fahrt der FDP aber j√§h ins Stocken. Die Reaktionen der Parteien waren mehrfach unklar. Davon hat sich die Partei nicht erholt. W√§hrend der Frankenkrise handelte zudem der Wirtschaftsminister wenig erfolgreich. Das alles hat der FDP als Partei nicht geholfen und verhindert, dass die FDP den angestrebten Tournaround schaffte. Immerhin, sie reduzierte die Verluste auf kantonaler Ebene w√§hrend den letzten vier Jahren um rund die H√§lfte.

Was braucht es, um die FDP.Die Liberalen wieder auf Wahlerfolge zu trimmen?
Aus meiner Sicht braucht es eine saubere Wahlanalyse. Die FDP träumt, der liberale Pol im Parteiensystem zu sein, damit an Profil zu gewinnen und 20 Prozent WählerInnen zu haben. Ob das alles miteinander zu haben ist, wurde bisher nicht untersucht, und es gibt kaum einen Benchmark unter den europäischen liberalen Parteien, dem man einfach so nacheifern könnte. Jetzt ist Grundlagenarbeit gefragt.

Wieso hat die FDP.Die Liberalen als einzige Partei ehemalige Wähler an die Nichtwähler verloren (laut Ihrer Umfrage)?
Die FDP hat in j√ľngster Zeit zu viele Neupositionierung aus der Situation heraus vorgenommen, ohne dass dabei eine erfolgreiche Parteistrategie sichtbar geworden war. Themen wie das Bankgeheimnis und die Kernenergie stehen typischerweise daf√ľr. Oder: 2010 machte man bei der Allianz der Mitte mit, 2011 distanzierte man sich regelm√§ssig davon. Das verunsichert jedes Mal einen Teil der bisherigen W√§hlerschaft. Einigermassen gebettet war meines Erachtens nur die Kurskorrektur in der Migrationsfrage, verbunden mit dem Nein zur EU, aber dem klaren Ja zu Personenfreiz√ľgigkeit.

Die Wahlumfragen zeigten denn auch, dass die Abwanderung von FDP-W√§hlenden zur SVP gestoppt werden konnte. Daf√ľr ist der √úbergang zur glp weiter offen denn je. In welche Richtung soll die kommende Parteipr√§sidentin bzw. der kommende Parteipr√§sident die FDP.Die Liberalen f√ľhren?
Zuerst eine Warnung: Die FDP hat in den letzten Jahren mehrfach die Köpfe an der Spitze ausgewechselt und gehofft, nun komme alles gut. Das war ein regelmässiger Trugschluss. Denn es braucht auch eine politische Analyse, ein Programm, das dazu passt, eine Generationenerneuerung, die damit verbunden wird, und einen Gesamtauftritt, der das klarer macht. Der momentane Stand der Dinge zeigt, dass man nur den ersten und letzten Punkt diskutieren will: die Parteispitze und die Kommunikation.

Wie soll die FDP.Die Liberalen auf die mögliche Bildung einer lockeren Fraktionsgemeinschaft von CVP, BDP und glp reagieren?
Kurzfristig k√∂nnen solche Ver√§nderungen die Bundesratswahlen beeinflussen, mit dem ungem√ľtlichen Aspekte, dass SVP und FDP zusammen Anspruch auf drei Sitze anmelden k√∂nnen. Aus meiner Sicht gibt es f√ľr die FDP aber zwei generellere Fragen zu kl√§ren: die erste betrifft das elektorale Ph√§nomen, dass die Polarisierung gestoppt ist und sich ein neues Zentrum ohne weite Teile der FDP formiert hat, und die zweite betrifft die organisatorische St√§rke dieser neuen Mitte. Lockere Gemeinschaften sind auch aus FDP Sicht einfach zu kritisieren. Eine gemeinsame Fraktion zwischen CVP/EVP und BDP oder eine Union zwischen CVP und BDP w√ľrden die FDP indessen ernsthaft herausfordern.

Was verstehen Sie unter Konkordanz?
Dass die relevanten politischen Kräfte, Parteien und Verbände, weitgehend auf Machtkämpfe verzichten, um in der Sache gemeinsame Lösungen zu finden, das an Personen delegieren, die ihre Gruppen vertreten, aber auch bereit sind, mit Repräsentanten anderer zusammenzuarbeiten und flexible Mehrheiten akzeptieren, damit sich alle Beteiligten auf Dauer identifizieren können. Das nenne ich Regierungskonkordanz, von der wir nach meiner Einschätzung einiges entfernt sind, während wir mit der plurikulturellen Gesellschaft, dem Föderalismus und der direkten Demokratie unverändert starke Konkordanzzwänge haben, die struktureller Natur sind.

Interview mit Speeker’s Corner, der Zeitschrift der Jungfreisinnigen in Basel

Der St√§nderat r√ľckt nach links

Eben ist die letzte St√§nderatswahl entschieden worden. Im Kanton Solothurn nimmt die CVP der FDP einen Sitz ab. Damit ist auch die kleine Kammer des eidgen√∂ssischen Parlaments komplett. Gegen√ľber 2007 r√ľckt der St√§nderat dank den Sitzgewinnen der SP etwa nach links, und in der kleinen Kammer wurden die kleinen Parteien etwas gest√§rkt. Eine Uebersicht.

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Am besten vertreten ist im neuen St√§nderat die CVP, gefolgt von FDP und SP, die gleich auf sind. Sie stellen 13 resp. 11 KantonsvertreterInnen. Danach klafft eine grosse L√ľcke; die SVP kommt auf 5 Vertreter, die GPS und die GLP auf je 2 Mandate, w√§hrend die BDP 1 Standesvertreter hat. Hinzu kommt Thomas Minder aus Schaffhausen; er will sich als Parteiloser der SVP anschliessen.

Gegen√ľber der Vorwahl im Jahre 2007 legt die SP mit 2 Sitzgewinnen am meisten zu; gest√§rkt werden auch GLP, BDP und Parteilose. Es verlieren die SVP und CVP je 2 Mandate und die 1 hat eines weniger. Halten kann sich die GPS.
Deutlicher nich wird die Entwicklung weg vom Zentrum hin zu rotgr√ľn, wenn man auf die Trends √ľber eine Wahl hinweg abstellt. Augenf√§llig ist der Niedergang der FDP, die im St√§nderat von 1999 noch 18 Sitze hatte. 19 hatte die CVP 1987. Beide Parteien verlieren seither bei den St√§nderatswahlen Mandate, k√∂nnen sich bestenfalls halten.
Im neuen St√§nderat verf√ľgen CVP und FDP noch √ľber eine gemeinsame St√§rkte, die f√ľr das absolute Mehr gerade noch reicht. Die CVP hat die M√∂glichkeit, das auch via SP zu suchen. Hatte diese Partei 1991 nur 3 VertreterInnen in der kleine Kammer, ist sie heute mit 11 auf dem historischen H√∂hepunkt. Aufgestiegen sind auch die GPS und GLP, die beide im St√§nderat von 2003 noch nicht repr√§sentiert waren. Das gilt auch f√ľr die BDP, die offiziell seit neuestem ein St√§nderatspartei ist. Der SVP, st√§rkste Partei im Nationalrat, gelang es dagegen nicht, im St√§nderat zuzulegen. Zum zweiten Mal in Serie verringerte sich die Zahl ihrer Vertreter in der kleinen Kammer.
Spannen CVP, FDP und SVP zusammen, hat das b√ľrgerlichen Lager eine konfortable Mehrheit im St√§nderat. Das k√∂nnen aber auch CVP, SP und GPS erreichen, genauso wie CVP, SP, GLP und BDP. Trotz den Sitzverlusten bleibt die Scharnierfunktion bei der CVP; sie wurde eher noch gest√§rkt, denn sie kann sie in B√ľndnissen von 3 Parteien nach rechts und links herstellen, w√§hrend die FDP das nach links nicht mehr wirklich kann.

Claude Longchamp

Blau und rot stehen f√ľr Politik und Kommunikation als Schwerpunkte meiner Forschung

Meinen Vortrag von heute morgen k√ľndigte ich als dreifach exklusiv an: denn es war der erste, einzige und damit auch der letzte mit (roter) Krawatte statt (blauer) Fliege. Das kam so.

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Bewusst ungewohnt: Claude Longchamp mit Krawatte

MIKA hiess die Organisation, vor der ich heute sprach. Das sind die Kommunikationsfachleute der Schweizer Armee, die bestrebt sind, Erfahrungen aus der Privatwirtschaft in die Armee zu transferieren, wobei die so Ausgebildeten ihre Erfahrungen wieder in die Zivilgesellschaft tragen.

Mir ging es um die Armee in der Mediengesellschaft: “Krisen, K√∂pfe und Kommunikation”, lautete der Titel meines Referates. Dabei ging es mir um die Weiterentwicklungen des Sozialen, das gegenw√§rtig um das Mediale erweitert wird. Ich sprach √ľber Images, Gesamteindr√ľcke, die nahe bei der Emotion sind, und Reputation, welche als Verhaltenserwartung einer Person oder Organisation gerade in der Mediengesellschaft vermehrt vorausgeht.

Das Material sch√∂pfte ich aus systematischen Beobachtungen √ľber die Armee aus den Jahren 2006 bis 2009, dem ereignisreichen Fenster, das mit dem Jungfrau-Unfall begann, durch die Trag√∂die auf der Kander beschleunigt wurde, zwischendurch vom Schiessunfall in Z√ľrich-H√∂ngg √ľberschattet war, und im Fall Nef, dann Schmid endete. Zur Sprache kamen Medienanalysen wie auch Bev√∂lkerungsbefragungen. Meinen Schluss widmete ich den Erkenntnissen f√ľr die Kommunikationswissenschaft aus dem Projekt einerseits, den Lehren f√ľr die PraktikerInnen, die Medienkampagnen ausgesetzt sind anderseits.

Zentrale These war, dass die Aktualit√§t in der Mediengesellschaft volatiler denn je sei, und diese Aktualit√§t die Reputation stresse. Diese k√∂nne so zwar gest√§rkt werden, aber auch Schaden nehmen. Ob sich das auf das basale Image mit seinen ziemlich festgefahrenen Stereotypen und bildhaften Vorstellungen auswirke, h√§nge vom Alltagsimage ab. Sei dies schwach ausgepr√§gt, wirkten sich Reputationsver√§nderungen direkt auf das Image aus, im Guten wie im Schlechten. Wenn es stark ausgepr√§gt sei, funktioniere es wie ein Trampolin, dass Schl√§ge ausgleiche, Gegenschw√ľnge mobilisiere und das Kurzfristige gegen√ľber dem Langfristigen ausbalanciere.

Die Diskussion dazu, vor allem, was das im Konkreten bedeute, war ganz anregend. Noch anregender war indes die Auseinandersetzung mit meinem verfremdeten Bild. Um nach einem intensiven Wahljahr zu zeigen, dass gfs.bern nebst Politanalysen auch Kommunikationsanalyse leistet, habe ich die Institutssymbole f√ľr beide Schwerpunktebereiche vertauscht. Statt blau, unserer Farbe f√ľr Politik, w√§hlte ich Rot, das Signal f√ľr Kommunikation. Und statt der erwarteten Fliege trug ich eine Krawatte, wie das meine Nachfolger in der √ľbergeordenten Projektleitung tun.

F√ľr diese Irritation erhielt ich schon nach den ersten erkl√§renden Worten tosendem Appplaus.

Claude Lonbgchamp

Dem Sturm aufs Stöckli ist die Luft ausgegangen

Die SP ist die Wahlsiegerin bei den diesjährigen Ständeratswahlen. Ganz anders als es die SVP anfangs Jahr prophezeit hatte. Eine ausgebaute Version meiner Instant-Analyse.

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Die 3B der SVP: Brunner, Blocher, Baader, Spitzenkandidaten bei den Ständeratswahlen 2011, sind in der Volkswahl alle gescheitert.

Es war nicht Christoph Blochers Tag. Zuerst scheiterte seine zweite Kandidatur f√ľr den St√§nderat im Kanton Z√ľrich grandios. Damit war er indes nicht allein. Nach Bern verlor seine SVP auch den St√§nderatssitz im Aargau, und neben Z√ľrich hatte die SVP auch in St. Gallen keinen Erfolg. Noch schlimmer: Vor laufender Kamera negierte der SVP-Stratege, es habe je einen Generalangriff auf den St√§nderat, den Sturm auf St√∂ckli, gegeben. So ver√§rgert war er.
Die Fakten jedenfalls zeigen, dass die kleine Kammer nicht die Dunkelkammer der Nation ist, wie es im Wahljahr von der SVP beklagt worden ist. Sicher, Namensabstimmungen werden, anders als im Nationalrat, im St√§nderat nicht elektronisch dokumentiert. Doch heisst das nicht, dass man nichts √ľber das Stimmverhalten der Standesvertretungen und die Pr√§ferenzen der kleinen Kammer w√ľsste. Ueberhaupt, seit der j√ľngst erfolgten Renovation des St√§nderatssaals k√∂nnte man die zweite Parlamentsabteilung auch die chambre de lumi√®re nennen.

Der neu erleuchtete Saal wird, bei der Eröffnung der neuen Legislatur, neu besetzt sein. Bis auf den zweiten Sitz in Solothurn ist zwischenzeitlich alles klar: Der neue Ständerat wird 12 oder 13 CVP-VertreterInnen haben, 11 bis 12 Abgeordnete mit FDP-Parteibuch, 11 von der SP, 5 aus den SVP-Reihen, je 2 der GPS und GLP und 1 der BDP. Hinzu kommt der parteilose Thomas Minder, der sich einer Fraktion anschliessen will, ohne schon zu wissen welcher.
Insgesamt ist der neue St√§nderat nicht rechter, sondern linker best√ľckt sein. Verglichen mit 2007 hat die SP zwei Mandate mehr, die GLP, die BDP und die Parteilosen je eines. Die CVP verliert 2 oder 3, die SVP 2, die FDP allenfalls 1. Da w√§hrend den letzten 4 Jahren je ein Sitz von der SVP zur BDP, von der CVP zur GLP und von der SP zur SVP verschob, sind die kurzfristigen Ver√§nderungen quantitativ recht gering.
Stellt man dagegen auf den Ueberblick der letzten 20 Jahre ab, hat sich die SP von 3 auf 11 Sitz gesteigert, und ihren Rekordstand erreicht. Die SVP legte von 4 auf 5 zu, war vor√ľbergehend einmal bei 8. Neu im St√§nderat sind die GPS und die GLP. Zugenommen hat damit die Pluralisierung der vertretenen politischen Richtungen, etwas h√∂her ist auch die Polarisierung. Bezahlt haben diesen Wandel weitgehend die FDP, die von 18 auf 11 oder 12 sinken wird, und die CVP deren Vertretung sich von 16 auf 12 oder 13 verringern k√∂nnte. F√ľr beide Parteien ist dies ein historischer Tiefststand.

Hauptgrund f√ľr diese Entwicklungen sind die Ver√§nderungen in der Allianzbildung. Majorzwahl gewinnt man als Minderheitspartei jedweder Gr√∂sse nur mit √ľberparteilichen Absprachen. Im zweiten Wahlgang m√∂gen diese rein taktisch sein, im ersten sind sie strategisch. Genau das hat sich in den letzten zwei Dekaden ver√§ndert. Gewachsen ist die Zahl der KandidatInnen im ersten Wahlgang, was das parteiegoistische Stimmen vermehrt hat; das hat die Abwahlchancen selbst Bisheriger erh√∂ht, und den direkten Einzug in den St√§nderat erschwert. Dabei hat sich der vormals entscheidende b√ľrgerliche Schulterschluss St√ľck f√ľr St√ľck verringert, was insgesamt allen Parteien rechts der Mitte geschadet hat. Gleichzeitig ist insbesondere im zweiten Wahlgang einiges mehr m√∂glich geworden, vor allem die Abgrenzung gegen√ľber Polparteien.

Was lange links geschadet hat, wirkt sich heute gegen rechts aus. Konnte die SVP bis 2003 ihre Ständeratsvertretung schrittweise verstärken, wird diese seither ebenso von Mal zu Mal geringer. Warum? Hier meine Hypothesen:
Erstens, die SVP hat sich zusehends parteipolitisch isoliert. Sie hat das Profil der Partei bei der Benennung von Missst√§nden √ľber alles gestellt. Das hilft in polarisierten Wahlen neue W√§hlende zu mobilisieren, was im Proporzwahlrecht ein Erfolgsgarant ist. Bei Majorzwahlen kann dies jedoch genau den gegenteiligen Effekt haben. Den n√∂tigen Sprung zur staatstragenden Partei hat sie definitiv nicht geschafft.
Zweitens, die SVP setzte insbesondere bei diesen St√§nderatswahlen auf ihre schwergewichtigen Nationalr√§te. Das ist angesichts der Funktion des St√§nderates, die Kantonsvertretung im Bund zu sein, aber auch der Kultur des √ľberparteilichen aufeinander Zugehens, kein Erfolgsrezept. Zu gut weiss man: zu profilierten K√∂pfen versagt man im St√§nderat gerne die Unterst√ľtzung bei ihren Vorst√∂ssen.
Drittens, die SVP lancierte ihren St√§nderats-Angriff 2011 zentralisiert mit der √ľbergeordneten Botschaft, Licht in die Dunkelkammer zu bringen. Das alleine war ein Anspruch voller Despektierlichkeit, die in einem rechtspopulistischen Umfeld gehen mag, f√ľr eine Kantonsvertretung indessen keine g√ľltige Basis abgibt.
Viertens, die SVP √ľbertrieb es mit ihrer Wahlwerbung. Was 2007 wegen den Inhalten schon Thema war, wurden 2011 schlicht als Versuch gewertet, politischen Erfolg erkaufen zu wollen. Das ruft bei der Konkurrenz Nein hervor, und es hinterl√§sst bei den W√§hlenden den Eindruck, dass mehr vor und weniger hinter der Aktion steckt.

So war das Rezept falsch, auch wenn die Diagnose der SVP nicht einfach von der Hand zu weisen ist. Der St√§nderat hat sich nach strukturell nach links bewegt, f√ľr rote und gr√ľne Parteien ge√∂ffnet. Das hat mit der Neudefinition der politischen Lager zu tun, vor allem zwischen Stadt und Land. Auf dem Land mag der Rechtskurs gehen. Die Doppelvertretung der SVP im Kanton Schwyz ist Ausdruck davon. In den St√§dten ticken die B√ľrgerInnen jedoch anders: nicht mehr nur in der Romandie, auch in beiden Basel, Bern, Aargau und St. Gallen schicken lieber (parteipolitisch)gemischte Doppel nach Bern, die unter sich ausmachen sollen, was wohin das Pendel der ungeteilten Standesstimme in wichtigen Fragen ausschlagen soll, als dass ungeschaut das b√ľrgerliche Lager, das es immer weniger gibt, stimmen w√ľrden.

Auch das ist ein Teil der neuen Abstimmung, Harmonisierung oder Zentrumsbildung, von der man seit diesen Wahlen wieder vermehrt spricht. Wahrlich, kein Tag f√ľr Alt-Bundesrat Blocher, der so vieles erreicht hat, wohl aber nie Z√ľrcher St√§nderat werden wird.

Claude Longchamp

Von der Allianzbildung im neuen Parlament

Die neue Legislatur r√ľckt n√§her, die Fraktionen bilden sich und die letzten Stichwahlen in den St√§nderat finden demn√§chst statt. Ein guter Moment, √ľber Allianzbildung im neuen Parlament nachzudenken.

Noch kennt man die definitive Zusammensetzung des St√§nderats nicht. Unterstellt man aber, dass an diesem Wochenende Verena Diener und Felix Gutzwiller im Kanton Z√ľrich, Bruno Frick in Schwyz, Markus Stadler in Uri sowie Toni Brunner oder Paul Rechsteiner in St. Gallen gew√§hlt werden und sich in einer Woche Pirmin Bischof in Solothurn durchsetzt, wird die SVP unver√§ndert die gr√∂sste Fraktion stellen, neu die SP folgen, dann die vergemeinschaftteten CVP/EVP kommen und die FDP die viertgr√∂sste Gruppe im Bundeshaus sein. Dahinter reihen sich GPS, GLP und BDP ein. Keine eigene Fraktion bilden k√∂nnen die Lega und das MCR; das gilt auch f√ľr den Schaffhauser St√§nderat Thomas Minder.

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Die von links geforderte Mitte-Fraktion aus CVP und kommt offenbar nicht zustande. Das liessen CVP und BDP gestern von sich hören. Damit tauschen die SP und die CVP ihre Positionen in der Fraktionsgrösse definitiv. Die CVP, aufgestockt durch CSP und EVP, rangiert indessen unverändert vor der FDP-Fraktion.

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Was heisst das f√ľr die anstehenden Bundesratswahlen? – Relativ wenig, ist meine erste Antwort. Bezogen auf die Parteist√§rke ist die FDP vor der CVP, wenn man auf die Parlamentssitze abstellt, ist es umgekehrt. Ohne starke Zentrumsfraktion bleibt das numerische und politische Gewicht der neuen Mitte zur√ľck. Die Arithmetik spricht f√ľr je 2 SVP- und SP-Regierungsitze, w√§hrend es auf die verwendete Kennzahl ankommt, ob FDP, CVP auf zwei Sitze kommen. Rechnerisch nicht begr√ľnden l√§sst sich der BDP-Sitz, denn die GPS ist st√§rker. Eveline Widmer-Schlumpf wird man also nur aus der Konstellation heraus f√ľr den neuen Bundesrat empfehlen k√∂nnen: im Sinne des Status Quo, zur personellen Stabilisierung des Gremiums oder als Beitrag zur parteipolitischen Sicherhung der Ausstiegsmehrheit im Bundesrat.

Sachpolitisch sind im kommenden Parlament mehrere Zusammenschl√ľsse mehrheitsf√§hig. Reduziert man das auf zwei Parteien, erf√ľllen SVP und SP das Kriterium im Nationalrat, nicht aber im St√§nderat. Politisch macht das aber am wenigsten Sinne, allenfalls als Blockiermehrheit in der grossen Kammer. Numerisch √ľber keine Mehrheit verf√ľgen SVP und FDP, die beide damit lieb√§ugeln, im Bundesrat eine Mehrheit stellen zu k√∂nnen. Diese w√§re aber in keiner der beiden Kammer abgest√ľtzt, sodass es einen weiteren Partner br√§uchte.

Treten Links und Mitte geeint auf, verf√ľgen sie sowohl im National- wie auch im St√§nderat √ľber eine Mehrheit. Einfach ist das indessen nicht, denn es braucht eine Koordination von GPS, SP, GLP, CVP/EVP und BDP. Das st√§rkt die Position der CVP. Denn kann auch nach rechts Mehrheiten beschaffen. Im St√§nderat reicht es wohl ganz knapp mit FDP und BDP, im Nationalrat indessen nicht. Da braucht es entweder ein Zusammengehen mit der SVP, zumindest mit einer Minderheit deren Fraktion. Generell wird auch die FDP die M√∂glichkeit haben, eine Scharnierfunktion einzunehmen. Kooperiert sie mit den linken neuen Mitte-Parteien, reicht es ebenfalls f√ľr Mehrheiten in beiden Kammern, selbst wenn die CVP dagegen h√§lt. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Allianz ist aber gering. Mehrheitsf√§hig ist schliesslich auch die b√ľrgerliche Allianz, zusammengesetzt aus SVP, CVP/EVP und FDP. Da braucht es die BDP nicht.

Oder anders gesagt: Sichere Allianzen ergeben sich nur aus drei Fraktionen: Das ist der Fall, wenn sich SVP, FDP und CVP absprechen oder wenn dies zwischen SP, CVP und FDP der Fall ist. Denkbar sind aber Allianzen aus SP und CVP, erweitert durch die kleinen Fraktionen von GPS, GLP und BDP, und à la Limit funktioniert dies auch mit der FDP- statt der CVP-Fraktion.

Das ist nicht ganz anders als im alten Parlament, aber auch nicht mehr ganz gleich. Gest√§rkt wurde auf jeden die Mitte/Links-Variante in beiden Kammer, geschw√§cht die Allianzbildung der FDP nach links. Bei einer Fusion oder Fraktionsgemeinschaft von CVP und BDP w√ľrde alles klarer. Denn nur die neue Mitte h√§tte die M√∂glichkeit, sowohl nach rechts wie auch nach links Mehrheiten herzustellen. Die FDP w√§re dieser M√∂glichkeit beraubt.

Claude Longchamp

Das b√ľrgerliche Lager ist nicht mehr

Seit Wochen umtreibt mich ein Thema, das sich in der j√ľngsten St√§nderatswahl im Kanton Bern so klar gezeigt hat: Das b√ľrgerliche Lager geh√∂rt der Geschichte an.

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Orlando im heutigen Bund, als Illustration zur Berner St√§nderatswahl, die ich in einem ausf√ľhrlichen Interview analysierte.

Im Vorfeld der Berner St√§nderatswahlen war viel vom b√ľrgerlichen Schulterschluss die Rede. Nahmhafte Wirtschaftsverb√§nde empfahlen ihn, und die SVP strebte ihn nach dem ersten Wahlgang an. Die ungeteilte Standesstimme diente als Begr√ľndung, dass sich an der Zusammensetzung – 1 SVP, 1 BDP – nichts √§ndern sollte.
Die faktische Szenerie war in dessen anders. Alles begann mit der Ank√ľndigung der St√§nderatskandidatur der FDP – gegen zwei B√ľrgerliche. Um sich Vorteile bei den Nationalratswahlen zu verschaffen, zogen auch verschiedene Kleinparteien mit eigenen Bewerbungen nach. Selbstredend nominierte auch die Linke, um, wie zu Zeiten Sommarugas, wieder im St√§nderat vertreten zu.
Man weiss es, wie es kam: Im ersten Wahlgang setzten sich Amstutz, Luginb√ľhl und St√∂ckli an die Spitze der BewerberInnen und markierten so ihre Favoritenrollen f√ľr die rechte W√§hlerschafte, jene der Mitte und f√ľr das linke Elektorat. Im zweiten Umgang zogen Luginb√ľhl und St√∂ckli an Amstutz vorbei, womit sich die Berner Standesvertretung erstmals aus einem BDP- und ein SP-Mitglied zusammensetzt.

In der Erstanalyse habe ich die Behauptung aufgestellt, dass es das b√ľrgerliche Lager in Bern, wohl auch anderswo nicht mehr geben w√ľrde. Sicher, im Grossen Rat zu Bern, wo SVP, BDP und FDP die Mehrheit haben und einer rotgr√ľn beherrschten Regierung gegen√ľber stehen, stimmt man h√§ufig gemeinsam. Nicht vergessen darf man indessen, dass die gleichen Parteien 2010 angetreten waren, eine Wende im Regierungsrat herbeizuf√ľhren – und grandios scheiterten, nicht zuletzt, weil die Zusammenarbeit nicht klappte, welche der SVP zwei Sitze und damit die F√ľhrungsrolle h√§tte bringen sollen.
Man kann das alles als Ph√§nomen nach einer konkreten Parteispaltung aus der traditionellen SVP heraus abtun, mit der eine gem√§ssigte Zentrumspartei √† la bernoise, und eine rechtskonservative Partei mit Spuren des Z√ľrcher Vorbilds entstanden sind. Es ist aber auch m√∂glich, das als Symptom zu nehmen, dass sich mehr als nur vordergr√ľndiges ver√§ndert.

Was meine ich damit?

Die politische Soziologie lehrt, dass die europ√§ischen Parteien aus der Verarbeitung grundlegender gesellschaftlichen Spaltungen, wie sie die Reformation, die franz√∂sische, b√ľrgerliche, industrielle und russische Reformation hervor gebracht haben, entstanden sind. Formiert wird dies seither durch den Rechts/Links-Gegensatz, wobei b√ľrgerlich die Abgrenzung gegen links bezeichnete, egal aus welcher historischen Konstellation oder sozialen Schicht die W√§hler kamen.

Nun hat die Entwicklung von Gesellschaft und Politik der letzten 30 Jahre gezeigt, dass einiges davon nicht mehr stimmt. Neue Konfliktlinien sind entstanden; Werthaltungen, die bisher unbekannt waren, sind mit nachr√ľckenden Generationen von Bedeutung geworden. Der F√§cher der Parteien hat sich so ver√§ndert. Weltanschaulich mach das Wort “b√ľrgerlich” kaum mehr Sinn, eher spricht man von nationalkonservativen Str√∂mungen, vom liberalen Pol, von christlicher Fundierung von Parteien, oder von Wertesynthesen, die als einzige die Ueberlebensf√§higkeit sichern.

Die Wahlen 2011 haben das eindr√ľcklich best√§tigt. Selbst im Nationalrat gewinnen die Polparteien nicht mehr. Vielmehr zeichnen sich drei, allenfalls sogar vier Lager an: die hegemoniale SVP im rechten, die rotgr√ľnen Parteien links, das neu aufgemischte Zentrum, allenfalls eine Position Mitte/Rechts. Begr√ľndet wird dies damit, dass die bisherigen Parteien ihren Standort nicht mehr in der √ľbergeordneten Gemeinsamkeit suchen, sondern in der Eigenprofilierung, die, durch Abgrenzung am besten markiert werden. Die Polarisierung der letzten Jahre hat nicht nur die ideologische Distanz zwischen den Parteien an den Polen erh√∂ht, sie hat auch das traditionelle Zentrum ausgezehrt, bis es, mit neuen Parteien und neuen Inhalten, in diesem Wahlherbst neu entstanden ist.

Schliesst man sich der Analyse politischer Soziologen, wie der meines St. Galler Kollegen Daniele Caramani an, dann ist das alles nicht einfach so geschehen, sondern Ausdruck der neuen Konfliktlinien, welche die Parteiensysteme pr√§gen: Zu diesen z√§hlt er einmal die Oekologisierung, welche die Gr√ľnen als Pioniere entstehen liess, aber auch gem√§ssigte Parteien wie die Gr√ľnliberalen hervor gebracht hat und innerhalb verschiedener bestehender Parteien zu einer Neuausrichtung gef√ľhrt hat. In der aktuellen Diskussion markiert der Ausstieg aus der Kernenergie diese Konfliklinie, welche die Parteienlandschaft neu aufteilt. Damit nicht genug, auch die Europ√§isierung der Politik ist f√ľr den St. Galler Professor eine neue Spannungslinie, die zur Neudefinition der Parteien gef√ľhrt hat. Der Wandel der SVP als konsequentester Partei gegen die EU z√§hlt dazu, aber auch die Neupositionierung der FDP, die f√ľr die wirtschaftliche Offenheit, zunehmend aber gegen das gesellschaftliche Pendant ist, l√§sst sich hier nennen.

Rekapituliert man das alles, um den Blick auf die aktuellen Parteienlandschaft zu richten, kann man, ganz anders als es die Wahlkampf-Rhetorik der letzten Wochen suggerierte, wohl begr√ľndet zum Schluss kommen, dass es das b√ľrgerliche Lager nicht mehr gibt, dass die Schweizer Parteilandschaft aufbricht, und das wir unterwegs zu neuen Ordnungsmustern des Politischen sind, wie die Nationalratswahlen 2011 zeigten, wie aber auch aus dem Wandel der Berner St√§nderatsvertretung abgeleitet werden kann. Denn da stimmte das Zentrum mit links, was der Definition von b√ľrgerlich zu tiefst widerspricht.

Claude Longchamp

4 Szenarien f√ľr die anstehenden Bundesratswahlen

“Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt!”, lautet eine Volksweisheit. Das beherzigend, verzichte ich auf eine Prognose zu den anstehenden Bundesratswahlen. Daf√ľr skizziere ich hier meine vier Szenarien, von denen jedes etwas an sich hat. Konkreter werde ich heute Abend in einem Vortrag vor der Neuen Helvetischen Gesellschaft in Bern.

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Erstens, der Status Quo: Der neue Bundesrat w√§re demnach, parteipolitisch gesprochen, der alte. Die Vakanz auf dem SP-Sitz von Micheline Calmy-Rey wu√ľrde durch eine Vertretung der SP aus der Romandie ersetzt. Vorteil dieses Szenarios ist die personelle Stabilisierung des Bundesrates, der in den letzten 4 Jahren fast vollst√§ndig ausgewechselt worden ist. In vier Jahren kann man besser beurteilen, ob sich auch die BDP weiter etabliert hat und zu einer vergleichbaren Kraft geworden ist wie die FDP oder die CVP, und ob der Taucher der SVP bei der j√ľngsten Wahl mehr als eine Episode war. Je nachdem kann man dann verbindliche Entscheidungen, etwa im Sinne von Szenario 2 oder 3 treffen. Klar ist, dass die SVP mit diesem Szenario nicht zufrieden sein kann und der Machtkampf zwischen ihr und den anderen Parteien andauern wird. Immerhin, die Partei bek√§me so die Chancen, einen oder zwei ausgewiesene und breit akzeptierte Bundesratskandidaturen aufzubauen. Selbstredend hat vor allem die BDP ein Interesse an dieser Perspektive, auch wenn man die neue Regierung nur noch beschr√§nkt nach dem Konkordanzmuster hergestellt kritisieren w√ľrde.

Zweitens, die R√ľckkehr zur Zauberformel: BDP-Bundesr√§tin Eveline Widmer-Schlumpf w√ľrde dem neuen Bundesrat nicht mehr angeh√∂ren. Da sie ihre Kandidatur angemeldet hat, wird sie in dieser Perspektive abgew√§hlt. An ihre Stelle tritt sofort ein Politiker der SVP. Der Vorteil dieser Variante ist evident: Die Gr√∂sse der Parteien w√ľrde zum entscheidenden Kriterium f√ľr die Zugeh√∂rigkeit im Bundesrat. Indes, die vier Parteien sind nicht mehr die gleichen wie 1959, als man die Formel begr√ľndete. Und damals wurde sie eingef√ľhrt, um die Vorherrschaft der FDP/SVP von Mitte/Links her zu brechen. Jetzt w√§re es ziemlich anders, denn die SVP und FDP erhielten im Bundesrat ein Mehrheit. Das f√ľhrt zur Schw√§che der Variante: Beide Parteien verf√ľgen weder im Parlament noch in der Bev√∂lkerung √ľber eine Mehrheit; sie k√∂nnten aber den beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie empfindlich bremsen. Zudem w√ľrden ausgerechnet die beiden gr√∂ssten Wahlverlierer in der Regierung gest√§rkt. Unzufrieden w√§ren die Linksparteien und die Umweltsch√ľtzerInnen. Interessiert an dieser Variante sind die SVP und die FDP.

Drittens, die Etablierung der neuen Mitte zwischen den Polen: In diesem Szenario bleibt BDP-Bundesr√§tin Widmer-Schlumpf in der Bundesregierung. CVP, BDP und GLP treten in eine lockere Fraktionsgemeinschaft ein. Sie bleiben eigenst√§ndige Parteien, die je eine Fraktion bilden. Sie bilden aber ein √ľbergeordnetes Gremium, das mit einem qualifizierten Mehr √ľbergeordnete Standpunkte diskutieren und beschliessen kann, die f√ľr alle drei Fraktionen G√ľltigkeit bekommen. Gemeinsam melden sie den Anspruch auf zwei Sitze im Bundesrat an, welche das Zentrum abdecken – und zwar zu Lasten der FDP, die als Mitte/Rechts-Partei eine Sitz verl√∂re. Zur H√§lfte ist dieses Szenario gleich wie das zweite; die SVP erhielte als gr√∂sste Partei der Schweiz zwei Sitze. Allerdings w√ľrde dies nicht gegen Bundesr√§tin Widmer-Schlumpf gerichtet sein, sondern gegen Johann Schneider-Ammann. Vorteilhaft w√§re, dass die Zusammensetzung den Kr√§fteverh√§ltnissen unter den Bundeskuppel angepasst w√ľrde. Nachteilig selbstredend, dass nach der SVP auch die FDP an der Konkordanz Zweifeln w√ľrde. Nutzniesser dieser Variante sind letztlich alle – ausser der FDP.

Viertens, jeder gegen jeden: Auch in diesem Szenario kommt es zur Wiederwahl der BDP-Bundesr√§tin Widmer-Schlumpf. Danach brechen aber alle D√§mme. Die SVP attaktiert erfolgreich die FDP. Johann Schneider-Ammann w√ľrde aus dem Amt gedr√§ngt, indes erneut kandidieren, und zwar im letzten Umgang als Nachfolger f√ľr SP-Bundesr√§tin Calmy-Rey. Hier w√ľrde er re√ľssieren. Die so ausgel√∂sten Turbulenzen sind das Ende des Wiederbelebungsversuch der Konkordanz. Die Regierung w√§re weniger aus Strategie entstanden, eher als Unfall. Sie w√ľrde einzeln zum Parlament passen, gesamthaft aber nicht. Mit einer erh√∂hten Diskussion √ľber die Wahl des Bundesrates, sei es aus einer Volkswahl heraus oder aber mit einer Listenwahl im Parlament, w√§re zu rechnen. Gef√ľhrt w√ľrde die Debatte kaum mehr von der SVP, daf√ľr von der SP und der GPS und vielleicht auch der GLP, welche die Zeche bezahlen w√ľrden. Mit Instabilit√§ten der Regierung w√§re zu rechnen, mit Protesthaltungen aus der Romandie aus. Gewinnerin dieser Wahl w√§re das b√ľrgerliche Lager, das so vielleicht wieder zusammen finden w√ľrde – allerdings zu Lasten eine Variante, die man nicht mehr konkordant bezeichnen k√∂nnte.

Und zum Schluss noch dies: Vielleicht kommt es noch mehr anders, als man denkt. Dann zum Beispiel, wenn die Reihe der Wahlen nicht nach der Anciennit√§t erfolgen w√ľrde, sondern im offenen Kampf. Das w√ľrde mit Sicherheit zu einer neuen Regierung f√ľhren. Sie h√§tte, genau wie das Verfahren, wohl den Mackel, unberechenbar zu sein.

Claude Longchamp

Wenn Wählende und Stimmen nicht das Gleiche sind

Man glaubt, schon alles zu wissen, zu den Wähleranteilen der Parteien nach den Nationalratswahlen. Das meiste davon ist Täuschung, behaupte ich. Denn gezählt werden Parteistimmen, nicht Wählende.

Von Aussen gesehen steht das vorläufig amtliche Endergebnis fest: Beispielsweise kam die SVP bei den Nationalratswahlen 2011 auf einen Wählenden-Anteil von 26.6 Prozent. Das entsprach einem Wählendenverlust von 2.3 Prozentpunkten.

Tabelle: Stimmenanteile der Parteien 2011 unter den Partei- und Mischwählenden

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Doch hoppla, wer genau hinsieht, merkt dass das Bild falsch ist. Die (vorläuifg) amtlichen Endergebnisse der Schweizer Parlamentswahlen nach Proporzverfahren weisen Stimmentanteile, nicht Prozentwerte der Wählendenm, aus.

In Einerwahlkreise ist dies das gleiche. Doch schon in Zweierwahlkreise und in allen gr√∂sseren Wahlbezirken muss das nicht der Fall sein. Identisch w√§re es hier nur, wenn nicht panaschiert w√ľrde, das heisst nicht f√ľr parteifremde KandidatInnen gestimmt w√ľrde.

Doch das ist bei rund der Hälfte der Wählenden der Fall. Sie Wählen mit der Liste X, und sei schreiben Bewerbungen aus der Liste Y auf. Oder sie wählen mit gar keiner Parteiliste, verteilen ihre Stimmen auf Personen verschiedenster Listen.

Erst wenn die gesamten Panaschierstatistiken des Bundesamtes f√ľr Statistik ver√∂ffentlicht sein werden, wird man das genauer kennen. Heute schon k√∂nnen wir dies aber aufgrund der Wahltagsbefragung unseres Instituts absch√§tzen.

Demnach hat die SVP rund 17 Prozent Wählende, die einzig die SVP gewählt haben. Das sind die strammen Parteiwählenden. Die SVP bekam von einem weiter nicht genau bekannten Wählendenkreis zusätzlich rund 10 Prozent an Parteistimmen. Am ehesten waren das, gemäss Wahltagsbefragung, bei mehrheitlich FDP-Wählenden, gefolgt von solchen der CVP oder der SP.

Die SVP ist damit die Partei, die nicht nur den gr√∂ssten Stock an W√§hlenden hat, die nur f√ľr ihre Partei gestimmt haben. Sie ist auch jene Partei, bei der dieser Stock, bezogen auf alle erhaltenen Stimmen, der gr√∂sste ist. 64 Prozent Prozent an allen Stimmen machen die Parteiw√§hlenden aus, 36 Prozent stammen von Mischw√§hlenden.

Das pure Gegenteil findet sich bei der CVP. Sie machte gemäss vorläufig amtlichem Endergebnis 12,3 Prozent der Stimmen. Reine CVP-Wählende machen nach Wahltagsbefragung knapp 6 Prozent der Wählenden aus. Den Rest der Stimmen macht die Partei vor allem bei mehrheitlichen FDP-Wählenden, gefolgt von SP-Wählenden. Die MIschwählenden ergeben 55 Prozent der schliesslichen Parteistimmen. Die nachstehende Tabelle komplettiert das Bild.

Es ist nicht meine Absicht zu verwirren. Doch geht es mir darum, die vereinfachenden Begriffe, wie beispielsweise der Wählenden-Anteil, zu hinterfragen. Wie viele Wählende mindestens eine Stimme der BDP gegeben haben, wissen wir nämlich nicht genau. Wir wissen nur, was der Stimmenteil der Partei ist, und wir können abschätzen, was die Partei- und die Mischwählenden dazu beigetragen haben.

Claude Longchamp

Wo die SVP verliert, wo sie gewinnt – und was man daraus schliessen kann

Die SVP verlor bei dieser Nationalratswahl erstmals wieder ein Wahl. Was k√∂nnten die Gr√ľnde sein? Hier meine ersten Arbeitshypothesen.

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Beginnen wir mit dem Kanton Baselland. Da erreichte die SVP 2011 26.9 Prozent W√§hlerInnen-Anteil. Das ist praktisch der gleiche Wert wie f√ľr die SVP Schweiz. Denn der ist neu bei 26.6 Prozent. Das ist nicht zuf√§llig. Denn die Trends in diesem Kanton war in den letzten 12 Jahren ein zuverl√§ssiger Indikator f√ľr die Entwicklung der Gesamtpartei.

Ueberblickt man alle Kantone, wird die Analyse diesmal komplizierter als auch schon. Denn es stehen neutralisieren sich Trends und Gegentrends.

Im Tessin, im Jura und im Wallis legte die SVP auch 2007 an W√§hlerInnen-St√§rke zu. Wachsen konnte sie diesmal auch in Obwalden. In Nidwalden machte sie einen grossen Sprung nach vorne, da sie 2007 nicht kandidierte. In den Kantonen Freiburg, Waadt, Luzern und Schaffhausen hielt die Partei. Teils herbe Verluste gab es f√ľr die SVP gab es in den √ľbrigen Kantonen.

Was sind die Gr√ľnde f√ľr das Ueberwiegen des R√ľckgangs? Ich wage hier mal drei Arbeitshypothesen:

Erstens, gerade in den neuen Hochburgen wie Schwyz, Thurgau, Aargau, St. Gallen und Z√ľrich entwickelte sich die Mobilisierungsf√§higkeit der SVP zur√ľck. Das l√∂ste insgesamt einen R√ľckgang von gut 1.5 Prozentpunkte aus.
Zweitens, markante Verluste kannte die SVP vor allem dort, wo die BDP aus der Abspaltung von der SVP entstanden ist. In Glarus kandidierte die SVP gar nicht mehr. In Graub√ľnden erstand sie zwar neu auf, aber nicht mehr in der alten Gr√∂sse, und auch in Bern verlor sie, wenn auch etwas weniger krass. Zusammen bringt das gut 1 Prozent Verlust.
Drittens, eindeutig ist der R√ľckgang auch in Genf, wo sich rechts der SVP mit dem Mouvement Citoyen Genevois eine neue Bewegungspartei platzieren konnte. Der Effekt auf das nationale Ergebnis bleibt mit rund einem Promille eher unwichtig.

Geringer als von der SVP erwartet, fielen die Verschiebungen in der Innerschweiz und in der Romandie aus. Plus und Minus halten sich in etwa die Waage. Das hat seinen Grund: Die Attraktivit√§t der SVP f√ľr Wechselw√§hlende ist weitgehend r√ľckl√§ufig. Nur rund um aussichtsreiche Kandidaturen kann die Partei da noch hinzugewinnen.

Was davon war im Voraus absehbar? Ausser dem ersten Punkt war es. Denn die lokalen Konkurrenzsituationen mit neuen Parteien zeigten sich bereits in den kantonalen Wahlen. Zudem wurde in verschiedenen Wahlbarometer-Befragungen deutlich, dass die Wechsler-Attraktivit√§t r√ľckl√§ufig war; Kleinparteien, die man h√§tte beerben k√∂nnen, gibt es nicht mehr, und entt√§uschte FDP- und CVP, die h√§tten gewonnen werden k√∂nnen, sind kaum mehr zu finden.

Nicht wirklich vorhersehbar war der Einbruch in der Mobilisierung in den Hochburgen, denn der entsteht immer erst aus der Dynamik einer Kampagne selber. Diese funktionierte, wenn auch abgeschw√§cht, kantonal noch. Erstes, aber auch einziges Zeichen einer Wende waren die Z√ľrcher Wahlen im Fr√ľhling, wo die Partei erstmals in einer der neuen Hochburgen eine Niederlage einfuhr.

Nicht alles, aber einiges spricht daf√ľr, dass mit der Wahl 2011 der Wendepunkt national erreicht ist. Partei(ab)spaltungen sind immer ein Indiz daf√ľr, dass die inneren Erfolgsfaktoren auslaufen. Denn wenn Teile der Parteieliten eigene Wege gehen, statt auf einer allgemeinen Erfolgswelle reiten, bricht das die Dynamik, die aus einer Partei selber herausw√§chst. Das hat die SVP selber untersch√§tzt, nicht zuletzt wegen der Erfolgen auf kantonaler Ebene in Bern, die aber nicht einfach wiederholbar sind.

Umgekehrt kann man sagen, dass eine verringerte Mobilisierung auf hohem Niveau auf eine Stagnation √§usserer Erfolgsfaktoren verweist, etwa, dass die Grossereignisse in einer Kampagne nicht mehr dominant von der SVP gesetzt werden k√∂nnen. Der Punkt bleibt meines Erachtens weich. Denn da m√ľssen sich nur wenige Parameter √§ndern, und die Entwicklung geht in die eine oder andere Richtung. Aus der Erfahrung heraus h√§ngt diesbez√ľglich vieles vom Geschick eines √ľberragenden Kommunikators ab.

Claude Longchamp

Der Blick von nah und fern auf die Schweizer Wahlen

Die heutige “Zeit” aus Hamburg nennt uns die beiden wichtigsten Politologen der Schweiz: Michael Hermann und mich. Schon vor der Wahl vom Sonntag bot man uns zu einem Streitgespr√§ch √ľber die Nationalratswahl 2011 auf. Wir sagten beide zu, unwissend, was uns erwartete. Eine Einordnung des Gespr√§chs zur Zeit.

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Fotos: Die Zeit

Alle Reaktionen aus dem Ausland, die ich zu den vergangenen Wahlen erhielt, waren voll des Lobes. Sie drehten sich ums Grunds√§tzliche wie den Uebergang von der Polarisierung zur Harmonisierung in der Schweizer Parteienlandschaft. Die Schweiz wurde f√ľr ihre neue Mitte begl√ľckw√ľnscht. Und f√ľr unsere Analysen hierzu, die im Jahre 2010 einsetzten, erhielten wir rundum Gratulationen.

Ganz anders die Reaktionen in der Schweiz. Zwar sp√ľre ich in der Bev√∂lkerung Begeisterung und Zustimmung. Je politischer und medialer die Leute jedoch verh√§ngt sind, desto gegenteiliger ist das Feedback. Es regiert der Negativismus – auf die Wahltagsberichterstattung. Die Hochrechnung unserer Kollegen von projections wird kritisiert, die Wahlumfragen erfahren teilweise ein vergleichbares Schicksal und der Treffpunkt Bundesplatz wird als reine PR-Uebung der SRG apostrohiert.

Da hat mir das Streitgespr√§ch mit Michael Hermann f√ľr die Schweizer Ausgabe der “Zeit” gut getan. Statt Gesch√§ftigkeit herrschte am Dienstag nach der Wahl Entspanntheit. Peer Teuwsen und Matthias Daum empfingen uns im Badener Kornhaus, um dar√ľber zu debattieren, was geschehen. Klar, es ging auch um unsere die Fehleinsch√§tzung der SVP-Macht. Behandelt wurde auch die Schweiz als Insel. Gesprochen w√ľrde √ľber die Ursachen der Wahlsiege von BDP und GLP. Und die Verliererinnen wurden wenigstens summarisch analysiert. Zum Schluss wollte man noch etwas Pers√∂nliches h√∂ren: Was Experten gew√§hlt haben und ob sie das Wahlresultat erfreut.

Toll war die Atmosph√§re des Gespr√§chs: Bisweilen war es kontrovers, dann wieder harmonisch. Manchmal verlief die Trennlinie zwischen Journalisten und Wahlanalytikern, dann wieder zwischen uns beiden. Lohnend ist auch der Leitartikel des Schweizer Zeit-Chefs Teuwsen auf der Front der Zeit, der sich direkt auf unsere Gespr√§ch bezieht – und es noch weiter f√ľhrt.

Merci an die Herren, die auf der H√∂he ihrer Zeit waren, dass uns auch jemand in der Schweiz so schnell nach den Wahlen erinnert hat, das Politische dieser Bev√∂lkerungsentscheidung nebst dem L√§rm darum nicht zu √ľbersehen.

Claude Longchamp