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Die Position Schweizer Tageszeitungen im politischen Raum

Die Idee ist innovativ: Die QualitĂ€tsmedien der Schweiz politisch zu positionieren. Bestechend ist auch die DurchfĂŒhrung der entsprechenden Untersuchung, denn sie veri- und falsifiziert EindrĂŒcke, die selbst Experten vermitteln. Genau deshalb wĂŒrde man sich wĂŒnschen, dass die so ermittelten Ergebnisse regelmĂ€ssig aufdatiert und ĂŒber die Deutschschweiz hinaus ausgeweitet wĂŒrden.

Man nehme wichtige (Deutsch)Schweizer Tageszeitungen, analysiere deren Kommentare und Nachrichten und ordne die untersuchten Massenmedien ins politische Koordinatensystem ein, um eine Uebersicht ĂŒber die politischen Positionen Schweizer Tagesmedien zu erhalten.

Geleistet hat dies Jan Vontobel (heute Chefredaktor von Radio Top in Winterthur) mit seiner medienwissenschaftlichen Lizentiatsarbeit an der Uni ZĂŒrich. AusgewĂ€hlt hat er den Tages-Anzeiger, die Neue ZĂŒrcher Zeitung, die Berner Zeitung, die Mittellandzeitung und die Neue Luzerner Zeitung. Untersucht hat er zwei Mal drei Monate in der Zeitspanne von Dezember 2002 bis August 2004, der Zeit also vor und nach den Schweizer Parlamentswahlen 2003. Die Staffelung hat den Vorteil, situative EindrĂŒcke durch eine nationale oder kantonale Wahl zu vermeiden. BerĂŒcksichtigt wurden dabei die NachrichtenbeitrĂ€ge auf der Front- und den beiden (ersten) Inlandseiten sowie alle Kommentare zu innenpolitischen Themen, egal, wo sie jeweils platziert waren. GeprĂŒft wurden mit den so gewonnenen Daten 3 Hypothesen, deren Test die folgenden SchlĂŒsse zulĂ€sst:

Erstens, alle fĂŒnf Zeitungen nehmen durchaus eine politische Position ein, die si speziell in den Kommentaren zum Ausdruck bringen. Die grössten Unterschiede resultieren auf der Links/Rechts-Dimension, wobei der Tages-Anzeiger die linke Seite abdeckte, wĂ€hrend NZZ, BZ und NLZ nahe der Mitte positioniert sind und die MZ eher die rechte Seite bedient. Auf den weiteren analysierten Dimensionen sind die Unterschiede geringer, denn alle fĂŒnf Zeitungen kennen eine insgesamt ökologisch-liberale Ausrichtung, die die der MZ und der NZZ am klarsten, bei NLZ, aber auch BZ etwas eingeschrĂ€nkt zum Ausdruck kommt. Als Hauptgrund hierfĂŒr nennt der Autor die Auswahl, die sich auf regional fĂŒhrende Tageszeitungen stĂŒtzte, andere Typen von Printmedien aber nicht berĂŒcksichtigte.


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Zweitens, im Nachrichtenteil herrscht weitgehend mainstream. Selbst die getesteten Konzepte der „instrumentellen Aktualisierung“ resp. der „opportunen Zeugen“, mit denen Redaktionen Akzente setzen können, ergeben kaum Unterschiede, sodass sich die Kommentierung kaum auf die Nachrichtenauswahl auswirkt. Eher noch gilt, dass sich die StĂ€rke einer politischen Partei die BerĂŒcksichtigung ihrer Meinungen bestimmt.

Drittens, parteipolitisch gesehen stand der Tages-Anzeiger im Untersuchungszeitraum der SP am nĂ€chsten. Vontobel schreibt, das sei zu erwartet gewesen. Indes, das Ergebnis fĂŒr die vier anderen Zeitungen ĂŒberraschte ihn (und macht dies wohl auch bei anderen), denn sie zeigten mit Ausnahme der MZ AffinitĂ€ten zu den GrĂŒnen (und das selbst dann, wenn man auf die ökologischen Themen verzichtet). Im gewĂ€hlten Sample an Zeitungen hat die SVP keinen “Medienpartner”, FDP und CVP mĂŒssen mit der Distanz des TA umgehen, GPS und SP mit der der MZ, wĂ€hrend bei letzerer auch die BZ entfernt ist in ihren Kommentaren.

In der Einleitung zu seiner Untersuchung zitiert Jan Vontobel die bekannte Uebersicht des zwischenzeitlich emeritierten Professors Roger Blum, die er zu Tages- und Wochenzeitungen periodisch veröffentlicht. Er kritisiert dabei sachte das verwendete methodische Vorgehen, das sich nicht auf eine Inhaltsanalyse stĂŒtzt, sondern auf die Erfahrungen des prominenten Medienwissenschafters, die er mit 10 KontrollgesprĂ€chen validiert. Zwar ist nach der LektĂŒre der ersten Analyse der neuen Art nicht alles neu. Bei der NZZ und der NLZ weicht die Positionierung aber prominent ab, denn Blum stuft beide als rechtsliberal ein, derweil sie Vontobel (im innenpolitischen Teil) in der Mitte platziert.


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Zu wĂŒnschen wĂ€re, dass der stringent entwickelte und klar formulierte Ansatz des ZĂŒrcher Medienwissenschafters insbesondere fĂŒr die Kommentaranalyse weiter gebraucht wĂŒrde: mit mehr Zeitungen, insbesondere unter BerĂŒcksichtigung der mittleren und kleineren Regionalpresse und mit aktuelleren Daten. Denn seit 2002/4 hat die Schweizer Oeffentlichkeit eine bemerkenswerte Kehrtwende Richtung konservativer Deutungen vollzogen, die sich gerade auch im Mediensystem ausdrĂŒcken dĂŒrfte. Zu erwarten ist nĂ€mlich, dass die Weiterverwendung des vorgestellten Analyserasters hilft, die Differenzierungen politischer Positionen im Mediensystem nicht nur auf der Basis von OpportunitĂ€ten zu machen (wie das in MedienwĂ€chterkreisen gerne geschieht), sondern aufgrund gesicherter Analysen vorzunehmen (und damit einer rationaleren Diskussion zuzufĂŒhren). AuffĂ€llig ist hierzulande nĂ€mlich, wie fleissig man die Positionen der Parteien in Wahl- und AbstimmungskĂ€mpfen bestimmt, wĂ€hrend man immer noch so tut, als ob die “vierte Gewalt” im Staat reine Transporteure von Nachrichten aus der Politik seien, ohne die öffentliche Meinung auch eigengesetzlich zu bilden.

Claude Longchamp

«Politik wird zum Gadget»

Anbei das Interview zu Social Media in Schweizer WahlkĂ€mpfen, das Daniel Graf und Simone Wasmann von der Agentur Feinheit mit mir fĂŒhrten.

Herr Longchamp, haben sich mit Social Media ihre Mediengewohnheiten verÀndert?

Mein Medienkonsum ist mit Twitter drastisch zusammengebrochen. FĂŒr klassische Medien wende ich nur noch 20 Minuten pro Tag auf, genau so viel, wie fĂŒr das Lesen von Tweets. Dazu kommt ab und zu die Tagesschau.

Gehören Sie zu den «Early Adopters»?

Ich habe mich nie zu den Pionieren gezÀhlt. Meine AffinitÀten liegen bei Blogs und Twitter. Auf Facebook habe ich nie die Kurve gekriegt und keinen Account mehr.

Als Blogger zÀhlen Sie aber zur alten Garde.

Ich bin 2004 eingestiegen und betreibe heute, neben dem GfS-Blog, die beiden Blogs «Stadtwanderer» und «Zoonpoliticon». Bevor sich Facebook etabliert hat, gab es auf den Blogs eine rege Diskussionskultur mit tagelangem Schlagabtausch. Heute ist da tote Hose. Die Debatten haben sich weitgehend auf Social Media verlagert.

Welche Schweizer Blogs sind fĂŒr Sie relevant?

Im Gegensatz zu Twitter gibt es fĂŒr mich keine «must reads» unter den Schweizer Blogs. Was ich jeden Tag lese, sind Blogs aus dem Ausland, wie diejenigen von Ezra Klein oder, wĂ€hrend Wahlen, von Nate Silver. Sie gehören fĂŒr mich zu den genialsten und eigenstĂ€ndigsten Quellen.

Was hat Sie an Twitter begeistert?

Ich schĂ€tze es, auch von Medienschaffenden, die Quellen im Original lesen zu können. Ich fĂŒhle mich via Twitter direkter und quellennaher informiert, als wenn ich eine Tageszeitung lese, besonders was die Auslandberichterstattung betrifft. Der US-Wahlkampf war fĂŒr mich ein Beispiel dafĂŒr.

Haben Journalisten das Rennen gegen Twitter verloren?

Die Beschleunigung wĂŒrde ich dem Internet an sich zurechnen. Das klassische NewsgeschĂ€ft ist sicher Geschichte. Gleichzeitig kursieren auf Twitter zu viele «Enten», die nicht immer sofort entlarvt werden. Aus diesem Grund bleibt die GlaubwĂŒrdigkeit im Vergleich zur Medienberichterstattung gering.

Welche Rolle spielen Social Media im Campaigning in der Schweiz?

Nationale WahlkĂ€mpfe waren immer QuantensprĂŒnge in der politischen Kommunikation. 1999 spielte das Internet erstmals eine Rolle: Pioniere hatten eine Website. 2003 kamen Blogs dazu. 2007 stand im Zeichen von Youtube, auch wegen der Provokationsstrategie der SVP. Erst bei den letzten Wahlen kamen Plattformen wie Facebook und Twitter zum Einsatz.

Heute gehört Twittern zum TagesgeschÀft im Bundeshaus.

Ja, aber die Reichweite bleibt beschrÀnkt. Es gibt eigentlich nur drei bis vier Politikerinnen und Politiker, die ein breites Publikum ansprechen: Alain Berset (7432 Follower), Cedric Wermuth (7208) und Natalie Rickli (6686), gefolgt von Christian Levrat (4059). Dahinter kommt ein breites Feld, dass zielgruppenspezifische Wirkung erzielt, etwa bei Medienschaffenden oder Multiplikatoren in Partei, VerbÀnden und Bewegungen.

Warum verhallen die Politiker-Tweets oft ungelesen?

Da macht sich der Föderalismus bemerkbar. Mit Ausnahme des Bundesrates sind die meisten Parlamentarier nur in ihren Kantonen bekannt. Deshalb sind nationale Köpfe in der Schweiz rar. Nur so ist erklÀrbar, warum Bundesrat Berset mit 68 Tweets seit November 2010, die er vermutlich nicht alle selbst schreibt, einen Spitzenplatz belegt.

Haben sich die politischen Spielregeln bereits geÀndert?

Die bekannte Harvard-Wissenschaftlerin Pippa Norris hat zur Jahrtausendwende einen bahnbrechenden und seither vielfach zitierten Artikel geschrieben, der unter anderem auf diese Frage Bezug nimmt. Drei ihrer Thesen nehmenden den Umbruch durch Social Media, den wir auch in der politischen Kommunikation beobachten können, vorweg. Erstens werden erfolgreiche Kampagnen vermehrt zentral organisiert, aber dezentral ausgefĂŒhrt. Zweitens wies Norris darauf hin, dass Wahlkampf zur DauerbeschĂ€ftigung wird. Drittens nimmt die zielgruppenspezifische Kommunikation neben der ritualisierten, gouvernementalen Information mehr Raum ein.

Ist dieser Einfluss messbar?

Die Wirkung von Online-Kampagnen ist in der Schweiz begrenzt. Zu den Nationalratswahlen 2011 gibt es eine Studie, die aufzeigt, dass Social Media als Erfolgsfaktor kaum eine Rolle gespielt hat.* Andererseits ist die Internet-Nutzungsquote der WÀhlenden, die an Nationalratswahlen gewÀhlt haben, tief. 2003 waren es erst 9%, 2007 dann 14% und 2011 stieg die Zahl sprunghaft auf 24%. Mit dieser Reichweite sind wir meilenweit vom Schweizer Fernsehen oder den Pendlerzeitungen entfernt.

Wird die Wirkung von Online-Kampagnen also masslos ĂŒberschĂ€tzt?

Solche Studien bieten nur einen eingeschrĂ€nkten Blickwinkel. WahlkĂ€mpfe sind heute keine zeitlich beschrĂ€nkten Kampagnen mehr, sondern werden zum Dauerzustand. Wer kurzfristig denkt, baut mit Kampagnen meist nur eine ReizflĂ€che, mit der sich die Medien und die Gegner, jedoch nicht die eigenen UnterstĂŒtzer beschĂ€ftigen.

VerÀndert sich der Stil der politischen Kommunikation?

Politik wird gerade mit Facebook zum persönlichen «Gadget». Man fĂŒhlt sich verbunden und möchte auch emotional bedient werden. Die Personalisierung und Emotionalisierung ist ein allgemeiner Trend in den Medien, den beispielsweise Kurt Imhof als «Boulevardisierung» des QualitĂ€tsjournalismus kritisiert hat. Ausgehend von den USA zeigt sich eine weitere Entwicklung: Die Äusserungen ĂŒber Politik und Politiker fallen auf Social Media deutlich negativer aus. Es fehlt das «Gatekeeping» wie bei den traditionellen Medien.

Wieviel Geld wir bei den nĂ€chsten Wahlen fĂŒr Online ausgegeben?

Ich schĂ€tze, dass die Ausgaben fĂŒr Social Media heute im Bereich von 10 Prozent der Budgets liegen. FĂŒr 2015 werden fundamentale VerĂ€nderungen ausbleiben. Das Plakat wird – wie das Inserat fĂŒr Sachabstimmungen – das wichtigste und teuerste Wahlkampfmedium bleiben. Das braucht recht fix rund 50 Prozent der Kampagnenbudgets, nur ĂŒber den Rest wird gestritten.

Fehlen kĂŒnftig die Mittel fĂŒr Online-Kampagnen?

Nein, denn politische Werbung verzeichnet ein gigantisches Wachstum. Die Budgets erhöhen sich in jedem Wahlzyklus um 50 bis 100%. Die SVP gibt mehr als 1 Million Franken aus, nur um eine Abstimmungszeitung in alle Haushalte zu verschicken. Geld fĂŒr Innovationen ist vorhanden, wenn auch nicht ausschliesslich fĂŒr Social Media.

Werden die Wahlen 2015 auf dem Smartphone entschieden?

FĂŒrs Handy spricht die Verlagerung der Aufmerksamkeit, wenn es um Tempo, Verbreitung und Kosten geht. Trotzdem bleibt die Schweiz ein Land, in dem die Zeitungen die politische Diskussion beherrschen.

* Erich Wenzinger: Wahlkampf 2.0. Politische PR im Social Web: Nutzung und Wirkung. Eine inhalts-analytische Untersuchung anhand der ZĂŒrcher Nationalratswahlen 2011

Politphilosophinnen erobern die BĂŒhne

“Wer einmal lĂŒgt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht!” Diesen Kinderreim gaben mir meine Eltern mit auf den Lebensweg. Unweigerlich erinnert wurde ich daran, als ich der RĂŒcktrittsrede von Philipp Hildebrand zuhörte. Dass er nicht mehr sicher sein könne, nicht mehr nur als LĂŒgner durchzugehen, bewog ihn, nach eigenen Angaben, zum Abgang an der Spitze der Schweizerischen Nationalbank.

Uebers Wochenende meldeten sich gleich zwei Politphilosophinnen zur laufenden Debatte. Katja Gentinetta in der “NZZ am Sonntag” und Regula StĂ€mpfli im “Sonntag”. Weiss der Erwachsene Longchamp nun mehr, als das Kind vor 50 Jahren gelernt hatte?

Regula StĂ€mpfli schreibt ĂŒber die PolitikerlĂŒge. Das Thema ist beileibe nicht neu, aber in eine neue Aera gekommen, meint sie Die Lewinsky-AffĂ€re von US-PrĂ€sident Bill Clinton habe die Wende gebracht, denn seither beherrschten Politiker die LĂŒge, ohne aus dem Amt ausscheiden zu mĂŒssen. Grund: Die öffentliche Wahrheitssuche focussiere auf das Wort statt auf die ZusammenhĂ€nge. Ganz generell, in der Mediendemokratie habe Oeffentlichkeit keine kritische Funktion mehr. Je mehr einer lĂŒge, um so mehr ignoriere man das. Die grosse LĂŒge halten sich dank Macht, wĂ€hrend die kleine an ihrer Ohnmacht scheitere.

Da, wo StĂ€mpfli aufhört, beginnt Gentinetta (Artikel auf dem Web leider nicht allgemein greifbar). Basal sei die Rechtsordnung. Wer in der Oeffentlichkeit stehe, mĂŒsse sich darĂŒber hinaus seiner moralischen IntegritĂ€t bewusst sein. Uebertriebene Erwartungen an die Politik seien aber nicht angebracht. Zu den Errungenschaften des Rechtsstaates gehöre, Fehlverhalten zu benennen und zu bestrafen. Das sei nicht die Aufgabe des Mobs wie zu Zeiten vor der Französischen Revolution oder jetzt in Internetforen. Vor allem, wer selber nicht ĂŒber jeden Verdacht erhaben sei, wĂŒrde besser schweigen, setze sich anderfalls dem Verdacht aus, Revanche zu nehmen, was kein Rechtsstaat dulden könne.

Bei beiden Interventionen fĂ€llt zunĂ€chst nicht die NĂ€he zur Politik, sondern die rĂ€umlichen Distanz auf. StĂ€mpfli lebt (seit langem) aus BrĂŒssel, ohne die Schweiz ganz losgelassen zu haben. Gentinetta lebt ebenso lange in Lenzburg, erfuhr von den Ereignissen jedoch beim Besuch der Ausstellung ĂŒber “Geld und Kunst” in Florenz. Beide bedienen sich nicht nur des Arguments, auch des geschichtlichen Beispiels. Bei StĂ€mpfli sind es die aus der Zeitgeschichte rund um den Globus, wĂ€hrend sich Gentinetta auf den Uebergang vom SpĂ€tmittelalter in die frĂŒhe Neuzeit im Venedig der Medici-FĂŒrsten bezieht.

Dennoch, es ĂŒberwiegen eher die Unterschiede. Hier die Liberale, die ihre Idee elegant mit dem Wort verficht, da die Feministin, die ihre Position in knallharte SĂ€tze stanzt. Nirgends wird der Unterschied so deutlich wie bei der Bewertung des Staates! FĂŒr Gentinetta ist er typischerweise imperfekt, aber mit Potenzial zur Verbesserung, derweil er bei StĂ€mpfli zum pervertierten System verkommen ist. FĂŒr mich als Politikwissenschafter wirkt beides etwas irritierend: Letztlich sind das streitbare PrĂ€missen, die diskutiert gehören, nichgt aber als Rahmung fĂŒr Deutungen oder Folgerungen unterstellt werden dĂŒrften.

Man wĂŒrde sich ein Podium mit beiden Exponentinnen wĂŒnschen, denn gerade bei philosophischen PositionsbezĂŒgen ĂŒberzeugt das Argument aus der Debatte, die nicht zeigt, wer recht hat, sondern mehr der komplexen RealitĂ€t erfasst. Bis dahin bleibe ich bei meinem Kinderreim. Ausser dass ich gelernt habe, dass zwischen der individuellen LĂŒge und der (Un)Wahrheit in komplexen Gesellschaften ein erheblicher Unterschied besteht. Ob diese zur Wahrheitsfindung fĂ€hig ist und Remedur schaffen kann, bin ich mir aber nicht sicher geworden.

Claude Longchamp

Standpunkte aus Stadt und Land

Mit Guy Morin und Peter Föhn debattiere ich ĂŒber Ursachen und Folgen des neuerdings viel zitierten Stadt/Land-Grabens. Vor der Kamera redete man viel ĂŒbereinander, nach Sendeschluss endlich auch miteinander.

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Auf meine kleine, aufreissende Analyse in der Einleitung reagierten die beiden Politikerinnen, der Muotataler Unternehmer Peter Föhn, Nationalrat fĂŒr die SVP Schwyz, und Guy Morin, der grĂŒne RegierungsprĂ€sident des Kantons Basel-Stadt, ablehnend: Der Stadt/Land-Graben existiere nicht wirklich!

Doch dann legten sie mit voller HÀrte los: Der StÀdter zitierte den von seinem Siedlungsraum erwirtschafteten Beitrag zur volkswirtschaftlichen Wohl, und der LandschÀftler beschwor die schweizerischen Werte, die nur in TÀlern wie dem seinen in unverfÀlschter Form zu haben seien. Oekonomie gegen Kultur, das waren die Stichworte!

Ich sass mitten drin, als die Giftpfeile am meinen beiden Ohren vorbei sausten – bis mir der Kragen passte und ich beiden Kontrahenten sagen musste, ich wĂŒrde an ihren Standpunkten das Eidgenössische vermisse: das Bewusstsein darĂŒber, dass wir verschieden seien, aber zusammengehörten, und das nur so bleibe, wenn wir den willen dazu regelmĂ€ssig aufbrĂ€chten!

Das verlagerte die Diskussion von der Polarisierung zum Dialog, befördert von den Journalisten Patrick Rohr und Urs Buess, die im Auftrag der Basler Zeitung die Sendung moderierten. Wer wissen will, wie es ausging, schaue sich die Debatte am Sonntag um 1310 oder 1825 an.

Eines wird man als Zuschauer jedoch nicht sehen. Als die Kameras aus waren und wir auf Glas Weisswein zusammen sassen, machten die beiden Politiker bald schon Duzis und tauschten Einladungen aus, um nicht nur ĂŒbereinander, sondern auch miteinander zu sprechen.

MichĂšle Rothen schreibt dazu im heutigen “Magazin”: Es bringt nichts, mit dem Auto aufs Land zu fahren oder mit dem S-Bahn in die Stadt zu reiten, um Theater zu sehen oder Bauernferien zu geniessen. Man muss auch miteinander reden, um VerstĂ€ndnis zu entwickeln, nicht Feindbilder schĂŒren.

Dem habe ich nichts mehr beizufĂŒgen!

Claude Longchamp

Arena: Streit mit Kultur erwĂŒnscht!

Ich habe mir die ganze Arena-Sendung von gestern angesehen. Das war schon lange nicht mehr der Fall. Es hatte auch mit der neuen Moderation durch Urs Wiedmer zu tun.

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Nur zu oft habe ich mich aus der “Arena” mit Reto Brennwald ausgeklinkt. Meist war ich ein Ab- und Zu-Schauer. Seine Sendungen hatten Tempo, ohne Zweifel. Sie waren angriffig, ebenso unbestritten. Aber sie war selten informativ. Die Einladungsliste verriet meist die Sendeabsicht. Unerwartetes kam selten, BrĂŒckenschlĂ€ge eigentlich nie.

Heute weiss ich klarer, weshalb ich so hĂ€ufig den aufgeregten Bildschirm gegen das Ruhekissen im Bett tauschte. Die Arena lebt von Rede und Gegenrede. Nicht von der Zwischenrede. Oder noch deutlicher: Bisweilen interventierte Brennwald fĂŒr meinen Geschmack zu frĂŒh, bisweilen liess er die Leine viel zu lange. Am Schluss wurde ihm das zum VerhĂ€ngnis.

Urs Wiedmer war bei seiner Feuertaufe in erster Linie fair: zu Martin BĂ€umle, dem GLP-Nationalrat, zu Beat Vonlanthen, den CVP-Staatsrat aus Freiburg, zu Heinz Karrer, dem CEO der Axpo Holding und zu Kaspar Schuler, dem Kampagnenleiter von Greenpeace. Jeder hatte seinen Stich, jeder kam mal in die Bedrouille.

Die 10 ExponentInnen in der zweiten Reihe kamen frĂŒh und mehrfach zum Zug. Das förderte die Vielfalt der Standpunkte, wie sie Geologen, Nuklearphysikerinnen, Kernkraftbetreiber, Beamtenkontrolleure, Interessenvertreter, Basisbewegte und BĂŒrgerInnen in der Kernenergie-Debatte vertreten.
Gelegentlich kam es sogar zu Kontroversen aus der Hinterhand. Schliesslich pflegt Wiedmer die Info-Spot mit Einspielungen, welche den Infogehalt erhöhten. Das belebte. Und die Einspielungen informierten.

Wie der MĂŒnsiger Fernsehmann bei der Entscheidung ĂŒber MĂŒhleberg II gestimmt hat, weiss ich nach der Sendung nicht – und verstehe das als Lob. Sein ganzer Habitus ist so zurĂŒckhaltend, dass nicht nur um die Personalia des GesprĂ€chsleiters interessiert. Auch das ist von Vorteil. Typisch dafĂŒr, wie der Angespannte gestern gelassen reagierte, war der Aussetzer in der Vorstellungsrunde. “Jetzt bin ig haut grad druusgheit!”. as war ein Selbstkommentar ohne Marketing.

Wahrscheinlich wird man dem ehemaligen Lokaljournalisten jedoch genau das im ZĂŒrcher Medienhaifischbecken ankreiden. Denn da erwartet man von den Kampf der Titanen, spekuliert man schon mit dem Duell zwische Arena und TelezĂŒri, und mag man Moderatoren aus der Provinz nicht wirklich. Urs Wiedmer kann sich darum scheren, wenn er dafĂŒr das Vertrauen der RegierungsrĂ€tinnen, National- und StĂ€nderate findet, das so breit verspielt worden ist.

Was aus dem Neustart letztlich wird, weiss ich nicht. Kommentare auf der Website und Zuschauerzahlen sind das eine; BeitrÀge zur Debatte, die den Namen verdienen, das andere. Am besten wÀre es, beides kÀme zusammen!

In der Arena der Zukunft wĂŒnsche ich mir Streit mit Kultur. Das ist alles andere als Fixierung auf Personen, Emotionen und Skandale. Streit mit Kultur ist fĂŒr mich Polarisierung und Differenzierung, hat mit Ueberraschung und Information zu tun. Das alles soll die Aufmerksamkeit fördern, nicht der Sensation, sondern der Sache wegen!

Denn die Politik entwickelt sich heute auch ohne Arena in die kritisierte Richtung. Dem etwas gegenĂŒber zu setzen, ist die Aufgabe der kĂŒnftigen Arena. Wohl bekomm’s!

Claude Longchamp

Der Tag der AuslandjournalistInnen

Freitag vor Volksabstimmungen: Tag der AuslandjournalistInnen, welche die direkte Demokratie in der Schweiz entdecken. Eine Analyse meiner gemischten GefĂŒhlslage.

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Noch vor Kurzem war der Freitag vor einer Volksabstimmung fĂŒr mich ein Reservetag. Wenn es schlecht ging, hatte ich noch Zeit, nötige Vorbereitungen zu treffen; wenn’s dagegen gut ging, hatte ich frei.

Das ist neuerdings anders. Denn spĂ€testens an so einem Freitag besuchen mich die AuslandkorrespondentInnen. Diesmal ist das Interessen an der eidgenössischen Volksabstimmung zur Initiative fĂŒr Schutz gegen Waffengewalt in den USA recht gross; denn wie die Amis auch, haben die SchweizerInnen ein spezielles VerhĂ€ltnis zu Waffen in Privathaushalten. Seit der Abstimmung ĂŒber das Minarett-Verbot habe ist auch das ZDF regelmĂ€ssig zu Gast in meinem BĂŒro. Es reizt die konservative Schweiz, die sich konfessionell abgrenzt, national verschliesst und trotzig hinter der Waffe steht. Der Amoklauf von Winnenden, wo heute der Urteilsspruch gefĂ€llt wurde, sorgt bei unserem nördlichen Nachbarn fĂŒr das spezifische Interesse.

Ein wenig Missbehagen habe ich schon. Denn bedient wird so ein Klischee. Nicht dass ich sagen wĂŒrde, in der Schweiz gĂ€be es keinen Nationalkonservatismus. Doch die Ausschliesslichkeit des Interesses an dieser Frage irritiert. Und so versuche ich regelmĂ€ssig zu platzieren, dass die direkte Demokratie auch andere Folgen hat, als die Igel-Schweiz zu markieren. Zum Beispiel auch neuen Bewegungen aller Art Entfaltungsspielraum zu geben. Auch ein wenig von der Schweizer Ausgabenbremse (mehr als 80 Prozent Zustimmung in der Volksentscheidung) wĂŒrde Deutschland und Co. gut anstehen, ist eine meiner Botschaften.

Ich werde morgen also versuchen, nicht nur ĂŒber die Waffen-Initiative, das demoskopische PortrĂ€t hierzu zu sprechen, nein, es sollen auch ein paar allgemeine Informationen verbreitet werden. Zum Beispiel, dass wir ĂŒber alles abstimmen können. Zum Beispiel, dass der Stadt/Land-Gegensatz krĂ€ftig anwĂ€chste, und die direkte Demokratie diese Spaltung neuerdings sichtbar macht. Und zum Beispiel, dass MĂ€nner und Frauen nicht immer gleich entscheiden.

Was uns echt fehlt, ist eine Organisation, welche bei auslĂ€ndischen MeinungsmacherInnen die direkte Demokratie der Schweiz, die Volksabstimmungen und die Ergebnisse erlĂ€utert – und nicht wartet, bis wir eine “ubliebsame” Entscheidung getroffen haben.

Was mir am Freitag davon gelingt, weiss ich nicht. VordergrĂŒndig geht es ja um Zahlen. 47:45. Doch das war vor zwei Wochen. Bei negativem Trend. Das plausibelste Szenario ist die Fortsetzung dessen. Den Deutschen wird man sagen mĂŒssen, dass man in der Schweiz unmittelbar vor Abstimmungen keine Umfragen mehr machen und veröffentlichen darf. Und so einiges unklar bleibt.

Ich weiss, damit risikiere ich grosse Augen und strenge Nachfragen. Vielleicht werde ich diese auch bedienen. Was ich gegenĂŒber einem Schweizer Medium nicht mehr machen dĂŒrfte. Bleibt nur die Hoffnung, dass in der Schweiz morgen niemand ZDF schaut, wenn er seine Waffe pflegt!

Claude Longchamp

Medienwert: Ausschaffungsinitiative vs. Steuergerechtigkeitsinitiative

Noch liegen die Auswertungen der Berichterstattung in den Printmedien ĂŒber die anstehende Volksabstimmung nicht vor. Aus den Analysen der online-Medien kann man aber jetzt schon schliessen: Die Ausschaffungsfrage beschĂ€ftigte die deutschsprachigen Vermittler via Internet klar mehr als die Steuergerechtigkeitsfrage. Die PrĂ€senz ist stark ereignisbezogen, und sie dient vor allem der Selbstdarstellung.

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blau: Ausschaffungsinitiative und Gegenentwurf, rot: Steuergerechtigkeitsinitiative.

PolitReport bietet seit einiger Zeit eine neue Dienstleistung an. Vermessen werden die PrÀsenzen der Abstimmungsthemen auf Internet. Die Datenbasis ist umfassend, beschrÀnkt sich aber auf die deutschsprachige Schweiz.

Demnach dauerte der Abstimmungskampf zu den Volksentscheidungen vom 28. November 2010 rund 6 Wochen. Namhaft eröffnet wurde er am Wochenende des 17. Oktobers, als die Sonntagszeitung eine ersten Umfrage zur Ausschaffungsinitiative und dem Gegenvorschlag publizierte, welche der Initiative gute Annahmechancen gab. Die höchste Aufmerksamkeit fĂŒr die Thematik stellte sich um Umfeld der Arena-Sendung ein, als SVP-Kampagnenleiter Adrian Amstutz und BundesrĂ€tin Simonetta Sommaruga heftig aufeinander stiessen. Im unmittelbaren Gefolge erklĂ€rte sich die neue Justizministerin in BrĂŒssel, und die SVP prĂ€sentierte ihr nicht unbestrittene Volksbefragung zur AuslĂ€nderthematik. Seither schwankt die Aufmerksamkeit, jedoch mit insgesamt sinkender Tendenz. Zentrale Themen waren gemĂ€ss Berichterstatterin Simone Wagner die KriminalitĂ€t und die Sicherheitsfrage. DemgegenĂŒber spielte die Menschenrechtsfrage, welche zum Gegenvorschlag fĂŒhrte, eine nur untergeordente Rolle.

Keinen solchen FrĂŒhstart legte die Initiative fĂŒr Steuergerechtigkeit hin. Sie erreichte zu keinem Zeitpunkt auch nur eine vergleichbare Medienaufmerksamkeit. Erst mit der Schlusskampagne, lanciert durch die Wegzugsdrohung einiger Unternehmer, nahm die Berichterstattung in den Online an IntensitĂ€t sichtbar zu. Am Wochenende vom 14. November war die PrĂ€senz der beiden Abstimmungsthemen erstmals Ă€quivalent.

Kritisch beurteilt wird der Diskurs, der sich mehr durch Positionierung, wenig durch Auseinandersetzung gekennzeichnet gewesen sei. Nicht ausgewiesen werden beim Politreport die Richtung der Berichterstattung, insgesamt und nach Medium. Deshalb fĂŒge ich sie aus meiner ganz persönlichen Sicht bei: Ueber die Ausschaffungsthematik wurde zwar berichtet, mehrheitlich aber gegen Initiative und fĂŒr den Gegenvorschlag, wĂ€hrend die Medienaufmerksamkeit fĂŒr die Steuerfrage geringer, insgesamt leicht negativ bewertet war.

Claude Longchamp

Von unseren verschiedenen Seelen

Es ist ein höchst bemerkenswerter Artikel, den Hannes Nussbaumer heute im Tages-Anzeiger platziert hat. Selbstredend geht es um die Abstimmungen vom Wochenende, um die politische Kommunikation, und wie deren Macher die Sache sehen.

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PortrĂ€tiert wird Alexander Segert, der SVP-Werber und “Vater von Ivan S., dem wir in diesem Abstimmung allgegenwĂ€rtig begegnen. Segerts Rezept ist bekannt: “Keep it simple and stupid!” Konstrastiert wird alles durch Aussagen von Guido Weber, dem einzigen Werber, dem es bisher gelungen ist, Segert die Stange zu halten. Sein Rezept: Jeder habe sowohl eine Angst- wie eine Vernunft-Seele in der Brust. Massgeblich sei, welche davon beim Entscheidend dominiere. Die Richtige zu treffen, sei die Aufgabe einer guten Kampagne.

Solche Werberweisheiten hat meines Erachtens von Stephan Dahlem, einem deutschen Kommunikationsforscher, unter dem Titel “Wahlen in der Mediengesellschaft” am treffendsten untersucht. Seine Analyse ist: Bei Wahlen und Abstimmungen unterhalten wir uns sehr wohl ĂŒber Sachen, die in unserem Alltag real sind: die Probleme in unserem sozialen Umfeld, den Gang der wirtschaftlichen Entwicklung, das allgemeine politische Klima und die öffentliche Meinung. Doch machen wir bei weitem nicht nur aus der persönlichen Erfahrungen heraus, im ZwiegesprĂ€ch mit Freunden, Arbeitskollegen und Nachbarn, sondern immer mehr aufgrund von Inhalten der Massenmedien. Damit wird unsere RealitĂ€ten durch Darstellungen von RealitĂ€ten ĂŒberlagert, was zu einer Erweiterung, aber auch zu einer Standardisierung dessen fĂŒhrt, was kollektiv ist – oder sein soll.

Dahlem nennt das alles die externen Faktoren der Entscheidungen. Zu den internen gehören eigenen Vorstellungen: vom diskutierten Problem, von den angebotenen Lösungen, von den Folgen der Entscheidung, von den TrÀgern von Politik und Kommunikation. Bewertet wird dies durch unsere Parteibindungen, durch unsere Werte, unsere Ideologien, ja durch die in unserer Persönlichkeit verankerten Weltbilder. Bei Wahlen sind das unsere Bilder der Parteien und KandidatInnen, bei Abstimmungen der Volksinitiativen oder GesetzesvorschlÀge.

Dahlems springender Punkt ist nun der: Zwischen der Vorstellung und der Darstellung vermitteln unsere Wahrnehmungsfilter, die nicht eindeutig sind. In der Fachsprache ist von Konationen, Emotionen und Kognitionen die Rede. Oder einfacher gesagt: von unseren Meinungen, unseren GefĂŒhlen, und von unseren Informationen. Was bei der Entscheidung ĂŒberwiegt, ist gar nicht so einfach vorherzusehen.

Genau da sind sich Kommunikationswissenschafter Stefan Dahlem und die Werber Weber oder Segert einig: Es ist aber die Aufgabe der Vermittlung von Themen der Entscheidung durch die Kommunikation, das in uns anzusprechen, was am klarsten zu einer Entscheidung fĂŒhrt. Wer das besser macht, löst Meinungsbildungsprozesse aus und hat die Chance, mit seiner Kampagne mehr herauszuholen, als von Beginn weg schon da war.

Oder anderes gesagt: Wir sind immer die Gleichen, die sich entscheiden. Wir sind aber immer Verschiedene, wenn wir in einem bestimmten Fall entscheiden. Oder wie es heute im Tagi steht: “Jeder habe sowohl eine Angst- wie eine Vernunft-Seele in der Brust. Entscheidend fĂŒr den Abstimmungsausgang sei also, ob beim AusfĂŒllen des Stimmzettels die Angst oder die Vernunft dominiere. Ein Entscheid, den man mit einer guten Kampagne beeinflussen könne”.

Claude Longchamp

NZZ kontert Tamedia

Zuerst war Kurt Imhof mit seiner Diagnose zur niedergehenden QualitĂ€t der Schweizer Medien. Dann reagiert Pietro Supino, einer der Kritisierten, im Namen des VRs der Tamedia und verteidigte Gratis- und Online-Medien. Und jetzt kontert die NZZ die Konkurrenz von der ZĂŒrcher Werdstrasse, um die Sorgen der QualitĂ€tspresse aufzuzeigen.

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NZZ-Redaktor Rainer Stadler ist TrĂ€ger des ZĂŒrcher Journalistenpreises. In der heutigen NZZ geht er der Entwicklung der Hintergrundsinformationen nach. Denn was mit der digitalen Revolution wachse, sei nur die Unterhaltung. Insofern herrsche Scheinvielfalt. Zitiert werden hierfĂŒr der Arbeiten Medienforschers RenĂ© Grossenbacher: Es werde oft nur nachgeplappert, was Fachleute aus den PR-Abteilungen vorgekaut hĂ€tten. Das fĂŒhre zur Reproduktion des Immergleichen, der Ausformung einer «Mainstream-Themenagenda».

In das Hohelied der wachsende Recherchemöglichkeiten mag Stadler gar nicht einstimmen. Denn der Zeitdruck verhinderte oftmals schon das elementare Nachfragen. Genau so gewinne der PR-Journalismus Ueberhand. Die PR-Abteilungen von Unternehmen und Staat mĂŒssten ausgebaut werden, um in der Öffentlichkeit ein Minimum an Informationssicherheit zu gewĂ€hrleisten, weil die Ressourcen der einzelnen Medientitel auf schon geringem Niveau immer noch schrumpfen wĂŒrden.

Deshalb bezweifelt die Stimme auf der Medienarbeit, dass Bildung durch Medien vermittelt werde, mit selten geĂ€usserter Deutlichkeit. “Diese Verdienste muss man vielmehr unserem Bildungssystem zuschreiben.” Ein Strukturwandel, wie ihn die Medienbranche derzeit durchlebe, erzeugt unweigerlich Schocks, Irritationen und Frustrationen. Die Aufgabe von Verlegern sei es, die MedienhĂ€user wieder auf eine langfristig tragfĂ€hige Basis bringen – ein unbestritten anspruchsvoller Job.

Stadler sieht es Ă€hnlich wie Kurt Imhof. Im Kern geht es um die Ressoucenfrage. Diese sind gerade in der Medienbranchen aus verschiedenen GrĂŒnden knapp geworden. Das drĂŒckt auf verschiedene Arten auf die QualitĂ€t der Medieninhalte, denn sie seien gezwungen, Fremdleistungen, die nicht nach journalistischen Kriterien produziert worden sind, zu ĂŒbernehmen. Eigenleistungen wieder basieren immer weniger auf eigener Recherche, Kombination und Darstellung, immer mehr auf Âbdrucken des Immergleichen. Damit nimmt die Introversion der Medien als System zu. Dies anstatt die ihnen gebĂŒhrende Vermittlungsleistungen im pluralistischen Verbund zu gewĂ€hrleisten, wie es die meisten Demokratietheorien fĂŒr nötig erachten.

Claude Longchamp

“Basels industrielles Erbe macht die Stadt konservativ”

Man nehme: ein Vorurteil. Man widerlege es mit einem Mix an Zahlen. Und man schaffe ein neues Vorurteil. So funktioniert der Journalismus der Basler Zeitung, seit sie mit Markus Somm einen neuen, konservativen Chefredaktor hat.

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Ueber alle Abstimmungsergebnisse hinaus betrachtet ist Basel eindeutig liberal, nicht konservativ

“Im Herzen Europa, trinational und weltoffen”, beginnt der Bericht von Alan Cassidy ĂŒber das Abstimmungsverhalten Basels, typische Worte des Stadtmarketings zitierend. Stimmt nicht, sagt der Autor. Basels industrielles Erbe habe die Stadt konservativ gemacht, kontert er.

GestĂŒtzt wird das Ganze durch Material aus einem Vortrag von Michael Hermann, fĂŒhrender Politgeograph der Schweiz, der jĂŒngst an der Uni Basel referierte. Sein Thema war das Stimmverhalten der fĂŒnf Schweizer GrossstĂ€dte im internurbanen Vergleich. Untersucht wurden dabei 20 eidgenössische Abstimmungen seit 1970 zur aussenpolitischen Oeffnung und zur einer restriktiveren Migrationspolitik.

Was im Bericht der BaZ folgt, ist ein Verwirrspiel mit zwei Sorten von Vergleichen. Denn Hermanns Aussagen beziehen sich auf die Unterschiede der 5 grossen StÀdte zum nationalen Mittel. Die BaZ aber interpretiert das als Trend in der Stadt angesichts der VerÀnderungen durch die Industrialisierung und ihren Folgen.

Fakt ist: Die höchsten Ja-Werte in den genannten Themenbereichen gibt es in den deutschschweizer GrossstĂ€dte regelmĂ€ssig in Bern. Bei der aussenpolitischen Oeffnung ist das seit dem EWR-Entscheid 1992 immer so gewesen. Und in der Migrationsfrage gilt dies seit den EinbĂŒgerungsabstimmungen von 1994. Der Schock der StĂ€dter, in der ersten Europa-Abstimmung vom 6. Dezember 1992 von den Miteidgenossen in der deutsch- und italienischsprachigen Schweiz zurĂŒckbunden worden zu sein, hat nicht nur in der Bundesstadt, sondern weitgehend im grossurbanen Bereich den Stadt/Land-Konflikt in Sachentscheidungen an der Urne ansteigen lassen. Das war noch in den 70er und teilweise in den 80er Jahren ganz anders. Denn die deutschschweizer GrossstĂ€dte votierten in den 70er und 80er Jahren konservativer als die gesamte Schweiz, wenn es beispielsweise um Ueberfremdungsfragen ging.

Doch das wĂ€re der Baz keine Schlagzeile Wert gewesen. So spitzte sie zu. Sie macht aus “konservativer” im interurbanen Vergleich (imn Text) schlicht “konservativ” im absoluten Sinne (im Titel) und interpretiert das als Folge der sozialen Entwicklungen in der Stadt. Hinhalten muss dafĂŒr die “VerbĂŒrgerlichung der Industriearbeiterschaft”, die mit dem Wirtschaftsaufschwung zu Eigentum und Vermögen gekommen sei und seither am Bewahren des Erreichten Interesse. Das alles kann man in anderen StĂ€dten auch beobachten, doch passt nicht zur These des Artikel, der alles umkehrt: “Basels industrielles Erbe macht die Stadt konservativ”.

Nun ist das alles nicht ganz falsch, im genannten Zusammenhang aber nicht wirklich erklĂ€rend. Denn der Trend in allen urbanen Gebiete geht seit fast 20 Jahren in Richtung Oeffnung und Offenheit – nicht umgekehrt. In Basel ist dieser Trend bei Oeffnungsfragen ein wenig schwĂ€cher, aber gleich gerichtet. Dieses Delta der Verönderung ist es, das die Baz hochstiliert, und aus dem Kontext gerissen ins Gegenteil gewendet und in der Schlagzeile gesetzt zu werden.

Um es klar zu sagen: Konservativ ist die Schweiz auf dem Land, nicht aber in den GrossstÀdten. Doch das passt nicht zur Brille des neuen Chefredaktors, selber vom linksliberalen Schreiberling zum rechtskonservativen Propagandist mutiert. Und da er nun auch in Basel vordenkt, muss ganz Basel alles so lesen werden, wie er es gerne hÀtte. Auch wenn das Material dazu so gar nicht passen will.

Wie gesagt: Images sind immer vereinfachend, lassen sich fast immer widerlegen, was noch lange kein Grund ist, neue Images kreiieren zu mĂŒssen! Besser wĂ€re es, auf Images zu verzichten, und ĂŒber die RealitĂ€t zu berichten. Zum Beispiel, dass Basel Oberschicht, der Daig, von Grund auf konservativ ist und solchen Interpretationen ihrer Stadt nachhĂ€ngt, weil Freisinnige, Linke und GrĂŒne lĂ€ngst andere Schwergewichte gesetzt haben.

Claude Longchamp