Archive for the 'Kommunikation' Category

Vom Versagen der √∂ffentlichen Kommunikation und den Ph√§nomenen hierf√ľr

Zur Debatte gestellt wird mit den neuen Jahrbuch „Qualit√§t der Medien“ der Zustand der Infrastruktur der Demokratie. Darauf beziehen sich die Medien gerne, wenn sie ihre Bedeutung herausstreichen m√ľssen, zeigen aber M√ľhe, den Zusammenhang anzuerkennen, wenn andere dar√ľber kritisch sprechen. Der Start zur Debatte durch Medien, in Medien und √ľber Medien ist gemacht.

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Bestelladresse des Jahrbuches „Medien und Qualit√§t“ hier.

Eines ist klar: Wenn Kurt Imhof im Nu das bis anhin öffentlich nicht bekannte Phänomen des Botellons mit einem Interview bekannt macht, in dem er sich selber leicht beschwippst von Frage zu Frage labbert und mit jeder Antwort das Thema genial trifft, dann klatschen die Medien einhellig und lautstark dem Star und den hiesigen Sozialwissenschaftern.

Wenn der gleiche Mediensoziologe indes genau diese Medien einer Qualitätskontrolle unterzieht, reagieren sie unterschiedlich irritiert: Im schlechtesten Fall schweigen sind, im Einzelfall diskreditieren sie seine Forschung ohne sie gesehen zu haben, und nur im guten Fall setzten sie sich mit der Medienkritik durch Aussenstehende auseinander.

Denn seit Beginn des 21. Jahrunderts ist es, ausgehend von den USA, √ľblich geworden, sozialwissenschaftlich angeleitete Qualit√§tsmessungen der Medienberichterstattung vorzunehmen, sie wissenschaftlich und √∂ffentlich zu diskutieren. Zu dieser Kategorie Forschung z√§hlt auch die erste Publikation des neuen Observatoriums „Medien und Qualit√§t“ des Forschungsbereich f√ľr Oeffentlichkeit und Gesellschaft an der Universit√§t Z√ľrich.

Im gestern erschienenen gleichnamigen Jahrbuch haben die versammelten MedienwissenschafterInnen ihre vorl√§ufigen Einsichten in die Versorgung durch das Mediensystem Schweiz und in die qualit√§tsrelevanten Trends, die hierzu beobachtbar sind. Finanziert wurde das gross angelegte Unterfangen durch verschiedenen Stiftungen in der Schweiz, die meisten aus dem Bereich der Privatwirtschaft, teilweise auch mit gemeinn√ľtzigem Hintergrund.

Zu den Hauptbefunden des Berichts auf der √ľbergeordneten Ebene der Medienarena z√§hlen:

* Erstens, die Printmedien im einstigen ¬ęPresseland Schweiz¬Ľ verlieren bez√ľglich Auflagen, Nutzung und ihrer wirtschaftlichen Grundlagen an Bedeutung. Nur die Gratistitel und teilweise die Sonntagszeitungen k√∂nnen innerhalb der Presselandschaft noch Zuwachsraten verbuchen und so den generellen Abw√§rtstrend der Presse abmildern, allerdings ohne den Qualit√§tsverlust auffangen zu k√∂nnen.

* Zweitens, der Onlinebereich ist klar fast flächendeckend und auf in vielerlei Hinsicht auf dem Vormarsch. Allerdings ist ihre Refinanzierung prekär. Sie ziehen jedoch den Newssites anderer Medien substanzielle Publikumssegmente ab. Dies betrifft insbesondere die Abonnementszeitungen und die öffentlichen Radiosender.

* Drittens, das Fernsehen verzeichnet Reichweitenverluste bei den Jungen, ohne diese mit Reichweitengeiwnnen bei den Aeltern kompensieren zu k√∂nnen. Generell leidet die Nutzung von Informationsformaten von Radio und Fernsehen, ohne dass ihre √ľberragende Bedeutung verschwunden w√§re. Private Angebote sind hier allenfalls als komplement√§r einzustufen, vor allem im Lokalbereich.

* Viertens, es hat sich eine Gratiskultur durchgesetzt, die die n√∂tigen Ressourcen f√ľr guten Journalismus nicht bereitstellt und Publizistik ausserdem von der hohen Volatilit√§t eines schwindenden Werbeaufkommens abh√§ngig macht. Das f√∂rdert den Konzentrationsprozess sowie Einsparungen bei den Redaktionen.

* F√ľnftens, die verschiedenen Mediengattungen tragen in h√∂chst unterschiedlichem Mass zur Vielfalt und Relevanz der Berichterstattung in der Schweiz bei. Zudem kann man davon ausgehen, dass die Bedeutung gerade derjenigen Typen und Gattungen in Zukunft zunehmen wird, die weniger zu Relevanz und Vielfalt beitragen.

* Sechstens, bei Boulevard- und Gratiszeitungen, den Privatsendern sowie den Onlinemedien finden generell personenzentrierte Human Interest-Themen Aufmerksamkeit. Auch die Politik wird viel st√§rker √ľber Geschichten einzelner Personen aufbereitet. Bei diesen Typen ist die Forumsfunktion ist nur bedingt erf√ľllt.

* Siebtens, in der schweizerischen Medienarena steigt die Binnenorientierung im Zeitverlauf auf Kosten der Auslandsberichterstattung. Die Fokussierung auf den Medienkonsumenten und die Kostenreduktion lässt die Welt ausgerechnet im Zeitalter der Globalisierung zugunsten des Nationalen und des Regionalen in den Hintergrund treten. Die neuen Medien beschränken die Welt zudem auf Krisen, Kriege und Katastrophen.

* Achtens, f√ľr eine einordnende, reflexive und Hintergrundinformation vermittelnde Berichterstattung sorgen prim√§r die Abonnementszeitungen, die Sonntagszeitungen und das Magazin sowie die √∂ffentlichen Programme von Radio und Fernsehen. Umgekehrt ist die Berichterstattung der Newssites, der Boulevard- und Gratiszeitungen sowie der Nachrichtensendungen des Privatfernsehens √ľberwiegend episodisch.

Es liegt nun an den Angesprochenen, sich damit auseinander zusetzen: den Medien, Medienverlagen und Medienschaffenden selber, aber auch den politischen und wirtschaftlichen Akteuren, den gesellschaftlichen Kräften, die von der Oeffentlichkeit leben und denen die aufgezeigten Entwicklungen nicht egal sein können.

Ihnen haben die ForscherInnen jedenfalls eine kecke Behauptung zugeworfen, die sie nicht kalt lassen kann, sprechen die Obervatoren doch recht generell von einem Systemversagen der √∂ffentlichen Kommunikation in der schweizerischen Demokratie. Die Diskussion lanciere ich mit folgender Differenzierung hierzu: Niemand mehr kann √ľber eine Vielzahl von Ph√§nomenen des Versagens √∂ffentlicher Kommunikation in der Schweiz hinweg sehen, doch bleibt die Frage offen, ob man sie soweit verallgemeinern kann, wie das hier geschieht. Denn untergegangen sind bis jetzt weder die Schweiz noch ihre Demokratie. Vielmehr bleibt die Assoziation auf den kritisierten Katastrophismus neuen Medien(wissenschaften)!

Claude Longchamp

Mittelschicht oder Mittelstand?

Was in Deutschland Mittelschicht heisst, wird in der Schweiz unverändert Mittelstand genannt. Obwohl die Mittelschicht gerade hier ausgeprägt vorkommt,und politisch von höchster Bedeutung ist. Eine kurz Begriffsklärung.

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Anteile der Mittelschichtsfamilien, die Ende Monat nichts auf die Seite legen können (Grafik: Beobachter/gfs.bern)

Mit der Industrialisierung traditioneller Gesellschaften änderte sich auch ihre soziologische Beschreibung. Die Ständegesellschaft mit (vereinfacht zusammengefasst) Adel, Klerus und Bauern nahm ihr Ende. Karl Marx teilte die Industriegesellschaft in zwei Klassen: Die Bourgeoisie, bestehend aus den Kapitalisten-Unternehmern, und das (paupersierte) Proletariat mit den Arbeitern.

Zahlreich sind die Kritiken, wonach die marxistische Gesellschaftsbeschreibung die Realit√§ten nicht trifft. Denn zwischen den Kapitalisten und dem Proletariat entwickelte sich eine dritte Klasse, das (Klein)B√ľrgertum. Die moderne Soziologie zieht es deshalb vor, von (mindestens) drei Schichten in modernen Gesellschaften zu sprechen: der Ober-, der Mittel- und der Unterschicht.

F√ľr die Entwicklung der Demokratie wird die Ausbildung der Mittelschicht sogar als essenziell angesehen. Denn es waren die Handwerker, Lehrer und Notare, welche die Rechtsgleichheit erstritten, und sich gegen wirtschaftlichen und politische Privilegierungen alter und neuer Oberschichten wehrten.

Der Begriff der Mittelschicht hat sich nicht nur in der Soziologie durchgesetzt. In weiten Teilen des deutschen Sprachraum wird es entsprechend dieser Definition verwendet. Nur in der Schweiz ist das anders. Unver√§ndert spricht man von Mittellstand. Fritz Marbach, Berner Oekonomieprofessor, entwickelte in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts gar eine Theorie des Mittelstandes: zu keinem Luxus f√§hig, aber der b√ľrgerlichen Lebensweise zugetan, charakterisierte er den Mittelstand. Sogar Unterteilungen f√ľhrte er ein. Unterschieden werden kann der alte Mittelstand, dem Gewerbe schlechthin, vom neuen, womit die Angestellten in den Dienstleistungsbetrieben gemeint sind.

Seit ich als Sozialforscher aktiv bin, k√§mpfe ich gegen die Begriffsmengung in der deutschsprachigen Schweiz an – erfolglos, wie ich feststelle. Denn der „Beobachter“, f√ľr den unser Instituts j√ľngst eine Studie zur Lage der Mittelschichtsfamilien erstellt hat, titelt diese Woche √ľber dem ersten Teil der Serie: „Der bedrohte Mittelstand“. Obwohl wir, wie jede soziologisch-statistische Studie heute, die bedrohten Mittelschichten untersucht haben.

Das ist aber auch die einzige Kritik, die ich zum Auftaktbericht der vierteiligen Beobachterserie habe. Denn er geht der zentralen Frage nach, wodurch sich Mittelschichten von Unter- resp. Oberschichten unterscheiden, wenn sie in die Defensive geraten. Die b√ľndige Antwort lautet: Auf mehr als ein Kinder verzichtet man, auf ein Auto nicht!

Der Vulkan, die Politik und die gegenwärtigen Stimmungslagen

Der Eyjafjalla-Vulkan war dieser Tage in aller Leute Mund. Wahrscheinlich hat sein √ľberraschender Ausbruch mit den unerwarteten Folgen wie kaum ein anderes Ereignis der j√ľngsten Zeit uns beeindruckt. Zurecht, ja gerade treffend f√ľr die Eruptionen in der politischen Landschaft, sage ich da!

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Ausbruck des Eyjafjalla-Vulkans im April 2010

Fulvio Pelli, der Pr√§sident der FDP, brachte es am Samstag auf den Punkt: Die innerparteilichen Spannungen um das Bankgeheimnis und Schwarzgelder seien „explodiert wie ein Vulkan“. Losgetreten wurde die Debatte durch FDP-Unternehmer. Sie f√ľrchteten, die Partei k√∂nnte angesichts des Abzocker-Images untergehen. Die Partei m√ľsse sich von Bankeninteressen emapnzipieren, und gleichwert an der Werkplatz Schweiz denken. Das rief umgehend die Vertreter der Banken und Versicherungen auf den Plan, die der verlangten Weissgeld-Strategie eine Abfuhr erteilen. wollten. Ganze Kantonalparteien emp√∂rten sich, und unter den Parteimitgliedern brodelte es m√§chtig, ja kam es bei den Berner Wahlen zu einer eigentichen Explosion. 10 Wochen dauerte die Auseinandersetzung an.

Zurecht verglich Fulvio Pelli die Lage der FDP mit der eine Vulkans. Denn tief unten in der Partei sind unverändert starke Ueberzeugungen aktiv. Angesichts der Verkrustung an der Oberflächte kommen sie aber kaum mehr zum Tragen. Das erhöht den innern Druck seit längerem. Dieser verschaffte sich Raum, als die Parteispitze in der Bankenpolitik eine Kehrtwende vollzog. Das legte allseits die Emotionen offen. Die Medien feuerten die verschiedene Protagnisten an, sodass alles ausser Kontrolle geriet. Der angerichtete Schaden zwang zur inneren Einkehr, wie es der Parteipräsident gestern formulierte.

Erstmals das Gef√ľhl einer vulkanartigen Stimmung hatte ich letzten Herbst bei den Genfer Wahlen 2009. Der grosse Ueberraschungssieger war damals das MCG, eine rechte Protestbewegung, die bei den Parlamentswahlen richtiggehend W√§hlerstimmen absahnte. Mit der Grenzg√§ngerproblematik nahm sie ein Thema auf, das im Lokalen seit l√§ngerem f√ľr erhebliche Spannung sorgte, die von keiner Partei aufgenommen und einer L√∂sung zugef√ľhrt wurden. So brauchte es nur einen Strassenwahlkampf des Aussenseiters w√§hrend einigen wenigen Wochen, und schon stand Genf Kopf. Die Volksseele kochte,und bei der Neubesetzung des Genfer Grossen Rates entlud sie sich eruptiv. Doch schon bei den nachfolgenden Regierungsratswahlen scheiterte der Spitzenkandidat des MCGs, und die bisherigen Regierungsparteien setzten sich wieder durch. Der Genfer Vulkan war schnell wieder erloschen.

Man k√∂nnte hier auch die Minarett-Initiative anf√ľgen, um ein nationales Beispiel zu haben. Und sicherlich gibt es in vielen St√§dten √§hnliche Stimmungslagen, die zu vergleichbaren Ausbr√ľchen f√ľhren. Ihnen allen ist gemeinsam, dass die Ausbr√ľch kaum vorhersehbar sind. Wenn sie erfolgen, beeindrucken sie uns gewaltig, um auch recht schnell wieder an Strahlkraft einzub√ľssen.

Wer solche Eruptionen ausl√∂sen, wer sie steuern und wer sie zu seinem Instrumenten machen kann, der ist sich des politischen Erfolgs gegenw√§rtig sicher. Davor scheint fast niemand mehr sicher zu sein. Doch wen es trifft, den r√ľttelt es gr√ľndlich durcheinander. In seinem Umfeld kommt es zu erheblichen Sch√§den. Und so fragt sich nat√ľrlich, wer 2011 rechtzeitig vor den Wahlen nicht nur 1. August-Kracher loslassen wird, sondern ganze Vulkane zum bersten bringen kann. Das Ausland? Die Wirtschaft? Oder die SVP?

Mit Leidenschaft gegen den Zerfall der Medienkultur

Zu den Ingredenzien der Forschung z√§hlt Kurt Imhof, f√ľhrender Mediensoziologe der Schweiz, gute ForscherInnen, viele Datens√§tze, Theorien, Methoden und … Leidenschaft.

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Kurt Imhof, wie er leidenschaftlich lebt und forscht

Auf seine Leidenschaft angesprochen, spricht der Z√ľrcher Professor Kurt Imhof am liebsten √ľber sein Projekt, ein Medien-Observatorium f√ľr die Schweiz einzurichten. Dieses soll untersuchen, wie Medien Politik und Wirtschaft beeinflussen. Dabei geht es ihm um den Auf- und Abbau von Zukunftsvertrauen, weil dieses Investitionen lenkt. Es treibt ihn an zu zeigen, wie durch Heroisierung und Skandalisierung die Reputation von Wirtschaftseliten entsteht un vergeht. Und er will bestimmen, wie sich die Ver√§nderung der Qualit√§t im √∂konomisierten Mediensystem auswirkt.

Bisher wurden die Ergebnisse summarisch auf einer Online-Plattform ver√∂ffentlicht. Mitte 2010 soll das erste Jahrbuch „Qualit√§t der Medien Schweiz“ erscheinen. Denn davon ist Imhof √ľberzeugt: Die Medien, die alles und jedes in Frage stellen, sind es sich nicht gewohnt, dasselbe mit sich zu machen.

Kontrollieren will Imhof die Medien nicht – zur Selbstreflexion verf√ľhren indessen schon. Indem der Medienexperte Medienkritik als Medienevent vermarktet. Zum Pudding seien die Medienberichte geworden, erkl√§rte Imhof j√ľngst der NZZ, seit Information und Unterhalten vermischt w√ľrden, um in der Gratiskultur bestehen zu k√∂nnen. Widerspruch dazu gabs nicht, denn die Pointe gefiel. Doch eigentlich meinte Imhof, dass sich Universalit√§t, Ausgewogenheit, Objektivit√§t und Relevanz der Medienberichterstattung √ľber die Zeit verschlechtert haben. Diese Botschaft w√§re so schwieriger zu vermitteln gewesen.

Sein Observatorium m√ľsste eigentlich durch die Medienverlage finanziert werden, meint Imhof. Doch das funktioniere in der Praxis nicht. Schon Einw√§nde in der Theorie gibt es, wenn der Staat das machen w√ľrde, denn der lebt von der demokratischen Willensbildung, die zivilgesellschaftlich begr√ľndet sei. Unabh√§ngigkeit der Medienforschung am Observatorium will er deshalb durch Wissenschaft, Stiftungen und Donatoren sichern. Zwei Millionen Schweizer Franken sind so schon zusammengekommen.

Als man begonnen habe, das Jahrbuch zu entwerfen, habe er noch nichts davon gehabt – und sei doch gestartet, sagt Imhof mit gewohntem Schalk, „weil letztlich die Leidenschaft die Forschung treibt!“

5 Jahre Medienpapst – eine kritische Zwischenbilanz

5 Jahre ist Benedikt XVI. nun Papst. Und seit f√ľnf Jahren nutzt er Medienauftritte ganz bewusst. Was den Medienpapst ausmacht, analysiert ein neues Buch, das noch vor der laufenden P√§dophilen-Debatte geschrieben wurde, ihre Charakteristik letztlich aber genau vorwegnimmt.

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Andreas Hepp und Veronika Kr√∂nert sind als MedienwissenschafterInnen an der Uni Bremen t√§tig. Im Rahmen eines gr√∂sseren Forschungsvorhabens haben sie die Kommunikation von Papst Benedikt XVI. (von Papst „Gutgesagt“ also) aus kritischer Distanz untersucht.

Ausgangspunkt ihrer umfangreichen Abhandlung ist der Weltjugendtag von 2005, gleichsam der Beginn des neuen Pontifikates, das sie religionssoziologisch und medientheoretisch hinterfragen. Ihre These ist: Die katholische Kirche tritt neu systematisch auf dem medial vermittelten Sinnmarkt auf, um das Potenzial zu nutzen, begibt sich dabei aber in Abh√§ngigkeiten. Die sehen die AutorInnen vor allem darin, dass sich der Papst als wichtigster Kommunikator der einmal gewollten Medieninszenierung kaum mehr entziehen kann – auch dann nicht, wenn er und seine Kirche es w√ľnschten.

Dabei muss man nicht einmal an unr√ľhliche Problemlagen der Aktualit√§t denken. Denn hinter ihnen liegen Mechanismen verborgen, die sich auch bei anderen Protagonisten mit anderen Eigenschaften zeigen w√ľrden. Hepp und Kr√∂nert sehen das in drei Konsequenzen der Mediatierung von Religion begr√ľndet:

. in der sozialen Dimension der Individualisierung,
. in der räumlichen Dimension der Deterritorialisierung und
. in der zeitlichen Dimension zunehmender Unmittelbarkeit.

Was das heisst, erf√§hrt man in den Verallgemeinerungen zur Beschreibung des Weltjugendtages: Denn wo Medien zum Ort des pers√∂nlichen Aushandelns von Sinnangeboten werden, w√§chst der Zwang, sich stets mediengerecht zu pr√§sentieren: heterogen, um Teil√∂ffentlichkeiten und Zielgruppen zu gefallen; translokal, um Netzwerker f√ľr sich zu gewinnen und markenorientiert, um sich von anderen Religionen abzugrenzen.

Unweigerlich kommen einem da die Probleme des gegenwärtigen Pontifikates in den Sinn: die umstrittene Polarität von Papst Benedikt zum Islam und Judentum, die durch Annäherung und Provokation gekennzeichnet ist, die heiss diskutierte Integration der Pius-Bruderschaft, die aufgrund falscher Informationen erfolgte, und die Nähe der Kirche zu historischen und politischen Gruppen, denen der Papst einmal nahe stand.

Die AutorInnen sind √ľberzeugt: Das alles muss zwangsl√§ufig in einer Entzauberung des religi√∂sen Zaubers enden. Denn der „Schwarzmarkt der Religion“, wie sie die Medien√∂ffentlichkeit nennen, wird gr√∂sstenteils von nicht kirchlichen Akteuren konstituiert, durch ihre Prinzipien bestimmt und durch Zuschauerzahlen legitimiert, die man mit medialen Tricks wie der Eventualisierung erreicht. Religionen werden so zwar popul√§r, aber auch entsakralisiert.

Oder einfacher gesagt: Die Euphorie der Kirchen zu den Chancen eines Medienpapstes ist rasch einer Desillusionierung der Gläubigen gewichen, ohne dass Religion dadurch nachhaltig etwas gewonnen hätte.

Erotisches Kapital in der Politik

Ein neues Thema f√ľllt die Feuilletons der Magazine erreicht: das erotische Kapital in der Mediengesellschaft. Die politische Kulturforschung t√§te gut daran, sich den Ver√§nderungen der politischen Kommunikation auch in der Schweiz vertieft anzunehmen.

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Mara Carfanga, Gleichstellungsministerin in Italiens Regierung, machte das beste Ergebnis aller KandidatInnen bei den j√ľngsten Regionalwahlen

55700 Stimmen machte Mara Carfanga bei den j√ľngten Regionalwahlen in Italien. Damit realisierte die Ministerin aus der Reihen der Berlusconi-Partei „Popolo della Libert√†“ das beste Resultat aller KandidatInnen.

Weit herum bekannt wurde sie durch einen peinlichen Patzer des Cavaliere: „Wenn ich nicht schon verheiratet w√§re, w√ľrde ich sie sofort heiraten“, soll der Silvio Berlusconi √ľber seine Gleichstellungsministerin gesagt haben. Damit versetzte er seine Frau Veronica in √∂ffentliche Rage, und die Scheidung der Ehe der Berlusconis nahm ihr Lauf.

In den Medien geht Carfanga seither der Ruf der „sch√∂nsten Ministerin“ voraus. Carfanga ist damit nicht alleine: Pr√§sidenten, die sich wie Nicolas Sarkozy stark w√§hnen, lieben es, sich mit erotischen Frauen zu umgeben, nicht nur des Vergn√ľgens wegen, sondern auch um Aufmerksamkeit zu mehren und W√§hlerInnen zu gewinnen.

Erotisches Kapital in der Sozialforschung
„Erotisches Kapital“ nennt der kanadische Soziologe Adam-Isahia Green das Ph√§nomen. Gemeint ist damit die Energie von Frauen und M√§nnern, die von ihren nat√ľrlichen, k√ľnstlich geschaffenen oder erlernten Eigenschaften ausgehen und auf andere wirken. Das beschr√§nkt sich nicht nur auf unser Alltagsleben, sexuelle Beziehungen Heirat oder Kinderkriegen. Es erfasst in hohem Masse die mediale Kommunikation in Werbung und Unterhaltung, Sport und Kunst, Arbeitswelt und Politik.

F√ľr die TheoretikerInnen eben dieses gibt es keine einheitliche Form des erotischen Kapitals. Vielmehr ist dies eine Folge der Entwicklungen vor allem von Mediengesellschaft, insbesondere ihrer sexualisierten Oeffentlichkeiten. Dabei werden √∂konomisches, soziales und kulturelles Kaptial als tauschbare Handlungsressourcen von Individuen durch das erotische erweitert. Immerhin, die Forschungen zum erotischen Kapital macht mindestens sechs Bestandteile sichtbar: die Sch√∂nheit, die Attraktivit√§ten, die Lebenslust, die Pr√§sentation, die Sexualit√§t und die Vermehrung, insbesondere bei Frauen.

Soziologin Catherine Hakim, Forscherin an der London School of Economics, ist √ľberzeugt: „Women generally have more erotic capital than men because they work harder at it. Given the large imbalance between men and women in sexual interest over the life course, women are well placed to exploit their erotic capital.“ Fasziniert von Cleopatra, Madonna, Catherine Deneuve und Tina Turner, kritisiert sie die bisherigen politischen Theorien, denn das Patriarchat habe den Frauen verboten, ihr erotisches Kapital zu nutzen, um in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zu Erfolg zu kommen, und die feministische Theorie habe die moralischen Vorschriften, an die sich Frauen halten m√ľssten, noch verst√§rkt. Doch das breche in der gegenw√§rtigen Gesellschaft auf und m√ľsse empirisch untersucht werden, verlangt sie und k√ľndigt f√ľr 2011 schon mal ein Buch hierzu an.

Evidenzen auch in der Schweizer Politik?!

Die politische Kulturforschung w√ľrde gut daran tun, sich den aktuellen Ver√§nderungen auch in der Schweiz systematisch anzunehmen. Denn Hinweise hierf√ľr gibt es genug, auch wenn sie meist bel√§chelt werden.

So meinte Georg Lutz j√ľngst unter Verweis auf Adrian Amstutz und Nathalie Rickli, Sch√∂nheit werde auch in der Schweiz gew√§hlt, wenn man das Parlament besetze. Feministin Regula St√§mpfli kritisierte ihn, und Nationalratspr√§sidentin Pascale Bruderer dazu, weil die Genossin der Versuchung, sich nicht √ľber das Sein, sondern den Schein zu verkaufen, nicht wiederstehen k√∂nne. Klaus St√∂hlker wiederum ist sicher, dass Doris Leuthard von ihrer √§usserlichen Erscheinung politisch profitiere und Moritz Leuenberger sich nur deshalb im Amt halten k√∂nne. Die FDP-Frauen k√ľmmern solche Unterstellungen wenig: F√ľr ihre Geburtstagsparty zum 60. luden sie j√ľngst mit dem Hinweis ein, ihr erotisches Kapital ganz bewusst in die Politik einzubringen. Karin Keller-Sutter dankt es ihnen!

Experiment www.bernerwahlen.ch

Es war ein spannendes Experiment, √ľber die Ergebnisse zu den Berner Regierungswahlen in einem eigens hierf√ľr errichteten Blog zu berichten.

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Kurzanalyse der FDP: Splitterbruch w√ľrde man in der Medizin sagen, denn die FDP verliert W√§hlende in alle Richtungen.

www.bernerwahlen.ch ging erst letzte Woche ins Internet. Ziel war es, eine Plattform zu etablieren, f√ľr Wahlergebnisse und -analysen zum Kanton Bern. Die Regierungs- und Grossratswahlen bildeten den Auftakt, die St√§nde- und Nationalratswahlen 2010 geben eine weitere Gelegenheit ab.

Das Mandat f√ľr eine Hochrechung zu den gestrigen Wahlen, welches das Institut f√ľr Politikwissenschaft und das Forschungsinstitut gfs.bern acquirierten, gab den Anstoss f√ľr die Plattform.

Die Nutzung √ľbers Wochenende gab uns recht. 4200 Besuche verzeichneten wir alleine gestern. Rund 1000 waren es in den Tagen davor, fast ebenso viele heute. Die besten Beitr√§ge w√§hrend der Hochrechnung wurden 500 bis 700 Mal in einer halben Stunde angeclickt. Selbst zoonpoliticon profitierte durch Verlinkung. Am Sonntag wurden 2500 Besuche registiert. Das alles sind Zahlen, die sich sehen lassen k√∂nnen.

Sichtbarstere Verlierer der Grossratswahlen sind die FDP und die SP. Der Neuaufsteiger ist die BDP, gefolgt von der GLP. Dazu haben wir erste Analysen zu W√§hlerstr√∂men gemacht. Sie zeigen das die BDP von fast allen Parteien W√§hlerInnen aufnahm und von Neumobilisierten profitierte. Schliesslich haben wir untersucht, wie die Bl√∂cke bei den Regierungsratswahlen gespielt haben, und welche Bedeutung die Unterst√ľtzung ausserhalb dieser f√ľr den Wahlerfolg bei den Exekutivwahlen hatte.

Quintessenz hierzu: Barbara Egger-Jenzer und Beatrice Simon hatten jeweils die geringste Blockunterst√ľtzung. Die beiden Frauen in der Berner Regierung markieren also die deutlichsten zur Mitte und ins andere Lager tendierenden PolitikerInnen.

Die Lekt√ľre der politischen Wesen.

Rund 200’000 Besuche hatte dieses Blog 2009. Zirka doppelt so viele Seiten wurden dabei konsultiert. In einem Drittel der F√§lle war es die jeweilige Hauptseite. Zwei Drittel der Besuche steuerten eine Rubrik an oder hatten einen der Beitr√§ge zum Ziel.

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Entscheidend if√ľr die Nutzung eines Beitrags ist das allgemeine Google-Rating. Hinzu kommen Verlinkungen auf anderen Seiten. Sie bringen punktuellen traffic; gelegentlich bleiben die BesucherInnen l√§nger h√§ngen. Die regelm√§ssige Kundschaft ist recht klein, daf√ľr auch recht treu. Sie kommt im Wochenrhythmus ein- oder mehrmals vorbei, um das Neueste zu konsultieren. Diskussionen flackern leider nur dann auf, wenn tagesaktuellen Themen behandelt werden. Die Nutzung der Beitr√§ge wird von Kommentaren nur beschr√§nkt beeinflusst.

Wichtiger ist es hier, eine klare Themen-Nische auf dem Web besetzt zu haben, sodass die speziell Interessierten auf zoon politicon vorbei schauen kommen. Die verschiedenen Beitr√§ge zur den Hochrechnung f√ľr die SRG sind ein typisches Beispiel daf√ľr.

Was sonst noch häufig konsultiert wurde, zeigt die nachstehenden Zusammenstellung.

20 Beiträge, die 2009 am meisten aufgerufen wurden

1. Samuel Schmid im Tief oder Keine Volkswahl des Bundesrates (ca. 2500 Aufrufe 2009)
2. Meine top ten Liste Buchliste zur politischen Kommunikation (ca. 1900)
3. Sind wir Menschen alle ein rreemm? (ca. 1200)
4. Die Schweiz ist das 25. Land des Schengener Abkommens (ca. 800)
5. 13 Gr√ľnde warum Obama Pr√§sident wird (ca. 700)
6. Politologie f√ľr die Zeitungslekt√ľre (ca. 650)
7. Freiheiten und Demokratie weltweit vermessen (ca. 600)
8. Die Vorbereitung der Hochrechnung zu Personenfreiz√ľgigkeit (ca. 500)
9. Demokratie-Muster (ca. 500)
10. Boulevard-Demoskopie (ca. 500)

11. Hochrechnung von Abstimmungen (ca. 450)
12. Die gläsernen ParlamentarierInnen (ca. 450)
13. Hochrechnungen zum Abstimmungssonntag (ca. 400)
14. Das Tableau der Bundesratswahlen (ca. 400)
15. Warum Julia Onken f√ľr die Minarett-Initiative ist (ca. 400)
16. Reimann – der Zukunftstyp des nationalkonservativen Politikers (ca. 400)
17. Samuel Huntington, Autor von „Kampf der Kulturen“, verstorben (ca. 350)
18. Bef√ľrworter der Minarett-Initiative waren besonders mobilisiert (ca. 350)
19. Der grosse politische Kompass (ca. 350)
20. Anonyme Beamte, Journalisten und Politologen proben den Regierungssturz (ca. 350)

Wenn mein Wille, ein politisches Wesen zu sein, nicht n√§chl√§sst, gibt’s auch 2010 wieder zahlreiche Beitr√§ge zu Themen, die einen Politikwissenschafter oder eine Politikwisenschafterin in der Praxis vielleicht etwas angehen oder von Nutzen sein k√∂nnen.

Es w√ľrde mich freuen, Sie und andere mehr weiterhin zu meinen LeserInnen z√§hlen zu d√ľrfen!

Nun kommt der Informationscrash, prophezeit der „B√∂rsianer des Jahres“.

Man nehme: eine Priese des gegenw√§rtigen Lebensgef√ľhls, sage einen weiteren Crash voraus und mixe beides zu einem leicht geschriebenen Buch. Das ergibt einen Bestseller mit dem Titel „Der Informationscrash„, sagt Autor Max Otte, in Deutschland eben zum „B√∂rsianer 2009“ gew√§hlt. Ich mache das ein Fragezeichen.

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2006 schrieb Otte, der B√∂rsencrash komme. 2008 kam er dann, und das Buch „Der Crash kommt“ kletterte im Nu auf die Spitzenpl√§tze der B√ľcherparaden. Nun doppelt der Autor nach und ver√∂ffentlicht nachtr√§glich die Analyse zurr Prognose. Der einfache Befund: Schuld an allem ist die heutige Informationsflut, die uns zum√ľllt. Doch nicht mehr lange, denn als n√§chstes kommt der Informationscrash, verheisst das Buch aus dem Econ-Verlag!

Was in den Sozialwissenschaften anerkannt Informationsgesellschaft heisst, wird bei Otte flugs zur Desinformationsgesellschaft. Ihr wichtigstes „Lebenszeichen“ war der B√∂rsencrash 2008. Denn nach Otte, Professor f√ľr Betriebswirtschaft an der Fachhochschule Worms, arbeiten Wirtschaftsakteure ganz bewusst auf Falschinformationen hin, um bessere Gesch√§fte machen zu k√∂nnen, reagiert die Politik ohnm√§chtig, weil sie nicht begreift, was uns geschieht, und sind die Medien maximal noch als gekaufte Lakaien erw√§hnenswert.

Die Symptome der Geschichte, die Otte fl√ľssig erz√§hlt, sind in der Tat ernst. Die heutige Informationsschwemme werde aus drei Gr√ľnden zu ihrem Gegenteil, schreibt er:

. Denn wir leiden generell am Ueberfluss an Ueberinformation.
. Deshalb merken wir auch die Nicht-Information in wichtigen Fragen gar nicht.
. Und wir lassen uns durch Pseudoinformationen der Wissenstechnokraten ablenken.

Doch dann kommt eine weit hergeholte Begr√ľndung: Angefangen hat nach Otte, einem gefragten Vortragsredner, alles mit dem Lebensmittelvertrieb. McDonald habe gezeigt, wie man unqualifiziertem Personal, das die Waren g√ľstiger denn je unter die Leute bringe, Gesch√§fte mache. 70 Milliarden Euro Umsatz gehe in der Branche so √ľber den Ladentisch. Und verderbe zunehmend die ganze Gesellschaft – und Kommunikation. Denn formalisierte Vorgaben und systematische Kontrollen in allen Lebenslagen seien es, was uns das Denken abgew√∂hnt haben und uns alle dumpf machen.

Im Buch des B√∂rsen-Gurus liesst sich das alles wie ein Fortsetzungsroman. Es kommt einem fast vor, die gesammelten Kolumnen vorgef√ľhrt zu bekommen, um sie im Schnellgang konsumieren zu k√∂nnen. Das riecht dann fast schon ein wenig wie im McDonald: „Was m√∂chten Sie?“ – „Kapitalismuskritik!“ – „Hier! Der n√§chste Bitte!“ – „Gute Moral!“ – „Gut so, macht 5.50“. Und so fort. Symobolische sprochen ist man im Buch von Otte schnell zuvorderst in der Schlange, hat seinen Burger, isst ihn, und wird doch nicht satt.

Schade!, sage ich da, denn was analytisch ordentlich beginnt, verkommt zur sattsam bekannten pauschalen Mainstream, ohne schlauer zu machen. Er habe noch keine eigentliche Theorie der Informations√ľberschwemmung entwickelt, sagt Anlageberater Otte √ľber sich selber, auch keine Rezeptologie dagegen, f√ľgt er am Schluss des Buches bei.

Dem ist eigentlich nichts beizuf√ľgen.

Ausser die Frage: Kommt es nun zum Informationscrash, ja oder nein?

Claude Longchamp

Sekund√§rzitierungen von Umfragen sind so eine Sache …

Wer kennt das nicht: 10, 50 oder 100 Menschen stehen in einer Reihe. Der Erste sagt dem Zweiten etwas, sodass es die anderen nicht h√∂ren. Dann ist der Zweite gegen√ľber dem Dritten dran und so fort. Der Letzte berichtet dann dem Ersten, was er √ľber ihn geh√∂rt habe. Zum Staunen aller ver√§ndert sich die Botschaft durch ihre Weitergabe bis ins Unkenntliche.

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Kommunikationsprobleme sind auch in der Vermittlung von Studienergebnissen häufig, wenn man mehr aus den Resultaten machen will, als möglich ist.

„24 Heures“ publizierte letzte Woche eine Umfrage von MIS zum Verh√§ltnis von SchweizerInnen zu Muslimen. Auf einen Nenner gebracht, lautete das Ergebnis: Ein Muslim kann ein guter Schweizer sein. Dem Islam als Ganzes stehen die BewohnerInnen des Landes aber distanziert gegen√ľber.

„32 – 38 – 24“, so lauten die Zahlen f√ľr ein positives, neutrales oder negatives Verh√§ltnis zu Angeh√∂rigen des Islams gem√§ss MIS Befragung. Entsprechend sind die BewohnerInnen der Schweiz in vielen Frage, die den Islam betreffen, gespalten. In der Minarett-Frage sind 46 Prozent dagegen.

Fachm√§nnisch gesprochen sind das alles Einstellungselemente: Bewertungen von Sachfragen, welche den aktuellen Informationsstand und die momentane Gef√ľhlslage reflektieren. Da Entscheidungen auch Informationen und Stimmungen einer Kampagne reflektieren, k√∂nnen Pr√§dispositionen und Entscheidungen identisch sein, m√ľssen aber nicht.

Journalistisch ist das der Knackpunkt. Nicht selten wird alles mit allem gleichgesetzt! Denn besteht ein Zwang in den Medien, aus allen Umfragen vor Abstimmungen eine Prognose zu machen. Egal, ob auf gesicherter oder ungesicherter Basis.

Das konnte man Ende letzter Woche wieder einmal sch√∂n feststellen. Die Meinung zu Minaretten, wie sie „24 Heures“ richtig wiedergab, wurde in „20 Minuten“ zur unvermittelten Stimmabsicht √ľber die anstehende Initiative. Eine Minderheit sei f√ľr Minarette, eine relative Mehrheit f√ľr die Initiative. „Rund zwei Wochen vor der Abstimmung seien noch 15 Prozent unentschieden“, lautete die Zusammenfassung der Studie.

In der √∂sterreichischen „Kleinen Zeitung“ kams dann noch dreister: „Die Anti-Minarett-Initiative in der Schweiz hat gute Erfolgsaussichten“, wird der Artikel eingeleitet; √ľbertitelt ist er mit: „Mehrheit f√ľr Anti-Minarett-Initiative“!

Quod erat demonstrandum: Mit jeder Weitergabe √§ndert sich die urspr√ľngliche Botschaft!

Claude Longchamp