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Die Dynamik der Stimmbeteiligung im Kanton Genf

Manchenorts spekuliert man über die Entwicklung der Stimmbeteiligung vor einer Volksabstimmung. In Kanton Genf ist alles ziemlich transparent. Interessant, aber auch nicht unbedenklich.

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Die Grafik zeigt, wie sich die Stimmbeteiligung im Kanton Genf vor der aktuellen Volksabstimmung am 28. November 2010 Tag für Tag entwickelte.

Spätestens am Donnerstag abend erhalte ich jeweils Hinweise, wie sich die Stimmbeteiligung in Gemeinde und Städten entwickeln könnte. Viel anfangen kann man damit meist nicht. Denn die Informationen sind in der Regel nicht kontrollierbar, und kommen auch nicht immer aus den gleichen Orten. So hat man zwar ein Kaleidoskop von Eindrücken, aber nicht mehr.

Ganz andere Wege geht seit einiger Zeit der Kanton Genf. Wenn das Wahlmateriale verschickt ist, und die Bulletins zurückkehren, zählt man jeden Tag aus, und die Ergebnisse zur Beteiligung werden alle 24 Stunden auf Internet aufdatiert – ganz offiziell.

Bei der aktuellen Abstimmung haben gestern nachmittag 48 Prozent ihre Stimme abgegeben gehabt. Am letzten Abstimmungswochenende waren es zur vergleichbaren Zeit 39, und beim vorletzten 43. Die Schlussmobilisierung in den beiden letzten Tagen bracht am 7. März noch 7 Prozent an die Urne, am 26. September noch 3. Uebertragen auf das kommende Abstimmungswochenende ergäbe das eine Beteiligung von 51-55 Prozent.

Für Genfer Verhältnisse zeichnet sich damit an diesem Wochenende eine hohe Beteiligung ab, die auch über dem langjährigen Mittel in der Rhone-Republik liegt.

Zudem legt diese Statistik nahe, dass bei Weitem nicht alle, sofort Stimmen gegangen sind, nachdem sie die Stimmunterlagen erhalten haben. In der zweiten Woche gingen am wenigsten, in der ersten etwa ein Drittel, und in der letzten könnte die Wochenbeteiligung die höchste werden.

Ob das verallgemeinert werden kann, ist noch etwas offen. Der Genfer Schnitt liegt seit Jahren über dem schweizerischen. In den beiden letzten Jahren betrug die Differenz 3-4 Prozent. Das wäre das ein Hinweise darauf, dass die Stimmbeteiligung auch gesamtschweizerisch hoch sein dürfte.

So spannend ich diese Datenquelle auch finde: Unproblematisch erscheint sie mir gerade in der letzuten Woche der Mobilisierung nicht. Denn nur solange es keinen Zusammenhang gibt zwischen Mobilisierung und Ausgang der Entscheidungen, sind das neutrale Abstimmungsinformationen. Wenn das aber nicht der Fall ist, gibt es auch Hinweise auf bevor- und benachteilte Akteure bei den einzelnen Entscheidungen.

Claude Longchamp

Ueber Abstimmungskampagnen

Nachstehend einige Auszüge aus dem grossen Interview, das ich dem “Sonntag” von heute zum Thema Politkampagnen der Gegenwart gewährt habe.

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Herr Longchamp, wie ist Ihre persönliche Fieberkurve eine Woche vor den Abstimmungen, schon kribbelig?
Ich mache das jetzt seit 1992 fürs Schweizer Fernsehen. Seit 1998 mit Hochrechungen und Umfragen kombiniert. Das nimmt man eher wie ein Arzt, der jeden Patienten und jeden Fall ernst nimmt, aber keinen persönlich an sich ranlässt.

Sie haben das Bild des Arztes gebracht, der ja auch Prognosen stellt…
…das machen wir eben nicht! Wir machen Trenduntersuchungen. Diese sind 18 Tage vor der Abstimmung abgeschlossen. Für den Fall, dass in den letzten 18 Tagen nichts mehr passieren würde, müsste die damalige Bestandesaufnahme mit dem Ergebnis übereinstimmen. Aber das ist so falsch. Dann könnten Sie und ihre Konkurrenz in den letzten beiden Wochen nichts mehr schreiben.

Aber in diesen 18 Tagen kann noch so viel passieren.
18 Tage vorher ist über die Mobilisierung noch fast nichts entschieden. Also: Wie verhalten sich die Komitees? Was sind die Emotionen im letzten Moment? Wie ist die Polarisierung? Was ist das Hauptthema?

Wie viele Stimmbürger haben sich in diesem Moment schon eine Meinung gebildet?
18 Tage vorher haben 10 bis 20 Prozent schon brieflich gestimmt. 80 Prozent aber noch nicht. Doch es war klar, wer teilnahm und wer nicht. Jetzt gibt es aber in der Schlussphase ganz neue Mobilisierungsphänomene. Denken Sie nur zurück an das Video von Charles Clerc bei der Personenfreizügigkeitsabstimmung. Das wurde in den letzten zehn Tagen 500 000 Mal verschickt! Das war eine der bisher genialsten Mobilisierungskampagnen.

Gibt es weitere Beispiele?
Der 6. Oktober 2007: Die Schlägerei in Bern mit dem Schwarzen Block, die die SVP aufgehalten hat. Der höchste Grad an Emotionalisierung: 5000 SVPler gehen zurück nach Hause und sind hässig wie weiss nicht was und erzählen das jedem weiter. Das ist ein extremes Mobilisierungsmoment.

Hat es sich damit?
Dazu kommt in jeder Umfrage ein Anteil an Unentschlossenen. Da wissen wir nicht, was sie machen. Wir weisen sie auch aus – mit dem Risiko, dass es am Schluss Abweichungen gibt. Wir sind aber der Meinung, dass dies die sauberere und fairere Lösung ist, als sie wegzulassen.

Die SVP kann am besten mobilisieren.
Stimmt. Sie hat die Bürger-zu-Bürger-Kommunikation befördert, das wirkt. Alle anderen versuchen es mit medialer Polarisierung. Das führt aber meistens dazu, dass sie beide Extreme mobilisieren. Auch wenn man das Agenda-Setting – beispielsweise einer Zeitung am Sonntag – besetzen. Dann haben sie zwar ihr Thema in den Medien, aber auch das Risiko, den Gegner so aufregt zu machen, dass er genau so stark mobilisiert wird.

SP-Chef Christian Levrat moniert, seine Seite habe 40-mal weniger Geld als die Gegner. Entscheidet das Geld über Ja oder Nein an der Urne?
Darüber wissen wir leider viel zu wenig, weil niemand wirklich bereit ist, die Transparenz zu gewährleisten. Ich erinnere an den 7. März 2010 und die BVG-Revision: Die gleiche Konstellation wie jetzt: Eine riesige Kampagne über Monate hinweg. Der Kuchen mit den Kerzen, der immer kleiner wird bis am Schluss nur noch Brosamen da sind. Die Botschaft: Es bleibt nichts mehr übrig, wenn man Nein sagt. Was war das Ergebnis? 67 Prozent Nein.

Das heisst: Geld entscheidet doch nicht alles?
Der Politologe Wolf Linder hat gesagt: «Es ist nicht bewiesen, dass man mit Geld Abstimmungen kaufen kann. Aber das Gegenteil auch nicht.» Es gibt jedoch ein wenig diskutiertes Thema in der Schweiz: Es ist das Geld, das in Form von Inseraten in Medien fliesst, und die Positionierung des Medium beeinfluss kann.

Bei der SVP-Ausschaffungsinitiative sind praktisch alle Medien dagegen. Mit welchem Effekt?

Wir wissen spätestens seit dem EWR: Wenn in den Medien ein eindeutiger Meinungsdruck in eine Richtung entsteht, der nicht mit der Grundstimmung in der Bevölkerung übereinstimmt, hat er eine kontraproduktive Wirkung. Es ist auch nicht die Aufgabe der Medien, Position zu beziehen.

Sondern?
Den Diskurs zu befördern und Pro und Contra klar herauszuschaffen. Eigentlich müsste doch der Bürger, die Bürgerin befähigt werden, entscheiden zu können.

Sie schieben die Verantwortung auf die Medien ab, dabei ist der Ton in der politischen Auseinandersetzung rauer geworden. Oder bezweifeln Sie das?
Die EWR-Abstimmung war der Wendepunkt in der politischen Kommunikation in der Schweiz. Vorher gab es klar den Konkordanzstil. Seither haben wir aber eine klare Veränderung. Positiv ist: Wir haben eine Streitkultur bekommen. Die ist neu und hat sich bei den Abstimmungen auch durchgesetzt. Bei nationalen Wahlen auch, bei kantonalen kaum.: Es wird klar gesagt, warum man dafür und warum man dagegen ist. Wir haben auch eine steigende Stimm- und Wahlbeteiligung. Es interessieren sich also wieder mehr Leute für Politik.

Und was gefällt Ihnen daran nicht?

Wir haben eine krude Vereinfachung von Allem. Manchmal ist es gut, schwarz-weiss zu reden. Aber es gibt viele Themen, die sind nicht einfach schwarz-weiss. Ein Beispiel: Seit dem Urnengang über das Krankenversicherungsgesetz am 4. Dezember 1994 gab es sechs Volksabstimmungen. Das KVG wird seit Jahren von den Medien gescholten. Aber in den sechs Abstimmungen gab es sechs Niederlagen. Sechs Niederlagen! Alle mit 70 oder mehr Prozent Ablehnung! Es gibt einfach Bereiche, bei denen das Schwarz-weiss-Denken nicht aufgeht. Das zweite Problem ist die extreme Personalisierung. Das hat ein unerhörtes Mass erreicht. Es führt auch zu einer Politikverdrossenheit, Zynismus und Abwehrreaktionen gegenüber der Politik.

Aber Sie sagen es selber: Mehr Menschen interessieren sich für Politik. Die Personalisierung ist der Preis dafür.

Es gibt aber auch das Gegenphänomen, dass immer weniger Menschen in ein Amt gewählt werden wollen, vor allem auf lokaler Ebene. Diese Leute sagen: Ich habe keine Zeit, bekomme nichts dafür und werde erst noch angepinkelt.

Was ist für Sie ein solch übler Vorfall?

Da muss man nicht weit zurückschauen. Wir hatten bis jetzt eine Faustregel, dass ein Bundesrat 100 Tage Zeit hat, um sich in sein Amt einzuarbeiten. Simonetta Sommaruga musste an ihrem fünften Arbeitstag in die «Arena» und wurde angegriffen … und das ist einfach unwürdig. Das ist nicht gut für die Politik.

“Basels industrielles Erbe macht die Stadt konservativ”

Man nehme: ein Vorurteil. Man widerlege es mit einem Mix an Zahlen. Und man schaffe ein neues Vorurteil. So funktioniert der Journalismus der Basler Zeitung, seit sie mit Markus Somm einen neuen, konservativen Chefredaktor hat.

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Ueber alle Abstimmungsergebnisse hinaus betrachtet ist Basel eindeutig liberal, nicht konservativ

“Im Herzen Europa, trinational und weltoffen”, beginnt der Bericht von Alan Cassidy über das Abstimmungsverhalten Basels, typische Worte des Stadtmarketings zitierend. Stimmt nicht, sagt der Autor. Basels industrielles Erbe habe die Stadt konservativ gemacht, kontert er.

Gestützt wird das Ganze durch Material aus einem Vortrag von Michael Hermann, führender Politgeograph der Schweiz, der jüngst an der Uni Basel referierte. Sein Thema war das Stimmverhalten der fünf Schweizer Grossstädte im internurbanen Vergleich. Untersucht wurden dabei 20 eidgenössische Abstimmungen seit 1970 zur aussenpolitischen Oeffnung und zur einer restriktiveren Migrationspolitik.

Was im Bericht der BaZ folgt, ist ein Verwirrspiel mit zwei Sorten von Vergleichen. Denn Hermanns Aussagen beziehen sich auf die Unterschiede der 5 grossen Städte zum nationalen Mittel. Die BaZ aber interpretiert das als Trend in der Stadt angesichts der Veränderungen durch die Industrialisierung und ihren Folgen.

Fakt ist: Die höchsten Ja-Werte in den genannten Themenbereichen gibt es in den deutschschweizer Grossstädte regelmässig in Bern. Bei der aussenpolitischen Oeffnung ist das seit dem EWR-Entscheid 1992 immer so gewesen. Und in der Migrationsfrage gilt dies seit den Einbügerungsabstimmungen von 1994. Der Schock der Städter, in der ersten Europa-Abstimmung vom 6. Dezember 1992 von den Miteidgenossen in der deutsch- und italienischsprachigen Schweiz zurückbunden worden zu sein, hat nicht nur in der Bundesstadt, sondern weitgehend im grossurbanen Bereich den Stadt/Land-Konflikt in Sachentscheidungen an der Urne ansteigen lassen. Das war noch in den 70er und teilweise in den 80er Jahren ganz anders. Denn die deutschschweizer Grossstädte votierten in den 70er und 80er Jahren konservativer als die gesamte Schweiz, wenn es beispielsweise um Ueberfremdungsfragen ging.

Doch das wäre der Baz keine Schlagzeile Wert gewesen. So spitzte sie zu. Sie macht aus “konservativer” im interurbanen Vergleich (imn Text) schlicht “konservativ” im absoluten Sinne (im Titel) und interpretiert das als Folge der sozialen Entwicklungen in der Stadt. Hinhalten muss dafür die “Verbürgerlichung der Industriearbeiterschaft”, die mit dem Wirtschaftsaufschwung zu Eigentum und Vermögen gekommen sei und seither am Bewahren des Erreichten Interesse. Das alles kann man in anderen Städten auch beobachten, doch passt nicht zur These des Artikel, der alles umkehrt: “Basels industrielles Erbe macht die Stadt konservativ”.

Nun ist das alles nicht ganz falsch, im genannten Zusammenhang aber nicht wirklich erklärend. Denn der Trend in allen urbanen Gebiete geht seit fast 20 Jahren in Richtung Oeffnung und Offenheit – nicht umgekehrt. In Basel ist dieser Trend bei Oeffnungsfragen ein wenig schwächer, aber gleich gerichtet. Dieses Delta der Verönderung ist es, das die Baz hochstiliert, und aus dem Kontext gerissen ins Gegenteil gewendet und in der Schlagzeile gesetzt zu werden.

Um es klar zu sagen: Konservativ ist die Schweiz auf dem Land, nicht aber in den Grossstädten. Doch das passt nicht zur Brille des neuen Chefredaktors, selber vom linksliberalen Schreiberling zum rechtskonservativen Propagandist mutiert. Und da er nun auch in Basel vordenkt, muss ganz Basel alles so lesen werden, wie er es gerne hätte. Auch wenn das Material dazu so gar nicht passen will.

Wie gesagt: Images sind immer vereinfachend, lassen sich fast immer widerlegen, was noch lange kein Grund ist, neue Images kreiieren zu müssen! Besser wäre es, auf Images zu verzichten, und über die Realität zu berichten. Zum Beispiel, dass Basel Oberschicht, der Daig, von Grund auf konservativ ist und solchen Interpretationen ihrer Stadt nachhängt, weil Freisinnige, Linke und Grüne längst andere Schwergewichte gesetzt haben.

Claude Longchamp

Steuergerechtigkeits-Initiative: Auf welcher Nutzen(oder Schadens)erwartung entscheiden wir?

Die Volksabstimmung vom 28. November 2010 über die Steuergerechtigkeit ist auch aus politikwissenschaftlicher Sicht interessant. Denn sie wirft die Frage auf, aufgrund welcher Präferenzen abgestimmt wird.

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Kanton, mit direkter Betroffenheit resp. mit betroffenen Gemeinden durch die SP-Steuergerechtigkeitsinitiative

In der Theorie des rationalen Wählens alles einfach: Beim Wählen und Abstimmung optimieren die BürgerInnen ihren Nutzen. Entsprechend stimmen sie ab. Sie haben eine eindeutige Präferenz und aufgrund informieren sie sich und fällen sie anhand der verfügbaren Informationen ihre Entscheidungen.

Von der Steuergerechtigkeitsinitiative der SP direkt betroffen sind 1-2 Prozent der EinwohnerInnen resp. SchweizerInnen. Käme es zu einer direkten, interessenbezogenen Entscheidung wäre das Ergebnis eindeutig. Die Initiative müsste klar angenommen werden.

Die Ja-Seite argumentiert entsprechend: Betroffen seien wenige Reiche. Das schwäche den sozialen Zusammenhalt in der Schweiz; verhindert werden könne das nur, wenn man die kantonalen und kommunalen Gesetze hinsichtlich der Besteuerung höchster Einkommen und Vermögen einander angleicht.

Die Nein-Seite widerspricht dem, aber nicht direkt. Sie sucht eine andere Entscheidung. Sie will die Problematik auf die generelle Frage des Steuerföderalismus durch Kantone und Gemeinden und auf die indirekten Folgen letztlich für alle SteuerzahlerInnen ausdehnen, wenn die Begüterten abwandern.

Die heute veröffentlichte Repräsentativ-Befragung zu den vorläufigen Stimmabsichten der BürgerInnen in Sachen Steuerinitiative der SP lässt eine erste Beurteilung der vorrangigen Nutzenerwartungen zu: Wäre am 13. Oktober 2010 entscheiden worden, wäre die Initiative aller Voraussicht nach angenommen worden.

Das Spannendste dabei ist, dass die Polarisierung zwischen den Einkommensschichten effektiv gering ausfällt. Die Privilegierung hoher Einkommen führt in breiten Schichten zu Unmut, und die Vereinheitlichung der Steuertarife im Ganzen Land findet Zuspruch. Doch zeigen sich auch Grenzen: Der Steuerföderalismus ist nicht an sich vorbei, und Aengste bezüglich neuer Steuerbelastungen können vor allem im Zusammenhang mit dem Mittelstand thematisiert werden.

Der Konflikt ist zunächst parteipolitisch: Links vs. rechts. Er ist aber auch regional: West vs. Ost. Wie er ausgeht, ist noch offen. Denn zu Beginn einer Kampagnen beurteilen die BürgerInnen das Problem. Das hilft in der Regel der Initiative. Am Ende bewerten sie meist die Lösung des Problems. Das führt bei Volksinitiativen meist zu einem Meinungsumschwung vom Ja ins Nein.

Mit Blick auf die Theorie des rationalen Wählens (und Abstimmens) kann man deshalb folgende Beobachtungen festhalten: Die BürgerInnen haben nicht eine eindeutige Präferenz. Sie haben in der Regel Präferenzordnungen. Auf welche Ebene dieser Hierarchie sie sich entscheiden, ist nicht im Voraus klar. Es hängt davon ab, was ihnen in einer bestimmten Situation am wichtigsten ist, und was in dieser Situation auch am meisten öffentlich verhandelt wird.

Entscheidungen können sehr wohl rational im Sinne der Nutzenoptimierung oder Schadensminimierung interpretiert werden. Die Krux aber ist, was der Nutzen oder Schaden ist. Das sieht anders aus, wenn man sich anhand direkter und indirekte Folgen entscheidet, es sieht auch anders aus, ob man sich als Wirtschaftssubjekt oder als StaatsbürgerIn definiert.

Wie man in diesen Hinsichten hin und her schwankt, kann man ab heute bis zum Abstimmungstag exemplarisch verfolgen.

Claude Longchamp

Von der Initiativskepsis zum Initiativoptimismus

Lange glaubte man nicht mehr an den durchschlagenden Erfolg von Volksinitiativen. Zwischenzeitlich ist das wieder anders, sodass auch die Zahl der Volksinitiativen sprunghaft zunimmt. Und das nicht nur wegen des kommenden Wahljahres.

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Die Zustimmung zur UNO-Beitrittsinitiative leitete den Wandel in der Einschätzung des Mobilisierungspotenzials von Volksinitiativen ein.

Seit den Nationalratswahlen 2007 nimmt die Zahl der vorbereiteten Volksinitiativen sprunghaft zu. Allein seit diesem Jahr gibt es 25 neue Projekte. 16 waren es im Vorjahr, 13 im Vorvorjahr. Das alles sind Rekordzahlen.

Die Hoffnung des Verfassungsgebers, der die geltende Bundesverfassung ausarbeitete, haben sich damit nicht bestätigt. Die formale Neugestaltung des schweizerischen Grundgesetzes bewirkte nicht, dass die Zahl angestrebter Teilreformen zurückgegangen wäre.

Volksinitiativen sind zunächst Ausdruck ungelöster Konflikte, die so auf die Politagenda gesetzt werden. Die Minaretts-Initiative steht vorbildlich hierfür. Dann können Initiativen auch Ausdruck der Interessen von Akteuren sein, die sich im Parlament untervertreten sehen, in der Bevölkerung aber getragen fühlen. Gewerkschaftliche Initiative gegen die Postliberalisierungen oder die Bausparinitiative der Hauseigentümer kann man hierbei erwähnen. Schliesslich stehen Initiativen für ein neues Phänomen: Politischer Unternehmer, die sich einmischen wollen, lancieren sie wie ein Geschäft. Die Minder-Initiative ist wohl das beste Beispiel dafür. Erwähnt sei aber auch die Raser-Initiative, die gleich vom Blick übernommen wurde.

Dass immer mehr gut organisierte Gruppen von der Möglichkeit des Volksrechts Gebrauch machen, hängt auch mit dem neuerlichen Erfolg von Volksinitiativen zusammen. Zwar werden auf nationaler Ebene auf die Dauer 9 von 10 Volksbegehren abgelehnt. Doch nahm die absolute Zahl der Initiativen zu, die es schafften. Die UNO-Abstimmung machte den Anfang im Jahre 2002. Es folgten die Verwahrungsinitiative, die gentechfreie Landwirtschaft, der Anti-Pronografie-Artikel – und die Minarettsinitiative. Diese Zustimmungen haben die politischen Akteure beflügelt, zu diesem Instrument zu greifen, um einzugreifen, sich zu profilieren oder auch Dampf abzulassen.

Dies hat die Initiativskepsis, die lange vorgeherrscht hatte, aufgeweicht. Heute spricht man nicht mehr nur von indirekten Wirkungen des Volksrechts auf die Gesetzgebung. Man strebt vielmehr direkt die Mehrheit in Volk und Ständen an – und hält sie bei geeignetem Projekt nicht mehr für aussichtslos.

Selbst Organisationen, die keine politisch-institutionelle Erfahrungen haben, lancieren wieder Volksinitiativen: Anita Chaaban machte mit der Verwahrungsinitiative den Anfang – der zum Ziel führte. Das Projekt, die Todesstrafe wieder einzuführen, kann in der gleichen Logik gesehen werden, auch wenn sich diese Initianten der Konsequenzen einer Lancierung nicht hinreichend bewusst waren.

Claude Longchamp

Problematische Kommunikationskonstellation

Am 28. November 2010 stimmt die Schweiz über die Ausschaffungsinitiative der SVP für kriminelle AusländerInnen, den behördlichen Gegenvorschlag hierzu und die SP-Steuergerechtigkeitsinitiative ab. Zuständig sind das EJPD und das EFD. Beide erhalten Mitten im Abstimmungskampf neue ChefInnen – und damit neue KommunikatorInnen, welche den Standpunkt von Bundesrat und Parlament in der Sache zu vertreten haben.

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Konkret sieht das wie folgt aus: Eveline Widmer-Schlumpf, Chefin des EJPD, eröffnete vorgestern die Kampagne gegen die SVP-Initiative und für den Gegenvorschlag hierzu. Hans-Rudolf Merz machte das Gleiche heute in Sachen SP-Steuerinitiative. Ende Monate scheidet er aus dem Amt aus, seine Nachfolge tritt Eveline Widmer-Schlumpf an, die ihrerseits durch Simonetta Sommaruga ersetzt wird.

Widmer-Schlumpf wird die Hauptphase des Abstimmungskampfes zum Ausschaffungsthema wohl nicht mehr bestreiten. Die Sache wurde zwar von ihr mit dem Bundesrat und dem Parlament vorbereitet, und auch die Kampagne der Behörden, die längst geplant ist, fand noch unter ihren Vorgaben statt. Kommunizieren wird sie aber kaum mehr. Das ist problematisch, denn es schadet der Glaubwürdigkeit. Von Glück ist es für die Behörden, dass die moderate Sozialdemokratin im Parlament genauso wie die Mehrheit gestimmt hatte: für den Gegenvorschlag, gegen die Initiative.

Problematisch wäre es allerdings auch, würde Widmer-Schlumpf als Superministerin auf Zeit auftreten und beide Kampagnen der Bundes öffentlich vertreten. Denn im Finanzdepartement besteht ein vergleichbares Problem: Alles wurde unter Merz vorbereitet, richten wird er es aber nicht mehr. Immerhin, Widmer-Schlumpf wäre gut vorbereitet, ist sie doch stellvertretenden Departementschefin bei den Finanzen, und hatte sie die Dossiers auch während der krankheitsbedingten Abwesenheit des Chefs geführt. Doch wäre mit der Doppelverantwortung Widmer-Schlumpf doppelt gefordert, und das in einem Moment, indem sie für SVP und SP nicht mehr glaubwürdig ist.

Das Ganze wäre halb so schlimm, wären BundesrätInnen zwischenzeitlich nicht die wesentlichste Stütze der behördlichen Kommunikation vor Abstimmungen. Das Parlament ist längst nicht mehr in der Lage, Ueberzeugungsarbeit zu leisten, dafür agieren seit mehr als 10 Jahren fast lückenlos Bundes- und RegierungsrätInnen. Sie haben den Vorteil, dossierfest und genügend bekannt zu sein, um in der kurzen Zeit, die bei Abstimmungskämpfen normalerweise zur Verfügung steht, sinnvoll intervenieren und so die Entscheidungen in Regierung und Parlament zu begründen.

Und in diesem Fall ist das besonders wichtig: SVP, aber auch SP kündigen kraftvolle Kampagnen zugunsten ihrer Initiativen an – und damit gegen die Beschlüsse in National- und Ständerat. Sie betrachten sie auch als Vorlauf für die Kampagnen zu den Parlamentswahlen 2011, denn sie sollen beide Parteien in einem ihrer Kernthemen profilieren. Zudem sind beide mit dem Ergebnis der Bundesratswahlen teilweise unzufrieden, damit auch motiviert, ohne Rücksicht auf nichts für sich zu mobilisieren.

Es zeichnet sich eine problematische Kommunikation des Behördenstandpunktes in einer problematische Konstellation ab.

Claude Longchamp

Die “beste Armee der Welt” im Taschenformat

Der Bundesrat will eine kleinere und günstigere Armee. Der Bestand soll zukünftig noch 80′000 Mann betragen. Kosten darf die Armee höchstens 4,4 Milliarden Franken im Jahr. Die internationale Vernetzung soll bleiben. Das sind die Vorgaben, die der unterlegene SVP-Bundesrat und VBS-Chef Ueli Maurer vor dem Parlament vertreten und dann auch umsetzen muss.

Tagesschau vom 03.10.2010
Meine Kurzanalyse für die SF-Tagesschau von heute abend, aufgenommen im Schlosshof von Murten

Seit geraumer Zeit wird in armeefreundlichen Kreisen wie der “Gruppe Giardino” darüber spekuliert, eine Volksinitiative Pro-Armee zu lancieren. Der Zeitpunkt ist günstig. Der neue Armeebericht hat nicht wenige von ihnen aufgeschreckt. Er wird in der Wintersession erstmals im Parlament behandelt werden, und die Debatte wird sich zweifelsohne ins Wahljahr 2011 hineinziehen. Mit der Unterschriftensammlung zu einer Volksinitiative könnte die Auseinandersetzung durchaus popularisiert werden.

Dass eine Volksinitiative für eine starke Armee in einer Volksabstimmung automatisch Erfolg haben würde, ist indessen nicht gesichert. Das kennt man namentlich aus der Gesundheitspolitik, wo der Konsens gering ist und Volksbegrehen von wo auch immer sie kommen, in der Regel scheitern. Mindestens zwei Faktoren beeinflussen aber den Initiativerfolg unabhängig vom Thema:

. der Initiativtext selber, der eine möglichst einfache und klare Forderung hat, ohne in der Konsequenz angreifbar zu sein; er ist noch gar nicht geboren.
. das Initiativkomitee, das in Kampagnen möglichst erfahren sein soll, ohne parteipolitisch zu polarisieren; es rekrutiert sich vorerst namentlich aus dem SVP- und Auns-Umfeld, was halb von Vor-, halb von Nachteil ist.

Beide potenzielle Angriffsflächen können dazu führen, dass die Gegnerschaft im Abstimmungskampf mit einer Problematisierung der Initiative Polarisierungen und Verunsicherungen auslösen, welche die Erfolgschancen schmälern.

Anders als bei linken Vorstössen zur Armeeabschaffung oder zu ihrer Verringerung kommt die jüngste Abbauvorlage vom Bundesrat selber; sie wird im wesentlichen von der Allianz der Mitte, als FDP, CVP und BDP getragen, die eine modernisierte, vernetzte und gleichzeitig verkleinerte Armee anstrebt. Sie nimmt mit der Verschiebung des Flugzeugkaufs und der Plafonierung der Kosten jene Forderung auf, die im ganzen bürgerlichen Lager angesichts der Anstrengungen um Haushaltskonsolidierungen und Schuldenabbau, um die Steuern tief halten oder senken zu können, breit unterstützt wird. Mit der verminderten Armeebestand wird zudem eine Hauptforderung der linken ArmeekritikerInnen berücksichtigt, während die Reduktion der WKs angesichts beruflicher Belastungen und mangelnder Abkömmlichkeit gerade bei jüngere Menschen auf Zustimmung stossen dürfte.

Selbstredend ist die jüngste Armeereform im nationalkonservativen Wählerspektrum eine Provokation. Sie verstösst vor allem gegen das gepflegte Selbstbild der unabhängigen und wehrhaften Schweiz, die sich im Notfall selber zu verteidigen weiss. Dieses BürgerInnen dürften für eine Armee-Initiative mobilisierbar sein, umso mehr als sie in den letzten Wochen Stück für Stück erleben mussten, dass “ihr” Verteidigungsminister Ueli Maurer mit seinen Botschaften zum Nachholbedarf bei den Armeeinvestitionen nicht durchdrang und neuerdings sogar zum Befehlsempfänger der Bundesratsmehrheit degradiert wurde. Unterstützung werden sich auch unter den Traditionalisten unter den Armeexperten und hohen Offizieren finden, welche die Armeereformen der letzten 15 Jahre nicht oder nur widerwillig mitgetragen haben, um zum Kampf gerüstet sind. Schlimmstenfalls, um die beste Armee der Welt im Taschenformat wenigstens nach eigenen Vorstellungen realisieren zu können.

Claude Longchamp

Le rideau de rösti vs. Röschtigraben

René Knüsel, Politologe an der Universität Lausanne, interpretiert im heutigen “Le Temps” den gestrigen Röschtigraben in der Volksabstimmung über die 4. AVIG-Revision. Er ortet drei themenspezifische Gründe und eine allgemeine Ursache.

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Selbst auf Gemeindeebene zeichnen sich (mit Ausnahme des Kantons Wallis) die unterschiedlichen Mehrheiten zur AVIG-Revision weitgehend entlang der Sprachgrenze ab.

René Knüsel nennt als Erstes die soziale Realität. Diese sei in den verschiedenen Sprachregionen anders, zumal bei der Arbeitslosigkeit. In zahlreichen Gegenden der französischen- wie der italienischsprachige Schweiz kenne man das Phänomen besser, habe sich mehr damit beschäfitgt und wisse um die Folgen. Entsprechend sei die Reaktion auf die Revision heftiger auf Widerstand gestossen. Sie habe auch mehr mobilisiert. Das alles sei an vielen Orten der deutschsprachigen Schweiz anders, weshalb der Einsatz für Arbeitslose weniger zum Politikum werde, das Problem gelegentlich auf tabuisiert werde.

Damit einher geht nach Knüsel ein differentes Staatsverständnis. In der deutschsprachige Schweiz reagiere man sensibel auf Staatsaktivitäten, gerade wenn sie als Eingriffe in die Privatsphäre gesehen werden können. Das gelte nicht nur bei der Arbeitslosigkeit, es findet sich auch bei der Fürsorge, Vorschriften für die Kindererziehung oder bei der Verhinderung innerehelicher Gewalt. Zementiert werde das durch andere Strukturen, denn gerade in der Romandie ist es der Kanton, der sich um soziale Fragen kümmere, während das auf der deutschsprachige Seite öfters die Gemeinden seien. Das erschwere es, politisch koordinierten Druck auszuüben.

Den dritten Grund ortet der Politologe in den Wahrnehmungen der Wirtschaftsentwicklung. Die deutschsprachige Schweiz verstehe ich trotz Finanz- und Wirtschaftskrise als ökonomische Kraft. Deshalb traue man sich die Ueberwindung der Probleme viel eher zu. Die Romandie habe zwar eine diversifizierte Wirtschaftsstruktur, doch hängt deren Entwicklungen stärker vom Ausland oder von der deutschsprachigen Schweiz ab. Das lasse weniger Zuversicht in die wirtschaftliche Zukunft aufkommen.

Schliesslich erwähnt der Lausanner auch das, was mit den Proportionen der Sprachgruppen zu tun hat. Die Romand(e)s sind eine Minderheit – und Minderheiten fühlten sich von der Mehrheit schnell mal ausgeschlossen. Das selber nähre das Gefühl, übergangen zu werden. “C’est une relation qui rest extrémement délicate.”

Deshalb füge ich bei, meinte man mit dem Röschtigraben oft nur die Minderheit, auf die man gebührend Rücksicht nehmen müsse. Demgegenüber meint der rideau de rösti meint, dass man schon gar nicht verstehe, was hinter dem Vorhang geschehe und deshalb ausgeschlossen sei.

Claude Longchamp

Hochrechnung zur eidg. Volksabstimmung über die Revision der Arbeitslosenversicherung

Heute stimmt die Schweiz über die 4. AVIG-Revision ab. Regierung und Parlament befürworten sie, die Gewerkschaften haben jedoch das Referendum ergriffen, sodass es zur Volksentscheidung kommt. Die bürgerlichen Parteien und die Wirtschaftsverbände befürworten die Revision, die rotgrünen Parteien und die Arbeitnehmerorganisationen hingegen lehnen sie ab. Eine Erstanalyse der Volksentscheidung mit 54,3 Prozent Zustimmung auf der Basis von Kantonresultaten.

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Ergebnis der Volksabstimmung über die 4. AVIG-Revision nach Kantonen
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Die Umfragen der SRG hielten eine unterdurchschnittliche Mobilisierungsabsicht fest. Es gab mehr Ja- als Nein-Stimmabsichten, doch hatte keine Seite eine Mehrheit auf sicher; zudem holten die Gegner während des Abstimmungskampfes auf. Deshalb blieb der Ausgang auch 2 Wochen vor der Volksentscheidung offen, wenn auch ein Ja wahrscheinlicher erschien als ein Nein. Erwartbar ist, dass es zu einer grösseren Differenz zwischen den Sprachregionen mit der deutsch- und der französischsprachigen Schweiz an den Polen kommt.

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Der Trend ist gesetzt. Es liegen interne Informationen aus 19 Kantonen vor, 16 mehr als bei den ersten Endergebnissen. Sie legen drei Aussagen zum Abstimmungsausgang nahe:
. Es gibt ein Ja,
. es gibt einen rideau de rösti, und
. es gibt eine unterdurchschnittliche Stimmbeteiligung.

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Die erste Hochrechnung liegt vor. Sie legt einen Ja-Anteil von rund 55 Prozent nahe; die Fehlerquote beträgt noch maximal +/-3 Prozent fest. Das Ja ist sicher.
Von den Trendkantonen, die schon fertig gezählt haben, zeigt Schaffhausen genau das Gleiche. Denn er nimmt die Vorlage mit 54,8 Prozent an.

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Die zweite Hochrechnung ergibt erneut 55 Prozent Zustimmung zur 4. AVIG-Revision. Die Sprachregionen geben die beste Erklärung für kantonalen Unterschiede. Die Differenz zwischen der deutschsprachigen Schweiz einerseits, der französisch- und italienischsprachigen anderseits beträgt rund 18 Prozentpunkte. Die Extremwert sind bei den Kantonen Appenzell-Innerrhoden oder Obwalden mit einer hochrechneten Zustimmung von rund 70 Prozent resp. im Kanton Jura zu finden, wo das Endergebnis vorliegt und ein Nein mit 76 Prozent dokumentiert.

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Die dritte Hochrechnung ergibt 54 Prozent Zustimmung. Die Veränderung gegenüber der zweiten markiert keinen Trend; sie entsteht aufgrund einer verbesserten Datenlage. Es liegen alle Gemeinden für die Hochrechnung vor; und die real eingetroffenen Kantonsresultate sind verarbeitet.

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Höhe der kantonalen Arbeitslosigkeit zur Erklärung des Abstimmungsergebnisses nach Kantonen.

Der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit im Kanton und Abstimmungsergebnis ist hart, und zwar in beiden Sprachregionen. Es gilt: Je höher die aktuelle Arbeitslosenquote in einem Kanton ist, desto stärker fällt der Widerspruch zur Revision aus.
Im Einzelfall gibt es Verstärkereffekte. So ist das Nein im Kanton Jura noch deutlicher als aufgrund der Arbeitslosenquote erwartbar. Im Wallis, in Fribourg und Neuenburg entspricht sie genau dem Erwartungswert. Sie ist dafür in der Waadt und in Genf etwas geringer. In der deutschsprachigen Schweiz sind die Ausreisserkantone etwas weniger zahlreich. Uri, sowie beide Basel haben etwas weniger Ja als erwartbar gewesen wäre, Zug und Thurgau etwas mehr Ja.

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Der Vergleich mit früheren Volksabstimmungen in ähnlichen Fragen zeigt, dass die Zustimmung heute etwas tiefer sein wird als vor 8 Jahren. Gewachsen ist die Polarisierung zwischen den Sprachregionen, und zwar von 9 auf 18 Prozent im Mittel der deutsch- und französischsprachigen Schweiz.

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Zustimmung zur AVIG-Revision 2002 als Vergleich zur Zustimmung bei der aktuellen Abstimmung nach Kantonen.

In Innerschweizer Kantonen wie Obwalden und Zug steigt beispielsweise die Bejahung, während sie in Kantonen wie Neuenburg und Jura klar heute tiefer ist. Auch der Kanton Tessin kennt eine deutlich verstärkte Ablehnung. Schliesslich sei auch auf die Entwicklung im Kanton Waadt verwiesen, wo innert 8 Jahren aus einer knappen Zustimmungsmehrheit eine klare Verwerfung wurde.

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Die Stimmbeteiligung betrug an diesem Wochenende gesamtschweizerisch hochgerechnete 35 Prozent. Das ist ein unterdurchschnittlicher Wert. Krass ist der Wert für die Teilnahme im Kanton Glarus. Mit knapp 22 Prozent mobilisierte das Thema in diesem Kanton gerade mal halb so viel wie sonst bei eidgenössischen Volksabstimmungen.

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Zustimmung zur Vorlag und Minderbeteiligung in den Kantonen: In deutschsprachigen Schweiz bei hohem Ja, in der Romandie bei starkem Nein eine verringerte Beteiligung gegenüber sonst.

Gewisse Zusammenhänge zwischen der Beteiligungsveränderung gegenüber anderen eidgenössischen Abstimmungen gibt es. Doch sind sie nicht einheitlich; selbst da zeigen sich sprachregionale Einflüsse. In der deutschsprachigen Schweiz ist bei starker Minderbeteiligung die Zustimmung zur Revision besonders hoch. In der Romandie ist es genau umgekehrt. Hier gilt, dass die Minderteilnahme die Ablehnung beförderte. Mit anderen Worten: In beiden Sprachregionen spürte man, wo die Mehrheiten sein würden. Wer nicht zu dieser gehörte, beteilgte sich auch weniger. Das waren jenseits der Saane die Befürworter der Revision, diesseits ihre Gegner.

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Die Endergebnisse der eidgenössischen Volksabstimmung vom 26. September 2010 liegen vor. Bei einer Stimmbeteiligung von 35,7 Prozent wurde die 4. AVIG-Revision mit 53,4 Prozent der Stimmen angenommen.

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Zustimmung zum Argument “Revision ist gerecht” in den Vorbefragungen zur Erklärung des Abstimmungsergebnisses nach Kantonen.

Die Gegner haben versucht, den Zorn gegenüber des Sozialabbau mit der Abzockerdebatte zu verbinden. Das ist ihnen teilweise gelungen. Ein durchschlagener Effekt lässt sich nicht nachweisen. Angekommen ist das vor allem dort, wo es auch viel Misstrauen in der Behördenpolitik gibt. Wo diese jedoch als ausgewogen angesehen worden, je als gerechte Revision angesehen wurde, versagte die Skandalisierung. Die Stossrichtung der Vorlage mobilisierte zwar über das linke Potenzial hinaus GegnerInnen, doch nicht genug, um daraus in der ganzen Schweiz eine Mehrheit werden zu lassen.

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Bilanz: Die 4. AVIG-Revision ist angenommen worden. Die Zustimmung betrug 53,6 Prozent. Die Beteiligung lag bei 35,7 Prozent. Zentrales Merkmal in den Abstimmungsergebnissen ist die erhebliche sprachregionale Differenzierung. Die deutschsprachige Schweiz stimmte zu, die französisch- und italienischsprachige Schweiz war mehrheitlich dagegen. Die Polarisierung zwischen den Sprachregionen war stärker als 8 Jahre zuvor, bei der letzten vergleichbaren Abstimmung. Die Erstanalyse zeigt, dass es einen direkten Zusammenhang mit der regionalen Arbeitslosenquote gibt, die Solidarität mit ihnen von der politischen Position abhängt. Diese war in der Romandie stärkern, in der deutschsprachigen Schweiz gewichtete man die Eigenverantwortung grösser.

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Die Kurzanalyse der Meinungsbildung im Trend zeigt, dass die Angaben in den Vorumfragen eine insgesamt richtige Einschätzung erlaubten. Der Ja-Anteil war stärker als der Nein-Prozentsatz. Die Gegner holten in der Kampagne aber auf, ihnen gelang es, Unschlüssige am Ende besser anzusprechen. Das legt auch nahe, dass die Gegner unter den Unschlüssigen mehr Stimmen machten als die Befürworter. Einen Meinungsumschwung gab es in der deutschsprachigen Schweiz nicht, in der Romandie zeichnete er sich schon früh im Abstimmungskampf ab, während dies in der italienischsprachigen Schweiz erst gegen den Schluss erfolgte.

Claude Longchamp

Hochrechnung vom Abstimmungssonntag

Am Abstimmungssonntag findet, wie gewohnt, eine Hochrechnung von gfs.bern zur eidgenössischen Abstimmung statt. Sie bezieht sich auf den einzigen Gegenstand der Volksentscheidung, auf die 4. AVIG-Revision. Publiziert wird sie in allen SRG-Medien.

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Abstimmungsplakat zur Volksabstimmung über die Arbeitslosenversicherungsrevision im Berner Hauptbahnhof

Am Sonntag um 12 Uhr schliessen die Abstimmungslokale. Eine Stunde später liegt eine erste nationale Hochrechung mit einer Genauigkeit von +/- 3 Prozentpunkten vor. Bis 14 Uhr steht das hochgerechnete Abstimmungsergebnis verbindlich auf nationaler und kantonaler Ebene fest, bis 15 Uhr gilt das auch die Stimmbeteiligung.

Damit wird die Hochrechnung zum Analyseinstrument. Geprüft werden erste Zusammenhänge zwischen dem Kontext und Abstimmungsentscheidungen, wie etwa der Auswirkung der kantonalen Arbeitslosenquote auf die Volksentscheidung.

Am Ende des Abstimmungssonntags folgt ein Bilanz zum Abstimmungstag mit Rück- und Ausblick.

Nachstehend die wichtigsten Sendetermine:

SF1 1230 / DRS1 1240
Trendmeldungen

SF1 1300 / DRS1 1315
Hochrechnung Abstimmungsergebnis gesamtschweizerisch und nach Sprachregionen

SF1 1400 / DRS1 1345
Hochrechnung Abstimmungsergebnis, Vergleich mit ähnlichen Volksabstimmungen 1997 und 2002

SF1 1500
Hochrechnung Stimmbeteiligung, Sockel- und Zusatzmobilisierung, Rückblick Abstimmungskampf

SF1 1600
Erstanalyse 1: kantonale Arbeitslosigkeit und Abstimmungsergebnisse

SF1 1700
Erstanalyse 2: kantonale Parteistärken und Abstimmungsergebnisse

SF1 1830
Würdigung: Rück- und Ausblick auf Volksabstimmungen am Beispiel der AVIG-Revision

Ueber den Verlauf von Trend-, Hochrechnungen und Erstanalysen informiert sie auch die neue Website von gfs.bern. Mit fünf Minuten Verzögerung finden sich da auch alle Informationen.