Archive for the 'Politikwissenschaft' Category

Dank Lernprozessen lebensfähig bleiben.

Die Kritik an und in der Schweiz ist betr√§chtlich. Die Steuerpolitik ist umstritten, Institutionen wie Miliz- und Konkordanzsystem zeigen Erosionserscheinungen. Da weckte Wolf Linders Abschiedsvorlesung an der Uni Bern hohe Erwartungen. Denn sie war dem “Zustand der Republik” gewidmet. Und hielt nur streckenweise, was sie versprach.

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Dank soliden Institutionen blieb die Schweiz bis heute lebenfähig. Fraglich ist aber, ob sie auch in Zukunft eigene Wege gehen kann. (Bildquelle)

Seinen letzten Auftritt als Politologie-Professor in Bern begann Wolf Linder vor einer vollen Aula der Berner Alma mater mit einer Kritik am Zeitgeist-Surfen. Dieses √ľberzeichne in der Regel, sei es wegen der Staatsgl√§ubigkeit der Linken, die jeden Interventionismus gut finde, oder wegen der Staatsdistanz der Rechten, welche jede Privatisierung bef√ľrworte. Lange habe ersters √ľberwogen, jetzt dominiere zweiteres.

Gesicherte Befunde!
Die politologische Analyse kommt nach Linder zu deutlich weniger aufgeregten, daf√ľr gesicherten Befunden. Mit sch√∂ner Regelm√§ssigkeit hat der Professor f√ľr Schweizer Politik diese auch in die Oeffentlichkeit getragen.

Die zentralen Institutionen der schweizerischen Innenpolitik sind nach Linder in der Bevölkerung unverändert gut verankert. Zu direkter Demokratie, Föderalismus, Milizssystem und Konkordanz zeichne sich in der Schweiz keine Alternative ab. Unterschätzt werde aber das Mass an politischer Institutionalisierung der Schweiz, welche im letzten Vierteljahrhundert stattgefunden habe. Das internationale Recht wachse schneller als das Binnenrecht, was einen Anpassungsdruck erzeuge, der Exekutivstaat nehme rasant zu und lasse die politische Entfremdung anwachsen.

Nutzniesser sei ausgerechnet die SVP, welche die Prozesse am wenigsten kontruktiv mitentwickle. Denn sie gewinne mit Abschottungsparolen Wahlen. Doch k√∂nnen sie diese politische Macht nicht umsetzen. In Parlament und Regierung w√ľrde unver√§ndert die Kooperationen der Mitte den Ausschlag geben. FDP und CVP setzten mehrheitlich ihre Politik durch, erg√§nzt durch Mitte/Rechts und Mitte/Links-Allianzen.

Den Wechsel der Mehrheiten h√§lt Politologe Wolf Linder f√ľr einen Segen in der Konkordanz. Denn fixe Mehrheitsbildungen, wie sie bis in die 80er Jahre durch die b√ľrgerlichen Parteien gebildet worden seien, schr√§nkten die Lernf√§higkeit des politischen Systems ein. Doch gerade diese sei entscheidend, weil kontinuierliche personelle und materielle Erneuerungen der Politik zwingend seien, wenn man nicht auf Machtwechsel setze.

Gesicherte Folgerungen?

So treffend sachlich Linders Beobachtungen zum Zustand der Republik waren, seine Folgerungen f√ľr ihre Zukunft blieben vage. Denn die reichhaltige Empirie, die in den zwei Jahrzehnten, w√§hrend denen Linder die Professur f√ľr Schweizer Politik inne hatte, entstand, fand in dieser Zeit keine Kr√∂nung in einer erhellenden Theorie der Konkordanz, die politikwissenschaftlich anerkannt Interessierten M√∂glichkeiten und Grenzen des Staatshandelns √† la suisse aufzeigen w√ľrde.

So bleibt das Credo Linders, die Schweiz √ľberlebe, wenn sie lernf√§hig bleibe, letztlich ohne tiefere Gewissheit die Folgerung aus seinem Wirken.

Claude Longchamp

Wo sich Qualifizierung in Politikwissenschaft lohnt.

Die Universit√§ten von Uppsala, Helsinki und Aarhus schneiden im neueste Excellence Ranking des Centrums f√ľr Hochschulentwicklung bez√ľglich f√ľr vertiefende Studien in Politikwissenschaft am besten ab. Bern, Lausanne und Z√ľrich rangieren gemeinsam auf dem 20. Rang.

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Universität Uppsala, beherbergt das besten Angebote, um sich in Politikwissenschaft qualifizieren zu können.

Erstmals ver√∂ffentlicht wurde das Universit√§tsranking f√ľr qualifizierende Lehrg√§nge 2007. Damals beschr√§nkte es sich auf die naturwissenschaftlichen F√§cher. Mit der eben publizierten Ausgabe 2009 sind auch die sozialwissenschaftlichen Disziplinen intergriert worden. Vergeben wurden Sterne f√ľr relevante Buchpublikationen, Zitierungen von Artikeln aus Forschungsprojekten, Mobilit√§t von Studierenden resp. Dozierenden, die Vernetzung in den Erasmus-Programmen und zitierte Fachb√ľcher.

Politikwissenschaftliche Exzellenz in Europa

Die schwedische Universit√§t Uppsala erhielt f√ľnf der sechs Empfehlungen im Fach Politikwissenschaft. Auf vier Sterne bringen es die Hochschulen von Helskini in Finnland und Aarhus in D√§nemark. Damit sind alle drei Top-Universit√§ten f√ľr Qualifizierungslehrg√§nge in Politikwissenschaften im hohen Norden.

16 weitere Lehrgänge in Politikwissenschaft rangieren gemeinsam auf dem 4. Platz. 7 davon sind in Grossbritannien (LSE, Cardiff, Mnachester, Strathclyde, Warwick, York, Belfast), 3 in Deutschland (FU Berlin, Jena, Potsdam), 2 in Belgien (Louvain, Loewen), je ein Lehrgang befindet sich in Italien (EUI in Florenz), Polen (Warschau), Norwegen (Oslo) und Tschechien (Prag).

Drei schweizerische Universitäten empfohlen
Aus europ√§ischer Sicht werden von den schweizerischen Studieng√§ngen f√ľr einen politikwissenschaftlichen Master oder Doktor diejenigen in Bern, Lausanne und Z√ľrich empfohlen. Sie alle befinden sich auf Platz 20 von 51 aufgenommenen Kursen. Aus schweizerischer Sicht √ľberraschend ist Genf nicht dabei.

Das Profil der Ausgezeichneten ist √§hnlich: Positiv beurteilt werden jeweils die Zitierungsh√§ufigkeit von Artikeln aus Forschungsprojekte und die Mobilit√§t der Studierenden in Bern und Z√ľrich resp. der Dozierenden in Lausanne. Keine Punkte sammeln die Politikwissenschaften in der Schweiz bei der Vernetzung mit Erasmus-Studieng√§ngen und bei Buchpublikationen aus der Lehre, die andernorts zitiert werden oder Verwendung finden.

Fazit
Insgesamt liegt die Schweiz in Europa an 8. Stelle, wenn es um qualifizierende universitäre Lehrgänge geht. Beschränkt man sich auf die Politikwissenschaft, schneidet die Schweiz noch etwas besser an. Sie rangiert hinter Grossbritannien, Deutschland und Schweden auf dem guten vierten Platz.

Die hiesige politikwissenschaftliche Forschung kann sich demnach europ√§isch durchaus sehen lassen. Bei der Mobilit√§t ist der Anschluss parziell geschafft, bei der Vernetzung mit Erasmus-Projekten indessen nicht. Schwachpunkt sind politkwissenschaftliche B√ľcher, die in der Schweiz geschrieben werden. Sie br√§uchten klar mehr Support, um auf europ√§ischem Top-Niveau mithalten zu k√∂nnen.

Claude Longchamp

US-Political Science: Bald ohne öffentliche Forschungsgelder?

Tom Coburn, republikanischer Senator aus Oklahoma, sorgt f√ľr Aufregung unter amerikanischen Politikwissenschafternen. Denn er will insk√ľnftig s√§mtliche “√∂ffentlichen Mittel f√ľr politologische Forschungsprojekte an wirkliche Wissenschaften umverteilen”.

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Thomas B. Coburn, Arzt, Prediger und Politiker, verlangt, die √∂ffentlichen Forschungsbeitr√§ge f√ľr Politikwissenschaften g√§nzlich zu streichen.

Noch vor Kurzem war die Welt der US-PolitologInnen in bester Ordnung, hatte doch mit Elinor Ostrom eine der ihren den Nobelpreis f√ľr Wirtschaftswissenschaften gewonnen. Doch nun m√ľssen die Gr√∂ssen des Fachs amerikanischen Zeitungen Fragen beantworten, wof√ľr ihr Fach gut sei.

Denn Senator Coburn hat m√§chtig provoziert, als er naturwissenschaftlichen F√§cher wie Biologie, Chemie, Geologie und Physik mit der Begr√ľndung, als f√∂rderungsw√ľrdig empfahl, die Politikwissenschaft aber ausschloss. Denn sie sei schlicht nicht wissenschaftlich, nicht umsetzbar und nicht innovativ.

Speziell angegriffen wurde das gr√∂sste politikwissenschaftliche Projekt, das seit drei Jahrzehnten √∂ffentlichen Mittel erh√§lt. Ueber die bekannten “American National Election Studies” meinte er lakonisch: “The University of Michigan may have some interesting theories about recent elections, but Americans who have an interest in electoral politics can turn to CNN, FOX News, MSNBC, the print media.”

Arthur Lupia, Hauptgesuchsteller f√ľr die amerikanische Wahlforschung, widerspricht der Provokation frontal. Die Politikwissenschaft biete Methoden an, mit denen man die Wirkungen staatlicher Institutionen bestimmen k√∂nne. 700 Wissenschafter und Tausende von Forschern w√ľrde mit den Daten der National Election Studies arbeiten, um zu erfahren, wie Demokratie heute funktioniere. Nicht zuletzt beim Aufbau neuer Demokratien nach dem Fall des Kommunismus sei das ein entscheidender Beitrag gewesen.

Selbstkritischer geben sich prominente Politikwissenschafter wie Joseph Nye. Nach ihm bestehe die Gefahr, “that political science is moving in the direction of saying more and more about less and less.‚ÄĚ Kritisch beurteilt er, dass sich die Forschung zu stark von den M√∂glichkeiten statistischer Techniken leiten lasse. “The motivation to be precise, has overtaken the impulse to be relevant.”

Im Hintergrund schwingt mit, dass seit dem Jahre 2000 in der amerikanischen Politikwissenschaft eine Debatte immer wieder aufflackert. Lanciert wurde sie von einem Kollegen, der anonym bleiben wollte und sich Mr. Perestroika nannte. Anhand angenommener und abgelehnter Beiträge im Flagschiff der Forschung, dem American Political Science Review, wies er nach, dass die Mathematisierung die Entwicklung der Forschung beeinflusse, nicht die Suche nach Antworten auf grosse Probleme.

Seither gibt es Spannungen unter den Politikwissenschaftern selber. Es stehen sich Anh√§nger harter und weicher Methoden, quantitativer und qualitativer Forschung gegen√ľber, und es herrscht Uneinigkeit, ob man nah oder fern der Politik Politikwissenschaft betreiben solle, – und erleichtern Angreifern wie Coburn ihr Spielchen.

Claude Longchamp

Politikwissenschafterin gewinnt Wirtschaftsnobelpreis

Mit Elinor Ostrom gewinnt nicht nur erstmals eine Frau den Nobelpreis f√ľr Wirtschaftswissenschaften. Es erh√§lt ihn, was selten genug ist, eine Vertreterin der Politikwissenschaft – und eine Forscherin, die sich f√ľr die nachhaltige Nutzung der Umwelt interessiert.

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Elinor Ostrom, Professorin f√ľr Politikwissenschaft und Tr√§gerin des Nobelpreises f√ľr Wirtschaftswissenschaften 2009

Elinor Ostrom habe die √ľbliche Auffassung ver√§ndert, wonach Allgemeing√ľter schlecht verwaltet w√ľrden und deshalb entweder durch den Staat verwaltet oder privatisiert werden m√ľssten, schreibt die Akademie der Schwedischen Wissenschaften in ihrer Mitteilung zur Preisverleihung. Gest√ľtzt auf zahlreiche Studien zu Alpweiden, W√§ldern, Seen und Quellen sei sie zum √ľberzeugenden Schluss gekommen, dass die Leistungen von Korporationen besser seien, als es in den g√§ngigen Theorien vorhergesagt werde, weil sie entwickelte Mechanismen f√ľr Entscheidfindungen entwickeln w√ľrden, um Interessenkonflikte unter Wahrung der Ressourcen zu regeln. Zu den Beispielen, die Ostrom zur Untermauerung ihrer Theorie beizog, geh√∂rt auch die Walliser Gemeinde T√∂rbel (bei Visp).

Die Geehrte ist 76j√§hrig. Ihr Studium der Politikwissenschaft schloss sie 1954 ab; 11 Jahre sp√§ter doktorierte sie. Seither wirkt sie als Professorin f√ľr Politikwissenschaft an der Indiana University in Bloomington. 1973 begr√ľndet Elinor Ostrom gemeinsam mit ihrem Mann Vincent Ostrom einen eigenen Workshop f√ľr Politische Theorie und Politikanalyse, der sich zum globalen Netzwerk f√ľr Studien zur Nutzung von Allgemeing√ľtern entwickelte. Nach 1980 war sie die erste Frau, die in den USA einem Department f√ľr Politikwissenschaft vorstand. 1996/7 pr√§sidierte sie auch die weltweit f√ľhrende Fachvereinigung, die American Political Science Association.

Vielleicht ist es zeittypisch, dass 2009 nicht nur eine Frau den Nobelpreis gewinnt, sondern auch eine Politikwissenschafterin, welche die nachhaltige Nutzung der Oekologie mehr interessierte als die Möglichkeit des Staates oder des Marktes. Das ist mit Sicherheit sinnvoll!

Claude Longchamp

Ausgewählte Schriften:
Ostrom, Elinor (1990). Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action. New York: Cambridge University Press.
Ostrom, Elinor (1992). Crafting Institutions for Self-Governing Irrigation Systems. San Francisco: Institute for Contemporary Studies.
Ostrom, E., Schroeder, L. & Wynne, S. (1993). Institutional Incentives and Sustainable Development: Infrastructure Policies in Perspective.
Boulder, CO: Westview Press.
Ostrom, E., Walker, J. & Gardner, R. (1994). Rules, Games, and Common-Pool Resources. Ann Arbor: University of Michigan Press.

Angebliche Studentin schreibt Seminararbeit, horcht aber politische Gegner aus: Was tun?

Es ist eine unappetitliche Geschichte, welche die aktuelle Wochenzeitung unter dem Titel “Studentin in fremden Diensten” pr√§sentiert. Den Universit√§ten kann es nicht egal sein, wenn studentischen Qualifikationsarbeiten f√ľr andere als vorgesehene Zwecke missbraucht werden.

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Laut WOZ hat eine Freelancerin der Z√ľrcher PR-Firma Farner AG, seit Jahren gegen armeekritische Volksinitiativen aktiv, an einem Strategieseminar der pazifistischen “Gruppe f√ľr eine Schweiz ohne Armee” teilgenommen, bei dem es um die Kampagnenplanung zur anstehenden Volksabstimmung √ľber die Kriegsaterialausfuhr ging.

Seitens der PR-Firma beteuert man, mit der privaten Aktion nichts zu tun zu haben. Die Agentur werte nur aus, was allgemein greifbar ist. Das Initiativkomitee seinerseits wehrt sich gegen den Vorwurf, mit der Ausschreibung der Veranstaltung auf Internet zur Bespitzelung geradezu eingeladen zu haben; Es sei auf die Mitarbeit von vielen Gleichgesinnten angewiesen.

Aus Sicht der Politikwissenschaft als Fach darf die Diskussion nicht dabei stehen bleiben. Vielmehr muss interessieren, dass das un√ľbliche Vorgehen seitens der Freelancerin mit der tatsachenwidrigen Aussage begr√ľndet wurde, sie studiere in Bern Politologie und bereite eine Seminararbeit √ľber Abstimmungsk√§mpfe vor.

Es ist fast schon symptomatisch, wie wissenschaftliche Ausbildungsvorschriften zu politischen Zwecken missbraucht werden k√∂nnen. Denn universit√§ren Qualifikationsarbeiten geht der Ruf voraus, ohne Hintergedanken gemacht zu werden. Das verschafft notwendige Freir√§ume, die es auch f√ľr die Zukunft zu sch√ľtzen gilt.

Angesichts der Vielzahl Seminar- und √§hnlicher Arbeiten, die in den Sozialwissenschaften auch zu aktualit√§tsbezogenen Fragen verfasst werden m√ľssen, entsteht ein kollektives Forschungssystem, das individuell leicht missbraucht werden kann. Letztlich k√∂nnen sich wissenschaftliche Institute nur so sch√ľtzen, indem sie als Institutionen die bewilligten Arbeiten und deren VerfasserInnen auf Internet publizieren. Damit kann jeder und jede, der oder die Verdacht sch√∂pft, einen einfachen Kontrollckeck machen. Und die Tarnung der Politik als Wissenschaft entf√§llt.

Claude Longchamp

Berner Lehrstuhl f√ľr Schweizer Politik: von Wolf Linder zu Adrian Vatter

So viele PolitologInnen sieht man in Bern nicht immer vereint. Denn alles was in Lehre, Forschung und Praxis des Faches in der Hauptstadt und einiges dar√ľber hinaus Rang und Namen hat, versammelte sich, um Wolf Linder zum 65. Geburtstag zu gratulieren und ihn als Professor zu verabschieden.

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Generationenwechseln auf dem Lehrstuhl f√ľr Schweizer Politik: Adrian Vatter, neue Professor in Bern, √ľbergibt Wolf Linder die Festschrift f√ľr dessen 65. Geburtstag

“Demokratie als Leidenschaft” heisst die 500seitige Festschrift, die heute Linder zu Ehren pr√§sentiert wurde. Co-Herausgeber Adrian Vatter w√ľrdigte seine akadmischen Lehrer mit der Metapher von Nobert Elias, der das Handeln von SozialwissenschafterInnen zwischen Engagement f√ľr und Distanz zum Gegenstand beschrieb. Auf Wolf Linder angewandt bedeutet dies, dass der fr√ľhere Kantons- und Bankrat aus dem Thurgau der praktischen Politik als Professor immer mehr aus dem Weg ging, auch wenn er sich als Zeitgenosse nicht scheute, mit bemerkenswerten Zeitungsinterviews ins aktuelle Geschehen einzugreifen, wenn er es f√ľr n√∂tig hielt.

Wolf Linders Engagment f√ľr das Wachstum der Politologie in Bern blieb heute unbestritten. Aus einem einzigen, fakult√§ts√ľbergreifenden Ordinariat f√ľr Schweizer Politik bei seinem Stellenantritt am 1. August 1987 sind zwischenzeitlich drei politikwissenschaftliche Lehrst√ľhle geworden, und es sind zwei Assistenzprofessuren f√ľr die Nachwuchsf√∂rderung hinzu gekommen. Dennoch war in den Gespr√§chen wegen wiederkehrenden personellen Zwistigkeiten eine gewisse Distanz nicht zu √ľberh√∂ren.

In der Festschrift spekuliert Dieter Freiburghaus, dass diese Widerspr√ľchlichkeit schon im Namen des Jubilars angelegt sein k√∂nnte. Denn der Wolf ist der Harte, der unerbitterlich zubeissen kann, selbst wenn lind sanft heisst und linder eigentlich die Steigerungsform ist. Adrian Vatter, der dies in seiner gefitzten Laudatio f√ľr den Geehrten zitierte, ernete an dieser Stelle viel Lachen.

Der 1. August 2009 bietet so auch Gelegenheit f√ľr einen Neuanfang. Denn an diesem Tag √ľbernimmt Adrian Vatter nach Professuren in Konstanz und Z√ľrich als Berufener den Berner Lehrstuhl f√ľr Schweizer Politik, womit sich der Politikwissenschaft in der Schweizer Hauptstadt erneut eine grosse Chance er√∂ffnet!

Claude Longchamp

FreundIn des Zentrums f√ľr Demokratie in Aarau werden

Am Samstag ist es soweit: Das neue Zentrum f√ľr Demokratie in Aarau, kurz ZDA, wird offiziell er√∂ffnet. Heute war schon mal die Gr√ľndungsversammlung der FreundInnen des ZDA. Ein Kurzbericht aus der neuesten Innovation in der Schweizer Forschungslandschaft.

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Impression von der Gr√ľndungsfeier “Freunde des ZDA”, in der Mitte die beiden Initianten im Aarauer Einwohnerrat Stephan M√ľller, links, Mark Eberhart, rechts.

Die Stadt Aarau, der Kanton Aargau, die Fachhochschule Nordwestschweiz und die Universit√§t Z√ľrich tragen das ZDA gemeinsam, das rechtswissenschaftliche, politikwissenschaftliche und p√§dagogische Kompetenzen zur Erforschung von Demokratie vereinigt. Andreas Auer, Staatsrechtsprofessor an der Universit√§t Z√ľrich und erster Direktor in Aarau, umriss in einer brilliant vorgetragenen Rede die Absichten, die mit dem ZDA verbunden sind:

Zentrum stehe f√ľr Forschungszentrum. Man sei der Wissenschaft verpflichtet. Geleistet werde Grundlagenforschung, die in Politik und Gesellschaft transferiert werden solle. Man f√ľhle sich nicht verpflichtet, missionarisch f√ľr Demokratie zu werben, ajedoch ihre Funktionsweise zu analysieren und an ihrer Verbesserung zu arbeiten.

Demokratie, sagte der Jurist, sei zun√§chst eine Staats- und Regierungsweise, die auf Wahlen, je nachdem auch auf Abstimmungen basiere. Diese wiederum brauchten Institutionen, die verfassungsm√§ssig garantiert sein m√ľssten. Funktionieren ka√∂nne das Ganze nur in einer lebendigen Zivilgesellschaft, die sich aufgrund ihres kulturellen Selbstverst√§ndnisses ihrer M√∂glichkeiten und Grenzen bewusst sei.

Das Alles f√ľhrte Andreas Auer im Aargauer Grossratsgeb√§ude aus. Und das war symbolisch gemeint, ist doch der klassizistische Bau aus dem Jahre 1823 das erster Parlamentsgeb√§ude in der Schweiz, das nach dem Vorbild der Franz√∂sischen Revolution mit einem Halbrund und aufsteigenden Sitzreihen angelegt worden war. Besetzt war es heute jedoch nicht durch Revolution√§re, sondern durch 120 Menschen mit verschiedensten Hintergr√ľnden, aus denen mit dem Gr√ľndungsakt FreundInnen des ZDA wurden.

Die FreundInnen wollen sich f√ľr das Gelingen der neugegr√ľndeten Demokratiezelle einsetzen, und sie sind √ľberzeugt: Es k√∂nnen auch noch mehr Mitglieder sein, die dem Projekt zum Durchbruch verhelfen wollen.

Unter den Gr√ľndungsmitgliedern waren schon auch die beiden Aarauer Einwohnerr√§te Stephan M√ľller und Mark Eberhart, welche die Idee im Aarauer Stadtparlament lanciert hatten. Politisch links resp. rechts stehend, stimmen sie in Sachfragen selten √ľberein; wenn es indessen um die F√∂rderung von Demorkatie geht, ziehen beide am gleichen Strick. Ihre politische Seilschaft konnten sie inr Folge durch den Aarauer Stadtrat, insbesondere den Aarauer Stadtammann Marcel Guignard, und den Aargauer Regierungsrat erweitern, sodass man heute in der Kantonshauptstadt √ľber ein respektables Uni-Institut verf√ľgt, dessen Finanzierung f√ľr 10 Jahre gesichert ist.

Gearbeitet wird √ľbrigens in der Villa Blumenstein am Rande der Stadt, wo einst Johnann Heinrich Zschokke, der Einwanderer aus Deutschland und Begr√ľnder des liberalen Aargaus, wohnte. 38 ForscherInnen und Angestellte des ZDA werden uns aus diesen Geb√§ulichkeiten heraus hoffentlich schon bald mit neuen, interessanten und verwendbaren Erkenntnissen zur besten aller schlechten Staatsformen √ľberraschen.

Claude Longchamp

Anonyme Beamte, Journalisten und Politologen proben den Regierungssturz

Man kennt sie, die anonymen AlkoholikerInnen. Sie schliessen sich zusammen, um ihre Lebenskrise gemeinsam zu bewältigen. Nun scheinen sie unliebsame Verstärkung zu bekommen: durch anonyme BeamtInnen, JournalistInnen und PolitologInnen, die sich zusammenzuschliessen, um die Regierungskrise weiter anzuheizen.

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Der umgekehrten Reihe nach: In der heutigen BernerZeitung lese ich, “anonyme Politologen” seien “ansatzweise” der Meinung, Bundesr√§tin Calmy-Rey habe Verrat begangen. Das weiss die BZ jedoch nur, weil sie dem “Blick” abschreibt, der zwei Politexperten befragte hatte. Der eine gab Gas, der andere trat auf die Bremse. Journalistisch gefiel vor allem der Beschleuniger, denn er wurde f√ľhrte den anonymen Journalisten in der “Blick”-Redaktion, von Landesverrat zu sprechen und die Frage nach dem R√ľcktritt der Aussenministerin aufzuwerfen.

Doch der war gar nicht der Urheber der Geschichte. Er schrieb n√§mlich auch dem Kollegen vom Sonntagsblick ab, der am Wochenende aus einem Brief des EDA an die OECD zitierte, der von Aussenminiisterin Calmy-Rey unterschrieben, aber nie abgeschickt worden war. Das reichlich zusammengeschusterte Corpus deliciti darin: “¬ęDie OECD ‚Ķ liefert den Experten der Regierungen ‚Ķ Dialog und ‚ĶErfahrungsaustausch ‚Ķ zu sehr spezifischen Bereichen. Der konkrete Beitrag der OECD zuhanden der G-20 ist das beste Beispiel daf√ľr.¬Ľ

Und die Moral von der Geschichte? – Ohne anonyme Beamte, die den nicht abgeschickten Brief auf der Schublade holten, ohne anonyme JournmalistInnen, die daraus Landsverrat und R√ľcktrittsgr√ľnde schusterten, und ohne anonyme PolitologInnen, die das Ganze zu rechtfertigen halfen, g√§be es die neuste Kampagne aus dem Hause Ringier und ihren Helfeshelfern nicht.

Und das wäre von Vorteil!

Denn die aktuellen Regierungskrise bedarf ihrer Bew√§ltigung. Ohne dass anonyme Selbsthilfegruppen das aktuelle Feuer gebrauchen, um ihr S√ľppchen dauf zu kochen, sprich in ihren anonymen Zirkeln schon mal den Regierungsputsch proben.

Claude Longchamp

R√ľckblick auf den Politologie-Kongress 2009

Der Kongress der Schweizer Politologie ist vorbei. Er war gut organisiert. Doch er hat keine Wellen geworfen. Und er hat mich nur ausnahmsweise inspiriet. Ein Lob auf die Ausnahme!

Das bekannte Ritual
F√ľr Daniele Caramani, dem Gastgeber in St. Gallen, war es wichtig, dass der Kongress gut durchgef√ľhrt wurde. Das war er auch. F√ľr das, was bei den Sessions herauskomme, k√∂nne er keine Garantie geben, sagte er mir. Zu recht.

Denn eigentliche Durchbr√ľche der politikwissenschaftlichen Forschung in der Schweiz konnten kaum registriert werden. Das Medienecho war denn auch entsprechend. Vielleicht wurden auch nicht relevante Bem√ľhungen hierzu pr√§sentiert. Denn Kongresse sind auch Rituale. Und je ambitionierter Beitragende sind, eine neue Stelle an einer Uni zu erhalten, um so ritueller verhalten sie sich in der Regel. Das kennt man.


Aussichten aus St. Gallen, wo der Jahreskongress der Schweizer PolitologInnen stattfand.

Die unbek√ľmmerte Ausnahme
Die grosse Ausnahme davon war Deniz Danaci. Der junge Politikwissenschafter aus Z√ľrich hielt in seiner ganzen Unbek√ľmmertheit das f√ľr mich anregendste Referat der Tagung. Der Mitarbeiter am IPW der Uni Z√ľrich st√ľtzte sich auf seine Recherche f√ľr den NF, die den Titel trug: “Der Islam in der Schweiz. Eine empirische Analyse kantonaler Volksabstimmung √ľber die Rechte religi√∂ser Minderheiten”.

Hilfreich erscheinen mir die nachstehenden Thesen, die mir, auch ohne Tabellen zu studieren und Zusammenfassungen zu lesen, aus dem Vortrag geblieben sind:

. Erstens, Grundrechtskataloge in Verfassungen sind dazu da, Gleichheit unter den Menschen zu garantieren. Direkte Demokratie ist dagegen ein Verfahren f√ľr politische Entscheidungen, das unter Stimmberechtigten Mehrheiten beschafft, was zu Problemen mit dem Gleichheitsgedanken f√ľhren kann.

. Zweitens, Entscheidungen zu Rechten religiöser Minderheiten fallen nicht aufgrund juristisch-sachlicher Ueberlegungen, sondern aufgrund kulturell bestimmter In- und Outgroups in Eliten und Bevölkerung.

. Drittens, Elitekonflikte ist ein nötiger, aber nicht hinreichender Indikator, um den Ausgangs entsprechender Volksabstimmungen voraussagen zu können. Der Elite-Konflikt reflektiert sich in der Regel in den Zustimmungsraten; doch können sie auch ohne grössere Konflikte tief sein, wenn es sich um Outgroups handelt.

. Viertens, in den 15 kantonalen Volksabstimmungen zu den Rechten religi√∂ser Minderheiten der letzten 50 Jahre gingen die Entscheidungen zu j√ľdischen Minderheiten in der Regel positiv aus. Kritischer waren sie gegen√ľber gegen√ľber neue Rechten von Freikirchen, und nicht selten resultierten negative Mehrheiten gegen√ľber Rechten isalmischer Minderheiten.

Die praktische Relevanz der Ausf√ľhrungen von Danaci ergab sich f√ľr mich aus der anstehenden Volksabstimmung √ľber die Minarett-Initiative. Die Forschungsl√ľcken dazu stehen im umgekehrt proportionalen Verh√§ltnis zur politischen Bedeutung der Entscheidung.

Meine Bilanz
Das Referat von Danaci, so unvollendet seine Analyse aus der Diplomarbeit auch ist, hat mich aber wie kein anderes angeregt, auf einer geläuterten Basis selber als Forscher aktiv zu werden. Mehr kann man von einem Kongress nicht erwarten!

Danke, Deniz, und danke der Vereinigung, einem Newcomer der Politikwissenschaft in der Schweiz eine Plattform geboten zu haben!

Claude Longchamp

Samuel Huntington, Autor von “Kampf der Kulturen”, verstorben

Symbolischer h√§tte der Tod von Samuel Huntingtion nicht sein k√∂nnen. Denn der Vordenker des weltlichen Weltherrschaft verstarb am Weihnachtsabend. Dem letzten notabene unter der Bush-Administration, die mit dem Irak-Krieg den empirischen Beleg f√ľr den von Huntington prognostizierten “Kampf der Kulturen” gebracht zu haben schien.

Nach 1993 wurde Samuel Huntington zu einem der umstrittensten Politikwissenschafter der Gegenwart, ver√∂ffentlichte er doch in “Foreign Affairs” einen Artikel zum “Kampf der Kulturen” – noch mit Fragezeichen versehen -, der die amerikanischen AkademikerInnen provozierte und, 1996 zum Buch ausgearbeitet – und nun ohne Fragezeichen publiziert -, die politische Oeffentlichkeit der USA stark beeinflusste.

Die generelle These Huntingtons postulierte das Ueberdauern der ideologischen Kontroversen aus dem Kalten Krieg in Form eines Kulturkonfliktes. Die zentrale Konfliktlinie sei zwar nicht mehr zwischen Westen und Osten, aber zwischen den 8 Weltkulturen (westliche, lateinamikanische, islamische, chinesische, hinduistische, orthodoxe, japanische und afrikanische).

Relativiert wurde damit die Bedeutung des Nationalstaates in der global ausgerichteten Welt, nicht aber seine Bedeutung als Garant kulturell-religiöser Differenzierung. Huntington warnte, der christlich geprägte, angelsächsische Westen werde seine Vorherrschaft verlieren, wenn er die zentrale Konfliktverlagerung nicht produktiv verarbeite.

Die Vorhersage neuartiger Konflikte schien sich am 11. September 2001 zu bewahrheiten, als die USA von Osama Bin Ladens Terroristen angegriffen wurde. Die Administration von Georges W. Bush nahm dies 2003 zum Anlass, Irak unter Saddam Hussein den Krieg zu erkl√§ren. Zwischenzeitlich ist Hussein gest√ľrzt und das amerikanisch-britisch-australische Engagement im Irak neigt sich dem Ende zu. Man weiss heute auch, dass der Irak unter Vorspiegelung falscher Tatsachen er√∂ffnet wurde, dass er √ľber die Folterpraxis der USA die amerikanische Weltherrschaft diskreditiert hat und dass der Skandal den Ausgang der j√ľngsten Wahlen in den USA mitbeeinflusst hat.

Die Kritik an Huntingtons These in der akademischen wie auch publizistischen Oeffentlichkeit hatte schon fr√ľh eingesetzt. Vorgeworfen wurde Huntington, eine Rechtfertigungsstrategie f√ľr die aggressive Interessendurchsetzung der USA gegen√ľber der islamischen wie auch der chinesischen Welt verfasst zu haben. Zu den ber√ľhmtesten Kritikern Huntingtons z√§hlt insbesondere der Nobelpreistr√§ger Amartyra Sen, der die Reduktion von Weltpolitik auf religi√∂s definierte Kulturen als vereinseitigende Identit√§tsfalle zur√ľckwies.

Samuel Huntington, w√§hrend seiner mehr als 50 Jahre dauernden akademischen Karriere fast ausschliesslich an der Harvard University t√§tig, hatte viele politische und publizistische Aemter inne und war mehrfach Regierungsberater. 2007 zog er sich 80j√§hrig ganz aus dem √∂ffentlichen Leben zur√ľck. Die reale Krise der Globalisierung und den Niedergang der amerikanischen Wirtschaft unter der Bush-Administration verfolgte er nur noch als Privatmann. Als solcher verstarb er an Weihnachten 2008 bisher fast unbemerkt.

Claude Longchamp

Nachruf der Harvard University
Nachruf des Economist