Archive for the 'Politikwissenschaft' Category

Volles Haus, voller Erfolg

Gestern staunte ich nicht schlecht, als ich als Referent an dere SeniorenuniversitĂ€t Schaffhausen (SUS) in der Vortragssaal trat. Gestuhlt war fĂŒr 250 Personen, und bis eine Handvoll PlĂ€tze in der hintersten Reihe waren bei Veranstaltungsbeginn alle besetzt.

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Foto: Monique Menk

Gerechnet habe ich mit 30, vielleicht 50 Interessierten. Gekommen sind dann fast 250, und dies trotz 15 CHF Einzeleintritt und Alterslimite von 60+. Ich begriff schnell, von einer Veranstaltung mit direktem Sichtkontakt zu allen musste ich zum Referat vom Rednerpult aus umstellen. Die Thesen behielt ich bei, die Form Ànderte ich spontan.

In den 45 Minuten zum Thema “Aus dem Alltag eines Politikwissenschafters in der Praxis” ging es mir um Beispiele aus meiner TĂ€tigkeit, die das Spektrum aufzeigen sollten. Vor allem sollten sie sich nicht bloss auf Abstimmungen beziehen, denn unserer Institut leistet in de Gebieten Politik und Kommunikation Einiges mehr. Und so ging es darum, Politikwissenschaft in der Praxis verstĂ€ndlich zu machen:

… als Disziplin, die sich mit politischen Entscheidungen, ihren Formen, Ursachen und Folgen beschĂ€ftigt.
… als Theorien zu Entscheidungen, wie sie in der Wahlforschung am entwickeltsten sind,
… als Empirie von Entscheidungen, wie sie in der Umfrageforschung ermittelt wird,
… als Umfeldanalyse von Entscheidungen, die mit Monitoring-Projekten geleistet werden,
… als Teil der political science, wie sie sich im Gefolge der amerikanischen Politikwissenschaft seit den 70er Jahren auch in der Schweiz ausbreitete und
… als Teil der praxisorientierten Sozial-, Politik- und Kommunikationsforschung, wie sie am gfs.bern betrieben wird.

Das Interesse war gross. An der anschliessenden Diskussion beteiligten sich gegen 100 Personen, die dann spezifischen Fragen stellten, beispielsweise wie eine Hochrechnung funktioniert, was der Stand der Dinge bei den SRG-Umfragen ist, wie ich den gegenwĂ€rtigen Bundesrat beurteile, und welches meine Prognosen fĂŒr die Abstimmungen vom 7. MĂ€rz 2010 seien. Auf alles gab ich bereitwillig Auskunft, – bis auf Letzteres. Da resultiert ein kurzes: “No comment!”

Trotzdem war man sich beim Veranstalter und Medienberichterstatter rasch einig: Volles Haus und ein voller Erfolg fĂŒr die SUS!

PS: Das Referat selber wird am Donnerstag aufgeschaltet werden. Hier ist er.

Luzerner PolitikwissenschafterInnen: yes, you can!

Die Politikwissenschaft in Luzern geht publizistisch in die Offensive. Mit guten GrĂŒnden.

“Das im Jahr 2006 eingerichtete Seminar fĂŒr Politikwissenschaft an der UniversitĂ€t Luzern befindet sich unter den besten politikwissenschaftlichen Instituten der Schweiz, wenn es um die wissenschaftliche ProduktivitĂ€t und die internationale Sichtbarkeit geht”, konnte man gestern in der “Luzerner Zeitung” lesen.

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In der Tat figuriert das junge Seminar an der jungen UniverstitĂ€t mit Publikationen, die von der Fachwelt auch zitiert werden, weit vorne, wie die Bibliometriestudie der Schweizerischen Vereinigung fĂŒr Politische Wissenschaft, die vor einem Monat prĂ€sentiert wurde, zeigt.

Das hat verschiedene GrĂŒnde: zunĂ€chst die beiden initiativen ProfessorInnen Sandra Lavenex und Joachim Blatter, die sich wissenschaftlich in Fragen der Internationalen Beziehungen und der Politischen Theorie gut platziert haben; dann die NeugrĂŒndung der UniversitĂ€t, die verĂ€nderte Rahmenbedingungen fĂŒr die Lehre von Beginn weg erlaubt haben. Und schliesslich, das Lernklima, das in Luzern ausgesprochen kooperativ ist.

Das sieht man auch daran, dass just im Moment der Medienmitteilung der Institutsleitung die Studierenden einen Falzprosepkt herausbringen, der seinerseits zur Imagebildung beitrĂ€gt: “Yes, you can”, ist das Motto, das sie von Barack Obama, Politologe und Jurist, ĂŒbernommen haben. Darin gibt es keinen Protest gegen Bologna-Reformen, sondern Optimismus, was man in der grossen und kleinen Welt als PolitikwissenschafterIn alles werden kann: Aussenministerin, NationalratsprĂ€sidentin oder Leiter eines Forschungsinstituts …

Polikwissenschaftliche Institute in der Schweiz im Publikationsvergleich

Erstmals wurde eine Studie ĂŒber die publizistische ProduktivitĂ€t der 52 politikwissenschaftlichen ProfessorInnen in der Schweiz erstellt. Sie macht KarriereverlĂ€ufe anhand von transparenter und lĂ€sst Profile der Institute erkennen, in denen sie heute arbeiten.

Thomas Bernauer, einer der beiden Studienleiter, verschwieg die Ursache der Studie nicht: Immer hĂ€ufiger werde bei der Vergabe finanzieller Mittel an Personen und Institute auf Instrumente wie Publikationen in Journals oder auf dem Web abgestellt. Um eine solche Bewertung von aussen zu vermeiden, habe sich die Schweizerische Vereinigung fĂŒr Politische Wissenschaften entschieden, selber eine Bibliometrie der Schweizer Politikwissenschaft zu erstellen.

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“Institutsvergleiche” in der Schweizer Politikwissenschaft hinsichtlich Publikationen und Zitierungen in Fachzeitschriften, Boxplot, sortiert nach Medianwerten. Ein(e) ProfessorIn in der Schweiz hat demnach im Schnitt 6 international registrierte Publikationen und 55 Zitierungen auf Google Scholar.

Wissenschaftlich gesehen interessierte die Frage, wann ein Professor oder eine Professorin hinsichtlich Publikationen den Karrierehöhepunkt erreicht. “15 bis 20 Jahre nach der Doktorarbeit” lautet die Antwort. Wer es innert 5 bis 10 Jahre zu einer Professur bringe, brauche noch eine Etablierungsphase, um mittels Veröffentlichungen in Journals und mit BĂŒchern selber breit genug prĂ€sent zu sein und von KollegInnen hinreichend verwendet und empfohlen zu werden. InternetprĂ€senz ist neuerdings davon nicht unabhĂ€ngig, entwickelt sich vielmehr parallel dazu.

Bei der PrĂ€sentation im Rahmen des Jahreskongresses interessierte vor allem der Vergleich der Institute untereinander. FĂŒhrend sind (in alphabethischer Reiehenfolge) die Institute der UniversitĂ€ten Bern, Luzern und ZĂŒrich gemeinsam mit der ETH in ZĂŒrich. Es folgen Genf (Uni und IHEID) und St. Gallen, wĂ€hrend die Politikwissenschaft in Lausanne (Uni und IDHEAP) am wenigsten prĂ€sent ist. Zum Teil lĂ€sst sich das mit einer stĂ€rkeren Ausrichtung auf Lehre und angewandte Forschung begrĂŒnden.

Die Diskussion der neuartigen Studie am Jahreskongress der PolitologInnen-Vereinigung konzentrierte sich zuerst auf methodische Eigenheiten. BemĂ€ngelt wurde, dass Selbstzitierungen und Co-Autorenschaften gleich wie Fremdzitierungen von EinzelbeitrĂ€ge gezĂ€hlt wurden; eine anerkannte Lösungen des Problems zeichnete sich nach Fabrizio Gilardi, dem zweiten Autor, nicht ab. Eine PrĂ€zisierung war hart: Da die Publikationsbiografien von Individuen untersucht wurden, sind die Vergleiche keine Aussage ĂŒber den Output politikwissenschaftlicher Institutionen, sondern der in ihnen tĂ€tigen WissenschafterInnen, – egal, wann sie ihren Publikationspeak hatten.

Sichtbar werden dank der Studie Unterschiede in der Nachwuchsförderung: Die HĂ€lfte der 28 qualifizierten, universitĂ€ren ForscherInnen ohne Professur sind in ZĂŒrich an der Uni oder an der ETH tĂ€tig. Die Konzentration wirkt sich offensichtlich auf die ProduktivitĂ€t aus, denn diese ist auf dem Platz ZĂŒrich doppelt so hoch wie in der ĂŒbrigen Schweiz.

Da bibliometrische Platzierungen in den kommenden Generationen ĂŒblicher sein werden, ist damit zu rechnen, dass die kommenden Professoren schwergewichtig aus ZĂŒrich kommen werden, und sich die Scheu, verglichen zu werden, damit auch abnehmen wird.

Quelle: Th. Bernauer, F. Gilardi: Publication Output of Swiss Political Science Departments, SVPW (noch unveröffentlicht)

40 Jahre Politikwissenschaft an der UniversitÀt Genf

40 Jahre alt wurde dieser Tate das DĂ©partement de science politique der UniversitĂ€t Genf. Die Feier hierzu fand am Donnerstag im Rahmen des Jahreskongresses fĂŒr Politikwissenschaft, in der Calvin-Stadt abgehalten, statt.

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Pascal Sciarini, Direktor des Départements de science politique in Genf, bei der PrÀsentation des ersten Mitarbeiterteams 1969/70(foto: cal)

Stefano Bartolini, Leiter des Robert Schuman Instituts an der UniversitĂ€t Florenz, rĂŒttelte die gelehrte Gesellschaft gleich zu Beginn auf: Die Frage, was Politik sei, werde gar nicht mehr gestellt, klagte er. Selber nĂ€hert er sich einer Lösung auf zwei Arten an: Das Feld der Regierungpolitik sei das, von dem man sich nicht entfernen können und in dem gemeinsame Regeln gelten wĂŒrden. Das sei nicht das der Anarchie, das der AutoritĂ€t und das der Natur. Aber eben das der Politik, und damit mĂŒsse sich das Fach beschĂ€ftigen, sagte der vormalige Professor in Genf.

Dusan Sidjanski, der erste Direktor des Departements zeichnete die AnfĂ€nge der universitĂ€ren Politikwissenschaft in Genf nach. Man sei unter dem Vorbild, aber auch der Vorherrschaft von Geschichte und Recht gestanden. 1968 sei ein Ruck durch die Uni gegangen, aus dem das Kernteam des spĂ€teren DĂ©partements entstanden sei. Begonnen habe man in Genf mit lokalen, dann mit nationalen Themen. Erst mit der Zeit sei die europĂ€ische Dimension hinzu gekommen. Heute sei sie aber entscheidend. Besonders gefreut hat Sidjanski deshalb, dass ihm sein fĂŒherer Assistent, JosĂ© Emanuel Barroso, heute PrĂ€sident der EU-Kommission, zur Imstitutsgeburtstag gratuliert und ihn zum Berater erhoben habe.

Pascal Sciarini, der jetzige Direktor, kĂŒndigte eine Umbenennung des Departementes an. Bald schon werde es “DĂ©partement de science politique et de rĂ©lations intĂ©rnationales” heissen. In der nachtrĂ€glichen Diskussion wurde sogar darauf verwiesen, es könnte ein eigene FakultĂ€t “RĂ©lation intĂ©rnationales” entstehen, mit science politique im Zentrum. Grund sei der Erfolg des 2005 lancierten Lehrgangs, einem eigentlichen Renner an der UniversitĂ€t.

Dennoch ergaben sich an dieser Veranstaltungen Fragezeichen zur Perspektive des Fachs. Auf der einen Seite wurde darauf verwiesen, die Professonalisierung sei vor allem mit Spezialisierung erreicht worden. Auf der anderen Seite sei nicht zu ĂŒbersehen, dass die Akademisierung schneller vorangeschritten ist, als die BewĂ€hrung der Politikwissenschaft in der Praxis. Das ist sicher richtig; die Spezialisierung hat die Einsichten nĂ€her zu konkreten Problemen gebracht. Vielleicht könnte man sagen, konzentriert man sich heute aber zu sehr um technisch-methodische Fragen, als um das, was die Politik unverĂ€ndert spannend macht.

Zur Zukunft des Regierungssystems der Schweiz.

Der Aargauische Jugendparlament, Juvenat genannt, lud mich ein, eine Auslegeordnung ĂŒber die Zukunft des Regierungssystems der Schweiz zu machen.

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Das Referat hatte drei Teile: Eine Herleitung der Konstanten im Regierungssystem der Schweiz, ein summarischer Ueberblick ĂŒber die aktuelle Kritik, und eine Auslegordnung von ReformvorschlĂ€gen fĂŒr den Bundesrat.

Bei den Vorbereitungen hierzu wurde mir wieder einmal klar, wie deutlich die Schweiz den Weg einer bĂŒrgerlichen geprĂ€gten Republik gegangen ist, dass diese frĂŒh und weitergehend als andere demokratisiert worden ist und dass das in hohem Masse zum heutigen Konkordanzsystem gefĂŒhrt hat.

Von Konsensdemokratie mag ich nicht mehr sprechen. Denn die Polarisierung der Schweizer Politik, namentlich unter dem Eindruck der europa- und aussenpolitischen Oeffnung vertrĂ€gt sich nicht mehr mit dieser Kennzeichnung. Dennoch sprechen die plurikulturelle Zusammensetzung des Landes und der Referendumsdruck unverĂ€ndert dafĂŒr, das Regierungssystem auch inskĂŒnftig nach den Spielregeln der Konkordanz auszugestalten.

Das sehe ich allerdings nur als Àusseren Rahmen. Der innere Rahmen sollte durch die aktuellen Herausforderungen bestimmt sein. Und diese leitenden sich aus dem Handlungsbedarf der dauerhaften Interessenvertretung in einer interdependenten Welt ab.

Die aktuellen ReformvorschlÀge habe ich neutral vorgestellt, sie aber in diese Rahmungen gestellt; konkret habe ich behandelt:

. VerĂ€nderungen in der FĂŒhrung des Bundesrates (gestĂ€rktes PrĂ€sidium, EinfĂŒhrung einer zweiten Ministerebene fĂŒr SachgeschĂ€fte, Erhöhung des Zahl des Bundesrates)
. VerÀnderungen in der Wahl des Bundesrates (Listenwahl, Volkswahl)
. VerÀnderungen in der parteipolitischen Zusammensetzung des Bundesrates (Proportionalisierung, kleine Konkordanz).

Klar wurde mir dabei, dass die Focussierung der ReformvorschlĂ€ge auf arithemtische Konkordanzregeln nicht genĂŒgen. Es braucht eine umfassendere Betrachtungsweise und den Einbezug von inhaltlichen Ueberlegungen, wie der Bundesrat strukturiert, konstituiert und bestĂŒckt wird.

Die Diskussion mit den VertreterInnen des Jugendrates war ganz anregend. Sie zeigte mit, dass die öffentliche Diskussion gerade bei den Interessierten der kommenden Generationen den Eindruck geweckt hat, dass etwas gehen muss. Bis eine konsolidierte Stossrichtung vorliegt, braucht es aber auch in diesem Bevölkerungsteil noch viele Diskussionen.

Claude Longchamp

Churchill wollte die Schweiz bombardieren lassen.

Winston Churchill und die Schweiz: Das ist in unserer Erinnerung die berĂŒhmte Rede in der Aula der ZĂŒrcher UniversitĂ€t, wo er der britische Premier den Europa-Gedanken erstmals öffentlich propagierte. Doch das ist auch ein Plan, die Alpen zu bombardieren, um den Kohletransport zwischen Deutschland und Italien zu stoppen, wie wir seit heute wissen.

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Der Auftrag

Michael Bloch, Doktorand der Internationalen Beziehungen an der Uni Genf, berichtet in der heutigen NZZ am Sonntag ĂŒber Erstaunliches: Demnach hat der britische Prmier am 27. Januar 1941 dem Luftfahrtministerium eine Anweisung geschickt, einen Bericht zu erstellen, wie die Kohlelieferungen Deutschland an Italien – immerhin 200 000 Tonnen wöchentlich – gestoppt werden könnten.

Die PlÀne
Das angefragte Luftfahrtministerium sah drei Möglichkeiten: Unterbunden werden könnten die Transporte aus der Luft, indem man

. die Rangierbahnhöfe oder elektrischen Kraftwerke in Norditalien angreift,
. die Eisenbahnlinie in den Alpen bombardiert, oder
. die Rangierbahnhöfe der Ruhr und der Schweizer Grenze unterbindet.

Bomben ĂŒber den Alpen abzuwerfen, wurde ausdrĂŒcklich begrĂŒsst, aber auch problematisiert. Denn man mĂŒsse BergstĂŒrze auslösen, welche die Tunnels verschĂŒtteten. Das setze PrĂ€zisionarbeit voraus, die nachts nicht möglich sei. Deshalb empfahl das Ministerium, die zentralen Eisenbahnknoten Köln, Duisburg und Mannheim regelmĂ€ssig anzugreifen.

Hugh Dalton, der Minister fĂŒr wirtschaftliche KriegsfĂŒhrung, hatte bereits 1940 vorgeschlagen, bei der Entsendung des neuen Ersten SekretĂ€rs der britischen Botschaft einen Geheimdiestagenten mitfliegen zu lassen, der Sprengstoff schmuggeln solle. Diesen solle man sozialdemokratisch gesinnten Arbeitern der Schweizer Eisenbahnen ĂŒbergeben, um die Geleise zu sprengen und so UnfĂ€lle auszulösen.

Die verbindliche Antwort an den Permier verfasst Oxford-Professor Frederick A. Lindemann zwei Wochen nach der Anfrage: Er verstehe die EinwÀnde des Luftfahrtministeriums gegen eine Bombardierung aus der Luft, und er sehe, dass ein Sabotageplan als ebenso schwierig erachtet werde.

Nur drei Tage spĂ€ter visierte Churchill dieses Dokument. “Von da an sollten die Bombardierung oder die Sabotierung des Alpentransits durch die Schweiz auf unbestimmte Zeit vertagt bleiben”, hĂ€lt Michael Bloch fest.

Der Kommentar
Von AngrifftsplĂ€nen Hitlers auf die Schweiz weiss man heute genĂŒgend, solche aus Churchills Hauptquartier haben aber Neuigkeitswert. Jedenfalls haben sich die Historiker mit der geschilderten Episode anfangs 1941 bisher nicht befasst.

Der junge Politologe kommentiert sie wie folgt: Die Zerstörung der schweizerischen Eisenbahnlinie durch die Alpen wÀre eine Verletzung der Schweizer NeutralitÀt gewesen; die denkbare Reaktion Deutschlands wÀre wohl gewesen, die schweizerischen Bahnlinien unter die eigene Kontrolle der Achse zu bringen.

Und: Er legt Wert darauf, dass die schweizerische NeutralitĂ€t in diesen Dokumenten aus dem Jahre 1941 mit keinem Wort erwĂ€hnt werde. Den Ausschlag hĂ€tten realpolitische Überlegungen gegeben.

Claude Longchamp

Dank Lernprozessen lebensfÀhig bleiben.

Die Kritik an und in der Schweiz ist betrĂ€chtlich. Die Steuerpolitik ist umstritten, Institutionen wie Miliz- und Konkordanzsystem zeigen Erosionserscheinungen. Da weckte Wolf Linders Abschiedsvorlesung an der Uni Bern hohe Erwartungen. Denn sie war dem “Zustand der Republik” gewidmet. Und hielt nur streckenweise, was sie versprach.

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Dank soliden Institutionen blieb die Schweiz bis heute lebenfÀhig. Fraglich ist aber, ob sie auch in Zukunft eigene Wege gehen kann. (Bildquelle)

Seinen letzten Auftritt als Politologie-Professor in Bern begann Wolf Linder vor einer vollen Aula der Berner Alma mater mit einer Kritik am Zeitgeist-Surfen. Dieses ĂŒberzeichne in der Regel, sei es wegen der StaatsglĂ€ubigkeit der Linken, die jeden Interventionismus gut finde, oder wegen der Staatsdistanz der Rechten, welche jede Privatisierung befĂŒrworte. Lange habe ersters ĂŒberwogen, jetzt dominiere zweiteres.

Gesicherte Befunde!
Die politologische Analyse kommt nach Linder zu deutlich weniger aufgeregten, dafĂŒr gesicherten Befunden. Mit schöner RegelmĂ€ssigkeit hat der Professor fĂŒr Schweizer Politik diese auch in die Oeffentlichkeit getragen.

Die zentralen Institutionen der schweizerischen Innenpolitik sind nach Linder in der Bevölkerung unverÀndert gut verankert. Zu direkter Demokratie, Föderalismus, Milizssystem und Konkordanz zeichne sich in der Schweiz keine Alternative ab. UnterschÀtzt werde aber das Mass an politischer Institutionalisierung der Schweiz, welche im letzten Vierteljahrhundert stattgefunden habe. Das internationale Recht wachse schneller als das Binnenrecht, was einen Anpassungsdruck erzeuge, der Exekutivstaat nehme rasant zu und lasse die politische Entfremdung anwachsen.

Nutzniesser sei ausgerechnet die SVP, welche die Prozesse am wenigsten kontruktiv mitentwickle. Denn sie gewinne mit Abschottungsparolen Wahlen. Doch können sie diese politische Macht nicht umsetzen. In Parlament und Regierung wĂŒrde unverĂ€ndert die Kooperationen der Mitte den Ausschlag geben. FDP und CVP setzten mehrheitlich ihre Politik durch, ergĂ€nzt durch Mitte/Rechts und Mitte/Links-Allianzen.

Den Wechsel der Mehrheiten hĂ€lt Politologe Wolf Linder fĂŒr einen Segen in der Konkordanz. Denn fixe Mehrheitsbildungen, wie sie bis in die 80er Jahre durch die bĂŒrgerlichen Parteien gebildet worden seien, schrĂ€nkten die LernfĂ€higkeit des politischen Systems ein. Doch gerade diese sei entscheidend, weil kontinuierliche personelle und materielle Erneuerungen der Politik zwingend seien, wenn man nicht auf Machtwechsel setze.

Gesicherte Folgerungen?

So treffend sachlich Linders Beobachtungen zum Zustand der Republik waren, seine Folgerungen fĂŒr ihre Zukunft blieben vage. Denn die reichhaltige Empirie, die in den zwei Jahrzehnten, wĂ€hrend denen Linder die Professur fĂŒr Schweizer Politik inne hatte, entstand, fand in dieser Zeit keine Krönung in einer erhellenden Theorie der Konkordanz, die politikwissenschaftlich anerkannt Interessierten Möglichkeiten und Grenzen des Staatshandelns Ă  la suisse aufzeigen wĂŒrde.

So bleibt das Credo Linders, die Schweiz ĂŒberlebe, wenn sie lernfĂ€hig bleibe, letztlich ohne tiefere Gewissheit die Folgerung aus seinem Wirken.

Claude Longchamp

Wo sich Qualifizierung in Politikwissenschaft lohnt.

Die UniversitĂ€ten von Uppsala, Helsinki und Aarhus schneiden im neueste Excellence Ranking des Centrums fĂŒr Hochschulentwicklung bezĂŒglich fĂŒr vertiefende Studien in Politikwissenschaft am besten ab. Bern, Lausanne und ZĂŒrich rangieren gemeinsam auf dem 20. Rang.

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UniversitÀt Uppsala, beherbergt das besten Angebote, um sich in Politikwissenschaft qualifizieren zu können.

Erstmals veröffentlicht wurde das UniversitĂ€tsranking fĂŒr qualifizierende LehrgĂ€nge 2007. Damals beschrĂ€nkte es sich auf die naturwissenschaftlichen FĂ€cher. Mit der eben publizierten Ausgabe 2009 sind auch die sozialwissenschaftlichen Disziplinen intergriert worden. Vergeben wurden Sterne fĂŒr relevante Buchpublikationen, Zitierungen von Artikeln aus Forschungsprojekten, MobilitĂ€t von Studierenden resp. Dozierenden, die Vernetzung in den Erasmus-Programmen und zitierte FachbĂŒcher.

Politikwissenschaftliche Exzellenz in Europa

Die schwedische UniversitĂ€t Uppsala erhielt fĂŒnf der sechs Empfehlungen im Fach Politikwissenschaft. Auf vier Sterne bringen es die Hochschulen von Helskini in Finnland und Aarhus in DĂ€nemark. Damit sind alle drei Top-UniversitĂ€ten fĂŒr QualifizierungslehrgĂ€nge in Politikwissenschaften im hohen Norden.

16 weitere LehrgÀnge in Politikwissenschaft rangieren gemeinsam auf dem 4. Platz. 7 davon sind in Grossbritannien (LSE, Cardiff, Mnachester, Strathclyde, Warwick, York, Belfast), 3 in Deutschland (FU Berlin, Jena, Potsdam), 2 in Belgien (Louvain, Loewen), je ein Lehrgang befindet sich in Italien (EUI in Florenz), Polen (Warschau), Norwegen (Oslo) und Tschechien (Prag).

Drei schweizerische UniversitÀten empfohlen
Aus europĂ€ischer Sicht werden von den schweizerischen StudiengĂ€ngen fĂŒr einen politikwissenschaftlichen Master oder Doktor diejenigen in Bern, Lausanne und ZĂŒrich empfohlen. Sie alle befinden sich auf Platz 20 von 51 aufgenommenen Kursen. Aus schweizerischer Sicht ĂŒberraschend ist Genf nicht dabei.

Das Profil der Ausgezeichneten ist Ă€hnlich: Positiv beurteilt werden jeweils die ZitierungshĂ€ufigkeit von Artikeln aus Forschungsprojekte und die MobilitĂ€t der Studierenden in Bern und ZĂŒrich resp. der Dozierenden in Lausanne. Keine Punkte sammeln die Politikwissenschaften in der Schweiz bei der Vernetzung mit Erasmus-StudiengĂ€ngen und bei Buchpublikationen aus der Lehre, die andernorts zitiert werden oder Verwendung finden.

Fazit
Insgesamt liegt die Schweiz in Europa an 8. Stelle, wenn es um qualifizierende universitÀre LehrgÀnge geht. BeschrÀnkt man sich auf die Politikwissenschaft, schneidet die Schweiz noch etwas besser an. Sie rangiert hinter Grossbritannien, Deutschland und Schweden auf dem guten vierten Platz.

Die hiesige politikwissenschaftliche Forschung kann sich demnach europĂ€isch durchaus sehen lassen. Bei der MobilitĂ€t ist der Anschluss parziell geschafft, bei der Vernetzung mit Erasmus-Projekten indessen nicht. Schwachpunkt sind politkwissenschaftliche BĂŒcher, die in der Schweiz geschrieben werden. Sie brĂ€uchten klar mehr Support, um auf europĂ€ischem Top-Niveau mithalten zu können.

Claude Longchamp

US-Political Science: Bald ohne öffentliche Forschungsgelder?

Tom Coburn, republikanischer Senator aus Oklahoma, sorgt fĂŒr Aufregung unter amerikanischen Politikwissenschafternen. Denn er will inskĂŒnftig sĂ€mtliche “öffentlichen Mittel fĂŒr politologische Forschungsprojekte an wirkliche Wissenschaften umverteilen”.

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Thomas B. Coburn, Arzt, Prediger und Politiker, verlangt, die öffentlichen ForschungsbeitrĂ€ge fĂŒr Politikwissenschaften gĂ€nzlich zu streichen.

Noch vor Kurzem war die Welt der US-PolitologInnen in bester Ordnung, hatte doch mit Elinor Ostrom eine der ihren den Nobelpreis fĂŒr Wirtschaftswissenschaften gewonnen. Doch nun mĂŒssen die Grössen des Fachs amerikanischen Zeitungen Fragen beantworten, wofĂŒr ihr Fach gut sei.

Denn Senator Coburn hat mĂ€chtig provoziert, als er naturwissenschaftlichen FĂ€cher wie Biologie, Chemie, Geologie und Physik mit der BegrĂŒndung, als förderungswĂŒrdig empfahl, die Politikwissenschaft aber ausschloss. Denn sie sei schlicht nicht wissenschaftlich, nicht umsetzbar und nicht innovativ.

Speziell angegriffen wurde das grösste politikwissenschaftliche Projekt, das seit drei Jahrzehnten öffentlichen Mittel erhĂ€lt. Ueber die bekannten “American National Election Studies” meinte er lakonisch: “The University of Michigan may have some interesting theories about recent elections, but Americans who have an interest in electoral politics can turn to CNN, FOX News, MSNBC, the print media.”

Arthur Lupia, Hauptgesuchsteller fĂŒr die amerikanische Wahlforschung, widerspricht der Provokation frontal. Die Politikwissenschaft biete Methoden an, mit denen man die Wirkungen staatlicher Institutionen bestimmen könne. 700 Wissenschafter und Tausende von Forschern wĂŒrde mit den Daten der National Election Studies arbeiten, um zu erfahren, wie Demokratie heute funktioniere. Nicht zuletzt beim Aufbau neuer Demokratien nach dem Fall des Kommunismus sei das ein entscheidender Beitrag gewesen.

Selbstkritischer geben sich prominente Politikwissenschafter wie Joseph Nye. Nach ihm bestehe die Gefahr, “that political science is moving in the direction of saying more and more about less and less.” Kritisch beurteilt er, dass sich die Forschung zu stark von den Möglichkeiten statistischer Techniken leiten lasse. “The motivation to be precise, has overtaken the impulse to be relevant.”

Im Hintergrund schwingt mit, dass seit dem Jahre 2000 in der amerikanischen Politikwissenschaft eine Debatte immer wieder aufflackert. Lanciert wurde sie von einem Kollegen, der anonym bleiben wollte und sich Mr. Perestroika nannte. Anhand angenommener und abgelehnter BeitrÀge im Flagschiff der Forschung, dem American Political Science Review, wies er nach, dass die Mathematisierung die Entwicklung der Forschung beeinflusse, nicht die Suche nach Antworten auf grosse Probleme.

Seither gibt es Spannungen unter den Politikwissenschaftern selber. Es stehen sich AnhĂ€nger harter und weicher Methoden, quantitativer und qualitativer Forschung gegenĂŒber, und es herrscht Uneinigkeit, ob man nah oder fern der Politik Politikwissenschaft betreiben solle, – und erleichtern Angreifern wie Coburn ihr Spielchen.

Claude Longchamp

Politikwissenschafterin gewinnt Wirtschaftsnobelpreis

Mit Elinor Ostrom gewinnt nicht nur erstmals eine Frau den Nobelpreis fĂŒr Wirtschaftswissenschaften. Es erhĂ€lt ihn, was selten genug ist, eine Vertreterin der Politikwissenschaft – und eine Forscherin, die sich fĂŒr die nachhaltige Nutzung der Umwelt interessiert.

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Elinor Ostrom, Professorin fĂŒr Politikwissenschaft und TrĂ€gerin des Nobelpreises fĂŒr Wirtschaftswissenschaften 2009

Elinor Ostrom habe die ĂŒbliche Auffassung verĂ€ndert, wonach AllgemeingĂŒter schlecht verwaltet wĂŒrden und deshalb entweder durch den Staat verwaltet oder privatisiert werden mĂŒssten, schreibt die Akademie der Schwedischen Wissenschaften in ihrer Mitteilung zur Preisverleihung. GestĂŒtzt auf zahlreiche Studien zu Alpweiden, WĂ€ldern, Seen und Quellen sei sie zum ĂŒberzeugenden Schluss gekommen, dass die Leistungen von Korporationen besser seien, als es in den gĂ€ngigen Theorien vorhergesagt werde, weil sie entwickelte Mechanismen fĂŒr Entscheidfindungen entwickeln wĂŒrden, um Interessenkonflikte unter Wahrung der Ressourcen zu regeln. Zu den Beispielen, die Ostrom zur Untermauerung ihrer Theorie beizog, gehört auch die Walliser Gemeinde Törbel (bei Visp).

Die Geehrte ist 76jĂ€hrig. Ihr Studium der Politikwissenschaft schloss sie 1954 ab; 11 Jahre spĂ€ter doktorierte sie. Seither wirkt sie als Professorin fĂŒr Politikwissenschaft an der Indiana University in Bloomington. 1973 begrĂŒndet Elinor Ostrom gemeinsam mit ihrem Mann Vincent Ostrom einen eigenen Workshop fĂŒr Politische Theorie und Politikanalyse, der sich zum globalen Netzwerk fĂŒr Studien zur Nutzung von AllgemeingĂŒtern entwickelte. Nach 1980 war sie die erste Frau, die in den USA einem Department fĂŒr Politikwissenschaft vorstand. 1996/7 prĂ€sidierte sie auch die weltweit fĂŒhrende Fachvereinigung, die American Political Science Association.

Vielleicht ist es zeittypisch, dass 2009 nicht nur eine Frau den Nobelpreis gewinnt, sondern auch eine Politikwissenschafterin, welche die nachhaltige Nutzung der Oekologie mehr interessierte als die Möglichkeit des Staates oder des Marktes. Das ist mit Sicherheit sinnvoll!

Claude Longchamp

AusgewÀhlte Schriften:
Ostrom, Elinor (1990). Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action. New York: Cambridge University Press.
Ostrom, Elinor (1992). Crafting Institutions for Self-Governing Irrigation Systems. San Francisco: Institute for Contemporary Studies.
Ostrom, E., Schroeder, L. & Wynne, S. (1993). Institutional Incentives and Sustainable Development: Infrastructure Policies in Perspective.
Boulder, CO: Westview Press.
Ostrom, E., Walker, J. & Gardner, R. (1994). Rules, Games, and Common-Pool Resources. Ann Arbor: University of Michigan Press.